{"id":499,"date":"2016-03-10T13:38:36","date_gmt":"2016-03-10T13:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=499"},"modified":"2021-02-08T10:55:15","modified_gmt":"2021-02-08T10:55:15","slug":"ausreiser-wandzeitung-68","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/ausreiser-wandzeitung-68\/","title":{"rendered":"Auf der Strasse verstreut"},"content":{"rendered":"<h3><strong><a href=\"http:\/\/ausreisser.mur.at\/ausgaben\/68-1-2016\/auf-der-strasse-verstreut\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Auf der Strasse verstreut.<\/a><\/strong><\/h3>\n<h5>Essay von Wolfgang Gulis, erschienen in der aktuellen Nummer #68 der Wandzeitung &#8222;<a href=\"http:\/\/ausreisser.mur.at\/ausgaben\/68-1-2016\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ausrei\u00dfer<\/a>&#8222;. Nach einer wahren Begebenheit.<\/h5>\n<p>SMS-Nachricht, 19.26 Uhr: \u201eHallo Heimkehrer, gut aus Kolumbien zur\u00fcck? Bin bei Polizei, wegen \u00dcberfall, dauert. N\u00e4heres sp\u00e4ter. B.\u201c<\/p>\n<p>Ist mein Gehirn irgendwo nicht mitgekommen \u2013 Polizei? \u00dcberfall! Ich zeige Cornelia das SMS; die wird bleich. Wir stehen auf der Rolltreppe des Bahnhofs und r\u00e4tseln; ungewaschen, m\u00fcde, schwer bepackt. Vor der Halle f\u00e4llt orange-gelbes Licht auf den w\u00e4ssrigen, tiefen Schneematsch und l\u00e4sst ihn wie einen Sandstrand aussehen. Wir leisten uns ein Taxi, wir frieren. Wir kommen aus dem Dschungel, wir d\u00fcrfen das! Vor drei Tagen waren wir noch am Amazonas, da hatte es morgens um 9.00 Uhr 28\u00b0 Celsius. Temperaturanzeige jetzt im Taxi: &#8211; 2\u00b0 Celsius.<\/p>\n<p>Leichter Schneefall, stehe am Fenster, geduscht, warte. Wo bleibt sie?<\/p>\n<p>Barbara hat keine Beule auf dem Kopf, sie tr\u00e4gt auch keine zerrissenen Kleider und blutverschmiert ist sie gl\u00fccklicherweise ebenfalls nicht. Kein Thriller, runter geladen aus dem Netzwerk. Sie ist gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig angezogen, wei\u00dfe Bluse, dunkler Hosenanzug. Sie will einen Schnaps. Zur Beruhigung der Nerven und zum Prosten, dass wir unversehrt zur\u00fcck sind. Wir, unversehrt zur\u00fcck? Hallo, wer wurde \u00fcberfallen? Wir prosten, es brennt in der Speiser\u00f6hre. Sie beginnt zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>\u201eIch pack\u00b4 meine Sach\u00b4n f\u00fcr die Baustelle zusammen, geh\u00b4 zum Auto. Stell\u00b4 die Arbeitstasche auf den Beifahrersitz, schnall\u00b4 mich an. Steck\u2018 den Schl\u00fcssel ins Z\u00fcndschloss, will starten. Da geht die Beifahrert\u00fcr auf, eine Hand schnellt herein, rei\u00dft die Tasche vom Sitz und ein Typ macht sich aus dem Staub.\u201c<\/p>\n<p>Wir kippen synchron den Rest aus den Gl\u00e4sern.<\/p>\n<p>\u201eIch will raus aus dem Auto. Vergess\u2018, dass ich ang\u00b4schnallt bin, es schnepft mich in den Sitz zur\u00fcck. Ich, den Schei\u00dfgurt weg, rei\u00df\u00b4 die T\u00fcr auf, ohne Schauen. Ein vorbeifahrendes Auto rast Zentimeter dran vorbei.\u201c<\/p>\n<p>Wir h\u00e4ngen an ihren Lippen.<\/p>\n<p>\u201eIch schrei\u2018 laut: \u201aHilfe! Diebstahl! Polizei!\u2018, Lauf\u00b4 dem Dieb ein paar Schritte hinterher. V\u00f6llig sinnlos. Komm\u00b4 mir pl\u00f6tzlich bl\u00f6d vor, bleib stehen. Aber was soll ich sonst tun? Und dann &#8230; passieren lauter unglaubliche Dinge.\u201c Barbara schaut auf, sieht den Wein, den sie mitgebracht hat, h\u00e4lt inne.<\/p>\n<p>\u201eSollen wir den Wein aufmachen und auf eure R\u00fcckkehr ansto\u00dfen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa gut\u201c, sag\u00b4 ich, mach mich ans Entkorken, \u201eaber erz\u00e4hl weiter!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso ich steh da und schrei \u00b4rum. Da kommt ein P\u00e4rchen aus dem Park. Sie hat schon das Handy in der Hand, ruft die Polizei. Er deutet aufs Auto und sagt \u2013 ganz ruhig \u2013 \u201adas Auto ist noch offen.\u2019 Na klar, der Schl\u00fcssel steckt auch; das fehlte mir noch.\u201c<\/p>\n<p>Ich schenke ein. Barbara sieht gebahnt zu.<\/p>\n<p>\u201eDer R\u00e4uber ist inzwischen in den Park &#8230; Richtung Norden. Ein Radfahrer, der zuf\u00e4llig dazugekommen ist, strampelt dem Dieb nach. Die Polizei sei schon unterwegs, sagt die Frau zu mir, beruhigt mich und fragt, ob was Wertvolles in der Tasche sei.\u201c Barbara blickt uns an.<\/p>\n<p>\u201eDa wird mir erst klar, dass in der Tasche alles war; alles, versteht ihr? Geld, Kreditkarten, F\u00fchrerschein, die Bauunterlagen, die Pl\u00e4ne, die Vertr\u00e4ge, alles. Und in dem Moment geht mir\u00b4s H\u00e4ferl \u00fcber. Ich konnt\u00b4 nix dagegen tun.\u201c<\/p>\n<p>Cornelia: \u201eVerst\u00e4ndlich!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie nimmt mich in den Arm, t\u00e4tschelt meine Hand und gibt mir ein Taschentuch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTotal nett.\u201c Barbara nickt. Ich stelle die Gl\u00e4ser hin, wir prosten uns noch einmal zu.<\/p>\n<p>\u201eDann steh\u00b4 ich da und wei\u00df zwar nicht, was als N\u00e4chstes passieren soll, will die beiden aber nicht noch l\u00e4nger aufhalten, die haben ja auch was Besseres vor, wollten ins Theater. Trotzdem bleiben sie da und insgeheim bin ich ihnen daf\u00fcr dankbar.\u201c<\/p>\n<p>Barbara schaut in ihr Glas.<\/p>\n<p>\u201cAber das Beste kommt noch.\u201c Pause.<\/p>\n<p>\u201ePl\u00f6tzlich sprintet der Dieb wieder in unsere Richtung, quer \u00fcber die Wiese! Der Radfahrer hat ihn umkurvt und wieder zur\u00fcckgetrieben, ist ihm auf den Fersen. Von einer anderen Seite sehe ich einen Schwarzen, \u00e4h &#8230; also einen Afrikaner \u2013 auch im Lauftempo \u2013 schr\u00e4g von der Seite im spitzen Winkel auf den Dieb zulaufen. Der Dieb \u00e4ndert wieder den Kurs. Der Radfahrer kommt ihm ziemlich nah. Kurz bevor er ihn packen kann, schl\u00e4gt er einen Haken, dr\u00e4ngt sich zwischen zwei parkenden Autos durch und \u00fcberquert die Stra\u00dfe. Dabei verliert er meine Tasche! Einen Moment lang \u00fcberlegt er, ob er stehen bleiben soll, sieht aber, dass der Radfahrer zu nah ist; also einfach \u00fcber die Stra\u00dfe!\u201c<\/p>\n<p>\u201eKlug von ihm.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, \u2026 mit dem Rad konnte der ja zwischen den Autos nicht durch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDen hat er abgesch\u00fcttelt.\u201c Barbara nickt.<\/p>\n<p>\u201eAber er hat den Afrikaner \u00fcbersehen. Der war vorher schon, weiter vorne auf die andere Seite gewechselt. Der erwischt ihn tats\u00e4chlich und st\u00f6\u00dft ihn nieder.\u201c<\/p>\n<p>Cornelia: \u201eSagenhaft\u201c.<\/p>\n<p>\u201eJa, aber es geht noch weiter. Inzwischen sind beim Taxistand an der Kreuzung die Fahrer auch aufmerksam geworden. Einer von denen bewegt sich auf die Szene zu. Als er die beiden am Boden k\u00e4mpfen sieht, sprintet er los und wirft sich drauf. Irgendwann dazwischen ist endlich die Polizei gekommen; die sind auf der Fahrbahn stehen geblieben und haben gleich einen Stau verursacht.\u201c Barbara sieht uns an und fragt: \u201eUnd was meint ihr, macht der Taxler?\u201c<\/p>\n<p>Wir beide: \u201eNa den Dieb festhalten!\u201c<\/p>\n<p>\u201eNeiiinn\u201c ruft Barbara aus, \u201eeben nicht\u201c und haut auf den Tisch, dass die Gl\u00e4ser klirren. \u201eDer Trottel h\u00e4lt den Afrikaner fest!\u201c<\/p>\n<p>\u201eMist.\u201c Wir beide gleichzeitig.<\/p>\n<p>\u201eKannst laut sagen! Der ist \u00fcberzeugt, dass der Schwarze der Dieb ist. \u2013 Eh kloa.\u201c Barbara holt Luft und setzt zum letzten Kapitel an.<\/p>\n<p>\u201eW\u00e4hrend der richtige Dieb &#8230;\u201c beginnt Cornelia.<\/p>\n<p>\u201e&#8230; auf und davon rennt. Ich seh\u00b4 das, schrei\u2018 dem Taxler zu, dass er den Falschen im Schwitzkasten hat, aber der h\u00f6rt nix oder will nix h\u00f6ren. Ich will r\u00fcber, aber der Verkehr auf meiner Seite ist zu dicht. Dann stoppen die Polizisten die Autos und wir sind gemeinsam hin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd dann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNehmen die auch noch den Afrikaner fest!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas darf nicht wahr sein.\u201c Wir fallen in unsere Sessel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eDie wussten noch nicht mal, was \u00fcberhaupt passiert ist.\u201c Stille im Raum.<\/p>\n<p>\u201eDas Krasseste daran aber war, dass John, so hei\u00dft er, auch noch verletzt worden ist, hat einen Messerstich abgekriegt, blutete ziemlich.<\/p>\n<p>Die Rettungsleute, die dann gekommen sind, haben gesagt, dass er viel Blut verloren hat, die Wunde selbst ist zum Gl\u00fcck nicht sehr tief. Morgen fahr\u00b4 ich ins Krankenhaus, ihn besuchen. Er ist Asylwerber, soweit ich das mitgekriegt hab\u00b4, hoffentlich ist er versichert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd die Tasche?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMeine Sachen waren auf der Stra\u00dfe verstreut, aber alles war da. \u00dcber die Pl\u00e4ne sind die Autos dr\u00fcber, aber halb so wild. Das Ehepaar hat die Sachen eingesammelt und ist beim Auto geblieben, bis ich wieder zur\u00fcck war \u2026 voll nett.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Vorstellung haben sie verpasst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, aber ich glaub, die haben auch so einen aufregenden Abend gehabt. Mit einem Lehrst\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Als Barbara geht, ist es Mitternacht. Wir alle k\u00f6nnen uns kaum noch auf den Beinen halten. Die Flasche Rotwein ist leer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Strasse verstreut. Essay von Wolfgang Gulis, erschienen in der aktuellen Nummer #68 der Wandzeitung &#8222;Ausrei\u00dfer&#8222;. Nach einer wahren Begebenheit. SMS-Nachricht, 19.26 Uhr: \u201eHallo Heimkehrer, gut aus Kolumbien zur\u00fcck? Bin bei Polizei, wegen \u00dcberfall, dauert. N\u00e4heres sp\u00e4ter. B.\u201c Ist mein Gehirn irgendwo nicht mitgekommen \u2013 Polizei? \u00dcberfall! 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