{"id":456,"date":"2015-10-08T13:16:04","date_gmt":"2015-10-08T13:16:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=456"},"modified":"2021-02-08T11:01:47","modified_gmt":"2021-02-08T11:01:47","slug":"diversity-ii-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/diversity-ii-teil\/","title":{"rendered":"Diversity II.Teil"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Diversit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<h3><strong>Kommentar zu einem in Mode gekommenen Begriff<\/strong><\/h3>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Teil<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen der Diversit\u00e4tsdebatten ist meist von <strong>Dimensionen der Vielfalt<\/strong> die Rede, also von Kategorien, die Menschen ausmachen, beeinflussen, die aber auch gesellschaftlich wirken und (Mit-)ursache f\u00fcr unterschiedlichen gesellschaftliche Teilhabem\u00f6glichkeiten, Diskriminierungen, bzw. f\u00fcr Privilegien, Dominanz und Macht sind. Die meisten schematischen Darstellungen dazu beziehen sich auf das Diversity Rad von Gardenswartz und Rowe.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1029 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/div-rad-300x300.png\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/div-rad-300x300.png 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/div-rad-150x150.png 150w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/div-rad-768x765.png 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/div-rad.png 910w\" sizes=\"(max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/><\/p>\n<p>Gardenswartz, L. u. Rowe, A.: Diverse Teams at Work; Society for Human Resource Management 2003, adaptiert von ASD \u2013 Austrian Society for Diversity, \u201c4 Layers of Diversity\u201d<\/p>\n<p>Wobei die schematische Darstellung des Kreises h\u00e4ufig kritisiert wird, da die Pers\u00f6nlichkeit im Inneren des Kreises als fix verankerter und unverr\u00fcckbarer Kern dargestellt wird. Gerade dies widerspricht jedoch allen Erkenntnissen aus der Pers\u00f6nlichkeitsbildung. Die vier kreisf\u00f6rmig angelegten Dimensionen sind eng mit der eigenen Pers\u00f6nlichkeit verwoben und im st\u00e4ndigen Flu\u00df mit- und zueinander. Die Einfl\u00fcsse durch die Dimensionen ver\u00e4ndern auch best\u00e4ndig die Pers\u00f6nlichkeit. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Fehlen von \u00e4u\u00dferen politisch-strukturellen-\u00f6ffentlichen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt auch den \u00f6ffentlichen Diskursen, die wesentlich auf die individuelle Befindlichkeit, die pers\u00f6nliche Entwicklung und die sozialen Gegebenheiten der einzelnen Dimensionen auf den\/die Einzelne\/n und die Gesellschaft einwirken. Es w\u00e4re als ein 5. \u2013 \u00e4u\u00dferer Kreis f\u00fcr die gesellschaftlich-\u00f6ffentlichen Dimensionen vonn\u00f6ten.<\/p>\n<p>Das Rad skizziert, worin sich Menschen unterscheiden k\u00f6nnen. Wir finden vier Ringe (Pers\u00f6nlichkeit, innere, \u00e4u\u00dfere und organisationale Dimension) vor und darin werden die Kerndimensionen (Geschlecht, Alter, Sexuelle Orientierung, physische\/psychische Beeintr\u00e4chtigung, Religion\/Weltanschauung, Ethnie\/Herkunft, Hautfarbe) benannt. In den \u00e4u\u00dferen Dimensionen weitere berufliche, soziale, geografische, famili\u00e4re Aspekte genannt und schlie\u00dflich organisationale Einflu\u00dffaktoren. Urspr\u00fcnglich wurde die These aufgestellt, dass je weiter innen sich die Dimensionen befinden, desto weniger w\u00e4ren sie ver\u00e4nderbar. Doch auch dies ist bei genauerer Betrachtung so nicht aufrecht zu erhalten. Auch Hautfarbe, psychische oder physische Beeintr\u00e4chtigungen, sexuelle Orientierung oder gar die Identit\u00e4t des Geschlechts sind im Laufe des Lebens und aufgrund von medizinisch-technischen Entwicklungen Ver\u00e4nderungen unterworfen und durchaus ver\u00e4nderbar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-988  alignright\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"287\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen-300x201.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen-1024x685.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen-768x514.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen-1536x1028.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Fotografen.jpg 1762w\" sizes=\"(max-width: 287px) 100vw, 287px\" \/>\u00a0Die Dimensionen als Ausgangslage f\u00fcr Diversit\u00e4tspolitik, haben in der Praxis einige Fallstricke parat und sind dementsprechend voller Widerspr\u00fcche. Einerseits ist es gesellschaftlich notwendig, Minderheitendimensionen ins Bewu\u00dftsein zu r\u00fccken und auf systematische Benachteiligung und strukturelle Exklusion von Personen mit bestimmten Merkmalen hinzuweisen. Gerade diese Sensibilisierungsphasen sind es, die politische Anst\u00f6sse erzielen und \u00c4nderungen hervorrufen. Das kann anhand der dritten Frauenemanzipationsbewegung in den 1960er ebenso festgemacht werden, wie anhand der Lobbyarbeit bez\u00fcglich Menschen mit physischen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigungen oder eben der Migrationspolitik. All diese Konfronta- aber auch Sensibilisierungsionsstrategien, die mit dem Aufzeigen von Mi\u00dfst\u00e4nden und Diskriminierungen einher gehen, f\u00fchren dazu, dass Politik, dass Verwaltung und schlie\u00dflich der \u00f6ffentliche Diskurs sich damit zu besch\u00e4ftigen beginnt und sensibilsiert wird. Dies f\u00fchrt bei gegl\u00fccktem politischen Handeln auch dazu, dass sich dies in Folge auch im Mainstream widerzuspiegeln beginnt. Gesetze werden neu forumliert, Regeln werden ge\u00e4ndert, die \u00f6ffentlichkeit reagiert anders auf das jeweilige Thema. In einer n\u00e4chsten Phase besteht jedoch auch die Gefahr, dass mit dem Hervorstreichen der Verschiedenartigkeit \u2013 des Andersseins \u2013 genau dieser Effekt entsteht, der nicht intendiert ist und erst recht die Andersartigkeit \u2013 das Abseits der Norm \u2013 dokumentiert und verfestigt wird.<\/p>\n<h3><strong>Othering<\/strong><\/h3>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen, das in der Wissenschaft als Othering (Said 1991) bekannt ist, zementiert gerade durch die Hinwendung auf den Unterschied diesen erst recht ein. Am Beispiel der Kategorie ethnische Zugeh\u00f6rigkeit bzw. Migrationshintergrund l\u00e4sst sich dieser Umstand im Alltag gut nachvollziehen. In der Debatte um Integration und Aufnahme in die Gesellschaft, werden kulturelle Differenzen, religi\u00f6se Unterschiede, die Andersartigkeit der MigrantInnen in den Mittelpunkt gestellt. Was einerseits zur Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die N\u00f6te von MigrantInnen beitrug, f\u00fchrte in der \u00f6ffentlichen \u2013 politischen Debatte zu einem ausgepr\u00e4gten Anderssein (Othering) \u2013 Wir und die Anderen \u2013 und manifestierte damit die Exklusion. Zumal solche \u00f6ffentlichen Debatten weder frei von macht noch frei von Hierarchien sind und daher die \u201eIntegrationsdebatte\u201c weder von kritischen WissenschaftlerInnen noch von NGO VerterterInnen gepr\u00e4gt ist, sondern von den Machthabern aus den verschiedenen Bereichen dominiert wird. Das f\u00fchrt dazu, dass meist \u00fcber die Betroffenen gesprochen wird, jedoch selten mit ihnen; geschweige denn, dass sie selbst zu Wort kommen. \u00d6ffentliche Diskurse sind auch nicht von Differenzierungen gepr\u00e4gt, vor allem wenn der Boulevard mitmischt und populistische Vereinfachungen gang und g\u00e4be sind. Schnell ist dann die Gruppe der MigrantInnen konstruiert, so verschieden die Individuen darin auch sein m\u00f6gen. Rasch ist die Kategorie MigrantIn verfestigt, die in der \u00d6ffentlichkeit eine homogene Masse darstellt. Bildungsfragen, famili\u00e4rer Hintergrund, soziale Stellung, Geschlecht udgl. verschwinden dann nicht selten unter dem Label \u201eMigrationshintergrund\u201c \u2013 so als w\u00fcrde dieses alles erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-837 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"261\" height=\"174\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-300x200.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-768x512.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/P1000749-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 261px) 100vw, 261px\" \/><\/p>\n<p>Anhand der politischen Debatten rund um das Thema Migration gut sichtbar ist aber auch, dass es nicht nicht sinnvoll und praktikabel ist, so zu tun, als w\u00fcrde das Element Migrationshintergrund keine Rolle spielen und vernachl\u00e4ssigbar sein. In den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern ist hinl\u00e4nglich nachgewiesen, dass f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrzahl der MigrantInnen besondere gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse herrschen.<\/p>\n<p>Ein zweites Spannungsfeld ist nicht nur die Fokussierung auf die Dimensionen sondern auch der Blickwinkel wie Diversit\u00e4t verstanden wird. Etwas vereinfacht: Ist Diversit\u00e4t eine politische Frage und rekurriert auf die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse oder ist Diversit\u00e4t ein selbstreflexives personenzentriertes Element. In der Praxis zeigt sich deutlich, dass die personenzentrierte Sichtweise deutlich h\u00e4ufiger in Erscheinung tritt. Diversit\u00e4t wird damit zu einer individuellen Angelegenheit, bei der das Individuum sich um die Verbesserung seines Umgangs bem\u00fcht bzw. die L\u00f6sung des Problems wird beim Individuum verortet. Auf der anderen Seite des Poles wird der Fokus darauf gelegt, dass der Staat, die Organisation\/Firma, die Gesellschaft f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse verantwortlich ist\u201c.<\/p>\n<p>Wie so oft zeigt sich, dass es nicht um ein \u201eEntweder \u2013 Oder\u201c geht, sondern um ein \u201eSowohl als Auch\u201c. Denn beim ersten \u2013 individualisierenden Weg \u2013 werden die gesellschaftlichen, strukturellen, gesetzlichen und formellen kulturellen Regeln weitestgehend ausgeblendet, die ja auf Homogenit\u00e4t und Einheit einerseits und auf Ein- bzw. Ausschlu\u00df von Gruppen aufbaut. Der zweite \u2013 strukturelle Weg \u2013 jedoch fokussiert zwar stark auf die Analyse der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und leistet dabei wertvolle Dienste, die Bedeutung der Pr\u00e4gung durch die verschiedenen Diversit\u00e4tsdimensionen in der eigenen Biografie sowie die Selbstverantwortung f\u00fcr das eigene Tun und Handeln werden geringer gesch\u00e4tzt, zumindest jedoch vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p>Es bedarf einer Selbstreflexion und einer Positionsbestimmung des\/der Einzelnen in den bestehenden Systemen, ebenso wie es den analytischen Blick auf die Verh\u00e4ltnisse. Der individuelle Blick ist ebenso erforderlich wie der makropolitische Blick. Der individuelle Blick stellt den Anspruch, sich seiner Haltungen\/Werte, sein Tun und Handeln mithilfe des Diversit\u00e4tsgedankens bewu\u00dfter zu werden und sich der eigenen Minderheiten-Mehrheitenpositionen gewahr zu werden. Verbunden damit stellt sich das Individuum den Zw\u00e4ngen, denen man ausgesetzt ist, in einer Gesellschaft, die von ungleichen Verh\u00e4ltnissen und Ausschl\u00fcssen von Bev\u00f6lkerungsgruppen gepr\u00e4gt ist. Nicht als Gegensatz zu verstehen, sondern als die zweite Seite der gleichen Medaillie ist der makropolitische Blick hinzuzuf\u00fcgen. Er erm\u00f6glicht es, die strukturellen Bedingungen aufmerksam zu analysieren und politische Rahmenbedingungen ins Blickfeld zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Diese beiden Pole \u2013 Denktraditionen \u2013 spiegeln sich jedoch auch auf der Ebene der theoretischen Begriffbestimmung wider. Ist im ersten Fall etwa Diskriminierung oder auch rassistisches Verhalten oft ein individuelles \u201eFehlverhalten\u201c, das sanktioniert werden muss und durch pers\u00f6nlichkeitsbildende Trainings ver\u00e4ndert werden kann, werden diese Begriffe im zweiten Fall eher als strukturell-politisches Ph\u00e4nome gesehen, in dem die Strukturen der herrschenden Gruppe(n) sich widerspiegeln und systematisch Mehrheiten und Minderheiten geschaffen werden und diese Ausdruck von Machtverh\u00e4ltnissen in der Gesellschaft darstellen.<\/p>\n<p>Im ersten Falle wird daher st\u00e4rker auf Sensibilisierung, Aufkl\u00e4rung und Trainings des\/der Einzelnen Wert gelegt. Darin werden u.a. Respekt, Toleranz und normgerechtes, politisch korrektes Verhalten und entsprechende Kommunikation vermittelt. So wird im zweiten Falle der Fokus st\u00e4rker auf diskriminierende und ungleiche Bedingungen und Strukturen gelegt. Diese k\u00f6nnen dann auf verschiedenen Ebenen analysiert werden, etwa durch Organisationsanalysen und durch strukturver\u00e4ndernde Entwicklungsprozesse angegangen werden.<\/p>\n<h4><strong>Spannungsfeld: Kategorien<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcr \u00d6sterreich gilt, dass die Diversit\u00e4tsdebatte eng mit oben genannten Dimensionen in Verbindung steht und sich daher in unterschiedlichen Stadien der Diskurse und der Theoriebildung befinden. Die \u201eGender und Diversity\u201c Debatte ist sicher jene, die am weitesten fortgeschritten ist. Ahnliches gilt aber auch f\u00fcr die \u201eBehindertenbewegung\u201c \u2013 die Fokussierung auf die Dimension der physischen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigun-gen. Aus diesen unterschiedlichen Entwicklungsstadien und Organisationsformen kann in \u00d6sterreich auch nicht von einer gemeinsamen Diversity Identit\u00e4t gesprochen werden, geschweige denn, dass unter \u201ediversity politics\u201c das gleiche verstanden wird.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-834 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"239\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-200x300.jpg 200w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-683x1024.jpg 683w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-768x1152.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/P1000834-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 159px) 100vw, 159px\" \/><\/p>\n<p>Zwar wird theoretisch immer wieder darauf hingewiesen, dass all die Dimensionen und Ebenen miteinander verkn\u00fcpft gedacht und analysiert werden m\u00fcssen \u2013 wie schon zuvor kurz erw\u00e4hnt \u2013 und die sogenannte Intersektionalit\u00e4t (siehe auch Crenshaw, 1995) als Analyseinstrumentarium entsprechend eingesetzt werden m\u00fcsse. In der Praxis ist jedoch die intersektionale Herangehensweise eher selten anzutreffen. Damit ist, verk\u00fcrzt dargestellt, gemeint, dass die Fokussierung auf eine Dimension \u2013 etwa den Migrationshintergrund \u2013 in der Regel nicht ausreichend ist, um Machtungleichheiten, Ausschlie\u00dfungsmechanismen und Diskriminierungsfaktoren greifbar und praktisch zu machen, sondern ein Zusammenspiel von vielen Faktoren wirksam wird (Geschlecht, Ethnische Zugeh\u00f6rigkeit, sozio\u00f6konomische Faktoren usw.).<\/p>\n<p>Eine weitere Entwicklung in der Diversity Debatte ist in den letzten Jahren unter dem Begriff der Inklusionsstrategie bekannt. Sie ist dem eher strategisch politischen Blick zuzuordnen, verbindet diesen jedoch mit konkreten Planungs- und Umsetzungselementen. Im Sinne der Inklusion wird das Hauptaugenmerk von den Interessen der einzelnen Zielgruppen abgewandt und der Fokus darauf gelegt, grunds\u00e4tzliche strukturelle (physische und psychische) Barrieren\/Regeln\/Normen zu identifizieren und diese so zu ver\u00e4ndern, dass sie inklusiv werden und f\u00fcr (m\u00f6glichst) alle Gruppen (Dimensionen) keine Barrieren mehr darstellen. Anhand von baulichen Ma\u00dfnahmen l\u00e4sst sich diese Strategie immer relativ leicht verdeutlichen. Inklusion meint demnach, dass bauliche Ma\u00dfnahmen bereits in der Planung so gestaltet sind, dass Barrieren nicht vorhanden sind. Auf jeden Fall sollen Menschen mit k\u00f6rperlichen Handikaps die Barrieren selbstt\u00e4tig \u00fcberwinden k\u00f6nnen, ohne auf fremde Hilfe angewiesen sein zu m\u00fcssen. Eine solche Planung hat jedoch nicht nur eine gruppe im Blickfeld (Ausgleichung eines Defizits) sondern schafft schon mit den Grundlagen gerechtere, ausgleichende Strukturen, die die Zugangsbarrieren f\u00fcr alle senkt.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wird diese Sichtweise durch den Artikel 21 der EU-Grundrechtecharta, die seit Ende 2009 auch in \u00d6sterreich G\u00fcltigkeit besitzt:<\/p>\n<p>\u201e<em>Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Verm\u00f6gens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind verboten.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Diese Definition geht \u2013 wie ersichtlich \u2013 \u00fcber die Sichtweise, wie im Diversity Rad und die \u00fcblichen Antidiskriminierungsbestimmungen pr\u00e4sentiert, hinaus. Der Artikel 21 spricht von Diskriminierung aufgrund politischer Weltanschauungen, von Verm\u00f6gen oder aufgrund der Geburt. Es werden au\u00dferdem nicht Unterschiede aufgez\u00e4hlt, sondern Diskriminierungsfaktoren benannt und damit der strukturell-politische Bezug hergestellt.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re die Diversit\u00e4tsidee durch einen umfassenderen inklusiveren und intersektionelleren Denkansatz erg\u00e4nzt. Dieser setzt vor allem \u201eoben\u201c an und nimmt Strukturen (Regeln, Gesetze) ins Blickfeld.<\/p>\n<p><em>Beispiel: Das Normbild bei der Planung von Stra\u00dfenbahnen war bis in die 1990er ein Mann (zwischen 30-40), der ohne Kinder, mit einer kleinen Aktentasche und ohne sonstigen Beeintr\u00e4chtigungen (Einkauftaschen, K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe, Kinderwagen, u.v.m.) mit den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war. So wie die meisten Planer eben waren. Die Folge waren Stra\u00dfenbahnen, die f\u00fcr alle anderen Gruppen (Menschen mit Kinderwagen, RollstullfahrerInnen, \u00e4ltere Menschen u.v.m.) schwer, nur mit Hilfe oder gar nicht ben\u00fctzt werden konnten. <\/em><\/p>\n<p>Dieser Perspektivenwechsel im Diversit\u00e4tsdenken verkn\u00fcpft die Intersektionalit\u00e4t, also das Denken der verschiedenen Dimensionen miteinander, versteht die vorgegebenen Bedingungen, Rahmen, Regeln, Kulturen als politische Konstruktion, die auch auf dieser \u2013 der politischen \u2013 Ebene gel\u00f6st werden k\u00f6nn(t)en.<\/p>\n<p><em>Beispiel: Die Entwicklung um die Aufl\u00f6sung von Sonderschulen. Das alte Bezugs- und Herrschaftssystem war die Norm- und Regelschule. Alle Kinder, Sch\u00fclerInnen die nicht in dieses System passten, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, wurden ausgesondert. Damit wurde nicht nur Seggregation erzeugt, sondern auch noch soziale Selektion. Anhand von Kindern aus MigrantInnenfamilien l\u00e4sst sich das sehr deutlich ablesen. (In Wien sind 80% der Sonderschulkinder mit Migrationsbiografie, in Graz etwa 40%). Inklusion l\u00e4sst sich jedoch nur erreichen, wenn das bestehende Normensystem (Schule) ver\u00e4ndert wird und ge\u00f6ffnet wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese hier angesprochene Vielfaltsdebatte geht \u00fcber individualisierende Kompetenzentwicklung \u201ewie gehe ich mit anderen Kulturen\u201c hinaus, redet nicht einer romantisierenden \u201eAlles ist so sch\u00f6n bunt und verschieden\u201c Weltsicht das Wort, sondern besitzt eine gesellschaftliche \u2013 politische Dimension, mit Ver\u00e4nderungscharakter. Sie versteht sich als eine auf der Basis von Grund- und Menschenrechten verortete Einsicht, in der Trends wie die Globalisierung, die IT-Revolution, Tendenzen der neo- bzw. ordoliberalen Marktwirschaft ebenso mit reflektiert werden, wie politische Prozesse der Demograife, der Vereinzelung des Menschen und der heterogener werdenen Gesellschaft ineinander und miteinander diskutiert werden und nach L\u00f6sungen f\u00fcr die Praxis gesucht werden; sei diese in einem Unternehmen, in einer Verwaltungsheit oder der Politik selbst. Dass dies alles andere als einfach ist, braucht wohl nicht extra erw\u00e4hnt werden. Vielleicht ist auch dass mit ein Grund, warum die Komplexit\u00e4t so gerne verringert wird und allt\u00e4tgliche Zusammenh\u00e4nge gerne praktikabel \u2013 sprich einfach \u2013 gemacht werden. Bei einer gro\u00dfen Zahl von \u201eDiversity Management\u201c- Strategien ist dieser trend deutlich nachweisbar. Das Bem\u00fchrn f\u00fcr die Zukunft wird sein, das Augenmerk st\u00e4rker auf Strategien zu richten, die sich mehr unter \u201eDiversity Politics\u201c subsumieren lassen, denn unter Diversity Management.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00a9 fotos by: Wolfgang Gulis<\/p>\n<p><strong>Empfohlene Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Abdul-Hussain, Surur &amp; Hofmann, Roswitha (2013). <em>Diversit\u00e4tsmanagement <\/em>[Themendossier]. Verf\u00fcgbar unter: http:\/\/erwachsenenbildung.at\/themen\/diversitymanagement.<\/p>\n<p>Crenshaw, Kimberl\u00e9 (1995). Critical race theory. The key writings that formed the movement. New York<\/p>\n<p>Czollek, Leah Carola; Perko, Gudrun &amp; Weinbach, Heike (2012). <em>Praxishandbuch Social Justice und Diversity. <\/em>Juventa: beltz.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Engel, Roland: Die Vielfalt der Diversity Management Ans\u00e4tze &#8211; Geschichte, praktische Anwendungen in Organisationen und zuk\u00fcnftige Herausforderungen in Europa, S. 97-110. In: Koall, Iris; Bruchhagen, Verena; H\u00f6her, Friederike (Hg.) (2007). Diversity Outlooks. Managing Diversity zwischen Ethik, Profit und Antidiskriminierung. LIT Verlag Hamburg.<\/p>\n<p>Gardenswartz, Lee; Rowe, Anita (2003). Diverse teams at work. Capitalizing on the power of Diversity, Alexandria: SHRM<\/p>\n<p>Gomolla, Mechtild &amp; Radtke, Frank-Olaf (2009). <em>Institutionelle Diskr<\/em><em>iminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. <\/em>3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p>Hall, Stuart (1997). The Spectacle of the \u00bbOther\u00ab. In Stuart Hall (Hrsg.), <em>Representation: Cultural Representations and signifying practices <\/em>(S. 223\u2013279). London: Sage Publications.<\/p>\n<p>Hormel, Ulrike &amp; Scherr, Albert (2010). Einleitung: Diskriminierung als gesellschaftliches Ph\u00e4nomen. In Ulrike Hormel &amp; Albert Scherr (Hrsg.), Diskriminierung. Grundlagen und Forschungsergebnisse (S. 7\u201320). Heidelberg: Springer.<\/p>\n<p>Kalpaka, Annita (2009). Institutionelle Diskriminierung im Blick \u2013 Von der Notwendigkeit Ausblendungen und Verstrickungen in rassismuskritischer Bildungsarbeit zu thematisieren. In Wiebke Scharathow &amp; Rudolf Leiprecht (Hrsg.), <em>Rassismuskritik. Bd. 2: Rassismuskritische Bildungsarbeit <\/em>(S. 25\u201340)<em>. <\/em>Schwalbach: Wochenschauverlag.<\/p>\n<p>Kukovetz Brigitte, Sadjed Ariane, Sprung Annette (2014). (K)ein Hindernis?! Fachkr\u00e4fte mit Migrationsgeschichte in der Erwachsenenbildung, L\u00f6cker Verlag Wien.<\/p>\n<p>Said Edward (1991). Orientalism. Harmondsworth: Penguin Books.<\/p>\n<p>Sprung, Annette (2011) Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft, Waxmann Verlag M\u00fcnster.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/www.vfgh.gv.at%2Fcms%2Fvfgh-site%2Fattachments%2F7%2F9%2F1%2FCH0003%2FCMS1336116410068%2Fgrundrechtechartapresseinformation.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diversit\u00e4t Kommentar zu einem in Mode gekommenen Begriff Teil \u00a0 Im Rahmen der Diversit\u00e4tsdebatten ist meist von Dimensionen der Vielfalt die Rede, also von Kategorien, die Menschen ausmachen, beeinflussen, die aber auch gesellschaftlich wirken und (Mit-)ursache f\u00fcr unterschiedlichen gesellschaftliche Teilhabem\u00f6glichkeiten, Diskriminierungen, bzw. f\u00fcr Privilegien, Dominanz und Macht sind. 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