{"id":598,"date":"2017-03-02T19:54:08","date_gmt":"2017-03-02T19:54:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=598"},"modified":"2024-09-13T06:49:26","modified_gmt":"2024-09-13T06:49:26","slug":"sivy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/sivy\/","title":{"rendered":"Sivy"},"content":{"rendered":"<h5><strong>Schreibkraft #30<\/strong>. 2019.<\/h5>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-979 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"139\" height=\"139\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-300x300.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-1019x1024.jpg 1019w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-150x150.jpg 150w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-768x771.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-1529x1536.jpg 1529w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30010-2039x2048.jpg 2039w\" sizes=\"(max-width: 139px) 100vw, 139px\" \/><\/p>\n<h3><strong>Sivy <\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sivy wagt sich langsam vor. Ausatmen. Schritt. Einatmen. Schritt. Ausatmen. Schritt. Sie tastet sich vor. Ihre Zehen mit den dunkelrot bemalten N\u00e4geln sind die Kundschafter. Der Untergrund rauh und stachelig. Ihre nackten, kleinen F\u00fc\u00dfe folgen, erkunden die Baudielen. Ein erster zaghafter Schritt, dann folgt Belastung des Fu\u00dfes. Ihr Herz pocht laut, dr\u00e4ngt hinter ihren Ohren an die Oberfl\u00e4che. Die Bretter liegen lose nebeneinander, bewegen sich, als sie drauf tritt. Sie wirft einen Blick in die Tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie befiehlt sich: Einatmen. Ihr schwindelt, sie wendet den Blick nach oben. Ihre H\u00e4nde zittern. Ausatmen. Das Konstrukt besteht aus einem d\u00fcnnen Winkelstahlrahmen und den Baudielen. Das Haus, an dem die Plattform an der fensterlosen Mauer befestigt ist, steht am Rande eines Felsabbruches, der seit Jahren in die Mitte der Stadt wandert; weil sie wie ein Krake immer weiter w\u00e4chst und sich in alle Richtungen ausdehnt. Die kleine Plattform ragt \u00fcber dem Abgrund. Irgendwelche findigen Handwerker haben sie an der Mauer des Hauses befestigt, alles provisorisch. In der Sohle des Grabens schl\u00e4ngelt sich eine breite Durchzugsstrasse vorbei. Ausatmen. Habe ich auf ein Einatmen vergessen? Egal. Das funktioniert auch ohne denken. Kein Arbeitsinspektorat w\u00fcrde das abnehmen. Aber sie ist in Betrieb, weil es auch kein Arbeitsinspektorat gibt, das hier vorbei kommt. Die Plattform und die Bretter an den H\u00e4usern entlang, dienen den Arbeitern unter Tags, um an der Au\u00dfenmauer zu arbeiten und sich zwischen den renovierungsbed\u00fcrftigen H\u00e4usern hin und her zu bewegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie klammert sich an das Gel\u00e4nder \u2013 beruhigt sich selbst. R\u00fccken entspannen, nicht weiter verkrampfen, Kopf nach oben. Einatmen. Sie versucht sich abzulenken. Das Viertel ist jahrzehntelang ein sogenannter benachteiligter Stadtteil \u2013 war, ja war. Aus der Gegend kommen, hie\u00df ein Stigma haben. Tagel\u00f6hner, Huren, Kleinkriminelle, Drogendealer, aber auch alteingesessene Pensionisten, Zuz\u00fcgler aus den armen Gegenden des Landes. Migranten aus den nahen und fernen Elends- und Kriegsgebieten dieser Welt. Man kennt das aus jeder gr\u00f6\u00dferen Stadt. Jeder versuchte hier irgendwo, ein Platzerl zu finden und den meisten gelang das auch. Aufschauen befiehlt sie sich; in die Ferne blicken, sich beruhigen. H\u00e4userblock um H\u00e4userblock wird jetzt modernisiert, revitalisiert, aufger\u00e4umt, alles chic gemacht. Die Mieten steigen, die Alteingesessenen werden im Stillen vertrieben. Vor nicht allzu langer Zeit kamen die K\u00fcnstler und -Innen \u2026 und ich bin eine von denen. Leben im Prekariat, zeitweilig, zwischendurch, in der Umbauphase, im Leerstand.\u00a0 Es folgten die Jungen, die Start-Ups, die Kreativen. Die ersten Touristen streunen auch schon \u00b4rum. Ich wei\u00df, wie das weiter geht und es ist nicht aufzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-980 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-273x300.jpg\" alt=\"\" width=\"134\" height=\"147\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-273x300.jpg 273w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-931x1024.jpg 931w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-768x845.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-1397x1536.jpg 1397w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/schreibkraft-30-sivy-aufrecht-1862x2048.jpg 1862w\" sizes=\"(max-width: 134px) 100vw, 134px\" \/>\u00dcberall Stadt, murmelt sie vor sich hin. Hochh\u00e4user, Glaspal\u00e4ste, Br\u00fccken, breite Boulevards, Moscheen und Kirchen, gro\u00dfe Repr\u00e4sentationsbauten. Es funkelt und blitzt. Die dunklen Flecken dazwischen, das ist das Meer\u2026 die M\u00f6wen sind schon schlafen gegangen, aber die Kr\u00e4hen und Raben fliegen noch \u2026 wird durch die beleuchteten Br\u00fccken unterbrochen und von tutenden F\u00e4hrschiffen und Container Schiffen durchpfl\u00fcgt. Die haben sich einfach an die helle Stadt gew\u00f6hnt und bleiben auf. Faszinierende Viecher. Dahinter H\u00e4user, an H\u00e4user, kein Fleckchen bliebt frei, aneinander gedr\u00e4ngt, auf jeden H\u00fcgel, dicht an dicht \u2026 wie Menschen in der U-Bahn in der Rush Hour \u2026 m\u00fcde, verschwitzt, abgek\u00e4mpft, derangiert; Schwei\u00df, alte Socken, Zwiebel- und Knoblaugeruch, dazwischen eine Bierfahne und ein Furz. In der Nacht; das Schnarchen aus den Fenstern, Geschirrklappern aus der K\u00fcche, Gepl\u00e4rre, wenn die Kidner wieder mal nicht schlafen gehen wollen und sp\u00e4ter das rhytmische Knarzen der alten Betten und ein leidenschaftsloser Seufzer von ihr, wenn er sich von ihr runter rollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Plattform r\u00fcttelt ein lebhafter Nachtwind. Sie h\u00e4tte sie nicht betreten d\u00fcrfen, wie ein Metallschild ihr unmi\u00dfverst\u00e4ndlich befiehlt \u2026 schlecht montiert klappert es im Wind. Die Konstruktion bewegt sich. Sivy glaubt einen Bruchteil von Sekunde, dass sie nach vor in die Tiefe kippt. Kurzer Herzsprung, Pulskontrolle. Ausatmen. Aber die Plattform h\u00e4lt, bewegt sich wieder zur\u00fcck. Ich steh\u00b4 das durch. Sagt sie sich vor. Schlie\u00dflich turnen unter Tags hier Arbeiter herum, tragen Bretter, Ziegel, schleppen Betonk\u00fcbel, stehen drauf und h\u00e4mmern und bohren. Also so zerbrechlich kann das alles ja nicht sein. Das h\u00e4lt schon was aus. Ich muss den R\u00fccken strecken, die Position \u00e4ndern, ich verkrampf\u00b4 sonst. Sie \u00e4ndert ihren Stand, versichert sich, dass die andere Diele h\u00e4lt, auf der sie zu stehen kommen will. Mit dem ersten Fu\u00df tapst sie darauf, stellt ihn hin, belastet. Es h\u00e4lt. Sucht sich dann f\u00fcr den zweiten die n\u00e4chste. Einatmen. Langsam l\u00e4sst sie die Hand von dem Gel\u00e4nder los, greift in die Tasche ihres alten, viel zu kurzen Frottebademantels \u2026 Mama h\u00e4tte geschimpft, \u201edu holst dir den Tod\u201c \u2026und ich? \u2026. hole eine Zigarette raus, ist vielleicht auch ein St\u00fcck n\u00e4her zum Tod. Muss die zweite Hand vom Gel\u00e4nder nehmen, steht unsicher, steckt sie an und bl\u00e4st den ersten Zug demonstrativ nach oben. Obwohl es Fr\u00fchsommer ist, fr\u00f6stelt es sie. Der Wind macht die Nacht kalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will das aushalten. Ich will das durchstehen. Ich will wissen, wie es ist. Schlie\u00dflich sehe ich ja die Arbeiter am Tage da rumturnen. Die Plattform? Passt doch\u2026 zum aktuellen Zustand: Schwanken, sich dem Wind anpassen, aber nicht zuviel und mit der Gefahr vor Augen, aus dem Leben kippen, doch nicht ganz \u2026 bissl platt und pathetisch, oder nicht? Wurscht, ich will mir das jetzt beweisen. Der genomme Zug aus der Zigarette ist so richtig gut gelungen. Verarbeiten kann ich das sp\u00e4ter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Strahler tauchen im Dunkeln hinter ihr auf. Sie bewegen sich auf sie zu. Es gibt keinen Ton, dann dreht jemand den Tonregler auf. Ein Flugzeug im Landeanflug. Der L\u00e4rm der Stadt wird \u00fcbert\u00f6nt. Die Lichter werden heller und gr\u00f6\u00dfer. Dann zischt der Riesenvogel \u00fcber ihren Kopf hinweg, mit ohrenbet\u00e4ubendem L\u00e4rm. Luft anhalten. Boaah, mein Herz hat schon wieder einen Aussetzer fabriziert, f\u00fcr eine Makrosekunde dachte ich, der zieht mich von der Plattform. Ist auch schon weg. Das Herz schl\u00e4gt noch und reagiert. Na, das ist die gute Nachricht dabei. Sie sieht ihm nach, wie er immer tiefer geht und in der Ferne in die Lichter der Stadt eintaucht. Ausatmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sivys Aufmerksamkeit nimmt ein Feuerschein in Anspruch. Weit draussen, inmitten der schier endlosen Lichter der Stadt, sieht sie kurz auftauchende Blitze. T\u00f6ne folgen. Ein Schwall von kleinen Explosionen. Blaulichter sieht und Sirenen h\u00f6rt sie. In der gr\u00f6\u00dften Stadt des Landes geht es rund. Es wird ges\u00e4ubert, eingesperrt, entlassen, suspendiert. Ohne Einschr\u00e4nkungen, ohne dumme Vorschriften, Regeln, Gesetze. Keine_r mehr da, der oder die sich getraut, ein Wort dagegen zu erheben. Ein Teil der Stadt wird mundtod gemacht, der andere gr\u00f6llt umso lauter. Ist was dran an den Ger\u00fcchten und Verschw\u00f6rungstheorien, die es seit l\u00e4ngerem gibt. Auch im Bekanntenkreis waren da Leute, die klandestine Theorien verbreiteten und wu\u00dften, was demn\u00e4chst passieren wird. Als w\u00e4re die Gegenwart und das Reale \u2026 das scheinbar Reale \u2026 nicht be\u00e4ngstigend genug! Das meiste, so hab\u00b4 ich gedacht, sei Wichtigmacherei, machom\u00e4\u00dfige Aufschneiderei, revo-sentimentale \u00dcbertreibung und Propaganda. Aber mittlerweile \u2013 muss ich zugeben \u2013 habe ich Gewissensbisse. Ich h\u00e4tte die Zeichen erkennen k\u00f6nnen, ja m\u00fcssen. Schon vor drei Jahren, als die junge Szene gegen die Staatsmacht auf die Stra\u00dfe gegangen war, braute sich was zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da machten wir uns noch \u00fcber die Machthaber lustig, sangen Spottlieder \u00fcber den Pr\u00e4sidenten<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1419 alignleft\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-200x300.jpg 200w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-683x1024.jpg 683w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-768x1152.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-750x1125.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040134-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>, seine schlechten Hemden und Sakkos und seine reaktion\u00e4re Mischpoche. Damals waren die Stra\u00dfen voll mit Leuten, die glaubten, die Zukunft mitschreiben zu k\u00f6nnen. Wir waren optmistisch, lie\u00dfen uns anstecken von der Euphorie. Glaubten Korruption, krumme Gesch\u00e4fte und Nepotismus, beenden, Macht kontrollieren zu k\u00f6nnen. Hunderttausende junge Menschen, die weder mit den Phrasen des alten Establishments noch mit den Floskeln der neuen religi\u00f6s-konservativen was zu tun haben wollten \u2026 gegen das Tr\u00e4nengas gab es Taucherbrillen und die Bev\u00f6lkerung, gab uns Wasser und nasse T\u00fccher f\u00fcr die tr\u00e4nenden Augen. Wir waren so viele, dass es nichts ausmachte, wenn die Polizei den einen oder die andere mit Schlagst\u00f6cken maltr\u00e4tierte. Die Solidarit\u00e4t heilte die blauen Flecken schnell. Es war eine solidarische Zeit, eine freie Zeit, eine offene Zeit, eine Zeit voller kollektiver \u2026. Ja was? \u2026 Liebe? \u2026 kommt dem wohl am n\u00e4chsten. Seufz. Sivy lie\u00df sich in ihren Gedanken treiben, an das Gewackle hatte sie sich ein wenig gew\u00f6hnt. Aber es war tr\u00fcgerisch. Die Antworten folgten und die Auswirkungen waren schmerzhaft, viel schmerzhafter als nur blaue Flecken. Nach und nach drehte der Wind. Jede Ma\u00dfnahme \u2013 f\u00fcr sich genommen \u2013 nichts Gro\u00dfes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur, jetzt wei\u00df ich es, sie f\u00fcgten sich allesamt in einen gr\u00f6\u00dferen Plan. Das wollte ich nicht sehen. Ich hab\u00b4 das Gerede vom schleichenden Putsch nicht ernst genommen und abgewunken. Jetzt wei\u00df ich es besser. Richter werden suspendiert, Zeitungsredaktionen besetzt und gleich geschalten. Da werden Informationskan\u00e4le unterbrochen, dort fallen bekannte Oppositionelle in Ungnade und werden durch Parteig\u00e4nger ersetzt. Pers\u00f6nlichkeiten, die gegen das Regime auftreten, finden sich pl\u00f6tzlich wegen Steuerhinterziehung vor Gericht und andere im Gef\u00e4ngnis. \u2026 habe ich eigentlich die Eingangst\u00fcr verriegelt? Ich will keine unliebsamen Besucher haben \u2026 Gestern waren es die Milit\u00e4rs, heute sind\u00b4s die Wissenschaftler_, morgen die Lehrer_; und nicht zu vergessen, die Journalist_, Blogger_ und K\u00fcnstler_innen. Wennst den Fernseher aufdrehst, hast den Pr\u00e4sidenten am Bildschirm, der gerade wieder hetzt und Aufrufe startet. Der P\u00f6bel randaliert auf der Stra\u00dfe. Die Verr\u00e4ter dingfest machen, die Verschw\u00f6rer ausheben, die Netzwerke zerst\u00f6ren \u2026 die ganze verlogene Propaganda. In Wahrheit geht es einfach gegen alle, die nicht seiner Meinung sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele sind schon verschwunden, es wird immer ruhiger um mich herum. Gespenstisch. Einatmen, inhalieren. Einige im Gef\u00e4ngnis, andere haben sich ins Ausland zu Verwandten und Freund_innen abgesetzt. Ausatmen. Andere wieder ziehen sich volkommen zur\u00fcck, verschanzen sich in der Familie, antworten nicht mehr auf Mails, rufen nicht zur\u00fcck und reagieren nicht auf Whatsapp. Ein anderer \u2013 kleinerer Teil \u2013 schl\u00e4gt einen ganz anderen Weg ein und der ist fast genauso beunruhigend. Ernster, fanatischer, unerbittlicher sind sie geworden. Sie beschreiten einen Weg, der \u2026 ja, bald auch keine Grenzen mehr kennt. Jede Aktion der Machthaber wird zur Best\u00e4tigung, dass sie zu radikaleren Mittel greifen m\u00fcssen. Jede Gewaltma\u00dfnahme f\u00fchrt zu Wut, Hass und Gegengewalt. Aus den Demos sind Aktionen, aus den Aktionen sind Anschl\u00e4ge geworden \u2013 zuerst gegen Einrichtungen des Staates, dann gegen Menschen, als Repr\u00e4sentanten des Staates. Das geht so weiter. Der Kreislauf nimmt Fahrt auf. Sie wurden verhaftet, geschlagen, festgehalten, ohne Recht und Verfahren. Wenn sie herauskommen, sind sie best\u00e4tigt \u2026 und w\u00fctender. Sie werden zu Helden und M\u00e4rtyrern gemacht, die Szene jubelt ihnen zu. Mir ist dabei immer unbehaglich, wenn sie Phrasen dreschen, Parolen schreien und sich gegenseitig aufstacheln. \u2026 Ich darf nicht vergessen, morgen unbedingt einzukaufen, ich hab\u00b4nichts mehr im K\u00fchlschrank &#8230; Ich seh\u00b4s als w\u00e4r\u00b4s heute gewesen, als das erste Mal Waffen bei den Meetings aufgetaucht sind. Da war bei mir der Ofen aus. Hallo? Bei unseren Meetings, bei denen wir unsere Kunstaktionen diskutieren und planen? Das geht gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die andere Seite \u2013 naja \u2013 die ist immer schon problematisch gewesen, aber jetzt \u2013 ohne Kontrolle \u2013 wird sie immer finsterer! Paramilit\u00e4rische Kr\u00e4fte, faschistische Rollkommandos und fanatische Religi\u00f6se, Geheimdienstaktionen und eingeschleuste Provokateure, die keine besondere Order mehr brauchen, um mit exzessiver Gewalt vorzugehen und vor Erschie\u00dfungen, Folter und Vergewaltigungen nicht zur\u00fcckschrecken. In dieser Spirale ist von Frieden keine Rede mehr, sondern nur mehr von Vernichtung der Anderen, von der eigenen gro\u00dfer Nation und einer Einheit, die mir immer unheimlicher wird. Was soll das? Einheit! Und was soll das, \u201emein Land?\u201c Alles bullshit. \u201eMein! Land gibt es nicht!\u201c Von Einheit kann doch keine Rede sein \u2013 sind doch immer nur Gr\u00e4ben zwischen den Gruppen und Schichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im grellen Licht des n\u00e4chsten Flugzeugs sieht Sivy intrusive Bilder der letzten Ereignisse. Leichen und Blut auf den Strassen, ausgebrannte Autos und Panzer, die \u00fcber Br\u00fccken rollen und eine aufgebrachte Menge, die Selbstjustiz ver\u00fcbt, wahllos Menschen auf der Strasse totpr\u00fcgelt, zerbombte Stra\u00dfenz\u00fcge in abgeriegelten Gebieten, in denen keine kontrollierende Instanz der Barbarei Einhalt gebietet. W\u00e4hrend der Vogel \u00fcber sie dr\u00fcber zieht, erscheint ihr der Kopf des Pr\u00e4sidenten, der im Machttaumel zum Diktator wird und immer weiter geht; wie er erregt und mit rotem Kopf am Rednerpult steht, ins Mikro spuckt, vor Aufregung schreit und die Gewalt mit Worten anheizt. Aufgeregt und fanatisch im Fernsehen Schuldige pr\u00e4sentiert, ohne Fakten, ohne Beweise \u2013 immer weiter geht \u2013 und aus einer schlechten Demokratie einen totalit\u00e4ren Staat macht \u2013 immer weiter geht. Niemand h\u00e4lt ihn auf, kann ihn aufhalten. Immer weiter geht\u2026. Austamen, ruhig Sivy ruhig. Du musst dich einkriegen. Ich stehe hier, schwankend auf d\u00fcnnen Brettern und im Wind. Ha, was ist mit mir los? Krieg mich kaum noch ein. Die letzten Tage hatten Beschleunigung an sich &#8230; Bissl Pathetisch das alles? Mag sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich muss mich aus dem Strudel raus reissen. Komm\u00b4, denk an was anderes. \u2026 ich darf auch nicht<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1420 alignright\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040019-750x500.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> vergessen, morgen der Frau im Parterre Anweisungen zu geben, falls Leute kommen und nach mir fragen \u2026 Die versteht das sicher, die ist nett. Endzeitstimmung krabbelt an ihrer Haut hoch, l\u00e4sst ihren blonden Flaum an den Armen hochstehen. Passend zum Tag, zur Lage im Land und zur schwankenden Plattform \u2026 muss aus der L\u00e4hmung raus \u2026 mit TASRAA \u2026 den derzeitigen Zustand des Landes problematisieren. Das sind wir allein unserem Image schon schuldig. Nur wie? Ihre Zigarette ist auf den Filter hin abgeraucht. Sie wirft sie in den Abbruch hinunter, einer Streifen in der Stadt, der hier von oben fast dunkel ist, erst bei der gro\u00dfen Strasse wieder erhellt wird. Sie verfolgt den Flug der Glut. Die verstreut, auf dem Weg in die Tiefe, einige kleine Funken, verliert sich alsbald und ward nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin m\u00fcde, m\u00fcde von der Situation, m\u00fcde vom dauernden Nachdenken, wie es weitergeht. Sollten wir wieder was Spektakul\u00e4res machen, so wie bei unserer ersten Aktion? Das war \u00fcbrigens eine ganz \u00e4hnliche Situation, mit schwindelerregender Plattform und in die Tiefe segeln. Da hat Flo einen spektakul\u00e4ren Flugstunt hingelegt, bis ins Meer hinunter, untermalt mit schwerem,\u00a0 ohrenbet\u00e4ubendem Metal. \u201eL\u00e4rm\u201c haben viele Medien geschrieben. Auf der Plattform akklamierten vier Autorinnen politische Manifeste und in den Medien schrieben sie \u00fcber TASRAA: \u201eDas K\u00fcnstlerkollektiv, das die Revolution zu ihrem Programm macht und in ihren Aktionen ausruft.\u201c Was f\u00fcr ein Bl\u00f6dsinn. K\u00fcnstlerkollektiv okay, aber Revolution? Wir haben doch mehr Fragen als sonstwas, den Wahnsinn in unserer heutigen Gesellschaft ansprechen, ja das. \u00a0Aber das geht bei denen nicht rein. Seitdem haben wir das als Markenzeichen \u2013 eh wurscht, dagegen kannst eh nix tun. \u201eSpontan, gewagt, gef\u00e4hrlich, mit Mitteln des Klamauks, Politaktionismus, L\u00e4rms und mit Tanzperformances geht TASRAA vor\u201c schrieben sie. Naja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Aktionen und Konzerte sind ja nur deswegen \u201espontan\u201c, weil sie sonst gar nicht stattfinden w\u00fcrden. An ganz \u201eunm\u00f6glichen Orten finden ihre Provokationen statt\u201c; \u00a0ja nur deswegen, weil wir improvisieren m\u00fcssen. Was stimmt, dass wir Dinge, die im \u00f6ffentlichen Raum noch nie passiert sind, tun wollen. Wir waren uns ja sicher, dass die Staatssicherheit uns bei unserer ersten Aktion schon hopps nehmen w\u00fcrden. Sie marschierten auch auf, wollten einschreiten und das Spektakel beenden, aber es waren zuviele Leute da. Das h\u00e4tte Wirbel gegeben und den wollten sie vermeiden. Also lie\u00df man uns vorl\u00e4ufig in Ruh`.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gott, jetzt stehe ich da auf der Plattform, frier\u00b4 mir den Arsch ab, zittere vor Angst und schwelge in der Vergangenheit. Wir kriegen Mails von Leut\u00b4aus aller Welt, die wissen wollen, wann wir wieder aktiv sind, denn zuf\u00e4lligerweise w\u00e4re man in der Stadt und es w\u00e4re so toll, wenn man uns einmal live sehen k\u00f6nnte. Wir waren auf der Aufregungsskala ganz oben \u2026 Lieblinge der kunstaffinen Kreise. International wurde man aufmerksam auf uns. Damit wuchs die Fanbase. Jetzt sind wir Teil des Kunstbetriebes \u2026 Aush\u00e4ngeschild der Avantgarde \u2026 herum gereicht. Hmm.. Aber geht das noch zusammen, was ist das \u00fcberhaupt? Avantgarde, in einer global vernetzten Welt, in der schon alles gemacht und gedacht und ge\u00e4u\u00dfert wurde? Es folgte, was so oft folgt \u2026 wurden zur Touristenattraktion. Vielleicht ist es einfach der Mut, es zu tun, ohne sich um die anderen zu scheissen. Ja \u2026 das hatten wir \u2013 Mut. Und jetzt? Jetzt zittere ich vor Angst, trauen uns allesamt nicht mehr raus. Aber ich will das niemanden vorwerfen, nur mir selbst. Viele kommen dann drauf, dass sie was anderes wollen. Dem einen sind wir zu subversiv, der anderen zu herk\u00f6mmlich, den dritten zu gef\u00e4hrlich usw&#8230; Je nachdem, aus welchen Szenen sie kommen. Und \u2026 das mit dem Kollektiv, das verdauen auch einige nicht. Was das wirklich heisst \u2026 die gehen dann aber eh schneller, als man schauen kann. Vielle sind ja auch total jung. Politisch engagiert, subversiv und entziehen sich \u2013 mal mehr mal weniger \u2013 dem System, verstehen sich als K\u00fcnstler_, aber auch oft als politische Aktivist_innen und leben im \u2013 manchmal buchst\u00e4blichen \u2013 Untergrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine G\u00fcte, wieviele sind da schon durch uns durchgegangen und wie alt bin ich im Vergleich geworden, die meisten sind ja keine 25. Immerhin \u2026 die Kerntruppe ist stabil und ich h\u00e4tte mir nicht gedacht, dass ich davon leben kann. Wieder eine Windb\u00f6e, die Plattform bewegt sich wieder vor, steiles \u2013 schauriges \u2013 Gef\u00fchl. Sivy kann es schon ein wenig geniessen. Mit den gro\u00dfen Protesten gegen die Regierung, an denen wir teilgenommen haben, endet die Zur\u00fcckhaltung. Langsam und unmerklich, aber bestimmt \u2026 ich hab\u00b4s nicht gemerkt. Im Visier des Systems. Zuerst gab\u00b4s nur kleine \u00dcbergriffe, die ersten Anzeigen. Reine Routine \u2013 wie man versicherte \u2013 schlie\u00dflich m\u00fcsse man das tun, was das Gesetz verlangt, \u201ewenn eine Anzeige eingeht und illegale Veranstaltungen durchgef\u00fchrt w\u00fcrden. Schlie\u00dflich leben wir TASRAA ja davon, oder nicht?\u201c Die scheinheilige Frage. Dann gings ans Geld. Kunstf\u00f6rderungen werden verschleppt, bis sie obsolet sind oder mit fadenscheinigen Ausreden nicht bewilligt. Schlie\u00dflich wurde es h\u00e4rter \u2026erste Verhaftungen, die noch Anhaltungen hei\u00dfen. Allesamt mit fadenscheinigen Begr\u00fcndungen. Darunter sind ganz zuf\u00e4llig immer die Hauptdarsteller und \u2013stellerinnen \u2026 und sitzen in entscheidenden Momenten in Haft, wenn auch nur f\u00fcr einige Tage. Wir erhalten Drohungen von religi\u00f6sen Fanatikern und Spinnern. Im Netz verbreiten sich w\u00fcste Beschimpfungen, Anschuldigungen und Ger\u00fcchte \u2026ekelhaftestes Zeug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1421 alignleft\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/P1040139-750x500.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Zuerst glaubten wir, wir k\u00f6nnten das f\u00fcr uns nutzen. Aber nach und nach wendete sich das Blatt. Auch das Publikumsinteresse nahm ab, es traut sich keiner mehr zu kommen\u2026 jeder in seinem Bunker. Wir k\u00f6nnen nicht mehr unbehelligt arbeiten. Mein Gott, ich hab\u00b4s so satt, die Volksmeinung; die dauernd kursiert und immer geh\u00e4ssiger wird; uns als \u201edekatente Provokateure, verdreckte Bande und Kommunisten\u201c beschimpfen. Sie schaut auf und versucht die Aussicht zu genie\u00dfen, trotz der widrigen inneren und \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde. Ein R\u00fctteln geht durch die Plattform. Genauso wie bei uns, je st\u00e4rker das R\u00fctteln au\u00dferhalb, desto schwieriger wird es auch innerhalb der Gruppe. Es tun sich Br\u00fcche auf. Wir geraten immer mehr aneinander. Die einen, die nicht nur mehr Politik machen, sich nicht dauernd \u00fcber Politik definieren, wollen und die anderen, die \u201eKunst nicht als weltfremde, in sich gekehrte abgehobene, individuelle Kreativarbeit\u201c sondern als \u201eManifest gegen die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde und als kollektiven \u2013 gesellschaftlich\u00a0 eingebetteten \u2013 Prozess\u201c sehen und interpretieren. Welten prallen aufeinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist meine Rolle darin? Na was schon, ich versuch mit M\u00fch\u00b4 und Not den Scheiss-Laden irgendwie zusammen zu halten und hab die Arschkarte gezogen. Komm kaum noch zum arbeiten, tu nur mehr vermitteln und Streit schlichten und argumentieren und organisieren und reden, reden, reden. Ich will, dass TASRAA beides ist. Ich kann nur immer weiter den Respekt und die Toleranz gegen\u00fcber der jeweils anderen Position einfordern. Ich will nicht, dass wir im Inneren das abbilden, was sich au\u00dfen auch abspielt. Entsolidarisieren, gegeneinander ausspielen, individualisieren, unerbittlicher gegen Andersdenkende werden \u2026 um des Erfolges willen \u2026 k\u00e4mpfen um das Geld oder die wahre Kunst? Sind die eh meist nicht so weit auseinander, wenn es ums konkrete geht. In dem Moment steigt eine hohe Flamme aus dem Dunkeln hoch. Sekunden sp\u00e4ter wird der Ton in Form einer Explosion nach geliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kramt in der Tasche ihres Bademantels, um noch eine Zigarette zu rauchen, aber sie wei\u00df gleichzeitig, dass sie nur eine mit raus genommen hat. Und in den kleinen Bademanteltaschen hat sich in der Zwischenzeit keine Zigarettenpackung materialisiert, da kann sie noch so oft greifen und suchen. Nur das Bic-Feuerzeug ist immer noch da. Weil es uns noch gibt, geben wir da draussen manchen Hoffnung, damit sie weiter machen und nicht verzweifeln \u2026 Ich bin nicht bl\u00f6d, ich wei\u00df das selbst auch, da brauch ich Flo nicht, der mir das dauernd um die Ohren haut. Nur, wir k\u00f6nnen selbst nicht mehr lange so weiter machen. Uns gehen die Leute aus, uns gehen die Gelder aus, uns geht der Zusammenhalt&#8230; Sivy schaut dem n\u00e4chsten Flieger nach, der gerade \u00fcber sie hinweg donnert und mit seinem L\u00e4rn ihre Gedanken unterbrochen hat. Sind wir gerade dabei, zu zerfallen und hinweggefegt zu&#8230; Sivy blickt hinunter in den Graben. Es ist auff\u00e4llig, wie ruhig die Stadt ist, kaum Verkehr, keine Musik, keine Gespr\u00e4che als Fetzen von den Strassen. Der Ausnahmezustand verfehlt seine Wirkung nicht.<\/p>\n<p>Eine Entscheidung steht an. Ich muss auf die Zigarette verzichten oder hineingehen und welche holen und bei der Gelegenheit kann ich mich auch gleich w\u00e4rmer anziehen. Der Wind dringt ihr bis auf die Knochen, ihre Zehen sind schon blau. Ich hab schon die ganze Zeit G\u00e4nsehaut. Aber wird es jetzt wirklich anders, also ganz anders, richtig gef\u00e4hrlich? Oder ist ein Teil davon doch nur Theaterdonner? Werden sie morgen an den T\u00fcren pochen und uns verhaften? Ich will es \u00fcberhaupt nicht so genau wissen? Nachdem ich seit Jahren ohne festen Wohnsitz und meine Wohnorte dauernd wechsle und vorsichtig mit den modernen Kommunikationsmitteln bin, glaube ich nicht, dass sie wissen, wo ich sitze. Aber? \u2026 wer wei\u00df \u2013 so schwankend wie es mir geht \u2026 Sivy entscheidet sich gegen die K\u00e4lte. Die Sucht ist ihr abhanden gekommen. Langsam verl\u00e4sst sie die Plattform. \u00dcbersteigt die Sperre, die die Arbeiter dilletantisch \u2013 mit einem Brett versperrt und einem rot-wei\u00dfen Absperrband \u2013 errichtet haben. Hantelt sich an beiden Gel\u00e4ndern haltend auf die Dachterrasse zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sivy sucht Socken, in ihrer derzeitigen Behausung, einem leer stehenden Loft \u2013 im Nebenhaus der Plattform \u2013 das sie illegal in Besitz genommen hat und in dem sie sich seit vier Monaten \u2013 auch weil es interessanterweise noch immer Strom und Wasser gibt \u2013 so etwas wie ein zu Hause geschaffen hat. \u201eDas beste seit Jahren, mit einem unglaublichen Komfort und Ausblick auf die Stadt\u201c, wie sie ihren Freund_innen begeistert erz\u00e4hlt. Dann schl\u00fcpft sie in ihre alte graue, weite Trainingshose und fl\u00e4zt sich mit einer Decke und einem Tee, den sie immer in der Thermoskanne bereit hat, in ihrem Liegestuhlsackpolster. Sie ist zu m\u00fcde und ausgek\u00fchlt, um noch mal raus zu gehen und sie merkt auch, dass ihr das unsichere Terrain den letzten Rest Standfestigkeit geraubt hat. Seltsam, wie \u00e4u\u00dfere und innere Zust\u00e4nde zueinander in Beziehung stehen. Die Scheiben \u2013 auch ein Luxus im Gegensatz zu den vorherigen Unterschlupfen \u2013 sind ziemlich dreckig. Sie spiegeln mehr den Raum, als dass sie die Sicht auf das Draussen freigeben w\u00fcrden. Sie betrachtet sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sivy trinkt einen Schluck. Der Tag hatte an ihren Kr\u00e4ften gezerrt. Vor allem die Probe von TASRAA \u2013 abgesagt. Nach und nach kamen die Absagen, Entschuldigungen, Ausfl\u00fcche. Die getrauten sich nicht zu kommen. Haben Angst. Die anderen gehen nicht mehr auf die Stra\u00dfe, weil da \u201ew\u00fctet der fanatisierte P\u00f6bel, vor allem Abends\u201c wie S\u00fc im SMS geschrieben hat. Wir k\u00f6nnen nicht mehr auftreten! Aber ich ergebe mich nicht. Fixiert ihr Spiegelbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich muss das alles notieren, aufschreiben, was mir da durch den Kopf geht. Obwohl es im Moment banal und wirr klingt. Aber das muss es ja nicht bleiben. Sie k\u00e4mpft sich aus dem Sackpolster raus, mit eisernem Willen, sucht in ihrer Unordnung nach ihrem Tablet. Sie schaltet die Sprechfunktion ein, gibt Texte, Stichworte und Wortfetzen ein. Dann l\u00e4sst sie sich in den Liegestuhlsackpolster zur\u00fcck plumpsen und wei\u00df sofort, dass sie da nicht mehr herauskommt \u2026 ohne Z\u00e4hne putzen, hier einschlafen. Ich will nicht, dass Menschen verletzt werden, dass sie ins Gef\u00e4ngnis kommen oder gar umkommen, wegen dieser gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Politik. Ihr Spiegelbild, gibt ihr Recht. Eine Minute sp\u00e4ter schnarcht Sivy mit leicht ge\u00f6ffnetem Mund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreibkraft #30. 2019. Sivy Sivy wagt sich langsam vor. Ausatmen. Schritt. Einatmen. Schritt. Ausatmen. Schritt. Sie tastet sich vor. Ihre Zehen mit den dunkelrot bemalten N\u00e4geln sind die Kundschafter. Der Untergrund rauh und stachelig. Ihre nackten, kleinen F\u00fc\u00dfe folgen, erkunden die Baudielen. Ein erster zaghafter Schritt, dann folgt Belastung des Fu\u00dfes. 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