{"id":377,"date":"2015-02-27T14:12:46","date_gmt":"2015-02-27T14:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=377"},"modified":"2021-02-08T14:59:37","modified_gmt":"2021-02-08T14:59:37","slug":"giaperentino","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/giaperentino\/","title":{"rendered":"Giaperentino"},"content":{"rendered":"<h4><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1055 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas-300x204.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"189\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas-300x204.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas-1024x696.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas-768x522.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas-1536x1044.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/Abend-am-Amazonas.jpg 1768w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><strong>Giaperentino<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eKann mir irgendwer \u2013 hust, hust \u2013 erkl\u00e4ren, was das f\u00fcr einen Sinn haben soll?\u201c Gernot lehnte hustend an der hinteren Ausstiegst\u00fcr des Busses. Er hat gerade einen 50 Meter Sprint hinter sich, der erfolgreich war. Gerade noch, sprang er rein, als sich die T\u00fcr zu schlie\u00dfen begann. Es war 7:07 Uhr. Der Bus war auf Sammeltour, pickte, die meist noch veschlafenen Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aus dem Stiftingtal, auf, um sie in die verschiedenen Lehranstalten der Landhauptstadt zu bringen. Am Ende der Reise w\u00fcrde er so voll sein, dass niemand im Bus Angst vor dem Umfallen zu haben brauchte.<\/p>\n<p>Ich zuckte mit den Schultern und wu\u00dfte darauf keine Antwort. Diffuse Bildungsideale, Unterwerfung, Angst vor der Dummheit\u2026 Keine Ahnung. Um die Zeit, lie\u00df ich nichts raus, was ich nicht dreimal gecheckt hatte. Aber ich wu\u00dfte, worauf es hinauslaufen w\u00fcrde. Wie um mich zu best\u00e4tigen brach sich ein erster Sonnenstrahl durch die dreckigen, verschmierten Fenster, durch die B\u00e4ume des benachbarten W\u00e4ldchens und durch die Sch\u00fclerk\u00f6pfe Bahn und traf f\u00fcr einen Sekundenbruchteil meine linke Wange. Die kurze Erleuchtung l\u00f6ste eine ungerichtete, gro\u00dfe Sehnsucht in mir aus. Ein Wink des Schicksals?<\/p>\n<p>Der Bus ruckelte schwerf\u00e4llig weiter durch die Stiftingtalstrasse. Gernot keuchte noch immer, zog sich umst\u00e4ndlich seine Jacke an, die er offensichtlich einfach nur vom Haken gerissen hatte, als er aus dem Haus gesprintet war. Die Jacke war v\u00f6llig verknotet und verdreht. Wir fuhren in den Streckenabschnitt ein, den wir Sibirien nannten. Ein f\u00fcnf Stationen dauerndes Stra\u00dfenst\u00fcck, das von leichten H\u00fcgeln mit Wald ums\u00e4umt war und kaum Sonnenlicht ab bekam. Im Winter praktisch \u00fcberhaupt keines, im Sommer nur, wenn die Sonne im Westen nicht von Wolken verhangen war und ins finstere Tal Schneisen schlagen konnte. Dann hatte es sogar etwas von Idylle. Aber nur dann.<\/p>\n<p>Selbst wenn man in einer schw\u00fclen Sommernacht durch Sibirien ging, fr\u00f6stelte einem. Hatte man es mit dem Rad hinter sich, atmete man auf, entspannte die Schultern und lockerte die Kleidung. Die Luft wurde w\u00e4rmer.<\/p>\n<p>Der Bus hielt an der n\u00e4chsten Station, die gleichen Fahrg\u00e4ste, jeden Tag, tagaus tagein. Gernot hob kurz die linke Augenbraue, dr\u00fcckte die aufgegangene T\u00fcr mit seinem R\u00fccken wieder zu und schaffte somit wieder etwas Platz.<\/p>\n<p>Gernot lehnte an der T\u00fcr, hatte einen besseren \u00dcberblick, \u00fcber den Inhalt der heutigen Fracht. All jene, die schon vor uns zugestiegen waren, nannten wir Bauern. Wohnten dort, wo das Stiftingtal tats\u00e4chlich immer b\u00e4uerlicher wurde, K\u00fche, Hendln, Mistgestank, Traktoren und angekettete Sch\u00e4ferhunde ganz normal waren. Wir lie\u00dfen unserer Phantasie freien Lauf, hinein ins Tal. Schnupperten Idylle und tr\u00e4umten von h\u00fcbschen Bauernm\u00e4dchen, von Hunden und Katzen, mit denen wir irgendwo da draussen in einer Landkommune leben wollten. Wir konnten von der Kunst, die wir betrieben, je nach Stimmung mal Musiker, mal Schriftsteller, leben. Das sagten wir uns vor und reimten uns was zusammen. Ich sah ihm beim unauff\u00e4lligen Suchen zu, unsteter Blick, ein Anflug eines L\u00e4chelns um die Mundwinkel, schnell weg geschaut, an die T\u00fcr gelehnt. Gernot war verliebt.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Station. Die Luft wurde d\u00fcnn. Weiter, aneinandergepresst, K\u00f6rper an K\u00f6rper. Dann endlich raus. An der Endstation stand die Bim. Heute war sie noch da. Wir, aus dem Bus, taten aber so, als h\u00e4tten wir es nicht eilig. Wir scherten aus dem Strom aus, warteten auf die n\u00e4chste. Obwohl, es stimmte nicht, \u00fcberhaupt nicht. Wir hatten es genauso eilig, wie alle anderen. Mit dem zweiten Bus fahren bedeutete, keine Verz\u00f6gerungen haben zu d\u00fcrfen. Es handelte sich um Minuten, ob man p\u00fcnktlich zum Glockenton in die Schule kam oder nicht.<\/p>\n<p>Als die Tram um die Kurve veschwand, kehrte f\u00fcr einige Momente Ruhe ein. Und wir sahen auf Giaperentino. Direkt gegen\u00fcber, auf einer kleinen H\u00fcgelkette lag es. Von den ersten Sonnenstrahlen beschienen, in warmes gelb-rot-oranges Licht getaucht; im leichten Dunst. Es war wundersch\u00f6n. Die paar H\u00e4user, die Giaperentio ausmachten, schmiegten sich an den kleinen Berg an, entlang der zwei schmalen, steilen Stra\u00dfen, die Giaperentino durchzogen und jetzt silbrig herunter gl\u00e4nzten. An manchen D\u00e4chern glitzerte etwas in der Sonne. Die Reflexion traf auf unsere Gesichter, ein zweiter Wink des Schicksals. Vereinzelt sah man Rauch aus den Schornsteigen aufsteigen. Sonst lag es ganz ruhig und friedlich da. Nur ein kleiner H\u00fcgel mitten in der Stadt, ein paar steile G\u00e4sschen, moderne Einfamilienh\u00e4user, die rauf auf die Rudolfstrasse f\u00fchrten. Das war alles, es war aber unser Giaperentino.<\/p>\n<p>Gernot z\u00fcndete sich eine Zigarette an. Ich hatte noch keine Lust. Er zog tief ein und stie\u00df den Rauch gen\u00fcsslich aus. Es machte immer Spa\u00df, ihm beim Rauchen zuzusehen. Giaperentino &#8211; wir mussten nicht dar\u00fcber reden. Blicke und kleine Gesten reichten. Um uns herum versank der traurige Alltag. Warten auf die 7:22 Uhr Bim, die einem dorthin brachte, wo man gar nicht hinwollte. In einer Minute, der Bus aus der anderen Richtung, aus dem Ragnitztal kommend. Dann \u2013 wenn dem alles so war, wie es fast immer war \u2013 w\u00fcrde ich um 7:27 aussteigen und h\u00e4tte dann noch drei Minuten, um in die Klasse zu kommen.<\/p>\n<p>In eine Schule, mit Lehrern und Lehrerinnen, die mich langsam zerdr\u00fcckten, die mit ihrer Art, mir Bildung beibringen zu wollen, so taten, als w\u00fcrden sie auf meinem Brustkorb stehen und mir langsam aber sicher die Luft raubten und die weder wussten, noch wissen wollten, wie es mir ging, wie schwer der Schulalltag auf mir lastetet, wie es mir die Brust zuschn\u00fcrte, wenn ich nach Hause kam und niemand da war und den ganzen Nachmittag nur das Rauschen in mir selbst zu h\u00f6ren war und an Hausaufgaben oder gar lernen nicht zu denken war.<\/p>\n<p>Mit dem zweiten Bus ging es sich oft nicht aus, oft aber auch gerade so, dass ich keinen Verweis bekam. Manchmal waren die Lehrer und Lehrerinnen selbst noch nicht in der Klasse und ich schl\u00fcpfte, mit etwas Gl\u00fcck, gerade noch rein. Mathe oder Latein in der ersten Stunde waren immer Schei\u00dfe. Die beiden waren p\u00fcnktlich. Wenn die Glocke l\u00e4utete, hatten sie die T\u00fcr schon in der Hand, sahen sich am Gang nochmal um und verschwanden in der Klasse.<\/p>\n<p>Gernot f\u00e4hrt weiter, quer durch die Stadt zum Bahnhof, um nochmal umzusteigen, in einen Bus. Er begann erst um 8:00. Aber auch bei ihm durfte es keine Verz\u00f6gerungen geben. Dass, was da in uns aufstieg, l\u00e4sst sich schwer beschreiben. Ein zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl, ein widerstreitendes und -strebendes. Die Lasten des Alltages krochen uns an den Knochen entlang und in sie hinein, fra\u00dfen sich von dort in die Muskeln. Schulltalltag heute? Ein Test in Biologie, 2. Stunde; ging sich vielleicht gerade noch aus. Mathematik in der ersten Stunde und keine Hausaufgaben gemacht, die siebten oder achten hinter einander, bis jetzt war es gut gegangen, nicht erwischt. In der vierten Stunde Lateinschularbeit \u2013 der Fleck war mir gewi\u00df.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig hier stehen, das befreiende Gef\u00fchl beim Anblick von Giaperentino, am gegen\u00fcberliegenden H\u00fcgel der trostlosen Stra\u00dfenbahnstation, im aufgehenden Licht eines Fr\u00fchlingtages, der mit Liebe, Lebensfreude und Verhei\u00dfung unseres jungen Lebens gef\u00fcllt war. Heute k\u00f6nnte was Gro\u00dfes passieren. Wir und nur wir haben dem Dorf am H\u00fcgel den Namen gegeben. Der Blick hinauf lie\u00df uns leicht werden, lie\u00df die Schwere, die M\u00fchsal von Schule und Alltag von uns abfallen.<\/p>\n<p>Doch der Ragnitzbus kam, zeitgleich mit der Bim, aus mit der Ruhe. Wir dr\u00e4ngten widerwillig hinein, standen am Fenster gegen\u00fcber der letzten T\u00fcr. Gernot verstr\u00f6mte frischen Zigarettenduft neben mir. Unsere Mienen verfinsterten sich mit jeder Station. Ich sah aus dem Fenster und hoffte, dass heute in Giaperentino noch etwas passieren w\u00fcrde. Da sprach Gernot im zischenden Fl\u00fcsterton zwischen den Z\u00e4hnen heraus.<\/p>\n<p>\u201eDu, ich hab eine neue Geschichte zu Giaperentino!\u201c<\/p>\n<p>\u201eLass h\u00f6ren?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, nicht hier \u2013 sie ist auch noch nicht ganz fertig. Aber ich dachte mir, wir k\u00f6nnten dar\u00fcber reden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa schon. Wieviel Stunden hast du heute?\u201c Ich sah ihn an.<\/p>\n<p>\u201eZehn.\u201c Ich sah ihn an und hob die Augenbrauen.<\/p>\n<p>\u201eUnd Werkstatt auch noch!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas heisst bis sieben Uhr abends?\u201c<\/p>\n<p>Ein kurzes Nicken und ein verzogener Mund waren die Antwort. Die Pause wurde dr\u00fcckender. Bei der dritten Station stiegen wenige \u2013 vorwiegend brav gekleidete M\u00e4dchen \u2013 aus, die in die kirchliche Privatschule gingen.<\/p>\n<p>\u201eWieviel Geld hast du?\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo um die 25 Schilling. Und du?\u201c<\/p>\n<p>Gernot \u00fcberlegte kurz.<\/p>\n<p>\u201eIch hab heute 45 f\u00fcr Mittagessen und so \u2026bekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2026\u201c<\/p>\n<p>Ich stieg bei der n\u00e4chsten Station nicht aus. Ein Schulkamerad aus der Parrallelklasse, der sich ans Aussteigen machte, sah mich mit gro\u00dfen Augen an.<\/p>\n<p>Ich zuckte die Achseln. \u201eIch muss dringend nach Giaperentino!\u201c rief ich ihm nach. Er drehte sich noch halb um, mit so etwas wie einem Nicken. So als w\u00fcrde er verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Giaperentino \u201eKann mir irgendwer \u2013 hust, hust \u2013 erkl\u00e4ren, was das f\u00fcr einen Sinn haben soll?\u201c Gernot lehnte hustend an der hinteren Ausstiegst\u00fcr des Busses. Er hat gerade einen 50 Meter Sprint hinter sich, der erfolgreich war. Gerade noch, sprang er rein, als sich die T\u00fcr zu schlie\u00dfen begann. Es war 7:07 Uhr. 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