Sommermärchen 2015

Von Zeit zu Zeit gelingt es uns, uns selbst zu überraschen. Sind wir doch zumeist geübte Weltmeister darin, die Dinge schwarz zu sehen, pessimistisch in die Welt zu lugen, vor Angst zu zittern und so zu tun, als könnten wir uns nicht mehr rühren; so als wäre überhaupt das Ende des politischen, des Handeln, des Konstruktiven gekommen. Dann kommt dieser Sommer 2015.

Ein Sommer voller entsetzlicher Flüchtlingsszenarien, tausender Menschen, die auf der Flucht sind und sich quer über den Kontinent wälzen. In Züge drängen, die gefährlichen Meerengen mit alten Kähnen überwinden, zusammengepfercht und in Lebensgefahr sich befindend; müssen NATO Stacheldraht übersteigen und verletzen sich nicht selten dabei schwer. Die Liste der Grausamkeiten und der unmenschlichen Behandlungen ist lang, ebenso lang wie die Liste der Toten, die auf der Flucht gestorben sind. Verständlich wäre es gewesen, wenn wir uns in diese widerwärtigen Bildern ergeben hätten, die Apokalypse prognostiziert – die politische, die humanitäre. Uns darin ergeben hätten, dass man daran nichts ändern könne. Und dann ist alles anders.

Zuerst rollt die Hilfswelle für jene Flüchtlinge an, die von der österreichischen Asylbürokratie nicht versorgt werden und vor und innerhalb der Mauern des Lagers Traiskirchen campieren müssen. Tausende HelferInnen versorgen die Flüchtlinge, gaben zu essen, zu trinken, sorgten für Schlafplätze, kümmerten sich um die Unbegleitet Minderjährigen Flüchtlinge, organisierten die medizinische Hilfe. Und dann, als wäre das nicht genug, entsteht ein Sog der Hilfsbereitschaft, der auch vor den Flüchtlingen, die in Ungarn festsitzen, nicht Halt macht. Flüchtlinge, die von einer zynischen, menschenrechtsverletzenden und überforderten ungarischen Asylbürokratie und -politik in Panik flüchten wollen. Weil sie in Lager gepfercht, brutal von Polizei behandelt und nicht ausreichend versorgt werden. Diese Welle, diese Bewegung – zu der die Hilfsorganisationen ebenso gehören, wie die ÖBB, große Teile der Einsatzkräfte und vor allem BürgerInnen des Landes – wurde so groß, dass selbst die boulevardesken Medien in ihrer Berichterstattung umgeschwenkt sind und mit einem Mal völlig andere Töne angeschlagen haben. Good news are good news; geht doch.

Diese Bewegung der letzten Tage hat uns stolz zu machen. Sie hat wieder einmal unser eigenes Bild von uns verändert. Wir ÖsterreicherInnen sind gar nicht so verstockt und ausländerfeindlich, wir tragen das Herz am richtigen Fleck und haben das Hirn eingeschaltet. Wir sind viele und wir können Dinge und die Darstellung der Dinge ändern und anpacken. Die zuvor noch untätige und zynische Innenpolitik war plötzlich mit dabei und tat ihr möglichstes, um von der Stimmung zu profitieren. Vom Bundeskanzler abwärts. Und es zeigte sich, wir haben funktionierende Systeme. In unserer kleinen Welt arbeiten die Hilfsorganisationen (Caritas, Rotes Kreuz, Diakonie….) effizient und sicher, kooperativ und schnell. Und wir scheren uns – wenn es sein muss – auch nicht um Regeln, die vertrottelt, inhuman und gegen jegliche Vernunft sind. Pfeifen auf die Dublin Verordnung, die Notleidende noch einmal bestraft und sie wieder zurück schicken will. Wir stellen kein NATO Zäune auf, um Flüchtlinge bewußt zu verletzen, wir lassen sie nicht hungern, wir sorgen uns um unsere Mitbrüder und –schwestern. Das war und ist großartig.

Jetzt ist es schon wieder pasiert!

Es ist nicht das erste Mal in Österreich passiert. Frei nach Wolf Haas könnte man sagen: Jetzt ist es schon wieder passiert! AugenzeugInnen berichteten, dass die Hilfsbereitschaft 1956 bereits so groß war. Damals als die Ungarn Flüchtlinge zu uns zu Tausenden kamen und die ÖsterreicherInnen selbst auch nicht so begütert waren, dass dies alles so leicht vonstatten gegangen wäre. Aber es war wurscht. Man half und versorgte die entkräfteten Flüchtlinge, die dem KP Regime entkamen.

Ich selbst erinnere mich, an die Jahre, als Jörg Haider die FPÖ übernahm und mit seiner Hetze gegen Ausländer und Flüchtlinge begann und sein Antiausländervolksbegehren kampagnisierte. Damals stand die Zivilgesellschaft auf und 300.000 kamen und waren Teil des Lichtermeers in Wien. Mit der Botschaft gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Ausgrenzung und gegen eine Poltik des Aufhetzens. Und als im Sommer 1992 der Krieg in Jugoslawien neue Dimensionen annahm und nicht nur die serbische Armee gegen die bosnisch-kroatische Armee kämpfte, sondern auch zwischen Kroaten und Bosnier der Krieg ausbrach und daraufhin ab Mitte Juli tausende Flüchtlinge nach Österreich kamen, auch da war derselbe Geist zu spüren und zu sehen.

Es wurde angepackt, es wurden Decken organisiert, Betten aufgestellt, Schulen und Turnhallen zu Notunterkünften umfunktioniert. Innerhalb weniger Wochen war aus dem Chaos ein wohl geordnetes Aufnahmesystem entwickelt worden. Da waren wir wieder, so unvermittelt aus dem Nichts, aber da. Und das gelang trotz der Politik und nicht wegen der Politik.

Also, das ist keine Einzelphänomen, das Sommermärchen 2015. Es hat eine lange Tradition, die immer wieder zurückkehrt, wenn es knapp wird, wenn die Systeme zu kippen drohen, wenn die Politik versagt, nicht handeln will oder überfordert ist. Dann sind wir da. Wir DemokratInnen, wir echten solidarischen europäischen ÖsterreicherInnen, wir mitleidenden und anpackenden. Wir, auf die wir stolz sein können.

PS: Es ist schon klar, dieses Sommermärchen wird nicht ewig dauern, es kommt auch der Herbst; und es wird nicht reichen, zu helfen und die Lücken der Politik zu füllen. Wir brauchen auch eine andere EU-Politik. Wir brauchen legale Zugangsmöglichkeiten zu EU-Ländern für Flüchtlinge aus Krisengebieten, damit die lebensgefährlichen Schlepperrouten ausgetrocknet werden. Wir brauchen eine solidarische EU-Asylpolitik, in der eine gerechte und geordnete Verteilung – etwa durch resettlement Programme – passiert. Wir brauchen andere Regeln als diese unsinnige Dublin Verordnung und wir brauchen eine Umwidmung der gewaltigen EU- Mitteln, die für Grenzsicherung, militärische Geräte und Mauernbau ausgegeben werden, hin zu Aufnahmesysteme und Integrationsmaßnahmen; und wir brauchen viel öffentliche Diskussion, über unsere europäische Gesamtverantwortung für das Leid in der Welt. All das wird jetzt immer wichtiger werden, aber mit dieser gewaltigen Welle an Interesse und Unterstützung, Sorge und Zuversicht sollte uns das doch auch gelingen!