{"id":1724,"date":"2022-12-05T12:49:07","date_gmt":"2022-12-05T12:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1724"},"modified":"2023-01-02T13:39:49","modified_gmt":"2023-01-02T13:39:49","slug":"spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-3\/","title":{"rendered":"Spiel mit dem Leben Anderer Teil 2, Kapitel 3"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Von dem was gerne nicht erz\u00e4hlt wird<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Im zweiten Teil blickten wir bereits kurz auf das Ende der ersten Phase der Migrationsbewegung in \u00d6sterreich, die von 1962 bis 1974 dauerte. Diese ist einerseits durch die Beschlussfassung des Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetzes (AuslbG) 1974 markiert, dass das sozialpartnerschaftliche Raab-Olah Abkommens ersetzte; und andererseits durch den sogenannten \u201e\u00d6lschock\u201c (siehe auch Teil 2), der die wirtschaftliche Aufschwungphase in West- und Mitteleuropa, die seit Mitte der 1950er anhielt, j\u00e4h stoppte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Bevor wir daran anschlie\u00dfen und uns weiter bis zur Gegenwart vorarbeiten, m\u00fcssen wir jedoch noch einige wichtige Details n\u00e4her beleuchten, die in der offiziellen Version der Erz\u00e4hlung \u00fcber diese Phase zumeist ausgespart bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Sozialpartner in den fr\u00fchen 1960er \u00fcber die Zuwanderung von Gastarbeitern nachzudenken begannen und da hatte man nur M\u00e4nner im Blick, war das Bild recht einf\u00e4ltig und schablonenhaft. An all die weiteren Entwicklungen und Folgen hatten die Herrschaften, die dar\u00fcber entschieden, nicht gedacht. Noch deutlicher gesagt; man dachte sich insgesamt recht wenig, was solchweitreichenden Entscheidungen auf die Menschen und insbesondere auf die beteiligten L\u00e4nder (Aus- und Einwanderungsl\u00e4nder) bedeuten k\u00f6nnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Es folgte vielmehr den recht einfach gestrickten egoistischen Interessen, dem kurzfristigen Profitstreben von Unternehmen und Betrieben, die das durchsetzen ureiegnester Interessen gewandt k\u00f6nnen und einzusetzen wissen. Es ist aber auch unterf\u00fcttert durch eine Denkweise, &nbsp;die mit einer rassistischen \u00dcberheblichkeit ausgestattet ist, wie wir sie in \u00e4hnlicher Weise schon bei der Kolonialisierung und dem Sklavenhandel beobachten konnten und von Klischees, Rassismen und Vorurteilen nur strotzt.<\/p>\n\n\n\n<p>An die kulturellen, sozialen, politischen Folgen verschwendete man keinen Gedanken. Man holte Leute, die mit Freuden nur auf die Abreise nach \u00d6sterreich warteten, soe die Meinung und die nach einer bestimmten Zeit wieder \u201eheim geschickt\u201c werden k\u00f6nnten, wenn man sie nicht mehr brauche, so der simple Gedankengang. Man t\u00e4te denen schlie\u00dflich doch auch was Gutes, denn man w\u00fcrde sie ja aus ihrem Elend holen. Man ging selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass alle, die angesprochen werden, froh sein m\u00fcssten, Armut und Arbeitslosigkeit in ihren Heimatl\u00e4ndern zu entrinnen. Was das f\u00fcr das Gef\u00fcge der Familien in den L\u00e4ndern bedeuten k\u00f6nnte? Da gab es keine Wahrnehmung dazu, w\u00fcrde man heute im Einvernahmen- und U-Ausschu\u00dfjargon antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Vehikel um die Anwerbung umzusetzen, war eine Arbeitsgemeinschaft (AG)<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, die von der Bundeswirtschaftskammer gef\u00fchrt wurde. Sie war verantwortlich f\u00fcr die Anwerbung und Rekrutierung. Ziel der AG war es nicht nur die Anwerbung in den L\u00e4ndern, mittels Anwerbeb\u00fcros zu betreiben, sondern auch den Firmen, die Arbeitskr\u00e4fte suchten, behilflich zu sein. Schon 1961 \u2013 also bereits ein Jahr vor dem tats\u00e4chlichen vereinbarten Abkommen (Raab-Olah) trat die AG an Botschaften von ins Auge gefassten L\u00e4ndern heran, um die administrativen und juristischen Fragen der Anwerbung zu kl\u00e4ren. Man f\u00fchrte mit vier L\u00e4ndern Gespr\u00e4che, um Arbeitskr\u00e4fte zu holen (siehe Parnreiter, S. 72).<\/p>\n\n\n\n<p>Das waren: Griechenland, Spanien, Jugoslawien und die T\u00fcrkei. Die Anwerbung aus ersteren L\u00e4ndern gelang nie so richtig und versiegte bald wieder. Bei den anderen beiden waren die Bem\u00fchungen erfolgreicher. Dies ist der schlichte Grund daf\u00fcr, dass in \u00d6sterreich die Migrant*innencommunities aus dem Ex-Jugoslawien (Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kosovo) gro\u00df sind und die griechische Migrationsbewebung nach \u00d6sterreich eher eine kleine blieb und vorwiegend aus Exilant*innen bestand, die vor der griechischen Milit\u00e4rdiktatur<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> geflohen waren und zum studieren nach \u00d6sterreich kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Jahre 1961 und 1962 gibt es zur Arbeit der AG der Bundeswirtschaftskammer keine Zahlen. Erst 1963 und\u00b464 wurde Buch gef\u00fchrt und es war eine \u00fcberschaubare Zahl an Personen, die im Rahmen der Kontingente nach \u00d6sterreich gebracht wurden. Im Jahr 1964 waren dies 4.073 Personen. In diesen ersten Jahren ist jedenfalls evident, dass die Kontingente bei weitem nicht ausgesch\u00f6pft werden konnten, lediglich 25% bis 50% konnten erf\u00fcllt werden. Das Kontingent lag \u2013 laut der Sozialpartnerschaftsvereinbarung vorerst einmal bei 47.000 Personen (Lorber, 2013, S. 33). Die Mannen, die im Rahmen der AG und den Sozialpartner mit der Rekrutierung besch\u00e4ftigt waren, standen also vor dem \u2013 f\u00fcr sie \u2013 \u00fcberraschenden Ph\u00e4nomen, das trotz des Angebotes wenig Interesse nach \u00d6sterreich zu kommen, bestand (siehe Parnreiter, S. 72).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Programm der Rekrutierung sich als Selbstl\u00e4ufer erweisen w\u00fcrde, war eine Fehleinsch\u00e4tzung. Daraufhin entschied man sich, die Aktivit\u00e4ten zu erh\u00f6hen und an verschiedenen Attraktivit\u00e4tsschrauben zu drehen, um die f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Arbeitsmarkt zu interessieren. Es wurde die B\u00fcrokratie erleichtert bzw. die Anwerbeb\u00fcros \u00fcbernahmen allerlei Aufgaben f\u00fcr die Ausreisewilligen, wie etwa die Suche nach Unterkunft, den Transport, sowie Kosten\u00fcbernahmen und warben mit finanziellen Versprechungen (siehe Lorber, 2013, S. 33 ff).<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kopfgeldpr\u00e4mien<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Es stellte sich als \u00fcberraschend m\u00fchsam dar, Menschen nach \u00d6sterreich zu bringen. Erst langsam verfingen die einzelnen Ma\u00dfnahmen und der Strom der Zuziehenden wurde gr\u00f6\u00dfer. Das hatte auch damit zu tun, dass viele Firmen, die bereits Migrant*innen besch\u00e4ftigt hatten, \u201eKopfgeldpr\u00e4mien\u201c auslobten, wenn die bei ihnen Arbeitenden weitere Freund*innen, Verwandte zur Abwanderung bewegen konnten (siehe Parnreiter, S. 74).<\/p>\n\n\n\n<p>Die AG verlor bei der Neurekrutierung in der Folge von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Der \u201eSchneeballeffekt\u201c der eigenst\u00e4ndigen Anwerbung der Firmen begann sich auszuwirken. Mitunter ist diese simple Tatsache aus der Fr\u00fchzeit der Anwerbepolitik verantwortlich daf\u00fcr, dass in bestimmten Regionen \u00d6sterreichs, eine deutliche Repr\u00e4sentanz von Menschen aus einigen D\u00f6rfern in Jugoslawien oder der T\u00fcrkei zu finden ist und diese auch heute noch die Migrationsbeziehungen bestimmen. Dies ist schlichtweg der Tatsache geschuldet, das damals bereits in \u00d6sterreich ans\u00e4ssige Migrant*innen Freund*innen und Verwandte aus ihrem Dorf anwarben und die diesem Ruf folgten. Die Mund-zu-Mundpropaganda funktionierte auch damals schon besser, als jedes offizielle Communiqu\u00e9. &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Desweiteren verzweigte sich die Informationsweitergabe und es gab schlie\u00dflich nicht mehr den einen Weg \u00fcber die AG, in \u00d6sterreich Arbeit zu bekommen. Neben der Anwerbetechnik \u00fcber die AG w\u00e4hlten immer \u00f6ften auch viele den \u201eTouristenweg\u201c. Sie reisten einfach als Tourist*innen ein, meldeten sich bei einer Firma und ihre Arbeitsaufnahme wurde legalisiert. Auch der Markt der illegalen Besch\u00e4ftigung stieg. So waren 1973 gesch\u00e4tztwerweise etwa 40.000 illegale ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte besch\u00e4ftigt (siehe Parnreiter, S 74).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr die Anwerbung ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Von April 1967 \u2013 Juli 1974 (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Griechische_Milit%C3%A4rdiktatur)<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Dieser Touristenpfad wurde jedoch mit dem Einbruch der Wirtschaft 1973 und im Zuge der Debatte \u00fcber ein m\u00f6gliches Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz 1974 und mittels eines Erlasses des Sozialministers 1974 unterbunden. Damit konnte man den Status nich mehr einfach wechseln und mit einem Touristenvisum, Arbeit aufnehmen (siehe &nbsp;G\u00e4chter, 2008 S. 8)<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kamen \u00fcber die Familienzusammenf\u00fchrung auch immer \u00f6fter Frauen ins Land, die salopp als \u201eFamilienanhang\u201c bezeichnet wurden. Darunter waren aber auch Frauen, die f\u00fcr den Arbeitsmarkt vorgesehen waren und aus diesem Grund kamen bzw. angeworben worden sind. Es gab eben Bedarf an bestimmte \u2013 als \u201efrauenspezifische Arbeiten\u201c \u2013 titulierte T\u00e4tigkeiten in einigen Branchen (Textil, Bekleidung, Schuhe, Leder\u2026), zumeist angelernt und\/oder als Hilfsarbeiterinnenjobs eingestuft<a href=\"#_ftn1\">[3]<\/a>. Zeitweise \u00fcberstieg der Zuzug der Frauen sogar den der M\u00e4nner (Siehe G\u00e4chter 2008, S. 9)<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1966 stieg die Zahl der neuzuziehenden Migrant*innen kontinuierlich an. Mitunter verdoppelten sich die Zahl von Jahr zu Jahr. Dies hielt bis 1973 an, ein H\u00f6chstand mit 226.000 wurde errreicht (siehe M\u00fcnz, Zuser, Kytir, 2003).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Migrant*innen wurden bemerkbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab Mitte der 1970er Jahre traten in den verschiedenen Einrichtungen, wie Kindergarten, Schule, Wohnsiedlungen, Gesundheitseinrichtungen u.v.m., Migrant*innen sichtbar in Erscheinung. Das war in der Gro\u00dfstadt Wien und den Landeshauptst\u00e4dten oder dort wo gro\u00dfe Betriebe angesiedelt waren, in denen Migrant*innen arbeiteten, etwa in den Industrieregionen (Gro\u00dfraum Linz, obersteirische Industriest\u00e4dte) nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise wurden Migrant*innen aber auch sichtbar in Gegenden \u2013 wo man sie nicht erwartet h\u00e4tte; etwa in Vorarlberger Gemeinden wie Rankweil oder in der Region um Spittal\/Drau. Die Antwort warum das so war, ist einfach. \u00dcberall dort, wo Betriebe produzierten, die ungelernte Arbeit in gr\u00f6\u00dferer Zahl brauchten, wurden \u201eGastarbeiter*innen\u201c geholt; etwa in der lederverarbeitenden Industrie oder der Schuh- und Textilproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist auch eine M\u00e4r, dass dies nur M\u00e4nner gewesen seien, die nach \u00d6sterreich kamen. Eine qualifizierte Minderheit von zwischen 25 und 35% waren Frauen, die insbesondere in textilverarbeitenden und \u00e4hnlich gelagerten Branchen geholt wurden. Das Gros der Migrantinnen waren nachgezogene, oder -geholte Frauen der Gastarbeiter, aber eben nicht nur. Sie erwarben sich mit der Zeit eine eigenst\u00e4ndige berufliche Biografie, die auch mit Rechten verbunden war und die sich etwa den Anspruch auf die Befreiuung von AuslbG. erwarben, Anspruch auf Arbeitslosengeld hatten u.\u00e4. (Siehe Hamoud-Seifried, S. 74)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Communities wuchsen, es folgten Kinder. Aus der \u00fcberwiegend aus \u201eMenpower\u201c Gemeinschaft bestehende \u2013 also junge M\u00e4nner, deren Muskelkraft f\u00fcr die harte Arbeit am Bau oder in der Stahlproduktion ben\u00f6tigt wurden \u2013 entstanden heterogenere Migrant*innencommunities, die im Stadtbild und den Einrichtungen sichtbar wurden. Die Kinder kamen in den Kindergarten, wurden eingeschult, Migrant*innen brauchten die Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Die Communities wuchsen, Vereine entstanden, anderes, eigenes kulturelles Leben der Migrant*innen wurde gepflegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den G\u00e4sten, die geholt worden waren, die vor\u00fcbergehend da sein sollten, sind ans\u00e4ssige B\u00fcrger*innen geworden. Wenngleich deutlich wurde, welche Auswirkungen diese gezielte Anwerbepolitik auf die soziale und demografische Struktur der Zuwanderer hatte. Es waren in der ersten Phase \u00fcberwiegend schlecht ausgebildete, oft aus l\u00e4ndlichen Gebieten stammende junge M\u00e4nner, die wenig Schulbildung aufwiesen. Viele von ihnen fanden in ihren Heimatl\u00e4ndern, nach Abschlu\u00df der Schule keinen ad\u00e4quaten Job. Das galt sowohl f\u00fcr die jugoslawischen Zuwanderer, die aus der \u2013 damals noch bestehenden \u2013 kommunistischen Sp\u00e4hre kamen, als auch f\u00fcr die t\u00fcrkischen, die aus konservativ-l\u00e4ndlichen, muslimisch gepr\u00e4gten Gegenden kamen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr beide galt aber generell, dass sie dem \u201eWesten\u201c aufgeschlossen gegen\u00fcber standen und innovationsfreudig waren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Communities entstanden<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Aus der Migrationsforschung kann man auch festhalten, dass Neuzuwanderer sich an die bereits ans\u00e4ssigen Communities orientieren und dort Aufnahme, Information und Anleitung erhalten. So war es auch in diesen Anfangsjahren, so ist es auch heute noch bei Neuzugewanderten. Die t\u00fcrkischen M\u00e4nner etwa trafen sich in ihrer Freizeit und an den Wochenenden mit den schon l\u00e4nger im Land befindlichen. Die ersten Vereine und Kulturzentren, sp\u00e4ter auch Cafeh\u00e4user entstanden. Man spielte Karten, trank Tee, diskutierte, ging zum Fussballspielen, erhielt aber auch Informationen, konnte sich organisieren, etwa die Heimreise oder den Transport von G\u00fctern aus der Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wien war jahrelang der alte S\u00fcdbahnhof ein Treffpunkt f\u00fcr Migrant*innen aus dem alten Jugoslawien. Sonntagnachmittag\/-abends traf man sich dort, weil Neuzugewanderte ankamen, man Infos erhielt und Freunde dort traf. Sp\u00e4ter, als das Reisen bereits leichter wurde blieb der Treffpunkt f\u00fcr die Ankommenden dennoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gewerkschaften und die Arbeiterkammer k\u00fcmmerten sich im beschr\u00e4nkten Ma\u00dfe um die Neuank\u00f6mmlinge, f\u00f6rderten insbesondere sogenannte Sport- und Kulturvereine, die das gesellschaftliche Leben der Neuzuwanderer in geordnete Bahnen lenken sollten. In diesen Vereinen wurde sehr h\u00e4ufig Brauchtum und kulturelle Traditionen gepflegt, Feste gefeiert und sportliche Aktivit\u00e4ten gef\u00f6rdert; Fussballturniere organisiert, Mannschaften unterst\u00fctzt. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[3]<\/a> https:\/\/awblog.at\/migrantinnen-aus-der-tuerkei-50-jahre-an-versaeumnissen\/<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1725\" width=\"373\" height=\"280\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/P1040714-750x563.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 373px) 100vw, 373px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Da der \u00d6FB (\u00d6sterreichische Fussballbund) sehr restriktiv war und rein serbische, kroatische usw. Mannschaften nicht in den offiziellen Meisterschaften spielen lie\u00df, gab es auch eine eigene, nicht anerkannte \u201eGastarbeiterliga\u201c \u2013 insbesondere war diese in Wien l\u00e4ngere Zeit aktiv \u2013 in der die Mannschaften spielten, die homogen waren, also ausschlie\u00dflich aus Serben usw. bestanden, oft sogar nur aus einer bestimmten Region\/Gegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange Jugoslawien noch existierte, &nbsp;funktionierte die Abwicklung eines Meisterschaftsbetriebes ganz ordentlich. Mit dem Auseinanderfallen Jugoslawiens wurden die Spannungen im Heimatland auch auf die Migrant*innencommunities \u00fcbertragen und gemeinsame Aktivit\u00e4ten waren nicht mehr m\u00f6glich (siehe auch Lorber 2016, S. 130 ff).<\/p>\n\n\n\n<p>Als immer mehr Familien und damit Kinder in \u00d6sterrech lebten, waren Vereine mitunter auch dazu da, um einen sprachlichen Unterricht zu unterst\u00fctzen. Da gab es sowohl Angebote die Muttersprache zu erhalten, was damals \u00fcberwiegend in der Mehrheitsgesellschaft auf Unverst\u00e4ndnis stie\u00df. Sollten doch die \u201eAusl\u00e4nder\u201c Deutsch sprechen und verstehen lernen. Dass die Muttersprache elementar f\u00fcr das Erlernen einer Zweitsprache ist, fand damals noch keinerlei Eingang in die Vorstellungswelt. Es wurden aber auch Deutschkurse angeboten, insbesondere f\u00fcr die Kinder, die in der Schule sprachliche Defizite aufwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt entstanden jedoch Communities abseits der Mehrheitsgesellschaft. Die \u00f6sterreichische Gesellschaft und die Verantwortlichen hatten keinen Gedanken an Integration oder Beteiligung verschwendet. Das war ja auch nicht vorgesehen. Es waren daher auch nicht nur die \u201efremde Kultur\u201c, die Sitten und Gebr\u00e4uche sowie deren Aussehen, die langsam aber sicher aufzufallen begann, sondern vor allem auch ihre Position als Arbeiter*innen und ihre sozial als niedrig eingestufte Position und Lage, die sie \u201eAnders\u201c sein lie\u00df und durch Medien gef\u00f6rdert zu Ablehnung und Aggression f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Wohnen wurde zum Thema<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Mit dem Zuzug&nbsp; bzw. der Gr\u00fcndung von Familie stellte sich auch die Wohnsituation in einem neuen Licht dar. Die jungen M\u00e4nner der ersten Jahre lebten \u00fcberwiegend in Baracken und Massenquartieren, die entweder von den Firmen zur Verf\u00fcgung gestellt wurden, mit Schlafs\u00e4len oder Mehrbettzimmern und Gemeinschaftsduschen oder in Fremdenpensionen (Arbeiterpensionen), in denen sie sich wochen- oder monateweise einquartieren konnten.&nbsp; Die Zust\u00e4nde waren in der Regel einfach, meist desolat und unterster Standard, auch f\u00fcr die damaligen Verh\u00e4ltnisse. Zumeist waren diese Zimmer im Verh\u00e4ltnis zu ihrem Komfort und ihrer Austattung auch noch dazu \u00fcberteuert. Mit der Not, Wohnraum zu brauchen, lie\u00df sich gutes Geld machen (Siehe Lorber, 2013, S. 40).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Vergr\u00f6\u00dferung der Familie musste neuer Wohnraum angeschafft werden. Ein probates Mittel daf\u00fcr waren etwa in Wien die sogenannten Hausmeisterwohnungen oder Souterrainwohnungen, die erschwinglich waren. Der Trend, das immer weniger \u00d6sterreicher*innen den Job als Hausmeister machen wollten, bzw. etwas sp\u00e4ter die klassische Funktion des Hausmeisters immer \u00f6fter abgeschafft wurde, spielte eine gewichtige Rolle. Viele Migrant*innenfamilien aus dieser Zeit wurden Hausmeister*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell aber waren jene Wohnungen, die am freien Markt verf\u00fcgbar waren, im Verh\u00e4ltnis zu ihrem Standard teuer und lagen auch an Strassen und Pl\u00e4tzen, die laut, schmutzig und verkehrsreich waren. Der Gemeindewohnbau stand den \u201eGastarbeiter*innen\u201c damals noch nicht offen. Die 1960 und \u00b470er waren eine \u00c4ra, in den zwar einerseits viel, aber auch billig gebaut wurde und daher der L\u00e4rm an stark befahrenen Strassen eine intensive Belastung darstellte. Andererseits war das Auto zu diesen Zeiten die heilige Kuh, der die Stadtplanung und -politik alles unterordnete (siehe Kaufmann, S 140 ff).<\/p>\n\n\n\n<p>So ist also die erste Phase der Migration nach dem 2. Weltkrieg von Unsichtbarkeit und N\u00fctzlichkeits\u00fcberlegungen gepr\u00e4gt. Fragen, wie etwa Aufenthaltsverfestigung, Integrationsma\u00dfnahmen, Bildung, Schule, Kindergarten, Beteiligung und gleiche Rechte&nbsp; hatten keinerlei Bedeutung. Die erst kleine Gruppe von Zugewanderten, die erst nach Jahren zu wachsen begann, fristete ein Leben abseits der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung, gepr\u00e4gt von den W\u00fcnschen der Wirtschaft, den \u00c4ngsten der Gewerkschaften und der Politik, die m\u00f6glichst wenig Aufheben um die Gruppe und ihre Rotationspolitik haben wollte. Mit dem \u00d6lschock, wie schon erw\u00e4hnt und dem neuen Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz (AuslbG) und einem doch deutlichen Zahlenknick ist das Ende der Phase 1 markiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eintritt in die Phase 2:<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Gerade erst hatten Sozialpartner und die beiden Gro\u00dfparteien (SP\u00d6\/\u00d6VP) auf politisch-rechtlicher Ebene ein Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz (AuslbG) ausverhandelt, im Parlament 1974 beschlussreif gemacht und mit 1975 in Kraft treten lassen, da tauchten in den einzelnen Politikfeldern \u2013 Soziales, Wohnen, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Bildung \u2013 Reformnotwendigkeiten auf, denn die Gastarbeiter*innen hatten mittlerweile ihren Lebensmittelpunkt in \u00d6sterreich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>War bis dahin das Thema kaum \u00f6ffentlich pr\u00e4sent und nur Spezialist*innen der Sozialpartner und des Arbeitsmarktes bekannt, so begann ab Mitte der 1970er auch die Wahrnehmung sich zu ver\u00e4ndern. T\u00fcrkische oder jugoslawische Kolleg*innen kannten nur jene, die mit ihnen am Arbeitsplatz zu tun bekamen. Aber nach und nach wurden die Themen auch \u00f6ffentlich und die Gesellschaft begann die Gruppe wahrzunehmen. Ging es doch um soziale Verwerfungen, um Wohnungsnot, um Ausbeutung am Arbeitsplatz, um Kinder, die ohne die Sprache zu sprechen in den Kindergarten kamen und\/oder eingeschult werden sollten. Fragen, mit denen sich die Gesellschaft, die Beh\u00f6rden und Institutionen und nicht zuletzt vor allem die Politik, aber auch die Wissenschaft bis dato nicht oder wenig besch\u00e4ftigt hatten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eWir riefen Arbeitskr\u00e4fte\u2026\u201c<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Man kann aus der heutigen Sicht feststellen, dass das Konzept der Rotation (best\u00e4ndiger Austausch und\/oder Abbau der Arbeitskr\u00e4fte) so wie es gedacht war, gescheitert ist. Wengleich zwischen 1974 und 1984 ein erheblicher Anteil, mehr als 40% der rekrutierten Zuwanderer wieder abgebaut wurden (Fassmann, S. 103) so musste man doch feststellen, dass die Gr\u00f6\u00dfe der Communities nicht wesentlich geringer wurde. Durch den veranlassten Anwerbestopp und den bef\u00fcrchteten Abbau, verl\u00e4ngerten viele Migrant*innen ihren Aufenthalt und holten ihre Familien nach (siehe Bauer, S. 6). Der Anteil der Frauen und der Kinder wurde anteilsm\u00e4ssig gr\u00f6\u00dfer. Es zeigte sich, nur den Arbeitsmarkt und die Wirtschaftsinteressen zu betrachten, griff viel zu kurz. Wie formulierte das der schweizer Schriftsteller Max Frisch<a href=\"#_ftn1\">[4]<\/a> so treffend: \u201eWir riefen Arbeitskr\u00e4fte und es kamen Menschen\u201c (1965). Menschen hatten sich in \u00d6sterreich niedergelassen und hatten nicht vor, das Land gleich wieder zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher wurden die Probleme dr\u00e4ngender. Die \u00d6ffentlichkeit \u2013 zumeist durch Boulevardmedien repr\u00e4sentiert \u2013 berichteten immer nur, wenn es Aufreger gab. F\u00fcr die gr\u00f6\u00dfer werdenden Gruppen jedoch wurden die existenziellen Sorgen (Arbeit, Wohnung, Bildung, Einkommen) dringlicher.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auff\u00e4llig ist, dass in den wissenschaftlichen, aber auch sonstigen medialen Diskursen \u201eGastarbeiter\u201c fast ausschlie\u00dflich in Zusammenhang mit \u201eProblemen\u201c thematisiert wurden. Stets ging es um die \u201eProblematik der Gastarbeiter\u201c, um \u201eProbleme von Arbeitsmigranten\u201c, um \u201eProbleme der Besch\u00e4ftigung von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften\u201c, um \u201eProbleme der Integration\u201c etc. (Payer 2004, S. 3)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[4]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Frisch<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Damit wurde eine defizitorientierte Sicht und eine Marginalisierung (Mehr-\/Minderheitenpositionen\/Ausschlu\u00df) in der \u00d6ffentlichkeit deutlich und verfestigt. Dies f\u00fchrte dazu, dass \u201eGastarbeiter*innen\u201c vorrangig als \u201eanders\u201c wahrgenommen wurden. Dieses Entstehen von Fremdheit f\u00fchrt in weiterer Folge zu den bekannten Exklusionsmechanismen und ist eine der Grundlagen f\u00fcr Rassismus bzw. rassistische Handlungsweisen. (siehe R\u00e4thzel, S. 7-16). Arbeitsmigrant*innen werden damit nicht nur stigmatisiert, sie werden von der Mehrheitsgesellschaft f\u00fcr ihr \u201eAusgesondert werden\u201c auch noch selbst verantwortlich gemacht, weil sie \u201esich ja nicht eingliedern wollen\u201c. Diese Narrativ war sehr wirkm\u00e4chtig und bestimmte die Haltung vieler gegen\u00fcber den neuen Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Othering<\/h4>\n\n\n\n<p>In der Literatur wird diese Spirale des Fremdheitsdiskurses, in der das Anderssein nicht als eine strukturelle Herausforderung gesehen, sondern als Defizit bei den Einwanderern ausgemacht wird, als \u201eOthering\u201c (Spivak, 1985) bezeichnet und steht in engem Zusammenhang mit sozio\u00f6konomische Determinanten (Wohnsituation, Gesundheit, Einkommen\/Armut usw.) und den dazu geh\u00f6rigen medialen Diskursen dar\u00fcber, insbesondere mit Armut<a href=\"#_ftn2\">[5]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde auch kein Gedanke daran verschwendet, das die Politik und Verwaltung auf diese neuen hier Lebenden und Arbeitenden reagieren h\u00e4tte m\u00fcssen. Der Tenor war klar, die m\u00fcssen sich anpassen, einf\u00fcgen, unterordnen. Als gleichwertige B\u00fcrger*innen mit gleichen Rechten und Chancen wurden sie nicht gesehen und waren es auch nicht. Da sorgten schon die entsprechenden Gesetze<a href=\"#_ftn3\">[6]<\/a> daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Exkurs: Schule<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Besonders deutlich wurde das in den Bildungseinrichtungen, insbesondere den Schulen. Als das Ph\u00e4nomen verst\u00e4rkt auftauchte, dass eben Migrant*innenkinder ohne Deutschkenntnisse pl\u00f6tzlich in einer Klasse sa\u00dfen und anfangs kein Wort verstanden, kam die Schuladministration und das Ministerium auf die Idee, sogenannte Ausl\u00e4nderklassen einzurichten. Die Kinder wurden zusammengefasst und erhielten eigenen Deutschunterricht. Nur einen kleinen Teil des Unterrichtes konnten sie in ihrer urspr\u00fcnglichen Klasse verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Konzept, das trotz des katastrophalen Misserfolges, auch heute immer wieder aus dem Hut gezaubert wird und angewandt wird. Was damals noch dazu kam, dass es kaum Erfahrungen damit gab und die Lehrmaterialien und die Didaktik dazu erst erarbeitet werden mussten und durch \u201elearning by doing\u201c entstanden (siehe Schulhefte 1982).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Folge dieser \u201eSegregation\u201c war Desintegration und eine eklatante Bildungsbenachteiligung in weiterer Folge. Denn erstmal aus dem Klassenverband ausgegliedert, war eine Integration viel schwerer. Viele konnten dem Unterricht dennoch nicht folgen, auch wenn die Sprachkenntnisse besser wurden, weil er auch der starren vorgegeben Norm entsprechend unterrichtet wurde und hier Abweichungen nicht akzeptiert wurden. Die Migrant*innenkinder blieben auch unter sich, denn in ihrem Klassenverband blieben sie Au\u00dfenseiter*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinder wurden und werden noch immer als au\u00dferordentliche Sch\u00fcler*innen gef\u00fchrt. Das Sprachdefizit, das m\u00f6glicherweise bestand, wurde auch als mangelnde Intelligenz interpretiert und die Schulkarriere wurde damit h\u00e4ufig (vor-)bestimmt. Die Kinder wurden in die damals noch existierende Sonderschule abgeschoben. Ihr Bildungsweg endete meist mit dem Abschlu\u00df der Pflichtschulzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kam, dass die Eltern, im Hinblick auf die Bildungskarriere eine entscheidende Ressource, in der Regel ausfiel, denn auch sie hatten wenig anerkannte Bildung und sie kannten sich selbst mit dem Bildungssystem in \u00d6sterreich kaum aus, weil sie es selbst auch nicht durchlaufen hatten. Also die Ratschl\u00e4ge, Informationen, Netzwerke und Erfahrung fiel daher flach (siehe Sprung, 2006).<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich spielten auch erhebliche Vorurteile in den Bildungssystemen selbst eine gro\u00dfe Rolle. Vielen Studien und Berichten zufolge wurde bei der fr\u00fchen Schulentscheidung nach der vierten Klasse Volksschule, der Rat der Lehrer*in besonders relevant und die ist auffallend oft gegen eine h\u00f6here Schule gefallen und \u00fcberproportional f\u00fcr die Hauptschule oder gar f\u00fcr die Sonderschule (Siehe Erkurt, S. 15 ff).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dies alles f\u00fchrte dazu, dass ein fataler Kreislauf entstand. Die Benachteiligung im Bildungsweg wurde manifest und f\u00fchrte dazu, dass f\u00fcr viele aus dieser ersten Generation der&nbsp; \u201eAufstieg\u201c nur sehr schwer erreichbar wurde bzw. gar nicht erfolgte. Die Benachteiligung wurde sozusagen vererbt. Die Generation, die fr\u00fch nach \u00d6sterreich gekommen war (in den 1960er &#8211; 80er) blieb auch \u00fcberwiegend in ihren beruflichen Positionen h\u00e4ngen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigsten, schafften einen Aufstieg in ihrem Beruf \u2013 etwa durch Fort- und Ausbildung \u2013 die&nbsp; ihnen auch gro\u00dfteils verwehrt blieb. Auf Fortbildung wurden die inl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte geschickt. Sie blieben ihre gesamte Arbeiterkarriere oft ungelernte Hilfskr\u00e4fte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es verfestigten sich damit nicht nur Klischees, das die \u201eAusl\u00e4nder d\u00fcmmer und unzivilisierter seien, wie wir\u201c, es wurde ihnen auch daf\u00fcr die Verantwortung zugeschoben. Sie seien eben nicht ambitioniert, sie wollten sich nicht integrieren usw. Dass dahinter massives politischen Versagen und eine diskriminierende Alltagspraxis die Ursachen waren, wurde kaum wahrgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vieles davon ist mittlerweile erforscht und es hat sich so einiges ge\u00e4ndert. Dennoch ist man immer wieder erstaunt, wie leicht es der \u00f6sterreichischen Politik f\u00e4llt, in genau diese alten Muster zur\u00fcck zu fallen. Was wurde wieder reaktivert, als das Thema der Fl\u00fcchtlingskinder in der Schule debattiert wurde? Richtig, die Ausl\u00e4nderklassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Faktenbefreiter kann man eine Entscheidung gar nicht treffen. Mittlerweile wei\u00df man hinl\u00e4nglich, wie eine m\u00f6glichst rasche Integration von fremdspachigen Kindern erfolgen k\u00f6nnte, n\u00e4mlich genau nicht durch Segregation sondern durch mehr Personal, durch kleinere Klassen, durch Teamteaching und gemeinsames Lernen und die Anwendung von auf neueren wissenschaftlich evidenzbasierten p\u00e4dagogisch-didaktischen Konzepten und einer verschr\u00e4nkten Ganztagesschule. <a href=\"#_ftn1\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Aber das scheint wohl schon wieder zuviel verlangt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>All das was hier kursorisch beschrieben worden, betrifft die Mehrheit und ist sozusagen der Durchschnitt. Darauf sei aber besonders hingewiesen, nat\u00fcrlich und gl\u00fccklicherweise gab es auch Abweichungen dazu und viel Gastarbeiterkinder schafften den schulischen und beruflichen Aufstieg und Ihre Leistungen stellen nicht wegen der strukturellen Umst\u00e4nde sondern trotz dieser einen umso bemerkenswerteren Umstand dar.  In diesem strukturell-feindlichen Umfeld, einen Aufstieg zu schaffen, ist nicht hoch genug anzuerkennen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1724&amp;action=edit#_ftnref2\">[5]<\/a> Povertyism and \u00b4othering`: why they matter. A talk by Prof. Ruth Lister at the conference on \u201eChallenging Povertyism\u201c, 17. Oktober 2008, TUC Konferenz, London.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1724&amp;action=edit#_ftnref3\">[6]<\/a> Fremdengesetz, Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz, Aufenthaltsgesetz<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[7]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/1347492743956\/sprachwissenschaftler-kritisiert-kurz-gegen-stigmatisierung-in-auslaenderklassen<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/DSC00256.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1726\" width=\"439\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/DSC00256.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/DSC00256-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/DSC00256-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/DSC00256-750x563.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><figcaption>Stra\u00dfenszenen, beobachtet vom Balkon des People&#8217;s Watch B\u00fcro.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von dem was gerne nicht erz\u00e4hlt wird Im zweiten Teil blickten wir bereits kurz auf das Ende der ersten Phase der Migrationsbewegung in \u00d6sterreich, die von 1962 bis 1974 dauerte. 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