{"id":166,"date":"2012-11-26T17:28:25","date_gmt":"2012-11-26T17:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=166"},"modified":"2024-06-21T08:31:24","modified_gmt":"2024-06-21T08:31:24","slug":"strukturelle-diskriminierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/strukturelle-diskriminierung\/","title":{"rendered":"\u201eStrukturelle Diskriminierung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><strong>Beitrag zum Tagungsband, anl\u00e4\u00dflich des 5-j\u00e4hrigen Bestehens <\/strong>von Ikemba:<\/p>\n<h2 align=\"left\"><strong>&#8222;Fit f\u00fcr Vielfalt?&#8220;<\/strong><\/h2>\n<p><strong>Graz, 24. Mai 2012<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Workshop 2: <\/strong><\/p>\n<h3 align=\"left\"><strong>\u201eStrukturelle Diskriminierung als Verhinderung der Partizpation und Inklusion\u201c.<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Weitreichendes Ph\u00e4nomen:<\/strong><\/p>\n<p>Diskriminierung ist ein weitreichendes, gesellschaftliches, politisches und soziales Ph\u00e4nomen. Gesellschaften haben in unterschiedlichen Abstufungen und Dimensionen mit den Problemen von Benachteiligung, Herabsetzung, Ausgrenzung, Verunglimpfung zu k\u00e4mpfen und stellt kein alleiniges Merkmal von autorit\u00e4ren Transformationsstaaten dar.<\/p>\n<p>Nun gibt es Formen der Diskriminierung, die relativ leicht sichtbar und erkennbar sind, wie etwa der blanke, offene Rassismus in Verbindung mit pers\u00f6nlicher Beleidigung, Aggression und Gewalt. Der Hintergrund f\u00fcr solche pers\u00f6nlichen Haltungen sind zumeist ein B\u00fcndel an politisch-ideologischen Vorstellungen, sozio\u00f6konomischen Rahmenbedingungen und vermeintlichen \u201eWahrheiten\u201c in der Gesellschaft, die mehr oder weniger salonf\u00e4hig sind. Wie sehr das gesellschaftlichen Prozessen unterworfen ist, erkennt man, wenn man in die nahe Vergangenheit zur\u00fcckblickt. Antisemitismus wurde \u2013 etwa in der Zwischenkriegszeit\u2013 als v\u00f6llig normal angesehen oder die Ungleichbehandlung von Frauen war selbst in den 1960er und 1970er in \u00d6sterreich noch gesetzlich verankert. Der gesellschaftliche Rahmen bestimmt also die Haltung des Einzelnen mit.<\/p>\n<p>Erkennen tun wir Diskriminierung dann relativ einfach, wenn diese weit au\u00dferhalb der Norm erfolgt und wenn sie von einer einzelnen Person oder einer kleinen sichtbaren Gruppe (z.b. Hooligans) ausgef\u00fchrt wird. Mit dieser Sichtbarkeit lassen wir uns aber gerne dazu verleiten, Diskriminierung auf einer pers\u00f6nlichen Ebene zu verhandeln und ausgrenzende, rassistische Motive den einzelnen Personen zu unterstellen; was ja nicht g\u00e4nzlich falsch sein muss. Konfrontationen, Problemstellungen werden auf Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Kommunikationsprobleme (Sprachschwierigkeiten) oder individuelle \u201eBefindlichkeiten\u201c reduziert.<\/p>\n<p>Jedoch hat diese eingeschr\u00e4nkte Sicht erhebliche Auswirkungen auf die L\u00f6sung des Problems, denn wesentliche Aspekte der m\u00f6glichen Dimensionen und Ursachen f\u00fcr Diskriminierung bleiben unbeachtet; und das sind eben strukturelle Bedingungen. Darunter versteht man im weitesten Sinne Rahmenbedingungen, unter den Menschen aufeinandertreffen ; etwa auf \u00c4mtern, in der Schule, in der Arbeit. Strukturelle Diskriminierung bezeichnet alle Formen, die aufgrund bestimmter Normen \u2013 sprich Normalit\u00e4t \u2013 und Wertvorstellungen in der Gesellschaft vorhanden sind und sich durch Gesetze, oft aber auch nur durch interne Regeln, administrative Normen manifestieren.<\/p>\n<p>Administration, Verwaltung ist oft betroffen und gef\u00e4hrdet, aufgrund von allgemeinen f\u00fcr Alle g\u00fcltige Regeln, Ausschlu\u00dfmechanismen zu produzieren. Denn die Regel \u201ef\u00fcr Alle\u201c, ist in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der F\u00e4lle auch auf eine bestimmte homogene Dominanzgruppe abgestellt. Als Beispiel sei \u201eDeutsch als Amtssprache\u201c genannt, die f\u00fcr Beh\u00f6rden und \u00c4mter, Einrichtungen der Verwaltung und Versorgung gilt und damit all jene ausschlie\u00dft, die nicht oder nur ungen\u00fcgend Deutsch sprechen. Dahinter steht auch ein bestimmtes, vorherrschendes Bild von der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung, die wei\u00df, katholisch und deutsch spricht. Seit 1961 beginnt dieses Bild jedoch immer rascher zu zerfallen, immer gr\u00f6\u00dfere Gruppen werden durch diese Regel diskriminiert.<\/p>\n<p>Interessant wird das Thema dann, wenn es sich um \u201eBeziehungen\u201c handelt, die durch Macht und Rollen konstituiert werden; wie etwa im KlientInnenkontakt<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> bei \u00c4mtern, Beh\u00f6rden oder in der Schule. Analysiert man die Konflikte so kommt zu Tage, dass sie rasch individualisiert und, sobald es sich um einen \u201eMigrationshintergrund\u201c handelt, oft kulturalisiert<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Herausforderung der strukturellen Diskriminierung besteht darin, die oft naheliegendste Erkl\u00e4rung (Konflikt zwischen zwei Personen, aufgrund der Kultur) und damit verbundene L\u00f6sung (Kommunikation verbessern, interkulturelle Kompetenz, Mediation\u2026) zu hinterfragen und sich auf eine tiefere, differenzierte Ursachenforschung zu begeben. Beispiele aus der Praxis gibt es dazu zu hauf, etwa die Tatsache, dass, durch die \u00d6konomisierung und Rationalisierungstendenzen von \u00f6ffentlichen Diensten, die Arbeitsbedingungen von MitarbeiterInnen drastisch versch\u00e4rft wurden und es durchaus \u00fcblich ist, dass ihnen Zeitkontingente pro Klientinnen vorgeschrieben werden. Derartige Tatsachen, werden selten im Zusammenhang mit MigrantInnen thematisiert, haben jedoch auf das Verhalten und das Verh\u00e4ltnis zwischen BearbeiterIn und KlientIn erhebliche Auswirkungen. F\u00fcr NormklientInnen \u2013 wie auch immer diese\/r in der konkreten Institution aussehen m\u00f6gen \u2013 wird die Zeit gerade reichen; f\u00fcr jeden etwas komplizierteren \u201eFall\u201c wird diese Regel zu einem \u201eProblem.\u201c In Verbindung mit der Norm \u201eDeutsch als Amtssprache\u201c erh\u00f6ht sich f\u00fcr den\/die MitarbeiterIn, der Zeitdruck und f\u00fchrt zu verschiedenste Formen von Ausgrenzungsstrategien<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>. MigrantInnen sind davon h\u00e4ufig betroffen, weil sie rasch nicht \u201eNormalklientInnen\u201c sind. Jedoch auch anderer Personengruppen k\u00f6nnen rasch in \u201eden Genu\u00df\u201c der Auswirkungen derartiger Regeln kommen.<\/p>\n<p><strong>Beginnt bei der Planung<\/strong><\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df sei noch ein weiterer Aspekt auf die strukturelle Dimension gerichtet, der das Thema noch etwas komplizierter macht und in das Feld der Strategie\/Politik\/F\u00fchrung weist. Strukturelle Diskriminierung beginnt oft noch viel fr\u00fcher, dort n\u00e4mlich, wo Planung beginnt. Denn in der Aufstellung der Regeln, in der Konzeption von Geb\u00e4uden, Infrastruktur, Stadtteilen u.v.m. beginnt bereits oft der Ausschlu\u00df von gesellschaftlichen Gruppen, die an der Nutzung gehindert werden. Wie dies etwa bei der Konzeption von Stra\u00dfenbahnganituren in den 1970-1990er sichtbar geworden ist. Sie waren so konzipiert, dass Menschen, die nicht der Norm entsprachen \u2013 und die lautete: m\u00e4nnlich, berufst\u00e4tig, ohne k\u00f6rperliche Einschr\u00e4nkungen, allein unterwegs und ohne gr\u00f6\u00dfere Gep\u00e4ckst\u00fccke (Aktenkoffer) \u2013 gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten hatten, die Stra\u00dfenbahn zu ben\u00fctzen. Ohne andere Fahrg\u00e4ste, die behilflich waren, ging gar nichts, wenn man RohlstuhlfahrerIn war oder mit einem Kinderwagen von der Tram mitgenommen werden wollte.<\/p>\n<p>Als ein anderes noch grundlegenderes Beispiel sei die Stadt Graz genannt, die bei n\u00e4herer Betrachtung in zwei St\u00e4dte zerf\u00e4llt, in die rechts und links der Mur. An nahezu allen infrastrukturellen Eckdaten<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> kann man die strukturelle Benachteiligung des rechten Murufers ablesen. Diese strukturelle Diskriminierung ist eine gezielte, politische und gemachte.<\/p>\n<p>Im folgenden seien einige weitere exemplarische, strukturelle Diskriminierungsmuster aufgez\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Formen von struktureller Diskriminierung:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Ungleichbehandlung per Gesetz (z.b. Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz)<\/li>\n<li>\u201evermeintlich objektivierte Rekrutierungsverfahren\u201c (z.b. Auswahlverfahren)<\/li>\n<li>Formale Regeln und Normen (z.b. Nostrifizierungsverfahren von Bildungsabschl\u00fcssen)<\/li>\n<li>lang einge\u00fcbte und erprobte, unver\u00e4nderliche&nbsp; Arbeitsabl\u00e4ufe und interne Vorgaben (Formulare, Zeitvorgaben\u2026)<\/li>\n<li>Intransparenz und Informalit\u00e4t (Netzwerke, Informationskan\u00e4le, pers\u00f6nlicher Kontakt)<\/li>\n<\/ul>\n<p>In den letzten Jahren entstand vor allem durch die Anti-Diskriminierungsrichtlinie der EU (RL 200\/43\/EG und RL 2000\/78\/EG), die seit 1. Juli 2004 auch in \u00d6sterreich in Kraft getreten ist;&nbsp; ein positiver Trend, Diskriminierung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Wenngleich die \u00f6sterreichische Umsetzung der beiden EU-Richtlinien kritisiert werden kann und muss, so sind dennoch zahlreiche Ver\u00e4nderungen in \u00d6sterreich auf den ver\u00e4nderten gesetzlichen Rahmen zur\u00fcckzuf\u00fchren, insbesondere im Bereich der Stellenausschreibungen und der gleichen Bezahlung bei gleicher Arbeit.<\/p>\n<p>Im folgenden seien noch m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige <strong>Aktionsfelder und Potenziale<a title=\"\" href=\"#_ftn5\"><strong>[5]<\/strong><\/a><\/strong> genannt, die in der Auseinandersetzung mit Diskriminierung &nbsp;bearbeitet werden und noch weiter ausgebaucht werden m\u00fcssen<strong>:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Sensibilisierung\/ Bewusstseinsarbeit.<\/li>\n<li>Diskriminierung auf F\u00fchrungsebene st\u00e4rker thematisieren und Strategien dagegen f\u00f6rdern, insb. \u00d6ffnungsprozesse und Organisationsentwicklungsprozesse.<\/li>\n<li>Evaluation der bestehenden Gesetze und etwaige Pr\u00e4zisierungen, Effektivierungsma\u00dfnahmen von Antidiskriminierungsbestimmungen beschlie\u00dfen.<\/li>\n<li>Verst\u00e4rkte Forschung und Untersuchungen von strukturellen Diskriminierungspotenzialen, f\u00e4cher\u00fcbergreifend f\u00f6rdern.<\/li>\n<li>Antidiskriminatorische Bildungsarbeit (Schule und Erwachsenenbildung)<\/li>\n<li>Antidiskriminierungsstellen, -b\u00fcros als wichtige Anlaufstelle u.v.m\u2026.<\/li>\n<\/ul>\n<div>\n<hr width=\"33%\" size=\"1\" align=\"left\">\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Der Begriff KlientIn wird hier als Generalbegriff verwendet, da in den verschiedenen Themenfeldern (Soziales, Gesundheit, Jugend, Arbeitsmarkt) verschiedene Begriffe verwendet werden, wie etwa: KundInnen,&nbsp; PatientInnen\u2026<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Mit Kulturalisierung &nbsp;und Ethnisierung wird ein politischer Prozess beschrieben, der dazu f\u00fchrt, dass Unterschiede betont und fixiert werden und eine Problemsicht dieser Unterschiede entsteht. Die kulturellen Unterschiede werden schlie\u00dflich als die Hauptursache f\u00fcr Konflikte udgl. ausgemacht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Diese etwas vereinfachte und schematische Darstellung wurde im Workshop durch zahlreiche konkrete Fallbeispiele aus der Praxis n\u00e4her und differenzierter dargestellt. Auf die ausf\u00fchrliche Beschreibung muss hier jedoch verzichtet werden.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Diese sind etwa: Anzahl der verschiedenen Schultypen, insb. Gymnasien, sonstige Bildungseinrichtungen , Kulturst\u00e4tten, praktizierende \u00c4rztInnen, Parkfl\u00e4chen u.v.m.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit dabei zu erheben.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag zum Tagungsband, anl\u00e4\u00dflich des 5-j\u00e4hrigen Bestehens von Ikemba: &#8222;Fit f\u00fcr Vielfalt?&#8220; Graz, 24. Mai 2012 Workshop 2: \u201eStrukturelle Diskriminierung als Verhinderung der Partizpation und Inklusion\u201c. Weitreichendes Ph\u00e4nomen: Diskriminierung ist ein weitreichendes, gesellschaftliches, politisches und soziales Ph\u00e4nomen. 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