{"id":491,"date":"2015-12-11T09:12:22","date_gmt":"2015-12-11T09:12:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=491"},"modified":"2021-08-30T13:44:44","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:44","slug":"teil-6-leber-mit-parenchymersetzendem-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/teil-6-leber-mit-parenchymersetzendem-prozess\/","title":{"rendered":"Serie: Allen was gemeinsam; Teil 6: Leber mit parenchymersetzendem Prozess"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im sechsten Teil der Serie \u201eAllen was gemeinsam\u201c geht es um eine Episode, mit dem System Krankenhaus.<\/strong><\/p>\n<p>Angefangen hatte es mit Sch\u00fcttelfrost, als ich mit dem Rad nach Hause gefahren bin. Anschlie\u00dfend lag ich mit hohem Fieber im Bett. Als es nicht besser wurde, wurde ich vom Hausarzt ins Spital \u00fcberwiesen, um mich durchzuchecken, wie er sagte.<\/p>\n<p>Der diensthabende Arzt in der Ambulanz, ging von einer Lungenentz\u00fcndung aus. Nach den ersten Untersuchungen und einer Blutabnahme wurde ich \u201e\u00fcber Nacht einmal da behalten\u201c. Und landete auf der Onkologie! Als ich von der Ambulanz kam, registrierte ich das gar nicht so genau. Ich war zu fertig. Aber am n\u00e4chsten Tag erschrak ich, mit Fieber eingeliefert und auf der Onkologie aufzuwachen, l\u00e4sst allerlei wilde Spekualtionen wuchern. Der Arzt beruhigte. Das sei nur, weil jede Abteilung gewisse Notbetten der Ambulanz zur Verf\u00fcgung stellen m\u00fcsse, damit diese die rasch zuteilen k\u00f6nne. Mir ging es nur langsam besser. Man wisse nicht genau, war die Aussage. Nein, das R\u00f6ntgen sei ohne Befund und nein, es sei keine Lungenentz\u00fcndung. Am dritten Tag war das Fieber weg.<\/p>\n<p><strong>Annamneseb\u00f6gen verfolgen mich<\/strong><\/p>\n<p>Bis ich nach sieben Tagen mich entlassen hatte, hatte ich in der Zwischenzeit zwei Mal den Anamnesebogen ausgef\u00fcllt, vier verschiedene Ober\u00e4rzte, die mir \u2013 als f\u00fcr mich verantwortlich \u2013vorgestellt wurden und nie mehr gesehen waren. Daf\u00fcr wu\u00dfte der jeweilig neue Arzt, auch zwei \u00c4rztinnen waren dabei, nicht auch nur ann\u00e4hernd \u00fcber mich Bescheid; weder was wirklich los war, noch kannten sie den aktuellen Stand der Behandlungen und welche Untersuchungen schon erfolgt sind und auf welche Befunde man warte. Da ich zwei Jahre zuvor in Lateinamerika war, wurde immer wieder gemunkelt, dass mein Zustand damit etwas zu tun haben k\u00f6nnte. Das klang verschw\u00f6rerisch, als h\u00e4tte ich einen Voodoo Zauber oder ein Alien aus dem Amazonas mitgebracht. Es wurde aber nichts unternommen. Daf\u00fcr hatte ich zahlreiche Unterschungen, von denen zwei Tage sp\u00e4ter niemand mehr wu\u00dfte, warum sie in Auftrag gegeben worden waren, geschweige denn, was das Ergebnis dazu war. Einige Ergebnisse erfuhr ich nie.<\/p>\n<p>Bei einer Visite, ganz nebenbei fiel dann das Wort Biopsie, die ich am n\u00e4chsten Tag machen sollte: Auf intensivem Nachfragen erfuhr ich von der Krankenpflegerin, dass auf meiner Leber ein nicht identifizierbarer Fleck gefunden worden war. Das hatte mir bis dorthin niemand gesagt. Also gab es doch etwas, was aufkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig war.<\/p>\n<p>Da hatte ich schon den dritten Anamnesebogen ausgef\u00fcllt und vier Mal Blut hergeben. Jedesmal standen mir junge \u00c4rzte und \u00c4rztinnen gegen\u00fcber, die sch\u00fcchtern ihre ersten Patientenkontakte abarbeiten mussten. Beim dritten Mal war ich der Profi, h\u00e4tte ihnen ein Seminar \u201ePatientenkontakte leicht gemacht\u201c anbieten k\u00f6nnen, war hingegen vielmehr ungehalten und unfreundlich \u2013 obwohl die Armen ja nichts daf\u00fcr konnten.<\/p>\n<p><strong>Ziegelsteine k\u00f6nnen nicht reden<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vertrauen sank. Da wu\u00dfte die eine Hand nicht, was die andere tat. Dort ein CT, da ein R\u00f6ntgen, auch eine Koloskopie, und eine Gastro\u2026 schlie\u00dflich noch eine Magnetressonanz\u2026 das ging so weiter. Warum und welchen diagnostischen\u00a0Pfaden das folgte, wu\u00dfte keiner oder es wollte mir keiner sagen. Schlie\u00dflich war ich ja nur Patient und nicht Arzt. Dabei war ich nicht mal Klassepatient, bei denen sonst alles ausprobiert wird, was gut und teuer ist.<\/p>\n<p>Ich bin keiner, der sich nicht zu wehren wei\u00df. Ich getrau mich schon fragen. Aber bei den t\u00e4glichen Visiten hatte ich keine Chance. Ich dachte nicht nur, ich sei ein Ziegelstein, ich war auch einer. Die Frage, \u201ena wie geht\u2019s uns den Heute?\u201c, meist vom Primar gestellt, war reine Rhetorik. Niemand erwartet sich da eine Antwort, der Primar am allerwenigsten, denn Ziegelsteine k\u00f6nnen nicht reden. Antworten und Fragen wurde \u00fcberh\u00f6rt, weil zwischen all den Gespr\u00e4chen unter Kollegen, den Telefonaten am Handy, den Paraphieren von Papieren auf Clipboards, blieb keine Zeit f\u00fcr mich, den Patienten.<\/p>\n<p><strong>Mit Nadel im Oberbauch<\/strong><\/p>\n<p>Inzwischen willigte ich zur Leber-Biopsie ein, weil sie mir glaubhaft machen konnten, dass sich auf meiner Leber etwas befand, das einem Fleck glich und ein Pseudotumor oder ein richtiger sein konnte. Und nach dem Operationscheck und der Paraphierung der Einwilligung lag ich dann da, mit einer langen Nadel in meinem Oberbauch und wurde fast ohnm\u00e4chtig, als sie mir St\u00fccke aus der Leber tackerten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ging ich, ich glaube es war der siebente Tag, nach Hause, nicht ohne eine Reihe von weiteren Untersuchungen auf meinem Zettel zu haben, die ich noch zu absolvieren hatte. Die Entscheidung des Patienten wurde deutlich mi\u00dfgebillgt. Etwa zwei Wochen sp\u00e4ter sollte ich nochmal f\u00fcr 2 Tage hineinkommen. Der Fleck auf der Leber \u2013 soweit gab es ein Ergebnis \u2013 war kein Tumor. Irgendetwas anderes, seltsames. Was es war, das konnte keiner so genau sagen. Nach drei Monaten war er weg.<\/p>\n<p>Erinnert an all das, wurde ich durch eine \u00d61-Sendung, die nebenbei w\u00e4hrend der Arbeit lief und in dem es ums Zuh\u00f6ren ging und ein Arzt aus der Lehre, \u00fcber das so wichtige \u201eArzt-Patientengespr\u00e4ch\u201c sprach. Er beschrieb diverse Formen des Zuh\u00f6rens und der Fragestellungen. Zuerst musste ich lachen, weil es einerseits richtig war, was er erz\u00e4hlte und gleichzeitig so fern der Realit\u00e4t war, die ich erlebt hatte.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Hinter vorgehaltener Hand<\/strong><\/p>\n<p>Jene, die kurzzeitig ein wenig Empathie \u00fcbrig hatten, waren manche Krankenpfleger und -innen. Die hatten ein wenig Zuspruch im Repertoire \u00fcbrig und von denen erhielt ich Antworten auf Fragen zu meinem Zustand. Dies geschah aber nur hinter vorgehaltener Hand. Denn offiziell durften sie das ja nicht.<\/p>\n<p>Alle anderen \u2013 zu aller erst die behandelnden \u00c4rzte und \u00c4rztinnen \u2013 waren nicht in der Lage mit Patienten sich normal zu unterhalten. Nach allem, was wir mittlerweile \u00fcber Selbstheilungskr\u00e4fte, Mitwirkung des Patienten und Placeboeffekten wissen, ist diese Art der Behandlung umso absurder.<\/p>\n<p>Das Gesundheitssystem, insbesondere das station\u00e4re, ist extrem hierarchisch organisiert, mit ausgepr\u00e4gtem Standesd\u00fcnkel (\u201eDer Herr Primar, der Herr Doktor\u201c\u2026) ist streng reglementiert und abgegrenzt. Seit Jahrzehnten bewegt es sich vom Patienten weg; hin zu noch mehr Diagnosem\u00f6glichkeiten und High-Tech. Die Ausbildung setzt falsche Priorit\u00e4ten. Die zuk\u00fcnftigen Fachkr\u00e4fte werden nach Organen (Teilen) geordnet und spezialisiert. Das Ganze \u2013 n\u00e4mlich der Mensch \u2013 geht in dem segmentierten System verloren. Es fehlt vielen \u00c4rzt_innen an Grundfertigkeiten im kommunikativen und sozialen Bereich; in der Ausbildung ein stark unterbelichtetes Thema.<\/p>\n<p>Ein System, das nebstbei auch noch nach betriebswirtschaftlichen Kennzahlen funktioniert und in dem die Berufe abgegrenzt sind, kaum Teamkultur und wenig Fehlermanagament vorhanden ist, ist zum Scheitern verurteilt. Dabei w\u00e4re schon viel geholfen, wenn das Case Management in den H\u00e4nden der Stationspfleger_innen w\u00e4re, denn die lesen nicht nur Befunde, sondern kennen auch die Patient_innen.<\/p>\n<p>In der Zeit, in der ich die \u201eLeber mit unklarem Fleck\u201c war, hasste ich die handelnden Personen und hatte eine Wut auf sie. In Wahrheit lag und liegt es aber am System, dass Fachkr\u00e4fte zu R\u00e4dchen in einer Maschine machen. Gut sind sie nur, wenn es was zu reparieren gibt, Gipsen, n\u00e4hen, operieren. Bei allem anderen stochern sie schnell im Nebel oder wie bei mir im Oberbauch herum.<\/p>\n<p>Mehr dazu unter: Dramolett in sechs Patientenakten in Schreibkraft 14.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im sechsten Teil der Serie \u201eAllen was gemeinsam\u201c geht es um eine Episode, mit dem System Krankenhaus. Angefangen hatte es mit Sch\u00fcttelfrost, als ich mit dem Rad nach Hause gefahren bin. Anschlie\u00dfend lag ich mit hohem Fieber im Bett. 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