{"id":423,"date":"2015-09-07T10:37:33","date_gmt":"2015-09-07T10:37:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=423"},"modified":"2021-02-08T14:51:27","modified_gmt":"2021-02-08T14:51:27","slug":"sommermarchen-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/sommermarchen-2015\/","title":{"rendered":"Sommerm\u00e4rchen 2015"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Von Zeit zu Zeit gelingt es uns, uns selbst zu \u00fcberraschen. Sind wir doch zumeist ge\u00fcbte Weltmeister darin, die Dinge schwarz zu sehen, pessimistisch in die Welt zu lugen, vor Angst zu zittern und so zu tun, als k\u00f6nnten wir uns nicht mehr r\u00fchren; so als w\u00e4re \u00fcberhaupt das Ende des politischen, des Handeln, des Konstruktiven gekommen. Dann kommt dieser Sommer 2015.<\/strong><\/h4>\n<p>Ein Sommer voller entsetzlicher Fl\u00fcchtlingsszenarien, tausender Menschen, die auf der Flucht sind und sich quer \u00fcber den Kontinent w\u00e4lzen. In Z\u00fcge dr\u00e4ngen, die gef\u00e4hrlichen Meerengen mit alten K\u00e4hnen \u00fcberwinden, zusammengepfercht und in Lebensgefahr sich befindend; m\u00fcssen NATO Stacheldraht \u00fcbersteigen und verletzen sich nicht selten dabei schwer. Die Liste der Grausamkeiten und der unmenschlichen Behandlungen ist lang, ebenso lang wie die Liste der Toten, die auf der Flucht gestorben sind. Verst\u00e4ndlich w\u00e4re es gewesen, wenn wir uns in diese widerw\u00e4rtigen Bildern ergeben h\u00e4tten, die Apokalypse prognostiziert \u2013 die politische, die humanit\u00e4re. Uns darin ergeben h\u00e4tten, dass man daran nichts \u00e4ndern k\u00f6nne. Und dann ist alles anders.<\/p>\n<p>Zuerst rollt die Hilfswelle f\u00fcr jene Fl\u00fcchtlinge an, die von der \u00f6sterreichischen Asylb\u00fcrokratie nicht versorgt werden und vor und innerhalb der Mauern des Lagers Traiskirchen campieren m\u00fcssen. Tausende HelferInnen versorgen die Fl\u00fcchtlinge, gaben zu essen, zu trinken, sorgten f\u00fcr Schlafpl\u00e4tze, k\u00fcmmerten sich um die Unbegleitet Minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlinge, organisierten die medizinische Hilfe. Und dann, als w\u00e4re das nicht genug, entsteht ein Sog der Hilfsbereitschaft, der auch vor den Fl\u00fcchtlingen, die in Ungarn festsitzen, nicht Halt macht. Fl\u00fcchtlinge, die von einer zynischen, menschenrechtsverletzenden und \u00fcberforderten ungarischen Asylb\u00fcrokratie und -politik in Panik fl\u00fcchten wollen. Weil sie in Lager gepfercht, brutal von Polizei behandelt und nicht ausreichend versorgt werden. Diese Welle, diese Bewegung \u2013 zu der die Hilfsorganisationen ebenso geh\u00f6ren, wie die \u00d6BB, gro\u00dfe Teile der Einsatzkr\u00e4fte und vor allem B\u00fcrgerInnen des Landes \u2013 wurde so gro\u00df, dass selbst die boulevardesken Medien in ihrer Berichterstattung umgeschwenkt sind und mit einem Mal v\u00f6llig andere T\u00f6ne angeschlagen haben. Good news are good news; geht doch.<\/p>\n<p>Diese Bewegung der letzten Tage hat uns stolz zu machen. Sie hat wieder einmal unser eigenes Bild von uns ver\u00e4ndert. Wir \u00d6sterreicherInnen sind gar nicht so verstockt und ausl\u00e4nderfeindlich, wir tragen das Herz am richtigen Fleck und haben das Hirn eingeschaltet. Wir sind viele und wir k\u00f6nnen Dinge und die Darstellung der Dinge \u00e4ndern und anpacken. Die zuvor noch unt\u00e4tige und zynische Innenpolitik war pl\u00f6tzlich mit dabei und tat ihr m\u00f6glichstes, um von der Stimmung zu profitieren. Vom Bundeskanzler abw\u00e4rts. Und es zeigte sich, wir haben funktionierende Systeme. In unserer kleinen Welt arbeiten die Hilfsorganisationen (Caritas, Rotes Kreuz, Diakonie\u2026.) effizient und sicher, kooperativ und schnell. Und wir scheren uns \u2013 wenn es sein muss \u2013 auch nicht um Regeln, die vertrottelt, inhuman und gegen jegliche Vernunft sind. Pfeifen auf die Dublin Verordnung, die Notleidende noch einmal bestraft und sie wieder zur\u00fcck schicken will. Wir stellen kein NATO Z\u00e4une auf, um Fl\u00fcchtlinge bewu\u00dft zu verletzen, wir lassen sie nicht hungern, wir sorgen uns um unsere Mitbr\u00fcder und \u2013schwestern. Das war und ist gro\u00dfartig.<\/p>\n<h3><strong>Jetzt ist es schon wieder pasiert!<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist nicht das erste Mal in \u00d6sterreich passiert. Frei nach Wolf Haas k\u00f6nnte man sagen: Jetzt ist es schon wieder passiert! AugenzeugInnen berichteten, dass die Hilfsbereitschaft 1956 bereits so gro\u00df war. Damals als die Ungarn Fl\u00fcchtlinge zu uns zu Tausenden kamen und die \u00d6sterreicherInnen selbst auch nicht so beg\u00fctert waren, dass dies alles so leicht vonstatten gegangen w\u00e4re. Aber es war wurscht. Man half und versorgte die entkr\u00e4fteten Fl\u00fcchtlinge, die dem KP Regime entkamen.<\/p>\n<p>Ich selbst erinnere mich, an die Jahre, als J\u00f6rg Haider die FP\u00d6 \u00fcbernahm und mit seiner Hetze gegen Ausl\u00e4nder und Fl\u00fcchtlinge begann und sein Antiausl\u00e4ndervolksbegehren kampagnisierte. Damals stand die Zivilgesellschaft auf und 300.000 kamen und waren Teil des Lichtermeers in Wien. Mit der Botschaft gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Ausgrenzung und gegen eine Poltik des Aufhetzens. Und als im Sommer 1992 der Krieg in Jugoslawien neue Dimensionen annahm und nicht nur die serbische Armee gegen die bosnisch-kroatische Armee k\u00e4mpfte, sondern auch zwischen Kroaten und Bosnier der Krieg ausbrach und daraufhin ab Mitte Juli tausende Fl\u00fcchtlinge nach \u00d6sterreich kamen, auch da war derselbe Geist zu sp\u00fcren und zu sehen.<\/p>\n<p>Es wurde angepackt, es wurden Decken organisiert, Betten aufgestellt, Schulen und Turnhallen zu Notunterk\u00fcnften umfunktioniert. Innerhalb weniger Wochen war aus dem Chaos ein wohl geordnetes Aufnahmesystem entwickelt worden. Da waren wir wieder, so unvermittelt aus dem Nichts, aber da. Und das gelang trotz der Politik und nicht wegen der Politik.<\/p>\n<p>Also, das ist keine Einzelph\u00e4nomen, das Sommerm\u00e4rchen 2015. Es hat eine lange Tradition, die immer wieder zur\u00fcckkehrt, wenn es knapp wird, wenn die Systeme zu kippen drohen, wenn die Politik versagt, nicht handeln will oder \u00fcberfordert ist. Dann sind wir da. Wir DemokratInnen, wir echten solidarischen europ\u00e4ischen \u00d6sterreicherInnen, wir mitleidenden und anpackenden. Wir, auf die wir stolz sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>PS: Es ist schon klar, dieses Sommerm\u00e4rchen wird nicht ewig dauern, es kommt auch der Herbst; und es wird nicht reichen, zu helfen und die L\u00fccken der Politik zu f\u00fcllen. Wir brauchen auch eine andere EU-Politik. Wir brauchen legale Zugangsm\u00f6glichkeiten zu EU-L\u00e4ndern f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aus Krisengebieten, damit die lebensgef\u00e4hrlichen Schlepperrouten ausgetrocknet werden. Wir brauchen eine solidarische EU-Asylpolitik, in der eine gerechte und geordnete Verteilung \u2013 etwa durch resettlement Programme \u2013 passiert. Wir brauchen andere Regeln als diese unsinnige Dublin Verordnung und wir brauchen eine Umwidmung der gewaltigen EU- Mitteln, die f\u00fcr Grenzsicherung, milit\u00e4rische Ger\u00e4te und Mauernbau ausgegeben werden, hin zu Aufnahmesysteme und Integrationsma\u00dfnahmen; und wir brauchen viel \u00f6ffentliche Diskussion, \u00fcber unsere europ\u00e4ische Gesamtverantwortung f\u00fcr das Leid in der Welt. All das wird jetzt immer wichtiger werden, aber mit dieser gewaltigen Welle an Interesse und Unterst\u00fctzung, Sorge und Zuversicht sollte uns das doch auch gelingen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Zeit zu Zeit gelingt es uns, uns selbst zu \u00fcberraschen. 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