{"id":29,"date":"2011-07-14T07:53:49","date_gmt":"2011-07-14T07:53:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=29"},"modified":"2021-02-09T10:15:18","modified_gmt":"2021-02-09T10:15:18","slug":"integration-in-osterreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/integration-in-osterreich\/","title":{"rendered":"\u201eIntegration in \u00d6sterreich\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sozialwissenschaftliche Befunde<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Herbert Langthaler, langj\u00e4hriger Mitarbeiter der Wiener Dachorganisation <em>asylkoordination<\/em><a title=\"\" href=\"#_ftn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><em> <\/em>stellte<em> <\/em>gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler und Co Autor Bernhard Perchining am 1. Dezember in Graz sein Buch \u201eIntegration in \u00d6sterreich\u201c vor.<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Das Fachbuch ist eine Zusammenstellung von aktuellen Beitr\u00e4gen aus verschiedenen Wissenschaftsrichtungen; der Soziologie, der Politik- und Sprachwissenschaften und der Sozialanthropologie. Bernhard Perchinig, Thomas Schmidinger und Christof Reinprecht arbeiten sich im ersten Teil des Buches an den Begriffen ab, die derzeit in den Medien inflation\u00e4r verwendet werden und stellen einen historischen Kontext f\u00fcr die Debatte her.<\/p>\n<p>Damit wird einem beim Lesen deutlich, wie \u00fcberzogen und aus dem Kontext gerissen, die meisten \u00f6ffentlichen Aufreger sind. Denn abseits der medialen Bilder l\u00e4sst sich beweisen, dass in den letzten 40 Jahren viel auf dem Gebiet der vermeintlichen Integration<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> passiert ist. Heute ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass die Bev\u00f6lkerung auf den Stra\u00dfen der \u00f6sterreichischen St\u00e4dte bunt geworden ist; dass T\u00fcrkisch, Serbokroatisch-Bosnisch und viele andere Sprachen ganz selbstverst\u00e4ndlich im \u00f6ffentlichen Raum gesprochen werden und dass 40% der Heiraten binationalen Hintergrund haben. Das sind alles Faktoren, die kaum erw\u00e4hnt werden, aber deutlich machen, dass Diversit\u00e4t Einzug gehalten hat. Langthaler: \u201eDie Gastarbeiter in den 1970er Jahren trauten sich in der \u00d6ffentlichkeit nicht, ihre Muttersprache zu sprechen.\u201c<\/p>\n<p>Zwischen den hysterischen, \u00f6ffentlichen Debatten und der \u201ewirklichen Welt des Zusammenlebens vor Ort\u201c, klaffen erhebliche Wahrnehmungsl\u00fccken. Gerade auf lokaler Ebene sind die Probleme weitaus geringer, als immer wieder dargestellt wird, so Perchinig: \u201eDass sich die Verwaltung der Migranten annehmen muss, ist mittlerweile keine Frage, die nur ExpertInnen oder NGOs diskutieren, sondern das ist den B\u00fcrgermeistern l\u00e4ngst bewu\u00dft\u201c. Einig ist man sich aber, dass die \u00f6ffentliche Diskussion Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen hat. Als Beispiel wurde genannt, dass es vor zwanzig Jahren positiv war, dass die Frauen und Kinder nachgekommen sind, weil man meinte, die alleinstehenden M\u00e4nner w\u00fcrden stabiler werden. Heute sieht man Familiennachzug vielfach als Gefahr an.<\/p>\n<p><strong>Bildung allein macht auch noch keinen Aufstieg<\/strong><\/p>\n<p>Einen interessanten Beitrag im Buch lieferte August G\u00e4chter (ZSI<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>), der seit vielen Jahren zu Migration und Arbeitsmarkt forscht und der Frage nachgeht, in welchen Rollen und Positionen Zuwanderer am Arbeitsmarkt stehen und welche Bildungsverl\u00e4ufe Angeh\u00f6rige der zweiten und dritten Generation nehmen und genommen haben. G\u00e4chter macht deutlich, dass der Ruf nach mehr Bildung am Arbeitsmarkt alleine nicht ausreicht, damit Aufstieg dieser Gruppen gelingen kann. Um einen der Ausbildung entsprechenden Job zu bekommen, bedarf es wesentlich mehr, als nur gute Ausbildung. Den MigrantInnen fehle es an zahlreichen anderen Faktoren (Netzwerk, Mentoren\/Freunde, institutionelle Zug\u00e4nge udgl.) und \u00fcber die Vielzahl an informellen Diskriminierungsfaktoren, die sie behindern, wird nicht gerne gesprochen, erg\u00e4nzt Langthaler im Zuge der Diskussion.<\/p>\n<p>Am Ende des Buches erhellt Andrea G\u00f6tzelmann die un\u00fcbersichtlichen Kompetenzen und Strukturen des \u00f6sterreichischen Integrationsregimes und macht deutlich, dass Integrationspolitik nicht erfolgreich betrieben werden kann, weil es ein zersplittertes Feld sei, in dem sehr viele Akteure unterschiedlichste Interessen verfolgen. Damit fehle es an Zielen, Leitlinien, klaren Strategien und eindeutigen Verantwortlichkeiten. Integrationspolitik bleibt St\u00fcckwerk.<\/p>\n<p>Ein aufschlu\u00dfreiches Buch, das f\u00fcr die Versachlichung der Zuwanderungs- und Integrationsthematik erhebliche Dienste leisten kann. Zu bef\u00fcrchten ist aber auch, dass es eines mehr der B\u00fccher sein wird, das von der Politik und den Entscheidungstr\u00e4gerInnen nicht gelesen wird und daher sein Ziel der Aufkl\u00e4rung verfehlen wird.<\/p>\n<p>Ein Manko weist das Buch jedoch auf. Fragen des st\u00e4dtischen Wohnbaus, der Stadtteilentwicklung und der Stadtplanung insgesamt sind g\u00e4nzlich ausgespart geblieben. Obwohl die Themen angesichts ofensichtlicher Problemfelder (sozial vernachl\u00e4ssigte Viertel, hoher MigrantInnenanteil in bestimmten Schulen, fehlender billiger und qaulit\u00e4tsvoller Wohnraum u.v.m.) nach Analyse, Diskussion und L\u00f6sungen schreien, fehlen sie auch in dem sonst so ausf\u00fchrlichen Buch; was den Schluss zul\u00e4\u00dft, dass es f\u00fcr beide Seiten \u2013 da die IntegrationsexpertInnen, dort die StadtplanerInnen und Architekturzunft \u2013 kaum oder zuwenig Verbindungen gibt und die jeweilig andere Expertise ein Nogo Area zu sein scheint. Umso wichtiger w\u00e4re es, diese Mauern abzubauen. Denn wie sagte ein hochrangiger WHO<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Experte anl\u00e4\u00dflich des Weltkongresses der Urban Health Vereinigung<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> in Amsterdam 2006: \u201eDie Architekten k\u00f6nnen oft mehr f\u00fcr die Gesundheit der Menschen in der Stadt tun, als \u00c4rzte!\u201c<\/p>\n<div>\n<hr width=\"33%\" size=\"1\" align=\"left\">\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Die Asylkoordination \u00d6sterreich tr\u00e4gt den Titel: Verein von Ausl\u00e4nderInnen und Fl\u00fcchtlingshilfsorganisationen und -betreuerInnen und wurde als \u00f6sterreichweiter Dachverband im Jahre 1991 gegr\u00fcndet.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> siehe auch \u201eKommentar der Anderen im der Standard vom 9. November, \u201eSchlu\u00df mit der Integrationsdebatte\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Zentrum f\u00fcr Soziale Innovation, Wien<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> WHO \u2013 Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> ICUH \u2013 International Congress on Urban Health, Internationaler Kongress \u00fcber Gesundheit in der Stadt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sozialwissenschaftliche Befunde Herbert Langthaler, langj\u00e4hriger Mitarbeiter der Wiener Dachorganisation asylkoordination[1] stellte gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler und Co Autor Bernhard Perchining am 1. Dezember in Graz sein Buch \u201eIntegration in \u00d6sterreich\u201c vor. Das Fachbuch ist eine Zusammenstellung von aktuellen Beitr\u00e4gen aus verschiedenen Wissenschaftsrichtungen; der Soziologie, der Politik- und Sprachwissenschaften und der Sozialanthropologie. 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