{"id":94,"date":"2011-11-01T17:13:10","date_gmt":"2011-11-01T17:13:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=94"},"modified":"2021-02-09T10:11:10","modified_gmt":"2021-02-09T10:11:10","slug":"piroska-fok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/piroska-fok\/","title":{"rendered":"Piroska Fok"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Folgender Beitrag erschien im Buch: &#8222;Campingbus. Nie!&#8220; Portraits, Positionen, Perspektiven zur Krise &#8211; herausgegeben von Samuel Stuhlpfarrer und Martin Behr (Hg.) mit Beitr\u00e4gen von <strong>Fritz Weber, Edith Meinhart, Colette M. Schmidt, Samuel Stuhlpfarrer, Anselm Wagner, G.R.A.M., Johannes Schrettle, Wolfgang Gulis, Josef Schu\u0308tzenho\u0308fer<\/strong> und <strong>Karl Heinz Roth<\/strong>. <\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Piroska Fok<\/strong><\/p>\n<p>Wir schreiben den 6. Mai 2008. In der \u00d6ffentlichkeit wird ein schon seit Wochen schwelendes Ger\u00fccht best\u00e4tigt. Das Gratkorner <em>ThyssenKrupp<\/em> Aufzugswerk muss Ende des Jahres zusperren. Die kurz gehaltene, sachliche Meldung: 300 Menschen werden vom Stellenabbau betroffen sein. Politik und das Arbeitsmarktservice (AMS) k\u00f6nnen nur mehr Sozialpl\u00e4ne erstellen, um die sozialen Folgen abzufedern. Alle wissen Bescheid: die Rohstoffpreise, die Arbeitskosten, der Weltmarkt. Der Konzern m\u00fcsse eben auf seine Gewinne schauen, das Verst\u00e4ndnis ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Piroska Fok, geb\u00fcrtige Budapesterin und damals bereits 15 Jahren in \u00d6sterreich, ist eine von den 300 Betroffenen. Sie landete mit den anderen in der errichteten <em>ThyssenKrupp<\/em> Arbeitsstiftung. Das Tragische daran war nicht, dass eine Firma, in der sie arbeitete, Pleite ging. Das kam schon vor. Das Ungl\u00fcck hatte mehrere Facetten. Erstens, die Krise wird die Wirtschaft, die Politik, die Medien und den Arbeitsmarkt in den darauf folgenden Monaten beherrschen und weltweit in Atem halten. Zweitens ihr Alter; denn mit 57 Jahren sind die Aussichten am Arbeitsmarkt gering. Auch wenn viele in der \u00d6ffentlichkeit davon reden, dass die Chancen f\u00fcr \u00c4ltere am Arbeitsmarkt intakt seien und wir alle ja schlie\u00dflich l\u00e4nger arbeiten sollen: Die Realit\u00e4t entlarvt dies meist als L\u00fcgen.<\/p>\n<p>Wir treffen uns mehrmals, um ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Beim ersten Gespr\u00e4ch wirkt sie zur\u00fcckgezogen, eingefallen, m\u00fcde. Es f\u00e4llt mir schwer, sie Piri zu nennen, das ist ein viel zu lebensfroher, jugendlicher Spitzname. Piroska Fok ist alles andere als lustig und lebensfroh. Sie wirkt umst\u00e4ndlich, unentschlossen, sich st\u00e4ndig befragend und unsicher, verletzlich, kr\u00e4nklich. Es ist ein sch\u00f6ner, warmer Sommertag und Fok sitzt mit einem Schal um ihr rechtes Ohr gewickelt. Sie sagt, sie hat Angst, sich eine Mittelohrentz\u00fcndung zu holen. Sie habe jegliche Kraft verloren, sie leide unter Depressionen und sie f\u00fchle sich schwach. Seit einiger Zeit gehe es ihr etwas besser, weil sie bei einer Therapeutin sei, daher k\u00f6nne sie sich mit mir treffen und dar\u00fcber reden. Das Bild, das sie abgibt, passt mit ihrer Lebensbiografie gar nicht zusammen.<\/p>\n<p>Piroska Fok wurde 1953 in Budapest im 14. Bezirk (Zugl\u00f3) geboren, ein Viertel mit vielen Gr\u00fcnanlagen und typischen Vorstadteinfamilienh\u00e4usern. Ihr Gro\u00dfvater hatte das Haus gebaut. Er war gut situiert, da er bei der Nationalbank besch\u00e4ftigt war. Ihr Vater war der j\u00fcngste Sohn der drei Geschwister, der im Haus leben blieb; auch als er sp\u00e4ter heiratete. So erlebte Piroska Fok eine sch\u00f6ne Kindheit, in einem Mehrgenerationenhaushalt. Sie wuchs in der Gro\u00dfstadt auf und hatte trotzdem die Vorz\u00fcge des Landlebens, der Natur. Als Kind hatte sie Obst und Fr\u00fcchte nur von den B\u00e4umen oder den Str\u00e4uchern gegessen, die im Garten des Hauses standen.<\/p>\n<p>Sie sagt, sie war immer schon naturwissenschaftlich, technisch begabt und eher ein burschikoser Typ. Wilder als die anderen M\u00e4dchen, immer bei den Buben dabei, wenn es um Spiele und Streiche ging. Man sieht es und h\u00f6rt es ihr an, wie sch\u00f6n ihre Jugendjahre in Budapest gewesen sein m\u00fcssen. Ihre Mutter kam vom Land aus einer Bauernfamilie, was in der Budapester Gro\u00dfb\u00fcrgerfamilie Aufruhr verursachte. Ihr Vater war gl\u00e4ubiger Katholik; im damals kommunistischen Ungarn karrieretechnisch nicht f\u00f6rderlich. Sie genoss eine gute Ausbildung, ging aufs Gymnasium, absolvierte eine technische Fachhochschule, wurde Maschinenbauingenieurin. W\u00e4hrend ihres Studiums lernte sie ihren sp\u00e4teren Mann kennen und wurde kurz vor ihrem Studiumsabschluss schwanger. Ihr erstes von drei Kindern kam 1975 auf die Welt. Sie ging in Karenz, beendete aber dennoch ihr Studium.<\/p>\n<p>Die junge Familie zog nach Szeged, einer Kleinstadt unweit des Dreil\u00e4nderecks Ungarn, Rum\u00e4nien und Serbien. Die Gr\u00f6\u00dfe \u2013 Szeged hatte etwa 170.000 Einwohner und alle Vorz\u00fcge einer Provinzstadt \u2013 passte ihr und dem kleinen Sohn gut. Piroska Fok gefiel es dort sehr gut. Sie wurde ein zweites Mal schwanger und bekam ihren zweiten Sohn. Ihr Mann studierte in Szeged fertig und wollte dann aber zur\u00fcck nach Budapest. Sie wollte bleiben, f\u00fcgte sich aber und so waren sie nach einem Jahr wieder in Budapest gelandet.<\/p>\n<p>Diesmal allerdings l\u00e4ngst nicht so feudal wie damals in ihrer Kindheit. Sie musste ihre zwei Kinder in einer kleinen Wohnung in Budapest aufziehen und es war alles andere als unbeschwert. Die Spannungen in ihrer Ehe nahmen auch zu. Sie bekam \u2013 offensichtlich\u00a0 psychosomatisch bedingt, wie sie selbst sagt \u2013 eine chronische Darmentz\u00fcndung, an der sie 27 Jahre lange laborieren sollte.. Als der j\u00fcngere Sohn 1980 in den Kindergarten kam, begann sie als Konstrukteurin erst in Budapest und sp\u00e4ter als Projektleiterin im ungarischen AKW Paks zu arbeiten. Ihre Beziehung funktionierte immer schlechter und ging schlie\u00dflich in die Br\u00fcche. Piroska Fok sagt, sie ist ein Familienmensch und so etwas wie eine Trennung ist nie einfach. Dennoch: Als diese vollzogen war, und sie wieder arbeiten konnte, ging es ihr und den Kindern besser. Sie und ihr Mann vereinbarten, dass sie sich die Kinder aufteilen. Der \u00e4ltere Sohn wohnte \u00fcberwiegend beim Vater, der j\u00fcngere blieb bei ihr.<\/p>\n<p>Zum damaligen Zeitpunkt waren in Paks zwei Bl\u00f6cke in Betrieb. Sie arbeitete an den Bl\u00f6cken 3 und 4. Nach der Fertigstellung (1986 und 1987) bekam sie das Angebot in die DDR zu gehen, am Kernkraftprojekt Stendal (Bezirk Magdeburg, Sachsen Anhalt) weiter zu arbeiten. Sie ergriff die Chance, lernte Deutsch und machte sich auf. In Stendal arbeitete sie als Technikerin. Dann kam die Wende. Und so sch\u00f6n die Wende war \u2013 Piroska Fok fuhr noch in der Nacht, wie sie mit strahlenden Augen erz\u00e4hlt, nach Berlin und erlebte die ungeheure Aufbruchstimmung und Freude mit \u2013 so war es doch ein Weltereignis, das in ihr Leben von Au\u00dfen eingriff. Wenige Monate danach verlor sie ihren Job, der urspr\u00fcnglich auf zehn Jahre geplant war. Die Arbeiten am AKW waren bald eingestellt worden und Stendal wurde zur Industrieruine und nie fertig gebaut. So ging Piroska Fok nach Ungarn zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Piroska Fok ist eine K\u00e4mpferin. Das zeichnet viele MigrantInnen aus. Sie ist flexibel, anpassungsf\u00e4hig, lern- und leistungsbereit. Das m\u00fcssen Exilierte immer sein. Sie gab nicht auf, war optimistisch und bereit, immer wieder Neues zu wagen. Sie vereinte alle Attribute, die uns in der Werbung und in der globalisierten modernen Arbeitswelt so gerne als Erfolgsattribute vorgegaukelt werden. Zur\u00fcck in Budapest bekam sie die Chance, als \u00dcbersetzerin und Dolmetscherin f\u00fcr die Generali Versicherung zu arbeiten, die als eine der ersten Institute den Markt in Ungarn zu erobern begann und war fortan in der Generaldirektion Budapest besch\u00e4ftigt. Unternehmenslustig, neugierig und reisefreudig wie Piroska Fok war, zog es sie schlie\u00dflich 1991 in die USA. Sie hatte famili\u00e4re Kontakte \u2013 ein Cousin f\u00fchrte erfolgreich eine Filter- und Entl\u00fcftungsfirma in Chicago \u2013 und so nutzte sie eine Einladung und verdingte sich eine Zeit lang als Nanny bei einer j\u00fcdischen Familie. Es gefiel ihr sehr gut, sie wollte bleiben und auch die Familie wollte dies. Aber ihr Visum wurde nicht verl\u00e4ngert und sie musste zur\u00fcck nach Ungarn. Also landete sie in Budapest. Gl\u00fccklicherweise nahm sie Generali wieder auf.<\/p>\n<p>Da Generali ihren Hauptsitz f\u00fcr Osteuropa in Wien hatte, kam sie beruflich auch \u00f6fter nach \u00d6sterreich. Durch Zufall erfuhr sie von einem Job, bei einer Versicherungsmaklerfirma in Hartberg. Sie bewarb sich und bekam ihn. Weil sie ihn, wie sie sagt, unbedingt haben wollte und alles daran setzte. Daraufhin zog sie nach Hartberg. F\u00fcr viele Firmen und Unternehmen jedoch war es die Phase der Goldgr\u00e4berstimmung: let\u00b4s go east. Man versuchte, in den ehemaligen Ostblockstaaten Fu\u00df zu fassen. \u00a0Im Vordergrund stand die Hoffnung auf Profit, auf schnelles Geld. Da passte Piroska Fok &#8211; mehrsprachig und Ungarn-Kennerin &#8211; gut ins Konzept.<\/p>\n<p>Piroska Fok lernte bei der Generali den Vater ihres dritten Kindes kennen, von dem sie 1994 schwanger wurde. Probleme tauchten auf: eine Risikoschwangerschaft und der Mann war schon verheiratet. Nach \u201emonatelangem Hin und Her\u201c, wie sie mit s\u00fcffisantem Unterton schildert, zog er endg\u00fcltig zu ihr und verlie\u00df seine Frau. Aber auch diese Beziehung hielt nicht. Heute meint sie, deswegen, weil er zu unflexibel war, keine Fremdsprachen lernen und auch nicht nach \u00d6sterreich kommen wollte. Er blieb lieber in Budapest. Eine verzwickte private Geschichte, die aber \u201eein wundersch\u00f6nes Ergebnis\u201c hatte, wie sie es formuliert: ihr dritter Sohn.<\/p>\n<p>Stichwort Kinder. Piroska Fok sagt, ihre S\u00f6hne seien alle wunderbar und sie sei stolz auf sie. Sie hat immer versucht, ihnen eine gute Ausbildung zu kommen zu lassen, denn \u201eBildung ist immer noch etwas, was eher den Reichen vorbehalten ist\u201c. Bildung kostet viel Geld &#8211; Sprachkurse, Reisen etc&#8230; &#8211; das hatte sie nie. Aber Auslandserfahrungen, Sprach- und Kulturkenntnisse zu erm\u00f6glichen, damit sie sich in der gro\u00dfen Welt besser zu Recht finden k\u00f6nnen und bessere Zukunftschancen haben, das wollte sie ihnen bieten. Nebenbei erz\u00e4hlt Piroska Fok, dass sie w\u00e4hrend der Schwangerschaft zwischen Hartberg und Budapest pendelte und eines Tages anonym angezeigt worden sei. Der Vorwurf? Sie w\u00fcrde die meiste Zeit nicht in \u00d6sterreich verbringen. Daraufhin musste sie sich alle zwei Tage bei der Bezirkshauptmannschaft Hartberg melden, um nachzuweisen, dass sie ihre Zeit doch in Hartberg verbrachte.<\/p>\n<p>Als die Karenz nach zwei Jahren endete, wollte sie in die Firma zur\u00fcckkehren, wurde jedoch umgehend gek\u00fcndigt. Die Goldgr\u00e4berstimmung war zu Ende. Die Gesetzesl\u00fccken waren geschlossen. Die Gewinnmargen pendelten sich auf Normalma\u00df ein, ihre Aufgaben wurde nicht mehr ben\u00f6tigt. Sie wurde \u201eabgebaut\u201c. Die Ungerechtigkeit, nach der Karenz gleich gek\u00fcndigt worden zu sein, steckte sie schnell weg. Sie machte sich gleich auf die Suche, fand einen neuen Job bei einer anderen Firma in der Hartberger Region. Die Branche: Fenster und T\u00fcren. Auch hier sollte Piroska Fok ihre Sprache und ihre Kontakte nach Ungarn einsetzen, f\u00fcr Marktforschung, Werbung und neue KundInnen. Die Firma wollte expandieren, wie viele andere. \u201eNur ausgeben wollten sie nichts\u201c, Piroska erhielt nur einen Teilzeitjob, arbeitete aber Vollzeit, denn in Wahrheit h\u00e4tte sie eine eigene zweite Firma aufbauen sollen. Sie musste ihr eigenes Auto benutzen und erhielt nur das Benzin r\u00fcckerstattet, Das ging nat\u00fcrlich nicht. Nach acht Monaten war es zu Ende.<\/p>\n<p>Piroska Fok gab nicht auf. Sie fand eine Anstellung als Rechtsschutzberaterin. Sie hatte wieder die Branche gewechselt. Eineinhalb Jahre ging das gut, dann beendete sie diesen Job. Auf die Frage warum, gab sie zuerst nur ausweichende Antworten und erw\u00e4hnte etwas von Akzeptanzproblemen. Bis sie mit der Wahrheit rausr\u00fcckte, dauerte es ein wenig, aber diese war umso besch\u00e4mender; nicht f\u00fcr sie, sondern f\u00fcr unsere Gesellschaft. Ihr perfektes Deutsch n\u00fctzte ihr nichts. Sie bekam keine Abschl\u00fcsse. Die Leute vertrauten ihr nicht, weil sie keine \u201eHiesige\u201c war und weil sie nicht den Dialekt aus der Region sprach.<\/p>\n<p>Auch diese Episode steckte Piroska Fok weg. Sie \u00fcbersiedelte neuerlich, ging zu einer Spedition nach Leibnitz, bekam eine Dienstwohnung. Sie sollte f\u00fcr die Spedition in Ungarn billige Fr\u00e4chter finden und den Markt entwickeln. Aber bereits nach vier Monate zog sich die Spedition wieder zur\u00fcck, weil sie erkannte, dass sie mit falschen Erwartungen das Experiment Expansion gestartet hatte. Jetzt war auch die Wohnung weg, die musste sie ja zur\u00fcckgeben. Aber sie hatte Gl\u00fcck. Eine Bekannte wusste von einer Wohnung in Wildon, in die sie einziehen konnte. Ihr dritter Sohn begann dort die Volksschule.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick wei\u00df Piroska Fok, dass die Vorstellungen und Erwartungen der Firmen v\u00f6llig \u00fcberzogen und unrealistisch waren. \u201eDie meisten Inhaber und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer hatten sich mit den Bedingungen vor Ort \u00fcberhaupt nicht vertraut gemacht, sondern sich einfach nur billiges, schnelles Geld erhofft\u201c. \u00a0Nach den Ausfl\u00fcgen ins Versicherungsfach ging es f\u00fcr Piroska wieder zur\u00fcck zur Technik. Flexibel wie sie war, machte ihr das nichts aus. Sie begann im Fr\u00fchjahr 2000 bei Philips in Lebring als Ingenieurin zu arbeiten. Philips hatte in Szombathely ein Partnerwerk. Daher waren die Sprachkenntnisse von Piroska Fok n\u00fctzlich. In Lebring wurden die gro\u00dfen R\u00f6hrenmonitore f\u00fcr PCs hergestellt. Das seltsame daran war, dass Philips ab 1999 in \u00d6sterreich und Ungarn expandierte und zus\u00e4tzliches Personal aufnahm, obwohl schon deutlich war, dass Flachbildschirme (die sicher nicht in Lebring hergestellt werden) die Zukunft sein w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Kaum war Piroska Fok im Werk, begannen die Ger\u00fcchte. Philips fusionierte die Sparte mit LG. Es war alles im Umbruch bei Philips und dass demn\u00e4chst zugesperrt wird, war ein offenes Geheimnis. Piroska Fok ging vorzeitig im Fr\u00fchjahr 2001 nach ungef\u00e4hr einem Jahr und Philips sperrte die Werke in Lebring (2002) und Szombathely (2003) zu. In Lebring waren 680 MitarbeiterInnen betroffen. \u00a0Danach dauerte es einige Zeit bis Piroska Fok wieder einen Job bekam. Zum ersten Mal war sie l\u00e4ngere Zeit arbeitslos. Sie erhielt im Rahmen einer vom AMS gef\u00f6rderten Ma\u00dfnahme \u2013 ZAM (Zentrum f\u00fcr Ausbildungsmanagement), durch ISOP\/Nowa eine Weiterbildung und einen Job. Sie erlernte den Beruf der interkulturellen Logistik Assistentin und arbeitete bei Logim, eine Logistiksoftwarefirma in Wundschuh, die sp\u00e4ter von der Firma Knapp \u00fcbernommen wurde. Zuerst war sie zwei Jahre lang Assistentin der Abteilung f\u00fcr Projektabwicklungen und nach dem EU-Beitritt Ungarns stieg sie zur Sales &amp; Projektmanagerin auf und wurde Leiterin der Ungarn Abteilung.<\/p>\n<p>Durch den 2004 erfolgten Beitritt von Ungarn zur EU animiert, versuchte die Firma eine Expansion nach Ungarn. Noch heute findet man im Internet eine Werbeseite auf Ungarisch von Logim, auf der Piroska Fok als Ansprechpartnerin f\u00fcr das Projekt \u201epick by voice\u201c, eine technische L\u00f6sung f\u00fcr Kommissionierungen in der Lagerlogistik aufscheint. Nach zwei Jahren war das Projekt jedoch wieder am Ende. Die Firma beendete ihr Ungarn Engagement und Piroska hatte keinen Job mehr. Wieder einmal.<\/p>\n<p>Ich muss innehalten, angesichts der Rasanz ihres Lebens. Was ihr Kraft und Halt gebe, frage ich sie und ihre Antwort kommt schnell. Ihr j\u00fcngster, dritter Sohn, f\u00fcr den ist sie jetzt da, mehr als je zuvor; aber auch die beiden \u00e4lteren S\u00f6hne. Ihr zweiter Sohn bekam unl\u00e4ngst in Wien einen Job und der \u00c4lteste lebt und arbeitet seit 6 Jahren in Deutschland. Piroska Fok sagt: \u201eDurch ihre Bildung, ihre Sprach- und Kulturkenntnisse genie\u00dfen alle drei S\u00f6hne eine gr\u00f6\u00dfere Freiheit im Leben und ich betrachte dies als meinen gr\u00f6\u00dften Erfolg!\u201c 2005 wird Piroska \u00a0Fok im Rahmen einer Ausbildungsabschlusspr\u00e4sentation von ZAM und in Anwesenheit von AMS und Landespolitik als Beispiel f\u00fcr den Erfolg der Ma\u00dfnahme erw\u00e4hnt und der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert. Doch gegen die Kr\u00e4fte des Marktes und gegen die sich immer rascher drehenden Profitmaximierungsspirale haben die besten Absichten von Piroska und dem ZAM keine Chance. 2006 wird Piroska Fok entlassen.<\/p>\n<p>Wenn sie heute auf diese Phase zur\u00fcckschaut, dann meint sie, dass es ihr nichts ausmachte, immer wieder etwas Neues machen zu m\u00fcssen. Den Wechsel in andere Branchen, in neue Jobs vornehmen zu k\u00f6nnen, sah sie immer als Chance. \u201eMein Vater hat sein ganzes Arbeitsleben immer im gleichen Betrieb, am gleichen Schreibtisch gearbeitet\u201c. Das war f\u00fcr sie nicht erstrebenswert. Aber sie sieht r\u00fcckblickend auch die Nachteile ihrer Berufskarriere. Sie hatte nie die M\u00f6glichkeit etwas Dauerhaftes zu entwickeln, \u00fcber die Einstiegsphase hinaus zu kommen. Ihre l\u00e4ngste Arbeitsdauer in \u00d6sterreich war bei Logim und die dauerte insgesamt knapp vier Jahre. Bei einigen Firmen w\u00e4re sie wirklich gerne l\u00e4nger geblieben, seufzt sie. Doch es sollte noch eine Weile so weiter gehen.<\/p>\n<p>Wir sitzen in einem Park, das Wetter ist sch\u00f6n und wir sind in der j\u00fcngeren Vergangenheit der Lebensgeschichte von Piroska Fok angelangt. Zwischen 2003 und 2007 lebte ihr j\u00fcngster Sohn in Budapest bei seinem Vater. Zum einen, weil sie wollte, dass dieser mehr Familienkontakt und Heimatkultur erlebt, zum anderen weil es ihrem Sohn nach dem Schulwechsel in der Grazer Schule nicht gut ging. Ihr Sohn, der sich als sprachbegabt entpuppte und mittlerweile f\u00fcnf Sprachen spricht, wurde krank. Er bekam eine Darmkrankheit \u2013 \u00e4hnlich die seiner Mutter. Er kam wieder zur\u00fcck nach \u00d6sterreich und seit 2008 besucht er ein Grazer Gymnasium.<\/p>\n<p>Nach dem Ende bei Logim begann Piroska bei einer Maschinenbau Firma in Gleisdorf. Die Firma ist im Bereich von Maschinen und Gesamtanlagen f\u00fcr Aufbereitungs-, Umwelt- und Verpackungstechnik t\u00e4tig. Sie war in einer Abteilung t\u00e4tig, in der sie als Back Office Managerin arbeitete. Diese Abteilung stand wirtschaftlich unter Druck. Es ging wieder nicht gut und sie wurde gek\u00fcndigt. Bald danach fand Piroska Fok wieder einen neuen Job, diesmal bei <em>ThyssenKrupp<\/em> in Gratkorn. Sie war begeistert, f\u00fchlte sich wohl. Doch auch das w\u00e4hrte nicht lang. Der D\u00fcsseldorfer Konzern begr\u00fcndete das Ende in Gratkorn mit dem \u201ezunehmenden Wettbewerbsdruck und der sich \u00e4ndernden Marktbedingungen\u201c. Dadurch w\u00fcrden die in Gratkorn produzierten Produkte weniger nachgefragt. Piroska Fok kam in die Arbeitsstiftung, die vom Land Steiermark und AMS errichtet worden ist.<\/p>\n<p>2009 schloss sie den Tourismusmanagementkurs ab. Zwei Semester an der Grazer Uni studierte Piroska Fok Russisch. Sie sagt, dass es jetzt vieles anders sei. \u201eIch finde in der Krise und mit 57 Jahren keinen Job mehr\u201c. In den letzten Monaten und Jahren merkte sie auch, dass sie nicht mehr mithalten konnte, so wie fr\u00fcher. Sie wei\u00df, dass sie schnell m\u00fcde wird und sich Ersch\u00f6pfung breit macht. Sie litt auch unter Depressionen. Sieht man Fotos von Piroska Fok aus den Jahren 2004\u00a0 bis 2006, so erkennt man sie kaum wieder. Von der attraktiven, h\u00fcbschen und agilen Frau blieb nicht viel \u00fcber. Der Stress des Arbeitslebens, das Immer-wieder-neu-beginnen-m\u00fcssen, die \u00f6konomischen \u00c4ngste, der Kampf um die Anerkennung in einem fremden Land, das sie selbst zur Heimat machte, hatte sie altern lassen.<\/p>\n<p>Piroska Fok schreibt mir. Sie hat einen Entwurf des Textes gelesen und sie ist den Tr\u00e4nen nahe, als sie sich der H\u00e4rte der eigenen Geschichte bewusst geworden ist und diese schwarz auf wei\u00df lesen musste. Sie bef\u00fcrchtet, dass sie bis zur Pension (2013) \u00fcberhaupt keinen Job mehr finden wird. Sie sp\u00fcrt, dass sie am Abstellgleis steht. Sie k\u00e4mpfte eine Zeitlang auch noch dagegen an, das machte sie aber erst recht fertig. Mittlerweile hat sie sich damit abgefunden. Seitdem geht es ihr besser. Sie wei\u00df auch, dass sie eine volle Arbeitsbelastung auch gar nicht mehr aushalten w\u00fcrde. Sie ist im Status einer Langzeitarbeitslosen. Ein Status der, angesichts der Kompetenzen und Erfahrung von Piroska Fok, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist. Verarbeitet, ausgen\u00fctzt und verwendet, durch die Mangel getrieben, bis man sie nicht mehr brauchen konnte. Das muss man erst einmal verkraften.<\/p>\n<p>Die Geschichte w\u00e4re jetzt zu Ende. Dachte ich. Doch als wir uns wieder treffen, um etwaige Korrekturen vorzunehmen, treffe ich eine andere Piroska Fok. Eine, die wieder aufgestanden ist. Eine, die wieder weiter machen will. Eine, die neue Ziele hat und der es sichtlich besser geht. Sie erz\u00e4hlt, dass sie zwei Kurse begonnen hat, Montessori Grundlagen beim BFI und die Interkulturelle Elternbegleitung an der UNI Graz. \u201eGleichzeitig bin ich geringf\u00fcgig in einem Privathaushalt als Kinderbetreuerin und mache ein Praktikum bei ISOP (innovative Sozialprojekte). Somit wechsle ich in meinem n\u00e4chsten Lebensabschnitt in den Sozialbereich &#8211; f\u00fcr mich ein fast neues Terrain\u201c, sagt sie. Piroska Fok meint, dass dies im Text doch eine interessante Wende sein k\u00f6nnte, nach dem verdrie\u00dflichen Absatz zuvor. Die Krise habe sie nicht \u201ebesiegt\u201c, sagt sie. \u00a0Ihre Geschichte w\u00e4re nicht vollst\u00e4ndig, wenn sie nicht wieder aufstehen w\u00fcrde. Da hat Piri absolut Recht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgender Beitrag erschien im Buch: &#8222;Campingbus. 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