Giaperentino

Giaperentino

„Kann mir irgendwer – hust, hust – erklären, was das für einen Sinn haben soll?“ Gernot lehnte hustend an der hinteren Ausstiegstür des Busses. Er hat gerade einen 50 Meter Sprint hinter sich, der erfolgreich war. Gerade noch, sprang er rein, als sich die Tür zu schließen begann. Es war 7:07 Uhr. Der Bus war auf Sammeltour, pickte, die meist noch veschlafenen Schüler und Schülerinnen aus dem Stiftingtal, auf, um sie in die verschiedenen Lehranstalten der Landhauptstadt zu bringen. Am Ende der Reise würde er so voll sein, dass niemand im Bus Angst vor dem Umfallen zu haben brauchte.

Ich zuckte mit den Schultern und wußte darauf keine Antwort. Diffuse Bildungsideale, Unterwerfung, Angst vor der Dummheit… Keine Ahnung. Um die Zeit, ließ ich nichts raus, was ich nicht dreimal gecheckt hatte. Aber ich wußte, worauf es hinauslaufen würde. Wie um mich zu bestätigen brach sich ein erster Sonnenstrahl durch die dreckigen, verschmierten Fenster, durch die Bäume des benachbarten Wäldchens und durch die Schülerköpfe Bahn und traf für einen Sekundenbruchteil meine linke Wange. Die kurze Erleuchtung löste eine ungerichtete, große Sehnsucht in mir aus. Ein Wink des Schicksals?

Der Bus ruckelte schwerfällig weiter durch die Stiftingtalstrasse. Gernot keuchte noch immer, zog sich umständlich seine Jacke an, die er offensichtlich einfach nur vom Haken gerissen hatte, als er aus dem Haus gesprintet war. Die Jacke war völlig verknotet und verdreht. Wir fuhren in den Streckenabschnitt ein, den wir Sibirien nannten. Ein fünf Stationen dauerndes Straßenstück, das von leichten Hügeln mit Wald umsäumt war und kaum Sonnenlicht ab bekam. Im Winter praktisch überhaupt keines, im Sommer nur, wenn die Sonne im Westen nicht von Wolken verhangen war und ins finstere Tal Schneisen schlagen konnte. Dann hatte es sogar etwas von Idylle. Aber nur dann.

Selbst wenn man in einer schwülen Sommernacht durch Sibirien ging, fröstelte einem. Hatte man es mit dem Rad hinter sich, atmete man auf, entspannte die Schultern und lockerte die Kleidung. Die Luft wurde wärmer.

Der Bus hielt an der nächsten Station, die gleichen Fahrgäste, jeden Tag, tagaus tagein. Gernot hob kurz die linke Augenbraue, drückte die aufgegangene Tür mit seinem Rücken wieder zu und schaffte somit wieder etwas Platz.

Gernot lehnte an der Tür, hatte einen besseren Überblick, über den Inhalt der heutigen Fracht. All jene, die schon vor uns zugestiegen waren, nannten wir Bauern. Wohnten dort, wo das Stiftingtal tatsächlich immer bäuerlicher wurde, Kühe, Hendln, Mistgestank, Traktoren und angekettete Schäferhunde ganz normal waren. Wir ließen unserer Phantasie freien Lauf, hinein ins Tal. Schnupperten Idylle und träumten von hübschen Bauernmädchen, von Hunden und Katzen, mit denen wir irgendwo da draussen in einer Landkommune leben wollten. Wir konnten von der Kunst, die wir betrieben, je nach Stimmung mal Musiker, mal Schriftsteller, leben. Das sagten wir uns vor und reimten uns was zusammen. Ich sah ihm beim unauffälligen Suchen zu, unsteter Blick, ein Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel, schnell weg geschaut, an die Tür gelehnt. Gernot war verliebt.

Die nächste Station. Die Luft wurde dünn. Weiter, aneinandergepresst, Körper an Körper. Dann endlich raus. An der Endstation stand die Bim. Heute war sie noch da. Wir, aus dem Bus, taten aber so, als hätten wir es nicht eilig. Wir scherten aus dem Strom aus, warteten auf die nächste. Obwohl, es stimmte nicht, überhaupt nicht. Wir hatten es genauso eilig, wie alle anderen. Mit dem zweiten Bus fahren bedeutete, keine Verzögerungen haben zu dürfen. Es handelte sich um Minuten, ob man pünktlich zum Glockenton in die Schule kam oder nicht.

Als die Tram um die Kurve veschwand, kehrte für einige Momente Ruhe ein. Und wir sahen auf Giaperentino. Direkt gegenüber, auf einer kleinen Hügelkette lag es. Von den ersten Sonnenstrahlen beschienen, in warmes gelb-rot-oranges Licht getaucht; im leichten Dunst. Es war wunderschön. Die paar Häuser, die Giaperentio ausmachten, schmiegten sich an den kleinen Berg an, entlang der zwei schmalen, steilen Straßen, die Giaperentino durchzogen und jetzt silbrig herunter glänzten. An manchen Dächern glitzerte etwas in der Sonne. Die Reflexion traf auf unsere Gesichter, ein zweiter Wink des Schicksals. Vereinzelt sah man Rauch aus den Schornsteigen aufsteigen. Sonst lag es ganz ruhig und friedlich da. Nur ein kleiner Hügel mitten in der Stadt, ein paar steile Gässchen, moderne Einfamilienhäuser, die rauf auf die Rudolfstrasse führten. Das war alles, es war aber unser Giaperentino.

Gernot zündete sich eine Zigarette an. Ich hatte noch keine Lust. Er zog tief ein und stieß den Rauch genüsslich aus. Es machte immer Spaß, ihm beim Rauchen zuzusehen. Giaperentino – wir mussten nicht darüber reden. Blicke und kleine Gesten reichten. Um uns herum versank der traurige Alltag. Warten auf die 7:22 Uhr Bim, die einem dorthin brachte, wo man gar nicht hinwollte. In einer Minute, der Bus aus der anderen Richtung, aus dem Ragnitztal kommend. Dann – wenn dem alles so war, wie es fast immer war – würde ich um 7:27 aussteigen und hätte dann noch drei Minuten, um in die Klasse zu kommen.

In eine Schule, mit Lehrern und Lehrerinnen, die mich langsam zerdrückten, die mit ihrer Art, mir Bildung beibringen zu wollen, so taten, als würden sie auf meinem Brustkorb stehen und mir langsam aber sicher die Luft raubten und die weder wussten, noch wissen wollten, wie es mir ging, wie schwer der Schulalltag auf mir lastetet, wie es mir die Brust zuschnürte, wenn ich nach Hause kam und niemand da war und den ganzen Nachmittag nur das Rauschen in mir selbst zu hören war und an Hausaufgaben oder gar lernen nicht zu denken war.

Mit dem zweiten Bus ging es sich oft nicht aus, oft aber auch gerade so, dass ich keinen Verweis bekam. Manchmal waren die Lehrer und Lehrerinnen selbst noch nicht in der Klasse und ich schlüpfte, mit etwas Glück, gerade noch rein. Mathe oder Latein in der ersten Stunde waren immer Scheiße. Die beiden waren pünktlich. Wenn die Glocke läutete, hatten sie die Tür schon in der Hand, sahen sich am Gang nochmal um und verschwanden in der Klasse.

Gernot fährt weiter, quer durch die Stadt zum Bahnhof, um nochmal umzusteigen, in einen Bus. Er begann erst um 8:00. Aber auch bei ihm durfte es keine Verzögerungen geben. Dass, was da in uns aufstieg, lässt sich schwer beschreiben. Ein zwiespältiges Gefühl, ein widerstreitendes und -strebendes. Die Lasten des Alltages krochen uns an den Knochen entlang und in sie hinein, fraßen sich von dort in die Muskeln. Schulltalltag heute? Ein Test in Biologie, 2. Stunde; ging sich vielleicht gerade noch aus. Mathematik in der ersten Stunde und keine Hausaufgaben gemacht, die siebten oder achten hinter einander, bis jetzt war es gut gegangen, nicht erwischt. In der vierten Stunde Lateinschularbeit – der Fleck war mir gewiß.

Und gleichzeitig hier stehen, das befreiende Gefühl beim Anblick von Giaperentino, am gegenüberliegenden Hügel der trostlosen Straßenbahnstation, im aufgehenden Licht eines Frühlingtages, der mit Liebe, Lebensfreude und Verheißung unseres jungen Lebens gefüllt war. Heute könnte was Großes passieren. Wir und nur wir haben dem Dorf am Hügel den Namen gegeben. Der Blick hinauf ließ uns leicht werden, ließ die Schwere, die Mühsal von Schule und Alltag von uns abfallen.

Doch der Ragnitzbus kam, zeitgleich mit der Bim, aus mit der Ruhe. Wir drängten widerwillig hinein, standen am Fenster gegenüber der letzten Tür. Gernot verströmte frischen Zigarettenduft neben mir. Unsere Mienen verfinsterten sich mit jeder Station. Ich sah aus dem Fenster und hoffte, dass heute in Giaperentino noch etwas passieren würde. Da sprach Gernot im zischenden Flüsterton zwischen den Zähnen heraus.

„Du, ich hab eine neue Geschichte zu Giaperentino!“

„Lass hören?“

„Nein, nicht hier – sie ist auch noch nicht ganz fertig. Aber ich dachte mir, wir könnten darüber reden?“

„Ja schon. Wieviel Stunden hast du heute?“ Ich sah ihn an.

„Zehn.“ Ich sah ihn an und hob die Augenbrauen.

„Und Werkstatt auch noch!“

„Das heisst bis sieben Uhr abends?“

Ein kurzes Nicken und ein verzogener Mund waren die Antwort. Die Pause wurde drückender. Bei der dritten Station stiegen wenige – vorwiegend brav gekleidete Mädchen – aus, die in die kirchliche Privatschule gingen.

„Wieviel Geld hast du?“

„So um die 25 Schilling. Und du?“

Gernot überlegte kurz.

„Ich hab heute 45 für Mittagessen und so …bekommen.“

„…“

Ich stieg bei der nächsten Station nicht aus. Ein Schulkamerad aus der Parrallelklasse, der sich ans Aussteigen machte, sah mich mit großen Augen an.

Ich zuckte die Achseln. „Ich muss dringend nach Giaperentino!“ rief ich ihm nach. Er drehte sich noch halb um, mit so etwas wie einem Nicken. So als würde er verstehen.