Fehlende Dolmetschdienste

Willkommen in der Migrationsgesellschaft

In der Standard Ausgabe vom Donnerstag, den 26. Jänner 2012 beschreibt Julia Hernböck in ihrem Beitrag unter dem Titel „Diagnose: Allgemeine Sprachverwirrung.“ die Zustände am Wiener AKH, das noch immer keinen professionellen Dolmetschdienst führt. Man scheint geneigt zu sagen: „Und ewig grüsst das Murmeltier.

Obwohl derartige Probleme seit Jahrzehnten bereits bekannt sind, in zahlreichen Untersuchungen und Studien[1] erhoben worden ist und Antworten und Lösungen vorliegen, muss man als externer Bobachter konstatieren; es hat sich nahezu nichts verändert.

Mit steigender Zuwanderung und immer heterogener werdender Gesellschaft ist das Gesundheitssystem seit Jahrzehnten damit konfrontiert, dass Menschen mit nicht deutscher Muttersprache und Migrationshintergrund Teil der Patientinnenschaft geworden sind. Ein wesentlicher Aspekt bei der Ärztinnen[2]-Patientinnenbeziehung ist die Kommunikation, der Austausch der Beschwerden, der Diagnose, der Untersuchung und der Behandlung.

Dabei ist hinlänglich bekannt, dass das Verhältnis auf Vertrauen basiert. Die Patientin muss der Ärztin vertrauen, dass sie richtig behandelt und umgekehrt muss sich die Ärztin auf die Aussagen und Beschreibungen der Patientin verlassen können, diese richtig interpretieren und einschätzen können. Nicht zuletzt ist es entscheidend, dass die Patientin am Heilungsprozess mitwirkt (Befolgen der Anweisungen). Dieses Verhältnis ist nicht immer leicht und wird in den modernen, ökonomisierten Großsystemen standardisiert, zeitlich begrenzt und auf Symptombehandlung fokusiert. Schon für Österreicherinnen, deren Muttersprache Deutsch ist, stellt sich der Gang zur Ärztin nicht immer leicht dar. Zahlrreich sind die Beschwerden und Berichte über nicht zufriedenstellende Krankenhaus- und Ärztinnenbesuche, weil kaum Zeit für ein Gespräch bestanden hat, wenig bis gar nicht mit einem gesprochen wurde, bei Nachfragen die Ungeduld und Ärger spürbar und in unverständlichem Fachvokabular daher geredet wurde?

Migrant*innen im System diskriminiert

In der Gesundheitsdebatte stellt vor allem auch die Position der Patientin ein wichtiges Thema dar; denn nicht umsonst wird vieler Orts kritisiert, dass nicht mehr der Mensch als ganzes, sondern nur mehr die Diagnose oder das Organ (die Nierensteine auf Zimmer 5) im Zentrum steht. Es gäbe hier also eine Reihe von Problemfeldern im Bereich der kurativen Medizin zu besprechen, die gar nicht nur oder allein die Zielgruppe Menschen mit Migrationshintergrund betrifft sondern eigentlich uns alle.

Für Migrantinnen ist der Gesundheitsbereich zusätzlich sensibel und problematisch, weil er nicht nur mit strukturellen Barrieren und informellen Hindernissen gespickt, sondern auch mit Informationsmangel, Unkenntnissen und Halbwissen vollgefüllt ist. Durch Internet und zahlreiche private Anbieter ponteziert sich das Angebot und die Fülle an Informationen noch weiter.

Wer im Ausland einmal die Hilfe des jeweiligen Gesundheitssystems beanspruchte und sich nicht verständigen, sich nicht auskannte und auf das Wohlwollen und die Hilfe Anderer angewiesen war, weiß, wie wichtig es ist, wenn man krank ist, Schmerzen und Angst hat, dass jemand da ist, der mit einem spricht, etwas erklärt und den Lauf der Dinge organisiert (Wartezeiten erklären, Untersuchungen, Befunde).

Funktioniert dieses beschriebene Verhältnis nicht oder ungenügend, entstehen zahlreiche Probleme, wie etwa unnötige Konsultationen, Fehldiagnosen, Falsch- und Mehrfachbehandlungen, Behandlungsabbrüche und Vielfachmedikamentation; abgesehen vom unmittelbaren Stress, der bei Konflikten und Auseinandersetzungen entsteht und diese durch fehlende Verständigung und Systemunkenntnisse noch befeuert werden: Hinzu kommt, dass diese auch gerne generalisiert und rassistisch konnotiert werden („Die Ausländer sind…, die Türken können nicht…“).

Systematisch System ignoriert

Im Wiener AKH stehen laut „Der Standard“ Bericht lediglich zwei Dolmetscherinnen in der Gynäkologie zur Verfügung, um Patientinnen, die nicht ausreichend Deutsch können und eine Sprachmittlerin bei der Untersuchung und Behandlung brauchen, adäquat zu betreuen.

Stellt sich die dringliche Frage, wie behilft sich das restliche Haus – etwa die Ambulanzen, die generell stärker von Migrantinnen frequentiert werden (aber das ist ein anders interessantes Thema) mit Patientinnen, mit denen man sich nicht oder nur schwer verständigen kann?

Einen Teil der Antwort liefert der Artikel. Das professionelle Team muss den Alltag mit prekären Hilfsinstrumentarien bewältigen. Das ist nicht nur am Wr. AKH üblich, sondern die Zustände kennen wir in fast allen größeren Kliniken und Spitälern. Es werden Reinigungskräfte, die vorwiegend aus den Hauptursprungsländern der Patientinnen stammen, zur Untersuchung hinzugezogen. Es kommt auch vor, dass andere Patientinnen, Verwandte, die mit gekommen sind und sogar Kinder und Jugendliche hinzu gezogen werden. Und dann kommt es nicht selten vor, dass der halbwüchsige Jugendliche die Unterleibsbeschwerden der Mutter übersetzen muss oder eben wie im Artikel von Herrnböck ein sechsjähriger der einzige zur Verfügung stehende „Sprachkundige“ ist.

Wenngleich das Heranziehen von unkundigem Hilfspersonal mittlerweile in vielen Spitälern untersagt ist, deuten die praktischen Beispiele und Hinweise quer durchs Land darauf hin, dasss sich am System nichts geändert hat. Wie auch, von Seiten der Leitung und Führung der Spitalsbetreiber wurden und werden die Probleme bisher nie wirklich systematisch und struktuiert angegangen, wie zahlreiche MitarbeiterInnen in den verschiedensten Spitälern bestätigen. Aktiv werden sie nur dann, wenn durch dramatische Behandlungsfehler,  juristische Klagen, Geldstrafen und Verurteilungen und damit verbundene negative Presse im Raum stehen.

Die Dimension nach wie vor unterschätzt

Welche gesundheitspolitischen aber auch ökonomischen Dimensionen – das ja eines der mittlerweile schlagendesten Argumenteketten im Gesundheitsbereich darstellt –  zeigt sich an den Zahlen, die Eichbauer im Jahre 2004 mit steigender Tendenz erhoben hat.  Eichbauer sprach von 40% MigrantInnenanteil im Einzugsgebiet des Hanusch Spitals und 50% Migrantinnenanteil in der gynäkologischen Abteilung. Im Artikel des Jahres 2012 werden etwa die Hälfte der Ambulanzpatientinnen genannt, die das Thema Dolmetschen betrifft.

Und noch eine Zahl ist bemerkenswert, die den Trend der letzten Jahre bestätigt. „70% unserer Arbeit verpufft“ glaubt der Notfallarzt Peter, der im Standard Artikel interviewt worden ist. Das mag zwar eine subjektive Wahrnehmung sein und vielleicht auch etwas übertrieben erscheinen, um die Dramatik der Situation zu betonen, sie deckt sich aber von der Tendenz her mit den Zahlen anderer Studien, die eine ähnliche hohe Quote der Ineffizienz (Fehldiagnosen, Verlegenheitsmedikamentation, Drehtüreffekte u.v.m.) konstatieren.

Alles in allem weist der Artikel  jedoch recht deutlich darufhin, dass die Rufe von Wissenschaft, Fachleuten und NGOs im wesentlichen ignoriert wurden. Das österreichische Gesundheitssystem (und nicht nur das) hat es trotz des bereits bestehenden Wissen bisher verabsäumt, sich auf eine heterogene und vielsprachliche Gesellschaft inhaltlich, fachlich und strukturell-organisatorisch einzustellen.

Einzelne Imagekampagnen oder Weiterbildungsaktiväten für Mitarbeiterinnen reichen dazu nicht aus. Im Gegenteil, man tut damit so, als wäre alles in Ordnung und wenn es Probleme gibt, dann sei das der mangelnden Komeptenz der Mitarbeiterinnen zu zu schreiben. Damit wird verschleiert, dass grundsätzliche, inhaltliche, systemische Fragestellungen nicht und nicht gelöst werden. Nicht nur, dass man ideologisch stur, Österreich wider besseres Wissen – als deutschsprechende, homgene Nation begreifen möchte – man unterwirft das öffentliche Gesundheitssystem einem ökonomisch-betriebswirtschaftlichen Diktat, bei dem alle Bürgerinnen draufzahlen.

Ein professionelles, funktionierendes Arbeitsumfeld für Mitarbeiterinnen im Spitalsalltag heisst, dass – so wie ein Röntgengerät und ein Labor zur Ausstattung gehört –  auch eine Verständigungsstruktur, die es ermöglicht mit den Patienten adäquat zu kommunizieren, benötigt wird. Dazu braucht man professionelle Kräfte, die zum Dolmetschen im Gesundheitsbereich ausgebildet worden sind und die in geordneten Strukturen ihren qualitativ hochkomplexen Job verrichten können. Alles andere wäre und ist fahrlässig. Denn, es ist für gut ausgebildetes Personal ebenso unerträglich wie für Patientinnen unter solchen Bedingungen arbeiten und behandelt werden zu müssen.


[1] Unter anderem hat Dr. Hans Eichbauer im Jahre 2003 am Wr. Hanusch Krankenhaus eine Untersuchung unter dem Titel „Gelebte Integration im Krankenhaus“ durchgeführt; Dr. Sonja Pöllabauer an der Universität Graz, Inst. für Translationswissenschaften hat im Rahmen der Studie „Communitiy Interpreting – Kommunikationsqualität im Sozial- und Gesundheitswesen“ zur behördlichen Dolmetschleistungen geforscht.

[2] Zur besseren und einfacheren Lesbarkeit habe ich die weiblichen Formen gewählt. Männer sind selbstverständlich mit gemeint.