{"id":437,"date":"2015-09-15T12:41:05","date_gmt":"2015-09-15T12:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=437"},"modified":"2021-02-08T14:47:34","modified_gmt":"2021-02-08T14:47:34","slug":"reichtum-durch-migration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/reichtum-durch-migration\/","title":{"rendered":"Reichtum durch Migration"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den letzten Tagen und Wochen tauchte immer wieder die Diskussion auf, welche Auswirkungen die steigenden Fl\u00fcchtlingszahlen in \u00d6sterreich auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt haben werden. <\/strong><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-1037 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Leiter-auf-Schornstein.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"203\">Dabei wurde die Sorge ge\u00e4u\u00dfert, dass der Druck auf den Arbeitsmarkt steigen werde, die sogenannten Ausl\u00e4nder die Arbeitslosenzahlen noch weiter hinauftreiben, uns die Arbeit wegnehmen w\u00fcrden und wir um unsere wirtschaftliche Leistung f\u00fcrchten m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Nun, eines steht fest: Die Rechnung, die schon von Hitler aufgestellt wurde (so viele Arbeitslose, so viele Ausl\u00e4nder<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>: Schmei\u00dft man die Ausl\u00e4nder raus, haben die Inl\u00e4nder einen Job.) und regelm\u00e4\u00dfig nachgebetet wird, ist vielfach bewiesen und nachweislich falsch. Die offenen Stellen bzw. nachgefragten Qualifikationen stimmen mit den Arbeitssuchenden und ihren Ausbildungen vielfach nicht \u00fcberein. Mit dem Slogan \u201eSolange wir Arbeitslose haben, d\u00fcrfen Ausl\u00e4nder bei uns nicht arbeiten\u201c wird das simple Wirtschaftscredo des Angebotes und der Nachfrage au\u00dfer Kraft gesetzt. Ganze Wirtschaftszweige w\u00fcrden so ohne die ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte dastehen und entweder aus \u00d6sterreich dorthin abwandern, wo es entsprechend qualifizierte oder billige Arbeitskr\u00e4fte gibt, oder sie m\u00fcssten mit falsch oder gar nicht ausgebildeten Arbeitskr\u00e4ften arbeiten, was wiederum die Qualit\u00e4t der Produkte und die Konkurrenzf\u00e4higkeit beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Vorschlag beinhaltet dar\u00fcber hinaus einen versteckten \u2013 totalit\u00e4ren \u2013 Hintergrund. Er w\u00fcrde n\u00e4mlich nur dann funktionieren, wenn ein totalit\u00e4res Zwangssystem eingef\u00fchrt w\u00fcrde, das Menschen \u2013 egal welchen Berufes \u2013 \u00fcber Vermittlungszwang in die Jobs treibt. Jede\/r \u00d6sterreich\/in, der\/die Arbeit sucht, w\u00fcrde dann auch einen Job nehmen m\u00fcssen. Ob dies seiner\/ihrer Ausbildung und seiner\/ihrer sozialen Lage (Entfernung, Kinderbetreuung usw.) entspr\u00e4che oder nicht. Damit m\u00fcssten alle erk\u00e4mpften Errungenschaften<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> des Sozialstaates \u00fcber Bord geworfen werden und die Leute mit Zwang in jeden, gerade freien Job hineingezw\u00e4ngt werden. Was in einer Demokratie und einen Sozialstaat weder w\u00fcnschenswert noch hoffentlich wirklich realisierbar ist.<\/p>\n<p>Aufgrund der sozialen und \u00f6konomischen Schichtungen in der Arbeitswelt sollte man aber nicht verhehlen, dass es Verdr\u00e4ngungswettbewerbe am Arbeitsmarkt in bestimmten Segmenten gibt. Diese betreffen aber vor allem niedrig qualifizierte \u201eHilfs\u201carbeiter-jobs. In diesen tummeln sich schlecht ausgebildete inl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte und MigrantInnen, die schon l\u00e4nger in \u00d6sterreich sind sowie Neuzugewanderte. Dieses Faktum wird regelm\u00e4\u00dfig durch die laufenden statistischen Daten des Arbeitsmarktservices<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> untermauert und durch entsprechende Studien belegt, \u00e4ndern tut sich daran jedoch wenig. Dies liegt einerseits an den restriktiven Beschr\u00e4nkungen des Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetzes, das MigrantInnen in bestimmten Branchen fest h\u00e4lt, in denen sie auch dann noch fest stecken, wenn sie schon Jahre da sind.<\/p>\n<p>Andererseits liegt es an den Regelungen und Vorgangsweisen, die zur Dequalifizerung f\u00fchren. Die urspr\u00fcnglich im Herkunftsland erworbenen F\u00e4higkeiten werden im Zuge der Arbeitsvermittlung nicht systematisch abgefragt bzw. erhoben. Um sie f\u00fcr den Arbeitsmarkt nutzbar zu machen, m\u00fcssen sie erst im Nachhinein und in einem b\u00fcrokratischen und langwierigen Spie\u00dfrutenlauf anerkannt werden. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum nicht ad\u00e4quat eingesetzte Qualifikationen verfallen nach einer gewissen Zeit, wenn sie kein \u201eUpdate\u201c erhalten bzw. praktisch nicht eingesetzt werden k\u00f6nnen. Fakt ist jedoch auch, dass die heutige Zuwanderungspopulation im Durchschnitt wesentlich besser ausgebildet, als jene, die in den 1960-90er zugezogen ist bzw. geholt wurde. Es gelingt ihr jedoch noch immer sehr unzureichend, in der Arbeitsmarkthierarchie aufzusteigen.<\/p>\n<p><strong>Integration heisst auch Aufstieg<\/strong><\/p>\n<p>Zieht man den diffusen Begriff Integration heran, so l\u00e4sst sich dieser im Hinblick auf den Arbeitsmarkt etwas<img decoding=\"async\" class=\" wp-image-966 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/kran-mit-arbeiter.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"164\"> vereinfacht mit Aufstieg \u00fcbersetzen. Gemeint ist dabei nicht nur das, was man \u00fcblicherweise im Laufe eines Arbeitslebens an finanziellen Zugewinn schafft, sondern auch der hierarchische Aufstieg innerhalb einer Firma; oder durch Fortbildung den Aufstiegs im Beruf (von Arbeiter zum Vorarbeiter usw.). Hier zeigt sich, dass die Schere zwischen In- und Ausl\u00e4nderInnen nach wie vor weit auseinander klafft. Jene MigrantInnen, die als angelernte HilfsarbeiterInnen begonnen haben, obwohl sie nicht selten ausgebildete Fachkr\u00e4fte waren, sind Jahre und Jahrzehnte sp\u00e4ter noch immer HilfsarbeiterInnen und nicht wie es zu erwarten w\u00e4re, nach einer gewissen Zeit zum Facharbeiter, zum Vorarbeiter, zum Partief\u00fchrer (Polier), zum Meister<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> usw. aufgestiegen. Die Karriere haben andere \u2013 n\u00e4mlich Inl\u00e4nderInnen \u2013 gemacht.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt \u00fcberwiegend nicht mit der Arbeitsleistung, den F\u00e4higkeiten zusammen, sondern mit den Ausschlussmechanismen innerhalb der Arbeitswelt. Solange es einen \u00d6sterreicher, eine \u00d6sterreicherin in der Arbeitstruppe gibt, den\/die man bef\u00f6rdern kann, wird das auch getan. Und so ist es nicht verwunderlich, dass in migrantischen Arbeiterhaushalten nur bescheidener Wohlstand erarbeitet werden konnte. Den Aufstiegsbem\u00fchungen auf der einen Seite stehen die Abstiegs\u00e4ngste gegen\u00fcber. Doch anders, als gerne propagiert wird, sichert gerade die Anwesenheit der MigrantInnen und ihre systematische Benachteiligung am Arbeitsmarkt den Aufstieg der Inl\u00e4nderInnen, aus dem Hilfsarbeitersegment, aus der Arbeiterschicht also, in den Angestelltenstatus \u2013 in die Mittelschicht.<\/p>\n<p>In Erinnerung gebracht werden sollte \u2013 und auch dies widerspricht der These der Belastung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch Zuwanderung \u2013 dass \u00d6sterreich in den letzten 50 Jahren viel reicher geworden ist, als es irgendjemand zu prognostizieren gewagt h\u00e4tte. \u00d6sterreich geh\u00f6rt heute zu den reichsten Gesellschaften der Welt. Angesichts der vielen verschiedenen Migrationsbewegungen nach \u00d6sterreich in den letzten Jahrzehnten liegt die Vermutung nahe, dass der Aufstieg \u00d6sterreichs nicht trotz sondern aufgrund der Migration gelungen ist.<\/p>\n<p>August G\u00e4chter<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> erl\u00e4utere die These anhand eines Beispiels aus der Vergangenheit.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u201eNach drei wachstumsstarken Jahren sagten die Wirtschaftsforscher f\u00fcr 1992 eine Krise voraus: Die Wirtschaft w\u00fcrde um rund ein halbes Prozent schrumpfen. Bei dieser Prognose blieben sie bis September des Jahres. Das w\u00e4re typischerweise die Situation, in der die Entscheidungstr\u00e4gerInnen in \u00d6sterreich gegen Einwanderung dichtmachen w\u00fcrden. Nun war aber im April 1992 der Krieg in Bosnien losgegangen und damit der Fl\u00fcchtlingsstrom nach \u00d6sterreich. 1992 und 1993 d\u00fcrften jeweils, grob gesagt, um die 40.000 Kriegsfl\u00fcchtlinge eingetroffen sein, vielleicht auch etwas mehr. Die M\u00e4nner hatten \u00f6fter, die Frauen seltener eine mittlere Ausbildung. Der Anteil mit h\u00f6chstens Pflichtschule lag aber dennoch selbst bei den M\u00e4nnern \u00fcber 40 %. Die Fl\u00fcchtlinge wurden vom Innenministerium \u00fcber das Bundesgebiet verteilt, untergebracht waren sie h\u00e4ufig in sehr l\u00e4ndlichen Gebieten. Was geschah? Die Gemeinden und auch die Bev\u00f6lkerung in Privatinitiative gingen auf die Neuank\u00f6mmlinge zu und trugen sie sozusagen auf H\u00e4nden in Besch\u00e4ftigung, wo immer das nur irgendwie m\u00f6glich war. Am Ende des Jahres, sicherlich zumindest zum Teil durch diese ungew\u00f6hnlichen Ereignisse bedingt, war die Wirtschaft nicht geschrumpft, sondern um 1,6 % gewachsen.\u201c<\/p>\n<p>Ist \u00c4hnliches f\u00fcr die Jahre 2015 und 2016 zu erwarten? W\u00fcrden zumindest diese Fakten und Erfahrungen in die \u00dcberlegungen der Migrations- und ArbeitsmarktpolitikerInnen mit einflie\u00dfen, m\u00fcssten sie den Schluss ziehen, so rasch als m\u00f6glich Geld f\u00fcr die Unterbringung, Versorgung, Ausbildung und Arbeitsmarktintegration der Fl\u00fcchtlinge in die Hand zu nehmen. Es w\u00e4re also im Sinne aller, wenn Vernunft und Fakten Oberhand gegen\u00fcber dumpfen Ressentiments gewinnen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hitler brachte das Beispiel bezogen auf die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wie etwa den Berufsschutz bei der Vermittlung<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Siehe auch http:\/\/www.ams.at\/ueber-ams\/medien\/arbeitsmarktdaten<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zur besseren Lesbarkeit wurde in dieser Passage auf die weiblichen Formen verzichtet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Migrations- und Arbeitsmarktforscher am ZSI, https:\/\/www.zsi.at\/users\/153<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Anl\u00e4sslich einer Tagung von Ikemba 2013, siehe auch: http:\/\/www.ikemba.at\/145.0.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen und Wochen tauchte immer wieder die Diskussion auf, welche Auswirkungen die steigenden Fl\u00fcchtlingszahlen in \u00d6sterreich auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt haben werden. 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