{"id":750,"date":"2019-06-17T11:42:21","date_gmt":"2019-06-17T11:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=750"},"modified":"2021-02-19T09:43:54","modified_gmt":"2021-02-19T09:43:54","slug":"verschwundene-orte-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/verschwundene-orte-2\/","title":{"rendered":"Verschwundene Orte 2: Riesstrasse 141"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Am ersten Tag begleitete mich meine Mutter. Ausgestattet mit einer rechteckigen, roten Schultasche aus Leder am R\u00fccken, spazierte ich an ihrer Hand den Berg hinauf. Das hatte nichts von einem kurzen, gem\u00fctlichen Spaziergang, sondern war eine richtige Wanderung. Wir hatten beim ersten Mal sicher an die 30 Minuten f\u00fcr eine Strecke gebraucht. Wir zwei waren ja nicht die schnellsten. Ich, noch klein, sie schon schwerf\u00e4llig, hochschwanger, mit dickem Bauch. Es war alles neu. Fortan lebte ich am Stadtrand, um mich herum gr\u00fcne Wiesen, kleine W\u00e4ldchen, ein Bach.<\/p>\n<p>So trotteten wir die Stiftingtalstra\u00dfe stadtausw\u00e4rts, bogen nach rechts in den Stiftingbachweg ab. Es ging hinunter zum Bach, \u00fcber die kleine Br\u00fccke, immer bergan an Vorstadth\u00e4user vorbei. Etwa ab der H\u00e4lfte des Weges wurde es beschwerlich. Nach der steilen Passage gab es eine S-Kurve. Viel sp\u00e4ter fuhren wir das mit dem Rad, denn meine Freunde hatten einen \u201eTour de Stifting\u201c in zehn Etappen organisiert. Und bei der erw\u00e4hnten S-Kurve gab es eine Bergwertung.<\/p>\n<p>Am Ende der Kurvenkombination, bogen wir in einen Fu\u00dfweg \u2013 eine Abk\u00fcrzung, durch ein kleines W\u00e4ldchen \u2013 ein. Wir \u00fcberquerten wieder die Stra\u00dfe, die in einem weiten Bogen herumf\u00fchrte, mussten durch ein zweites W\u00e4ldchen bis zu einem schmalen Weg, der von zwei Z\u00e4unen begrenzt wurde, alles aufw\u00e4rts. Diesem Weg folgten wir, die letzten Meter mit Stufen nehmend, um dann schnaufend auf der Ries zu stehen. Jetzt fehlte noch ein Gehweg, stadtausw\u00e4rts ca. 300 Meter, bis man die Schule erreichte. Gleich neben der Schule war eine Schneise, die steil runter zur Stiftingtalstra\u00dfe f\u00fchrte. Von dort oben sah man weit unten unser Haus. Sp\u00e4ter, etwas \u00e4lter schon, setzten wir uns im Winter auf die Schultaschen und rodelten die abgeholzte Schneise hinunter. Noch etwas sp\u00e4ter war das eines der steilsten St\u00fccke in einer l\u00e4ngeren Ski-Abfahrt, die spektakul\u00e4r begann. Am Ende des Steilhanges musste man \u00fcber die Stra\u00dfe springen. Da stand immer ein \u201eOrdner\u201c, der aufpasste, dass uns kein Auto erwischte. Der Hang war echte Mutprobe.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1282 size-medium alignright\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-768x513.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-1536x1026.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen-750x501.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Maedchen.jpg 1757w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Jenseits der Riesstra\u00dfe begann der noblere Teil des Bezirkes. Villen, Bungalows, stattliche Neubauten standen dort. Dort wohnte unter anderem auch Alexander G\u00f6tz, der sp\u00e4tere B\u00fcrgermeister der Stadt Graz. Ein mehr als weit rechtstehender Recke der FP\u00d6. Sie erinnern sich noch? Das war der, der eine sagenhafte Pension der Stadt Graz erhielt und diese sp\u00e4ter, als sie gek\u00fcrzt werden sollte, eingeklagt und Recht bekommen hat. Bis 2008 stieg die monatliche Pension auf \u20ac 14.800,00 monatlich an. Nachdem er im Jahre 2018 verstarb, d\u00fcrfte das Sal\u00e4r bis dahin erheblich h\u00f6her gewesen ein. Von seinen anderen Eink\u00fcnften als Technova Chef (bis 1997) und Messe Chef wollen wir hier schweigen, weil wir dar\u00fcber nichts wissen. Er hatte auch noch Aufsichtsratsposten bei der Steierm\u00e4rkischen Sparkasse und beim Bankhaus Krentschker inne.<\/p>\n<p>Sein Sohn \u2013 auch Alexander getauft \u2013 ging mit mir in die gleiche Klasse. Unsere Wege trennten sich erst in der dritten Klasse des Gymnasiums. Bis dahin waren wir eigentlich so etwas wie Freunde. Es konnte schlie\u00dflich nicht gut gehen, denn er war im Gymnasium genauso schlecht wie ich, aber er kam immer durch. Irgendwie ergatterte er noch einen Vierer oder bei den alles entscheidenden Schularbeiten bekam er \u2013 im Gegensatz zu mir \u2013 doch ein Gut. Es reichte halt nicht. So war es immer, am Ende rutschte er durch und ich nicht. Und so nahm seine \u201eKarriere\u201c seinen Lauf. 1997 folgte er zuf\u00e4llig seinem Vater bei Technova und sp\u00e4ter als Messechef. Aber gut, wenn man das Karriere nennen mag?<\/p>\n<p>Damals am ersten Tag wusste ich von all dem nichts. Ich mochte Alexander, er war kein Angeber, eher ruhig. An den ersten Tag hab ich keine Erinnerung. \u00c4ngstlich war ich sicher, unsicher auch, vielleicht gespannt und neugierig? Denn ich kannte ja niemanden. Es war kein Karli da, kein Peter und die Karin auch nicht. Die blieben alle zur\u00fcck in Liebenau. Ich war erst am Wochenende vor Schulbeginn zu meinen Eltern ins Stiftingtal endg\u00fcltig und dauerhaft umgesiedelt.<\/p>\n<p>Eine erste Erinnerung habe ich erst an einem der folgenden Tage. Der begann schlecht. Meine Mutter musste wegen einsetzender Wehen ins Spital und konnte mich nicht begleiten. Wie ich in die Schule kam, wei\u00df ich nicht. M\u00f6glich, aber eher unwahrscheinlich, dass mich Vater hin brachte oder auch, dass er mich einfach ein paar Buben mit gab, die auf mich aufpassen sollten. Opa sollte mich nach der Schule holen und nach Liebenau mit nehmen. Mama war ja im Spital, ein Notfall sozusagen. Daher hatte ich den Auftrag vor der Schule im \u2013 mit Steinen und einem Zaun ausgelegten und umz\u00e4unten \u2013 Vorhof zu warten. Einige Erstklassler*innen wurden bereits an der T\u00fcr empfangen und geherzt, die anderen im Vorhof. Aber nicht ich. Opa war nicht da. Nach einigen Minuten war der Vorhof leer. Ich stand alleine da. Wo sollte ich hin? Liebenau war endlos weit weg, keine Chance dort jemals hinzukommen, wo wenigstens Oma gewesen w\u00e4re. Ins Stiftingtal \u2013 auch aussichtslos, ich wusste ja noch nicht mal den Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Kaum drinnen, war ich schon fertig mit ihr<\/strong><\/p>\n<p>Ich wurde immer verzweifelter, meine Hoffnung sank. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als zehn Minuten \u2013 h\u00f6chstens. Opa hatte einfach den Verkehr untersch\u00e4tzt, oder er war zu sp\u00e4t aus der Firma weg gekommen. Schlie\u00dflich arbeitete er ja und musste sich extra daf\u00fcr frei nehmen. Ungeachtet all der rationalen Einw\u00e4nde, f\u00fcr mich war es die Katastrophe. Als er kam, mich umarmte und ins Auto setzte, blieb ich stumm. Die Tr\u00e4nen waren schon getrocknet. Ich sagte mir aber, dass ich mit der Schule fertig war, sie mich nicht mehr interessierte und ich dort sicher nicht mehr hingehen w\u00fcrde. Am n\u00e4chsten Tag bemerkte ich aber, dass es nicht nach meinem Willen ging. Ich hatte da nichts zu bestellen. Ich sa\u00df wieder am gleichen Platz.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Tage verbrachte ich wieder bei den Gro\u00dfeltern in Liebenau, bis Mutter mit meiner kleinen Schwester aus dem Spital nach Hause kommen w\u00fcrde. Aber es war nichts mehr so, wie es vorher war und das ging mir gewaltig auf die Nerven. Den Schulweg musste ich mit meinen neuen \u2013 schon wieder 2 Jahre \u00e4lteren \u2013 Kumpanen bestreiten. Und nach ein paar Wochen waren wir mehrere Volkssch\u00fcler*innen, die den gleichen Weg gingen. Zu Hause hatte keiner mehr Zeit f\u00fcr mich, alles drehte sich um das kleine rosa Balk, das ununterbrochen schrie. Die Geburt war nicht ganz komplikationslos; irgendwas mit Rhesus Faktor und zu lange gewartet und daher selbst vergiftet oder so \u00e4hnlich. Aber fragen Sie mich nicht genauer. Mutter hatte es mir mal erz\u00e4hlt, aber ich habe es schon wieder vergessen. Auf jeden Fall hatte die kleine Brigitte st\u00e4ndig Kolliken und war ein richtiges Schreikind, das durch nichts zu beruhigen war. Eh klar, sie hatte ja auch wirklich Schmerzen. Das dauerte Wochen.<\/p>\n<p>Ich entdeckte den Schulweg als Abenteuerspielplatz, als Experimentierfeld, als Platz, wo niemand schrie. Dabei waren vor allem die Nachhausewege bald der Inbegriff von Tr\u00f6deleien und Umwegen. Die neuen Freundschaften begleiteten sich gegenseitig nach Hause, bogen in den Wald ab, suchten sich neue Wege oder bauten am Stiftingbach D\u00e4mme, um Fische zu fangen, was aber nie gelang; und vieles mehr, was 6-10j\u00e4hrigen Jungen so einfiel. Ja damals gab es noch Forellen im Bach. Bis ein Bauer G\u00fclle oder Jauch\u00b4n \u2013 wie wir sagten &#8212;\u00a0 in den Bach ablud und die Wasserqualit\u00e4t im Eimer war. Manchmal landete ich sogar in der Ragnitz, weil wir irgendein verwegenes Spiel spielten.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-896 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"141\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/kinder-Elblag-Springbrunnen.jpg 1607w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Riesstra\u00dfe ging es ebenso steil hinunter, wie auf &#8222;unserer&#8220; Seite. \u00dcber den Ledermoarweg \u2013 ja der hei\u00dft wirklich so \u2013 der weiter unten in die Rauchleitenstra\u00dfe m\u00fcndete. Vorbei an der Frankensteingasse \u2013 auch das ist wahr, sie k\u00f6nnen es ja selbst eingeben und suchen, wenn sie mir nicht glauben \u2013 bis man auf die Ragnitzstra\u00dfe stie\u00df, einige hundert Meter vor dem legend\u00e4ren Ragnitzbad. Da verlagerte sich aber erst sp\u00e4ter unser Freizeitmittelpunkt. Einstweilen war das Stiftingtal noch unser Revier; Ragnitz die Ausnahme.<\/p>\n<p>Die Volksschule Ries hatte drei Einzugsgebiete, woher die Sch\u00fcler*innen kamen. Erstens, die Stiftingtaler, aus jungen Familien stammend, Arbeiter und kleine Angestellte, die sich auf dem Weg in die Mittelschicht befanden, ihren klassischen Traum, von Familie und Haus tr\u00e4umten und ihn sich gerade verwirklicht hatten. Dementsprechend von Schulden geplagt waren und schufteten und wenig Zeit hatten. Zweitens, die Ragnitzer, aus dem schon erw\u00e4hnten besser situierten Gro\u00dfb\u00fcrgertum, Villenbesitzer*innen, Kinder aus besserem Haus. Sowie drittens die Rieser. Kinder, die \u00a0meistens von Bauernfamilien stammten, die es stadtausw\u00e4rts noch einige gab. Eine lustige Mischung, die es sonst wohl heutzutage nirgends mehr gibt. Die Unterscheidungslinien zogen sich aber st\u00e4rker entlang des Geschlechtes, also M\u00e4dchen gegen Buben. Mit dem Ende der Volksschule war die Vermischung zu Ende. Die Ragnitzer und die meisten Stiftingtaler gingen ins Gymnasium, die Rieskinder kamen in die Hauptschule.<\/p>\n<p>Einmal erinnere ich mich, dass wir eine Gruppe von Stiftingtaler*innen in der Fr\u00fch auf dem Weg zur Schule waren. Es ging laut her, wir schupften, h\u00e4nselten uns und nahmen uns Dinge weg. Buben gegen M\u00e4dchen, aber nat\u00fcrlich gab es auch interne Fraktionen, die Erst- gegen die Drittklassler*innen usw.\u00a0 Ich stie\u00df eine Klassenkollegin so stark, dass sie hinfiel. Sie sch\u00fcrfte sich das Knie auf, blutete und die wei\u00dfe Strumpfhose ging kaputt. Sie weinte, lief laut pl\u00e4rrend nach Hause. Es tat mir leid, so fest wollte ich das nicht. Aber es war schon zu sp\u00e4t. Wir riefen ihr zwar nach, sie m\u00f6ge doch da bleiben, aber es half nichts mehr. Mir war mulmig, aber es lie\u00df sich nicht mehr \u00e4ndern und so gingen wir \u00fcbrig gebliebenen weiter zur Schule.<\/p>\n<p>Ich hatte den Vorfall schon vergessen. Doch irgendwann in der zweiten Schulstunde ging die T\u00fcr auf und ein Sch\u00fcler aus der 4. Klasse holte mich auf Gehei\u00df der Direktorin. Die Mutter der Sch\u00fclerin stand, b\u00f6se und finster drein schauend, neben der Direktorin. Ich erhielt eine Abreibung und Ermahnung, musste mich entschuldigen, was mir gleich nach dem Vorfall nicht schwer gefallen w\u00e4re, aber jetzt unter dem Druck der Anklagebank, mir kaum von den Lippen kam. Dann wurde ich, gedem\u00fctigt und verbal gepr\u00fcgelt, zur\u00fcck in die Klasse geschickt. Ich fand, das h\u00e4tten wir uns doch unter uns ausmachen k\u00f6nnen. Da h\u00e4tte es doch die Mutter nicht gebraucht!<\/p>\n<p><strong>Abteilung Taschenfeitl <\/strong><\/p>\n<p>In der dritten Klasse war ich dann Teil eines gr\u00f6\u00dferen angehenden Verbrechersyndikats. Meine Position war die eines \u2013 heute w\u00fcrde man im Drogenmilieu \u2013 Streetrunners. Wenige Meter neben der Schule lag der Lachmann, ein typischer Greissler der damaligen Zeit. Heute gibt es so etwas in der Form nicht mehr. Ein Laden f\u00fcr Jausen, S\u00fc\u00dfigkeiten und Schulbedarf. Einer von den Gro\u00dfen \u2013 aus der 4. Klasse \u2013 kam drauf, dass man beim Lachmann vermeintlich leicht was mitgehen lassen konnte. Nach den ersten gegl\u00fcckten Versuchen, wollte er gleich einen ordentlichen Handel aufziehen, also &#8222;klotzen nicht kleckern&#8220;. Es gab Kompagnons, die stahlen, es gab Kinder, die das \u201eDiebsgut vercheckten\u201c.<\/p>\n<p>Ich war in der Abteilung \u201eTaschenfeitl\u201c besch\u00e4ftigt. Alle paar Tage sollten aufklappbare Taschenmesser, mit Holzgriff gestohlen werden und die sollte ich dann an Mitsch\u00fcler*innen \u201everticken oder verchecken\u201c, um in der coolen Junggangstersprache zu bleiben. Das ganze ging nicht lange gut. Wie zu erwarten. Die Lachmann Besitzer rochen den Braten relativ schnell und lie\u00dfen die Bande auffliegen. Na, was soll ich sagen; gro\u00dfe Aufregung! Aufmarsch in der Direktorion, in Reih und Glied stehen. Androhung des Ausschlusses, Rufe nach der Polizei wurden laut. Die Eltern wurden informiert. Entsetzen, rundum. Die eine oder andere \u201eWatschen\u201c wurde zu Hause sicher ausgeteilt. Es fand ein Tribunal im Direktionszimmer statt, bei dem die Eltern teilweise anwesend waren. Wir kamen glimpflich davon, mussten Widergutmachung leisten. Mein Gl\u00fcck war, dass praktisch alle Taschenfeitl wieder retourniert werden konnten. Einen hatte ich selber, einen hatte ich verkauft. Der Sch\u00fcler gab ihn anstandslos zur\u00fcck. Einer war gerade eingetroffen, war aber noch nicht verkauft worden. Der wurde mir auch abgenommen. Die Verbrecherkarriere war also abrupt gestoppt worden, sie flackerte nur sp\u00e4ter nochmal kurz auf. Aber das ist eine andere Geschichte.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-897 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Uzbekistan-Kinder-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/p>\n<p>Meine Lehrerin in der 1. und 2. Klasse mochte ich sehr. Sie war freundlich, umg\u00e4nglich und ging mit allen aufmerksam und liebevoll um. Ich meine, wir waren ja noch kleine Stoppeln, kaum den Windeln entstiegen. Sie war die richtige f\u00fcr uns. Sie schaute drauf, dass es uns gut ging und dass wir durcheinander gemischt wurden und das niemand zur\u00fcck blieb. Irgendwann in der ersten Klasse kam ich neben der Dani zum Sitzen. Jene Daniela, die sp\u00e4ter noch einmal in der Geschichte vorkommen wird. Ich war einer der ersten Buben, die neben einem M\u00e4dchen sa\u00df. Zuerst war es furchtbar, was f\u00fcr eine Erniedrigung, neben einem M\u00e4dchen sitzen zu m\u00fcssen. Aber insgesamt und heimlich fand ich es super. Die M\u00e4dchen waren so anders, so freundlich und sanft. Sie rochen auch ganz anders und die Dani war immer sehr nett zu mir, half mir, ordnete meine Sachen. Ich glaub\u00b4, ich war ein bisschen verliebt in sie. Aber das durfte nicht raus kommen.<\/p>\n<p>Singen hasste ich allerdings, was sie und auch die Lehrerin sehr gerne taten. Nicht grunds\u00e4tzlich, das muss ich betonen, aber das Singen im Klassenchor, das war mir zuwider. Vor allem wenn wir \u201eSumm-Summ-Summ Bienchen summ herum\u201c sangen. Da forderte die Lehrerin uns alle auf mit den H\u00e4nden die Fl\u00fcgel nach zu machen und uns um unsere eigene Achse zu drehen. Die M\u00e4dchen sangen bei dem Lied immer besonders enthusiastisch. Ich fand das Lied und die Darbietung immer affig und verweigerte die Mitarbeit.<\/p>\n<p>Die Frau J. \u2013 unsere Lehrerin \u2013 war ein dunkler Typ, italienisch, griechisch, slawisch oder so. Halt so einfach mal eingeteilt. Sie hatte dichtes schwarzes, welliges, halblanges Haar, das mit grauen Str\u00e4hnen durchzogen war. Das Alter von Volksschullehrerinnen einzusch\u00e4tzen, f\u00e4llt schwer. F\u00fcr uns war sie uralt. Aber ich denke mir, sie war so mittelalterlich, vielleicht 40. Nicht so alt wie die Frau Gasparic, die sp\u00e4ter f\u00fcr sie einsprang und mich an eine KZ-W\u00e4rterin erinnerte, aber eben auch nicht so jung wie Frau Herbst, die wunderh\u00fcbsch war und mit ihrem roten VW-K\u00e4fer anbrauste, ausstieg und frischen Wind in ihren wallenden Haaren mit brachte und alle verz\u00fcckte. Kollektive Verliebtheit f\u00fcr einige Monate, dann ging sie aber gleich wieder, weil sie wurde schwanger.<\/p>\n<p>Frau J. hatte auch einen Damenbart, ihr Flaum auf der Oberlippe war deutlich sichtbar und beim Turnen, wenn sie einen Art Badeanzug trug, sahen wir auch ihre beharrten Beine. Sie war Alles in Allem betrachtet, aber ein Goldgriff. das h\u00e4tte was Gutes werden k\u00f6nnen. Mit der Zeit fielen uns jedoch ein paar Seltsamkeiten auf. Wenn wir eine Aufgabe hatten und still in unseren Heften schrieben, lasen oder malten, sa\u00df sie vorne am Pult und verschwand von Zeit zu Zeit unter dem Pult. Wir hatten keine Ahnung, was sie da unten tat. Manchmal wirkte sie dann etwas desorientiert und dann sprach sie langsamer und schwankte, wusste manchmal unsere Namen nicht. War sie krank? Jeder konnte mal einen schlechten Tag haben und sie war ja auch schon alt, aus unserer Sicht. In der zweiten Klasse,\u00a0 ich glaube mich zu erinnern, dass es im ersten Semester war, kam die Frau Direktor herein und sagte, dass wir eine Zeitlang eine andere Lehrerin bekommen w\u00fcrden, weil Frau J. auf Kur gehe.<\/p>\n<p>Dieser zweite Abschnitt der zweiten Klasse geriet zum Martyrium f\u00fcr mich. Die erw\u00e4hnte Frau Gasparic zog bei uns ein und alles wurde anders. Der Ton war rau, wenn es nicht gleich so passte, wie sie wollte, schrie sie mit uns. Wir wurden bestraft, wenn wir was falsch machten. Mein Schulstarttrauma feierte wieder fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde. Meine Leistungen wurden schlechter. Im Halbjahreszeugnis hatte ich im Sch\u00f6nschreiben ein Gen\u00fcgend. Okay, meine Klaue war nicht sehr elegant, aber musste man das als so wichtig bewerten. Einige Monate lang wurden Schule zum Alptraum und meine \u00c4ngste begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Als Frau J. wieder zur\u00fcckkam, sah sie gut aus und wirkte frisch. Meine Noten wurden wieder besser. Aber die Angst, dass Frau Gasparic zur\u00fcck kommen w\u00fcrde, blieb.\u00a0 Als die zweite Klasse zu Ende war, bekamen wir eine neue Klassenlehrerin, die war auch nett, die Frau Oitzinger. Aber sie war nicht mehr so sanft und m\u00fctterlich und das ganze wurde schon mehr zur Schule, wie wir es seit 200 Jahre kennen. Mit Frontalunterricht, mit Diktat, mit Diziplin, mit einer Stunde nach der Anderen und mit Hausaufgaben. Ich erinnere mich, dass sie oft ein hellbraunes Kost\u00fcm trug und insgesamt lieb und nett aber auch strenger war, als Frau J.\u00a0 Damit wechselten wir auch in den ersten Stock, womit wir bereits die Gro\u00dfen waren. Das war nat\u00fcrlich ein Riesenaufstieg in der sozialen Hierarchie der Schule. Die VS-Ries hatte ja nur jeweils eine Klasse in jeder Schulstufe. Die 3. und die 4. Klassen waren im ersten Stock beheimatet.<\/p>\n<p>Viele Jahre sp\u00e4ter \u2013 als ich schon selbst mit diversen Substanzen in Ber\u00fchrung gekommen war \u2013 wurde mir klar, was das Problem der Frau J. war. Sie war Alkoholikerin. Ich traf sie in einem Grazer Schwimmbad. Sie war sehr nett, konnte sich sogar noch an mich erinnern und wir plauderten ein wenig. Aber es war sehr deutlich, dass sie am fr\u00fchen Nachmittag schon ziemlich abgef\u00fcllt war und trotz der typischen D\u00fcfte, die in einem Schwimmbad umher waberten \u2013 Chlor, Frittier\u00f6l und Sonnencreme \u2013 war ihr Alkoholgeruch deutlich zu riechen. Die Kur hatte offensichtlich nichts geholfen.<\/p>\n<p><strong>Immer unter den Kleinsten<\/strong><\/p>\n<p>Die Turnstunde wurde bei sch\u00f6nem Wetter in einem quadratischen Hof, gleich neben der Schule abgehalten. Der Hof, der prinzipiell einen Grasboden hatte, der aber sehr in Mitleidenschaft gezogen war, war von einer Steinmauer, eine Gehweg aus Steinplatten und einem Zaun sowie B\u00fcschen umgrenzt, damit wir nicht auf die stark befahrene Riesstra\u00dfe laufen konnten. Beim chaotischen und extensiven Fu\u00dfball spielen \u2013 sie kennen das ja wenn ein Rudel Kinder dem Ball nach jagt und auf alles tritt, was sich bewegt \u2013 flog schon mal ein Ball \u00fcber den Zaun auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Auf dem Platz, verbrachten wir auch unsere Pausen. Sp\u00e4ter, als ich einmal die Schule besuchte, da gab es sie noch als Schule, war ich \u00fcberrascht wie klein das alles war. Wenn da 4. Klassen Pause hatten und 100 und mehr Kinder alle ihren Bewegungsdrang auslebten, musste es da ordentlich umgegangen sein. Im Winter oder wenn das Wetter schlecht war, wurde der Turnunterricht in die R\u00e4umlichkeiten der ersten Klasse verlegt. Der wurde zu einem Turnsaal umfunktioniert. Der war auch der gr\u00f6\u00dfte Raum in der Schule und wenn ich mich nicht t\u00e4usche, waren auch Sprossenw\u00e4nde an der R\u00fcckseite. Auf jeden Fall war ein roter rutschfester Plastikboden verlegt, wir sagte alle Linoleum dazu, ohne zu wissen, was das meinte.<\/p>\n<p>Da die r\u00e4umlichen Umst\u00e4nde ziemlich prek\u00e4r waren, wurde einige Jahr sp\u00e4ter, ein Zubau vorgenommen, in der dann eine eigene Klasse untergebracht war, damit die ehemalige 1. Klasse zu einem richtigen Turnsaal umgebaut werden konnte. Als meine Schwester, sechs Jahre sp\u00e4ter in die gleiche Schule kam, stand der Zubau schon.<\/p>\n<p>Turnen war immer auch die Gr\u00f6\u00dfenmessung. Aus welchem Grund auch immer, musste sich die Klasse der Gr\u00f6\u00dfe nach aufstellen. Ich war immer im letzten Viertel anzutreffen, nie der kleinste, aber auch entfernt, ins Mittelfeld aufzusteigen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re ich gerne gr\u00f6\u00dfer gewesen. Aber es wurde nicht besser, auch sp\u00e4ter nicht. 23-26 von 30 war so meine Position.<\/p>\n<p><strong>Erster, St\u00e4rkster.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einige Tage war ich der St\u00e4rkste der Schule, ja sie lesen richtig: In der Schule, nicht der Klasse. Das kam so. Es gab einen kleinen Platz in der N\u00e4he der Schule, am Rande des W\u00e4ldchens, dort wo die Stufen zur Riesstra\u00dfe hinauf ging, von der Stiftingtaler Seite her. Dort war damals ein Schotterhaufen aufgeschichtet. Nach der Schule trafen immer viele Sch\u00fcler zusammen. Sch\u00fclerinnen, auch, aber die waren nur Staffage, Publikum, die durften zusehen. Ja so war das damals, heute ist das nat\u00fcrlich ganz anders!<\/p>\n<p>Auf jeden Fall wurden dort immer K\u00e4mpfe ausgetragen, bei dem nach einem ausgekl\u00fcgelten System und genauen Regeln der st\u00e4rkste Sch\u00fcler ausgefochten worden ist. Es war im wesentlich etwas \u00c4hnliches wie Ringen. Zuschlagen war verboten, mit der Faust gar, war verp\u00f6nt. Man musste seinen Gegner auf jeden Fall auf die Wiese oder auf den Schotterhaufen bringen.<\/p>\n<p>Eines Tages zog ich das Los gegen \u2013 ich glaube, ich war in der Dritten und nat\u00fcrlich viel zu klein und schm\u00e4chtig, um gewinnen zu k\u00f6nnen \u2013 den regierenden Champion aus der Vierten. Er nahm den Kampf nicht ernst, ich war ja einen Kopf kleiner als er. Er stolzierte umher, plusterte sich gegen\u00fcber den Zuschauer*innen auf, h\u00e4nselte mich und platsch lag er im Dreck und hatte verloren.<\/p>\n<div id=\"attachment_888\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-888\" class=\" wp-image-888\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/indien-kids-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"234\" height=\"156\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/indien-kids-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/indien-kids-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/indien-kids.jpg 936w\" sizes=\"(max-width: 234px) 100vw, 234px\" \/><p id=\"caption-attachment-888\" class=\"wp-caption-text\">Kids bei der Essensausgabe zu Mittag<\/p><\/div>\n<p>Maximal 2-3 Tage war ich der Hero und wurde in der ganzen Schule gefeiert. Typisches david gegen Goliath Syndrom. So denke ich mir das halt, im R\u00fcckblick. Ich war stolz und ich zeigte, man musste nicht der gr\u00f6\u00dfte sein, um etwas zu erreichen. Dann kam der Zeitpunkt, an dem ich wieder k\u00e4mpfen musste. Ich konnte ja nicht einfach so f\u00fcr immer Champion bleiben und nie mehr k\u00e4mpfen; sondern ich musste meinen Titel verteidigen. So waren die Regeln. Es kam, wie es kommen musste, der Herausforderer, der machte den Fehler seines Vorg\u00e4ngers nicht mehr und untersch\u00e4tzte mich. Klarerweise legte er mich aufs Kreuz. Aus, vorbei. Der Titel war weg.<\/p>\n<p>Mir ginge es da wie dem Thomas Muster, der auch nur sechs Wochen Nummer 1 im Tenniszirkus war. Aber meine Fertigkeiten im Infight und mein Selbstbewu\u00dftsein waren gest\u00e4rkt worden und brachten mir oft Vorteile gegen\u00fcber Gr\u00f6\u00dferen, was vor allem im Gymnasium wertvoll war.Mit der Oberstufe endeten aber meine Auseinandersetzungen auf k\u00f6rperlicher Ebene. Ich war dann sp\u00e4ter nie mehr in einen Raufhandel oder eine Pr\u00fcgelei verwickelt.<\/p>\n<p><strong>Samstag, Mittag &#8211; Religion<\/strong><\/p>\n<p>In der Schule kam ich bald drauf, dass ich anders war, als die anderen. Ich hatte n\u00e4mlich einen eigenen Religionsunterricht. Ich war evangelisch getauft worden; wohl auch, weil eine der beiden Gro\u00dfm\u00fctter aus Vorpommern stammte. Vielleicht auch weil mein anderer Gro\u00dfvater im Clinch mit irgendeinem katholischen Pfarrer lag und daher die Kirche wechselte. Sp\u00e4ter hat er sich der katholischen Kirche wieder eine Zeit lang angen\u00e4hert, bis er schlie\u00dflich zum esoterischen Guru wurde, was er im Alter forcierte und sehr genoss. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall war ich evangelisch. F\u00fcr \u201edie Evangelischen\u201c gab es eine eigene Religionsstunde, die am Samstag nach der vierten Stunde, angeh\u00e4ngt an den normalen Unterricht, stattfand. Wir wurden aus allen Klassen gemeinsam unterrichtet. Die Lehrerin war die Gro\u00dfmutter einer Klassenkollegin, der vorher erw\u00e4hnten Dani, deren Eltern fr\u00fch gestorben waren und die beiden T\u00f6chter bei der Oma aufwuchsen. Alles sehr tragisch, aber als Religionslehrerin war sie eine Katastrophe. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern. Aber ich wei\u00df, dass mir das alles \u2013 was da erz\u00e4hlt wurde \u2013 v\u00f6llig absurd erschienen war und ich immer Zeichnungen anfertigen musste, die irgendeine biblische Szene zeigen sollten. Zeichnen war sowieso nicht meine St\u00e4rke und zu den Geschichten fand ich keinen Zugang, sie ber\u00fchrten mich nicht.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-891 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-300x168.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"130\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-300x168.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-1024x575.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-768x431.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-1536x863.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/IMG_20160906_135131-2048x1150.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 232px) 100vw, 232px\" \/><\/p>\n<p>Was aber das schlimmste war, mit ein paar Hanseln und Greteln in einer menschenleeren, gespenstisch stillen\u00a0 Schule sitzen zu m\u00fcssen, wo doch die anderen Schulkamerad* und Freund*innen bereits auf dem Heimweg waren und ihren Spa\u00df hatten. Das traf mich und \u00e4rgerte mich ma\u00dflos, machte mich depressiv. Warum musste ich da am Samstag von 12 bis 13 Uhr Religion machen und alle anderen d\u00fcrften spielen? Ich empfand das als Bestrafung; und wer wei\u00df, vielleicht war es als solche auch gedacht. Wenn die Glocke zwei Sekunden gel\u00e4utet hatte, war ich schon aus dem Klassenzimmer drau\u00dfen, rannte aus dem kalten, leeren und traurigen Schulgeb\u00e4ude und suchte nach den letzten versprengten Schulkamerad*innen, die ich hoffte noch zu treffen. Aber meistens waren alle schon zu Hause.<\/p>\n<p>Der Samstagnachmittag hatte begonnen. So trottete ich einsam und traurig nach Hause. Religion war seitdem bei mir unten durch. Evangelischen Gottesdienst am Sonntag gab es auch in der Schule. Einige wenige Mal musste ich mit meiner Mutter mitgehen. Das war noch trostloser. Am Sonntag in einer Schule zu sein, war f\u00fcr mich das traurigste, was es damals f\u00fcr mich gab. Die Pastorin spielte auf einem mit gebrachten kleinen elektrischen Klavier, Lieder. Das erinnere ich mich noch und ir sa\u00dfen in der 2. Klasse. es waren vielleicht 10 Leute da. Gut, ich hatte ja noch nicht so viel Trauriges erlebt damals. Gl\u00fccklicherweise erlahmte das religi\u00f6se Feuer bei meiner Mutter auch bald wieder. Sonntag in der Schule, gruselig.<\/p>\n<p>Damals in den fr\u00fchen 1970er waren die Gesch\u00e4fte viel eingeschr\u00e4nkter offen und die Schule dauerte bis Samstag zu Mittag. Das erzeugte eine Situation in der Stadt, in der es bis Samstagmittag ein gesch\u00e4ftiges Leben gab, welches ab 12 Uhr \u2013 sp\u00e4testens 13 Uhr \u2013 in einen Ruhemodus abbrach. Die Schulen leerten sich, die Gesch\u00e4fte schlossen, alle fuhren nach Hause und es war somit Wochenende. Es entstand mit einem Male eine ruhige, entschleunigte, ja gelangweilte Stimmung auf den Stra\u00dfen, auch weil sie oft menschenleer waren. Da konnte man auf der Stiftingtalstrasse und den Parkbuchten Radgeschicklich-keitsspiele spielen, ohne das minutenlang ein Auto vorbei kam. Man h\u00f6rte die V\u00f6gel, irgendwo lief ein Radio, ganz entfernt. Es war auch kein L\u00e4rm von Kindern zu h\u00f6ren. Die verhielten sich auch ruhig. Meine Oma in Liebenau sa\u00df zu der Zeit immer am K\u00fcchentisch, trank ihren Kaffee und l\u00f6ste R\u00e4tsel. Manchmal kommt diese Stimmung heute noch auf, wenn Sommer in Graz ist und die Stadt leerer als sonst und niemand gerade etwas vorhat. Aber das ist selten.<\/p>\n<p>Einmal noch bin ich zur Volksschule gegangen, mit meiner Frau, der ich das alles zeigte und ich wei\u00df noch, dass ich dachte, wie klein das alles ist, wo sie mir doch damals als richtig gro\u00dfe Schule vor kam. Und noch einmal einige Jahre sp\u00e4ter hatten wir ein Volksschul-Klassentreffen, das sehr nett war, weil man Menschen traf, die man danach im Leben nie mehr traf und wieder sah. Einige davon erkannte ich sofort wieder, andere wusste ich nicht mal mehr, dass ich mit denen in die Schule gegangen war. Aber da trafen wir uns in einem Lokal und nicht in der Schule. Wiederum einige Jahr sp\u00e4ter wurde die Riesschule aufgelassen, wegen zu geringer Kinderanzahl. Trotz verschiedener Protestma\u00dfnahmen einer B\u00fcrgerinitiative, die die Schule erhalten wollte, war der Zug der Zeit abgefahren. Sie wurde 2006 geschlossen. Das Geb\u00e4ude selbst stand dann einige Jahre leer und wurde dem Verfall preisgegeben, bis es irgendwann mal in ein Wohnhaus umgebaut worden ist. Von dem Schulcharakter ist nicht mehr viel vorhanden. Sch\u00fcler*innen l\u00e4rmen auf jeden Fall nie mehr wieder in und vor dem Haus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Am ersten Tag begleitete mich meine Mutter. Ausgestattet mit einer rechteckigen, roten Schultasche aus Leder am R\u00fccken, spazierte ich an ihrer Hand den Berg hinauf. Das hatte nichts von einem kurzen, gem\u00fctlichen Spaziergang, sondern war eine richtige Wanderung. Wir hatten beim ersten Mal sicher an die 30 Minuten f\u00fcr eine Strecke gebraucht. Wir zwei &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/verschwundene-orte-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[379,360,359,368,380,370],"tags":[248,257,284,318,321,327],"class_list":["post-750","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erinnerungen","category-essays-kurzgeschichten","category-literarisches","category-serien","category-themen","category-verschwundene-orte","tag-ragnitz","tag-riesstrasse-141","tag-staerkster-in-der-schule","tag-verschwundene-orte","tag-volksschule-ries","tag-wolfgang-gulis","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/750","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=750"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/750\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1410,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/750\/revisions\/1410"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=750"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=750"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=750"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}