{"id":34,"date":"2011-07-14T08:00:18","date_gmt":"2011-07-14T08:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=34"},"modified":"2025-11-13T12:56:49","modified_gmt":"2025-11-13T12:56:49","slug":"andrej","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/andrej\/","title":{"rendered":"Andrej"},"content":{"rendered":"<p>Ursula* legt Fotos von Andrej und den anderen spielenden Kindern und der Pension, in der sie heute war, auf den Tisch. Es ist ein hei\u00dfer Fr\u00fchsommertag und die sp\u00e4te Nachmittagsonne ist gerade hinter dem gegen\u00fcberliegenden Hausdach verschwunden, auf dem wieder einmal eine Kr\u00e4he sitz. Ich glaube, es ist immer die gleiche, die uns beim Arbeiten zu sieht, ganz so als w\u00fcrde sie sich daf\u00fcr interessieren, was wir tun.<\/p>\n<p>Ursula hat die Fotos nicht ohne Hintergedanken auf den Tisch gelegt. Sie will mir etwas sagen. Es ist ihre Art, das Erlebte zu verarbeiten und es mir zu erz\u00e4hlen. Andrej ist sieben Jahre alt und ein lieber Junge. Ich kenne ihn nur von Bildern, die Ursula und Peter w\u00e4hrend der Spielgruppen geschossen haben. Die Fotos sind nicht besonders gut, manche unscharf, schlecht gew\u00e4hlte Bildausschnitte, falsche Farben, die auf die billige Kamera zur\u00fcck zuf\u00fchren sind. Aber man sieht zumindest, was bei so einer Spielgruppe passiert. Was man auch sieht ist, dass Andrej ein h\u00fcbsches Gesicht hat und dass er trotz seiner jungen Jahre schon einiges miterlebt haben muss, denn seine strahlend blauen Augen haben immer einen melancholischen, leicht zur\u00fcckgezogenen Ausdruck. So als m\u00fcsse er sein Innerstes von der Au\u00dfenwelt fernhalten, es verstecken, damit ihm niemand weh tun k\u00f6nne. Aber wahrscheinlich sieht das ein Unbeteiligter gar nicht wirklich, sondern nur ich, weil ich die Geschichte seiner Flucht mit seinen Eltern wei\u00df und all das hineininterpretiere und glaube, das m\u00fcsse sich in seinen Augen widerspiegeln.<\/p>\n<p>Andrej ist auf den Fotos immer gleich angezogen, obwohl es verschiedene Termine sind und oft Wochen dazwischen liegen. Er tr\u00e4gt ein cooles \u2013 wie er sagt \u2013 gr\u00fcn-blau gemustertes T-Shirt mit rundem Kragen an. Seine Mutter verriet Ursula vor kurzem, dass er es nur f\u00fcr die Spielgruppe anzieht, nur f\u00fcr Peter und Ursula. Sobald die Spielgruppe aus ist, zieht er es aus und legt es wieder in seinen Kasten zur\u00fcck. Bis jetzt wollte er nicht, dass das T-Shirt gewaschen wird. Andrejs Mama schaute dabei traurig, sagt Ursula, denn das sei das einzig neue und sch\u00f6ne T-Shirt, das Andrej besitzt. Alle anderen sind ausgewaschen, fleckig und ihm zu klein geworden; weil \u201esie wachsen ja rasant in diesem Alter\u201c. Die paar Kleidungsst\u00fccke, die sie aus Tschetschenien mit nehmen konnten, sind l\u00e4ngst zu Putzfetzen mutiert oder in die M\u00fclltonne gewandert. Jetzt versorgt sich die Familie mit den Caritas Kleidungsst\u00fccken, wenn sie hin und wieder mal was aussuchen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat er eine Baseball Kappe auf, auch immer die gleiche. Die hat er von Peter bekommen, der sie bei einem seiner ersten Besuche mitgebracht hatte. Sie ist schwarz mit wei\u00dfen R\u00e4ndern. Vorne \u00fcber dem Schirm prangte ein Schriftzug, der eine \u00c4hnlichkeit mit dem Logo der New York Yankees \u2013 der Baseballmannschaft \u2013 hatte, es aber nicht war.<\/p>\n<p>Ursula ist Psychotherapeutin und arbeitet seit mehreren Jahren mit mir gemeinsam in einer NGO \u2013 wie es im Fachjargon hei\u00dft \u2013 eine Non Governmental Organisation, eine Nichtregierungsorganisation. Unser Bet\u00e4tigungsfeld ist das Fl\u00fcchtlings- und Migrationsthema. Wir bieten dabei Beratung und therapeutische Angebote f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge und Folteropfer an. Ursulas Arbeit ist ein ganz spezielle, da sie als Therapeutin mit Fl\u00fcchtlingen und Asylwerbern arbeitet, die Opfer von politischer Gewalt geworden sind; also Menschen die schweren Verfolgungen in ihren Heimatl\u00e4ndern ausgesetzt waren. Meist kommen ihre KlientInnen zu uns in die Therapieeinrichtung, aber wenn es die Finanzierung erm\u00f6glicht oder wieder ein Projekt finanziert wird, tut sie ihre therapeutische Arbeit auch in aufsuchender Weise. Das war gerade wieder einmal der Fall. F\u00fcr ein Jahr war ein Projekt finanziert worden.<\/p>\n<p>So f\u00e4hrt Ursula dort hin, wo die meisten der Asylwerbenden untergebracht sind, in entlegenen Gasth\u00f6fen, Pensionen und Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften, die verstreut \u00fcbers ganze Land liegen. Sie k\u00e4me, sagt sie immer, dadurch in Gegenden, in denen sie sonst nie kommen w\u00fcrde und lerne das Land und die Leute in den jeweiligen Ecken auf eine ganz andere, spezielle Weise kennen. Das ist die positive Betrachtung und Ursula ist im Gro\u00dfen und Ganzen und meistens ein sehr positiver und optimistischer Mensch. Wenn ich so etwas sage, meinen viele, dass das ja gar nicht anders ginge, bei so einer Arbeit, in der man so viel Leid hautnah erlebt. Da m\u00fcsse man ja positiv dem Leben gegen\u00fcber eingestellt sein.<\/p>\n<p>Ursula tingelt gemeinsam mit dem Peter, der ist gerade Zivildiener bei uns, durch die Pensionen und Gasth\u00f6fe und lernt so die Situation vor Ort kennen. Die grunds\u00e4tzlich deprimierende Unterbringungssituation kann man nicht \u00e4ndern, nur verbessern. Ursula macht Spielgruppen mit den Kindern, die oft mit Posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen k\u00e4mpfen. Der spielerische, kreative Umgang mit diesen Belastungen ist f\u00fcr Kinder die beste Methode.<\/p>\n<p>Ursula ist noch immer erhitzt und aufgeregt, nicht wegen des warmen Tages und der anstrengenden Fahrt, ohne Klimaanlage im Auto, sondern von dem, was sich zugetragen hat.<\/p>\n<p>\u201eAn Peter hat er einen Narren gefressen. Wenn Peter aus dem Auto steigt, dann sieht man richtig, wie Andrej zu strahlen beginnt. Er sitzt ja immer schon auf der Bank und wartet auf uns, insbesondere auf Peter. Dann ist er lebendig, fr\u00f6hlich und weicht ihm die n\u00e4chsten zwei Stunden nicht mehr von der Seite.\u201c<\/p>\n<p>Peter steht in der B\u00fcrok\u00fcche und bereitet Kaffee zu. Ich bin froh, dass er das tut. Sie sitzt an unserem kleinen Besprechungstisch und starrt die Bilder an. Sie sieht auf und spricht leise mit dem Bild, das vor ihr liegt. \u201eSonst ist er ja eher mehr ruhig. Meist malt er in irgendeiner Ecke still vor sich hin. An Spielen beteiligt er sich nie.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt erz\u00e4hl\u201c, beginn ich schon zum zweiten Mal, in der Hoffnung das Gespr\u00e4ch m\u00f6glichst zielgeleitet und effizient abwickeln zu k\u00f6nnen. Denn in meinem Hinterkopf rumort der eigentliche Grund f\u00fcr meine R\u00fcckkehr ins B\u00fcro; Arbeit, die sicher noch zwei Stunden in Anspruch nehmen wird und ich will nicht bis tief in die Nacht meine Zeit im B\u00fcro verbringen. Also rekapituliere ich, was ich bisher wei\u00df. Andrej und seine Eltern wohnen seit 17 Monaten in dieser Pension, die 25 km n\u00f6rdlich der Stadt liegt. Seit ihrer Ankunft in \u00d6sterreich wartet die Familie auf ihren alles entscheidenden Bescheid \u2013 ob sie als Fl\u00fcchtlinge in \u00d6sterreich bleiben d\u00fcrfen oder nicht. An das \u201eoder nicht\u201c wagt niemand zu denken, denn das hie\u00dfe, dass sie aus \u00d6sterreich weg m\u00fcssten, dass sie abgeschoben werden, zur\u00fcck in ihr Heimatland?<\/p>\n<p>Eine Zeit lang war das ganz in Ordnung \u2013 das Warten. Da drau\u00dfen in der Ein\u00f6de, in der Natur \u2013 der Wald nicht weit weg \u2013 war es ruhig. Sie hatten alles, was sie zum \u00dcberleben brauchten, konnten sich erholen. Aber nach ein paar Wochen wird das Nichtstun bedr\u00fcckend und das Warten l\u00e4sst die Gedanken kreisen und macht die Leute verr\u00fcckt. Die beiden Eltern sind mit sich selbst sehr besch\u00e4ftigt und die Erlebnisse, die in ihnen ihren grausigen Nachhall produzieren, lassen sie nicht los. Im Gegenteil, je l\u00e4nger sie warten, desto zerm\u00fcrbender wird es. Vater leidet unter Schlafst\u00f6rungen, Alptr\u00e4ume plagen ihn regelm\u00e4\u00dfig und er getraut sich nicht mehr einzuschlafen, bet\u00e4ubt sich mit Alkohol. Unter Tags will er arbeiten, darf aber nicht, l\u00e4uft im Kreis und wird noch verr\u00fcckter. Manchmal bleibt er einfach liegen und starrt die W\u00e4nde an, an manchen Tagen beginnt er vormittags zu trinken und wird im Laufe des Tages immer aggressiver und verzweifelter, bis er verschwindet \u2013 wohin wei\u00df \u00a0keiner. Soviel wei\u00df ich von der Familie. Und dass sie aus Tschetschenien fl\u00fcchten mussten und dass die Kinder \u2013Andrej hatte ein kleineres Geschwisterchen, Bub oder M\u00e4dchen wei\u00df ich jetzt nicht \u2013 und die Mutter ziemlich schlimme Sachen mit ansehen mussten und dass der Mann inhaftiert wurde und gefoltert worden war. Alle Anzeichen deuten daraufhin, aber reden dar\u00fcber konnte er bisher nicht, noch nicht, wie Ursula immer Hoffnung verbreitet.<\/p>\n<p>In diesem trostlosen Alltagstrott ist das Angebot, das Ursula und Peter machen, zwei Stunden mit den Kindern etwas kreatives unternehmen, zeichnen, spielen, etwas Sport betreiben, eine Abwechslung. Die Kinder werden angeregt, sind besch\u00e4ftigt, m\u00fcssen sich anstrengen und verarbeiten, ohne dass sie es wissen, nach und nach die belastenden Situationen, die sie bedr\u00fccken.<\/p>\n<p>\u201eSei lieb, hol das Foto aus dem Drucker, das Peter heute gemacht hat!\u201c Ursula rei\u00dft mich aus meinen Gedanken. Ich gehe zum Drucker und sehe mir das Foto an.<\/p>\n<p>Andrej schaut darauf ruhig und konzentriert auf einen Apfel, den er in beiden H\u00e4nden h\u00e4lt. Er hat ihn von Peter bekommen. Er bringt immer etwas f\u00fcr die Kinder mit; Kleinigkeiten, die sie sonst nicht bekommen. Am Speiseplan der Fl\u00fcchtlingspension steht selten Obst, nur wenn Kontrolle kommt; der Herr Schmied von der Beh\u00f6rde, die die Unterbringungen kontrollieren soll. Der ist aber immer angek\u00fcndigt, sagen die Bewohner und wissen: \u201eDann gibt es frisches Brot und Gem\u00fcse und Obst und zu Mittag Wiener Schnitzel\u201c. Obwohl Wiener Schnitzel von den BewohnerInnen fast niemand mag, ist es ja Schweinefleisch. Aber der Herr Schmied mag es so gern.<\/p>\n<p>So steht Andrej da, die Baseballkappe schr\u00e4g aufgesetzt, sein Lieblings \u2013 T-Shirt an und knabbert ganz langsam und zart an seinem Apfel. Nur mit den vorderen Schneidez\u00e4hnen gr\u00e4bt er sich durch das s\u00fc\u00dflich-saure Fruchtfleisch. Ich bin wieder im Raum und strecke Ursula das Foto hin. Sie blickt darauf und beginnt zu reden. Sie ist f\u00fcr mich so ungew\u00f6hnlich ruhig, das beunruhigt mich ein wenig.<\/p>\n<p>\u201eWir waren heute wieder oben. Eigentlich alles normal, es war sogar ziemlich lustig, weil wir ein neues Spiel gespielt haben, das den Kids voll getaugt hat. Andrej sa\u00df wieder auf der Bank und wartete. Als wir kamen, Peter ausstieg, war er schon losgerannt und auf ihn\u00a0losgesprungen. Am Ende unserer Einheit hab ich noch ein wenig mit der Mutter gesprochen, sie war heute ein bisserl besser drauf. Sie sagte, dass es dem Andrej besser geht, aber ihr Mann, der macht ihr immer mehr Sorgen und ob wir nicht endlich was beim Asyl machen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTja das Asyl\u201c. was soll ich auch sagen, wir k\u00f6nnen es nicht beeinflussen, unser m\u00f6glichstes haben wir getan. Der Familie ihre Antrag durchgearbeitet, Erg\u00e4nzungen eingebracht, bei den Einvernahmen dabei gewesen, zus\u00e4tzliche Recherchen angestellt, mit der Beh\u00f6rde in Kontakt geblieben, die Berufung auf den negativen Bescheid in der ersten Instanz geschrieben \u2013 aber mehr geht nicht, mehr k\u00f6nnen wir nicht. Entscheiden tut die Beh\u00f6rde und das dauert oft Jahre.<\/p>\n<p>\u201eJa, das macht die Leute echt noch verr\u00fcckter, als sie eh schon sind. Wer hat sich das System einfallen lassen, das frag ich mich immer wieder und dann gehen sie her und sagen noch, dass es denen eh so gut bei uns geht, haben alles, kriegen alles.\u201c Ursula ist dort angekommen, wo wir alle immer ankommen, wenn wir dar\u00fcber l\u00e4nger reden. Aber sie holt sich gleich zur\u00fcck und bleibt am Boden und ich steige auch nicht in diesen \u2013 unseren Loop \u2013 ein, der uns alle gemeinsam gefangen halten kann, wenn wir wollen.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn danach passiert?\u201c<\/p>\n<p>\u201eZwanzig Minuten oder so, nach dem wir das Foto gemacht haben\u201c, und sie zeigt auf das Foto, das ich gerade aus dem Druck geholte hatte, \u201ebrach im Haus das Chaos aus. Eine Hundertschaft von Polizisten, Beamte der Fremdenpolizei, des Landesfl\u00fcchtlingsb\u00fcros und exklusive Vertreter der Medien st\u00fcrmten das Haus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine Razzia?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEine\u00a0 Razzia! Ein Gro\u00dfeinsatz, sogar eine Hundestaffel war dabei und Drogenspezialisten. Alles was in der Polizei so Rang und Namen hatte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas gibt\u2019s nicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDoch, es waren Mitglieder eines Sonderkommandos, du kennst das ja von den Fu\u00dfballspielen; die mit Helmen, Bein-, Arm- und Brustsch\u00fctzer sowie Plexiglasschildern.<\/p>\n<p>Ich sch\u00fcttle den Kopf. Ich kann nicht glauben, was ich da h\u00f6re.<\/p>\n<p>\u201eDas ist doch nur eine Fl\u00fcchtlingspension.\u201c<\/p>\n<p>\u201eTja f\u00fcr die offensichtlich nicht, gef\u00e4hrlich genug, um die Hundestaffel rund ums Haus zu postieren, damit ja keiner auf die Idee kommt, zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>\u201eSind die v\u00f6llig durchgeknallt, das Haus derartig anzugreifen, das sind nur einfache Heimbewohner und Familien mit Kindern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWar alles generalstabsm\u00e4\u00dfig durchgeplant. Die Bullen durchk\u00e4mmten mit den Fremdenpolizisten das Geb\u00e4ude, alle Ausg\u00e4nge waren bewacht. Ein Hundef\u00fchrer ging mit seiner aggressiven T\u00f6le durchs Haus; Stockwerk f\u00fcr Stockwerk, Zimmer f\u00fcr Zimmer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWer hat das veranlasst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Herr Schmied nat\u00fcrlich, ist ja mit seiner besch&#8230;eidenen Assistentin dort gestanden wie ein General, hat sich fr\u00f6hlich mit den Journalisten unterhalten, gescherzt und geplaudert. Die Betreiberin ist auch daneben gestanden und hat mit ihnen gesch\u00e4kert und von Zeit zu Zeit Berichte entgegen genommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJournalisten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa Journalisten waren auch dabei, einer von der \u00b4Super Zeitung` und einer von der \u00b4Noch besseren Zeitung`, sch\u00f6n proporzm\u00e4\u00dfig, auch gut geplant.\u201c<\/p>\n<p>Ich kochte vor Wut. Dass es so arg ist, hab\u00b4 ich mir nicht gedacht, am liebsten w\u00e4re ich jetzt zum Telefon gest\u00fcrzt und h\u00e4tte den Herrn Schmied beschimpft und ihn einen Faschisten genannt oder noch was schlimmeres. Unglaublich diese Methoden. Aber Ursula spricht ruhig weiter, sie hat sich bereits gut im Griff, anderes Stadium \u2013 Vorteil!<\/p>\n<p>\u201eDie Mutter von Andrej hat uns angerufen \u00fcbers Handy, als es los ging. Ich hab sie gar nicht richtig verstanden, weil sie so aufgeregt war und ihr Deutsch versagte und man h\u00f6rte hinten Menschen br\u00fcllen und Kinder schreien. Aber es war klar, dass da was Schlimmes passiert war. Also drehten wir um und fuhren zur\u00fcck, aber das dauerte nat\u00fcrlich. Als wir ankamen, war die Aktion praktisch schon vorbei und die Polizeieinheiten r\u00fcckten gerade ab. Die Journaille und der Schmied standen noch rum. Ein Rettungswagen stand mit rotierenden blauen Lichtern und offenen T\u00fcren und brachten nach einer Minute ein Kind auf einer Bahre und einem gro\u00dfen Verband um den Kopf raus.\u201c<\/p>\n<p>Sie macht es spannend, obwohl ich schon wei\u00df, was sie sagen wird.<\/p>\n<p>\u201eEs war Andrej.\u201c Ursula schaut mich jetzt an und wirkt traurig. Sie hat das Bild vor ihrem inneren Auge gesehen und f\u00fchlt die Hilflosigkeit angesichts der Umst\u00e4nde.<\/p>\n<p>\u201eIch wollte mich auf Schmied zu st\u00fcrzen, glaub\u00b4 mir, ich wollte es wirklich. Ich h\u00e4tte ihm einen Kinnhaken verpasst, wenn mich nicht Peter zur\u00fcckgehalten h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDanke Peter\u201c, rufe ich in die K\u00fcche. Von weit her kommt ein \u201eGern geschehen.\u201c Ich vermute aber, dass er wohl glaubt, dass er den Dank wegen des Kaffees bekommt.<\/p>\n<p>\u201eDas h\u00e4tte wohl erst eine super Schlagzeile bedeutet.\u201c Ich \u00fcberlege kurz und formuliere Schlagzeilen. \u201eAggressive Fl\u00fcchtlingshelferin attackiert Beamte, Randalierende Therapeutin verletzt Fl\u00fcchtlingsb\u00fcrochef.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, w\u00e4r\u00b4 nicht schlecht gekommen.\u201c l\u00e4chelt Ursula kurz. \u201eAber h\u00e4tte es echt verdient und vielleicht w\u00e4re es endlich mal die richtige Antwort auf alles, was die so den Leuten antun, gewesen.\u201c Wir beide schweigen uns an. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich mir vorstelle, wie der gro\u00dfe, dicke und saturierte Herr Schmied von der drahtigen und wendigen Ursula einfach eine geknallt bekommt und vor lauter Schreck sich auf seinen fetten Hintern setzt. Tagelang h\u00e4tte man die Finger auf der Wange sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eDanach tr\u00f6stete ich Sabra. Peter ging noch zum weinenden Andrej, beruhigte ihn und hielt ihn fest. Dann schickten wir sie rauf, ein paar Sachen holen und packten sie ins Auto und fuhren der Rettung hinterher. Sabra erz\u00e4hlte uns, dass es furchtbar war. Es erinnerte sie an die \u00dcberf\u00e4lle in Groszny. Sie meinte, das war durchorganisiert und genau geplant, ging alles ganz schnell und pr\u00e4zise. Es sch\u00fcttelte sie allein schon von den Befehlen der monstr\u00f6sen Polizisten, die durch die G\u00e4nge hallten. Alle versuchten ihre Kindern und M\u00e4nner zu finden; ein wildes Gerenne und Geschreie. M\u00e4nner schrieen nach den Kindern, M\u00fctter weinten, Kinder br\u00fcllten nach den Eltern. Auf den G\u00e4ngen fand ein aufgeregtes hin und her Gerenne statt. Dann mussten sie in den Zimmern auf \u00a0ihre Kontrolle warten.\u201c<\/p>\n<p>Ursula erz\u00e4hlt konzentriert, ohne Unterbrechung.<\/p>\n<p>\u201eJeder im Haus musste sich ausweisen. Wer seine Papiere nicht bei sich trug, wurde in den Speisesaal im Parterre gebracht und dort von einem Hund und seinem \u201eHerrl\u201c bewacht. Jedes Zimmer wurde inspiziert, manche durchsucht. Die zivilen Beamten hatten die dazu geh\u00f6renden Namenslisten. Die Leute wurden aufgerufen, notiert, perlustriert.<\/p>\n<p>\u201eMan muss sich das vorstellen\u201c, Ursula bekommt wieder roten Wangen und feuchte Augen, die Emp\u00f6rung und Wut kehrt zur\u00fcck. \u201eMenschen, die aus Kriegsgebieten kommen, erleben so was in \u00d6sterreich. Das kennen sie aus ihren Heimatl\u00e4ndern, vor dem sind sie gefl\u00fcchtet. Und wei\u00dft du, was das schlimmste war?\u201c fragt sie mich. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich es nicht. Aber es ist auch keine Frage, auf die sie sich eine Antwort erwartet. Sie nimmt einen Schluck vom Kaffee.<\/p>\n<p>\u201eAusgegangen ist das ganze vom Schmied, dem Leiter des Landesfl\u00fcchtlingsb\u00fcros. Er \u2013 der Schmied und die Janitschek \u2013 haben das initiiert und waren zufrieden. So locker, als w\u00e4r\u00b4 man auf Besuch gekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd was ist mit Andrej?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr ist von einem Polizisten am Gang einfach umgerannt worden, dabei ist er mit dem Kopf gegen einen Heizk\u00f6rper. Hat sich eine Platzwunde zugezogen und eine Gehirnersch\u00fctterung erlitten.\u201c Peter steht in der T\u00fcr und berichtet ganz ruhig, mit seiner gro\u00dfen, schmalen Gestalt lehnt er am T\u00fcrrahmen und schaut in sein Kaffeeh\u00e4ferl, als er spricht.<\/p>\n<p>\u201eKannst dir vorstellen, wie es den Eltern jetzt geht? erg\u00e4nzt Ursula. Nein, wer kann das? denke ich mir, sch\u00fcttle aber nur den Kopf.<\/p>\n<p>\u201eWas ist mit dem Vater?\u201c frag\u00b4 ich.<\/p>\n<p>\u201eDer ist gl\u00fccklicherweise grad heimgekommen, war glaub\u00b4 ich ziemlich angetrunken. Als die Polizei reingest\u00fcrmt ist, hat er sich aber \u2013 soweit \u2013 ganz gut verhalten, ist nicht in Panik geraten und hat Andrej gesucht. Ihn blutend am Boden gefunden, ist mit ihm ins Zimmer gerannt und hat ihn erstversorgt.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOkay. Ist er dann mit ins Spital?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, er ist v\u00f6llig apathisch im Zimmer gesessen und hat nichts mehr gesagt und auf nichts reagiert.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Razzia ging indes unvermindert weiter. Die haben sich um den Buben \u00fcberhaupt nicht gek\u00fcmmert und erst die Betreiberin ist dann ins Zimmer gekommen und sich den Buben angeschaut und die Rettung gerufen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSabra konnte im Spital bleiben und wir sind dann nach etwa zwei Stunden gefahren, als klar war, dass jetzt alles passt und sie die sich im Spital eh alle gut k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGut, gut, geht ihr ihn morgen besuchen? Bleibt Sabra, bis er rauskommt? Dann muss man die Betreiber informieren, sonst werden sie noch abgemeldet, denen trau ich ja mittlerweile alles zu.<\/p>\n<p>\u201eHast recht, aber schau ma mal, was morgen ist. Wenn sie bleiben will, dann werden wir mit der Betreiberin reden.\u201c<\/p>\n<p>Meine urspr\u00fcngliche Arbeit, warum ich eigentlich her gekommen bin, verschiebt sich noch um weitere zwei Stunden, denn in den Onlinediensten lese ich Artikel \u00fcber die Nachmittagsaktion. Kein Wort von dem unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Einsatz, kein Wort von der Verletzung eines kleinen Jungen, kein Wort \u00fcber den \u201eErfolg\u201c der Aktion, denn der ist \u00e4u\u00dferst bescheiden. Laut offizieller Meldung der Polizei, die aber in den beiden Medien, die dabei waren nicht erw\u00e4hnt worden sind, musste sie eingestehen, dass das Ergebnis der Gro\u00dfrazzia eine im Aschenbecher gefundene Haschischzigarette war und zwei M\u00e4nner, die wegen Vergehen gegen das Meldegesetz angezeigt wurden. Ich schreib\u00b4 bis in die Nacht an offiziellen Protestnoten und Presseaussendungen, die wahrscheinlich in die Artikel f\u00fcr die Morgenausgabe keinen Eingang finden werden. Aber ich muss es tun.<\/p>\n<ul>\n<li>Alle Namen wurden ver\u00e4ndert.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula* legt Fotos von Andrej und den anderen spielenden Kindern und der Pension, in der sie heute war, auf den Tisch. 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