Folgender Beitrag erschien im Buch: „Campingbus. Nie!“ Portraits, Positionen, Perspektiven zur Krise – herausgegeben von Samuel Stuhlpfarrer und Martin Behr (Hg.) mit Beiträgen von Fritz Weber, Edith Meinhart, Colette M. Schmidt, Samuel Stuhlpfarrer, Anselm Wagner, G.R.A.M., Johannes Schrettle, Wolfgang Gulis, Josef Schützenhöfer und Karl Heinz Roth.
Piroska Fok
Wir schreiben den 6. Mai 2008. In der Öffentlichkeit wird ein schon seit Wochen schwelendes Gerücht bestätigt. Das Gratkorner ThyssenKrupp Aufzugswerk muss Ende des Jahres zusperren. Die kurz gehaltene, sachliche Meldung: 300 Menschen werden vom Stellenabbau betroffen sein. Politik und das Arbeitsmarktservice (AMS) können nur mehr Sozialpläne erstellen, um die sozialen Folgen abzufedern. Alle wissen Bescheid: die Rohstoffpreise, die Arbeitskosten, der Weltmarkt. Der Konzern müsse eben auf seine Gewinne schauen, das Verständnis ist groß.
Piroska Fok, gebürtige Budapesterin und damals bereits 15 Jahren in Österreich, ist eine von den 300 Betroffenen. Sie landete mit den anderen in der errichteten ThyssenKrupp Arbeitsstiftung. Das Tragische daran war nicht, dass eine Firma, in der sie arbeitete, Pleite ging. Das kam schon vor. Das Unglück hatte mehrere Facetten. Erstens, die Krise wird die Wirtschaft, die Politik, die Medien und den Arbeitsmarkt in den darauf folgenden Monaten beherrschen und weltweit in Atem halten. Zweitens ihr Alter; denn mit 57 Jahren sind die Aussichten am Arbeitsmarkt gering. Auch wenn viele in der Öffentlichkeit davon reden, dass die Chancen für Ältere am Arbeitsmarkt intakt seien und wir alle ja schließlich länger arbeiten sollen: Die Realität entlarvt dies meist als Lügen.
Wir treffen uns mehrmals, um ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Beim ersten Gespräch wirkt sie zurückgezogen, eingefallen, müde. Es fällt mir schwer, sie Piri zu nennen, das ist ein viel zu lebensfroher, jugendlicher Spitzname. Piroska Fok ist alles andere als lustig und lebensfroh. Sie wirkt umständlich, unentschlossen, sich ständig befragend und unsicher, verletzlich, kränklich. Es ist ein schöner, warmer Sommertag und Fok sitzt mit einem Schal um ihr rechtes Ohr gewickelt. Sie sagt, sie hat Angst, sich eine Mittelohrentzündung zu holen. Sie habe jegliche Kraft verloren, sie leide unter Depressionen und sie fühle sich schwach. Seit einiger Zeit gehe es ihr etwas besser, weil sie bei einer Therapeutin sei, daher könne sie sich mit mir treffen und darüber reden. Das Bild, das sie abgibt, passt mit ihrer Lebensbiografie gar nicht zusammen.
Piroska Fok wurde 1953 in Budapest im 14. Bezirk (Zugló) geboren, ein Viertel mit vielen Grünanlagen und typischen Vorstadteinfamilienhäusern. Ihr Großvater hatte das Haus gebaut. Er war gut situiert, da er bei der Nationalbank beschäftigt war. Ihr Vater war der jüngste Sohn der drei Geschwister, der im Haus leben blieb; auch als er später heiratete. So erlebte Piroska Fok eine schöne Kindheit, in einem Mehrgenerationenhaushalt. Sie wuchs in der Großstadt auf und hatte trotzdem die Vorzüge des Landlebens, der Natur. Als Kind hatte sie Obst und Früchte nur von den Bäumen oder den Sträuchern gegessen, die im Garten des Hauses standen.
Sie sagt, sie war immer schon naturwissenschaftlich, technisch begabt und eher ein burschikoser Typ. Wilder als die anderen Mädchen, immer bei den Buben dabei, wenn es um Spiele und Streiche ging. Man sieht es und hört es ihr an, wie schön ihre Jugendjahre in Budapest gewesen sein müssen. Ihre Mutter kam vom Land aus einer Bauernfamilie, was in der Budapester Großbürgerfamilie Aufruhr verursachte. Ihr Vater war gläubiger Katholik; im damals kommunistischen Ungarn karrieretechnisch nicht förderlich. Sie genoss eine gute Ausbildung, ging aufs Gymnasium, absolvierte eine technische Fachhochschule, wurde Maschinenbauingenieurin. Während ihres Studiums lernte sie ihren späteren Mann kennen und wurde kurz vor ihrem Studiumsabschluss schwanger. Ihr erstes von drei Kindern kam 1975 auf die Welt. Sie ging in Karenz, beendete aber dennoch ihr Studium.
Die junge Familie zog nach Szeged, einer Kleinstadt unweit des Dreiländerecks Ungarn, Rumänien und Serbien. Die Größe – Szeged hatte etwa 170.000 Einwohner und alle Vorzüge einer Provinzstadt – passte ihr und dem kleinen Sohn gut. Piroska Fok gefiel es dort sehr gut. Sie wurde ein zweites Mal schwanger und bekam ihren zweiten Sohn. Ihr Mann studierte in Szeged fertig und wollte dann aber zurück nach Budapest. Sie wollte bleiben, fügte sich aber und so waren sie nach einem Jahr wieder in Budapest gelandet.
Diesmal allerdings längst nicht so feudal wie damals in ihrer Kindheit. Sie musste ihre zwei Kinder in einer kleinen Wohnung in Budapest aufziehen und es war alles andere als unbeschwert. Die Spannungen in ihrer Ehe nahmen auch zu. Sie bekam – offensichtlich psychosomatisch bedingt, wie sie selbst sagt – eine chronische Darmentzündung, an der sie 27 Jahre lange laborieren sollte.. Als der jüngere Sohn 1980 in den Kindergarten kam, begann sie als Konstrukteurin erst in Budapest und später als Projektleiterin im ungarischen AKW Paks zu arbeiten. Ihre Beziehung funktionierte immer schlechter und ging schließlich in die Brüche. Piroska Fok sagt, sie ist ein Familienmensch und so etwas wie eine Trennung ist nie einfach. Dennoch: Als diese vollzogen war, und sie wieder arbeiten konnte, ging es ihr und den Kindern besser. Sie und ihr Mann vereinbarten, dass sie sich die Kinder aufteilen. Der ältere Sohn wohnte überwiegend beim Vater, der jüngere blieb bei ihr.
Zum damaligen Zeitpunkt waren in Paks zwei Blöcke in Betrieb. Sie arbeitete an den Blöcken 3 und 4. Nach der Fertigstellung (1986 und 1987) bekam sie das Angebot in die DDR zu gehen, am Kernkraftprojekt Stendal (Bezirk Magdeburg, Sachsen Anhalt) weiter zu arbeiten. Sie ergriff die Chance, lernte Deutsch und machte sich auf. In Stendal arbeitete sie als Technikerin. Dann kam die Wende. Und so schön die Wende war – Piroska Fok fuhr noch in der Nacht, wie sie mit strahlenden Augen erzählt, nach Berlin und erlebte die ungeheure Aufbruchstimmung und Freude mit – so war es doch ein Weltereignis, das in ihr Leben von Außen eingriff. Wenige Monate danach verlor sie ihren Job, der ursprünglich auf zehn Jahre geplant war. Die Arbeiten am AKW waren bald eingestellt worden und Stendal wurde zur Industrieruine und nie fertig gebaut. So ging Piroska Fok nach Ungarn zurück.
Piroska Fok ist eine Kämpferin. Das zeichnet viele MigrantInnen aus. Sie ist flexibel, anpassungsfähig, lern- und leistungsbereit. Das müssen Exilierte immer sein. Sie gab nicht auf, war optimistisch und bereit, immer wieder Neues zu wagen. Sie vereinte alle Attribute, die uns in der Werbung und in der globalisierten modernen Arbeitswelt so gerne als Erfolgsattribute vorgegaukelt werden. Zurück in Budapest bekam sie die Chance, als Übersetzerin und Dolmetscherin für die Generali Versicherung zu arbeiten, die als eine der ersten Institute den Markt in Ungarn zu erobern begann und war fortan in der Generaldirektion Budapest beschäftigt. Unternehmenslustig, neugierig und reisefreudig wie Piroska Fok war, zog es sie schließlich 1991 in die USA. Sie hatte familiäre Kontakte – ein Cousin führte erfolgreich eine Filter- und Entlüftungsfirma in Chicago – und so nutzte sie eine Einladung und verdingte sich eine Zeit lang als Nanny bei einer jüdischen Familie. Es gefiel ihr sehr gut, sie wollte bleiben und auch die Familie wollte dies. Aber ihr Visum wurde nicht verlängert und sie musste zurück nach Ungarn. Also landete sie in Budapest. Glücklicherweise nahm sie Generali wieder auf.
Da Generali ihren Hauptsitz für Osteuropa in Wien hatte, kam sie beruflich auch öfter nach Österreich. Durch Zufall erfuhr sie von einem Job, bei einer Versicherungsmaklerfirma in Hartberg. Sie bewarb sich und bekam ihn. Weil sie ihn, wie sie sagt, unbedingt haben wollte und alles daran setzte. Daraufhin zog sie nach Hartberg. Für viele Firmen und Unternehmen jedoch war es die Phase der Goldgräberstimmung: let´s go east. Man versuchte, in den ehemaligen Ostblockstaaten Fuß zu fassen. Im Vordergrund stand die Hoffnung auf Profit, auf schnelles Geld. Da passte Piroska Fok – mehrsprachig und Ungarn-Kennerin – gut ins Konzept.
Piroska Fok lernte bei der Generali den Vater ihres dritten Kindes kennen, von dem sie 1994 schwanger wurde. Probleme tauchten auf: eine Risikoschwangerschaft und der Mann war schon verheiratet. Nach „monatelangem Hin und Her“, wie sie mit süffisantem Unterton schildert, zog er endgültig zu ihr und verließ seine Frau. Aber auch diese Beziehung hielt nicht. Heute meint sie, deswegen, weil er zu unflexibel war, keine Fremdsprachen lernen und auch nicht nach Österreich kommen wollte. Er blieb lieber in Budapest. Eine verzwickte private Geschichte, die aber „ein wunderschönes Ergebnis“ hatte, wie sie es formuliert: ihr dritter Sohn.
Stichwort Kinder. Piroska Fok sagt, ihre Söhne seien alle wunderbar und sie sei stolz auf sie. Sie hat immer versucht, ihnen eine gute Ausbildung zu kommen zu lassen, denn „Bildung ist immer noch etwas, was eher den Reichen vorbehalten ist“. Bildung kostet viel Geld – Sprachkurse, Reisen etc… – das hatte sie nie. Aber Auslandserfahrungen, Sprach- und Kulturkenntnisse zu ermöglichen, damit sie sich in der großen Welt besser zu Recht finden können und bessere Zukunftschancen haben, das wollte sie ihnen bieten. Nebenbei erzählt Piroska Fok, dass sie während der Schwangerschaft zwischen Hartberg und Budapest pendelte und eines Tages anonym angezeigt worden sei. Der Vorwurf? Sie würde die meiste Zeit nicht in Österreich verbringen. Daraufhin musste sie sich alle zwei Tage bei der Bezirkshauptmannschaft Hartberg melden, um nachzuweisen, dass sie ihre Zeit doch in Hartberg verbrachte.
Als die Karenz nach zwei Jahren endete, wollte sie in die Firma zurückkehren, wurde jedoch umgehend gekündigt. Die Goldgräberstimmung war zu Ende. Die Gesetzeslücken waren geschlossen. Die Gewinnmargen pendelten sich auf Normalmaß ein, ihre Aufgaben wurde nicht mehr benötigt. Sie wurde „abgebaut“. Die Ungerechtigkeit, nach der Karenz gleich gekündigt worden zu sein, steckte sie schnell weg. Sie machte sich gleich auf die Suche, fand einen neuen Job bei einer anderen Firma in der Hartberger Region. Die Branche: Fenster und Türen. Auch hier sollte Piroska Fok ihre Sprache und ihre Kontakte nach Ungarn einsetzen, für Marktforschung, Werbung und neue KundInnen. Die Firma wollte expandieren, wie viele andere. „Nur ausgeben wollten sie nichts“, Piroska erhielt nur einen Teilzeitjob, arbeitete aber Vollzeit, denn in Wahrheit hätte sie eine eigene zweite Firma aufbauen sollen. Sie musste ihr eigenes Auto benutzen und erhielt nur das Benzin rückerstattet, Das ging natürlich nicht. Nach acht Monaten war es zu Ende.
Piroska Fok gab nicht auf. Sie fand eine Anstellung als Rechtsschutzberaterin. Sie hatte wieder die Branche gewechselt. Eineinhalb Jahre ging das gut, dann beendete sie diesen Job. Auf die Frage warum, gab sie zuerst nur ausweichende Antworten und erwähnte etwas von Akzeptanzproblemen. Bis sie mit der Wahrheit rausrückte, dauerte es ein wenig, aber diese war umso beschämender; nicht für sie, sondern für unsere Gesellschaft. Ihr perfektes Deutsch nützte ihr nichts. Sie bekam keine Abschlüsse. Die Leute vertrauten ihr nicht, weil sie keine „Hiesige“ war und weil sie nicht den Dialekt aus der Region sprach.
Auch diese Episode steckte Piroska Fok weg. Sie übersiedelte neuerlich, ging zu einer Spedition nach Leibnitz, bekam eine Dienstwohnung. Sie sollte für die Spedition in Ungarn billige Frächter finden und den Markt entwickeln. Aber bereits nach vier Monate zog sich die Spedition wieder zurück, weil sie erkannte, dass sie mit falschen Erwartungen das Experiment Expansion gestartet hatte. Jetzt war auch die Wohnung weg, die musste sie ja zurückgeben. Aber sie hatte Glück. Eine Bekannte wusste von einer Wohnung in Wildon, in die sie einziehen konnte. Ihr dritter Sohn begann dort die Volksschule.
Im Rückblick weiß Piroska Fok, dass die Vorstellungen und Erwartungen der Firmen völlig überzogen und unrealistisch waren. „Die meisten Inhaber und Geschäftsführer hatten sich mit den Bedingungen vor Ort überhaupt nicht vertraut gemacht, sondern sich einfach nur billiges, schnelles Geld erhofft“. Nach den Ausflügen ins Versicherungsfach ging es für Piroska wieder zurück zur Technik. Flexibel wie sie war, machte ihr das nichts aus. Sie begann im Frühjahr 2000 bei Philips in Lebring als Ingenieurin zu arbeiten. Philips hatte in Szombathely ein Partnerwerk. Daher waren die Sprachkenntnisse von Piroska Fok nützlich. In Lebring wurden die großen Röhrenmonitore für PCs hergestellt. Das seltsame daran war, dass Philips ab 1999 in Österreich und Ungarn expandierte und zusätzliches Personal aufnahm, obwohl schon deutlich war, dass Flachbildschirme (die sicher nicht in Lebring hergestellt werden) die Zukunft sein würden.
Kaum war Piroska Fok im Werk, begannen die Gerüchte. Philips fusionierte die Sparte mit LG. Es war alles im Umbruch bei Philips und dass demnächst zugesperrt wird, war ein offenes Geheimnis. Piroska Fok ging vorzeitig im Frühjahr 2001 nach ungefähr einem Jahr und Philips sperrte die Werke in Lebring (2002) und Szombathely (2003) zu. In Lebring waren 680 MitarbeiterInnen betroffen. Danach dauerte es einige Zeit bis Piroska Fok wieder einen Job bekam. Zum ersten Mal war sie längere Zeit arbeitslos. Sie erhielt im Rahmen einer vom AMS geförderten Maßnahme – ZAM (Zentrum für Ausbildungsmanagement), durch ISOP/Nowa eine Weiterbildung und einen Job. Sie erlernte den Beruf der interkulturellen Logistik Assistentin und arbeitete bei Logim, eine Logistiksoftwarefirma in Wundschuh, die später von der Firma Knapp übernommen wurde. Zuerst war sie zwei Jahre lang Assistentin der Abteilung für Projektabwicklungen und nach dem EU-Beitritt Ungarns stieg sie zur Sales & Projektmanagerin auf und wurde Leiterin der Ungarn Abteilung.
Durch den 2004 erfolgten Beitritt von Ungarn zur EU animiert, versuchte die Firma eine Expansion nach Ungarn. Noch heute findet man im Internet eine Werbeseite auf Ungarisch von Logim, auf der Piroska Fok als Ansprechpartnerin für das Projekt „pick by voice“, eine technische Lösung für Kommissionierungen in der Lagerlogistik aufscheint. Nach zwei Jahren war das Projekt jedoch wieder am Ende. Die Firma beendete ihr Ungarn Engagement und Piroska hatte keinen Job mehr. Wieder einmal.
Ich muss innehalten, angesichts der Rasanz ihres Lebens. Was ihr Kraft und Halt gebe, frage ich sie und ihre Antwort kommt schnell. Ihr jüngster, dritter Sohn, für den ist sie jetzt da, mehr als je zuvor; aber auch die beiden älteren Söhne. Ihr zweiter Sohn bekam unlängst in Wien einen Job und der Älteste lebt und arbeitet seit 6 Jahren in Deutschland. Piroska Fok sagt: „Durch ihre Bildung, ihre Sprach- und Kulturkenntnisse genießen alle drei Söhne eine größere Freiheit im Leben und ich betrachte dies als meinen größten Erfolg!“ 2005 wird Piroska Fok im Rahmen einer Ausbildungsabschlusspräsentation von ZAM und in Anwesenheit von AMS und Landespolitik als Beispiel für den Erfolg der Maßnahme erwähnt und der Öffentlichkeit präsentiert. Doch gegen die Kräfte des Marktes und gegen die sich immer rascher drehenden Profitmaximierungsspirale haben die besten Absichten von Piroska und dem ZAM keine Chance. 2006 wird Piroska Fok entlassen.
Wenn sie heute auf diese Phase zurückschaut, dann meint sie, dass es ihr nichts ausmachte, immer wieder etwas Neues machen zu müssen. Den Wechsel in andere Branchen, in neue Jobs vornehmen zu können, sah sie immer als Chance. „Mein Vater hat sein ganzes Arbeitsleben immer im gleichen Betrieb, am gleichen Schreibtisch gearbeitet“. Das war für sie nicht erstrebenswert. Aber sie sieht rückblickend auch die Nachteile ihrer Berufskarriere. Sie hatte nie die Möglichkeit etwas Dauerhaftes zu entwickeln, über die Einstiegsphase hinaus zu kommen. Ihre längste Arbeitsdauer in Österreich war bei Logim und die dauerte insgesamt knapp vier Jahre. Bei einigen Firmen wäre sie wirklich gerne länger geblieben, seufzt sie. Doch es sollte noch eine Weile so weiter gehen.
Wir sitzen in einem Park, das Wetter ist schön und wir sind in der jüngeren Vergangenheit der Lebensgeschichte von Piroska Fok angelangt. Zwischen 2003 und 2007 lebte ihr jüngster Sohn in Budapest bei seinem Vater. Zum einen, weil sie wollte, dass dieser mehr Familienkontakt und Heimatkultur erlebt, zum anderen weil es ihrem Sohn nach dem Schulwechsel in der Grazer Schule nicht gut ging. Ihr Sohn, der sich als sprachbegabt entpuppte und mittlerweile fünf Sprachen spricht, wurde krank. Er bekam eine Darmkrankheit – ähnlich die seiner Mutter. Er kam wieder zurück nach Österreich und seit 2008 besucht er ein Grazer Gymnasium.
Nach dem Ende bei Logim begann Piroska bei einer Maschinenbau Firma in Gleisdorf. Die Firma ist im Bereich von Maschinen und Gesamtanlagen für Aufbereitungs-, Umwelt- und Verpackungstechnik tätig. Sie war in einer Abteilung tätig, in der sie als Back Office Managerin arbeitete. Diese Abteilung stand wirtschaftlich unter Druck. Es ging wieder nicht gut und sie wurde gekündigt. Bald danach fand Piroska Fok wieder einen neuen Job, diesmal bei ThyssenKrupp in Gratkorn. Sie war begeistert, fühlte sich wohl. Doch auch das währte nicht lang. Der Düsseldorfer Konzern begründete das Ende in Gratkorn mit dem „zunehmenden Wettbewerbsdruck und der sich ändernden Marktbedingungen“. Dadurch würden die in Gratkorn produzierten Produkte weniger nachgefragt. Piroska Fok kam in die Arbeitsstiftung, die vom Land Steiermark und AMS errichtet worden ist.
2009 schloss sie den Tourismusmanagementkurs ab. Zwei Semester an der Grazer Uni studierte Piroska Fok Russisch. Sie sagt, dass es jetzt vieles anders sei. „Ich finde in der Krise und mit 57 Jahren keinen Job mehr“. In den letzten Monaten und Jahren merkte sie auch, dass sie nicht mehr mithalten konnte, so wie früher. Sie weiß, dass sie schnell müde wird und sich Erschöpfung breit macht. Sie litt auch unter Depressionen. Sieht man Fotos von Piroska Fok aus den Jahren 2004 bis 2006, so erkennt man sie kaum wieder. Von der attraktiven, hübschen und agilen Frau blieb nicht viel über. Der Stress des Arbeitslebens, das Immer-wieder-neu-beginnen-müssen, die ökonomischen Ängste, der Kampf um die Anerkennung in einem fremden Land, das sie selbst zur Heimat machte, hatte sie altern lassen.
Piroska Fok schreibt mir. Sie hat einen Entwurf des Textes gelesen und sie ist den Tränen nahe, als sie sich der Härte der eigenen Geschichte bewusst geworden ist und diese schwarz auf weiß lesen musste. Sie befürchtet, dass sie bis zur Pension (2013) überhaupt keinen Job mehr finden wird. Sie spürt, dass sie am Abstellgleis steht. Sie kämpfte eine Zeitlang auch noch dagegen an, das machte sie aber erst recht fertig. Mittlerweile hat sie sich damit abgefunden. Seitdem geht es ihr besser. Sie weiß auch, dass sie eine volle Arbeitsbelastung auch gar nicht mehr aushalten würde. Sie ist im Status einer Langzeitarbeitslosen. Ein Status der, angesichts der Kompetenzen und Erfahrung von Piroska Fok, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist. Verarbeitet, ausgenützt und verwendet, durch die Mangel getrieben, bis man sie nicht mehr brauchen konnte. Das muss man erst einmal verkraften.
Die Geschichte wäre jetzt zu Ende. Dachte ich. Doch als wir uns wieder treffen, um etwaige Korrekturen vorzunehmen, treffe ich eine andere Piroska Fok. Eine, die wieder aufgestanden ist. Eine, die wieder weiter machen will. Eine, die neue Ziele hat und der es sichtlich besser geht. Sie erzählt, dass sie zwei Kurse begonnen hat, Montessori Grundlagen beim BFI und die Interkulturelle Elternbegleitung an der UNI Graz. „Gleichzeitig bin ich geringfügig in einem Privathaushalt als Kinderbetreuerin und mache ein Praktikum bei ISOP (innovative Sozialprojekte). Somit wechsle ich in meinem nächsten Lebensabschnitt in den Sozialbereich – für mich ein fast neues Terrain“, sagt sie. Piroska Fok meint, dass dies im Text doch eine interessante Wende sein könnte, nach dem verdrießlichen Absatz zuvor. Die Krise habe sie nicht „besiegt“, sagt sie. Ihre Geschichte wäre nicht vollständig, wenn sie nicht wieder aufstehen würde. Da hat Piri absolut Recht.