{"id":405,"date":"2015-06-09T12:34:52","date_gmt":"2015-06-09T12:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=405"},"modified":"2024-06-21T08:41:03","modified_gmt":"2024-06-21T08:41:03","slug":"teil-5-radikal-subjektiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/teil-5-radikal-subjektiv\/","title":{"rendered":"Serie: Allen was gemeinsam, Teil 5: Radikal subjektiv?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im f\u00fcnften Teil und letzten Teil vor der Sommerpause der Serie \u201eAllen was gemeinsam\u201c geht es um die <\/strong><strong>ungleiche Verteilung in der Stadt. Check it out.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-1027 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/schnee-Marburgerkai.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"131\" \/><\/strong><\/p>\n<h3><strong>Radikal subjektiv?<\/strong><\/h3>\n<p><strong>17 Jahre geno\u00df ich es, in einer Maisonettenwohnung im 4.\/5. Stock eines alten Palais, im Grazer Bezirk \u201eInnere Stadt\u201c. Eine \u00fcberwiegend herrliche Zeit, weil es viele Vorteile, die hier gar nicht alle aufzuz\u00e4hlen sind, hatte, so nah am Zentrum und an der Mur zu wohnen. Aber auch ein paar Nachteile. <\/strong><\/p>\n<p>Durch die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden und l\u00e4nger dauernden \u201eVolks-Feste\u201c, Laufevents, Formel I Boliden Auftritte, Altstadtradmeetings, begann die Innenstadt sich sukzessive in eine Partymeile zu verwandeln. Sonst eine tote Zone, in der kaum noch Menschen lebten, wurde bei \u2013 staatlich hochsubventionierten \u2013 Festen, wie \u201eKronen Zeitungsstadtfest\u201c und \u201eAufsteirern\u201c, die Stadt gest\u00fcrmt. Die bleiben in besonders unangenehmer Erinnerung. Im Winter war die Innenstadt verh\u00fcttelt und es brach regelm\u00e4\u00dfig die \u201eruhige\u201c Adventszeit aus.<\/p>\n<p>Nicht nur das \u00fcber der Innenstadt der L\u00e4rm der Formel 1 Autos und das Dr\u00f6hnen der volkst\u00fcmlichen Musik und Schlager bis weit in den Abend zu h\u00f6ren waren, besonders unangenehm waren die Kollateralsch\u00e4den w\u00e4hrend und danach. Nichts blieb verschont: Kellerfenster, Hausecken, B\u00e4ume, Gehsteige, aber auch in den Hauseinfahrten oder in Innenh\u00f6fen, jede frei zug\u00e4ngliche Ecke oder Kante waren angepisst, voll gekotzt, die Stadt mit M\u00fcll \u00fcberschwemmt. Das war nicht das junge studentische Partyvolk, das regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr ihre n\u00e4chtlichen Exzesse durch die Medien geschleift wurde, sondern \u201enormale\u201c B\u00fcrgerInnen \u2013 aus den Au\u00dfenbezirken von Graz und aus dem Umland, das konnte man an den Auto-Kennzeichen unschwer erkennen. Als w\u00e4re das Motto ausgegeben: Kotze deine Landeshauptstadt zu.<\/p>\n<p>Aus der Dichte der Absonderungen an den Mauern und in den Ecken konnte man den exzessiven Konsum von Alkoholika und Fast Food erkennen, bzw. das Getrunkene\/Gegessene analysieren \u2013 wenn man das wollte. War es rot-bl\u00e4ulich, was da an der Hausmauer schimmerte, wusste man, es war Gl\u00fchwein und Punsch.<\/p>\n<p>Was dabei immer au\u00dferordentlich war, war die Stra\u00dfenreinigung. Die war immer zur Stelle. Es dauerte oft nur wenige Stunden, bis zwar nicht das gr\u00e4uliche Gemisch an den W\u00e4nden und in den Ecken wegfegt war, jedoch der restliche Dreck, der zur\u00fcckgeblieben war \u2013 die Flaschen, das Papier, die Plastikverpackungen, die Dosen eines Zuckerwassergetr\u00e4nkekonzerns, Zigarettenschachteln. W\u00e4hrend der Nacht arbeiteten die Kehrtrupps ununterbrochen. Die Stra\u00dfen waren am n\u00e4chsten Tag wieder sauber.<\/p>\n<p>Aber auch das hatte den Nachteil, dass praktisch keine Nacht verging, bei der wir nicht die S\u00e4uberungsmaschinen der Holding, mit ihren gro\u00dfen rotierenden Kehrvorrichtungen und die Spritzwagen h\u00f6rten, wie sie die Exzesse der Nacht hinweg spritzten und dann bei der Auff\u00fcllstation wieder Wasser nachtankten. In den 17 Jahren, die ich dort verbrachte, wurde das deutlich st\u00e4rker und h\u00e4ufiger: Die Feste nahmen zu, die Verdreckung und die Aufr\u00e4umarbeiten in der Nacht ebenso.<\/p>\n<h5><strong>\u00a0Keine Kollateralsch\u00e4den<\/strong><\/h5>\n<p>Seit knapp 1 \u00bd Jahren lebe ich im Bezirk Lend, in der N\u00e4he des Bahnhofes. Hier ist es ganz anders. Ganz selten, dass man hier die typischen\u00a0Ger\u00e4usche von Stadtfesten h\u00f6rt. H\u00f6chstens manchmal vom fernen Schlo\u00dfberg, wenn wieder einmal 1970er -\u00b480er Austropop runter pl\u00e4rrt oder ein Pfarrfest in der Umgebung, ein Kindergartenfest bei den naheliegenden Kinderg\u00e4rten ist. In der Nacht ist es ruhig, dann und wann einmal Jugendliche auf dem Nachhauseweg lauter reden, lachen. Es gibt am n\u00e4chsten Tag auch keine Kollateralsch\u00e4den an den H\u00e4userecken und Eing\u00e4ngen. Und trotzdem ist es sichtbar viel schmutziger auf den Strassen in der Umgebung, als in der Innenstadt. Es liegt viel mehr umher, Zeitungspapier, Flaschen, Dosen, Bananenschalen, Zigarettenschachteln. Es ist auff\u00e4llig, wirklich auff\u00e4llig.<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-1046 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Graz-Schlossberg.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"141\" \/><\/p>\n<p>Diese Diskrepanz fiel mir deswegen auf, weil ich gestern abends nach Hause radelnd, eine Kehrmaschine sah, die im Viertel kehrte und bemerkte, wie selten ich in der Nacht die Kehrtrupps und Spritzwagen h\u00f6re. Und weil das so selten ist, habe ich es gleich wahrgenommen. Und da kam mir der Gedanke, dass es sein kann, dass der Einsatz der Trupps in Graz erheblich ungleich verteilt ist? Dass es f\u00fcr die Stadtregierung und die Holding \u201ewichtigere Vierteln\u201c und weniger wichtige gibt! Die Innenstadt ist wichtiger. Es flaniert dort ja auch das B\u00fcrgertum und die internationalen G\u00e4ste \u2013 die Fremden, die uns genehm sind \u2013, die unter dem Label Tourist*innen unsere sch\u00f6nen mediterranen G\u00e4sschen durchstreifen und bei einem Prosecco in einem der Gastg\u00e4rten verweilen. Warum also Bezirke wie Lend\/Gries gleichwertig zu bedienen, die ja sowieso als Scherbenvierteln denunziert werden und es nicht wert sind, gereinigt zu werden? Da beginnt sich dann das Bild von den dreckigen Ausl\u00e4ndervierteln zu best\u00e4tigen. Das Experiment w\u00e4re zu machen, wie die Innenstadt aussehen w\u00fcrde, wenn einmal mit der gleichen Intensit\u00e4t in der Innenstadt geputzt werden w\u00fcrde, wie hier im Lend, wie die dann ausschauen w\u00fcrde? Von einem Innenstadtfest, bei dem danach nicht gleich geputzt werden w\u00fcrde, will ich gar nicht reden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im f\u00fcnften Teil und letzten Teil vor der Sommerpause der Serie \u201eAllen was gemeinsam\u201c geht es um die ungleiche Verteilung in der Stadt. Check it out. Radikal subjektiv? 17 Jahre geno\u00df ich es, in einer Maisonettenwohnung im 4.\/5. Stock eines alten Palais, im Grazer Bezirk \u201eInnere Stadt\u201c. 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