{"id":1755,"date":"2023-01-26T15:20:10","date_gmt":"2023-01-26T15:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1755"},"modified":"2023-03-03T09:08:01","modified_gmt":"2023-03-03T09:08:01","slug":"spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-4\/","title":{"rendered":"Spiel mit dem Leben Anderer, Teil 2, Kapitel 4"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Von Mythen und liebgewonnenen Vorurteilen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die 1960er und 70er waren die Hochphase eines beispiellosen Wirtschaftsaufschwunges, der 1974 mit der \u00d6lkrise eine erste Delle erhielt. Zwar stagnierte die Wirtschaft damit einige Zeit und erholte sich erst langsam, aber insgesamt war die Wohlstandsmehrung in \u00d6sterreich auf einem recht hohen Niveau und es ging auch bald wieder weiter aufw\u00e4rts, wenngleich nicht mehr so steil wie bis dahin.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Dies war davor nicht selbstverst\u00e4ndlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der riesigen Zerst\u00f6rung und dem totalen Zusammenbruch war \u00d6sterreich ein Land, das unselbst\u00e4ndig war, wenig wirtschaftliche Entwicklung vor sich hatte und von hoher Arbeitslosigkeit gepr\u00e4gt war. Auch war das Ungleichgewicht zwischen \u00d6sterreichs Westen und dem Osten, der zum Teil unter der Sowjetischen Besatzungszone stand, erheblich<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Die Sowjets bauten gro\u00dfe Teile der Industrieanlagen ab. Das Transportwesen war im Osten v\u00f6llig zusammengebrochen. Perspektiven eines Aufschwunges als geteiltes Land, waren lange Zeit nicht auszumachen. Der Marshallplan<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> wurde 1947 ausgerufen und 1948 kam er auch f\u00fcr \u00d6sterreich in Gang. Die Sowjets und ihre Satellitenstaaten nahmen an dem Programm jedoch nicht teil. So war der Marshallplan mittelbar an der Vertiefung des Grabens zwischen \u201eOst und West\u201c mit beteiligt und trug zu dem inner\u00f6sterreichischen Ungleichgewicht erheblich bei. F\u00fcr die Wiederaufbau \u00d6sterreichs spielte er jedoch eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00d6sterreich ist auch ein Auswanderungsland<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Kein Wunder also, dass in den Jahren nach dem Krieg viele junge \u00d6sterreicher*innen wenig Zukunftschancen f\u00fcr sich in \u00d6sterreich selbst sahen. Dies f\u00fchrte zu einer Abwanderung in klassische Ziell\u00e4nder in \u00dcbersee \u2013 USA, Kanada, Australien \u2013 aber auch im erheblichen Ma\u00dfe nach Deutschland und in die Schweiz. In geringerem Ma\u00dfe gingen \u00d6sterreicher*innen auch nach Gro\u00dfbritannien, Schweden, Frankreich und Italien. Bis zum Jahr 1961 waren es rund 200.000, die im Ausland lebten. Diese erh\u00f6hte sich weiter bis zu den 1970er, insbesondere Deutschland war ein beliebtes Zielland f\u00fcr \u00d6sterreicher*innen (M\u00fcnz, Zuser, Kytir, 2003).<\/p>\n\n\n\n<p>Insoferne war die aufkommende und von den Sozialpartnern geplante Zuwanderung Anfang der 1960er, um den Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften zu decken, eine neue Situation und Entwicklung. Sie begr\u00fcndete jedoch den Auftakt dazu, dass \u00d6sterreich zu einem Einwanderungsland wurde.  Obwohl das nicht gewollt wurde, stellte es einen Wendepunkte in der Migrationsgeschichte \u00d6sterreichs dar. Die Abwanderung aus \u00d6sterreich spielt auch heute eine Rolle. In den letzten Jahrzehnten wanderten regelm\u00e4\u00dfig zwischen 93.000 und 111.000 Personen aus \u00d6sterreich weg<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[3]<\/a>. Dieser Abgang ist ein Faktum, der in der Migrationsdiskussion in der Regel jedoch keinerlei Bedeutung zugemessen wird. (Fassmann, 1992).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaft spricht daher auch von Wanderungssaldo, also der Abwanderung und dem Neuzuzug. Stellt man diese beiden Faktoren in Rechnung, so liegt der Zuwachs durchschnittlich zwischen 30.000 und 50.000 Personen. Ausreisser in den letzten Jahren gab es nur in den Jahren 2014 \u2013 2016. In diesem Zeitraum schlug sich die gro\u00dfe Fl\u00fcchtlingsbewegung nieder. So wurde 2015 der H\u00f6chstwert von 113.067 Zuwachs registriert. Die aktuelle Ukraine Fl\u00fcchtlingsbewegung ist in diesen Zahlenbetrachtungen noch nicht enthalten. Anzunehmen ist, das 2022 und 2023 der Saldo ebenso \u00fcber dem Durchschnitt sein wird, obwohl die Weiterwanderung aus \u00d6sterreich \u2013 insbesondere auch von ukrainischen Kriegsvertriebenen \u2013 weiter hoch bleiben wird<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[4]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Gruppe der Auswander*innen aus \u00d6sterreich sind die \u00d6sterreicher*innen selbst. Im Jahr 2021 waren dies 17.140, gefolgt von Rum\u00e4n*innen (13.000) und Deutschen (11.000). In diesen Zahlen enthalten sind jene Personen, die etwa in ein \u00dcberseeland zur endg\u00fcltigen Auswanderung gereist sind; oder in ihr urspr\u00fcngliches Heimatland zur\u00fcck gekehrt sind, wenn etwa die Ausbildung\/das Studium beendet wurde oder der Job gewechselt wird, was h\u00e4ufig bei internationalen Firmen erfolgt, bei denen das Engagement tempor\u00e4r angelegt ist<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[5]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Arbeitskr\u00e4ftemangel \u2013 die gro\u00dfe \u00dcberraschung?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Bevor wir einen Sprung in der Historie machen und die Weiterentwicklung ab den sp\u00e4ten 1970er uns n\u00e4her anschauen, sei noch kurz auf ein Blick auf die aktuelle Situation geworfen. Es ist doch einigermassen \u00fcberraschend, dass gerade in den letzten Jahren der Arbeitskr\u00e4ftemangel in \u00d6sterreich so akut geworden und \u00f6ffentlich breit getreten worden ist. Verwunderlich ist dabei insbesondere, dass Teile der Politik und der Medien so tun, als w\u00e4re dies ein pl\u00f6tzlich auftauchendes Ph\u00e4nomen; machen doch Expert*innen aus den F\u00e4chern, Soziologie, Demografie, Politikwissenschaft, Arbeitsmarktverwaltung und Migrationsforschung schon seit Jahren darauf aufmerksam, dass sich eine dauerhafte Ver\u00e4nderung am Arbeitsmarkt einstellen wird, die sich aus folgenden Komponenten speist:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>a. Die Alterspyramide<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahrg\u00e4nge der sogenannten Babyboomer*innen kommen in die Pensionsjahre und verlassen den Arbeitsmarkt. Dieser Trend wird sich in den n\u00e4chsten Jahren noch verst\u00e4rken. Am Arbeitsmarkt zeigt sich das an Pensionierungen im Bereich der Verwaltung, der Bildung und in vielen anderen Feldern<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[6]<\/a>. Dies erzeugt seit Jahren einen zunehmenden Bedarf an Ma\u00dfnahmen, um die offenen Stellen nachzubesetzen. Dies auch deswegen, weil in manchen Bereichen die ehemalig vorhandenen Jobs zwar verschwinden, auf der anderer Seite jedoch der Bedarf an neuen, anderen Jobs (IT-Branche) stetig steigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Trend wirkt sich vor allem auf das Pensionssystem aus, das n\u00e4her zu erl\u00e4utern, w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren. Da es sich aber um ein vernetztes und abh\u00e4ngiges System handelt, muss es miteinander gedacht werden, da immer Auswirkungen auf andere Felder\/Bereiche zu verzeichnen sind. Eine Ma\u00dfnahme, die immer wieder diskutiert wird und auch umgesetzt wird, ist die Arbeitszeit zu verl\u00e4ngern und die Menschen l\u00e4nger im Job zu halten. Ob das \u2013 genau aus diesen zuvor erw\u00e4hnten vernetzten Gr\u00fcnden \u2013 eine Wende f\u00fcr den Arbeitsmarkt bringt, darf und muss bezweifelt werden. In bestimmten Segmenten und F\u00e4llen w\u00fcrde es vielleicht entspannen. Dort, wo Menschen noch fit genug f\u00fcr Jobs sind und die Bedingungen \u2013 etwa flexiblere Arbeitszeiten, mehr Ruhepausen, k\u00fcrzere Wochenarbeitszeit und dgl. \u2013 von Seiten der Arbeitgeber auf die neue Situation angepasst worden sind. Dies ist aber derzeit eher die Ausnahme, viele Menschen erreichen das Pensionsantrittsalter gar nicht <a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[7]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> https:\/\/hdgoe.at\/auswanderung-oesterreich<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn2\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> https:\/\/hdgoe.at\/marshallplan<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[3]<\/a> https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/718014\/umfrage\/auswanderer-aus-oesterreich\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[4]<\/a> https:\/\/www.statistik.at\/statistiken\/bevoelkerung-und-soziales\/bevoelkerung\/migration-und-einbuergerung\/wanderungen-mit-dem-ausland<\/p>\n\n\n\n<p>[5] https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/718036\/umfrage\/auswanderer-aus-oesterreich-nach-staatsangehoerigkeiten\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[6]<\/a> https:\/\/www.statistik.at\/statistiken\/bevoelkerung-und-soziales\/bevoelkerung\/bevoelkerungsstand\/bevoelkerung-nach-alter\/geschlecht<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref2\">[7]<\/a> https:\/\/oe1.orf.at\/programm\/20230125#706409\/Die-Zukunft-der-Arbeit-und-wer-sie-machen-soll<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p><strong>b. Die Alterszusammensetzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es einige gegens\u00e4tzliche und widerspr\u00fcchliche Faktoren. Einerseits verlassen immer mehr Menschen den Arbeitsmarkt aufgrund des Alters (Pensionierungen), andererseits steigt vor allem durch Migration der Anteil der jungen Menschen, die eine Berufskarriere gerade erst beginnen und in eine Erwerbskarriere einsteigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei steht das restriktive Asyl- und Fremdenrechtswesen sowie die restriktiven Zuwanderungsregeln in \u00d6sterreich einer zukunftsorientierten Planung entgegen (siehe Aichinger, Hintermeier, Siess, 2023). Viele tausende junge Menschen, die entweder als Asylwerbende und Unbegleitete, minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge (UMF) oder als Familienmitglieder nach \u00d6sterreich gekommen sind, wird der Einstieg in eine schulische und berufliche Karriere bedrohlich schwer gemacht. Menschen, die dringend am Arbeitsmarkt gebraucht w\u00fcrden, werden lieber in einem Arbeitsverbot gehalten bzw. \u00fcberhaupt mit der Abschiebung gedroht<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[8]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>c. Der Arbeitsmarkt ver\u00e4ndert sich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Arbeitsmarkt ver\u00e4ndert sich rasant, die Digitalisierung, die Technisierung und Mulitnationalisierung von Gesch\u00e4ftszweigen schreitet voran. Der Online Handel boomt<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[9]<\/a>. Immer \u00f6fter werden Jobs vorrangig \u00fcber Fertigkeiten in der IT-Branche definiert, das gilt sowohl f\u00fcr Handwerk, f\u00fcr Verwaltungsberufe, als auch f\u00fcr Hilfsarbeiten. Ein\/e Automechaniker*in kommt heute ohne IT-Fertigkeiten genauso wenig aus, wie ein Zustelldienst oder eine Person im Pflege- und Gesundheitsberuf. Dieser Trend wird sich noch verst\u00e4rken<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[10]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit fallen eine Reihe von Berufen entweder \u00fcberhaupt weg und verschwinden langsam aber sicher. Die These, das durch Digitalisierung und Rationalisierung ein R\u00fcckgang von Stellen einher gehen wird, ist bis jetzt jedoch nicht eingetreten. Sehr wohl aber ver\u00e4ndern sie sich. Es m\u00fcssen neue Arbeitsprofile geschaffen werden. Ein weiterer Trend, der bemerkbar ist, Berufe, die bis dato schon wichtig waren, gewinnen weiter an Bedeutung, etwa Berufe in der Bildung, dem Sozial- und Gesundheitssektor. Diese, wie wir an der Pflegekr\u00e4ftediskussion unschwer erkennen konnten, sind f\u00fcr die Gesellschaft hoch relevante Jobs, jedoch im Sozialprestige, der Aufmerksamkeit und der Bezahlung benachteiligt. In hohem Ma\u00df korrelliert das mit typischen \u201eFrauenberufen\u201c<a id=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\">[11]<\/a> und \u201eMigrant*innenjobs\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind in der Regel auch Branchen, die personalintensiv sind und die technische, digitale Innovation und Rationalisierung nur in beschr\u00e4nkten Ausma\u00df durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Die Baubranche ist dabei ebenso zu nennen, wie der Gesundheitsbereich und die Gastronomie. Zwar wird auch dort versucht, Technologie immer mehr einzusetzen, aber hier ist der Mensch als wesentlicher Faktor im Moment noch substantiell nicht zu ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>d. Das Bildungssystem ver\u00e4ndert sich beinahe nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eines der schwerwiegendsten Vers\u00e4umnisse der letzten Jahrzehnte. Das \u00f6sterreichische Bildungssystem ist archaisch konservativ auf einem Schulsystem aufgebaut, das soziale Durchl\u00e4ssigkeit verhindert und auf Selektion aufgebaut ist. Hier ist zu nennen, die fr\u00fche Trennung von Volks- und Mittelschule bzw. Gymnasium, ein erheblicher Teil der Schulen ist darauf aufgebaut, dass Eltern und insbesondere Frauen\/M\u00fctter die Betreuungspflichten und die Schulunterst\u00fctzung \u00fcbernehmen. Dazu kommt  ein selektierter Bildungskanon, der in 45 Minuten Einheiten zerst\u00fcckelt ist und eine Fixierung einer b\u00fcrgerlichen Bildungsschicht, deren Ziel es ist, die Matura zu erreichen und damit ein Studium zu verfolgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl schulische Bildung als auch der terti\u00e4re Bildungssektor sowie die Erwachsenenbildung sind damit konfrontiert, dass neue Qualifikationsprofile und damit einhegehend auch ver\u00e4nderte Curricula und Lehrinhalte notwendig w\u00e4ren<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[12]<\/a>. Der Bildungspfad, der in \u00d6sterreich als anzustreben gilt \u2013 Volksschule, Gymnasium, Studium \u2013 ist f\u00fcr bestimmte Sektore der Arbeitspl\u00e4tze relevant, aber der weitaus gr\u00f6\u00dfere Teil ben\u00f6tigt andere Qualifkationen. Gro\u00dfe Image- und Prestigeprobleme weisen hingegen Handwerks- und Lehrberufe auf, die jedoch wie sich immer bei Krisen zeigt, rar ges\u00e4t sind und  das Werkl am Laufen halten. Sei es bei Schneef\u00e4llen und der Reparatur des Stromnetzes, in der Altenpflege, im Handel oder dem gesamten Gesundheitssystem, um nur einige zu nennen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die nach wie vor erhebliche Benachteiligung und damit fehlende Beteiligung bzw. der hohe Anteil an Teilzeitbesch\u00e4ftigung von Frauen am Arbeitsmarkt runden das Desaster, das auf uns zu kommt, ab. Die Debatte um eine Reform der Bildungspolitik f\u00fchrte hier zu weit weg, klar ist jedenfalls, dass diese erw\u00e4hnte Selektion auch und besonders, neben Kinder aus einkommensschwachen Arbeiterfamilien, Migrant*innenfamilien hart trifft (Erkurt, 2020).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>e. Die Migrationspolitik ver\u00e4ndert sich ebenso nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben, wie schon ausgef\u00fchrt, bereits seit den fr\u00fchen 1960er, inklusive der regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Fl\u00fcchtlingsbewegungen der letzten Jahrzehnte l\u00e4ngst einen erheblichen Teil an Migration und eine diversifizierte und multiethnische, -religi\u00f6se Gesellschaft. Ohne diese w\u00e4re das \u201eSystem \u00d6sterreich\u201c schon l\u00e4ngst nicht mehr funktionabel. Gleichzeitig tut das offizielle \u00d6sterreich sich nach wie vor schwer, dies zu akzeptieren und anzuerkennen. \u201eWir\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[13]<\/a> tun noch immer so, als w\u00e4ren wir alle wei\u00df, katholisch, m\u00e4nnlich, deutschsprachig und lebten auf idyllischen Bauernh\u00f6fen oder kleinen D\u00f6rfern inmitten der Berge. Die Fakten sprechen jedoch eindeutig dagegen. Dieses Bild existiert nicht, dennoch wird danach Politik gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich seit Jahren schleichend ver\u00e4ndert, der Arbeitskr\u00e4ftemangel ist mittlerweile in vielen Branchen evident und behindert nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch die wirtschaftliche Weiterentwicklung, gerade auch in Bezug auf den Umbau der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hin zu einer \u00f6kologisch-nachhaltigen Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[8]<\/a> https:\/\/www.asyl.at\/de\/themen\/arbeitsmarktzugang\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[9]<\/a> https:\/\/www.everbill.com\/ecommerce-online-handel\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref2\">[10]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/themen\/arbeit\/arbeitsmarktpolitik\/316908\/digitalisierung-und-der-arbeitsmarkt\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref3\">[11]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000124749713\/fruehe-berufswahl-fuehrt-zu-trennung-in-maenner-und-frauenberufe<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[12]<\/a> https:\/\/erwachsenenbildung.at\/aktuell\/nachrichten\/13223-welche-kompetenzen-wuenschen-sich-arbeitgeberinnenc.php<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[13]<\/a> Das \u201eWir\u201c ist hier nur eine ungen\u00fcgende Beschreibung der vielen verschiedenen politischen und \u00f6ffentlichen Kr\u00e4fte in den Debatten in \u00d6sterreich, an der Politik, Verwaltung, Sozialpartner, Medien, aber auch die verschiedenen Sp\u00e4hren der \u00d6ffentlichkeit und zumindest Teile der Bev\u00f6lkerung teilnehmen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_2907.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1756\" width=\"396\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_2907.jpg 640w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_2907-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 396px) 100vw, 396px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Migrationspolitik ist in diese Themen mit eingebettet und davon nicht l\u00f6szul\u00f6sen. Vor Jahrzehnten war das Argument, dass \u201eneu hinzuziehende Migrant*innen<em> <\/em>alteingesessenen Migrant*innen und ungelernten Hilfsarbeiter*innen die Arbeitspl\u00e4tze wegnehmen, nicht g\u00e4nzlich falsch, zumindest f\u00fcr bestimmte Segmente des Arbeitsmarktes, so hat sich das ins Gegenteil gedreht. Neuzuwander*innen sind ein wesentliches Element, die zur Ausweitung und Innovation und damit zur Arbeitsplatzschaffung und prosperierenden wirtschaftlichen Entwicklungen f\u00fchren. \u00d6sterreich n\u00fctzt diese M\u00f6glichkeit jedoch nicht; im Gegenteil das rechts-konservative Narrativ der Abschottung und Isolation l\u00e4sst die aktuellen Herauforderungen am Arbeitsmarkt nur noch st\u00e4rker werden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Anl\u00e4ufe gab es immer wieder<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wenngleich es immer wieder Zeitr\u00e4ume gab, in den die Migrations- und Integrationspolitik einen Anlauf nahm (Mitte der 1990er etwa oder rund um den Beitritt zur oder der Erweiterung der EU\/2004)<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[14]<\/a> so bleibt doch im wesentlichen eine Haltung \u00fcber, die rassistisch konnotiert und mit \u00dcberlegenheitsfantasien ausgestattet ist, die vermeintlich dazu bef\u00e4higt, Arbeitskr\u00e4fte beliebig und nach utilitaristischen Gesichtspunkten zu \u201everwenden\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist aber gleichzeitig gepr\u00e4gt, von Restriktionen und Abwehr gegen\u00fcber Zuwanderung, Inklusion\/Integration und des dauernden Aufenthaltes von Zugewanderten, denn das w\u00fcrde die Neuzugewanderten mit gleichen Rechten austatten. Anhand der Staatsb\u00fcrgerschaftsdebatte sieht man dies am deutlichsten. Eine Integration, das dem Begriff gerecht wird, ist von weiten Teilen der Politik nicht gewollt (Siehe Gruber, Rosenberger 2015).<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcsste doch die offizielle Politik und Verwaltung \u2013 angesichts der Entwicklungen am Arbeitsmarkt \u2013 schon l\u00e4ngst eine Kehrtwende vornehmen. Abbau von gesetzlichen Restriktionen und H\u00fcrden, B\u00fcrokratievereinfachung, gezielte Pl\u00e4ne und Konzepte, um ben\u00f6tigte Arbeitskr\u00e4fte ins Land zu holen, Potenziale heben bei jenen, die chon im Land sind u.v.m. (dazu in einem der n\u00e4chsten Teile der Serie mehr).<\/p>\n\n\n\n<p>Und so d\u00fcmpelt die \u00f6sterreichische Politik weiter im Sumpf des Jammerns \u00fcber die Ver\u00e4nderungen, Beharrens auf unbrauchbare und abweisende Gesetze, sowie auf Mythen und Angstszenarien, die zwar f\u00fcr den Boulevard und das Ressentiment tauglich sind jedoch keinerlei Probleml\u00f6sungskompetenz f\u00fcr die Jetztzeit anzubieten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele dazu gef\u00e4llig? Die SP\u00d6 operiert noch immer oder in den 2020er wieder mit einem Slogan, den sie in den 1990er \u2013 als sie noch die Innenminister stellte \u2013 kreiert hat und der damals schon falsch war: Integration vor Neuzuzug (dazu etwas sp\u00e4ter mehr). Die aktuelle Rergierungskoalition wiederum hat nichts anderes zu bieten, als milit\u00e4rische, restriktive und untaugliche b\u00fcrokratische L\u00f6sungen, die nachweislich in den letzten Jahrzehnten viel Geld verschlungen haben, den Apparat weiter aufgebl\u00e4ht haben, jedoch kaum etwas zur L\u00f6sung der Probleme beigetragen hat und viel \u00f6fter lediglich populistische Ank\u00fcndigungspolitik darstellte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im folgenden m\u00f6chte ich auf diese Floskeln und Phrasen, die aufgrund von gef\u00fchlsm\u00e4ssigen \u2013 eher faktenbefreiter \u2013 Politik fu\u00dfen und seitdem wiederholt werden, unabh\u00e4ngig davon ob sie richtig sind, geschweige denn irgend etwas bewirken, eingehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Integration vor Neuzuzug?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Eine Floskel, die in der harschen Phase des Aufstiegs von J\u00f6rg Haider (FP\u00d6\/BZ\u00d6) in den 1990er in der Schwarz\/roten Regierungskoalition entwickelt worden ist und vor allem von der roten Regierungsh\u00e4lfte propagiert wurde, die damals die Innen- und Sozialminister (sic!) stellte, ist die \u201eIntegration vor Neuzuzug\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[15]<\/a>. Um den populistischem Druck von rechter und rechtsextremer Seite stand zu halten, wurde einerseits der Haider FP\u00d6 recht und nach gegeben, ihrem Narrativ folgend, dass man den Neuzuzug, insbesondere auch \u00fcber das Asylverfahren\/-recht eind\u00e4mmen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzlich glaubte auch die SP\u00d6 daran, dass es eine \u201eGrenze der Aufnahmekapazit\u00e4t\u201c g\u00e4be. In diesen Jahren kamen vor allem viele Fl\u00fcchtling aus den Jugoslawienkriegen nach \u00d6sterreich. Kein Wort dar\u00fcber wurde dar\u00fcber verloren, dass \u201eKapazit\u00e4ten\u201c flexibel sind, gestaltbar, von Politik, Medien, \u00f6ffentlicher Stimmung und Zivilgesellschaft entwickelt oder behindert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Der schnelle Anstieg von Kriegsfl\u00fcchtlingen und das rasche F\u00fcllen der Unterbringungen, die vom Staat zur Verf\u00fcgung gestellt wurden, schien die These zu st\u00fctzen. W\u00e4re nicht die Zivilgesellschaft und die \u201ejugoslawische Community\u201c gewesen, die Fl\u00fcchtlinge, die zum Teil ihre Verwandten und Freund*innen waren, aufnahm, w\u00e4ren die Kapazit\u00e4ten rasch voll gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite wollte die SP\u00d6 eine humane Seite, als Gegenkonzept zur FP\u00d6, pr\u00e4sentieren und der Tatsache gerecht werden, dass \u00d6sterreich zu einem Einwanderungsland geworden war. Dass getraute sich die SP\u00d6 F\u00fchrung nicht laut sagen, aber gleichzeitig wu\u00dfte man, dass man auf dem Arbeitsmarkt und in anderern Feldern etwas unternehmen werden musste, wollte man nicht eine prek\u00e4re, isolierte und entrechtete Arbeiter*innenschicht gr\u00f6\u00dfer werden lassen, die den Druck auf die Arbeitnehmer*innenrechte in \u00d6sterreich verst\u00e4rken, weil eine hohe Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr den \u2013 auch illegalen Arbeitsmarkt (Pfusch) \u2013 bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>Also f\u00fchrte man den Begriff der Integration ein und meinte damit eine politische Doppelstrategie gefunden zu haben, um beiden auseinanderstrebendenen Tendenzen, die es auch in der SP\u00d6 gab und gibt, bei Laune zu halten. Diese Strategie spielgt sich auch in den Gesetzespakten Mitte der 1990er Jahre wider, in denen die restriktiven Versch\u00e4rfungen \u2013 insbesondere im Asylrecht \u2013 weiter voran getrieben wurden. Was jedoch nicht zur Befriedung der rechten Seite, sondern nur zum Vorwurf der halbherzigen Komprisse und zu weiteren und immer inhumaneren Forderungen und Versch\u00e4rfungen f\u00fchrte. Auf der anderen Seite war erstmal von Integrationsma\u00dfnahmen und von aufenthaltsverfestigenden Ma\u00dfnahmen die Rede. In der Regierungspolitik ein Novum. Ergebnis war unter anderem das Niederlassungsgesetz (1997).<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Angelegenheit mit dem Slogan hat nur einen Haken. Er ist faktenbefreit und hat keinerlei Aspekt auf Aussicht eines Erfolges. Wir kommen zum Begriff der Integration; der in einem sp\u00e4teren Teil der Serie noch detailierter untersucht wird. Auf eine Kurzformel kann man Integration jedoch herunter brechen. Es bedeutet im wesentlichen Aufstieg. Damit ist vordergr\u00fcndig einmal ein wirtschaftlich-\u00f6konomischer Aspekt gemeint, kann jedoch viele andere Bereiche umfassen. Migrationsgesellschaften klassischer Art weisen das h\u00e4ufigste Szenario auf, dass Neuank\u00f6mmlinge in untersten Segmenten des Arbeitsmarktes Fu\u00df fassen; als Taxifahrer*<em>innen, als Tellerw\u00e4scher<\/em>*innen, als Putzkr\u00e4fte usw. Bereiche des Arbeitsmarktes, die zum Teil illegal sind, auf jeden Fall prek\u00e4r, niedrig entlohnt sind und in denen man keine Vorbildung braucht.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[14]<\/a> Etwa durch den sogenannten MIPEX \u2013 europ\u00e4ischen Integrationsindex erhoben, siehe auch: https:\/\/www.mipex.eu\/integrationsindex-oesterreich-im-eu-ranking-vorletzter-stelle<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[15]<\/a> https:\/\/www.profil.at\/oesterreich\/integration-migration-asylkonzept-spoe-10343294<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Jene, die das vorher gemacht haben, ebenfalls zumeist Migrant*innen, die schon etwas l\u00e4nger da sind und daher sich sprachlich schon etwas besser ausdr\u00fccken k\u00f6nnen und eventuell sogar schon eine Ausbildung begonnen haben und eine Nostrifikation ihrer mitgebrachten F\u00e4higkeiten anstreben, steigen eine Stufe h\u00f6her, entweder im gleichen Bereich oder sie wechseln den Job, hin zu einem besseren. Dadurch entsteht eine Rotation, die die meisten langsam aber sicher nach oben f\u00fchrt; sie werden unmittelbare Vorgesetzte, jene die vorher ihre unmittelbaren Vorgesetzten waren, steigen ebenfalls auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei durchl\u00e4ssigen, liberalen Gesellschaftsmodellen, wie es etwa die USA fr\u00fcher waren, ist das ein akzeptiertes und funktionierendes \u201eIntegrationsmodell\u201c. Der Aufstieg und die M\u00f6glichkeiten sich weiter zu bilden, Unternehmen zu gr\u00fcnden oder in der Hierarchie aufzusteigen, ist m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz dazu ist \u00d6sterreich das genau Gegenteil. Hier wird es Einsteiger*innen sehr schwer gemacht und die Aufstiegschancen sind gering. Studien zufolge stecken Migrant*innen, die als \u201eGastarbeiter*innen\u201c gekommen waren, 20-30 Jahre sp\u00e4ter \u00fcberwiegend in den gleichen Jobs fest. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Aufenthalt war verfestigt und sie erhielten mit den Jahren mehr Lohn, aber ihr Job war \u00fcberwiegend noch immer der gleiche gering bewertete Hilfsarbeiter*innenjob (Fassmann, 2006). Ein Aufstieg gelang nur unter gro\u00dfen Anstrengungen und mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Willenskraft. Oft sogar erst in der zweiten Generation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erh\u00f6hte Arbeitswilligkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Inkrafttreten des Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetzes (AuslbG) 1975, (siehe Teil 2, Kap. 2 der Serie) wurde ein System der Kontrolle und Reglementierung geschaffen, das urspr\u00fcnglich von lauteren Motiven getragen war. Besonders die Gewerkschaften und Arbeiterkammer, also die der Arbeiterbewegung nahestehenden Sozialpartner waren bem\u00fcht, Ausbeutung hinanzustellen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn je weniger regelmentiert und leichter neue Arbeitskr\u00e4fte geholt werden k\u00f6nnen, desto leichter entstehen Zust\u00e4nde am Arbeitsmarkt, die Ausbeutung forcieren. Daher waren die \u201elinken\u201c Sozialpartner darauf bedacht, den Arbeitsmarkt zu kontrollieren und in Verbindung mit dem Aufenthalt, einer zugewiesenen Arbeitsstelle und einem nachgewiesenen Wohnraum sollte damit Ausbeutung vermieden, minimiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was damit jedoch im Laufe der Zeit erzeugt wurde, war ein segmentierter Arbeitsmarkt. Bewilligungen f\u00fcr Neuzuwanderer waren nur in bestimmten Segmenten und Branchen erh\u00e4ltlich, ganz dem Postulat der Beachtung der Lage auf dem Arbeitsmarkt<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[16]<\/a> folgend. Durch diese Regulierung erhielten Migrant*innen die Bewilligung durch das AuslbG nur in bestimmten Bereichen Hilfsarbeiter*innenjobs, K\u00fcchenhilfen, Putzjobs. Typische Migrant*innenjobs, vormals Gastarbeiter*innenjobs zeichnen sich durch geringes Lohn- und technisches Niveau aus (Siehe auch Nowotny 2006).<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Bewilligungspolitik des AMS entwickelte sich ein Hilfsarbeiter*innen- und Anlernsegment. Dort erhielten Migrant*innen eine Bewilligung und nur dort, auch wenn sie weit dar\u00fcber qualifiziert waren. Gudrun Biffl<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[17]<\/a>, damals beim Wirtschaftsf\u00f6rderungsinstitut (WIFO) t\u00e4tig, fand heraus, dass 2\/3 der ausl\u00e4ndischen Besch\u00e4ftigten in nur sechs Branchen und dort \u00fcberwiegend in Anlern- und Hilfsarbeiter*innensegment t\u00e4tig waren: Leder, Textil, Bau, Baunebengewerbe, Gastgewerbe und Tourismus (Biffl 1985).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>August G\u00e4chter, fr\u00fcherer Mitarbeiter des Institutes f\u00fcr H\u00f6here Studien (IHS) und dem Zentrum f\u00fcr Soziale Innovation (ZSI) in Wien und Experte f\u00fcr Fragen des Arbeitsmarktes und der Migration, erforschte und skizzierte diesen Kreislauf der \u201eerh\u00f6hten Arbeitswilligkeit\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ein Ausl\u00e4nder (sic!) muss schneller zu einem Job kommen als ein \u00d6sterreicher. Es besteht ein erh\u00f6htes Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zum Arbeitgeber<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\"><strong>[18]<\/strong><\/a>. Die Drohung, die Besch\u00e4ftigungsbewilligung einseitig einfach aufl\u00f6sen zu k\u00f6nnen, ist versch\u00e4rfend f\u00fcr diesen Zustand, denn verliert der Ausl\u00e4nder den Job, ist auch sein Aufenthalt in Gefahr und nat\u00fcrlich auch seine Wohnunterkunft. Daher ist er in h\u00f6herem Ausma\u00df bereit, Jobs anzunehmen, die schlecht bezahlt oder gef\u00e4hrlich sind. Dazu kommt, dass er keine gewerkschaftliche Vertretung besitzt \u2013 Migrant*innen sind vom passiven Wahlrecht<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\"><strong>[19]<\/strong><\/a> ausgeschlossen und k\u00f6nnen daher viele Anspr\u00fcche einfach nicht einfordern bzw. erhalten durch die zuvor erw\u00e4hnte Abh\u00e4ngigkeit diese nicht. Nach dem Motto: \u201eEs warten viele andere auf einen Job, wenn es dir nicht passt, kannst du jederzeit gehen<\/em>\u201c (siehe Gulis, 2001).<\/p>\n\n\n\n<p>Im R\u00fcckblick stellte diese Form der Arbeitsmarktregulierung eine fatale L\u00f6sung dar. Die gro\u00dfe Anzahl der damals in den Arbeitsmarkt kommenden Migrant*innen hing in den zuvor genannten Arbeitsmarktsegmenten fest. Sie kamen selten voran, waren von Karriereschritten, von Bildungsma\u00dfnahmen ausgeschlossen, mussten sich m\u00fchsam in der Hierarchie der Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungserleichterungen (Arbeitserlaubnis und Befreiungsschein) hochk\u00e4mpfen und blieben auch in ihrer Lohnentwicklung zur\u00fcck. Somit wurden sie zu einer vierten, abh\u00e4ngigen und potenziell armutsgef\u00e4hrdeten Schicht gemacht, neben den Arbeiter*innen, den Angestellten und den Beamten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anbindung und enge Kontrolle wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder kritisiert, zumal damit auch eine Dequalifizierung einher ging. Viele der \u201eHilfsarbeiter*innen\u201c verloren ihre urspr\u00fcnglichen Qualifikationen und Fertigkeiten, konnten auch oft diese nicht nachweisen, bzw. deren Zertifikate wurden in \u00d6sterreich nicht anerkannt. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Unternehmen war das Bewilligungsverfahren ein willkommenes Instrument der Profitmaximierung, denn sie erhielten oft ausgebildete Fachkr\u00e4fte zu einer viel niedrigeren Einstufung, Abh\u00e4ngigkeit des Besch\u00e4ftigten (da ja sie als Arbeitgeber die Erlaubnis erhielten) und einem geringeren Sal\u00e4r. Aus Sicht der \u00f6sterreichischen Wirtschaft kann man sagen: Was will man mehr! <\/p>\n\n\n\n<p>Diese guten Bedingungen dr\u00fccken sich auch darin aus, dass im Gegensatz zur herrschenden Meinung \u2013 Zuwanderung w\u00fcrde die Wirtschaft gef\u00e4hrden \u2013 das Gegenteil der Fall ist. In der Regel ist es so, dass gr\u00f6\u00dfere Zuwanderungs- und Fl\u00fcchtlingsbewegungen die Wirtschaft ankurbeln. G\u00e4chter untersuchte das anhand der Fl\u00fcchtlingsbewegung aus dem Ex-Jugoslawien ab 1992. Alle Prognosen gingen davon aus, dass die Wirtschaft in \u00d6sterreich stagniere, wenn nicht sogar sinken w\u00fcrde. Am Ende des Jahres 1993 war die Wirtschaft nicht geschrumpft, sondern um 1,6 % gestiegen (Siehe G\u00e4chter 2012).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[16]<\/a> Ein wichtiger Kernindikator im AuslbG<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[17]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gudrun_Biffl<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref1\">[18]<\/a> Durch das Bewilligungsverfahren im AuslbG, dass dem Arbeitgeber in eine zentrale Position r\u00fcckt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1755&amp;action=edit#_ftnref2\">[19]<\/a> Fr\u00fchere Rechtslage, mittlerweile ist das passive Wahlrecht durchgesetzt. Siehe auch: https:\/\/www.oegb.at\/themen\/gleichstellung\/antidiskriminierung\/migrantinnen-in-der-gewerkschaft<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_4326-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1757\" width=\"370\" height=\"493\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_4326-rotated.jpg 480w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/IMG_4326-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a>Literatur:<\/a><\/h4>\n\n\n\n<p>Aichinger, Elisa; Hintermeier, Katrin; Siess, Katharina: Neue Perspektiven und ungenutzte Potenziale. Integration von Menschen mit Fluchthintergrund am \u00f6sterreichischen Arbeitsmarkt. Deloitte Consulting \u00d6sterreich, Sindbad &#8211; Social Business, Wien 2023.<\/p>\n\n\n\n<p>Biffl, Gudrun: Die Entwicklung der Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung in den wichtigsten europ\u00e4ischen Industriestaaten. In: Monatsbericht des Wifo. Wien 1985 \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Erkurt, Melisa: Generation Haram. Warum Schule lernen muss, Allen eine Stimme zu geben. Zsolnay Verlag, Wien 2020.<\/p>\n\n\n\n<p>Fa\u00dfmann, Heinz: Funktion und Bedeutung der Arbeitsmigration nach \u00d6sterreich. S. 100-110. In: Althaler, Karl, S.; Hohenwarter, Andrea (Hg.): Torschlu\u00df. Wanderungsbewegungen und Politik in \u00d6sterreich. Verlag f. Gesellschaftskritik, Wien 1992.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00e4chter, August: &#8222;Migrationspolitik in \u00d6sterreich seit 1945\u201c. Arbeitspapiere Migration und soziale Mobilit\u00e4t, Nr.12. Wien 2008.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00e4chter, August: Was braucht eine Gesellschaft, die fit sein soll f\u00fcr Einwanderung? S. 42 \u2013 50. In: Ikemba (Hg.): \u201eFit f\u00fcr Vielfalt?\u201c Tagung anl\u00e4\u00dflich des 5-j\u00e4hrigen Bestehens des Vereins Ikemba, Tagungsdokumentation. Eigenverlag Graz, 2012.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Gruber, Oliver; Rosenberger, Sieglinde: Ein Staatssekreatriat f\u00fcr Integration: Integrationspolitik in Bewegung. Forschungsbericht. Inex-The Politics of Inclusion and Exclusion. Uni Wien 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Gulis, Wolfgang: Von der Gastarbeiterpolitik zu einer Einwanderungspolitik? In: Diversity Management. Kulturelle Vielfalt am Arbeitsplatz nutzen, Zebratl Spezial, Dokumentation, Graz 2001.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnz, Rainer; Zuser, Peter; Kytir, Josef: Grenz\u00fcberschreitende Wanderungen und ausl\u00e4ndische Wohnbev\u00f6lkerung: Struktur und Entwicklung. In: Fassmann, Heinz; Stacher, Irene (Hg.): \u00d6sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Drava Verlag, Celovec\/Klagenfurt \u2013 Wien, 2003<\/p>\n\n\n\n<p>Nowotny, Ingrid: Das Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz: Die Regelung des Zugangs von Ausl\u00e4nderInnen zum \u00f6sterreichischen Arbeitsmarkt. S. 47 \u2013 73. In: Fassmann, Heinz (Hg.): 2. \u00d6sterreichischer Migrations- und Integrationsbericht, Drava Verlag, Celovec\/Klagenfurt \u2013 Wien, 2006<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Mythen und liebgewonnenen Vorurteilen Die 1960er und 70er waren die Hochphase eines beispiellosen Wirtschaftsaufschwunges, der 1974 mit der \u00d6lkrise eine erste Delle erhielt. Zwar stagnierte die Wirtschaft damit einige Zeit und erholte sich erst langsam, aber insgesamt war die Wohlstandsmehrung in \u00d6sterreich auf einem recht hohen Niveau und es ging auch bald wieder weiter &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-4\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[374,403,427],"tags":[446],"class_list":["post-1755","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-migration-flucht","category-rassismus-diskriminierung","category-spiel-mit-dem-leben-der-anderen","tag-migration-integration-vor-neuzuzug-erhoehte-arbeitswilligkeit-arbeitsmarkt-zuwanderung-auswanderung","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1755"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1760,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1755\/revisions\/1760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}