{"id":1659,"date":"2022-03-31T14:22:14","date_gmt":"2022-03-31T14:22:14","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1659"},"modified":"2024-06-21T08:16:03","modified_gmt":"2024-06-21T08:16:03","slug":"spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-1-kapitel-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-1-kapitel-7\/","title":{"rendered":"Spiel mit dem Leben Anderer, Teil 1, Kapitel 7"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Wie schwer es ist, ein mehrteiliges Kapitel \u00fcber Asyl und Flucht zu schreiben, zeigt sich gerade an der aktuellen Situation in der Ukraine. Gerade noch ist man mit der Aufarbeitung der letzten Jahre besch\u00e4ftigt und hat sich den syrischen B\u00fcrgerkrieg und die j\u00fcngsten afghanischen Entwicklungen zur Grundlage genommen, schon ist alles \u00fcber den Haufen geworfen. Ein brutaler und durch nichts zu rechtfertigender \u00dcberfall und Angriffskrieg des russischen Diktators Putin l\u00e4sst uns erschaudern, in welche dunkel Zeiten wir alle \u2013 in Europa \u2013 zur\u00fcck fallen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Da reden wir noch \u00fcber assymetrische low intense Wars und b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Szenarien, von zerfallenden Staaten (siehe Wassermann, 2015), die von Terrorgruppen angegriffen werden und von Warlords segmentiert werden und dann greift ein Land ein anderes an, mit Panzer, Raketen und Flugzeugen, wie in dunkelsten Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber machen wir einen Schritt zur\u00fcck und besch\u00e4ftigen wir uns \u2013 umso notwendiger \u2013 mit den Ursachen von Fl\u00fcchtlingsbewegungen, was umso leichter erscheint, als dass es im Moment in aller Deutlichkeit uns vor Augen gef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Menschen gemacht<\/h4>\n\n\n\n<p>Fl\u00fcchtlingsbewegungen sind nahezu immer Resultate von politisch, \u00f6konomischen und milit\u00e4rischen Entwicklungen, die durch Entscheidungen von Machthabern und Machteliten herbei gef\u00fchrt worden sind. Ein wesentlicher Faktor dabei spielt, dass die Welt in Einflu\u00dfsp\u00e4hren unterteilt war, ist und bedauerlicherweise weiter sein wird. Daher gehen wir jetzt im aktuellen Teil des ersten Kapitels n\u00e4her auf die historischen und globalen Zusammenh\u00e4nge ein, die Fl\u00fcchtlingsbewegungen ausgel\u00f6st haben und erzeugen<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei noch erw\u00e4hnt, dass Ausnahmen dieser Regel Fluchtbewegungen darstellten, die aufgrund einer Natur- oder Umweltkatastrophe ausgel\u00f6st worden sind. Aber auch diese sind mittlerweile immer h\u00e4ufiger menschengemachten Ursachen geschuldet. Hungersn\u00f6te  und au\u00dfergew\u00f6hnliche Wetterereignisse sind mittlerweile fast ausschlie\u00dflich Ergebnis der Auswirkungen des von Menschenhand erzeugten Klimawandels (Scheumann, 2014). Die Folge sind Immer \u00f6fter Kriege um die immer knapper werdenden Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir das \u00e4u\u00dferst traurige und d\u00fcstere Weltgeschehen betrachten, dann m\u00fcssen wir feststellen, das nahezu alle Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten nicht nur einen lokalen-regionalen Aspekt besitzen, sondern immer auch einen imperialen, geopolitischen, in dem Regional- oder Weltm\u00e4chte ihre Finger im Spiel hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst die lokalen-regionalen Aspekte \u2013 sprich Auseinandersetzungen aufgrund von ethnischen, religi\u00f6sen, sozialen und politischen Divergenzen \u2013 kn\u00fcpfen oftmals an alte, weit zur\u00fcckliegende Konflikte, \u00a0koloniale Vereinbarungen (Vertr\u00e4ge) und auf gesellschaftliche Spaltungen ausgerichtete gezogene Grenzen und Okkupationen. Daf\u00fcr konnte der Syrien Krieg als Beispiel dienen. Nach dem ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches, wurden die Grenzen zwischen Irak, Jordanien, Syrien, Pal\u00e4stina, sowie T\u00fcrkei\/Anatolien und Kurdistan per Lineal durch die beiden Diplomaten Francois Georges-Picot (Frankreich) und Mark Sykes (Gro\u00dfbritannien) neu gezeichnet<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>, die damit die Einflu\u00dfsp\u00e4hren ihrer L\u00e4nder in der Region sicherten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrte dazu, dass soziale, ehtnische, religi\u00f6se und kulturelle Siedlungsgebiete sowie \u00f6konomische Grundlagen willk\u00fcrlich durchtrennt worden sind. Genau das war auch eines der Ziele dieses Plans\/Abkommens. Der lokale Widerstand gegen die Fremdherrschaft sollte und konnte damit geschw\u00e4cht bzw. unterbunden werden. Einhergehend damit konnten die jeweilig eingesetzten lokalen Verwaltungshierarchien der Franzosen und Briten lokale Eliten f\u00f6rdern, die erstens treu ergeben waren und zweitens wirtschaftlich davon profitierten. Den gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung hingegen blieb von diesen Machtspielen nichts. Sie durften am etwaig aufkommenden Wohlstand nicht mitnaschen, trugen die Lasten und die Segementierung der Gesellschaft f\u00fchrte zu schwachem Widerstand, der leichter isoliert und unterdr\u00fcckt werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Syrien, als Beispiel, h\u00e4lt eine kleine, quantitativ begrenzte, religi\u00f6se Minderheit \u2013 die der Alawiten<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> &#8211; nahezu alle wesentlichen Machtpositionen inne; Politik Milit\u00e4r, Polizei, Administration. Diktator Assad entstammt selbst einer alawitischen Familie, bereits sein Vater Hafiz Assad regierte Syrien bis 2000 mit brutalen diktatorischen Mitteln. Die syrischen Alawiten sind Nutzniesser des Britisch\/Franz\u00f6sischen Paktes nach 1918 geworden und haben in den letzten 50 Jahren Syrien fest im Griff. Als der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c (2010-2011) im Nahen Osten ausbrach und auch in Syrien eine Protestbewegung gegen das Regime entstand, brachen eine Reihe von ungel\u00f6sten Konfliktlinien gleich einer Dominosteinreihe los<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Das Regime beantwortete die Proteste mit brutaler Gewalt. Dies allein h\u00e4tte jedoch noch nicht zu der Katastrophe gef\u00fchrt wie wir sie jetzt im R\u00fcckblick sehen. Die Zerschlagung der Baath Partei und die Neuzusammensetzung des irakischen Staates, die ungel\u00f6sten Fragen in den kurdischen Regionen, sowie die Regionalm\u00e4chte T\u00fcrkei und Iran sind die Zugaben des brodelnden Topfes, der schlie\u00dflich buchst\u00e4blich in die Luft ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese koloniale Vergangenheit wirkt bis heute nach und die Auswirkungen sind auch nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus nicht verschwunden. Zwar wurden die Staaten formal unabh\u00e4ngig und es folgten Staatsgr\u00fcndungen, die Abh\u00e4ngigkeiten der jeweiligen L\u00e4ndern zu den ehemaligen Kolonialm\u00e4chten blieben aber erheblich. Nach wie vor ist etwa die Einflusssp\u00e4hre von Frankreich in Westsahel so stark, dass franz\u00f6sische Truppen dort Krieg f\u00fchren; wie etwa j\u00fcngst in Mali, Niger, Mauretanien, Burkina Faso und dem Tschad.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr Konflikte und Kriege und damit Ausl\u00f6ser von Fl\u00fcchtlingskrisen ist der Umstand, das zwar der sogenannte \u201eKalte Krieg\u201c nach dem 2. Weltkrieg mit dem \u201eFall der Mauer\u201c und sp\u00e4testens mit der Aufl\u00f6sung der UdSSR 1991 zu Ende ging, die Welt der Einflusssp\u00e4hren jedoch erhalten blieb. So scheint es nach wie vor ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass es Regionen der Welt gibt, in denen die USA ihren F\u00fchrungsanspruch geltend macht und genauso ist es mit Russland. Dass dahinter nicht immer politisch-milit\u00e4rische Ziele, sondern oft auch handfeste wirtschaftliche eine Rolle spielen, liegt auf der Hand.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> https:\/\/www.rolfmuetzenich.de\/publikation\/renaissance-geopolitik<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sykes-Picot-Abkommen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/1311802788208\/neu-gudrun-harrer&#8212;analysen-alawiten-sind-keine-aleviten<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/themen\/kriege-konflikte\/innerstaatliche-konflikte\/54705\/syrien\/<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Die USA hat in ihrem \u201eHinterhof\u201c \u2013 Mittel- und Lateinamerika, in der Vergangenheit wie selbstverst\u00e4ndlich eingegriffen, wenn es gegen ihre Wirtschafts- und Machtinteressen ging, zettelte Putsches (Chile) an, setzte rechtsgerichtete Autokraten (z.B. Augusto Pinochet) ein, finanzierte konterrevolution\u00e4re Paramilit\u00e4rs (Nicaragua<a href=\"#_ftn1\">[5]<\/a>, El Salvador).<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wie die USA ihren Hinterhof kontrollieren versucht, wird die russische Einflu\u00dfsp\u00e4hre auf der Gegenseite akzeptiert. Das sind alle ehemaligen Sowjetrepubliken, die in die GUS<a href=\"#_ftn2\">[6]<\/a> aufgegangen sind bzw. in ihrem grenznahen Gebiet liegen. Daher fand \u00e4hnliches, nur unter umgekehrten Vorzeichen, in Afghanistan statt. 1978 fand ein Putsch afghanischer Kommunisten statt, der zu einem Aufstand weiter Teile der Bev\u00f6lkerung f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>1979 rief die afghanisch-kommunistische Regierung die Sowjetunion zu Hilfe, die marschierte daraufhin ein. Das dynamisierte das Kriegsgeschehen und f\u00fchrte zu einer Aufstandsbewegung gegen die Besatzer. Es rekrutierten sich Widerstandsgruppen im Land (mit jeweils religi\u00f6sen, ethnischen und sprachlichen Hintergr\u00fcnden), sogenannte Mudschahedin, die im Kampf gegen die Sowjets von den USA insgeheim unterst\u00fctzt worden sind (siehe auch Ruttig, 2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus entstanden unter anderem die radikalislamischen Taliban, die mittlerweile nach einem kurzen Krieg im Jahr 2021 wieder zur\u00fcck an die Macht kamen. 1989 zogen sich die Sowjettruppen \u2013 \u00e4hnlich milit\u00e4risch und moralisch geschlagen wie die USA in Vietnam \u2013 zur\u00fcck. Es folgte ein innerafghanischer B\u00fcrgerkrieg. Mit Hilfe der USA kontrollierten die Taliban bis 1996 die wichtigsten Regionen und St\u00e4dte. Die USA mussten jedoch einsehen, welchen fatalen Fehler sie gemacht hatten und st\u00fcrzten das Taliban Regime mithilfe einer Vereinten NATO Mission. Diese blieb bis August 2021 im Land, konnte jedoch das Land nie wirklich stabilisieren, bis der Abzug im Sommer 2021 die neuerliche Macht\u00fcbernahme der Tailban besiegelte<a href=\"#_ftn3\">[7]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht untersch\u00e4tzt d\u00fcrfen lokale, separatistisch-nationalistische, rechte bis rechtsextreme<a href=\"#_ftn4\">[8]<\/a>, oder religi\u00f6s motivierte gewaltbereite \u2013 milit\u00e4risch ausgebildete Gruppen, die in den letzten Jahrzehnten stark im Steigen begriffen sind. Das hat mitunter auch damit zu tun, dass das Kriegshandwerk \u201eprivatisiert\u201c wurde und paramilit\u00e4rische S\u00f6ldnertrupps sich als taugliches Mittel entpuppten, um Geheimoperationen oder Kriegsaktivit\u00e4ten der \u00d6ffentlichkeit zu entziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist einerseits der islamistische Terror und der gro\u00dfe Zulauf von milit\u00e4rischen Gruppen. Das geht \u00fcber die Phase des Zerfalls Jugoslawiens, in dem bereits radikale rechte und islamistische Gruppen aufeinander trafen, ging \u00fcber die Tschetschenkriege, in denen die Zerst\u00f6rung des islamistischen Einflu\u00dfes definitives Ziel der russischen Invasion war, jedoch nur zu einer Radikalisierung von islamistischen K\u00e4mpfergruppen f\u00fchrte, die sich in weiterer Folge als S\u00f6ldner auf den diversen Kriegsschaupl\u00e4tzen (Irak, Syrien, Jemen, Somalia, \u00c4thiopien und jetzt &nbsp;Ukraine) verdingten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass immer \u00f6fter low intense conflicts, also assymetrische und b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Auseinandersetzungen die Regeln wurden. Insoferne ist die Russland Invasion im Jahre 2022 eine Anomalie der modernen Kriegsf\u00fchrung. Dass ein Land ein anderes \u00fcberf\u00e4llt \u2013 wie es Russland tat \u2013 ist mittlerweile die Ausnahme geworden, heisst aber nicht, dass es traurige Realit\u00e4t sein kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gedanken \u00fcber die Berichterstattung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Nun in der heissen Phase eines Krieges \u2013 bei Ausbruch und Beginn der Kampfhandlungen \u2013 ist die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit und oftmals auch die Emp\u00f6rung der Welt\u00f6ffentlichkeit gro\u00df. Doch je l\u00e4nger der Konflikt andauert, desto mehr ermattet die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit und der jeweilige Kriegsschauplatz wird vom permanenten Sondersendungsstatus zu einer normalen Berichterstattung in den daf\u00fcr vorgesehenen Nachrichtensendungen Schritt f\u00fcr Schritt herunter gestuft.<\/p>\n\n\n\n<p>Oftmals, wie auch im Syrien Konflikt gut ersichtlich, ger\u00e4t der Krieg zwischenzeitlich v\u00f6llig aus dem Blickfeld. Der Syrien Konflikt ist im Jahre 2022 11 Jahr alt und hat seinen medialen H\u00f6hepunkt in den Jahren 2014-2017. Mittlerweile ist der nach wie vor schwellende Konflikt kaum mehr einer Abendnachricht wert, es sei denn, es kommt zu dramatischen Ereignissen, wie etwa der Angriff des IS auf ein Gef\u00e4ngnis im J\u00e4nner 2022<a href=\"#_ftn1\">[9]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch schlimmer wirkt sich das bei kriegierschen Auseinandersetzungen aus, der keiner gr\u00f6\u00dferen \u201eweltpolitischen\u201c Bedeutung zu gemessen wird und au\u00dferhalb des westlich-europ\u00e4ischen Blickfeldes liegen; oder besser gesagt, wo das wirtschaftliche und politische Interesse gering ist. Konflikte, ethnischer-religi\u00f6ser-politischer Natur sind dann meist nur Randnotizen, wie etwa die Verfolgung der islamischen Rohingya im buddhistischen Myannmar<a href=\"#_ftn2\">[10]<\/a>. Die Zahlen der Fl\u00fcchtlinge \u2013 vor allem in Bangladesh \u2013 werden auf mehr als 700.000 Rohingya gesch\u00e4tzt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[5]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Contra-Krieg<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[6]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gemeinschaft_Unabh%C3%A4ngiger_Staaten<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[7]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/themen\/kriege-konflikte\/innerstaatliche-konflikte\/155323\/afghanistan\/#node-content-title-3<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[8]<\/a> Die fr\u00fcher ebenfalls aktiven linksextremistischen Bewegungen und Guerilla, insb. in Mittel- und Lateinamerika spielen derzeit wenig Bedeutung; am ehesten noch in Kolumbien.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1659&amp;action=edit#_ftnref1\">[9]<\/a> https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/syrien-is-gefaengnis-100.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1659&amp;action=edit#_ftnref2\">[10]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rohingya<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1661\" width=\"439\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/IMG_20181116_080922-750x563.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>\u00c4hnlich prek\u00e4r ist die Aufmerksamkeit gegen\u00fcber eines anderen Krieges, der sich seit 2014 in Jemen<a href=\"#_ftn1\">[11]<\/a> zutr\u00e4gt. Eine von Saudi Arabien gef\u00fchrten Allianz, die auf der Seite der Hadi Regierung eingegriffen hat, versucht den Vormarsch der Huthi Rebellen, die vom Iran unterst\u00fctzt werden, zu verhindern. Jemen ist Schauplatz des Aufeinanderprallens von regionalen Interessen von zwei Regionalm\u00e4chten (Saudi Arabien vs. Iran), die ihre religi\u00f6sen Konflikte mit politischen Interessen in einem fremden Land zu l\u00f6sen versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jemen ist aber auch Schauplatz einer humanit\u00e4ren Trag\u00f6die. Das bitterarme Land kann sich unter diesen Rahmenbedingungen weder selbst ern\u00e4hren, noch internationale Hilfsprogramme sichern, sodass sich eine Hungerkatastrophe im biblischen Ausma\u00dfe   vor den Augen der Weltgemeinschaft abspielt, die jedoch die Augen davor verschlie\u00dft<a href=\"#_ftn2\">[12]<\/a>. Und so strotz Jemen von Waffen, milit\u00e4rischem hochtechnischem Ger\u00e4t und gleichzeitig verhungert die Bev\u00f6lkerung und stirbt einen langsamen Tod. Eine relevante Fluchtbewegung, etwa nach Europa gibt es jedoch nicht. Dazu ist die Bev\u00f6lkerung viel zu arm, um sich deratiges leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriege sind generell immer auch lukrativ f\u00fcr die Waffenschmieden der Welt, die \u00fcberwiegend in den USA, EU-Europa, Gro\u00dfbritannien, China, Russland liegen und das Brennholz all der milit\u00e4rischen Konflikte sind.<a href=\"#_ftn3\">[13]<\/a> So arm kann ein Land gar nicht sein, all das nicht gen\u00fcgend Waffen gekauft werden k\u00f6nnen, um einen Krieg zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir in dem Teil davor des ersten Kapitels \u00fcber Systematiken der Flucht gesprochen haben, so lassen sich auch Systematiken in der Rezeption von Fluchtbewegungen ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Rezeption<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit spricht man ja auch davon, dass \u201eKriege ausbrechen\u201c, was suggeriert, dass dies von heute auf Morgen passiere.  Jedoch  entspricht das in keinster Weise der Realit\u00e4t. Denn Grundlagen der Konflikte, die in weiterer Folge zu Kriegen f\u00fchren, sind zumeist jahrelang zuvor bereits beobachtbar. In vielen F\u00e4llen sogar Jahrzehnte, da sie nur befriedete Zust\u00e4nde sind, die auf ungerechten, unfairen und gewaltt\u00e4tigen Umst\u00e4nden zustande gekommen sind; wie zuvor bereits erl\u00e4utert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies kann in den letzten gr\u00f6\u00dferen Fl\u00fcchtlingsbewegungen, die wir beobachten konnten und die f\u00fcr Europa relevant wurden, gut nachvollzogen werden. Afghanistan etwa oder Syrien (siehe auch Wieland, 2020). Es ist ja nicht so, dass die Familie Assad und ihre Regime vorher Demokraten gewesen w\u00e4ren und die Unterdr\u00fcckungen und Verfolgungen in Syrien erst ausgebrochen w\u00e4ren, als der Arabische Fr\u00fchling auch in Syrien ankam<a href=\"#_ftn4\">[14]<\/a>. Auch in Afghanistan war die R\u00fcckkehr der Taliban im Sommer 2021 kein Ereignis, das pl\u00f6tzlich ausgebrochen war, sondern sich schon lange angek\u00fcndigt hatte. Es gibt also nahezu immer eine mehr oder minder lange Vorlaufgeschichte, die zum Kriegesausbruch zur\u00fcck in die Vergangenheit f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliches gilt nunmehr auch f\u00fcr den \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine. Seit 2014 gibt es zwei abtr\u00fcnnige Provinzen (Donbass) in der Ukraine, die milit\u00e4risch von Russland unterst\u00fctzt werden und die Krim wurde von den russischen Milit\u00e4rs bereits 2014 annektiert. Beides Vorg\u00e4nge, die gegen das V\u00f6lkerrecht verstossen. Russland zeigte auch in anderen L\u00e4ndern, welche geo- und au\u00dfenpolitische Rolle und Funktion das Milit\u00e4r spielt und wie wenig die herrschende russische Elite sich um internationale Regeln und Vertr\u00e4ge schert. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu erw\u00e4hnen seien hier etwa die Kriege in Tschetschenien, das in zwei Kriegen v\u00f6llig zerst\u00f6rt worden ist und in dem seit der \u201eBefriedung\u201c ein islamistischer \u2013 Putin treuer \u2013 Warlord (Kadyrow)<a href=\"#_ftn5\">[15]<\/a> sitzt, der den Erf\u00fcllungsgehilfen zur Durchsetzung der Macht vor Ort spielt; etwa in Abchasien<a href=\"#_ftn6\">[16]<\/a>, das von Russland von Georgien milit\u00e4risch&nbsp; abgetrennt wurde und auch nur von Russland und seinen Vasallenstaaten anerkannt ist. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die s\u00fcdossetischen Gebiete<a href=\"#_ftn7\">[17]<\/a>, die ebenfalls eigentlich zu Georgien geh\u00f6ren, aber mit Hilfe Russlands sich de facto unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>In all diesen F\u00e4llen spielt jeweils Russland (vormals Sowjetunion) als imperiale Gro\u00dfmacht eine fatale und entscheidende Rolle. Nahezu ebenso viele Beispiele lassen sich jedoch auch f\u00fcr die zerst\u00f6rerische Rolle der USA in der Welt finden; mitunter an den gleichen oder nahen und mit den Ereignissen zusammenh\u00e4ngenden\u00a0 Schaupl\u00e4tzen (Irak, Iran, Syrien, Afghanistan usw.)<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der gerichtete Blick<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Bei vielen B\u00fcrger*innen in europa entstand in den letzten Jahren der Eindruck, wir w\u00e4ren gerade in den letzten10 Jahren mit einem neuen Ph\u00e4nomen der Flucht konfrontiert. Die Flut der Bilder und Berichterstattungen \u00fcber \u201eFl\u00fcchtlingswellen\u201c erweckten das Gef\u00fchl, die Welt \u2013 insbesondere unsere vormals sichere Welt \u2013 ginge im gewaltvollen Chaos zugrunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu seien einige widerspr\u00fcchliche Gedankeng\u00e4nge angef\u00fchrt. Nach den Schrecken des 2. Weltkrieges war unsere Welt keineswegs friedlich. Wir hier in Europa hatten nur das Privileg vieles davon nicht mitansehen zu m\u00fcssen, weil dar\u00fcber kaum berichtet wurde, oftmals zeitverz\u00f6gert und weniger ausf\u00fchrlich<a href=\"#_ftn1\">[18]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Jahrzehnte lebte gerade Europa mit einem verinnerlichten Blick ausschlie\u00dflich darauf bedacht, die Lage und Situation in Europa zu betrachten und auf den Ost-West Konflikt zu starren (siehe auch Beatrice Heuser, 2005). Im \u201eKalten Krieg\u201c waren daher weniger die Stellvertreterkriege in der Dritten Welt, die Millionen von Opfern und Fl\u00fcchtlinge nach sich zogen, im Fokus, sondern vielmehr die vergleichsweise niedrige Anzahl von Fl\u00fcchtlingen, die es \u00fcber \u201edie Mauer\u201c schafften und sich dem Einflu\u00dfbereich der UdSSR entziehen konnten<a href=\"#_ftn2\">[19]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Zusammenbruch des \u201eOstblocks\u201c (1989) ver\u00e4nderte sich die Welt \u2013 auch weil der Sieg des Kapitalismus und ein \u201eEnde der Geschichte\u201c (Fukuyama, 1992) ausgerufen wurde. Die Folge davon war eine bis dahin noch nie dagewesene Welle des Neo- bzw. Ordoliberalismus<a href=\"#_ftn3\">[20]<\/a> (Privatisierung, Deregulierung, Abbau des Sozialstaates, Spardiktate des Staates, Freihandelszonen, Exportsubventionen, Vergesellschaftung von &nbsp;Schulden, u.v.m.) und eine rasante Evolution der Informationsgesellschaft und globalisierten Kommunikation. Diese gesellschaftlichen Umw\u00e4lzungen m\u00fcssen mit ins Auge gefasst werden, wenn von Flucht und Migration die Rede ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Tatsache ist aber auch, dass die Zahlen der Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen in den letzten Jahrzehnten stetig stiegen. Denn die Konfliktursachen und Wanderungsgr\u00fcnde (Armut, Hungersot, Naturkatastrophen, zerfallende Staaten, bessere Jobs\u2026) sind ja nicht verschwunden, ebenso wenig wie korrupte gewaltt\u00e4tige Regime vor Ort, extreme Unterschiede zwischen Reich und Arm, \u00f6konomische Interessen der reichen Industriestaaten (EU, USA, Japan, Australien\u2026) und multinationaler Konzerne, sei es wegen der expandierenden M\u00e4rkte und gnadenloser Privatisierung von G\u00fctern (z.b. Wasser), sei es wegen der Rohstoffe, die es zu holen gibt. All das ist die Blaupause f\u00fcr die sich entwickelnden Migrationsstr\u00f6me. Mit der Unterminierung der multilateralen Weltordnung, dem zunehmenden Auseinanderdriften von Reich und Arm und der sich abzeichnenden Klimakatatstrophe, ist das weitere Ansteigen der Fl\u00fcchtlingszahlen nur eine logische Konsequenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriege, Vertreibungen, Genozide sind jedoch keine Naturkatastrophen, die von heute auf Morgen ausbrechen, sondern sind Ergebnisse gesellschaftlicher Entwicklungen und Ergebnisse von politischen Entscheidungen und Handlungen, an der die europ\u00e4ischen Staaten und die EU ma\u00dfgeblich mitwirkten.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Phasen der Fl\u00fcchtlingshilfe<\/h4>\n\n\n\n<p>Aufgrund der Beobachtungen und langj\u00e4hrigen Erfahrungen kann die Fl\u00fcchtlingshilfe in f\u00fcnf Phasen eingeteilt werden, die im folgenden etwas n\u00e4her beschrieben werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Phase 1:<\/strong> Die Situation im Konfliktgebiet spitzt sich zu. Gr\u00f6\u00dfere lokale Fl\u00fcchtlingsbewegungen entstehen bereits, die jedoch noch innerhalb des eigenen Land bleiben und sich in Regionen bewegen, die noch sicher erscheinen. Im Falle der Ukraine war das eine Ost-Westbewegung. Viele Fl\u00fcchtlinge reisten in den Westen nach Lwiw, nach Czernowitz und Odessa bzw. an die polnische, moldawische und rum\u00e4nische Grenze. Das Entstehen der ersten Massenfl\u00fcchtlingsbewegungen ist in der Phase 1 die Zivilgesellschaft Gradmesser und Ausl\u00f6ser.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[11]<\/a> Insbesondere muss dabei bedacht werden, dass die Mediensituation in den 1960-1990er eine v\u00f6llig andere war.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[12]<\/a> Auszunehmen sind die Massenfluchtbewegungen aus Ungarn, Tschechoslowakei, Polen, DDR und Rum\u00e4nien.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[13]<\/a> Zum Begriff Ordoliberalismus siehe auch. http:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/lexikon-der-wirtschaft\/20234\/ordoliberalismus<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[14]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milit%C3%A4rintervention_im_Jemen_seit_2015<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[15]<\/a> https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NIImZvo23ZI<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[16]<\/a> https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2019-12\/ruestungsexporte-waffen-zuwachs-4-6-prozent-sipri-institut?utm_referrer=https%3A%2F%2Fl.facebook.com%2F<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[17]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%BCrgerkrieg_in_Syrien_seit_2011<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[18]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ramsan_Achmatowitsch_Kadyrow<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[19]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abchasien<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[20]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ossetien<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Diese Bewegungen werden von kleinen Gruppen, NGOs, Einzelpersonen, spontan entstehende Zusammenschl\u00fcssen wahrgenommen. Diese beginnen rasch und unb\u00fcrokratisch Hilfe zu organisieren. Oft sind darunter auch Personen, die mit dem Kriegsland famili\u00e4re Bande haben, hier als \u201eExpads\u201c oder Migrant*innen (z.B. Kulturvereine der Ukrainer*innen) leben und um Hilfe gebeten werden und bitten. Oft aktivieren sich auch internationale Kultur- und Kunsteinrichtungen (Kunstverein rotor in Graz) oder Schauspielgruppen, &#8211; h\u00e4user usw., die mit Menschen aus den Kriegsgebieten in Kontakt stehen. Dieser relativ kleine zivilgesellschaftliche Impuls setzt sich rasch fort und breitet sich aus, ergreift dann auch gr\u00f6\u00dfere Einrichtungen, die in der Fl\u00fcchtlingsarbeit und Notfall- sowie der internationalen Katastrophenhilfe aktiv sind und die entsprechenden Resourcen besitzen (Caritas, Rotes Kreuz, Diakonie, u.v.m.).<\/p>\n\n\n\n<p>Je nach Akutsitution und Wahrnehmung dauert diese Phase 1 nur wenige Tage \u2013 wie etwa beim Ausbruch des Krieges in der Ukraine \u2013 oder l\u00e4nger, wie 2015 wo diese Phase  im Juni 2015  ihren Ausgang nahm und bis in den August anhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Phase 2<\/strong> ist vom \u00dcbergang von der spontanen, dezentralen Hilfe zur geleiteten, organisierten und koordinierten Hilfe gepr\u00e4gt. Die gro\u00dfen Hilfsorgansationen, der ORF, Nachbar in Not steigen ein und machen auch \u00f6ffentlichen Druck auf die Regierung und deren Administration. Im Falle der Ukraine Hilfe dauerten Phase 1 und Phase 2 nicht lange, schon bald \u00fcbernahm das Innenministerium das Zepter und organisierte und koordinierte, gemeinsam mit den L\u00e4ndern die Erstversorgung, Aufnahme bzw. Weiterreise und Unterbringung.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der letzten gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingsbewegung im Jahre 2015 war das Innenministerium und die nachgestellten Beh\u00f6rden lange Zeit unt\u00e4tig und erzeugte damit prek\u00e4re Situationen, etwa bei der Unterbringung. Ankommende Fl\u00fcchtlinge mussten wochenlang in Zeltlagern auf dem Gebiet des Lagers Traiskirchen campieren<a href=\"#_ftn1\">[21]<\/a>. Erst durch die Welle der Hilfsbereitschaft der Zivilgesellschaft \u00e4nderte sich das schlie\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sind wir in der <strong>Phase 3<\/strong> angelangt, die gesamte Logistik der Hilfe und Unterbringung ist durch die Regierung und die nachgeordneten verantwortlichen Stellen in Bund, Land und Gemeinden \u00fcber das Land ausgebreitet. Die gro\u00dfen Hilfsorganisationen, sowie eine Reihe von anderen wichtigen Beh\u00f6rden und Stellen sind mit eingebunden, wie etwa die \u00d6BB, das AMS und viele mehr. Eine bereits ausgerollte Welle der Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung \u00fcberzieht das Land, wie dies etwa auch jetzt zu beobachten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Phase sollte jedoch nicht zu lange dauern. Es treten nach Wochen und Monaten Erm\u00fcdungserscheinungen auf. Viele Menschen, die wochenlang auf Anspannung und unter gro\u00dfem Einsatz aktiv waren, erlahmen und sind am Ende ihrer Kr\u00e4fte. Auch die \u00f6ffentliche Meinung beginnt zu erodieren. Medien berichten von b\u00fcrokratischen Unzul\u00e4nglichkeiten; was alles wo nicht richtig funktioniert. Erste negative Meldungen tauchen auf von \u201eVergehen oder Fehlverhalten\u201c von Fl\u00fcchtlingen. Gezielte Ger\u00fcchte und Falschmeldungen tauchen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In der <strong>Phase 4<\/strong> bleibt das gesamte Hilfssystem aufrecht und funktioniert weiterhin, aber die \u00f6ffentliche Meinung und Stimmung beginnt sich ganz allm\u00e4hlich zu drehen. Die digitalen Verbreitungsm\u00f6glichkeiten in den sozialen Medien erm\u00f6glichen es, gezielte negative Stimmungen und Ger\u00fcchte, Falschmeldungen oder konstruierte Halbwahrheiten zu verbreiten, die nach und nach auch die \u00f6ffentliche, politische Meinung zu beeinflussen beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Phase 3 aber insbesondere in Phase 4 greifen Gruppen und Parteien in das Geschehen ein, die sich bisher zur\u00fcck gehalten haben, weder in die Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung mit eingeschwenkt sind, noch diese sonstwie politisch gef\u00f6rdert haben; die jedoch eine fremdenfeindliche, xenophobe und rassistische Agenda betreiben und bewu\u00dft eine Umwandlung der \u00f6ffentlichen Meinung und Stimmung beginnen und nur abgewartet haben bis die euphorische und solidarische Stimmung abebbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Phase haben wir w\u00e4hrend der Ukraine Hilfe noch nicht erreicht, wenngleich in Deutschland bereits eine erste Meldung aufgetaucht, wonach Ukrainer einen Fl\u00fcchtlingshelfer in Euskirchen (Stadt im Rheinland, nahe Bonn) ermordet h\u00e4tten. Die Meldung ging mit einem Video viral, stellte sich aber als bewu\u00dftes \u201eFake Video\u201c heraus. Die Polizei wu\u00dfte nichts von einem solchen Gewaltverbrechen und nahm die Ermittlungen gegen die Hersteller des Videos auf. Die Spur f\u00fchrt nach Russland<a href=\"#_ftn2\">[22]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Derartige Meldungen werden in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten \u00f6fter auftauchen und sich verbreiten. Vielfach sind es unbedarfte, naive Menschen, die einer sensationellen Nachricht auf den Leim gehen und oft emp\u00f6rt sind, die Fakten jedoch nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Dahinter stecken aber zumeist politische, hetzerische, aufstachelnde und demokratiefeindliche Gruppen und Parteien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Phase 5 <\/strong>stellte jenen Zeitraum dar, in dem die Hilfen Schritt f\u00fcr Schritt zur\u00fcck gefahren werden und eine Normalisierung eintritt. Hilfsma\u00dfnahmen besonderer Natur, spezielle f\u00fcr die jeweilige Fl\u00fcchtlingsgruppe, laufen aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick richtet sich st\u00e4rker auf die Problemfelder, die allgemein unter \u201eIntegration\u201c diskutiert werden, Aufnahme und Erstversorgung verlieren an Bedeutung. Fragen werden diskutiert, etwa wie schwer ist es, die jeweilige Gruppe in den Arbeitsmarkt zu integrieren oder welche Schwierigkeiten gibt es bei den Deutschkursen oder am Wohnungsmarkt. In der Vergangenheit mischte sich darin auch immer ein negativer Diskursstrang mit ein, der die aufgenommen Fl\u00fcchtlinge als gef\u00e4hrlich, kriminell oder integrationsunwillig darzustellen versuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie diese Phase sich bei den ukrainischen Fl\u00fcchtlingen ausgestalten wird, kann derzeit noch nicht gesagt werden; wann sie beginnt, wie lange sie dauert, welche unappetlichen, hetzerischen Ausma\u00dfe sie annimmt. Tatsache ist jedoch, dass bei der letzten gro\u00dfen Bewegung ab 2016 diese Phase deutlich wurde und im negativen Sinne sehr erfolgreich war. Bei allen anderen Fl\u00fcchtlingsbewegungen der letzten Jahrzehnte war dies \u00e4hnlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Fl\u00fcchtlingen aus den jugoslawischen Sezessionskriegen (1992 \u2013 1999) konnten diese Phasen beobachtet werden. In der Phase 5 (so ab 1995) wurden der Ruf laut, dass die damals noch Defacto Fl\u00fcchtlinge genannten bosnischen Fl\u00fcchtlinge \u201edoch endlich heim gehen sollten, denn der Krieg w\u00e4re fast schon zu Ende und die sollten doch ihr Land wieder aufbauen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4hnliche Lage k\u00f6nnte auch mit den ukrainischen Fl\u00fcchtlingen entstehen, wenn etwa der Krieg in bestimmten Regionen der Ukraine beendet ist und der vor\u00fcbergehende Aufenthalt, der durch die Massenvertreibungsrichtlinie der EU<a href=\"#_ftn3\">[23]<\/a> auf ein Jahr befristet ist und die Frage ansteht, ob diese um ein weiteres Jahr verl\u00e4ngert werden soll oder eine R\u00fcckkehr m\u00f6glich erscheint. Das sind aber im Moment Fragestellungen, die noch in weiter Ferne liegen und von der Hoffnung getragen ist, dass der Krieg tats\u00e4chlich rasch beendet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere afghanische Fl\u00fcchtlinge waren dieser Stimmungsmache nach 2016 ausgesetzt und wurden \u00f6ffentlich diskreditiert<a href=\"#_ftn4\">[24]<\/a>. Nicht dazu gesagt wurde bei all diesen Anschuldigen (schwer zu integrieren, da Analphabeten, hohe Kriminalit\u00e4sbelastung), dass sie vielfach traumatisiert waren und mit ihrer Wartesituation \u2013 die durch lange Asylverfahren oder Ablehungen in Asylbescheid und dadurch entstehenden, schlecht abgesicherten und integrationshemmenden subsidi\u00e4ren Schutz \u2013 alleine gelassen wurden (siehe auch Asylkoordination, 4\/2020).<\/p>\n\n\n\n<p>Aber diese Diffamierung von einzelnen Gruppen ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass es rechten und rechtsextremen Gruppen und Parteien, insb. der FP\u00d6 und der AFD in Deutschland damit gelungen ist, die gesamte \u201eFl\u00fcchtlingshilfe 2015\/16\u201c als gro\u00dfen Irrtum und als katastrophale Entscheidung darzustellen. In weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung verfing dies, auch weil namhafte Politiker*innen aus den konservativen und sozialdemokratischen Parteien diesen \u201eSpin\u201c aufnahmen und manifest machten, zumindest sich nicht dagegen zur Wehr setzten (siehe Wehling 2016).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies erscheint im Moment bei der Ukraine Hilfe ausgeschlossen zu sein, das etwa die FP\u00d6 in absehbarer Zeit eine Kampagne gegen Ukrainische Fl\u00fcchtlinge lanciert, zumal die derzeitige Bewegung auch \u00fcberwiegend weiblich ist, mit Kindern und \u00e4lteren Familienmitgliedern und daher das Sch\u00fcren von \u00c4ngsten schwerer ist. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch hier Mittel und Wege (Verhetzung und Fakes) gefunden werden, um das Ansehen zu sch\u00e4digen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[21]<\/a> https:\/\/diepresse.com\/home\/politik\/innenpolitik\/4745725\/Asyl_Innenministerium-errichtet-Zeltlager-in-Traiskirchen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[22]<\/a> https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/panorama\/fake-news-fluechtlinge-krieg-russland-100.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[23]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richtlinie_2001\/55\/EG_(Massenzustrom-Richtlinie)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[24]<\/a> https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/politik\/oesterreich\/2112208-Von-holpriger-und-erfolgreicher-Integration.html<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1665\" width=\"-58\" height=\"-43\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-300x225.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-768x576.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/P1050475-750x563.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h4>\n\n\n\n<p>Asylkoordination (Hg.): Von Afghanistan nach \u00d6sterreich. Wien, 4\/2020<\/p>\n\n\n\n<p>Fukuyama, Yoshio: Das Ende der Geschichte. (The end of history and the last men). Penguin Verlag, New York, 1993<\/p>\n\n\n\n<p>Heuser, Beatrice: Kriege nach dem 2. Weltkrieg, in Zeithistorische Foschungen, Heft 1\/2005, Potsdam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ruttig, Thomas: Die letzte Schlacht des Kalten Krieges. In: Asylkoordination. 4\/2020.<\/p>\n\n\n\n<p>Scheumann, Waltina: Kampf ums Wasser. In: Gastbeitrag in Die Zeit. Juli 2014<\/p>\n\n\n\n<p>Wassermann, Felix: Asymmetrische Kriege. Eine politiktheoretische Untersuchung zur Kriegsf\u00fchrung im 21. Jahrhundert, Campus Frankfurt\/M. 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet \u2013 und daraus Politik macht. Edition Medienpraxis, K\u00f6ln 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieland, Carsten: Syrien. In: Bundeszentrale f\u00fcr politischen Bildung, Politik, Kriege und Konflikte. Berlin 2020.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie schwer es ist, ein mehrteiliges Kapitel \u00fcber Asyl und Flucht zu schreiben, zeigt sich gerade an der aktuellen Situation in der Ukraine. Gerade noch ist man mit der Aufarbeitung der letzten Jahre besch\u00e4ftigt und hat sich den syrischen B\u00fcrgerkrieg und die j\u00fcngsten afghanischen Entwicklungen zur Grundlage genommen, schon ist alles \u00fcber den Haufen geworfen. &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-1-kapitel-7\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[374,403,368,427],"tags":[439],"class_list":["post-1659","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-migration-flucht","category-rassismus-diskriminierung","category-serien","category-spiel-mit-dem-leben-der-anderen","tag-fluchtursachen-weltmaechte-kalter-krieg-russland-ueberfall-ukraine-fluchtlinge-vertriebene-phasen-der-fluechtlinshilfe-rezeption","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1659"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1669,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1659\/revisions\/1669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}