Sturm Protokollant: Wolfgang Gulis
Foto: Friedrich Fischer
Gesprächspartner: Franz Politsch, ehemaliges Vorstandsmitglied SK Sturm
Thema: UEFA CUP Match Sturm Graz – Hellas Verona
„Wasser marsch!“
2. November 1983. Das Rückspiel im UEFA-Cup gegen Hellas Verona stand am Spielplan; es war ein Mittwochabend. Sturm hat damals noch im alten Liebenauer Stadion gespielt – mit der alten Stadionuhr aus Holz, einer einzigen überdachten Sitzplatztribüne an der Längsseite und einer breiten Laufbahn rund um das Feld. 14 Tage vorher hatten wir auswärts in Verona ein sensationelles 2:2 errungen, waren sogar in Führung. Hellas hat kurz vor der Pause den Ausgleich erzielt, aber wir haben das Ergebnis gehalten.
Ich war vor dem Rückspiel schon einmal in Verona, hab mir das alles angeschaut, damit wir uns vorbereiten konnten. Da hat Verona glaub ich gegen Lazio Rom gespielt. War keine angenehme Stimmung. Wir sind durch Käfige ins Innere des Stadions, wie bei Gladiatorenspiele bin ich mir vorgekommen. Und die Fans sind da draußen aufmarschiert – wie die SA. Grauslich. Und da bin ich darauf aufmerksam geworden, dass im Verona Stadion Löschwagen herumstanden. Ich dacht´ mir, die setzen die gegen die Fans ein, falls sie aufs Spielfeld wollen. Wahrscheinlich waren sie einfach nur da, um die Feuerwerkskörper zu löschen.
Ich weiß noch, dass ich mir überlegt hab´, dass das vielleicht keine schlechte Idee fürs Rückspiel wäre, so als Vorsichtsmaßnahme. Ich hab´ ja gesehen, wie fanatisch die Fans waren. Und da ich im Vorstand von Sturm für die Veranstaltungsorganisation zuständig war, dachte ich mir, ich bring´ das auch bei den Besprechungen mit der Polizei und den Ordnern ein. Die haben das befürwortet, also hab ich die freiwillige Feuerwehr Kirchbach angesprochen, zu denen hatte ich Kontakte. Die waren sofort einverstanden. Später hat sich dann die Grazer Feuerwehr aufgeregt, dass die Kirchbacher das auf fremdem Terrain – auf Grazer Boden – eigentlich gar nicht tun hätten dürfen (lacht).
Der 2. November war trocken, der Boden war steinhart und es war kalt am Abend. Das Stadion war praktisch voll, 20.000 glaube ich, waren da, darunter eine ordentliche Armada Tifosi. Geschrieben haben sie, dass fünf- bis sechstausend Italiener in Graz waren. Hinter dem südlichen Tor war ein blau-gelbes Meer aus Schals, Fahnen, Jacken. Das Spiel war gut, dramatisch, hart, ein Kampf um jeden Zentimeter, spannend bis zum Schluß. Szokolai hat sogar einmal die Querlatte getroffen. Die Verona-Fans sind im Laufe des Spiels immer wütender geworden. Vielleicht zehn Minuten vor Schluß war es dann soweit, es waren so viele auf den Zaun geklettert, haben gerüttelt und sind darauf herumgesprungen, bis er nachgegeben hat. Dann wollten sie auf den Platz stürmen. Das war der Moment, als die Polizei den Befehl „Wasser marsch!“ gab und innerhalb kürzester Zeit war das mit dem Platzsturm erledigt. Das Spiel konnte beendet werden. Beim Abpfiff lagen wir uns alle in den Armen. Es war großartig. Wie hoch der Sieg einzustufen war, sah man daran, das Verona in der drauffolgenden Saison mit der fast gleichen Mannschaft italienischer Meister wurde. Übrigens: hinterher haben wir die Wiederherstellung des Zauns bezahlen müssen. Ich glaub mich zu erinnern, dass das 25.000 Schilling gekostet hat. Eine schöne Stange Geld.
Am nächsten Tag wurde in den Medien nicht nur über das Spiel berichtet, sondern auch über unsere unkonventionelle Aktion die Fans in Schach zu halten. In der „Neuen Zeit“ wurde von Wasserwerfen gesprochen, aber es war ganz normale Löschfahrzeuge der Feuerwehr. Wieviele von den Italienern später dann krank geworden sind, weiß ich nicht. Angenehm muß es aber nicht gewesen sein, wie gesagt, es war recht frisch in dieser Nacht – wettermässig mein ich (lacht).
In den schwarz-weißen Protokollen erinnern sich Protagonisten und Statisten der Geschichte des Sportklubs Sturm an herausragenden Leistungen und legendäre Momente.