{"id":308,"date":"2014-08-22T09:46:01","date_gmt":"2014-08-22T09:46:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=308"},"modified":"2021-02-09T08:58:30","modified_gmt":"2021-02-09T08:58:30","slug":"die-fahrscheine-bitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/die-fahrscheine-bitte\/","title":{"rendered":"Die Fahrscheine bitte!"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\" wp-image-1071 alignright\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"175\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-200x300.jpg 200w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-682x1024.jpg 682w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-768x1152.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Berg-Franz-scaled.jpg 1706w\" sizes=\"(max-width: 175px) 100vw, 175px\" \/>Franz steht vor dem Vorverkaufsschalter der GVB \u2013 die jetzt ja Graz Linien heissen \u2013 so als w\u00e4re damit irgend etwas besser geworden \u2013 und kramt in seinem Portemonnaie nach M\u00fcnzen, um einen Fahrschein zu kaufen. Das f\u00e4llt ihm schwer, weil er nicht mehr so gut sieht und seine gro\u00dfen, breiten, knotigen Finger die kleinen M\u00fcnzen nicht so leicht finden. Als der Fahrschein im Auswurf landet, hat sich schon eine kleine Schlange von drei Menschen hinter ihm gebildet. So etwas ist Franz nicht gew\u00f6hnt und er wird nerv\u00f6s. Fahrig greift er den Fahrschein, steckt ihn in sein Geldb\u00f6rsel.<\/p>\n<p>Er wartet auf die Stra\u00dfenbahn. Beide Knie schmerzen. Er ist heute schon weit gewandert \u2013 zu weit: Von der Wohnung seiner Tochter weg, die direkt am Fluss liegt, zum Hauptplatz; hinauf auf den Schlossberg, zum Uhrturm, weiter bergan zu den Kasematten, wieder hinunter mit der Standseilbahn. Nebenbei hat er das Kunsthaus besichtigt, ist \u00fcber den Mariahilferplatz in die Annenstrasse und schlie\u00dflich am Hauptbahnhof gelandet. Er wei\u00df es selbst, er h\u00e4tte den Weg zum Bahnhof nicht mehr machen sollen, aber er ist mit einer Frau mit Kinderwagen so nett ins Gespr\u00e4ch gekommen, ist ein St\u00fcck mit ihr mitgewandert und hat ihr dann beim Einsteigen in die Stra\u00dfenbahn geholfen. Franz lernt immer Menschen kennen, gleich wo er hinkommt, mit denen er ins Gespr\u00e4ch kommt.<\/p>\n<p>Franz ist gerne in Graz. Jedes Mal wenn er da ist, schw\u00e4rmt er von der Stadt. Wien mag er auch und mit 76 Jahren ist er sogar nach New York gefahren, seinen Sohn besuchen. Da ging er dann ganz Manhattan ab. Sp\u00e4ter, bei Kaffee und Kuchen wird er dann erz\u00e4hlen, dass er \u201eso nette\u201c Menschen kennen gelernt hat. Fr\u00fcher war er ein richtiger Bergfex. Ein Bergsteiger, einer der seine karg bemessene freie Zeit in den Bergen verbracht und Klettertouren unternommen hat. Kein Wunder, dass es ihn hinaus und hinauf dr\u00e4ngte, hat er doch jahrelang in einem Magnesitbergwerk unter Tag gearbeitet, daneben ein Haus gebaut und drei Kinder ern\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Er wei\u00df es eh selbst. Das ist vielleicht sein einziges gro\u00dfes Manko. Er will seine k\u00f6rperlichen Grenzen nicht wahrhaben und \u00fcbersch\u00e4tzt sich gerne und jetzt schmerzen eben die Knie, aber es ist ein angenehmer Fr\u00fchlingstag in Graz. Durch die Strassen weht eine k\u00fchle Brise, die das eine oder andere Blatt Papier vor sich hertreibt. Der Morgenstress in den Strassen ist abgeebbt, \u00e4ltere Menschen, junge M\u00fctter mit Kinderw\u00e4gen geben der Stadt das Vormittagsgesicht. Die Mittagszeit \u2013 in der alle aus den B\u00fcros und Gesch\u00e4ften str\u00f6men und zum Essen hetzen \u2013 ist gerade noch nicht angebrochen.<\/p>\n<p>Der Wind zerzaust sein schlohwei\u00dfes aber noch dichtes Haar. Seine an der Stirn keck geschwungene Tolle steht steil auf. W\u00fcrde jemand da sitzen und ihn beobachten, was wir nicht wissen, ob das geschieht, w\u00fcrde man einen schwer gehenden und gebeugten, alten Mann sehen. Von seiner fr\u00fcheren l\u00e4ndlichen Breitschultrigkeit und kompakten Gr\u00f6\u00dfe ist nur mehr wenig \u00fcbrig geblieben. Das \u00e4rgert ihn. Er will nicht wahrhaben, dass aus ihm ein \u201eoltes Mandel\u201c geworden ist. Aufgewachsen ist er in Oberk\u00e4rnten, im Liesertal, in einfachsten b\u00e4uerlichen Verh\u00e4ltnissen. Sein Vater war ein armer \u201eKeuschler\u201c und ist fr\u00fch gestorben. Als \u00c4ltester von sieben Geschwistern musste er den j\u00fcngeren den Vater ersetzen, als Halbw\u00fcchsiger war er schon&nbsp;Senner, allein auf der Alm.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-1073 alignleft\" src=\"http:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Finca-Cocora-Palmen1-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"153\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Finca-Cocora-Palmen1-300x199.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Finca-Cocora-Palmen1-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Finca-Cocora-Palmen1-768x510.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Finca-Cocora-Palmen1.jpg 1160w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/>Als die Stra\u00dfenbahn vor ihm zu stehen kommt, klettert er schwerf\u00e4llig hinein und findet gleich neben dem Eingang einen Sitzplatz. Mit einem Stock t\u00e4te er sich leichter, aber den lehnt er noch kategorisch ab, weil \u201edas ist was f\u00fcr alte M\u00e4nner\u201c. Franz sitzt zufrieden mit sich und der Welt am Fenster und erfreut sich an der Gro\u00dfstadt. F\u00fcr ihn ist Graz eine Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>Dann kam der Krieg und Franz musste mit, obwohl er als tiefkatholischer Bauernbub von Hilter nichts hielt. Als Funker trieb es ihn in die Weiten des Ostens, bis auf die Krim und bis zum Fu\u00dfe des Kaukasus. Nach Stalingrad ging es zur\u00fcck, die ber\u00fchmte Wende. Schon fast zu Hause, wenige Kilometer vor der \u00f6sterreichischen Grenze gerieten die Reste seiner Einheit in russische Gefangenschaft und es ging wieder zur\u00fcck in den Osten, auf die Krim. Franz kam erst 1948 zur\u00fcck, von Typhus und der Kriegsgefangenschaft gezeichnet. \u00dcberlebt hat er das alles wohl nur, weil er Funker war und schnell russisch gelernt hatte und ein kommunikativer, respektvoller und sozialer Mensch in dem Wahnsinn um ihn herum geblieben ist.<\/p>\n<p>Ein lautes \u201eDie Fahrscheiiinee bitte\u201c rei\u00dft ihn aus seinem \u201eFensterschauen\u201c. Er wendet den Blick zu einem unauff\u00e4lligen Mann um die 40 Jahre, der in zivil neben ihm steht und ihm eine Marke vor\u00b4s Gesicht h\u00e4lt. Franz \u2013 mit einem freundlichen \u201eGr\u00fc\u00df Gott\u201c auf den Lippen \u2013 beginnt nach seinem Fahrschein zu suchen. Er kramt in seiner Brieftasche, findet den Fahrschein und \u00fcbergibt ihn dem Kontrolleur. Ein Blick reicht. \u201eTja mein lieber Herr\u201c h\u00f6rt Franz den Kontrolleur sagen, \u201edes ist ja schen und guat, aber der ist jo net ogestempelt\u201c. Franz steigt die Hitze empor, er h\u00f6rt sein Herz laut pochen und sich sagen: \u201eAbstempeln?\u201c und stammeln: \u201e&#8230;hab den Fahrschein ja gekauft&#8230; \u00e4h, hab\u00b4 geglaubt &#8230; ich nichts mehr tun&#8230;, dass reicht schon,&#8230; Herr Kontrolleur bitte, &#8230;aus Gm\u00fcnd und nicht gewusst&#8230; von entwerten, nein&#8230; er &#8230;alles richtig gemacht.\u201c Franz bringt einfach keinen ganzen Satz heraus, so aufgeregt ist er, sieht dem Kontrolleur in die Augen, der ihm bisher ruhig zugeh\u00f6rt hat und wartet auf das Urteil. Nach einem Moment l\u00f6st sich der Mann vom Blickkontakt und geht zu seinem Kollegen, der etwas weiter vorne eingestiegen ist und Uniform tr\u00e4gt. Welch eine Schande denkt sich Franz, schweigt und senkt den Kopf. Er vermeint, die Blicke der anderen, nur wenigen Fahrg\u00e4ste zu sp\u00fcren. Er werde jetzt bestimmt die Polizei kommen und ihn abf\u00fchren.<\/p>\n<p>Sie tuscheln, der andere Kollege nickt und der Mann in Zivil geht zum orangen Automaten, der nicht zu \u00fcbersehen auf einer Stange gegen\u00fcber dem Einstieg h\u00e4ngt, f\u00fchrt das Ticket ein und entwertet es.<\/p>\n<p>\u201eSo der Herr, amoi lossen wir des no durchgehn. Aber vergessens net, in Graz m\u00fcssen sie die Fohrkoatn immer auch abstempeln, damit sie g\u00fcltig ist.\u201c Damit gibt er ihm den Fahrschein zur\u00fcck, l\u00e4chelt ihn kurz an und f\u00e4hrt mit seiner Arbeit fort, die anderen Fahrg\u00e4ste zu kontrollieren. Franz sollte sp\u00e4ter zu seiner Tochter sagen, dass er einen so netten Kontrolleur kennen gelernt und der ihn f\u00fcr seine Dummheiten nicht bestraft hat. Aber mit einem schelmischen Blick gibt Franz zu, dass er dem Kontrolleur auch ein bisschen was vorgespielt hat und so getan h\u00e4tte, als ob er von nichts w\u00fcsste und er das erste Mal in Graz sei. Der Kuchen schmeckte ihm besonders gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz steht vor dem Vorverkaufsschalter der GVB \u2013 die jetzt ja Graz Linien heissen \u2013 so als w\u00e4re damit irgend etwas besser geworden \u2013 und kramt in seinem Portemonnaie nach M\u00fcnzen, um einen Fahrschein zu kaufen. 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