{"id":1683,"date":"2022-05-13T16:20:50","date_gmt":"2022-05-13T16:20:50","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1683"},"modified":"2022-10-04T14:36:06","modified_gmt":"2022-10-04T14:36:06","slug":"was-ist-schon-sternstunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/was-ist-schon-sternstunde\/","title":{"rendered":"Was ist schon Sternstunde"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Ivan Osim ist nicht mehr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Als er zum ersten Mal am schmalen Streifen zwischen wei\u00dfer Seitenoutlinie und den rostigen Gitterz\u00e4unen vor der Stehplatztrib\u00fcne vorbeiging, war sein Blick gesenkt. Sein Gesichtsausdruck wirkte in sich gekehrt, traurig, nachdenklich; keine gro\u00dfen, den Zuschauern hingewandten, Gesten, nur ein kleines Winken mit der rechten Hand.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Die 6.500 Zuseher*innen in der Gruabn, die damalige ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Heimst\u00e4tte des SK Sturm, sollten beim Beginn einer Zeitenwende dabei sein. Es f\u00fchlte sich noch nicht so an, es wurde im ersten Spiel nur ein 1:1, gegen Vorw\u00e4rts Steyr. Aber bald sollte man es merken. Fans sind ja immer gespannt, wenn ein neuer Trainer auf der Trainerbank Platz nimmt und immer hoffen alle, dass jetzt endlich der Aufschwung kommen werde. Doch was folgen sollte, nach dem in der Saison 1992\/93 mit einer blutjungen Truppe \u00fcberraschenderweise der Klassenerhalt geschafft wurde, das tr\u00e4umten nicht mal die k\u00fchnsten Optimist*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Strauss aus Sarajevo\u201c war da, benannt nach dem Wiener Walzerk\u00f6nig Johann Strauss \u2013 nicht nach dem Vogel \u2013 und er war gro\u00df, \u00fcber 1.90 Meter. Aber schon da fiel mir auf, dass er immer so geb\u00fcckt ging und stand, so als sch\u00e4mte er sich f\u00fcr seine Gr\u00f6\u00dfe, so als tr\u00fcge er eine schwere Last, nicht nur in sich, sondern auf seinen Schultern. Nach den Sezessionskriegen in Jugoslawien und der Belagerung von Sarajevo war bei Ivan Osim nichts mehr so wie vorher. \u201eSeitdem bin ich handicapiert\u201c pflegte er zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1685\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-300x300.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-150x150.jpg 150w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-768x768.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/IMG_20220504_210152-750x750.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Osim war als Spieler ein Dribblanski \u201evor dem Herren\u201c, den er selbst nie anbetete,  weder Allah noch Gott noch Jahwe. Wenn man Walzerkl\u00e4nge \u00fcber die alten Videoszenen von Osim als Fu\u00dfballer legt, dann wei\u00df man wieso; elegant, verspielt, schnell und trickreich, eben tanzend.&nbsp;Als Trainer gefiel ihm das meist gar nicht so. Technik war ihm wichtig, das Training fand immer mit dem Ball statt, das waren Grundvoraussetzungen f\u00fcr ihn. Sich in Eins gegen Eins Situationen durchzusetzen, war fast Pflicht, ebenso Schnelligkeit am Feld und im Kopf, mit und ohne Ball. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber richtig gut gefiel ihm und dann war er ganz kurz zufrieden, wenn der Ball lief, schnell direkt, One-Touch Fu\u00dfball w\u00fcrde man heute sagen. Dass was heute Mainstream ist und selbstverst\u00e4ndlich, sah man bis dahin bei Sturm nie zuvor. So wie das Tor am 25. Oktober 2000 gegen die Glascow Rangers. Gilbert Prilasnig erh\u00e4lt in der eigenen H\u00e4lfte auf der linken Seite etwa 20 Meter vor der Mittellinie den Ball, schickt mit einen 60 Meter Pass Hannes Reinmayr rechts auf die Reise. Dieser \u00fcbernimmt den Ball halbvolley im Fallen, um  Juran anzuspielen, der in der Mitte v\u00f6llig frei steht. Der l\u00e4uft ein paar Schritte, macht einen Haken nach Innen, Torh\u00fcter und Verteidiger laufen ins Leere und er schiebt den Ball ins Tor<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Das hat Osim gefallen und uns Fans auch. Da wir so was von unserer Mannschaft nicht so oft zu sehen bekamen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kleine Religion<\/h4>\n\n\n\n<p>Bei seiner Verabschiedung im Liebenauer Stadion am 4. Mai, bevor er seine letzte Reise nach Sarajevo antreten sollte, war ganz seiner Philosophie und seinen Vorstellungen entsprechend nur eine Religion pr\u00e4sent; die des Fu\u00dfballs. er selbst hatte sie einmal als \u201ekleine Religion\u201c bezeichnet. Und um beim Gleichnis zu bleiben, zu der hat er jeden Tag gebetet. Denn jeder Tag ohne Fu\u00dfball war f\u00fcr ihn ein verlorener Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals wussten die wenigsten in Graz etwas mit dem Namen Osim anzufangen. Obwohl er in Fachkreisen bereits weithin bekannt war, spielte er doch in der Jugoslawischen Nationalmannschaft eine tragende Rolle bei der EM 1968, wurde ins All Star Team der EM einberufen und war in Frankreich bei Racing Stra\u00dfburg, Sedan und Valenciennes engagiert. Aber das war damals auch schon \u2013 als er da an der Seitenlinie entlangging \u2013 eine Weile her.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er den Trainerjob nach einer 1:3 Niederlage gegen K\u00e4rnten im September2002 niederlegte, ging er mit den Worten: &#8222;Es waren acht sch\u00f6ne Jahre bei Sturm, aber die letzten beiden Jahre waren doch eher problematisch.\u201c Und die Sturm Fans konnten es einfach nicht glauben. Die Niederlage war nicht ausschlaggebend, wie Osim betonte, vielmehr waren es die zerm\u00fcrbenden Aktionen und Aussagen des damaligen Pr\u00e4sidenten Hannes Kartnig.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wenig, wie sie damals 1994 beim Auftakt in der Gruabn wussten, was passieren w\u00fcrde, wussten sie nicht, was 2002 nach Osim folgen sollte. Manche ahnten es, dass der Niedergang kommen w\u00fcrde, dass es so dramatisch werden w\u00fcrde und Sturm fast aufh\u00f6rte zu existieren, an dieses Szenario dachten nicht mal die gr\u00f6\u00dften Pessimisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ivan Osim hatte den Sezessionskrieg und die Belagerung als tiefen und schmerzlichen Einschnitt in seinem Leben erlebt. Die Traurigkeit dar\u00fcber, dass das Morden, der Krieg in seiner Heimat m\u00f6glich wurde, die Angst um seine Familie, die im eingeschlossenen und belagerten Sarajevo zur\u00fcckgeblieben war, hatten ihn den Rest seines Lebens begleitet und tiefe Spuren hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Beginn des Krieges war er noch jugoslawischer Nationaltrainer, Sarajevo war bereits belagert. Er trat in einer dramatischen Pressekonferenz als Teamchef zur\u00fcck. Jugoslawien hatte sich f\u00fcr die EM qualifiziert, wurde jedoch wegen des Krieges disqualifiziert. Die nachr\u00fcckenden D\u00e4nen wurden Europameister.<\/p>\n\n\n\n<p>Osim blieb in Belgrad, trainierte kurz Partizan Belgrad und \u00fcbersiedelte dann nach Athen zu Panathinaikos. Dort blieb er 2 Jahre. Dass er nach Graz als Trainer des Mittelst\u00e4ndlers SK Sturm kam, war gl\u00fccklich-traurigen Umst\u00e4nden geschuldet. Die Freundschaft mit dem damaligen Managers Heinz Schilcher, die zusammen in Frankreich gespielt hatten, war so ein gl\u00fccklicher. Sie kannten sich, Schilcher fand den richtigen Draht. Dass Graz geografisch nahe zu seinem, in Schutt und Asche gebombten, Sarajevo lag, war der traurige.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie viele aus der Generation, die das mit erleben durften, bin ich ihm unendlich dankbar, dass bereits nach wenigen Spielen sichtbar wurde, dass ein Kulturwandel stattfand. SK Sturm war bis dahin \u2013 \u00e4hnlich wie seine Gruabn \u2013 erdig, steinig, lehmig, rauh, eng und hart. Kaum f\u00fcr gepflegten, kreativen Kombinationsfu\u00dfball bekannt. Wenn ein Spieler f\u00fcr den Verein alles gab, kr\u00e4tschte, rannte, biss und kratzte, mit Verletzungen und blutenden Kopfwunden weiter spielte, dann tat man dem Mythos Sturms Gen\u00fcge, wurde gefeiert und war einer, der unserigen. In Zukunft waren das auch noch immer Tugenden, aber eher Grundvoraussetzungen. Das Fu\u00dfballspiel des Ivan Osim sollte Helden und Publikumslieblinge machen, die auch noch was anderes konnten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2-824x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1690\" width=\"296\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2-824x1024.jpg 824w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2-241x300.jpg 241w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2-768x954.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2-750x932.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Osim-Bild-2.jpg 1096w\" sizes=\"(max-width: 296px) 100vw, 296px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Osims Vorg\u00e4nger Milan Djuri\u010di\u0107 \u00fcbernahm 1993 eine blutjunge Truppe und alle rechneten mit dem Abstieg. Sturm hatte turbulente, unsichere und erratische Jahre hinter sich. Gro\u00dfmannstr\u00e4ume und spekulative Eink\u00e4ufe von vermeintlichen Stars, Wechsel von Trainern und finanzielle Luftschl\u00f6sser von Pr\u00e4sidenten und Geldgebern, pr\u00e4gten das Geschehen. In der Saison 1993\/94 erfolgte der Schnitt, viele Spieler verlie\u00dfen den Verein. \u00dcbrig blieb den Verantwortlichen \u2013alternativlos \u2013 nur ein Neubeginn mit den Jungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem defensiven k\u00e4mpferischen und diszipliniertem Konzept war der \u201eKindergarten\u201c wie er genannt wurde, die Saison\u00fcberraschung und wurde Siebenter der Tabelle und hatte mit dem Abstieg nichts zu tun. Ein durchschlagender Erfolg. Die Fans waren zufrieden. Alle, die damals dabei waren, &nbsp;haben noch die Trainer Anweisungen im Ohr, die durchs Stadion hallten: \u201eZur\u00fc\u00fcg, Zur\u00fc\u00fcg\u201c. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was spielen die f\u00fcr eine Sportart<\/h4>\n\n\n\n<p>Das Torverh\u00e4ltnis sagt eigentlich alles \u00fcber das Jahr aus. Bei 36 Spielen scho\u00df Sturm 37 Tore, erhielt aber nur sagenhafte 12 Gegentore. Ein Spitzenwert, den nicht mal Meister SV Salzburg mit seinen 18 Gegentreffer erzielen konnte. Aber dementsprechend schauten die Ergebnisse und das Spiel eben auch aus: 1:0, 0:0, 1:1., 1:2, 1:0 usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Djuricin hinterlie\u00df eine junge Truppe: Milanic, Schopp, Neukirchner, Wetl, Friesenbichler, Haas, Prilasnig, Martin Hiden, Herbert Grassler, dazu ein paar Erfahrene, H\u00f6rmann, H\u00f6rtnagl, Pakasin und Walter Schachner auf die Osim bauen konnte und die bereit waren, mit zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gilbert Prilasnig erz\u00e4hlte in seiner Trauerrede am 4. Mai im Stadion, dass mit Osims Ankunft sein ganzes Denken \u00fcber Fu\u00dfball auf den Kopf gestellt wurde. \u201eAls junge Burschen, die Fu\u00dfballer werden wollten oder glaubten, es schon zu sein, begann die Stunde Null. Als Osim das erste Training beobachtete, soll er Manager Schilcher gefragt haben: \u201eWas spielen die f\u00fcr eine Sportart?\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> https:\/\/abseits.at\/videos\/sturm-graz-rangers-20-2000\/<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Es folgten Verst\u00e4rkungen, die meisten davon schlugen ein und waren erfolgreich: Mario Posch, Ivica Vastic, Hannes Reinmayr, Franco Foda, Markus Schupp, Kasimier Sidorczuk usw. Neue Spieler einkaufen sollte in den n\u00e4chsten Jahr die Lieblingsaufgabe von Pr\u00e4sident Kartnig werden. Er erz\u00e4hlte sogar gro\u00dfspurig, dass er bei der WM 1998 auf Shopping Tour gehen wolle. Didier Angibeaud (Kamerun) und Francisco Rojas sollten sp\u00e4ter auch tats\u00e4chlich an die Mur wechseln.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nicht nach Troph\u00e4en &#8230;<\/h4>\n\n\n\n<p>Dieser Kulturwandel unter Osim war modern, im Sinne von unerwartet, im Sinne seines Mottos, dass er eine Mannschaft bauen wollte, die gemeinsam spielt und f\u00fcreinander da ist. Ein Team, das mutig ist und mit Selbstbewusstsein spielt, so wollte Osim seine Mannschaften spielen sehen. Osims Spruch dazu, f\u00fcr die er bekannt war, dass eine Mannschaft nicht nach den Troph\u00e4en zu bewerten ist, sondern nach dem, was sie bewirkt hat. Die \u00c4ra Osim war top.<\/p>\n\n\n\n<p>Als in Graz der erste Meistertitel gefeiert wurde, die Mannschaft und das Trainerteam mit einem Autokorso durch die Stadt zum Rathaus unter einem nie da gewesen Konfettiregen gebracht wurde, da konnte man einen Osim beobachten, der sich am liebsten verdr\u00fcckt h\u00e4tte, in der Menge verschwunden w\u00e4re; den Kopf schief gelegt, gequ\u00e4ltes L\u00e4cheln aufgesetzt. Unangenehm ber\u00fchrt von dem ganzen Rummel. <\/p>\n\n\n\n<p>So war er, in Triumphen ruhig, zur\u00fcckhaltend und manchmal wirkte er dann grantig. Auf die Frage, ob das jetzt eine Sternstunde des \u00f6sterreichischen Fu\u00dfballs war, als Sturm in die Zwischenrunde der Champions League mit einem 2:2 ausw\u00e4rts gegen Galatasaray Istanbul aufstieg, war die Gegenfrage: Ha, was ist schon Sternstunde?<a href=\"#_ftn1\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Denkw\u00fcrdig dabei, dass nach dem 2:2 die beiden Mannschaften den Aufstieg gesichert hatten und in den letzten Minuten des Spiels, nachdem Galatasaray Istanbul auch noch einen Ausschlu\u00df hatte, ein Nichtangriffspakt in Kraft trat. Sturm nahm Galatasaray mit in die Zwischenrunde, tat nichts mehr f\u00fcr die Offensive. Die t\u00fcrkischen Fans feierten jeden Pass, den Sturm spielte, da das Spiel nur mehr in der H\u00e4lfte Sturms stattfand.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was ist schon Sternstunde<\/h4>\n\n\n\n<p>Ich bin dankbar, dass er es so lange ausgehalten hatte, neben dem, mit krimineller Energie und \u00f6sterreichischem Schlaucherltum (Copyright A. Thurnher) aber auch reichlich Wahnsinn f\u00fcr den gro\u00dfen Traum ausgestatteten, Pr\u00e4sidenten Kartnig. So konnten viele \u2013 vor allem junge Fans \u2013 dem Klub treu bleiben. Die Wut kanalisierte sich in die Liebe zu Osims sch\u00f6nen, temporeichen und mutigem Spiel einerseits und Fanaktionen gegen die All\u00fcren des Pr\u00e4sidenten andererseits. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie in jeder Epoche fanden sich im Sturm Kader von damals einige herausragende Spieler unter Vertrag, wie etwa Ivica Vastic und Hannes Reinmayr, sp\u00e4ter Andres Fleurquin und Sergei Juran. Aber das Osim aus jedem Spieler, der unter ihm trainierte, ihn besser machte, aus ihm neue Seiten, neue Qualit\u00e4ten herauskitzelte, das machte ihn besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich noch gut an die erste Saison des Hannes Reinmayr, der sp\u00e4ter ein unverzichtbarer Bestandteil des \u201emagischen Dreiecks\u201c wurde. Seine F\u00e4higkeiten waren sichtbar. Seine Performance war \u2013 sagen wir es diplomatisch \u2013 \u00fcberschaubar. \u00dcber den Edelreservisten, mit maximal 15 Minuten Einwechselzeiten kam er zuerst nicht hinaus. Das erste Mal von Beginn an, spielte er erst in der 5. Runde, doch auch nur etwa 60 Minuten, wurde dann ausgetauscht. So ging es dahin: Wenige geniale Momente, wenig Ambition, mittelm\u00e4\u00dfige Darbietungen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Machte Vastic und Haas schon von sich reden und trafen regelm\u00e4\u00dfig, so d\u00fcmpelte Reinmayr ein wenig dahin. Doch bald wurde die Handschrift Osim auch bei Reinmayr sichtbar. Odim hatte in ihm etwas geweckt. Reinmayr wurde besser, immer besser und sch\u00f6pfte in der Mannschaft sein ganzes Potenzial schlie\u00dflich aus. So ging es mit vielen Spieler. Sie wurden immer besser und mit ihnen die Mannschaft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1692\" width=\"341\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--1024x576.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--300x169.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--768x432.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--1536x864.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro--750x422.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Pyro-.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>&nbsp;Auch hier offenbarte sich wieder das dialektische Denken des Ivan Osims. Er formte ein Team, das im Kollektiv funktionierte und nur so waren die Erfolge m\u00f6glich. Aber jeder Einzelne, der daran beteiligt war, wurde ebenso besser. Fu\u00dfballer, die als die &#8222;1998er Generation&#8220; in den Geschichtsb\u00fcchern gehandelt werden, wie G\u00fcnter Neukirchner, Mario Posch, Arnold Wetl, Markus Schopp, Mario Haas oder Gilbert Prilasnig w\u00e4ren nicht das geworden, was sie geworden sind, wenn sie Osim nicht als Trainer gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Viel sp\u00e4ter, als Osim bereits in Japan erfolgreich war, war es \u00fcblich, dass, wenn Osim auf &#8222;Heimaturlaub\u201c war \u2013 Graz wurde f\u00fcr ihn zur zweiten Heimat  \u2013 er die \u00b498er zu einem gemeinsamen Abendessen einlud und sie die ganze Nacht lang plauderten, fachsimpelten und philosophierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch legend\u00e4r ist, dass diese so erfolgreiche Mannschaft auch abseits des Spielfeldes eine Einheit war und beim Feiern genauso spitze waren, wie am Feld. Das wusste Osim und er wusste auch, dass er das nicht verhindern konnte, ja auch nicht konnte. Ihm war viel wichtiger, dass sie es gemeinsam taten, wenn sie die Stadt unsicher machten.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte der Mannschaft eine gemeinsame Idee von Fu\u00dfball eingeimpft, die er nicht mit Strafen und Erziehungsma\u00dfnahmen durchsetzen musste, sondern mit Eigenverantwortung, mit Selbstbewusstsein, mit Wissen, wie Fu\u00dfball geht. <\/p>\n\n\n\n<p>Man soll das Bild aber nicht zu rosa f\u00e4rben, er konnte am Rande des Spielfeldes fuchsteufelswild und richtig laut in der Kabine werden, wenn das Spiel nicht lief. <\/p>\n\n\n\n<p>Mario Haas, der zu Osim eine besondere Beziehung hatte, weil er ihn auch noch als Trainer in Japan hatte und bei den Osims ein und aus ging, erz\u00e4hlte in einem Interview, dass Osim auch sonst oft das Gegenteil von dem tat, was man erwartete. Wenn die Mannschaft einen gloriosen Sieg einfuhr und f\u00fcr alle sichtbar gut spielte, begann Osim zu n\u00f6rgeln, zu kritisieren und tat zumindest so, als w\u00e4re er nicht zufrieden. <\/p>\n\n\n\n<p>Lag die Mannschaft am Boden, weil sie verloren hatten, stellte er sich bei den Interviews vor sie, verteidigte sie und hob die positiven Aspekte hervor.Eer wollte, das sie nicht abhoben und immer weiter an sich arbeitet, denn &#8222;lernen tut man nicht bei Siegen sondern durch Niederlagen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00c4ra endet wie sie nicht enden h\u00e4tte d\u00fcrfen<\/h4>\n\n\n\n<p>Das tragische an der acht Jahre lang dauernden Amtszeit bei Sturm war, dass Hannes Kartnig f\u00fcr einen unw\u00fcrdigen Abschied aus Graz sorgte und ein schaler Beigeschmack blieb. Osim warf den Hut und ging nach Japan.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verbalen Entgleisungen des ehemaligen Sturm-Vereinspr\u00e4sidenten Hannes Kartnig kurz vor dem R\u00fccktritt des Bosniers hatten ein Nachspiel: 2006 musste der damals Noch-Pr\u00e4sident nach letztinstanzlichem Urteil rund 350.000 Euro an Ivica Osim zahlen. Der Bosnier spendete den Betrag caritativen Zwecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 16.11. 2007 erlitt Ivan Osim, als Trainer des Japanischen Nationalteams einen Schlaganfall. Der damals 66 \u2013j\u00e4hrige war in einem kritischen Zustand, war im Koma und musste wochenlang in der Intensivstation behandelt werden. Wie anders sollte es sein, dass er den Anfall vor dem TV erlitt, als er ein Fu\u00dfballspiel ansah und wie anders sollte es sein, dass er sich im J\u00e4nner 2008 den Fans bei einem Freundschaftsspiel zwischen Japan und Bosnien-Herzegowina, im Stadion zeigte, gebrechlich und auf Kr\u00fccken, aber mit stehenden Ovationen auf die Trib\u00fcne geleitet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Osims Gesundheit wurde soweit es m\u00f6glich war, wiederhergestellt. An Arbeiten als Trainer war jedoch nicht mehr zu denken, nach monatelangen Reha Aufenthalten und Therapien war Osim auch soweit transportf\u00e4hig, dass er nach \u00d6sterreich und Sarajevo zur\u00fcckkehren konnte. Seine letzte Lebensphase begann. Das reden fiel ihm schwer, seine Bewegungen waren langsam geworden, seine Haltung noch geb\u00fcckter. Fussballspiele sah er zumeist nur vor dem TV, davon aber reichlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber immer wenn er im Stadion einem Spiel von Sturm beiwohnte, meist mit seiner Frau Asima und seinem Literatenpendant Gerhard Roth brandeten Applaus und Sprechch\u00f6re im Stadion auf. Er wird immer in meinen Gedanken bleiben, weil er uns so viel gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[2]<\/a> https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3wateW0GtFY<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ivan Osim ist nicht mehr Als er zum ersten Mal am schmalen Streifen zwischen wei\u00dfer Seitenoutlinie und den rostigen Gitterz\u00e4unen vor der Stehplatztrib\u00fcne vorbeiging, war sein Blick gesenkt. Sein Gesichtsausdruck wirkte in sich gekehrt, traurig, nachdenklich; keine gro\u00dfen, den Zuschauern hingewandten, Gesten, nur ein kleines Winken mit der rechten Hand. Die 6.500 Zuseher*innen in der &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/was-ist-schon-sternstunde\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[373,4],"tags":[441],"class_list":["post-1683","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fussball","category-kommentare","tag-osim-ivan-sksturm-1909-todestag-1-mai-2022-nachruf","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1683","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1683"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1695,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1683\/revisions\/1695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}