{"id":86,"date":"2011-10-20T09:12:38","date_gmt":"2011-10-20T09:12:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=86"},"modified":"2021-02-09T10:12:54","modified_gmt":"2021-02-09T10:12:54","slug":"die-pestalozzikinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/die-pestalozzikinder\/","title":{"rendered":"Die Pestalozzikinder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es war in den 1970er Jahren. Wir wuchsen im Stiftingtal \u2013 in einer Stadtrandreihenhaussiedlung auf. Eine ganze Gruppe von halbw\u00fcchsigen und pubert\u00e4ren Kindern fand sich zusammen, alle ungef\u00e4hr gleich alt. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fu\u00dfballspielen war einer der Lieblingsbesch\u00e4ftigungen von uns Buben. Neben den kleinen Bankerlkicks in den G\u00e4rten der H\u00e4user fuhren wir oft mit den R\u00e4dern zwei Kilometer weit zu einem damals noch existierenden Fu\u00dfballplatz mit gro\u00dfen Toren, nahe der Endstation der Stra\u00dfenbahn Nr. 7 beim LKH. Auf dem Fu\u00dfballplatz gab es fast jedes Wochenende Matches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Gleich daneben gab es ein gro\u00dfes, d\u00fcsteres Haus \u2013 das Pestalozziheim. Wir beachteten es nicht weiter, wu\u00dften nur, dass da schwer erziehbare Kinder untergebracht waren. Sonst sahen wir nie etwas von ihnen. Eines Tages \u2013 wir spielten gerade \u2013 \u00f6ffnete sich ein Hintertor an der Umz\u00e4unung, nahe des Stiftingbaches und es kamen einige Jungs heraus. Sie schlichen langsam n\u00e4her, standen einige Zeit unschl\u00fcssig in der N\u00e4he des Tores. Bei einer Unterbrechung fragten sie, ob sie nicht mitspielen k\u00f6nnten und wir gegen sie spielen wollten. Es lag f\u00fcr uns etwas bedrohliches, fremdes in der Luft. Wir sagten zu, denn wir hatten das Gef\u00fchl, das ein Nein f\u00fcr uns ung\u00fcnstig w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals wu\u00dften wir instinktiv, dass mit denen etwas anders war. Die meisten von ihnen waren auch nicht \u00e4lter als wir. Schwer zu beschreiben was es war. Sie waren definitiv erwachsener als wir kleine B\u00fcrgers\u00f6hnchen; und es fehlte ihnen jede Art der Leichtigkeit. Sie hatten auch im Match etwas verbissenes, ernstes; manchmal aggressiv- brutales an sich, obwohl nie ernsthafte Verletzungen oder b\u00f6sartige Foul passiert sind. Die Matches gegen sie hatten den Charakter eines Ligamatches. Ich glaube, mich zu erinnern, dass wir ziemlich ebenb\u00fcrtig waren; manchmal gewannen sie, manchmal wir. Auf jeden Fall k\u00e4mpften und arbeiteten sie am Platz anders als wir. F\u00fcr sie ging es um etwas, das war der Unterschied. Wir lie\u00dfen die Z\u00fcgel manchmal schleifen, wenn es hart auf hart ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirkliche Freundschaften entstanden nicht. Wir sprachen in den Pausen mit ihnen, meist zaghaft, nie l\u00e4nger. Sie kamen immer bald aufs Heim zu reden, dann legte sich sofort eine D\u00fcsternis auf sie und uns. Ein \u00e4lterer unter ihnen hatte schon eine Lehrstelle und er z\u00e4hlte die Tage, bis er \u201eraus kam\u201c wie er sagte. Wir verstummten, gingen Wasser trinken und blieben unter uns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<strong>Beklemmend<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Besonders beklemmend wurde es, wenn Erzieher kamen, um sie zu holen. Dann sp\u00fcrte man, dass Angst in der Luft lag. Wenn die grobschl\u00e4chtigen und kr\u00e4ftigen Erzieher zum Heimkommen br\u00fcllten, dann war es vorbei mit dem Match, dann war aus \u2013 von einer Sekunde auf die n\u00e4chste. Dann schlichen die Burschen zur\u00fcck, durchs Hintertor in ihr Gef\u00e4ngnis. Normal gesprochene S\u00e4tze h\u00f6rten wir von den Erziehern nie, es wurde geschrieen, zumindest aber laut und aggressiv gesprochen. Nicht selten erhielten diejenigen, die als letztes vom Platz schlurften, einen Tritt in den Hintern oder eine \u201eKnachwatschen oder Dachtel\u201c im Vor\u00fcbergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Wir standen wie begossene Pudel am Platz, meist noch mitten in der Szene erstarrt, unser Gegner war uns abhanden gekommen und wir schwiegen betreten; kaum ein Wort des Abschieds oder des Protestes. Sp\u00e4ter, als uns das schon \u00f6fters passiert war, getraute sich einer von unseren \u00c4lteren etwas zu den Erziehern zu sagen, aber es war nutzlos. Er wurde nur angeschnauzt. Dass sie mit uns zwei Stunden Fu\u00dfballspielen durften, war eine Verg\u00fcnstigung f\u00fcr die Braven und konnte jederzeit wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden und tats\u00e4chlich, einer ihrer besten kam sp\u00e4ter nicht mehr raus. Bei uns brodelten die Phantasien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Untereinander sprachen wir dar\u00fcber, waren immer froh, dass uns dieses Schicksal erspart geblieben war und erfreuten uns unserer Eltern, die waren zwar allesamt nicht sonderlich reich, aber der best\u00e4ndige berufliche und \u00f6konomische Aufstieg war unverkennbar, denn wir wuchsen alle ziemlich wohlbeh\u00fctet und umsorgt, gutb\u00fcrgerlich auf. Damals wu\u00dften wir, dass es da im Heim nicht nur zu Dachteln kam und dass die Jungs ein schweres Leben hatten und wohl einen R\u00fcckstand in ihrem Leben aufgebrummt bekommen hatten, denn sie wohl nie mehr aufholen konnten. \u00dcber die Folgen von seelischen Verletzungen hatten wir damals noch keine Ahnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Aber wie so vieles gerieten die Ereignisse in Vergessenheit und bald war der Fu\u00dfballplatz verschwunden, heute steht ein Parkhaus dort. Wir wurden erwachsen, haben uns in alle Winde verstreut; und dass Heim wurde auch bald geschlossen. Jahre sp\u00e4ter habe ich das Haus einmal beruflich betreten und der Geruch, der mir entgegenschlug, erinnerte mich sofort an Schule und Heim; die Erinnerungen an die Pestalozzikinder wurden wieder wach. \u00dcber Vorkommnisse, wie im Wiener Wilhelminenberg, die m\u00f6glicherweise auch im Pestalozziheim stattfanden, hab\u00b4 ich bis heute nichts geh\u00f6rt, aber wundern w\u00fcrde ich mich nicht, wenn \u00e4hnliches auch dort passiert w\u00e4re. Es stimmt n\u00e4mlich, es hatte System.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war in den 1970er Jahren. Wir wuchsen im Stiftingtal \u2013 in einer Stadtrandreihenhaussiedlung auf. Eine ganze Gruppe von halbw\u00fcchsigen und pubert\u00e4ren Kindern fand sich zusammen, alle ungef\u00e4hr gleich alt. Fu\u00dfballspielen war einer der Lieblingsbesch\u00e4ftigungen von uns Buben. 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