{"id":1697,"date":"2022-09-26T13:40:09","date_gmt":"2022-09-26T13:40:09","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1697"},"modified":"2022-11-04T09:32:36","modified_gmt":"2022-11-04T09:32:36","slug":"spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-1\/","title":{"rendered":"Spiel mit dem Leben Anderer, Teil 2, Kapitel 1"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"has-text-align-center wp-block-heading\">Einf\u00fchrung<\/h4>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil der Serie \u201e<strong>Spiel mit dem Leben Anderer<\/strong>\u201c verlassen wir die Asyl- und Fluchtbewegungsthematik, die wir im ersten Teil so ausf\u00fchrlich bearbeitet haben und wenden uns jenem Thema zu, das \u00f6ffentlich eher ein Schattendasein f\u00fchrt, in der Praxis und im Alltag jedoch eine mindestens ebenso gro\u00dfe Bedeutung hat; die nicht fluchtbedingte Migration.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Man spricht oft von \u201efreiwilliger Migration\u201c, wobei dieser Begriff irref\u00fchrend ist und unscharf. Denn freiwillig klingt denn doch insgesamt zu positiv f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen und unterschiedlichen Formen von Migration, die bei weitem nicht alle positiv sind, sondern eher akuten Notsituationen und M\u00e4ngeln entspringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie so vieles in den Debatten, so auch in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen der verschiedenen Disziplinen, ist die Unterscheidung nicht ganz so leicht. So genau abgrenzbar ist es nicht. Die Begriffe verschwimmen zwischen freiwilliger und \u00a0erzwungener Migration.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielfach wird Migration auch als \u00dcberbegriff<a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1697&amp;action=edit#_ftn1\">[1]<\/a> verwendet, der alle Formen der Migration, seien sie freiwillig oder unfreiwillig inkludiert. Flucht w\u00e4re dann &#8211; nach dieser Einteilung  &#8211; eine Unterkategorie innerhalb des Begriffes Migration. Im folgenden verwende ich den Begriff Migration jedoch nicht als \u00dcberbegriff sondern als Unterscheidung zur unfreiwilligen, erzwungenen Flucht. Wenn jetzt im zweiten Kapitel der Serie von Migrationsbewegungen gesprochen wird, so sind damit Vorg\u00e4nge gemeint, die aufgrund von vielf\u00e4ltigen Beweggr\u00fcnden in Gang gesetzt wurden, die zumindest einen gr\u00f6\u00dferen Anteil an Entscheidungsm\u00f6glichkeit enth\u00e4lt; also Menschen sich bewu\u00dft f\u00fcr die Auswanderung entschieden haben. Unter diese Kategorie fallen Migrationsformen aufgrund von Arbeit, der Bildung, des Familiennachzuges, von Familiengr\u00fcndung (Partnerschaft) usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht als Migration verstanden werden im Verlauf dieser Serie Auslandsaufenthalte aufgrund einer Reise, eines Urlaubs oder Besuches, eines Auslandsaufenthaltes; selbst wenn diese mehrere Wochen oder sogar Monate \u2013 wie etwa bei einem Auslandssemesters w\u00e4hrend des Studiums \u2013 dauern. So bereichernd und interessant diese auch sein m\u00f6gen, der Auslandsaufenthalt ist doch zeitlich begrenzt und vorhersehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei erw\u00e4hnt, dass es auch dabei verschwimmende Grenzen gibt; etwa wenn Diplomat*innen oder Angeh\u00f6rige von internationalen Organisationen geplanterweise mehrere Jahre im Ausland leben und nach drei \u2013 vier Jahren das Land wieder verlassen oder Personen die auf Montage sind oder innerhalb ihres Unternehmens in verschiedenen Niederlassungen in anderen L\u00e4nder arbeiten, sogenannte Expats.<a href=\"#_ftn1\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>[1] https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Migration<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[2]<\/a> https:\/\/www.ikud.de\/glossar\/expatriate-expats-definition.html<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Definitionen sind flie\u00dfend<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Auch die Grenze zwischen Flucht \u2013 also erzwungener \u2013 und selbst gew\u00e4hlter Migration ist flie\u00dfend. Je nachdem was man als berechtigen, legitimen Fluchtgrund ansieht und je nachdem wie Gr\u00fcnde und Ursachen f\u00fcr eine Auswanderung zusammenh\u00e4ngen, f\u00e4llt oft auch das juristische Urteil und bestimmt die \u201eEinteilung\u201c der Beweggr\u00fcnde. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Asylverfahren etwa wird jeder Anschein von wirtschaftlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr das Verlassen des Heimatlandes kategorisch als Asylverweigerungsgrund angesehen. Viele L\u00e4nder, aus denen heute Menschen Asylantr\u00e4ge in \u00d6sterreich stellen, kommen aus L\u00e4ndern, die \u2013 ohne genauere Kenntnisse der Lage vor Ort \u2013 als lebensunw\u00fcrdige Staaten bezeichnet werden m\u00fcssen, in denen die soziale, menschenrechtliche und wirtschaftliche Lage schlichtweg eine Katastrophe ist. Dennoch erhalten sie \u00fcberwiegend kein Asyl. Das h\u00e4ngt auch mit einer sehr rigiden und immer rigider werdenden Auslegung der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention (GFK) zusammen, die gr\u00f6\u00dfere, gesellschaftliche und politische Zusammenh\u00e4nge und Wirkweisen ausblendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Repression geht oft Hand in Hand mit der Zerst\u00f6rung von \u00f6konomischen Grundlagen, Vertreibung f\u00fchrt dazu, dass die wirtschaftliche Existenz vernichtet wird. Viele autokratische und totalit\u00e4re Regime setzen dies gezielt gegen Minderheiten oder Oppositionelle ein: so etwa die T\u00fcrkei gegen die kurdische Minderheit, deren \u00f6konomische Grundlagen seit Jahrzehnten systematisch untergraben und zerst\u00f6rt werden. \u00c4hnliches gilt etwa auch f\u00fcr das birmische Regime gegen die Rohingya oder in China gegen die muslimische Minderheit der Uiguren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus- und Einwanderung hat eine lange Geschichte und geh\u00f6rt, ebenso wie die Sesshafwerdung, zur Menschheitsgeschichte dazu. Die Ursachen sind vielf\u00e4ltig, wir finden die Auswanderung aufgrund von religi\u00f6ser Verfolgung (England, Deutschland) genauso, wie aufgrund von Hunger und Armut (Irland, Italien im 19.Jhdt.). Beides waren wesentliche Aspekte der Auswanderung nach \u00dcbersee. Aber auch das Versprechen auf einen Neuanfang, auf eine neue Zukunft, etwa bei den Kolonialisierungen spielte das eine wichtige Rolle, um neues Land zu kolonialisieren, auszubeuten und zu besiedeln oder in einen neuen, jungen Staat; wie dies etwa bei den USA der Fall war. Immer spielt die Hoffnung, die Verhei\u00dfung, der Mythos auf ein neues, besseres Leben und das alte absch\u00fctteln zu k\u00f6nnen,  mit eine wichtig Rolle.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Tasmanien-Museum-1-komp.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1698\" width=\"377\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Tasmanien-Museum-1-komp.jpg 640w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Tasmanien-Museum-1-komp-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 377px) 100vw, 377px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Migration hat oftmals eine politische Dimension und wird mitunter gezielt eingesetzt. Etwa dann, wenn die ethnische Zusammensetzung eines Staates, einer Region ver\u00e4ndert werde soll und Kolonisation voran getrieben wird. Besonders perfides brutales Vorgehen konnte man dabei vom NS-Regime beobachten, das \u201eden Osten\u201c als Wirtschaftsraum erobern wollte und der \u201eOsten\u201c den deutschen Staatsb\u00fcrger*innen zur Auswanderung mit allerlei Privilegien und Verhei\u00dfungen schmackhaft gemacht wurde. Auch der italienische Staat f\u00f6rderte nach dem Zweiten Weltkrieg und der Zuerkennung S\u00fcdtirols zu Italien \u2013 nat\u00fcrlich weit weniger brutal als das NS Regime, aber dennoch \u2013 die Zuwanderung nach S\u00fcdtirol, gezielt aus den \u00e4rmeren, s\u00fcdlichen Regionen, um die Dominanz der deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung zu brechen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gezielte F\u00f6rderung von Migration<\/h4>\n\n\n\n<p>Aber Staaten haben noch aus anderen Motiven Interesse daran, Migration gezielt zu f\u00f6rdern und\/oder zu unterst\u00fctzen. Gerade bei der j\u00fcngeren \u00f6sterreichischen Migrationsgeschichte sticht dabei die gezielte Anwerbung von Arbeitsmigration heraus, um den Arbeitskr\u00e4ftemangel, der damals in \u00d6sterreich herrschte, zu kompensieren. Im Jahre 1961 entstand die sp\u00e4ter als Gastarbeiterbewegung bekannt gewordene neuere Migrationsgeschichte \u00d6sterreichs, die haupts\u00e4chlich aus jugoslawischen und t\u00fcrkischen Gastarbeiter*innen bestand. Dazu aber in einem der n\u00e4chsten Teile mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wie die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Migration ist auf die sogenannte Binnenmigration hinzuweisen. Jene Migration, die wir in \u00d6sterreich ebenso h\u00e4ufig vorfinden, wie in anderen L\u00e4ndern. Dabei f\u00e4llt insbesondere die Land \u2013 Stadtwanderung auf, die einem Prinzip von Migrationsursachen folgt, n\u00e4mlich jener nach der Anziehungskraft von Ballungsr\u00e4umen, dort wo Ausbildung stattfindet und Arbeit gefunden werden kann; oder zumindest die Hoffnung darauf gen\u00e4hrt wird, diese zu finden. Daher sind St\u00e4dte wie Wien Ziel- und Hoffnungspunkte der Wanderung. Die Zuwanderung ist dort gr\u00f6\u00dfer als anderswo. Aber auch bei kleineren St\u00e4dte, wie Graz und Linz l\u00e4sst sich diese Anziehungskraft nachweisen; etwa bei der gro\u00dfen Zahl von K\u00e4rntner*innen, die nach Graz wegen des Studiums gekommen sind. Dieses Prinzip kann man als Regel aus der Mirgationsforschung herauslesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen aus der Vergangenheit, dass diese Hoffnungen oftmals nicht erf\u00fcllt worden sind, dass die Zuwanderung in gro\u00dfe Ballungsr\u00e4ume wie in England in Zeiten des &#8222;Manchester Kapitalismusses&#8220; des 19. Jahrhunderts oder nach Wien in die damalige Hauptstadt des Kaiserreiches, zu gro\u00dfer Armut, zu schlimmen sozialen Verwerfungen, Ausbeutung, zu hoher Kindersterblichkeit und schlechter gesundheitlicher Versorgung der Zugewanderten gef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber und das ist wohl auch typische f\u00fcr die Widerspr\u00fcchlichkeit von Migration, es f\u00fchrte und f\u00fchrt zu einem gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Aufstieg Einzelner und einem Mehrwert f\u00fcr die Volkswirtschaften. Aus Migration entstanden oft Impulse f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00f6rderten Bereicherung und Fortschritt der Gesellschaft, sei es in geistiger Hinsicht, durch Erfindungen, Wissenschaft und Technik, sei es durch innovatives Unternehmertum, sei es durch den Wunsch, die politischen Entwicklungen voranzutreiben, die durch die Migration offen gelegt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Entstehen der Sozialdemokratie und die Entwicklung zu einer gro\u00dfen \u201eVolkspartei\u201c mit Regierungsbeteiligung und erheblichen Anteil am gesellschaftlichen Fortschritt, w\u00e4re ohne die Migration der sogenannten \u201eZiegelb\u00f6hm\u201c nach Wien und dessen Folgen nicht denkbar<a href=\"#_ftn1\">[3]<\/a>. Victor Adler<a href=\"#_ftn2\">[4]<\/a>, einer der Gr\u00fcnder der \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie besch\u00e4ftigte sich intensiv mit der sozialen Lage der Zugewanderten, beschrieb deren katastrophalen Lebensumst\u00e4nde, prangerte deren Ausbeutung an und formulierte daraus allgemein g\u00fcltige politische Forderungen f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Sozialdemokratie und Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf jeden Fall, das ist unbestritten, wird jedoch praktisch nie mehr erw\u00e4hnt, dass Wien ohne die tausenden zugewanderteren &#8222;Tschech*innen aus B\u00f6hmen und M\u00e4hren&#8220;, die Prachtbauten der Ringstrasse nicht erbauen h\u00e4tten k\u00f6nnen und heute wohl ganz anders aussehen w\u00fcrde. Immer dann ist Migration ein Gewinn, wenn aus der simplen Tatsache, dass sie stattfindet, auch neue, bessere politische und rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dann wurde Migration zu einer gesellschaftlichen Bereicherung. Diese simple Tatsache, gilt auch heute, wenn wir in EU-Europa aus der Tatsache der Migration keine besseren L\u00f6sungen als menschenrechtsverletzende Gesetze, Militarisierung, Abschottung und Repression ziehen k\u00f6nnen. Dann wird Migration zu einer schweren B\u00fcrde, zu Rassimsus und Spaltung. Sie kann jedoch Aufbruch, Fortschritt und Wohlstand erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[3]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ziegelb%C3%B6hm<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[4]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Victor_Adler<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Migration &#8211; wichtiger Faktor<\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Kurzum, die Struktur des weltweiten kapitalistischen Wirtschaftssystems braucht immer wieder Arbeitskr\u00e4fte, die aufgrund ihrer rechtlichen Situation leicht verf\u00fcgbar und billiger sind, als andere Gruppen. Das konstituiert Migration und erzeugt sie; nicht ausschlie\u00dflich, bleibt aber wesentliche Triebfeder. <\/p>\n\n\n\n<p>Arbeitsmigration ist und bleibt in diesem (nahezu) weltweiten System ein wichtiger Faktor. Das hat Gro\u00dfbritannien nach dem Brexit \u2013 dem Ausscheiden aus der EU \u2013 schmerzhaft erfahren m\u00fcssen. Tausende  Arbeiter*innen aus Polen und anderen s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern der EU, die UK geholt hatte, f\u00fcr verschiedene Branchen (Gast-, Dienstleistungs-, Transport- und Baugewerbe) verlie\u00dfen die Insel wieder. Die Folge sind erheblicher Arbeitskr\u00e4ftemangel, die der englischen Wirtschaft zu schaffen macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sehen schon, die Materie ist komplex und bei weitem nicht so einfach wie es uns Populist*innen und so manche*r Innenminister*in glauben machen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Hybride Formen auf dem Vormarsch<\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein letzter Aspekt sein hier noch erw\u00e4hnt. Fr\u00fcher hatte man Migration in der Regel als etwas endg\u00fcltiges oder sehr lange andauerndes verstanden. In Zeiten vor der beginnenden Globalisierung, Internationalisierung und Vernetzung war die Vorstellung, dass es verschiedene Zwischenl\u00f6sungen und zeitweilige Formen von Migration geben k\u00f6nnte, nicht vorhanden. Das hat sich ge\u00e4ndert und diese \u00c4nderungen schreiten weiter voran.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt daher heute weitaus offenere Formen der Migration. Zusammengefasst wird das h\u00e4ufig durch den Begriff der Transmigration<a href=\"#_ftn1\">[5]<\/a>. Darunter versteht man eben nicht die dauerhafte Umsiedlung, von einem Ort zu einem anderen, also ein einmaliges Geschehen, sondern ein Prozess des Wechsels zwischen verschiedenen Wohnorten, L\u00e4ndern, Staaten; einer zirkul\u00e4ren Mobilit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckkehr in den Ursprungswohnort ist dabei nicht ausgeschlossen, kann aber wiederum nur tempor\u00e4r sein und f\u00fchrt zu einem anhalten Prozess der unterschiedlichsten Aufenthaltsorte. Noch st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt hat sich bei den sogenannten &#8222;Digital Nomads&#8220;, das sind Personen, die das Reisen als ihre bevorzugte Lebensform verstehen und andauernd von einem Ort zum anderen gelangen, verschiedene Arbeitsformen (homeoffice) sind darin inkludiert, die sich mit Phasen der Besch\u00e4ftigungslosigkeit abwechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein andere Migrationsform ist etwa die Pendelmigration, die wir vor allem bei Saisonarbeiter*innen und Pflegekr\u00e4ften kennen. Die Saisonarbeitenden kommen f\u00fcr einige Wochen\/Monate ins Land um bei bestimmten Erntephasen zu arbeiten. Bei den Pflegekr\u00e4ften wiederum ist es so, dass diese einige Wochen (2-4) hier in \u00d6sterreich ihre 24-Stundenpflege absolvieren und danach wieder einige Woche in ihr Ursprungsland zu ihren Familien fahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Bestand hat jedoch, dass viele der Arbeitsmigrant*innen, die als titulierte \u201eGastarbeiter*innen\u201c in den 1960 ins Land geholt worden sind, eine gro\u00dfe Community in den verschiedenen L\u00e4ndern entstehen lassen haben und diese auch nicht nur se\u00dfhaft in ihren Auswanderungsl\u00e4ndern leben, sondern bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Ferien, Betriebsschlie\u00dfungen) ihre Ursprungsl\u00e4nder und ihre zur\u00fcckgebliebenen Familien besuchen fahren. Davon kann man sich Jahr f\u00fcr Jahr ein Bild machen, wenn man Richtung S\u00fcden auf den verschiedenen Routen unterwegs ist, sei es von Deutschand\/Holland\/Belgien Richtung Jugoslawien, Griechenland und der T\u00fcrkei,\u00a0 sei in Frankreich, Spanien Richtung nordafrikanischer Staaten; und das ganze nat\u00fcrlich wieder zur\u00fcck, wenn die Ferien zu Ende gehen. Diese Formen der Migration waren zumeist auf den Billigsektor orientiert. Es wurden billige Arbeitskr\u00e4fte gesucht, um im jeweiligen Land Hilfsarbeit zu leisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist immer nur eine Sicht darauf, es gab und gibt immer auch die Suche nach h\u00f6her und hochqualifizierten Fachkr\u00e4ften. Diese Suche l\u00f6st ebenso Migration aus und wird gerade in den letzten Jahren immer virulenter, weil verschiedene makrogesellschaftliche Entwicklungen dazu f\u00fchren, dass Arbeitskr\u00e4fte und noch dazu gut ausgebildete zur Mangelware werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um all diese Themen und noch einige mehr, wird es in den Folgen des 2. Kapitels der Serie gehen. Ich freue mich schon drauf, mit Ihnen den Weg ein St\u00fcck weit gemeinsam zu gehen. Ich hoffe, sie folgen mir.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[5]<\/a> Gogolin, Ingrid; Pries, Ludger. \u201eStichwort Transmigration und Bildung\u201c. In: Zeitschrift f\u00fcr Erziehungswissenschaft 7, 5-19 (2004)&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_4628-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1700\" width=\"383\" height=\"511\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_4628-rotated.jpg 480w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/IMG_4628-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf\u00fchrung Im zweiten Teil der Serie \u201eSpiel mit dem Leben Anderer\u201c verlassen wir die Asyl- und Fluchtbewegungsthematik, die wir im ersten Teil so ausf\u00fchrlich bearbeitet haben und wenden uns jenem Thema zu, das \u00f6ffentlich eher ein Schattendasein f\u00fchrt, in der Praxis und im Alltag jedoch eine mindestens ebenso gro\u00dfe Bedeutung hat; die nicht fluchtbedingte Migration. &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-2-kapitel-1\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[374,368,427,380],"tags":[442],"class_list":["post-1697","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-migration-flucht","category-serien","category-spiel-mit-dem-leben-der-anderen","category-themen","tag-migration-gastarbeiter-arbeitsmigration-ursachen-folgen","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1697"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1704,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1697\/revisions\/1704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}