{"id":2396,"date":"2025-10-20T13:13:40","date_gmt":"2025-10-20T13:13:40","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=2396"},"modified":"2025-10-20T13:35:29","modified_gmt":"2025-10-20T13:35:29","slug":"das-hoeren-wir-nicht-gerne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/das-hoeren-wir-nicht-gerne\/","title":{"rendered":"&#8222;Das h\u00f6ren wir nicht gerne &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Institutionelle Diskriminierung ist in unser System und Denken eingeschrieben. Zu sp\u00fcren bekommen es jene, die drau\u00dfen sind, die nicht dazu geh\u00f6ren. Im folgenden Beitrag wird von einige Beispielen berichtet.<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"470\" height=\"471\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-50-40-3-Video-Facebook.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2399\" style=\"width:388px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-50-40-3-Video-Facebook.png 470w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-50-40-3-Video-Facebook-300x300.png 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-50-40-3-Video-Facebook-150x150.png 150w\" sizes=\"(max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Abdelkarim ist ein lustiger Kerl. Deswegen ist er auch genau richtig in seinem Beruf. Er ist ein erfolgreicher Comedian\/Komiker, Kabarettist und Fernsehmoderator in Deutschland. Geboren in Bielefeld, als Sohn marokkanischer Einwanderer lebt er heute in Duisburg<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Abdelkarim ist gern gesehener Gast auf diversen Kabarettb\u00fchnen und in Talkshows.<\/p>\n\n\n\n<p>Das N\u00e4hk\u00e4stchen aus dem er gerne plaudert, ist sein offensichtlich \u201efremdl\u00e4ndisches\u201c Aussehen, das ihn \u00fcberall zum \u201eMigranten\u201c stempelt und ihn allerlei absonderliches und erschreckendes erleben l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Fast 190 cm gro\u00df, bulliger K\u00f6rperbau, Lederjacke, Glatze, Vollbart; daher ist es nicht verwunderlich, dass ihm alle Klischees und Vorurteile umgeh\u00e4ngt werden, die zu \u201eFremden\u201c zu Migranten so im Umlauf sind und gerne verbreitet werden. So lange er den Mund nicht aufmacht, geht er als potenzieller Drogendealer oder islamistischer Terrorist sofort durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Abdelkarim sitzt in einer Diskussionsrunde des NDR \u2013 Norddeutschen Rundfunks und erz\u00e4hlt. Er stieg in Duisburg in den Zug, gemeinsam mit zwei Polizisten, die bei einem anderen Einstieg zustiegen, setzte sich in einen Viersitzer und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle die die Szene gesehen hatten, wussten, das Schicksal w\u00fcrde uns zusammenf\u00fchren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Minuten kamen die beiden Polizisten mit einem Drogenhund auf ihn zu und fragten ihn nach dem Ausweis und gleich direkt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fchren sie Drogen mit sich?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er verneinte. Es waren etwa 20 weitere Personen im Waggon verteilt, die wurden alle nicht kontrolliert. Da das ganze recht lustlos von statten ging, war die Amtshandlung auch bald wieder vorbei. An der n\u00e4chsten Station stiegen die beiden und ihr vierbeiniger Kollege wieder aus und gr\u00fc\u00dften ihren Kollegen in Zivil am Bahnsteig, die gerade einstiegen, zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo nach dem Motto: Ja da ist einer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte keine Minute und Abdelkarim wurde nochmal kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie k\u00f6nnen mich gerne kontrollieren, aber ich wurde vor einer Minute von ihren Kollegen kontrolliert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der beiden: \u201eMeinen sie die beiden mit Hund und in Uniform?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, genau die.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch\u201c und macht mit der Hand eine wegwer-fende Bewegung.\u00a0 \u201eDas ist eine ganz andere Abteilung. Die suchen nach Drogen, wir nach Bargeld ab \u20ac 10.000\u201c<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In der polizeilichen Alltagspraxis ist die beschriebene Szene laut internationalen Menschenrechtsorganisationen, zivilgesell-schaftlichen und anti-rassistischen Organisationen sowie Erfahrungs- und Forschungsberichten Alltag. Es kommt zur stereotypen und rassistischen Stigmati-sierung sowie Kriminalisierung von Personen und Gruppen, die von der Gesellschaft als &#8222;anders&#8220; eingestuft werden.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge einer Beantwortung einer parlamen-tarischen Anfrage zum Thema: \u201eEthnic Profi-ling in der Polizei\u201c hatte Karl Nehammer (\u00d6VP) \u2013 2021 noch Innenminister \u2013 ein strukturelles Problem bei der \u00f6sterreich-ischen Exekutive rundweg abgestritten. Diese (die Polizei, Anm. d. A.) kontrolliere Personen \u201estets auf Basis der geltenden Rechtslage und aufgrund kriminalpolizeilicher Lagebilder und Analysen sowie kriminalpolizeilicher Infor-mationen\u201c. Man m\u00f6chte geneigt sein, hinzuzu-f\u00fcgen, was immer damit genau gemeint sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer parlamentarischen Antwort gezwungen hatte ihn der SP\u00d6-Gleichbehand-lungssprecher Mario Lindner, der seine Anfrage aufgrund einer Erhebung der Euro-p\u00e4ischen Menschenrechtsagentur (FRA)<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a> an ihm richtete und wissen wollte, wie der \u00f6sterreichische Innenminister die Lage beurteile. Die Erhebung konnte eine massive Ausgrenzung in Europa lebender Bev\u00f6lker-ungsgruppen \u2013 darunter Schwarzafrikaner-innen und Schwarzafrikaner \u2013 belegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders auff\u00e4llig wurde dabei in der Erhebung darauf hingewiesen, dass in keinem anderen EU-Land Schwarzafrikaner*innen so \u00fcberdurchschnittlich oft von Anhaltungen betroffen waren, wie in \u00d6sterreich.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dass was uns Abdelkarim im beil\u00e4ufigen Plauderton erz\u00e4hlt, ist f\u00fcr viele Menschen, die nicht der \u00f6ffentlich-politisch formulierten und durchgesetzten Norm des \u201eNormalen\u201c entsprechen, Alltag; gleich ob es die Kontrolle im Zug ist, oder die Behandlung bei einem Schalter einer Beh\u00f6rde, dem Zugang zu Informationen, einer gesundheitlichen Behandlung, einem Bildungsangebot oder einem ganz normalen freundlichen Umgang im Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Personen, die \u2013 sagen wir es recht breit gefasst \u2013 nicht der politisch-gesellschaftlichen Norm entsprechen, sei es durch die offensichtliche Abweichung ihres Aussehens, ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten Gruppen oder anderer soziale Gewohnheiten, sind vertraut damit, dass sie schlechter behandelt werden, dass es f\u00fcr sie Sonderregeln gibt, dass sie ausgeschlossen, angep\u00f6belt und benachteiligt werden und dass sich das auch noch gefallen lassen m\u00fcssen, weil dagegen kein \u00f6ffentlicher Aufschrei erfolgt,\u00a0 geschweige denn es geeignete rechtliche M\u00f6glichkeiten gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles h\u00f6ren wir als Gesellschaft nicht gerne, als aufgeschlossene, westliche Europ\u00e4er*innen, die so viel von unseren Werten halten und sie t\u00e4glich von den \u201eAnderen\u201c einfordern. Aber systematische, institutionelle Diskriminierung ist tief in unser System und Denken eingeschrieben ist. Zu sp\u00fcren bekommen es jedoch jene, die drau\u00dfen sind, die nicht dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>#Wahrnehmung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erkennen tun wir Diskriminierung dann relativ einfach, wenn diese weit au\u00dferhalb der Norm erfolgt und wenn sie von einer einzelnen Person oder einer kleinen, sichtbaren Gruppe (z.B. rechtsextreme Hooligans) ausgef\u00fchrt wird. Wenn am Fu\u00dfballplatz von den R\u00e4ngen Affenlaute erschallen oder eine \u00e4ltere Frau eine dunkelh\u00e4utige Frau im Bus beschimpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses individuelle Verhalten und die Sichtbarkeit der Diskriminierung verleitet uns dazu, Diskriminierung auf einer pers\u00f6nlichen Ebene zu verhandeln und ausgrenzende, rassistische Motive den einzelnen Personen zu unterstellen. Bei einer Konfrontation zwischen Menschen l\u00e4sst sich das \u201eThema\u201c individualisieren: \u201eDie Mitarbeiter*in w\u00e4re rassistisch, der Polizist ist eben ein Rechter usw.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgen reflexartige \u00f6ffentliche Antworten darauf, meist von Politik, \u00d6ffentlichkeit und Zivilgesellschaft: \u201eDiskriminierung hat in unserer Gesellschaft keinen Platz\u201c oder \u201eNo to Racism\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das B\u00fcndel an Anschauungen, Verhalten und Werten hockt nicht nur in uns, sondern auch in internen Regeln, administrativen Normen, Gesetzen und Regeln. Die sieht man aber nicht. Der gesellschaftliche Rahmen bestimmt also die Haltung des Einzelnen wesentlich mit. In der digitalen \u00c4ra beschleu-nigt sich das umso mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Institutionelle Diskriminierung bezeichnet die dauerhafte Benachteiligung sozialer Gruppen in Form von Handlungen, Routinen, \u00c4u\u00dferungen und\/oder Unterlassungen in gesellschaftlichen Strukturen. Als solche gelten z.B. \u00f6ffentliche Einrichtungen, zentrale Institutionen wie die Schule oder auch Gesetzestexte. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abdelkarim_(Kabarettist)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=673330006900718<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/migration-und-sicherheit\/308350\/racial-profiling-institutioneller-rassismus-und-interventionsmoeglichkeiten\/#footnote-target-9<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; https:\/\/fra.europa.eu\/de<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> &nbsp;&nbsp;&nbsp; https:\/\/orf.at\/stories\/3224501\/<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p><em>Menschen oder soziale Gruppen, die von institutioneller Diskriminierung betroffen sind, werden systematisch auf dem Arbeits-, Bildungs- und\/oder Wohnmarkt nicht ber\u00fccksichtigt oder benachteiligt. Dies betrifft alle Formen der Diskri-minierung entlang pers\u00f6nlicher Merkmale wie u.a. Ethnie, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Wichtig f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis institutioneller Diskriminierung ist es, dass in den genannten Organisationen per se keine Diskriminierungs-absicht vorausgesetzt werden kann. Es besteht also keine intentionale Absicht, was es schwierig macht, dass Ph\u00e4nomen als solches zu erkennen und sofort abzustellen.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\"><strong>[6]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenteil f\u00fcr viele \u00f6ffentlichen Organisa-tionsformen gilt sogar explizit ein Gleichheits-grundsatz und ist die Bevorzugung einer Gruppe oder Menschen mit bestimmten Eigenschaften nicht erlaubt. Da die Ausgangs-bedingungen f\u00fcr viele in der Gesellschaft aber nicht die gleichen sind, f\u00fchrt das alleine schon zu einer ungleichen Ausgangsposition und damit zur institutionellen Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eAmtssprache Deutsch\u201c<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Als Beispiel sei das Prinzip \u201eAmtssprache Deutsch\u201c genannt. Mittlerweile zu einem Dogma stilisiert, das jeden anderen Gedanken sofort unterdr\u00fcckt, wo nach ja Mehrsprach-igkeit eigentlich eine gro\u00dfe Ressource darstellen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Regel, die f\u00fcr alle gilt. Wer Deutsch nur ungen\u00fcgend oder nicht ausreichend beherrscht, wird auf \u00c4mtern, Beh\u00f6rden im Gesundheitssystem jedoch systematisch benachteiligt. Obwohl er\/sie vielleicht englisch, russisch, ukrainisch beherrscht. Aufgrund der Debatten der letzten Jahre ist wahrscheinlich \u2013 ohne daf\u00fcr eine Studie vorweisen zu k\u00f6nnen \u2013 eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit daf\u00fcr, dass das auch so bleibt, denn der Spracherwerb in Deutsch wird als das dominante Mittel zu einer \u201eIntegration\u201c angesehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ethnic profiling<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Kommen wir noch einmal zur\u00fcck, zur Ausgangssituation zur\u00fcck, vom deutschen Kabarettisten Abdelkarim beschrieben und da f\u00e4llt dem Autor eine Episode mit einem Freund und Arbeitskollegen ein, der urspr\u00fcng-lich aus Nigeria stammt. Er war bei unseren gemeinsamen Reisen und \u00f6ffentlichen Auftritten immer auffallend korrekt gekleidet, im Anzug mit Krawatte und wei\u00dfem Hemd, blank geputzten Lederschuhen und Akten-koffer, sowie betont freundlichem und korrektem Auftreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich ihn einmal darauf ansprach, sagte er: \u201eIch werde bei jeder Gelegenheit, in der U-Bahn, am Flughafen, am Bahnhof, im Zug aufgehalten und perlustriert. Ich habe immer meinen Ausweis dabei und m\u00f6chte den Eindruck eines gutsituierten Mannes erwecken. Wenn ich diesen Eindruck nicht erwecke, werden die polizeilichen Anhaltungen gleich noch einmal unfreundlicher, r\u00fcder und unangenehmer.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEthnic \u2013 racial Profiling\u201c ist das Ph\u00e4nomen, dass es einerseits immer \u00f6fter zu verdachts-unabh\u00e4ngigen Kontrollen von Personen kommt, allein aufgrund ihres physischen Erscheinungsbildes oder anderer, typischer ethnischer oder religi\u00f6ser Merkmale zum Anlass f\u00fcr Kontrollen durch Polizei-, Einwanderungs-, Zollbeamt*innen oder durch etwa Kaufhausdetektiv*innen.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits entsteht durch digitale M\u00f6glichkeiten und k\u00fcnstlicher Intelligenz ungeahnte neue Datengenerierungs- und Analyseprogramme, die in der Kriminalistik verst\u00e4rkt zum Einsatz kommen. Da die KI aber von Menschen trainiert wird, besteht auch die Gefahr, dass Vorurteile, Sexismen und Rassis-mus in die Systeme mit eingeschrieben werden. Was gerade in der polizeilich-kriminalistischen Arbeit zu erheblichen Gefahren des \u201eunconscious bias\u201c f\u00fchren kann. Die einzelnen handelnden Personen sind sich der automatischen unbewussten Stereotype, die sie beeinflussen und bedienen oft gar nicht gewahr<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere bei Zugfahrten traten diese \u201eethnic profiling\u201c Kontrollen geh\u00e4uft auf. So war es fast obligatorisch, dass bei Kontrollen niemand n\u00e4her kontrolliert wurde, au\u00dfer Personen mit dunkler Hautfarbe. Diese mussten dann nicht nur den Ausweis und Fahrkarte vorweisen, sondern h\u00e4ufig wurde auch ihr Reisegep\u00e4ck durchsucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eindruck erh\u00e4rtete sich, dass nicht aufgrund von bestimmten Verdachtsmomenten kontrolliert wurden, sondern aufgrund des Merkmals (Hautfarbe); bzw. war das Merkmal Hautfarbe schon zu einem Verdachtsmoment geworden. Einhergehend waren Entwicklungen zu beobachten, dass mit einem B\u00fcndel von Kriterien zunehmend \u201epr\u00e4ventivpolizeiliches Verhaltensprofiling\u201c betrieben wird. Es wird immer st\u00e4rker auf Gruppen mit bestimmten Merkmalen fokussiert, die nach Annahme der Ermittlungsbeh\u00f6rden eine Straftat begehen k\u00f6nnten. Diese Annahmen sind nichts Geringeres, als Voreingenommenheit, m\u00f6glicherweise Vorverurteilung und Grund f\u00fcr Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mika-D und andere Schikanen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00f6sterreichischen Schulsystem herrschen seit Jahrzehnten (Jahrhunderten?) bestimmte Regeln und Gesetze vor. Die Schulstunde dauert 50 Minuten, manchmal 45 Minuten, dazwischen gibt es 5 oder 10 Minutenpause. Die Sommerferien dauern 9 Wochen (Anfang Juli bis Anfang September)<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen F\u00e4cherkanon, der seit Jahr-zehnten besteht (Mathematik, Deutsch, Englisch, Geografie usw.) Die Schulen beginnen zwischen 7:30 und 8:30. Das \u00f6sterreichische Schulsystem besteht aus einer Volksschule, die 4 Jahre dauert von 6 bis 10 Jahre, einer Mittelstufe 10-14 und anschlie\u00dfend entweder einem einj\u00e4hrigen Polytechnischem Lehrgang und Lehre bis etwa 18 Jahre oder weiterf\u00fchrenden h\u00f6her Schulen bzw. Oberstufe Gymnasium bis19.<a href=\"#_ftn9\" id=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit bekannt. Ich z\u00e4hle einige der wichtig-sten Punkte deswegen auf, weil durch Forschung und Studien hinl\u00e4nglich bekannt ist, dass dies alles wenig mit datenbasiertem und wissenschaftlich neuen Erkenntnissen wie Lernen am besten erfolgt, zu tun hat. Das \u00f6sterreichische Schulsystem wird daf\u00fcr auch fast t\u00e4glich kritisiert. Dementsprechend ist der Befund wenig \u00fcberraschend, dass es sehr viel kostet und wenig Ertrag einf\u00e4hrt. Die Qualit\u00e4t sinkt, das starre b\u00fcrokratische Systeme frisst enorme Mittel, die in den Schulen vor Ort fehlen. Das Personal ist \u00fcberaltert, auf die sich ver\u00e4ndernde gesell-schaftlichen Rahmenbedingungen \u2013 und davon ist Migration nur eine davon \u2013 kann oder will man nicht reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich haben sich bestimmte Nischen entwickelt, die das System aufgeweicht, ausdifferenziert und flexibler gemacht haben. Aber einige wesentliche \u201eKnackpunkte\u201c sind und bleiben im Schulsystem unver\u00e4ndert und werden verfestigt und sind somit institutionell verankert. Die fr\u00fche Trennung der Kinder in Gymnasium und Mittelschule, die fehlenden Angebote von Ganztags- und Gesamtschule, die ausreichende Ressourcen f\u00fcr die Anfor-derungen, die die Gesellschaft, Eltern und Politik an Schule hat, \u00a0sind einige wesentliche Aspekte davon<a href=\"#_ftn10\" id=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wird von Expert*innen darauf hingewiesen, dass das \u00f6sterreichische System dazu f\u00fchrt, dass Bildung vererbt wird; im Positiven wie im Negativen. Der sozio\u00f6ko-nomische Hintergrund der Familien spielt eine wesentliche Rolle. Es macht einen Unter-schied, ob die Familien arm oder \u00e4rmer sind und die Herkunft ebenso. Dabei ist nicht allein ein Migrationshintergrund gemeint, sondern auch schichtspezifische Merkmale, die auf Familien ohne Migrationshintergrund ebenso zutreffen<a href=\"#_ftn11\" id=\"_ftnref11\">[11]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[<\/a><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">6]<\/a> https:\/\/www.ikud-seminare.de\/glossar\/institutionelle-diskriminierung.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a>https:\/\/www.antidiskriminierungsstelle.de\/DE\/ueber-diskriminierung\/was-ist-diskriminierung\/_docs\/faq-uebersicht\/_functions\/faq_racial_profiling.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Unbewusste Voreingenommenheit, siehe auch: https:\/\/www.anti-bias.eu\/wissen\/entstehung-von-bias\/denkfehler-wie-unconscious-bias-entstehen\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> https:\/\/www.bmbwf.gv.at\/Themen\/schule\/schulsystem.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000244197\/wir-br228uchten-eine-gesamtschule<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a>https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000244478\/hochschulforscherin-die-soziale-herkunft-ist-immer-noch-entscheidendhttps:\/\/www.ikud-seminare.de\/glossar\/institutionelle-diskriminierung.html<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"766\" height=\"536\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-54-27-Madrid-Spain-Nov-11-2018-Protest-Stockfoto-1228823152-Shutterstock.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2400\" style=\"width:475px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-54-27-Madrid-Spain-Nov-11-2018-Protest-Stockfoto-1228823152-Shutterstock.png 766w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-54-27-Madrid-Spain-Nov-11-2018-Protest-Stockfoto-1228823152-Shutterstock-300x210.png 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Screenshot-2025-10-20-at-14-54-27-Madrid-Spain-Nov-11-2018-Protest-Stockfoto-1228823152-Shutterstock-750x525.png 750w\" sizes=\"(max-width: 766px) 100vw, 766px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Die Schule in der derzeitigen Form verfestigt das System. Immer \u00f6fter wird in Studien und Erhebungen festgestellt, dass die Schule die bildungspolitische Grundversorgung, n\u00e4mlich die Alphabetisierung und Basiskenntnisse in den F\u00e4chern nicht mehr leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der MIKA-D Test<a href=\"#_ftn12\" id=\"_ftnref12\">[12]<\/a> zu Beginn der Schuleinschulung f\u00fcr alle Kinder mit Migrationsbiografie ist eine der wesentlichen H\u00fcrden und bestimmt den weiteren Verlauf der Schulkarriere des Kindes und m\u00f6glicherweise sogar des weiteren Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>MIKA-D ist ein Testungs- bzw. Screening Verfahren, das von der Schulleitung nach bestimmten Kriterien durchgef\u00fchrt wird, um zu erheben, ob die Sch\u00fcler*in ausreichende Kenntnisse in der Unterrichtssprache Deutsch haben, um dem Unterricht folgen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einteilung erfolgt in drei Stufen:<\/p>\n\n\n\n<ol style=\"list-style-type:lower-alpha\" class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Ausreichend<\/strong>, das Kind kann normal am Unterricht teilnehmen,<\/li>\n\n\n\n<li><strong>mangelhaft <\/strong>\u2013 das Kind nimmt an der regul\u00e4ren Schulklasse teil, erh\u00e4lt jedoch einen Zusatzunterricht in Form eines Deutschf\u00f6rderkurses oder<\/li>\n\n\n\n<li><strong>ungen\u00fcgend \u2013 <\/strong>das Kind kommt in einem Deutschf\u00f6rderklasse (\u201eAusl\u00e4nderklassen\u201c)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Der Fortschritt des Kindes wird nach dem Semester \u00fcberpr\u00fcft und gegebenenfalls wird die jeweilige Ma\u00dfnahme verl\u00e4ngert oder das Kind kann in den Regelbetrieb einsteigen. Nun klingt das auf den ersten Blick alles ganz plausibel und datenbasiert. Es wird getestet und ausgewertet, nach nachvollziehbaren Regeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch bei aller vermeintlichen Objektivit\u00e4t sind die \u201eEinsch\u00e4tzungen\u201c, der damit befassten Lehrpersonen ausschlaggebend und wie wir auch \u00fcber die Diskussion der Notengebung wissen, sind diese relativ und werden von einer Reihe Faktoren beeinflusst; Stichworte: \u00f6ffentliche Diskussion, Politisch rassistisch-diskriminierende Aussagen, Kampagnen gegen Ausl\u00e4nder, Meinungsgestaltung im Umfeld und nicht zuletzt die Normen und \u201eunconscious bias\u201c, die im Lehrbetrieb und der Administration vorherrschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Umstand f\u00fchrte etwa auch Verena  Blaschitz aus, die in einer Stellungnahme bemerkte, dass <em>\u201edie Kriterien f\u00fcr das, was das Verfahren angibt zu pr\u00fcfen, zu wenig spezifisch bzw. ungeeignet\u201c <\/em>sindund es sich <em>\u201eum ein unspezifisches Verfahren mit mangelhafter (sprach-)wissenschaftlicher Fundierung handelt\u201c<\/em><a href=\"#_ftn13\" id=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise werden Kinder mit \u201e\u00f6sterreichischem Namen\u201c und autochtonem Hintergrund selten getestet, obwohl laut Schulgesetz die sprachlichen F\u00e4higkeiten aller Kinder getestet werden sollten. Zwar ist das prinzipiell auch vorgesehen, aber in der Praxis passiert es praktisch nicht<a href=\"#_ftn14\" id=\"_ftnref14\">[14]<\/a>. Berichten vieler Lehrer*innen zufolge, ist der Unterschied zwischen neu zugewanderten und autochthone Kindern bei den Gundfertigkeiten, die zu einem Schulbesuch berechtigen sollten, nicht so gro\u00df; oder sollte man besser sagen, genauso schlecht ausgebildet<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a>. Dennoch werden die einen getestet und m\u00f6glicherweise aus dem Klassenverband aussortiert und die anderen eben nicht&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrlich auf die Kritik an der Aussonderung von Kindern mit Migrationsbiografie kann hier an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, dass w\u00fcrden den Rahmen sprengen, es sei aber auf den Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle Steiermark 2020\/21 verwiesen, dem ein eigenes Kapitel zu Mika-D gewidmet wurde. Uns sollte hier der institutionelle Charakter der Diskriminierung in diesem Zusammenhang besonders interessieren.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Informationsschreiben der Bildungsdirektion wird \u00fcberdies ausgef\u00fchrt: <em>\u201eF\u00fcr die Sch\u00fcler_inneneinschreibung wird der einheitliche, standardisierte Test MIKA-D (\u2026) zur Verf\u00fcgung gestellt, der f\u00fcr Kinder mit anderer Familiensprache als Deutsch verbindlich anzuwenden ist\u201c.<\/em><a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\"><em><strong>[16]<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Werden also tats\u00e4chlich nur Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch und auch nur aufgrund der Angabe der Erstsprache bei der Schuleinschreibung einem MIKA-D Testungsverfahren unterzogen, ist darin eine mittelbare Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft gegeben, so die juristische Einsch\u00e4tzung der Antidiskriminierungsstelle Steiermark.<a href=\"#_ftn17\" id=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stufe 12 statt Stufe 14<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im J\u00e4nner 2022 kam am Landesgericht f\u00fcr Strafsachen als Arbeits- und Sozialgericht die Causa \u201ePabst gegen Amt der Steierm\u00e4rkischen Landesregierung\/Personal\u201c zur Verhandlung. Die klagende Partei Gertrude Pabst, BA, Sozialarbeiterin in der Kinder- und Jugendhilfe im Landesdienst begehrte in ihrer Klage gegen das Land die \u00dcberpr\u00fcfung ihre Einstufung als Sozialarbeiterin und sah darin eine Ungerechtigkeit sowie eine seit Jahren andauernde Schlechterstellung von Sozialarbeiter*innen. In ihrer Begr\u00fcndung sah sie diese Schlechterstellung vor allem darin begr\u00fcndet, dass Sozialarbeit im Landesdienst aufgrund der Einstellung zugrundeliegendem Systems (HAY- Modell) und der damit verbundenen Bewertung von Sozialarbeit strukturell schlechter gestellt wird; insbesondere dies im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, wie etwa Psycholog*innen oder IT Kr\u00e4ften, die mit entsprechend gleicher bzw. \u00e4hnlicher terti\u00e4rer Grundausbildung ausgestattet sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klage wurde abgewiesen. Als wesentliche Entscheidungsgrundlage kann daf\u00fcr ein vom Gericht beauftragtes Gutachten angesehen werden, welches die einzelnen inkriminierten Punkte der klagenden Partei (Pabst) begutachtete und im wesentlich zur \u00dcberzeugung gelangte, dass an der Arbeitsplatzbeschreibung\/-bewertung sowie der Einstufung der Frau Pabst im konkreten und an der Sozialarbeit im Allgemeinen der steierm\u00e4rkischen Landesregierung kein \u00c4nderungsbedarf bestehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit so gut, m\u00f6chte man meinen. Ein ganz \u201enormaler\u201c Fall von gerichtlicher Entscheidung, die t\u00e4glich stattfindet. Ein Arbeitnehmer*innen klagt seinen Arbeitgeber auf bessere Einstufung und verliert. In diesem Fall lohnt es sich aber, auf die Grundlagen und die Hintergr\u00fcnde zu blicken, um die strukturell-institutionellen Aspekte der Benachteiligung von Frau Pabst im Besonderen und von Sozialarbeiter*innen im Speziellen blo\u00df zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gericht schloss sich den Argumenten des Gutachtens an. Das Gutachten hielt sich an die aufgrund, der im Verfahren eng gesteckten Fragestellungen und kam daher zum Schluss, dass das System der steierm\u00e4rkischen Landesregierung, das zur Einstufung herangezogen wir, rechtens und korrekt angewandt worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zieht man jedoch andere, weitere und grundrechtliche Fragen mit heran, so zeigen sich die gesellschaftspolitischen Schw\u00e4chen des Systems und offenbaren eine institutionelle Diskriminierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Land Steiermark verwendet bei der Einstufung das sogenannte HAY System<a href=\"#_ftn18\" id=\"_ftnref18\">[18]<\/a>. Das HAY Modell ist bis heute ein anerkanntes und g\u00e4ngiges Standardsystem zur Stellenbewertung in Unternehmen, welches in den 1940er von der Hay Group entwickelt wurde. Drei wesentliche Fragen sollen mit dem Hay Modell beantwortet werden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wie hoch ist der Beitrag der Stelle zum Unternehmen?<\/li>\n\n\n\n<li>Wie komplex sind die zu l\u00f6senden Aufgaben und Probleme?<\/li>\n\n\n\n<li>Welches Niveau haben die Kompetenzen und F\u00e4higkeiten, die daf\u00fcr erforderlich sind?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Jahre hinweg wurde das HAY System zu einem ausgekl\u00fcgelten und methodisch genauen und aufwendigen System ausgearbeitet und kann als Standardsystem f\u00fcr Unternehmen angesehen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> https:\/\/www.iqs.gv.at\/themen\/weitere-instrumente-des-iqs\/mika-d<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> <em>Blaschitz<\/em>, Verena: Gutachten zu \u201eMessinstrument zur Kompetenzanalyse Deutsch\u201c (\u201eMIKA-D\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Siehe Jahresbricht der Antidiskriminierungsstelle 2020-2021, Seiten 90 ff<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000245315\/es-fehlt-nicht-nur-am-deutsch-bittere-bilanz-einer-wiener-volksschullehrerin<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> <em>Bildungsdirektion Nieder\u00f6sterreich<\/em>, Schuleingang und Schulf\u00e4higkeit \u2013 Die rechtliche Situation in \u00d6sterreich (2020), 3.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref17\" id=\"_ftn17\">[17]<\/a> Siehe Fu\u00dfnote 14, ebenda.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref18\" id=\"_ftn18\">[18]<\/a>https:\/\/www.personalwirtschaft.de\/news\/personalentwicklung\/1376-2-148119\/<br><br><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Aber das HAY Modell wurde f\u00fcr Unternehmen konzipiert und breitete sich im Laufe der Zeit auch auf andere Organisations- und Gesellschaftsformen aus. Wenngleich es immer wieder Anpassungen an neue Organisationsumfelder gab, so bleibt doch der Fokus auf unternehmerische Profitaspekte dominant.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Clemens Sedmak<a href=\"#_ftn19\" id=\"_ftnref19\">[19]<\/a>, das in seiner Er\u00f6ffnungsrede zum 15. Kongress Armut und Gesundheit in Berlin<a href=\"#_ftn20\" id=\"_ftnref20\">[20]<\/a> formulierte: \u201eErstens, es passiert etwas mit dem System, wenn Sie es rein nach Marktgesetzen ablaufen lassen und zweitens, es lassen sich nicht alle Gesetze des Marktes auf s\u00e4mtliche Lebenssph\u00e4ren der Menschen \u00fcbertragen, ohne dass etwas passiert, was nachteilig f\u00fcr Gerechtigkeits\u00fcberlegungen sein kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die steierm\u00e4rkische Landesregierung hat das HAY System seit Jahren in Verwendung und an spezifischen Bed\u00fcrfnisse angepasst. Der Sedmak\u00b4schen These folgend, f\u00fchrt das eben zu Probleme der Gerechtigkeit und stellt ein Feld der potenziellen Diskriminierung und\/oder Benachteiligung dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Anhand der Debatte um Einstellung von Sozialarbeiter*innen wird allzu deutlich, dass in einer Verwaltung, die keinen Profit zu lukrieren und im \u00fcberwiegenden Ma\u00dfe f\u00fcr die Allgemeinheit zu arbeiten hat, das HAY Modell in seiner Grundstruktur die Bed\u00fcrfnisse und Anforderungen von Mitarbeiter*innen in Verwaltungseinheiten (Personalstellen) ungen\u00fcgend methodisch erfassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich geht es mit dem Genfer Schema<a href=\"#_ftn21\" id=\"_ftnref21\">[21]<\/a>, dass in den 1950er entwickelt wurde und in den meisten HAY Modellen und Modifika-tionen als Grundlage enthalten ist, so auch in der Landesregierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Genfer Schema hat folgende Hauptkategorien:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Geistige Anforderungen<\/li>\n\n\n\n<li>K\u00f6rperliche Anforderungen<\/li>\n\n\n\n<li>\u00c4u\u00dfere Arbeitsbedingungen<\/li>\n\n\n\n<li>Verantwortung<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das Hay Modell (mit dem Genfer Schema zur Grundlage) ist zwar methodisch genau, jedoch bedarf es, in seiner inneren Logik und den Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeiten der einzelnen Kategorien und deren Bewertung zueinander, einer genaueren Pr\u00fcfung und regelm\u00e4\u00dfigen Evaluation, die insbesondere die speziellen Bedingungen von \u00f6ffentlicher Verwaltung und Non Profit Organisationen (NPO) zum Gegenstand der Beobachtung macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswirkungen sind erheblich, wissen wir doch mittlerweile, dass bei Studien, Forsch-ungen, Auswahl- und Bewertungssystemen, sowie Evaluationen immer Grundannahmen, Meinungen und auch Ideologie, der damit befassten Expert*innen mit einflie\u00dfen und oft unbewusst die Ergebnisse beeinflussen. Auf diesen \u2013 schon zuvor \u00f6fters erw\u00e4hnten \u2013 Bias (Verzerrung) muss bei gesellschaftlich-sozial-relevanten Themen besonderes Augenmerk gelegt werden<a href=\"#_ftn22\" id=\"_ftnref22\">[22]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gericht und die Beantwortung durch das Gutachten erfolgte durchaus \u00fcblich; es hielt sich streng an das gestellte Begehren und \u00fcberpr\u00fcften die Richtigkeit der inneren Logik der Grundlagen und der Anwendung. Um Potenziale von institutioneller Diskriminie-rung aufzusp\u00fcren, etwa bei speziellen Berufs-gruppen und gesellschaftlich relevanten Aufgabenfeldern, bedarf es jedoch auch einer \u00dcberpr\u00fcfung des gesamtgesellschaftlichen Kontextes und der neuen, gesellschaftlichen Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Fall sollte \u00f6ffentlich umso mehr Auf-merksamkeit gewidmet werden, da es sich um einen \u00f6ffentlichen Tr\u00e4ger, Arbeits- und Auf-traggeber (Land Steiermark) handelt, der ja auch Vorbildwirkung hat und der Gesellschaft signalisiert, dass die gesellschaftliche Verant-wortung ernst genommen wird. Neue Gerech-tigkeitssysteme und Ordnungsprinzipien einzuf\u00fchren, um Diskriminierung zu verhin-dern, tr\u00e4gt daher auch zur Glaubw\u00fcrdigkeit bei und verhindert institutionelle Diskrimi-nierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweiter Aspekt der in diesem Falle deutlich zu Tage trat, war der Soziale Status, der als institutionell diskriminierend und benachteiligend wirkt. \u201eDer Soziale Status bezeichnet die bewertete soziale Lage und Position einer Person im Vergleich zu anderen Mitgliedern einer Gesellschaft. Diese ist umso mehr von der Wertung der Anderen, der Gesellschaft und der Politik abh\u00e4ngig und getragen.\u201c<a href=\"#_ftn23\" id=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Sozialer Status bezieht sich aber nicht allein auf Individuen, sondern auch auf Schichten oder Berufsgruppen<a href=\"#_ftn24\" id=\"_ftnref24\">[24]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist evident und alle einschl\u00e4gigen Studien und Erhebungen belegen das. Es gibt Berufe und Berufsgruppen, die in ihrer Entlohnung, ihrem Status und der gesellschaftlichen Anerkennung schlechter gestellt sind, als andere. Solche Berufe sind oftmals als sogenannte \u201eFrauenberufe\u201c bezeichnet. Merkmale sind, neben des hohen Frauenanteil (\u00fcber 50%), auch die Systemrelevanz und das T\u00e4tigkeitsfeld, das oft im Dienstleistungs- und im Carebereich<a href=\"#_ftn25\" id=\"_ftnref25\">[25]<\/a> angesiedelt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade in der Corona Pandemie standen jene Besch\u00e4ftigten im Zentrum der Aufmerksam-keit, weil sie die gr\u00f6\u00dften Lasten (Gesundheits-risiken) zu tragen hatten und deutlich wurde, dass sie f\u00fcr die notwendigen Grundlagen des Lebens sorgten (Regalbetreuer*, Kassier*, Apotheker*, Pfleger*innen usw.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Profession Soziale Arbeit geh\u00f6rt ebenso zu dieser Kategorie, wie etwa auch die Pflege- und Gesundheitsdienste. Hohe Belastungen und Verantwortungen, multiprofessionelle F\u00e4higkeiten mit vielen unsichtbaren Sorge- und Unterst\u00fctzungsleistungen und ein hoher Frauenanteil auf der einen Seite und geringes Prestige, mangelnde soziale Anerkennung sowie schlechte Besoldung auf der anderen Seite, zeichnen diese Berufsfelder aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soziale Arbeit k\u00e4mpft seit vielen Jahren mit dem Nimbus, der Ehrenamtlichkeit, der caritativen Hilfe; mit dem Bild, dass es \u201enat\u00fcrliche Frauenarbeit\u201c sei, f\u00fcr andere, f\u00fcr Schwache, f\u00fcr Kinder\/Jugendliche, alte Menschen usw. da zu sein und daher legitim sei, dies als selbstverst\u00e4ndlich anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die soziale Arbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch zu einem hochquali-tativen Beruf entwickelt, der eine daten-basierte, eigenst\u00e4ndige Wissenschafts-disziplin entwickelt und bereits seit 2006 ausschlie\u00dflich ein zweiteiliges Hochschul-studium (Bachelor und Master) zur Grundlage hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Fakt ist ebenso, dass Sozialarbeiter*innen in vielf\u00e4ltigen Positionen und leitenden, verant-wortungsvollen Funktionen im Landesdienst eingesetzt werden. So sind Sozialarbei-ter*innen fallf\u00fchrend und letztverantwortlich, also mit erheblichen organisatorischen und fachlichen Aufgaben betraut, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Kompetenzen erfor-dern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die steierm\u00e4rkische Einstufung \u2013 um wieder auf den Fall vor Gericht zur\u00fcck zu kommen \u2013 sieht jedoch lediglich Stufe 12 vor. Die Gehaltsklasse 12 wird generell als \u201eFachassi-stenz\u201c bezeichnet. Psycholog*innen, die eben-falls eine Hochschulausbildung vorweisen m\u00fcssen, sind im Vergleich dazu in Stufe 14 verankert. Ebenso in Stufe 14 sind auch Techniker*innen oder IT-Fachkr\u00e4fte eingestuft. Die universit\u00e4re Ausbildung (FH oder Uni) ist bei allen gleich. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass der soziale Status der Berufsgruppe eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt, als die Gleichbehandlung bzw. -bewertung der Berufe.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref19\" id=\"_ftn19\">[19]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Clemens_Sedmak<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref20\" id=\"_ftn20\">[20]<\/a> Sedmak, Clemens: \u201eEthik im Spannungsfeld.\u201c In: Dokumentation des 15. Kongresses \u201eArmut und Gesundheit\u201c, 4.\/5. Dezember 2009.<br><a href=\"#_ftnref21\" id=\"_ftn21\">[21]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Genfer_Schema<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref22\" id=\"_ftn22\">[22]<\/a> https:\/\/www.appinio.com\/de\/blog\/marktforschung\/bias-in-der-forschung<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref23\" id=\"_ftn23\">[23]<\/a> \u201eSoziale Diskriminierung\u201c, S. 87. In: Jubil\u00e4umsbericht 2022 der Antidiskriminierungsstelle Steiermark, 2022.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref24\" id=\"_ftn24\">[24]<\/a> Ausf\u00fchrliche Erl\u00e4uterungen im Beitrag Jubil\u00e4umsbericht der Antidiskriminierungsstelle Steiermark, s. 85 ff, 2022.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref25\" id=\"_ftn25\">[25]<\/a> https:\/\/www.fes.de\/wissen\/gender-glossar\/care-arbeit<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Institutionelle Diskriminierung ist in unser System und Denken eingeschrieben. Zu sp\u00fcren bekommen es jene, die drau\u00dfen sind, die nicht dazu geh\u00f6ren. Im folgenden Beitrag wird von einige Beispielen berichtet. Abdelkarim ist ein lustiger Kerl. Deswegen ist er auch genau richtig in seinem Beruf. Er ist ein erfolgreicher Comedian\/Komiker, Kabarettist und Fernsehmoderator in Deutschland. 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