Massenradikalisierung

Es fängt ganz harmlos an

Massenradikalisierung in digitalen Zeiten

Lea[1] war eine nette, freundliche Zeitgenossin, hatte studiert und war gerne auf Reisen; ein wenig hippymässig war sie schon unterwegs, alternativ könnte man auch sagen. Predigte die Großartigkeit der Mutter Erde und die Kraft der Natur, zu der wir zurückkehren sollten, glaubte an Globoli und alternative Heilmethoden. Sie ging gerne auf Konzerte, bot Achtsamkeitsseminare und Yoga Kurse in freier Natur an. Sie war in den sozialen Netzwerken aktiv, auf Facebook, Instagram und Telegram.

Wenn man ihre Accounts aufmerksam verfolgte und bei ihr mitlas, merkte man, dass sich bei ihr langsam aber sicher was veränderte. Es mischten sich mitunter seltsam anmutende Untertöne dazwischen, die ein bisserl nach Verschwörung klangen, nicht auffällig, nicht oft, aber doch immer wieder. Ihre Sprache war auch nicht mehr so respektvoll und positiv wie zu Beginn. Sie schrieb allen möglichen die Schuld zu. Sie machte andere verantwortlich: „Die da oben, die Politiker, die Machteliten.“

Einhegung funktioniert nicht mehr

Seit etwa dem Jahre 2015 konstatierten Forscher*innen, die sich mit dem Thema Radikalisierung, Extremismus und digitale Medien beschäftigen, eine auffällig neue Entwicklung. Radikale, extreme Inhalte, absurde Gerüchte, Verschwörungen und falsche Behauptungen sind nicht mehr auf die entsprechend bekannten und meist von Staatsschutz und Forscher*innen beobach-teten extremen Kreise eingehegt, sondern dringen in die Mitte der Gesellschaft vor.

So warnte Nico Prucha, Arabist und Islamwissenschaftler bereits 2017 im Rahmen eines Falter Interviews davor, die Entwick-lungen zu unterschätzen[2]. „Wir müssen verstehen, dass für den IS – Islamischen Staat – neue Medien ein ganz wesentlicher Kriegsschauplatz sind“, gab Prucha zu Protokoll. Er konzentrierte sich damals auf den IS, da dieser in Syrien erfolgreich Gebiete gewann und auch Sympathisant*innen in Europa fand, die für den IS in den Kampf ziehen wollten.

Prucha, der sich in diversen Kanälen und Gruppen Undercover eingeschleust hatte, berichtete von professioneller Reporterarbeit des IS, die Kurzvideos drehten und ihre Botschaften verbreiteten, sowohl brutale Kriegsszenen, Hinrichtungen von Gefan-genen, als auch Hilfsmaßnahmen des IS für die Zivilbevölkerung. Diese, so erklärt er, seien alle mit religiösen Inhalten und Codes unter-legt.

Trotz aller Einschränkungen und Blockaden der Plattformen, damals war Twitter noch relevant, die Botschaften verbreiteten sich und waren attraktiv, erzeugten Spannung und bedienten so manches Antiestablishment und -westliches Narrativ. Die Kämpfer stürben als Märtyrer für die Religion, für etwas Größeres, so die Hauptbotschaft.  

Das Drehen der Stimmung

Wie stark diese digital unterstützte Wirkung bereits war, konnten wir im Herbst 2015 in Deutschland und Österreich hautnah miterleben, als die Flüchtlingsbewegung aus Syrien, Iran, Afghanistan und Irak ihren Höhepunkt erreichte und über eine Million Menschen sich auf der Balkanroute befanden und überwiegend durch Österreich kamen. Die meisten wollten nach Deutschland und Schweden.

Die positive Stimmung und anfängliche große Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft, die heute völlig in Vergessenheit geraten ist und bis weit in den Herbst/Winter anhielt, wurde sukzessive durch negative Aussagen von Politiker*innen (etwa ÖVP-LH Schützen-höfer[3]) und gezielten Falschinformationen und Gerüchten gedreht[4].

Es wurde mit jeder Falschmeldung – die erst mühsam dementiert und entkräftet werden musste und bei weitem nicht dieselbe Reichweite erhielt, wie dies der Ursprungslüge gelang – mehr und mehr Zwietracht gesät und die Stimmung in der Bevölkerung wurde nach und nach gedreht, feindseliger und gehässig.

Recherchen und Untersuchungen fanden heraus, dass eben nicht nur radikal islamisti-sche Strömungen die digitale Welt als Schauplatz ihrer Propaganda auserkoren haben, sondern auch andere extremistische Gruppen[5]. In der Phase der Flüchtlingsbe-wegung 2014-2016 waren es hauptsächlich rechtsextreme Gruppen und Parteien, die die Fake-News gegen Flüchtlinge erstens erfanden und zweitens verbreiteten.

In einem seltenen Fall des „auf frischer Tat ertappt werdens“ konnte ein AFD Abgeordneter in einem Interview des NDR entlarvt und der völlig haltlosen Lüge überführt werden[6]. Unterstützt wird Propaganda insbesondere durch den Einsatz von Social Bots[7] und professionellen Trollen[8].

Mittlerweile haben Despotien und Autokra-tien wie Russland, Iran oder Nordkorea aber auch Firmen und Unternehmen daraus ein Geschäftsmodell entwickelt und destabi-lisieren erfolgreich Demokratien (wie unlängst Rumänien) und beeinflussen Wahlen[9].

Der digitale Mob trifft sich im realen Leben

Wie schwerwiegend die Unterwanderung der Gesellschaften mit Falschmeldungen, Gerüch-ten und Verschwörungserzählungen, die zumeist einen antisemitischen Hintergrund oder Ursprung  haben[10], bereits geworden ist, wurde uns am 6. Jänner 2021 live und in Farbe vorgeführt.

An diesem Tag stand die – an sich nur mehr formale – Bestätigung des Wahlsieges des damals gewählten US-Präsidenten Joe Biden im Senat und Repräsentantenhauses auf der Tagesordnung. Ein von Donald Trump nach Washington geholter Mob und eine aufgesta-chelte Menschenmenge stürmte das Kapitol und drang gewaltsam ein und unterbrachen damit die Sitzung. Es gab wilde Gewaltszenen, die Putschisten drangen in die Amtsräume ein und randalierten. Es gab hunderte Verletzte und 5 Tote.

Den Prozess der Bestätigung konnten sie nicht verhindern, dank Vizepräsidenten Mike Pence, der die Sitzung unterbrechen ließ, die Abgeordneten in Sicherheit brachte und in den Morgenstunden des 7. Jänners den Beschluss sicherstellte.[11]

Was sich aber viel hartnäckiger hält und bis in den letzten Wahlkampf „Harris gegen Trump“ reichte, war die Lüge wonach Trump der Wahlsieg gestohlen worden sei. Erschreckend hoch ist die Zahl der republikanischen Wähler, nämlich 7 von 10, die bis heute an diese Lüge glauben[12].

Im Zuge der Untersuchungen des FBI und Geheimdienste wurde deutlich, dass die Mobilisierung und das Aufhetzen der verschiedenen Gruppen, die man als para-militärisch bezeichnen muss, gezielt über diverse Medienkanäle erfolgte und was weiters deutlich wurde, dass die Radikali-sierung genau in diesen Netzwerken statt-fand. Viele Expert*innen waren überrascht, wie schnell diese Radikalisierung vor sich ging und sich verbreitete.

Wie Julia Ebner, Expertin und Forscherin zu Extremismus[13], insbesondere dem Rechtsextremismus bereits 2017 bemerkte, Narrative und Erzählungen aus den diversen extremistischen Ecken wandern in die Mitte der Gesellschaft. Diesen Befund konnte sie sowohl quantitativ, wie auch qualitativ nachweisen. Immer mehr Menschen finden zu immer radikaleren Verschwörungserzähl-ungen und sind zu immer extremeren Aktionen bereit, sowohl verbal-digital, als auch analog gewalttätig.

[1] Name von der Redaktion geändert

[2] https://www.falter.at/zeitung/20170208/klicken-wir-uns-mal-rein

[3] https://www.derstandard.at/story/2000024362718/schuetzenhoefer-warnt-vor-explosion

[4]https://www.derstandard.at/story/2000024465822/polizei-dementiert-geruechte-zu-pluenderungen-von-diesen-leuten-geht-keine

[5]https://correctiv.org/faktencheck/artikel-faktencheck/2017/09/24/auch-in-deutschland-kamen-bots-zum-einsatz/

[6]https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama/archiv/2015/Uwe-Wappler-Das-habe-ich-nicht-exakt-praesent,panorama5900.html

[7] https://www.pwc.de/de/technologie-medien-und-telekommunikation/fake-news-und-social-bots.html

[8]https://www.rnd.de/digital/wie-trollfabriken-die-demokratie-untergraben-GUIP6EUCSFFVZHNGUMNRSZCXCQ.html

[9] https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Rostocker-Unternehmen-findet-Tausende-AfD-nahe-Fake-Accounts,fakeaccounts108.html

[10]https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/321665/antisemitische-verschwoerungstheorien-in-geschichte-und-gegenwart/

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Sturm_auf_das_Kapitol_in_Washington_2021

[12] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/donald-trumps-luegen-und-die-us-wahl-wenn-fakten-nicht-mehr-zaehlen,URN5hxz

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Ebner


Die Spirale drehte sich eine Runde weiter…

Lea war wie alle anderen auch betroffen. Sie konnte ihre Kurse nicht mehr halten, das Studio mit dem sie zusammenarbeitete, war behördlich geschlossen. Sie saß – wie Millionen Österreicher *innen zu Hause – hockte vorm Computer, machte Haushalt, begann Brot zu backen und versuchte auf dem Laufenden zu bleiben. Wenn sie rausging, dann nur mit Maske, die sie als unangenehm, bedrohlich empfand. Sie fühlte sich ihrer Freiheit beraubt, alles, was ihr wichtig war, durfte sie nicht.

Nach und nach wurde ihre Verzweiflung und psychisch angespannte Situation auch für die digitale Außenwelt deutlich. Lea hatte viel Zeit, sich mit Freundinnen austauschen, auf Platt-formen herum zu surfen, sich in diversen Kanäle rumzutreiben; und was sie da las und was von Bekannten und Internet Bekanntschaften verbreitet wurde, war alles andere als beruhigend für sie.

Die Regierung habe einen anderen, größeren Plan, das Virus gäbe es in der Form gar nicht, das sei vieles „gefakt“. Dahinter stünden viel größere Lobbys –wie etwa die „Pharma Multis“. Es gäbe einen größeren Plan und vieles mehr.

Lea wurde verunsichert. Irgendwie hatte sie das mulmige Gefühl, dass da tatsächlich was dran sein könnte. Und immer wieder tauchte der Spruch in den Foren auf: „Cui Bono.“

Sie verstand erst nicht, was das zu bedeuten hatte, aber als sie nachschlug und erfuhr, dass das „Wem nützt es?“ hieß, fügte sich das alles ineinander. Lea begann zu glauben, dass sich dahinter etwas Anderes – etwas Geheimes – abspielte. Aber die vielen viralen „Bekanntschaf-ten“ gaben ihr auch Zuspruch, Mut und waren in ihrer Verzweiflung für sie da; und was fast noch wichtiger war, sie boten einen Ausweg an, riefen zu Aktivität, zum Handeln auf.

Covid 19 Pandemie – Öl ins Feuer

Am 16. März 2020 wurde der erste Lockdown in Österreich verhängt. Die ganze Welt stand plötzlich auf dem Kopf. Ausgangssperren, Schließungen von Firmen, Notbetriebe. Die Menschen waren gezwungen zu Hause zu bleiben. Niemand wusste, wie es weitergehen würde. Man erinnere sich nur an die Bilder aus Bergamo[14] zu Beginn der Pandemie.

Anfangs schien es, als würde die Covid Epidemie eine Schneise des Todes durch die Länder ziehen. Expert*innen und die Politik entwickelten Notfallszenarien und ergriffen Maßnahmen. Menschen verloren in dieser ersten Phase ihr Leben, insbesondere in den Spitälern und den Alten- und Pflegeheimen war die Lage beängstigend. Die Quarantäne und die Ausgangsbeschränkungen waren ein probates Mittel und alle anderen präventiven Maßnahmen fingen langsam zu greifen an.

Mit dieser Ausnahmesituation, Unsicherheit und Angst konfrontiert, die für viele als lebensbedrohlich empfunden und auch tatsächlich war, gerieten viele Menschen in eine psychische Ausnahmesituation, die deutlich machte, dass neben der Angst vor eigener Erkrankung auch die soziale Isolation, das Homeschooling und -office bedrückend war und Menschen aus dem Gleichgewicht warfen. Manche gerieten in Panik, einige hatten mit der Situation richtig Stress, vor allem auch psychischen. Nichts war mehr so, wie vorher.

Wir werden hineingezogen

Julia Ebner[15] skizzierte das, was Lea passierte, als eine Abfolge von einzelnen, kleinen Schritten, die von einem zu weiteren führe. „Man wird sozusagen hineingezogen.“ Wir alle haben so manchen Zweifel an Maßnahmen, Berichten, Aussagen. Wir alle denken uns manchmal, das ist jetzt aber nicht wahr, da steckt doch was Anderes dahinter. Es beginnt also mit ganz natürlichen Reaktionen, des Zweifelns, des Zauderns, des sich eigene Gedanken machen.

In diese Kerbe werden Erklärungsangebote gemacht, die in dem einen oder anderen Falle durchaus plausibel erscheinen, nachvollzieh-bar. Wenn nicht nur ich meine Zweifel hege, sondern dies auch von anderen geäußert werde, dann finde ich in der „Gruppe“ in meinem Umfeld Bestätigung und fühle mich bestärkt.

Das führt dazu, dass der Kreis der Unsicher-heiten erweitert wird, es kommen weitere Themen dazu. Dann ist etwa – um beim Beispiel zu bleiben – nicht mehr Österreich und die Corona Maßnahmen der Regierung der Referenzrahmen, sondern dann wird es größer, dann hängt das plötzlich mit einem Narrativ zusammen – das vereinfacht gesagt – heißt, „die da Oben“ richten es sich und die lenken das Ganze, die nehmen uns die Freiheit weg, die manipulieren uns.

Der Weg zu einem größeren, geheimen Plan ist dann nicht mehr weit. Dann geht es rasch zu einem „Ostküstennarrativ“ – ein antisemi-tischer Code für die eine jüdische Weltver-schwörung. Die USA und deren politischen Eliten und darin die „jüdischen Strippen-zieher“ sind ein oft und gern hervorge-zaubertes „Gespenst“ in diesen Erzählungen.

In diese Spirale verstrickten und verstricken sich zunehmend viele Menschen, die immer weitergedreht werden kann, immer neuen Verschwörungstheorien, immer neuen Themen werden aufgetischt. Die „Identitären Bewegungen“[16] etwa, die eng mit der FPÖ und AFD in Deutschland verbunden sind und mitunter als ihr außerparlamentarischer Arm verstanden wird, haben die Begriffe des „Great Reset“[17] bzw. des „großen Austausches“[18] ins Spiel gebracht und verbreiteten dazu ihre gewünschte und eigenen Erklärungen.

Dahinter stünde eine Elite (Finanz-, Politelite und Multis) die einerseits den Bevölkerungs-austausch vorbereite und andererseits die Covid Pandemie „erzeugt“ habe, um unser Leben und Wirtschaften völlig neu zu ordnen und um uns noch stärker zu kontrollieren. Die sich ständig erweiterten Möglichkeiten der digitalen Welt, die KI[19] und deren  prognostizierten Fortschritte lassen ja möglicherweise in absehbarer Zeit so manche „absurde“ Phantasie tatsächlich auch wahr werden.

Der Verschwörungstheorie der extremen Rechten zufolge, waren der Flüchtlingsbe-wegungen ab 2014 erst der Anfang des großen Austausches und der gezielten Zersetzung der Bevölkerung. Sie lieferten auch die entsprechenden Bilder, die Angst erzeugend, gestaltet werden konnten. 1 Mil-lion Flüchtlinge – auf dem Weg über die Türkei durch den Balkan nach Mitteleuropa – das konnte schon tatsächlich ein mulmiges Gefühl erzeugen.

Ausgangspunkte für die Entwicklung sind also tatsächliche Missstände, Machenschaften von Wirtschaftstreibenden oder Politiker*innen oder irritierende Zusammenhänge, die tatsächlich stattfinden. Diese Zustände werden jedoch unterlegt von erstens skanda-lisierenden Übertreibungen und aus dem Zusammenhang gerissenen Fakten sowie bestimmten Erklärungen und einfachen Botschaften, die das ganze schließlich erklärbar machen. Da sind eben in der Regel Verschwörungen und populistische Botschaften gegen bestimmte Gruppen. Immer geht es um Macht, Geld, Versklavung, Kontrolle der Massen.

[14] https://www.nzz.ch/feuilleton/corona-krise-das-bild-das-um-die-welt-gegangen-ist-ld.1558320

[15] Julia Ebner im Gespräch mit Tessa Szyszkowitz. https://www.youtube.com/watch?v=EMrWoyIugIY

[16] https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500787/identitaere-bewegung/

[17]https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/faktenfuchs-die-verschwoerungstheorie-the-great-reset,SY2OK1rAustausch

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Austausch

[19] Künstliche Intelligenz

So krude können die Erzählungen gar nicht sein, dass …

Die Kernbotschaft der Expert*innen lautet: Man wir hineingezogen. Zuerst erscheint fast alles normal. Schritt für Schritt wird man in die Welt der falschen Nachrichten, der Gefühle, der scheinbaren Zusammenhänge und der Verschwörungen hineingelotst, bis sich dieses Loch schließt und eine abgeschlos-sene eigene Welt entstanden ist, in der andere Meinungen und Ansichten nicht mehr zuge-lassen werden, ja auch nicht erwünscht sind.

Die jeweilige Verschwörungserzählung wird immer wieder neu erzählt und eskaliert. Dementsprechend sind oft die Endprodukte für Außenstehende atemberaubend. QAnon[20] etwa geht davon aus, dass eine weltweit agierende, satanische Elite Kinder entführe, diese in Kellern gefangen hielte, foltere und deren Blut zur Gewinnung eines Verjüngungsserums benutze.

Ähnlich absurd klingt auch die „Reptiloiden-erzählung“, wonach Nachfahren von Reptiloi-den[21], die intelligente, menschenähnliche Lebensformen seien, welche die Politik kontrollieren würden. Auch die These wonach diese von Aliens abstammten, findet sich darunter.

Nun man kann das natürlich ins Lächerliche ziehen und absurd finden, sind sie jedoch nur die letzten „absonderlichen“ Auswüchse einer langen Kette von Botschaften und Propaganda Schnipsel, die zuerst noch ganz plausibel klingen, jedoch immer abstruser werden. Schätzungen zufolge hat die QAnon Bewegungen hunderttausende Mitglieder und Sympathisant*innen.

Mehrere Faktoren tragen zur starken Zunahme von Radikalisierung bei:

  1. Haben digitale Medien und Plattformen das Tempo der Übermittlung und Verbreitung von Nachrichten rasant beschleunigt. Diese kurzen und schnellen Wege – theoretisch über den Globus hinweg – haben einen generellen Stress erzeugt, der bestimmte Mechanismen der Kontrolle, des Überlegens und Nachden-kens und Gegencheckens mit der Außenwelt außer Kraft gesetzt hat. Gepaart mit der von Algorithmen getriebenen Skandalisierungs- und Übertreibungsmaschinerie der digitalen Plattformen, die ja auf Gewinnmaxi-mierung orientiert sind, sowie der Aggres-sion, die dabei mit freigesetzt wird, ergibt diese demokratiegefährdete Mischung.
  2. Trägt die Überflutung mit Meldungen und vermeintlich gleichwertigen Informatio-nen für uns Konsument*innen erheblich dazu bei. Das Netz, bzw. die Algorithmen suggerieren uns, dass alles gleichwertig und gleichzeitig gleich wichtig wäre, dass jede Meinung, Behauptung, Meldung und eben These die gleiche Bedeutung erhält.
  3. Zu guter Letzt muss darauf hingewiesen werden, dass die Grundlage für einen Großteil unserer Kommunikation – also die Plattformen und die Organisationen, die die technischen Voraussetzungen dafür schaffen – auf denen der vermeint-lich demokratische Austausch erfolgt, nicht egalitär und gleichberechtigt ist. Alle Plattformen sind unternehmensgetrieben und profitorientiert und haben deren Besitzer zu Multimilliardären gemacht.

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Reptiloide

Ein suggerierter gleicher Zugang – ohne Beschränkungen zu den Messenger-Diensten und Austauschplattformen – hat nachweislich radikale und extremistische Haltungen verstärkt und im Netz selbst zu gewaltver-herrlichender, sexistischen, rassistischen und hassschürenden Aktivitäten geführt.

Gerade Frauen mussten zur Kenntnis nehmen, dass wenn sie in der Öffentlichkeit standen als Politiker-, Journalist- oder Expert*innen sie Zielscheibe von hasserfüllten, frauenfeind-lichen Angriffen wurden.

„User tendieren dazu, sich in Communitys mit dem selben Interesse zu aggregieren, was zu einer Verstärkung des Confirmation Bias [22] führt, zur Abgrenzung und zur Polarisierung. Dies schadet der Informationsqualität und führt zu einer starken Vermehrung von voreingenommenen Sichtweisen, geschürt durch unbelegte Gerüchte, Misstrauen und Paranoia.“[23]

Fragt man Expert*innen nach Auswegen und Maßnahmen, wie man dieses Bündel an Zusammenhängen zwischen öffentlicher Kommunikation, digitalen Medien, profitge-triebenen Interessen und politischen Zielen von bestimmten Gruppen begegnen kann, um die Mechanismen der Demokratie zu erhalten, so sind die Vorschläge zahlreich. Gleichzeitig schimmert auch immer wieder Hoffnungslosigkeit durch und wird wenig Aussicht auf Erfolg geäußert.

Von den Bildungsmaßnahmen, die eine bessere politische Bildung der User*innen im Auge haben, über die digitale und kommuni-kative Kompetenz, die dazu führen soll, dass Menschen auf die manipulativen Tricks, Fake-News und Propaganda Mittel nicht reinfallen, bis zu politischen Eingriffen auf national-staatlicher, europaweiten und globalen Ebene, um extreme Inhalte, also Hass, Gewalt, Rassismus und Sexismus von den Plattformen zu entfernen, bis zu weiteren regulativen Maßnahmen, die etwa den Medienmarkt und den digitalen Markt betreffen, gibt es zahlreiche Initiativen.

Aber bei allen Gesprächen und Diskussionen dazu taucht das Gefühl auf, dass die Einschä-tzung vorherrsche, das sei gesellschaftlich, politisch nicht durchzubringen. Die demokra-tischen Willensbildungsprozesse und Verhand-lungen dauern viel länger, die wir angesichts des Fortschreitens der Technik und Entwicklungen als Gemeinwesen gar nicht mehr haben.

Die antidemokratischen, massenextremi-stischen Entwicklungen sind auf jeden Fall so besorgniserregend, dass für ein Verharren, ein es „sich anschauen, wie es weitergeht und beobachten“ oder gar resignieren, keine Zeit bleibt.

Abgestuftes und koordiniertes Handeln von Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Expert* innen sowie Medien, Administration und Politik wäre gestern dringend erforderlich. Heute einen Rückschritt hinnehmen zu müssen, können wir uns eigentlich nicht leisten. 


[22] https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler

[23]https://netzpolitik.org/2016/das-internet-ist-kein-egalitaerer-raum-ingrid-brodnig-ueber-hate-speech-und-wut-im-internet/