{"id":568,"date":"2016-11-16T09:21:54","date_gmt":"2016-11-16T09:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=568"},"modified":"2021-02-08T10:48:17","modified_gmt":"2021-02-08T10:48:17","slug":"ottawa-charta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/ottawa-charta\/","title":{"rendered":"Ottawa Charta"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Das Papier voll wert, auf dem es geschrieben ward<\/strong><\/h4>\n<h5><strong>Die Ottawa Charta feiert still und abseits der \u00d6ffentlichkeit Geburtstag. <\/strong><\/h5>\n<h5><strong>Wir schreiben das Jahr 1986, die Tage bis zum 21. November. Kapazunder aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich aus der ganzen Welt sitzen zusammen, disputieren und br\u00fcten einen Text aus. Es herrscht eine intensive, ausgelassene und konstruktive Stimmung, es rauchen die K\u00f6pfe. \u00a0Am Ende, es war besagter 21. November, wird ein Text akklamiert, der als zukunftsweisend anzusehen ist.\u00a0 Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsf\u00f6rderung gebar die \u201eOttawa Charta\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.\u00a0 <\/strong><\/h5>\n<p>30 Jahre sp\u00e4ter ist die Anzahl der Erkl\u00e4rungen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und Chartas nicht weniger geworden. Sie alle best\u00e4tigen und erg\u00e4nzen die Ottawa Charta. Der Inhalt und der Ansatz der Charta blieben so aktuell wie damals. Vieles wurde vorweggenommen, auf Probleme, die es heute zu bew\u00e4ltigen gilt, eine plausible Antwort gegeben. In zahlreichen Bereichen (Gesundheitsf\u00f6rderung) sowie f\u00fcr eine Unzahl von Organisationen (etwa WHO) ist sie Richtschnur f\u00fcr das konkrete Handeln.<\/p>\n<p>Doch alles in allem? Die Welt hat sich nicht zu dem entwickelt, was in der Ottawa Charta skizziert wurde. Damals rief man zum aktiven Handeln f\u00fcr das Ziel \u201eGesundheit f\u00fcr alle\u201c bis zum Jahr 2000 auf. Davon ist die Welt weiter entfernt, als je zuvor. Also gibt es anl\u00e4\u00dflich des 30 J\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums weniger zu feiern, sondern vielmehr die Ottawa Charta wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, weil sie im Furor der neoliberalen Offensiven und des expandierenden, gewinnorientierten Gesundheitssektors die ad\u00e4quate Korrektur und Antwort bieten k\u00f6nnte!<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-987 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-300x283.jpg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"161\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-300x283.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-1024x967.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-768x725.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-1536x1451.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150803_140226-2048x1935.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/p>\n<h4><strong>Worum geht\u2019s in der Charta?<\/strong><\/h4>\n<p>Zum einen pr\u00e4gte die Ottawa Charta einen \u2013 f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse \u2013 durchaus frischen und neuen Blick auf das Thema Gesundheit. Dieser ist \u2013 kurz zusammengefasst \u2013 von politischen, sozio\u00f6konomischen und individuell-pers\u00f6nlichen Entwicklungen gepr\u00e4gt und positiv formuliert. Die Abwesenheit von Krankheit wird als nicht ausreichend gesehen. Dem Thema Gesundheit wird ein anderer Dreh verliehen, als den bis dahin \u00fcblichen; vom biomedizinischen Modell<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> gepr\u00e4gten. \u00c4u\u00dfere Umst\u00e4nde wie \u201eFrieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ern\u00e4hrung, Einkommen, ein stabiles \u00d6kosystem, eine sorgf\u00e4ltige Verwendung vorhandener Naturresourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit\u201c sind grundlegende Bedingungen f\u00fcr Gesundheit.<\/p>\n<p>Zum zweiten, daf\u00fcr ist nicht ausschlie\u00dflich das Individuum selbst verantwortlich, sondern insbesondere die Politik und darin alle Politikbereiche, die zu dieser positiven Ver\u00e4nderung beitragen k\u00f6nnen. \u201eIn diesem Sinn ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des allt\u00e4glichen Lebens zu verstehen und nicht als ein vorrangiges Lebensziel\u201c. Dieses Zusammenspiel von Entwicklung und F\u00e4higmachen des Individuums, seine eigene Verantwortung bei Gesundheit wahrnehmen zu k\u00f6nnen und das Herstellen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Gesundheit f\u00f6rdern, zeichnet das Dokument bis heute aus.<\/p>\n<p>Beide Aspekte sind mittlerweile in der Fachwelt unbestrittene Grundlagen f\u00fcr die Gesundheitsf\u00f6rderung. Nicht umsonst gibt es im Bereich der \u00f6ffentlichen Gesundheit (public Health) immer wieder und zahlreich Forderungen nach einer \u201ehealth in all policies\u201c bzw. nach \u201eGesundheit f\u00fcr alle (GFA)\u201c. Es w\u00e4re auch nicht so, dass keine Erfolge erzielt worden sind. So hat die WHO das Programm\u00a0 \u201eGesundheit f\u00fcr alle\u201c bereits 1991 auf der Basis der Ottawa Charta<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> weiter entwickelt. Aus dieser ist das WHO Rahmenkonzept \u201eGesundheit 21\u201c, als Vision f\u00fcr das 21. Jahrhundert formuliert worden. \u201eBis zum Jahr 2010 sollten in allen Mitgliedsstaaten \u2026 GFA Konzepte formuliert und umgesetzt werden.\u201c (WHO 1999, 201)<\/p>\n<p>Die \u201eHealth in all policies\u201c Strategie k\u00f6nnte als dritte Komponente der Ottawa Gedankenwelt bezeichnet werden. Das Verst\u00e4ndnis von strukturell vernetzten Systemen, die miteinander korrespondieren und sich gegenseitig beeinflussen, wird in dieser Strategie betont. Gesellschaftliche Gesundheitsentwicklung betrifft also nicht ausschlie\u00dflich den Gesundheitsbereich sondern vielmehr und oft Bereiche, die auf den ersten Blick mit Gesundheitspolitik wenig bis gar nichts zu tun haben. Pointiert brachte das Manuel Carballo, Direktor des internationalen Zentrums f\u00fcr Migration und Gesundheit (ICMH) anl\u00e4\u00dflich einer Konferenz des Netzwerkes \u00fcber Gesundheit in der Stadt (ICUH) zum Ausdruck, der meinte, die besten Public Health Tr\u00e4ger k\u00f6nnten die ArchitektInnen und St\u00e4dteplanerInnen sein, weil sie infrastrukturelle Gegebenheiten vor Ort festlegen und umsetzen, die wesentlichen Einflu\u00df auf die Gesundheit der Menschen haben.\u00a0 Aber das gilt bis heute eben auch f\u00fcr andere Entscheidungstr\u00e4ger_innen, die in B\u00fcrokratie und Verwaltung infrastrukturelle Bedingungen schaffen und Ressourcen verteilen. \u00a0is erhebliche Auswirkungen zeitigen. Man denke nur an st\u00e4dtebauliche Ma\u00dfnahmen, die noch immer dem Prinzip des Vorrangs des Individualverkehrs folgen und dem \u2013 insbesondere \u2013 sozialen Wohnbau, der zumeist unter Billigstbieter \u00a0\u2013 also strikt \u00f6konomischen Bedingungen \u2013 gebaut wird.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-989 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/gesundheitsdeterminanten-bild-300x184-1.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"114\" \/><\/p>\n<p><strong>Bestimmende Faktoren<\/strong><\/p>\n<p>Das Zauberwort in der Gesundheitsdebatte sind die sogenannten Gesundheitsdeterminaten, also bestimmende Faktoren f\u00fcr Gesundheit. Diese bestehen aus Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, Faktoren individueller Lebensweisen<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, soziale und kommunale Netzwerke<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>, Lebens- und Arbeitsbedingungen<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>, \u00f6kologische und kulturelle physische Faktoren<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. \u00a0Auf sie sollte Gesundheitspolitik und -f\u00f6rderung eingreifen und einwirken, so die stringente Analyse, aus der Ottawa Charta heraus.<\/p>\n<p>Immerhin sind zwei L\u00e4nder bei der Aufrechterhaltung der Ottawa Ideen explizit und positiv hervorzuheben, Kanada und Schweden. Beide haben diese Konzepte und Vorhaben in eine eigene nationale Gesundheitsstrategie\u00a0 integriert und ihre gesundheitspolitischen Ziele und Handlungen danach ausgerichtet. In beiden L\u00e4ndern geht die Entwicklung seit mehr als 20 Jahre voran, endet also nicht in Zielen und Grundsatzerkl\u00e4rungen sondern die Strategie richtet sich auf strukturell implementierte Vorhaben, die den Zielen dienen. Der Paradigmenwechsel ist also nicht nur inhaltlich, sondern in weiterer Folge auch strukturell und finanziell gesichert worden. In Schweden gibt es ein eigenes Institut \u2013 das Swedish National Institute of public health (SNIPH)<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p><strong>Und \u00d6sterreich?<\/strong><\/p>\n<p>In \u00d6sterreich werden die Ottawa Ideen \u2013 also die Strategien auf Gesundheistdeterminanten zu richten und eine \u201ehealth in all policies\u201c Strategie zu verfolgen \u2013 vorrangig von Fond Gesundes \u00d6sterreich (FG\u00d6) und dem \u00d6sterreichischen Bundesinstitut f\u00fcr Gesundheitswesen (\u00d6BIG) sowie dem Bundesinstitut f\u00fcr Qualit\u00e4t im Gesundheitswesen (BIQG) getragen. Auf der konzeptuellen Ebene haben sich die Ottawa Leitideen in den Fachstellen der L\u00e4nder und in den Expert_innenzirkeln durchaus festgesetzt. Der gesamtgesellschaftliche Output und die Umsetzung der Strategien blieben in \u00d6sterreich jedoch eher in den Kinderschuhen stecken.<\/p>\n<p>Hier f\u00e4llt auf, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem Leitlinien und Zielen und der konkreten Umsetzung gro\u00dfe L\u00fccken klaffen. Verschafft man sich einen \u00dcberblick \u00fcber die\u00a0 verschiedenen Programme und F\u00f6rderma\u00dfnahmen, so kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, das \u00fcberwiegend klassische Formen der Pr\u00e4ventionsarbeit, die unter dem Titel Gesundheitsf\u00f6rderung firmieren, haupts\u00e4chlich individuelle F\u00f6rderung und Bef\u00e4higung des\/der Einzelnen darstellen und auf den Lebensstil eingreifen. \u00dcbergeordnete Strategien und infratsrukturelle Ver\u00e4nderungsprogramme sind selten zu finden; das beginnt bei der unzureichenden Koordination und Vernetzung, \u00a0geht zu den fehlenden Rahmenbedingungen und strukturellen Bedingungen und endet bei der konkreten Ausf\u00fchrung von Gesundheitsprogrammen.\u00a0 Dabei schleicht sich das Gef\u00fchl ein, dass der neoliberale Individualisierungsdiskurs dominiert und der Einflu\u00df von m\u00e4chtigen AkteurInnen (\u00c4rzteschaft, Pharmaindustrie, Wellnesseinrichtungen) konservativ- stabilisierend wirkt. \u00d6konomische Hintergr\u00fcnde spielen eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Dies ist keine wesentlich neue Erkenntnis \u2013 gerade der Gesundheitsmarkt in all seiner Breite \u2013 ist ein Zukunftsmarkt, mit hohen Steigerungsraten und Profiten. Die Individualisierungstendenz in unserer Gesellschaft, die gepaart mit einer Politik der Privatisierung einhergeht, widerspricht der \u201ePublic Health\u201c und der \u201eGesundheit f\u00fcr Alle\u201c Idee. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viel Geld im System steckt, aber kaum f\u00fcr \u00f6ffentliche, gemeinwesenorientierte Steuerung. Berechnungen haben ergeben, dass grunds\u00e4tzlich strukturelle und langfristige Ver\u00e4nderungen und politische Steuerungen auf die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung\u00a0 wesentlich mehr und besseren Einflu\u00df hat, als etwa Gesundheitsf\u00f6rderungsprogramme, die meist erst dann eingreifen, wenn die Auswirkungen der Gef\u00e4hrdung \u00a0durch soziale und politische Strukturen schon virulent wurden. Wie dies etwa bei Burnoutprogrammen deutlich wird. Der bessere Schutz der Arbeitnehmer_innen, rechtliche Regelungen gegen Prekarisierun g und Billigjobs, Erh\u00f6hung der Mindestl\u00f6hne u.v.m., w\u00e4ren Teil der Gegenstrategien, die effizienter w\u00e4ren, als Personen, die von Burn Out betroffen sind, zu \u201ekurieren\u201c.<\/p>\n<p><strong>Beseitigung von Ungleichheit \u2013 beste Gesundheitspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Diesem in der Ottawa Charta angelegten Gedankengang eindrucksvoll untermauert, hat wohl der englische Wirtschaftswissenschafter und Epidemologe Richard Wilkinson gemeinsam mit Kate Pickett<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>. Wilkinson\/Pickett konnten mittels Metaanalyse von Studien aus verschiedenen Staaten beweisen, dass die Beseitigung von Ungleicheit die weitaus gr\u00f6\u00dften Gesundheitsverbesserungen erzielen w\u00fcrde. N\u00e4mlich nicht nur f\u00fcr die arme Bev\u00f6lkerung sondern auch f\u00fcr alle anderen Schichten. Und dass dies sich nicht nur an den harten, offensichtlichen Fakten ablesen l\u00e4sst \u2013 Morde, Drogentote u.\u00e4. \u00a0\u2013 sondern auch an allgemeinen Gesundheitsparametern, wie etwa bei Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganf\u00e4llen und Krebsdiagnosen. Klar wird aus den Wilkinson Erkenntnissen aber auch, dass die alleinige durchschnittliche Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstandes nicht ausreicht. \u00dcbrigens eine These, die sich lange aufrecht halten lie\u00df. Man m\u00fcsse nur die Arbeiter am Wohlstand teilhaben lassen, dann w\u00fcrde es ihnen besser gehen und sie ges\u00fcnder sein.<img decoding=\"async\" class=\" wp-image-990 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_20150802_160610-300x168-1.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"120\" \/><\/p>\n<p>Die Daten von Wilkinson\/Pickett zeigen, dass es nicht ausreicht, Wohlstand zu erzeugen, es bedarf auch des Ausbaus eines Sozial-\/ Wohlfahrtsstaates, der die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft zu minimieren imstande ist. Krasse Beispiele sind etwa die USA oder auch Gro\u00dfbritannien (GB), die als reiche Staaten bezeichnet werden k\u00f6nnen, aber in nahezu allen Detailkategorien (etwa im Wohlergehen der Kinder oder gesundheitlichen Problemen) eher an einen failed State \u2013 einem unterentwickelten, von Korruption und Armut zerfressenen Staat \u2013 erinnern, bei dem die Sozial- und Gesundheitssysteme kaum oder nicht mehr funktionieren, als an reiche und entwickelte westliche Industrienationen.\u00a0 Das liegt nicht am Wohlstand sondern an der Ungleichheit in den genannten L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es bedarf aber auch eines Ausbau von Demokratie, die nicht nur als repr\u00e4sentatives Staatslenkungssystem und Ausgleichinstrument f\u00fcr gesellschaftliche Widerspr\u00fcche verstanden werden darf, sondern als Basisinitiative, als Grundstr\u00f6mung in einer Gesellschaft implementiert werden muss, welche auf Freundschaft, Solidarit\u00e4t, Nachbarschaftshilfe und Zusammenhalt basiert. Hierarchische Organisationen (Verwaltung, Firmen, Institutionen) hingegen erzeugen Ohnmacht, erzeugen Subordination, Fremdbestimmung, das Gegenteil von Demokratie. Wilkinson Daten und Zahlen belegen das eindrucksvoll. Leute, die subaltern arbeiten, strengen Hierarchien untergeordnet sind, wenig Selbstbestimmung in ihrem Leben erfahren, die sich selbst nicht als politische Subjekte sondern als Objekte wahrnehmen \u201edenen geschieht\u201c, sind anf\u00e4lliger f\u00fcr Krankheiten, sind vulnerabler und haben eine geringere Lebenserwartung.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Die 30 Jahre, die seit der Verabschiedung der Ottawa Charta vergangen sind, haben eine sprunghafte Best\u00e4tigung der damals postulierten Thesen und den damit verbundenen Schl\u00fcssen und Vorhaben gebracht. Die Daten, die gesammelt und ausgewertet wurden, haben eindrucksvoll bewiesen, dass nicht die Individualisierung, der Neoliberalismus und der Abbau von Leistungen des Staates uns Menschen ges\u00fcnder macht und uns l\u00e4nger leben l\u00e4sst, sondern ausschlie\u00dflich Formen des solidarischen Miteinander, des Ausgleichs von Ungleichheit, der Erh\u00f6hung von Chancengerechtigkeit\u00a0 und Partizipation (Demokratie in allen Bereichen). Alles in allem ein P\u00e4doyer f\u00fcr den sozialen Wohlfahrstaat. Insoferne sind aber die letzten 30 Jahre aber auch vergebens gewesen. Der Wohlfahrtsstaat wurde desavouiert. H\u00f6chste Zeit die n\u00e4chsten 30 Jahre anzugehen, um das wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fu\u00dfnoten:<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ottawa Charta im Wortlaut. http:\/\/www.fgoe.org\/hidden\/downloads\/Ottawa_Charta.pdf<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Etwa die Jakarta Erkl\u00e4rung 1997. http:\/\/www.who.int\/healthpromotion\/conferences\/previous\/jakarta\/en\/hpr_jakarta_declaration_german.pdf<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Das biomedizinische System wird von einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Herangehensweise gepr\u00e4gt, fokussiert auf die Krankheit und sucht nach Faktoren auf deren Verhinderung. Arzt\/\u00c4rztin sind darin die AkteurInnen, PatientInnen werden in eine passive Rolle (Objekt) gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zu erw\u00e4hnen sei hier, dass es auch vor der Ottawa Charta bereits zahlreiche Vorarbeiten gab (etwa Alma Ata Deklaration, 1978, u.a.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Alter, Geschlecht, Vererbung, k\u00f6rperliche und psychische Besonderheiten<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Essen, Rauchen, Trinken, Bewegung, Schlaf\u2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Nachbarschaft, Freundschafen, kommunale Einrichtungen, Partnerschaft\u2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Arbeitsbedingungen, Besch\u00e4ftigung bzw. Arbeitslosigkeit, Wohnort und \u2013verh\u00e4ltnisse, Zugang zu Qualit\u00e4t von Gesundheitsdiensten, Theater, Kunst, Sport\u2026.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Umwelt, Funktionieren staatlicher Einrichtungen, Rechtsstaat, Stabile Verh\u00e4ltnisse, \u00a0Einkommen,<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> N\u00e4heres zum Thema: Soffried, J\u00fcrgen Peter: Die Entwicklung nationaler Gesundheitsziele in Kanada und Schweden. Masterarbeit an der Medizinischen Universit\u00e4t Graz, Graz 2006.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Abb. : Fonds Gesundes \u00d6sterreich, nach Dahlgren, G., Whitehead M. (1991) Policies and strategies to promote social equity in health. Stockholm: Institute for future studies.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Wilkinson\/Pickett: Warum gerechte Gesellschaften f\u00fcr alle besser sind. Deutsche Ausgabe, HaffmansTolkemitt, Berlin, 2010. Eine komprimierte Zusammenfassung der Erkenntnisse von Wilkinson\/Pickett finden Sie hier: Gleichheit ist Gl\u00fcck: Warum gerechte Gesellschaften f\u00fcr alle besser sind. Forum 1, 8. Armutskonferenz, 2010.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Papier voll wert, auf dem es geschrieben ward Die Ottawa Charta feiert still und abseits der \u00d6ffentlichkeit Geburtstag. Wir schreiben das Jahr 1986, die Tage bis zum 21. November. Kapazunder aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich aus der ganzen Welt sitzen zusammen, disputieren und br\u00fcten einen Text aus. 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