{"id":694,"date":"2018-12-18T09:58:04","date_gmt":"2018-12-18T09:58:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=694"},"modified":"2021-05-04T13:34:28","modified_gmt":"2021-05-04T13:34:28","slug":"mehr-gibt-es-darueber-nicht-zu-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/mehr-gibt-es-darueber-nicht-zu-sagen\/","title":{"rendered":"Mehr gibt es dar\u00fcber nicht zu sagen"},"content":{"rendered":"<h3><a href=\"https:\/\/www.edition-schreibkraft.at\/heft\/heft-33\/\">Schreibkraft #33: Anlegen<\/a><\/h3>\n<h4><strong>Ein nie gedrehter Film<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>Manifeste Irritation<\/strong><\/h4>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>Ich werde einen Traum gehabt haben, der sich in meinem Gehirn wie ein Film abgespult haben wird. Szene f\u00fcr Szene, realistisch, wie es immer hei\u00dft \u2013 keine surrealen Verzerrungen, keine endlosen Wiederholungen, kein Kippeffekt ins Alptraumhafte \u2013 wird dieser Traum \u2013 oder Film? \u2013 abgespult werden. Zu Beginn wird die feine Gesellschaft gesehen worden sein, die sich, ihre Koffer, ihre Gep\u00e4ckst\u00fccke und ihre Abendgarderobe unter Plastikh\u00fcllen gesch\u00fctzt, vom Personal an Bord getragen haben lassen wird. Alle werden sie angetan gewesen sein, mit dem feinsten Tuch und pr\u00e4chtigsten Stoffen, das ihnen mit ihren \u2013 durchaus nicht ganz kleinen &#8212; Geh\u00e4ltern bezahlbar erschienen war. Pr\u00e4chtige Gestalten werden sich da in der Szenerie bewegen, aufgeregt \u00fcber den Aufbruch zur gro\u00dfen Kreuzfahrt, die sie an fremde Gestade gebracht haben wird, zu der sie sonst nie gekommen w\u00e4ren. Bis eine Stimme mich erinnert, dass sich in der Anlage das gew\u00fcnschte Dokument befindet. Ich schrecke auf und wusste, dass die Basis eine Szene aus meiner Vergangenheit war \u2026<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-930 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020862-300x200-1.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"139\" \/><\/p>\n<p><strong>Wie vorhergesagt<\/strong><\/p>\n<p>Der \u201ePr\u00e4sident\u201c rief und \u201ewachelte\u201c mit seinen Armen. Er stand neben dem Tor im 16er und rief uns zusammen: \u201eGenug aufgew\u00e4rmt \u2013 Kommt her!\u201c Unser Aufw\u00e4rmprogramm \u2013 so auch heute \u2013 bestand darin, den Torh\u00fcter \u201ewarm zu schie\u00dfen\u201c, was immer das hei\u00dfen mochte. Torh\u00fcter! Klingt hochtrabend, die Wahrheit war, wir hatten keinen fixen. Es ging irgendwer ins Tor. Einer, der sich breitschlagen lie\u00df und nur mit dem Versprechen, dass er nach einiger Zeit \u201eganz sicher\u201c abgel\u00f6st werde. Undankbarer Job.<\/p>\n<p>Ich muss mich korrigieren, eine Zeit lang war bei unserer Truppe auch ein richtiger Goalie \u2013 wie wir die Torh\u00fcter zu nennen gepflegt hatten \u2013 dabei. Der kam tats\u00e4chlich, um im Tor zu stehen, hatte Tormannhandschuhe mit, entsprechende \u2013 an den H\u00fcften wattierte \u2013 Torh\u00fcterhosen und war mental ger\u00fcstet daf\u00fcr, sich auch mal in den \u201eGatsch\u201c, direkt vor dem Tor, zu werfen. Man konnte sehen, dass der das gelernt hatte, sich nach dem Ball zu \u201eschmei\u00dfen\u201c. Aber das war nur eine Phase, die ging vorbei, wie alles.<\/p>\n<p>Wir hatten keinen Pr\u00e4sidenten. Das war nur sein Spitzname. Wir waren in unseren besten Zeiten nicht mal ein Verein. Wir waren einfach eine lose, ungeordnete und anarchische Truppe von jungen und nicht mehr ganz so jungen Leuten, die gerne in der Freizeit kickten.<\/p>\n<p>Der Haufen war undiszipliniert und unberechenbar. Wenn du zum Platz kamst, wusstest du nie, was dich erwartete: G\u00e4hnende Leere oder wildes Gewusel. Manchmal standen wir zu zweit da, das andere Mal h\u00e4tten wir 11 gegen 11 spielen k\u00f6nnen; was aber f\u00fcr den Platz eh zu viel gewesen w\u00e4re. So gro\u00df war der nicht. Wer kam, kam. Je schlechter das Wetter wurde, desto kleiner wurden die Tore und das Feld. Dann ging es oft nur mehr 3 gegen 3.<\/p>\n<p>Heute war es anders. Wir spielten gegen eine andere Mannschaft, was bei uns selten vorkam. Meistens ging\u00b4s ja einfach gegeneinander, in zwei Teams aufgeteilt. Zwei w\u00e4hlten die Leute aus, mittels \u201eHeu \u2013 Stroh\u201c. Irgendwer blieb dabei \u00fcber, als Letzter geholt. Ich war gl\u00fccklicherweise nie darunter, war gut genug, dass ich bald einmal gew\u00e4hlt wurde. Aber den Moment, an dem man als Letzter da stand und gnadenhalber genommen werden musste, den m\u00f6chte keiner haben, darauf konnte ich gerne verzichten.<\/p>\n<p>\u201eAlso \u2013 Leute \u2013 wie legen wir es denn heute an?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNa, flach spielen, hoch gewinnen\u201c. Kurzes Gel\u00e4chter. Einer schimpfte:<\/p>\n<p>\u201ePhrasenschwein\u201c.<\/p>\n<p>\u201eOkay, lustig ja, aber wenn wir bestehen wollen, und ihr wisst die sind gut, wir haben schon einmal verloren gegen sie\u2026\u201c eine dramaturgische Pause, verst\u00e4rkte die Information,<\/p>\n<p>\u201e\u2026dann m\u00fcssen wir taktisch klug spielen und eine Ordnung hineinbringen.\u201c<\/p>\n<p>Er blickte Charles an, der ihm gegen\u00fcber stand.<\/p>\n<p>\u201eDu gehst bitte wieder ins Tor.\u201c Charles war wie immer alles andere als erfreut, emp\u00f6rte K\u00f6rperbewegungen machten das deutlich. Obwohl er sich mittlerweile schon Tormannhandschuhe gekauft hatte.<\/p>\n<p>Er schaute in die Runde, erblickte die beiden.<\/p>\n<p>\u201eGernot, Gerd, ihr im Mittelfeld?\u201c Mit einer fragenden Satzmelodie. Ein leichtes Nicken \u2013 eher ein zu-Boden Blicken war die Folge. Wie immer man das zu interpretieren hatte.<\/p>\n<p>\u201eAber bitte mit noch hint\u00b4n a gehen und defensiv arbeiten!\u201c Dann wanderte sein Blick:<\/p>\n<p>\u201ePeter! Mitte \u2013 rechts vorne und Alfi, du links vorne. Kurt, ich und Paul, wir machen hinten dicht.\u201c Kurze Pause, Rundumblick.<\/p>\n<p>\u201eLeo, Heinz und G\u00fcllit, ihr kommt rein, wenn die ersten m\u00fcde werden.\u201c Er lie\u00df die Info sacken.<\/p>\n<p>\u201eWir spielen zuerst einmal abwartend. Schau ma, dass ma gut stehen, nix zulassen und dann schnell nach vor. Aber net zuv\u00fc hohe B\u00e4lle, ihr wisst da Peta hat\u00b4s mit dem Stoppen net so.\u201c (Gel\u00e4chter). Peter lacht mit.<\/p>\n<p>\u201eDie sind j\u00fcnger und schneller. Wir haben die Erfahrung, also spielen wir sie aus. Keine unn\u00f6tigen Dribblings, lasst\u00b4s den Ball laufen. F\u00fc\u00dfe schonen und bitte alle drauf gehen, wenn sie den Ball haben\u2026Okay?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOKAY?!\u201c Einige lie\u00dfen sich zu einem m\u00fcden Okay verleiten. Andere schauten skeptisch.<\/p>\n<p>\u201eGut, dann gemmas an.\u201c Alle klatschen in die H\u00e4nde und es ging zum Mittelkreis.<\/p>\n<p>Als wir auseinander gingen, wussten viele, dass die Ordnung nicht lange halten wird. Nach ein paar Minuten taten wieder alle, was sie immer taten, n\u00e4mlich dass, was sie wollten oder glaubten, am besten zu k\u00f6nnen. Dementsprechend rannten die einen \u2013 \u00fcberall und immer \u2013 dem Ball nach. Die anderen wollten immer und jederzeit angespielt werden, tricksten dann, bis sie den Ball verloren hatten und wieder andere blieben stehen und warteten, bis sie angespielt wurden, weil sie ja die gro\u00dfe Chance auf ein Tor haben w\u00fcrden. Und von wegen \u201egr\u00f6\u00dfere Erfahrung\u201c. Wir spielten aus Spa\u00df, jeder f\u00fcr sich, die Idee des Mannschaftssportes nicht verstehend. Es war so wie immer. Man lernt den anderen am besten am Fu\u00dfballplatz kennen. Das ist gut, tut aber auch weh. Von der taktischen \u00dcberlegung war das Ganze in der Theorie nicht schlecht. Aber es kam so, wie vorhergesagt. Es hielt sich niemand dran. Wir verloren 3:5.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-933 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1030474-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/p>\n<p><strong>Nie gedreht<\/strong><\/p>\n<p><em>Doch in all der gesch\u00e4ftigen Vorfreude und dem hektischen Gewusel der aufgeregten Passagiere wird sich ein Riss eingeschlichen haben, der anfangs gar nicht bemerkt werden, sich aber st\u00e4ndig verbreitert haben wird. Anfangs wird er nur durch eine leise musikalische Andeutung gekennzeichnet worden sein und sich schlie\u00dflich zu einer manifesten Irritation ausgewachsen haben. Es wird Bezug auf das Ende der Reise genommen und deutlich gemacht werden, dass diese Kreuzfahrt so nicht enden wird, wie es der Anfang versprochen und wie es der Autor angelegt gehabt haben wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Es wird ein Film (oder Traum?) gewesen sein, der nie gewesen, der nie gedreht worden ist, weil die Mittel daf\u00fcr fehlten und das Geld f\u00fcr den Spielfilm nicht aufgebracht werden konnten. Es wird ein Film gewesen sein, der \u00e4u\u00dferst spannend begonnen haben wird, jedoch ab der Mitte nicht konsequent zu Ende gef\u00fchrt werden wird. Das dringlichste Problem, das der Film gehabt haben wird, so die einhellige Meinung des Fachpublikums, wird sein unklarer Schluss gewesen sein. Denn so spannend der Aspekt gewesen w\u00e4re, dass das Schiff in keinem Hafen in der N\u00e4he anlegen wird k\u00f6nnen, weil \u00fcber das Kreuzfahrtschiff die Quarant\u00e4ne ausgerufen worden sein wird. So wenig werden die Hintergr\u00fcnde beleuchtet geworden sein. Der Drehbuchautor h\u00e4tte zum Beispiel auf gruppendynamische Prozesse eingehen k\u00f6nnen, die es in der kritischen Situation auf engem Raum mit vielen Menschen, die sich fremd gewesen sein werden, entspinnen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Als Zuseher w\u00e4re man ziemlich im Dunkeln gelassen worden. Zur Orientierung wenigstens in der Anlage, die Skizze des Schiffes und die Liste der zu spielenden Personen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Nach vor, kein Zur\u00fcck<\/strong><\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Vormittag sahen wir die Silhouette von Mombasa. Erleichterung machte sich breit und der Gedanke machte sich breit, wir h\u00e4tten das \u00e4rgste \u00fcberstanden. Tags zuvor, am Nachmittag waren wir, ich, Michael und Heidi \u2013 im Hafen von Sanzibar auf die Dau gestiegen. Nicht weil es so geplant, sondern das der schon dringlichen Situation geschuldet war. Bis dahin sa\u00dfen wir auf der Insel fest und wir ja mussten zu unserem Flieger nach Mombasa, wof\u00fcr wir Tickets hatten, zur\u00fcck nach Europa.<\/p>\n<p>Es war der Endpunkt einer f\u00fcnf Wochen langen Tour durch Ostafrika, angefangen in Nairobi, \u00fcber Arusha. Von dort aus organisierten wir drei Safaris in den Nationalparks von Lake Manyara, dem Ngorongoro Krater und der Serengeti. Am zweiten Tag am Zeltplatz wurden wir fast das Abendessen eines Rudels L\u00f6winnen. Wirklich, kein Scherz, ich hab etwa ein Meter vom Zelt entfernt die frischen L\u00f6wentatzen gesehen. Die Fahrer der Jeeps waren geistesgegenw\u00e4rtig genug und verjagten sie.<\/p>\n<p>Dann wollten wir unbedingt auf den Kilimandscharo. Aufgrund des schlechten Wetters musste die Mission auf 6.100 Meter abgebrochen werden. Ich war da gar nicht mehr mit, mich hatte die H\u00f6henkrankheit nieder gestreckt und ich konnte um 1 Uhr fr\u00fch nicht aufbrechen und im eisigem Schneesturm zum Gipfel aufsteigen. Das war zu viel. Wir waren auch nicht richtig ausgestattet und vorbereitet auf die Mission. Aber auch professionelle Bergsteigergruppen hatten an diesem Tag einfach Pech, es ging nicht. Minus 15 Grad und 150 Kilometer Windspitzen.<\/p>\n<p>Als Belohnung der Strapazen hatten wir uns einen Bungalow direkt am Meer geg\u00f6nnt und wollten uns dort erholen und die Seele baumeln lassen. Aufgrund der Einnahme von Malaria Prophylaxe Mitteln hatte ich jedoch nicht viel davon. Inmitten der sch\u00f6nsten Sommerurlaubsidylle \u2013 paradiesisches wei\u00dfe Str\u00e4nde, t\u00fcrkis-blaues Meer \u2013 hatte ich Depressionen, melancholische Anf\u00e4lle und Einsamkeitssch\u00fcbe. Michael und Heidi ging es besser, die tollten am Strand und im seichten Wasser umher, spielten exzessiv Karten, Streitpatience, salopp \u201eSchikanieren\u201c genannt und tranken sich am Abend die Welt sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Irgendwann \u2013 so nach einer Woche \u2013 wurde uns bewusst, dass wir unsere R\u00fcckreise nach Mombasa\/Kenia noch nicht organisiert hatten. Daher machten wir uns nach Sanzibar Town auf, um das zu erledigen. Wir dachten, wir k\u00f6nnten von Dar es Salaam aus mit Bussen, die K\u00fcste entlang nach Mombasa, kommen. Doch das war ein kolossaler Irrtum; das war kompliziert und dauerte viel zu lange \u2013 da h\u00e4tten wir gestern schon los fahren m\u00fcssen. Bis wir das heraus hatten, war ein Vormittag weg. Also Variante 2 \u2013 der Schiffsweg nach Mombasa! Nahm wieder viel Zeit in Anspruch. Die Passagierschiffe fuhren zwar regelm\u00e4\u00dfig, aber Tickets zu bekommen, war nicht leicht. Nach stundenlangem Herumstehen, anstellen, warten, verhandeln, das eine und andere Schmiergeld verwenden, dar\u00fcber m\u00f6chte ich mich aber nicht weiter auslassen, hielten wir schlie\u00dflich nach weiteren vier Stunden, Tickets f\u00fcr eine Schiffpassage in der Hand.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck ins Hotel, gem\u00fctlichen letzten Abend verbringen, an der Bar, die unten am Eck Alkohol ausschenkte und zwei provisorische Tischchen im Freien stehen hatten. Praktischerweise stand am n\u00e4chsten Eck gleich ein Hendl-Griller. Der Abend wurde lang, richtig lang, weil Matrosen ebenfalls ihren letzten Abend feierten und uns okkupierten. Das war eine Zeitlang ziemlich lustig und schr\u00e4g. Die meisten waren aus Pakistan und lie\u00dfen es nochmal richtig krachen. Ab einem gewissen Alkoholpegel wurde es aber m\u00fchsam. Die hatten n\u00e4mlich vor, alles zu ficken, was irgendwie verf\u00fcgbar war und das waren mitunter auch wir. Bis wir uns aus ihren Avancen, Umarmungen befreit und ihre Schnapsrunden abgewehrt hatten, war es 3 Uhr. Wir kamen halbwegs heil aus dem Schlamassel und fanden uns rechtzeitig und am richtigen Tag am richtigen Pier im Hafen ein.<\/p>\n<p>Wir warteten am Hafen. Es war dr\u00fcckend hei\u00df, der Kopf waberte, der Kreislauf rotierte. Schwei\u00dfgebadet standen und sa\u00dfen wir herum. Kein Schiff in Sicht, niemand wusste was. Angeblich habe es Versp\u00e4tung. Stunden vergingen. Was tun? Es waren viele Leute, die warteten. Nervosit\u00e4t breitete sich aus. Wir w\u00fcrden den Flieger vers\u00e4umen, wir w\u00fcrden den Flieger vers\u00e4umen! Irgendwann kam ein Hafenbeamter und erkl\u00e4rte, das Schiff k\u00f6nne nicht fahren, weil es eine Havarie habe. Morgen zu Mittag w\u00fcrde ein Frachtschiff fahren, da k\u00f6nnten wir dann mit. Havarie, Frachtschiff \u2013 klang alles nicht sehr vertrauenserweckend.<\/p>\n<p>Also stolperten wir zur\u00fcck in die Stadt. Verzweifelt waren wir, hatten einen Hangover. Aber wir mussten darauf vertrauen, dass das stimmte, was der Kollege in Uniform uns sagte. Der stammte \u00fcbrigens aus einem alten Kolonialfilm \u2013 \u201eder Saustall\u201c mit Philippe Noiret. Wir quartieren uns in einem sehr billigen Zimmer ein, auf einem Matratzenlager zu Dritt am Boden liegend.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-935 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"130\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-200x300.jpg 200w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-683x1024.jpg 683w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-768x1152.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/P1020861-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 130px) 100vw, 130px\" \/>Tats\u00e4chlich fuhr das Frachtschiff am n\u00e4chsten Tag. Es war eine gro\u00dfe alte Schaluppe, eine Dau, wie in der Gegend gebr\u00e4uchlich. Es war v\u00f6llig \u00fcberladen, nicht nur mit Fracht, sondern auch mit Passagieren. Alle jene, die gestern nicht weggekommen waren, tummelten sich heute auf der Dau. Es war ein w\u00fcstes Gedr\u00e4nge, Gerenne und Geschiebe. Alle versuchten einen halbwegs guten Platz zu ergattern, um die \u00dcberfahrt zu \u00fcberstehen. Kabinen gab es keine, alle an Deck. \u00dcberall lagen Ballen, standen Benzinf\u00e4sser, gro\u00dfe Kiste herum. Dazwischen lagerten die Passagiere. Irgendwann \u2013 es schien endlos \u2013 waren dann alle an Bord, hatten einen Platz und es konnte losgehen.<\/p>\n<p>Daus sind Segelschiffe. Dieses hatte einen kleinen Man\u00f6vriermotor, um aus dem Hafen raus zu kommen. In der Mitte war es flach und breit. Dickb\u00e4uchig k\u00f6nnte man sie nennen und spitz und hoch an den beiden Enden. Das WC \u2013 eine kleine H\u00fctte, die nach hinten offen war \u2013 stand am \u00e4u\u00dfersten Ende hoch oben. Wie beschrieb das Michael so sch\u00f6n, wenn ein Schiff dahinter fahren w\u00fcrde, h\u00e4tte es hoch oben die nackten \u00c4rsche jener sehen k\u00f6nnen, die sich gerade erleichterten.<\/p>\n<p>Die D\u00e4mmerung begann, endlich ging es los. Aus dem Hafen drau\u00dfen, bl\u00e4hte der Wind die Segel und die Dau nahm Fahrt auf. Allerdings wurde der Seegang auch rauer. Die Fahrt durch die Nacht wurde zu einem w\u00fcsten Ritt durch den Indischen Ozean, die K\u00fcste entlang Richtung Norden, gen Mombasa. Kaum jemand an Bord, der nicht seekrank war. Ich lag durch eine Palette etwas erh\u00f6ht am Boden \u2013 was gut war, denn das Wasser sollte ein Problem werden \u2013 neben Dieself\u00e4ssern und Ballen, die irgendetwas weiches beinhalteten, man konnte sich als ganz gut drauf bequem machen. \u00dcberall lag irgendwer, Kinder, die weinten oder kotzten, oft beides oder hing \u00fcber der Reeling und machte das vertraute Ger\u00e4usch.<\/p>\n<p>Das schwere und ungelenke Schiff taumelte durch die riesigen Wellenk\u00e4mme und -t\u00e4ler. Unten am Boden liegend, sah man die n\u00e4chste Welle sich vor einem auft\u00fcrmen und auf einen zu rasen, oben am Kamm blickte man \u2013 einer Achterbahn gleich \u2013 in die Tiefe. Bis zum Morgengrauen war alles nass und verdreckt. \u201eUnd jetzt stellen Sie sich vor, dass sie da aufs Klo gehen m\u00fcssen; in die H\u00fctte hoch hinauf, auf das letzte rausragende Brett und versuchen dort ihr Gesch\u00e4ft zu machen!\u201c Auf dem Weg dorthin warf es einem irgendwo hin, auf einen anderen Menschen, gegen ein Fass oder einen Ballen. Wenn das Schiff nach vorne taumelte, kam einem das Wasser entgegen geschossen. Die H\u00f6he \u2013 war man endlich angelangt \u2013 war be\u00e4ngstigend, da musste man gar keine H\u00f6henangst haben. Der Blick allerdings hinaus aufs Meer, hoch oben, der war atemberaubend. Wenn man ihn genie\u00dfen h\u00e4tte konnte.<\/p>\n<p>Als der Morgen graute, wurde es nicht besser, weil man mit dem heller werdenden Tag das Ausma\u00df des Seegangs zu sehen bekam. Irgendwann am Vormittag kam Land in Sicht. Die See wurde ruhiger. Der Motor wurde eingeschalten und wir tuckerten auf Mombasa zu. Das war kein normaler Hafen, wie wir uns das so als Europ\u00e4er*innen vorgestellt hatten: Keine richtigen Anlegestellen, keine betonierten Ladestationen, nichts von all dem. Und als das Schiff neben zwei anderen Schiffen zum Stehen kam und am n\u00e4chsten festgezurrt wurde, da wurde mir bewusst, dass wir jetzt \u00fcber zwei Schiffe hinweg, mit unserem Gep\u00e4ck aussteigen mussten. Ich glaubte es anfangs nicht. Aber die anderen Passagiere begannen bereits ihre Hab und Gut, ihre B\u00fcndel, Taschen, S\u00e4cke und Koffer, aufzusammeln und es zur Backbord Seite zu tragen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-931 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/IMG_20180818_171623-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/p>\n<p>Sobald das Schiff verzurrt war, begannen sie ihre Sachen \u00fcber die h\u00f6lzerne Schiffswand zu wuchten und auf sie zu steigen, holten die Kinder hoch und reichten sie r\u00fcber, aufs andere Schiff. Dann sprangen sie selbst r\u00fcber. Das bl\u00fcht uns auch, dachte ich mir und verfluchte den Tag, an dem wir auf dieses Boot stiegen. Die Schiffswand war etwa 30 Zentimeter breit, auf dem man stehen\u00a0 konnte; wie ein \u2013 sich in alle Richtungen bewegender \u2013 Schwebebalken. Der Spalt zwischen den Schiffen war oft bis zu einem Meter breit. Alles war st\u00e4ndig in Bewegung und nicht immer synchron. Wir bereiteten uns vor. Michael, der Gr\u00f6\u00dfte von uns machte, machte den Anfang. Er kletterte rauf, wir hielten ihn. Er wartete einen g\u00fcnstigen Moment ab und sprang auf die Bordwand des anderen Schiffes.<\/p>\n<p>Das alles mit einem 25 Kilo Rucksack am R\u00fccken. Er fand das Gleichgewicht, sprang ins Innere des Bootes. Dann folgte Heidi, ihren Rucksack warfen wir r\u00fcber. Sie schwankte da oben, stand mit schlotternden Knien und hatte fast den Moment verpasst, an dem die Schiffe einigerma\u00dfen synchron waren. Aber sie schaffte es auch. Ich als letzter, das gleiche Prozedere. Ich blickte zwischen den beiden Booten in die Tiefe und mir stockte kurz der Atem. Was passierte, wenn ich auf dem nassen Holz ausrutschte oder den Halt verl\u00f6re, was wenn ich da in die Br\u00fche hinunter st\u00fcrzte? W\u00fcrde ich zerquetscht werden, oder mit dem Kopf an einen der W\u00e4nde aufschlagen und das Bewusstsein verlieren und ersaufen? Aber so durfte ich nicht weiter denken. Augen voraus, Konzentration auf die Aufgabe. Den richtigen Zeitpunkt abwarten und\u2026<\/p>\n<p>Wir schafften es, alle drei. Wir \u00fcberquerten auch noch das zweite Schiff, machten die gleiche Prozedur nochmal mit, bis wir endlich an Land waren. Nur eine Thermoskanne lockerte sich aus dem Rucksack und fiel in die Tiefe. Das war verschmerzbar. So eine Form von anlegen, hatte ich nie wieder und werde es wohl auch nie mehr wieder haben.<\/p>\n<p><strong>Dramaturgische Konstellationen<\/strong><\/p>\n<p><em>So unklar wird sich das ganze Dilemma in einer kuriosen und bizarren Schlussszene aufgel\u00f6st haben, ohne weitere Informationen f\u00fcr die Zusehenden oder Zuh\u00f6renden, was eigentlich der Grund f\u00fcr die Quarant\u00e4ne tats\u00e4chlich gewesen sein wird. Aber alle, die den Film nicht gesehen haben werden, weil er nie gedreht werden konnte, jedoch ihn erz\u00e4hlt bekommen haben werden, werden von der Grundkonstellation angetan gewesen sein. Insbesondere die klaustrophobische Situation auf dem Schiff und die zunehmende Aufhebung der Hierarchien und gesellschaftlichen Normen, sowie die Rationierungen der Essensversorgung und die Einschr\u00e4nkung des Wassers h\u00e4tten interessante dramaturgische Konstellationen hervorrufen k\u00f6nnen. Doch, wie gesagt, es wird alles nur ein Hirngespinst und ein Traum gewesen sein. Daher wird es auch kein weiteres Attachment geben. Der Text wird verschollen bleiben. Nur zwei Szenen werden \u00fcbrig geblieben sein und die werden vordergr\u00fcndig nichts mit dem Film gemein gehabt haben, aber dennoch der Link gewesen sein, worin sich der Film angelegt haben wird. Mehr gibt es dar\u00fcber nicht mehr zu sagen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibkraft #33: Anlegen Ein nie gedrehter Film Manifeste Irritation \u00a0 Ich werde einen Traum gehabt haben, der sich in meinem Gehirn wie ein Film abgespult haben wird. 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