Im Heft 345 des Sturm Echo geht es schwerpunktmäßig um die Torhüter.
Goalie, Keeper, Schlussmann – der Torhüter hat viele Namen, aber seine Aufgabe ist immer dieselbe: Gegentreffer verhindern, und zwar um jeden Preis. Eine gute Parade gebiert oft Legenden, Fehler sorgen dagegen für Hohn und Spott. Und auch sonst schreiben die Männer zwischen den Pfosten so manche unterhaltsame Geschichte. Deswegen begibt sich das SturmEcho in der neuen Ausgabe auf die Spuren der schwarz-weißen Schlussmänner.(Sturm Echo #345)
So auch in der Kolumne „Protokolle“, aber lesen Sie selbst.
Sturm Protokollant: Wolfgang Gulis
Foto: Horst Plankenauer
Gesprächspartner: Otto Konrad, Sturm Torhüter 1981-1991
Thema: Lambada in der Gruabn
„Kumm Otto, schieß´den Elfer!“
In der 55. Minute pfeift der Schiedsrichter Elfmeter. Es steht 3:0, gegen DSVAlpine. Wir spielen im Meister Play- Off. Es war der 24. August 1990. Aus dem Schmäh, der im Training immer g´rennt ist, wo ich gesagt hab, irgendwann schieß ich einen Elfer im Spiel, wird ernst. Die anderen haben gerufen: „So jetzt ist s
oweit. Otto kumm, schieß den Elfer!“ Also bin ich hingegangen, angelaufen und hab ihn reing´haut. Es war das 4:0. Hätte ich verhaut, wäre es nicht so dramatisch gewesen, aber trotzdem. Danach bin ich zu den Fans und hab´ den Lambada getanzt, so wie der Roger Milla aus Kamerun, wenige Monate vorher bei der WM 1990 in Italien. Ich bin halt in der Gruabn bei der Corner Fahne an der Nordwestseite, wo die Sitztribühne endet und die Rollstuhlfahrer und die Ordner gestanden sind, bekannt geworden (lacht). Wirklich berühmt und zur Legende bin ich dann wohl in Frankfurt[1] geworden.
Man muss dazu sagen: Damals war das was besonderes, völlig was anderes als Heute. Der Fußball ist ja durchgestylt, nichts dem Zufall, der Kreativität überlassen; die Darstellung, die Jubelposen, wie die Kicker Interviews geben, was für ein Image sie sich zulegen usw., das ist viel professioneller geworden. Ich hab aus Intuition reagiert, bei mir war nix geplant, ich war einfach so, hab´ das gemacht, weil es gepasst hat, für mich. Aber heute noch reden die Leute davon, das ist doch bleibend und was schönes! Kann nicht ganz falsch gewesen sein. Für ungeplantes, spontanes, Clownerei wie früher ist heut kein Platz mehr. Die Goalies waren diesbezüglich ja immer für die eine oder andere spezielle Aktion gut. Wir Keeper sind ja schon auch was besonderes. Einzelkämpfer in einem Team und oft auf uns allein gestellt. Aber das extravagante bezieht sich heute eher auf das Spiel selbst, wie der Manuel Neuer etwa, als sogenannter spielender Tormann. Allein wie ich denke, wie wir trainiert haben. Ich bin am Vorabend vor einem Match immer extra Sprungübungen machen gegangen, damit – so hab ich geglaubt – am nächsten Tag im Match besonders sprungkräftig bin. Heut sag ich, nachdem was ich gelernt und an Wissen dazu habe, ein Wahnsinn.
Sicher setzt dich mit solchen speziellen Aktionen schnell auch der Kritik aus. Vor allem, wenn du Fehler machst und einmal ein Ei frisst. Dann heisst gleich, konzentrier di´ aufs wesentliche und hör auf zu blödeln. Und es gibt ja überall und schnell auch gleich Neider. Aber auf der anderen Seite, mir hat das nix ausgemacht, wenn ich in der Öffentlichkeit gestanden bin und man über meine Leistung und Aktionen geredet hat. Ich hab das nicht geplant, sondern das war immer spontan. Und jetzt im Rückblick, muß ich sagen, es blieb doch hängen und man erinnert sich.
Mein Gott, das ist echt schon lange her. Ich kann mich an bestimmte Situationen noch genau erinnern. Etwa wie ich das erste Mal bei Sturm in der Ersten dran kam. Walter (Anm. Saria) war verletzt und ich durfte zum ersten Mal auflaufen. Wir spielten auswärts gegen den Wr. Sportclub, die erste Runde in der Saison 1984/85. Ich sehe die Szene noch vor mir. Ich lieg´ hinten im Bus auf der Bank und im Radio läuft „I just call to say I love you“ von Stevie Wonder. Danach hab ich einen Filmriss. Von der Vorbereitung, dem Aufwärmen, dem Auflaufen und aus dem Match kann ich mich an nichts mehr erinnern. Erst danach weiß ich wieder, wie die Kollegen auf mich zu gekommen sind, der Rudi (Schauss) und der Andi (Pichler) und mir gratuliert haben. Ich muss gut gewesen sein (lacht). Es hat zwar gedauert, bis ich Nummer 1 geworden bin, aber von dem Sportclub Match weg wussten sie, auf den Konrad können sie sich verlassen, und im August 1986 unter Ludescher bin ich dann die Nummer 1 geworden und damals 1884 war ich ja erst 19.
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In den schwarz-weißen Protokollen erinnern sich Protagonisten und Statisten der Geschichte des Sportklubs Sturm an herausragenden Leistungen und legendäre Momente.
[1] Am 15. März 1994 hielt Konrad beim Elfmeterschiessen im UEFA-Cup Viertelfinale gegen Eintracht Frankfurt zwei Elfmeter und verwandelte selbst den entscheidenden Elfer für Austria Salzburg.