Anläßlich der geplanten Volksbefragung über die Wehrpflicht…

Im Falter 36/2012 rechnet Benedikt Narodoslawsky unter dem Titel „Ich entlobe“ mit dem österreichischen Bundesheer ab und beschreibt seine Grundwehrdienstzeit. Als ich den Artikel las, fühlte ich mich tief berührt und erinnerte mich wieder an meine Zeit beim Militär, nur 24 Jahre früher, übrigens auch in Fehring. Und da fiel mir ein, dass ich doch darüber einen Essay geschrieben hatte.

Danke Naro.

Der 30. Juni 1980…

…war ein Montag. Es war der Tag, an dem ich beim österreichischen Bundesheer abrüstete. Durch die grauen, muffigen und düsteren Gänge der Kaserne stolzierte pünktlich um 6.00 Uhr morgens der Unteroffizier vom Dienst und schrie sein Tagwache hinaus, riss die Türen der Schlafsäle auf und bellte Befehle in den Raum. Er ergötzte sich daran, dass junge Männer mit verschlafenen Augen und halbsteifen Penissen aus ihren Betten schossen und zu lebenden Marionetten wurden.

Ich lag wach, hatte kaum geschlafen, aber das war heute egal. Starrte durch die heller werdende Dunkelheit, ersehnte den Sonnenaufgang und hörte Vögel, bis zum Schrei. Dann kam er. Ich freute mich auf ihn und erkannte die Lächerlichkeit, die in all dem obskuren Treiben lag; erst seit Heute. Es hatte keine Macht mehr. Ich sah ihm in die Augen. Er keucht ein Guten Morgen und ging wieder. Keiner hatte gegrüßt. Unser Zimmer war ein Abrüsterzimmer.

Morgenappell um 7:30 Uhr

Wir trugen Zivil. Wir stande lose herum, die sonst so geraden Reihen waren heute Knäuel und Schlangen. Unsere Namen wurden aufgerufen, manch einer erlaubte sich einen schlechten Scherz; vor Wochen undenkbar. 50 Meter weiter, vor der zweiten Stiege am Appellplatz standen die Jungen, die Neuen, in Reih´ und Glied. In voller Uniform schrien sie ihren Namen raus, wenn sie aufgerufen wurden. Die Chargen schlenderten gelangweilt durch die Reihen der Rekruten, auf der Suche nach einem Fehler an der Uniform oder beim Haarschnitt. Sie haben sich etwas Böses für den Tag ausgedacht: im Dreck robben, schießen und Gewehr putzen, 30 Kilometer-Fußmarsch mit 30 Kilo Gepäck, Schützengräben ausheben; die müden, die schwachen, die ungelenken schikanieren, zwanzig Liegestütze machen lassen oder einfach Gehirnwäsche im Hörsaal. Ich hatte kurz Mitleid. Aber die Jubelstimmung in mir gewann die Oberhand.

Es folgte die Abgabe der Ausrüstung; ein langersehnter Moment an der Waffenkammer. Mich durchstömte ein Glücksgefühl. Ich durfte meine „Braut“ abgeben. Nie wieder würde ich ein solch abscheuliches, ölverschmiertes, übel riechendes Stück in den Händen halten müssen. Wie oft hatte ich es doch auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt, geputzt, geölt und gehasst! Dann kam das Messer, jenes Teil, das immer plank geputzt sein musste und mit dem man den Nahkampf übte: Von hinten lautlos anpirschen, hochschnellen, den Kopf am Kinn nach hinten reissen und einen Schnitt quer um dem Hals führen. Das habe ich so schnell wie möglich vergessen. Ab diesem Tag war ich wieder Zivilist und mehr als das, an diesem Tag wurde ich Antimilitarist.

Sechs Monate davor,

am 1. Jänner 1980, ich war noch keine 18 Jahre, lag ich in einer kleinen, tiefverschneiten Holzhütte in einem schmalen Bett in der Obersteiermark bei Zeltweg. Neben mir lag die jüngere Schwester eines Freundes. Wir waren gerade im Begriffe uns zu verlieben. Sie war ein rotbackiges, hübsches Ding, das hier in den Bergen über dem Murtal zwischen Tieren, Feldern und Wald aufgewachsen war. Die Clique aus Graz feierte Silvester. Max, ihr älterer Bruder, gehörte zu uns.

Ich konnte es kaum erwarten, den Rucksack voller Wäsche bei der Kleiderkammer abzugeben, dann rüber zur Schuhkammer und schließlich das ekelige Essgeschirr los werden. Bis unserer Zug alles abgegeben hatte, war es später Vormittag geworden. Wir stellten uns ein letztes Mal auf, zum Schlußappell. Jeder einzelne wurde aufgerufen, erhielt sein Entlassungsschreiben, einen Händedruck vom Kommandanten, einem alten Säufer und eine Erinnerungsmedaille. Danach hätten wir noch zu Mittagessen können; ohne mich! Ich machte mich davon, so schnell es ging, verabschiedete mich von den wenigen Typen, die es mir wert waren. Den Rest vergaß ich so schnell wie möglich. Es blieb keiner in meinem Gedächtnis. Ich konnte gehen, einfach raus; das Gelände verlassen, ohne Urlaubsschein, ohne höhere Chargen grüssen zu müssen, ohne Wiederkehr. Mit diesem Tag endeten sechs Monate der Qual, der Hoffnungslosigkeit, der Angst, der Verzweiflung.

Sie fühlte sich fest und stramm an, sie war anfangs schüchtern und zögerlich. Doch je länger der Abend dauerte, desto inniger wurden wir und als der Morgen graute, war der Bruder vergessen und wir küssten uns lange und heftig, lernten uns kennen und ließen unsere Hände wandern. Ab und zu kam jemand von der Clique ins Zimmer, um zu sehen, ob noch alles in einigermassen geordneten Bahnen verlief. Sie waren rührend besorgt und beschützten uns. Max war tolerant.

Während ich den Schranken und den Wachposten hinter mir ließ, weinte ich vor Glück. An diesem Tag wußte ich zum ersten Mal, was Glück bedeutete – in diesem, einem Leben. Ich fühlte noch etwas anderes: das große und weite Gefühl der Freiheit. Es besetzte jede Faser meines Körpers. Da schwor ich mir, mein Leben ab jetzt in die Hand zu nehmen, dem Denken auch Handlungen folgen zu lassen und mich nie mehr in Situationen bringen zu lassen, die ich nicht steuern konnte. An diesem Tag ging ich viele Stunden, durch Landschaften, über Wiesen und Felder, an Bundesstraßen entlang und durch kleine Ortschaften hindurch. Ich ging und ging. Es war ein schöner Frühsommertag, mild und herrlich duftend. Erst als die Sonne schon tief stand, stoppte ich mir ein Auto herunter und ließ mich nach Graz mitnehmen. Es war vollbracht.

Als es Zeit fürs Frühstück war – es war schon nach Mittag – und wir uns in der Bauernstube versammelten, duften die Eltern von unseren nächtlichen Erkundungsreisen nichts wissen. Die Abfahrt nach Graz dräute herauf. Wir gingen, um den gestrengen Blicken der Eltern zu entfliehen, spazieren. Die Clique war unser Schutzschirm. Wir stapften händchenhaltend durch den tiefverschneiten Wald, gingen bald verloren, froren und kamen zu einem Wildunterstand. Dort waren wir uns für noch einmal nahe; ganz sanft, ganz zärtlich, unendlich.

Wir hörten unsere Freunde kommen. Sie drängten zum Aufbruch. Es war dämmrig geworden. Ich klammerte mich an sie, sie sich an mich. Es war herzzerreißend, wir liebten uns in dem Moment aufrichtig und inniglich. Wir mussten Abschied nehmen, der Geschmack des letzten Kusses – ihre süßen Lippen gemischt mit salzigen Tränen – brannte sich in mir ein. Sie stand am Weg im Schnee, dicke Tränen liefen ihr über die Wangen. Hinter der ersten Kurve verschwand sie – für immer. Diese, unsere Nacht war die einzige geblieben. Wir sahen uns nie mehr. Am nächsten Morgen startete die verhasste Mission Militär.