Der Beitrag „Kreuz mit der Kultur“ wurde am 15. September 2011 auf der online – Plattform diversitywiki.net veröffentlicht, der aber mittlerweile nicht mehr verfügbar ist.
Langsam lässt die Aufregung um Thilo Sarrazins krude Aussagen nach und auch Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ verschwindet aus den Schlagzeilen der weltweiten Öffentlichkeit. Doch was bleibt, ist ein mulmiges Gefühl; die Geschichte mit den „Kulturen“ ist nicht ausgestanden. Abseits der aktuellen Debatte lohnt es sich, ein paar Gedanken zu den Hintergründen zu verschwenden.
Angela Merkel verkündete im September 2010, dass „Mutikulti gescheitert sei“[1] , dies ist bemerkenswert. Die Debatte war weg von Sarrazin zu einer deutschen „Integrationsdebatte“ geworden. Bayern Ministerpräsident Horst Seehofer[2] sprach ebenso wie Friedrich Merz (FDP) wie selbstverständlich von einer „deutscher Leitkultur“. Interessant daran ist die Frage, auf welcher Basis wird denn hier von SpitzenpolitikerInnen diskutiert. Was soll den das eigentlich heißen, „deutsche Leitkultur“? Und welcher Kulturbegriff steht denn hier Pate?
Wo ist denn das Multikulti?
Merkel verwendet „Multikulti“ in dieser Debatte im Sinne einer sehr pauschalen Be- wenn nicht Abwertung. Betrachtet man die Aussagen zu dem Thema ausführlicher, wird klar, sie meint nicht eine Beschreibung der Menschen, die in Deutschland leben, sondern ein System, ein Konzept, eine politischen Programmatik und dann müsste man sich eigentlich die Frage stellen, was und wo ist denn das „Multikulti“, welche gesellschaftliche Beschreibungen, welche Zustände meint sie denn damit? Wer sind denn die Organe, die Multikulti umsetzen und wo ist denn Multikulti verankert, gesetzlich festgeschrieben, politisch angesiedelt? Und wenn man diese Fragen klären könnte – woran ich zweifle, dass es möglich wäre –woran erkennt man dann im Gegenzug, das Multikulti tot ist? Gibt es einen Beschluß, wurde das Gesetz aufgehoben, hat sich die Kammer für multikulturelle Aufgaben aufgelöst?
Vielleicht übertreibe ich, mag sein, aber so wie dieser Begriff in vielen öffentlichen Statements verwendet wird, hat es den Anschein, als wäre es zu einer Staatsdoktrin erkoren worden und seit dem „Fall der Mauer“ in Umsetzung. Multikulti ist ein Phantasma, ein Gespinst, das – zumindest in Deutschland definitiv nie existierte. Wohl gemerkt, wir und die Bundeskanzlerin reden nicht vom demografischen Zustand der Gesellschaft, sondern von einem politischen-ideologischen Konzept. Das ist die Gesellschaften multikultureller – sprich vielfältiger geworden sind, kann man als Faktum nehmen.
Wer solche pauschalen, inhaltsleeren Containerbegriffe verwendet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, entweder bewusst in die populistische Trickkiste zu greifen, oder völlig ahnungslos angesichts der politischen und sozialen Zustände zu sein. Und wir reden hier immerhin von der deutschen Bundeskanzlerin, die oft genug – in anderen Zusammenhängen – davon spricht, dass Politik jenes Geschäft ist, das etwas verändern möchte, das Gesellschaft (Res Publica) steuern, zu regieren und zu führen hat.
Die Kreation des negativen „Multikulti“ Synonym entstammt den deutsch-nationalen, rechtsextremen Ecken[3] ; wurde dort zu dem negativen – für diese Geisteshaltung typischen – alles erklärenden Schreckensbild von einer sich verändernden Gesellschaft entwickelt. Ein Begriff, der das Übel verkörpert, gegen den man auf alle Fälle sein muss. Diese Diskursschleifen, die hier immer wieder Verwendung finden, gehen von Pseudofakten aus und verwenden einen mittlerweile unhaltbaren Kulturbegriff. Das heißt natürlich nicht, dass sich die Argumente auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft nicht abgeschliffen und verwässert hätten und es heißt schon gar nicht, dass Merkel rechtsextrem sei; aber anhand dieser kleinen, fast beiläufigen Aussage der Kanzlerin, wird deutlich, wie leicht fragwürdige, politisch gefährliche und wissenschaftlich mehr als unseriöse Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden.
Zu den Fakten: Weder Österreich noch Deutschland haben jemals in ihrer Nachkriegsgeschichte ein multikulturelles Zuwanderungs- oder Einwanderungsprogramm verfolgt, geschweige denn jemals formuliert. Insoferne hat Merkel natürlich recht „Multikulti ist tot, weil es in Deutschland (und auch in Österreich) gar nie gelebt hat.“
Partikularismus und Multikulturell
Natürlich gibt es „Multikulturalismus“, als ein Konzept, das davon ausgeht, dass jeder Mensch ganz gleich, wo er wohnt und lebt – ein Bedürfnis danach hat, sich in „seiner Kultur und Ethnie (Gruppe)“ wieder zu finden und dort repräsentiert zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor (1997) formulierte ein kommunitaristisches-multikulturelles Konzept für Kanada[4], anknüpfend an Kallans[5] These aus den 1920ern von einem „Commonwealth of national cultures“. Daraus ergibt sich, dass der Staat für Freiheit und Pluralität zu sorgen hat und ein friedliches Koexistieren der verschiedenen Ethnien (sprachlich, religiös, kulturell) zu sichern habe. Dieses „Multi-Kulti“ Staatskonzept ist in klassischen Einwanderungsländer mal mehr, mal weniger konsistenter Teil der Staatsideologie/-doktrin geworden, prägt aber deren Identität und Politik (Kanada, USA, Großbritannien…). Diese multikulturelle Idee wird in Europa gerne als positives Beispiel und/oder Konzept für eine „moderne Einwanderungsgesellschaft“ herangezogen; muss jedoch einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Die Praxis ist weit weniger bunt und fröhlich, wie man es dem multikulturellen Flair gerne unterstellt; birgt es doch Fallstricke und hat erhebliche Schattenseiten.
Insbesondere die sogenannten UniversalistInnen gehen mit diesem Konzept scharf ins Gericht. Kritisiert wird daran vor allem, dass es sich lediglich um ein „Konstrukt von Kultur“ handle, das eben ethnisch, religiös, sprachlich oder nach Reisepass konstituiert wird und sich auf spekulative und daher bedenkliche Annahmen (was gemeinsam ist und was nicht) beruft.
Das Arrangement, das auf der täglichen, politischen Ebene getroffen wird, heißt Toleranz gegenüber verschiedensten Erscheinungsformen in all den verschiedenen Facetten und die ist ja bekanntlich eine Haltung, die auch schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Eine Konsequenz des Multikulturalismus ist, dass automatisch das Leben unter seinesgleichen, seiner Ethnie, seiner Religion angenommen wird und diese den Einzelnen auch aufnimmt. Auch wenn man dies nicht wollte, muss man sich zu einer Nation, zu einer Ethnie, zu einer Sprache bekennen, um in den Genuss von Repräsentation und Anerkennung, nicht selten sogar Förderungen zu kommen.
Das hat nicht nur eindeutige positive Aspekte bei der „Integration in die neue Heimat“, es fördert auch den Gruppendruck und kann (muss nicht) zu den viel gescholtenen Parallelgesellschaften führen. Das führt auch dazu, dass die Gemeinsamkeiten der in einem Staat lebenden Gruppen recht schmal werden können und dann bleibt nur eine dünne Schicht von Koexistenz und Toleranz des Nebeneinander Lebens. Wenn etwa die Trennung von Kirche und Staat, universelle Grund- und Menschenrechte aufgrund von (pseudo-) „kulturellen Rechten“ – die oft mit Tradition argumentiert werden – in Frage gestellt werden oder das demokratische System unter dem göttlichen Recht angesiedelt wird. Konsequenterweise hat Großbritannien in einigen Teilbereichen ihrer Rechtsprechung (Familien- und Scheidungsrechte) Teile der islamischen Shariarechtssprechung zugelassen; das könnte man als konsequenten Partikularismus bzw. gelebte multikulturelle Doktrin verstehen.
Die Praxis des Multikulturalismus (Als Staatsidentität mit verbrieften Gesetzen und Beschlüssen) und die Betonung der („kulturellen“) Differenz führt mitunter zu einem neorassistischen Biologismus, in dem nur der Begriff Rasse nicht verwendet wird, sondern durch Kultur und/oder Ethnie (Gruppe) oder Nationalität ersetzt wird.
„Sie werden zwar zu britischen StaatsbürgerInnen, bleiben aber dennoch immer nur Pakistanis“. Was im ursprünglichen Sinne vermieden werden sollte; Aus- und Abgrenzung, Schutz vor religiösem Fundamentalismus, Rassismus und Nationalismus – ohne dass dies zumindest von den VerfechterInnen des Multikulturalismus jemals gewollt wurde – führt zu einer Verfestigung der Gegensätze und Unterschiede.
Universalismus und Transkulturalität
Die UniversalistInnen oder wie die Autoren Kordes/Demorgon[6] in einem Artikel sie auch als „TranskulturalistInnen“ bezeichneten, betonen hingegen das Individuum und nicht die Gruppe/Gemeinschaft. Sie erheben den Anspruch auf universelle und allgemein gültige Regeln und Verfahren, die überall und für jede/r Mann/Frau überall auf der Welt gelten sollten. Sie stellen das Individuum als Teil der gesamten Menschheit (Weltgesellschaft/-system) ins Zentrum ihrer Überlegungen. In einer stufenähnlichen Entwicklung von der „Toleranz über die Relativierung bis zur Solidarität“ wie Demorgon und Kordes das skizzieren, gelangen die Staaten, die Menschheit zu einem „zivilisierten“ Status. Die Staatsbürgerschaft und die Teilhabe am Staatsganzen sind die wichtigsten und ersten Schritte (z.b. Frankreich). Am ehesten laizistische und an das transkulturelle Gedankengebäude angelehnte Staaten könnte man Frankreich, Mexiko und die Türkei ausmachen, jedoch ist die Aufzählung mit Vorsicht und Abstrichen zu genießen.
Doch ebenso wie die multikulturelle Praxis zu kulturellem Neorassismus führt, ist auch die Praxis der UniversalistInnen nicht frei von praktischen Widersprüchen und Problemfeldern. Die Gefahr ist nämlich, das ganz in der Hegelschen und Kantschen Tradition der europäischen Philosophie und Aufklärung denkend, dass an ein Weltensystem geglaubt wird und damit die Idee des Fortschritts der Menschheit, die den Aufstieg zur Zivilisation und die Befreiung von der Unwissenheit und der Barbarei in sich trägt und befürwortet.
Ein von der Aufklärung getragenes Weltkonzept kann sich – konsequent gedacht und durchgeführt – in eine hegemoniale Macht (in Form von Missionierung, Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus) verwandeln. Die Ergebnisse sind, im Ursprung ebenso wenig gewollt: Ausgrenzung, Rassismus und eine kulturalistische Diskussion, die das Fremde (das Mindere), das Andere (das zu zivilisierende) und Feindliche konstruieren und abgrenzt („die Unzivilisierte, die nicht auf gleicher Stufe mit uns sind“), ob mit oder ohne Reisepass ausgestattet, ist im Ergebnis für den politischen Diskurs dann nebensächlich[7].
Das chemische Element: Kultur.
Wir werden also nicht umhin kommen, dass auch im öffentlichen und politischen Mainstream über den Begriff „Kultur“ eine differenziertere – eine interkulturelle und kritisch-reflexive – Auseinandersetzung geführt wird. Wir brauchen eine große Revision der öffentlich-politischen Annahmen über die Grundlagen, wie Politik und Medien den Begriff verwenden. Denn es schwingt ein fragwürdiger, mit den Stand der Wissenschaft und den Erkenntnissen aus Soziologie, Sozialanthropologie und Psychologie, nicht mehr vereinbarer Kulturbegriff mit. Solange das mächtig bleibt, hilft es nichts, wenn in Fachkreisen der Kopf darüber geschüttelt wird – „wie Kultur hier missbraucht wird“.
„Kultur sei etwas absolutes, homogenes, starres, dass unveränderlich ein Mensch gleichsam einem Rucksack mit sich trage“. In Wahrheit wissen wir, dass dieses Bild falsch ist, dass es nicht so ist und selbst dort, wo wir glauben, dass dies etwas typisches sei, wissen wir, dass es konstruiert, archiviert, verkaufbar gemacht wurde und wird. Wer hört in Österreich schon die ganze Zeit Walzer und geht dauernd in die Operette; wer isst schon ständig Wiener Schnitzel und Mehlspeisen? Wir erfahren es selbst, dass all diese simplen Klischees und das Starre auf uns selbst nicht zutreffen, wenn wir etwa bei einem Auslandsaufenthalt mit „Sound of Music“, Mozart Kugeln und Arnold Schwarzenegger assoziiert werden.
Weil Kultur immer aus vielen verschiedenen (Sub-)Kulturen bestanden hat und selbst diese „Subkulturen“ ständigen Wandel und Beeinflussungen ausgesetzt waren, wissen wir auch, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das durch den Kontakt mit anderen lernt und dem was es erstmals als fremd ansieht, reserviert bis feindlich gegenübersteht bis es dem Neuen, dem Fremden eine Bedeutung, einen Sinn[8] geben kann. In Wirklichkeit hat es Kultur nie gegeben sondern immer nur dessen Konstruktion und Vorstellung/Sinngebung. Diese Konstruktion müssen wir, das bleibt uns nicht erspart, wollen wir uns nicht in sinnlose und zerstörerische Konflikte hineinsteigern, dekonstruieren und nach alternativen Gemeinsamkeiten suchen.
Was geschah, der Begriff wurde in eine Ordnung gebracht. Man hat ihn kategorisiert. Diese aufklärerische Wissenschaftstradition – so großartig, mit unumstößlichen Verdiensten ausgestattet sie auch sein mag – hat auch ihre dunklen Seiten und führt auch – wenn auch verschlungen – in die Fänge von Dominanz, von Überlegenheit und Unterordnung, Missionierung im Namen des Fortschritts, in Kolonialismus und Imperialismus.
Um diesen Fallstricken in der Praxis zu entkommen, bedarf es eines multipolaren und vielschichten „Kulturenbegriffs“ der nicht in Anspruch nimmt, die Definitionshoheit über den Begriff zu haben, sondern immer nur vorläufige und kurzzeitige Aussagen über Erscheinungen, Ausdrucksformen und Entwicklungen geben kann und damit auch in Frage gestellt wird, ob eine „Kultur“ die richtigere und bessere/höhere gegenüber einer anderen. Das hybride Konstrukt Kultur ist wie ein instabiles chemisches Element, das von einer Reihe von innerer und äußerer Faktoren abhängt, eine Zeitlang besteht, zerfällt und an anderer Ecke wieder neue entsteht, neue Formen annimmt.
Je schneller man PolitikerInnen und Medien auf die imaginären Finger klopft, wenn sie glauben, mit einem Kulturbegriff Politik machen zu können, desto besser und desto eher wird die Auseinandersetzung daraufhin gerichtet sein, was es in Zukunft heißen kann und muss, wenn das Verschmelzen von Vielfalt in einem universellen Rahmen gelingen soll. Dieses „politisch sich einmischen“ bleibt weder Fachleuten, PraktikerInnen noch WissenschaftlerInnen erspart.
[1] siehe dazu die mediale Wiedergabe der Merkel Aussagen: z.b.: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723532,00.html
[2] Horst Seehofer, 1949 geboren, ist CSU Spitzenpolitiker, war mehrmals in der Bundesregierung als Minister tätig (1992 – 1998 BM für Gesundheit und 2002 – 2005 BM für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), seit 2008 ist er bayrischer Ministerpräsident.
[3] exemplarisch für dieses Szene und deren ideologische Ausrichtung sei die AFP – Aktionsgemeinschaft für demokratische Politik genannt, die Herausgeber der „Kommentare zum Zeitgeschehen“ sind.
[4] Unter Kommunitarismus (von lat. communitas, Gemeinschaft) versteht man eine Weltanschauung, die die Verantwortung des Individuums gegenüber seiner Umgebung und die soziale Rolle der Familie betont.
[5] Horace Kallan, deutsch-jüdischer Einwanderer in den USA, der sich gegen die Akkulturationswelle der 1920er wehrte und einem kulturellen Pluralismus einforderte und für deren Koexistenz plädierte.
[6] Jacques Demorgon, Hagen Kordes, „Interkulturelle denken und handeln“, Kapitel I: Begriffsklärungen. 1. Multikultur, Transkultur, Leitkultur, Interkultur, Seite 27 bis 36
[7] Die Behandlung von Konzepten und Ideen, die sich jenseits dieser beiden Pole (Multi-vs. Transkultur) etabliert haben und denen ein differenzierteren Kulturbegriff zugrunde liegt, würden den Rahmen des Artikels sprengen und wird in einem weiteren Beitrag zu beleuchten sein.
[8] Im Sinne von Ulf Hannerz, geb. 1942 schwedischer Kulturanthropologe, der als führender Theoretiker der neueren Kulturanthropologie die Bedeutungs- und Sinngebung als zentrales Merkmal von Kulturalisierung beschreibt. Sein Hauptwerk: „Cultural Conmplexity“ (1992) und „Transnational Connections“ (1996).