{"id":1591,"date":"2022-01-19T15:29:02","date_gmt":"2022-01-19T15:29:02","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1591"},"modified":"2024-06-21T08:16:55","modified_gmt":"2024-06-21T08:16:55","slug":"spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-1-kapitel-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/spiel-mit-dem-leben-anderer-teil-1-kapitel-5\/","title":{"rendered":"Spiel mit dem Leben Anderer, Teil 1, Kapitel 5"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Z\u00e4sur \u2013 Beitritt zur EU<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p><em>Im vorigen Kapitel 4 der Serie wurde der Beitritt zur EU\/EG bereits kurz angeschnitten und als einer der herausragendesten Momente nach 1955 identifiziert. Die tats\u00e4chlichen Auswirkungen wurden Jahre sp\u00e4ter bemerkbar, insbesondere in der Asyl und Migrationspolitik. Im folgenden werden wir etwas n\u00e4her auf die EU- Asyl und Migrationsarchitektur eingehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der ersten Austauschplattformen auf, damals noch auf westeurop\u00e4ischer, Ebene, war die Trevi<a href=\"#_ftn1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">[1]<\/a> Kooperation, die sich bereits seit 1975 mit dem Themen des Terrorismus, des Radikalismus, des Extremismus und der internationalen Gewalt besch\u00e4ftigte und Vorreiter f\u00fcr alle weiteren sicherheitspolitischen und polizeilichen Kooperationen im EU-Raum und sp\u00e4ter dar\u00fcber hinaus waren. Hier zeichnete sich ein Narrativ ab, das verst\u00e4rkt von rechtspopulistischer und -extremer Seite aufgenommen wurde. Asyl und Migration wurde als Sicherheitsproblem dargestellt und in Verbindung mit internationaler Kriminalit\u00e4t und Terrorismus diskutiert. Da \u00d6sterreich noch kein Mitglied der damaligen EWG\/EG<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> war, fiel der Regierung die Rolle des Beobachters und stillen Teilnehmers bei den Treffen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite \u2013 f\u00fcr die Asyl- und Migrationspolitik der sp\u00e4teren EU \u2013 relevante Strang waren und sind die Schengener Abkommen<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>; ein zentrales Element der Europ\u00e4ischen Unionsidee. Da war \u00d6sterreich anfangs ebenfalls nur Beobachter von Au\u00dfen. Durch den Maastricht Vertrag (1993), sowie den Amsterdamer und Lissaboner Vertr\u00e4gen<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, die \u00d6sterreich dann bereits mitunterzeichnete, erhielten die EU Vorgaben einen institutionellen, gesetzlichen Rahmen, waren und sind f\u00fcr \u00d6sterreich bindend.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Jahren \u2013 nach dem Fall der Mauer und der Transformation der mittel- und osteurop\u00e4ischen Staaten \u2013 war Asyl- und Migration eines der beherrschenden Themen in EG-Europa; in vielen L\u00e4ndern wurden die Asyl- und Zuwanderungsfrage zu einem bestimmenden Thema der jeweiligen Innenpolitik. Es entwickelte sich bereits ein Europ\u00e4isches Asyl- und Grenzregime und die eben die Schengen Doktrin: Die da lautete, Freiz\u00fcgigkeit innerhalb des \u201eSchengen Raumes\u201c und damit Abbau der Grenzen innerhalb der EU. Damit verbunden war gleichzeitig eine verst\u00e4rkte Abschottung nach Au\u00dfen. Vielfach wurde daf\u00fcr der Begriff der \u201eFestung Europa\u201c<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> gebraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den Beitritt zur EG (1995) hatte \u00d6sterreich bis zur EU-Erweiterung 2004 eine EU-Au\u00dfengrenze zu kontrollieren und tat dies ab 1992 mit einem Assistenzeinsatz des \u00d6sterreichischen Bundesheeres<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"#_ftn1\" target=\"_blank\">[6]<\/a>. Diese Ma\u00dfnahme hatte nat\u00fcrlich wesentliche Auswirkungen auf die Asylzahlen in \u00d6sterreich. Viele der Fluchtrouten f\u00fchrten \u00fcber den Balkan und Ungarn, daher wurden viele Asylbegehren an der Grenze zur\u00fcckgewiesen oder nicht aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Asylarchitektur der EU &#8211; GEAS<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich verst\u00e4ndigten sich die Staaten der EG auf ein Gemeinsames Europ\u00e4isches Asylsystem (GEAS), das bereits seit 1999 in Arbeit war. 2005 und 2013 wurden zwei EU &#8211; Verfahrensrichtlinien beschlossen, die die legistischen Grundlagen im Gemeinschaftsrecht daf\u00fcr darstellten. Das ist einerseits die Asylverfahrensrichtlinie 2005<a href=\"#_ftn1\">[7]<\/a> und die \u00fcberarbeitete Fassung aus dem Jahr 2013<a href=\"#_ftn2\">[8]<\/a>, sowie die Richtlinie \u00fcber die Aufnahmebedingungen 2005<a href=\"#_ftn3\">[9]<\/a>; die beide den Mindeststandard f\u00fcr die EU Staaten definierten. <\/p>\n\n\n\n<p>Cecila Malstr\u00f6m, damalige EU-Kommissarin f\u00fcr Inneres, schreibt in der Brosch\u00fcre \u00fcber das GEAS selbst von \u201eden kleinsten gemeinsamen Nennern\u201c die darin formuliert wurden; also etwa in der Frage wie Asylantr\u00e4ge entgegen genommen werden, wie und wie lange das Asylverfahren selbst dauern sollte, wie mit Personen mit besonderem Schutzbed\u00fcrfnis umzugehen sei. Die formulierten kleinsten gemeinsamen Nenner werden in der Asyl-Praxis jedoch weit gehend ignoriert und halten einer praktischen Pr\u00fcfung in nahezu keinem Land der EU stand (siehe GEAS 2014, S. 4 ff). \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits wurde die Richtlinie \u201e\u00dcber die Aufnahmebedingungen\u201c 2005<a href=\"#_ftn1\">[10]<\/a> beschlossen und 2013<a href=\"#_ftn2\">[11]<\/a> adaptiert. Auch hier verh\u00e4lt es sich gleich. Mindeststandards wurden erarbeitet, die in der reelen Unterbringungssituation in den jeweiligen L\u00e4ndern zumeist unterboten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein fundamentales Problem der Asylarchitektur der EU ist, dass die Staaten die Kompetenzen in Sachen Asyl und Migration nicht an die EU delegierten, also das Asyl- und Migrationsregime zentrales nationalstaatliches Interesse darstellt und daher die EU Kommission lediglich Empfehlungen und Vorschl\u00e4ge unterbreiten kann. Das hat man etwa in den Jahren 2015\/16 hautnah mitverfolgen k\u00f6nnen, da gelang es der Kommission nicht, ein gemeinsames Verteilungssystem umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1600\" width=\"292\" height=\"388\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-750x1000.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20190227_193927-1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Urspr\u00fcnglich h\u00e4tten 360.000 Fl\u00fcchtlinge aus Griechenland und Italien auf andere L\u00e4nder verteilt werden sollen. Geeinigt hatte man sich in den Verhandlungen dann auf 160.000, die man bis zum Herbst 2017 verteilen wollte und f\u00fcr die eine Zusage von den Staaten vorlag. Einige EU-Staaten machten dabei grunds\u00e4tzlich nicht mit. Geworden sind es dann 12.000<a href=\"#_ftn3\">[11]<\/a>. Das waren knapp 7% der vereinbarten Zahl. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine wichtige Voraussetzung, damit das Europ\u00e4ische Asylsystem funktioniere \u2013 so die Argumentation \u2013 sei die Einf\u00fchrung eines Datensystems auf das alle Mitgliedsl\u00e4nder zugreifen und einspeisen k\u00f6nnten. Damit w\u00fcrde man Identit\u00e4tsfeststellungen von asylantragstellenden Personen schneller und leichter harmonisieren und koordinieren k\u00f6nnen. Dieses wurde im Jahr 2000 unter dem Namen EURODAC<a href=\"#_ftn1\">[12]<\/a>, eine europ\u00e4ische Datenbank f\u00fcr Fingerabdr\u00fccke, beschlossen und danach sukzessive eingef\u00fchrt. In die EURODAC Datenbank wird jede\/r Asylantragsteller*in aufgenommen und gespeichert, der\/die in einem Land der EU registriert bzw. Asyl stellt. EURODAC w\u00e4re die Voraussetzung f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit des Dublin Systems, so die Argumentation. (Siehe auch GEAS, 2014)<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Dublin<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Ein drittes wichtiges und umstrittenes Standbein von GEAS nennt sich Dublin Verfahren.<a href=\"#_ftn1\">[13]<\/a> 2003 wurde Dublin II, 2013 Dublin III eingef\u00fchrt, mittlerweile gibt es ein Dublin IV \u2013 der neue Pakt zu Asyl und Migration.<a href=\"#_ftn2\">[14]<\/a> Das Abkommen, das in Dublin im Jahre 1990 von zw\u00f6lf Staaten unterzeichnet wurde, 1997 dann aber erst in Kraft trat und 1998 auch in \u00d6sterreich rechtswirksam wurde, sieht \u2013 vereinfacht gesagt \u2013 vor, dass Asylwerber*innen dort ihr Asylverfahren zu durchlaufen haben, wo sie zum ersten Mal EU-Boden betreten. Der Grundgedanke dabei ist, dass in einem gemeinsamen EU-Raum zuk\u00fcnftig auch die Rechtsverfahren vereinheitlicht sind und daher es egal w\u00e4re, wo man Asyl beantrage, da die Normen und Bedingungen \u00fcberall gleich seien. Das hat sich r\u00fcckblickend bis heute nicht entwickelt, eine Harmonisierung fand nie wirklich statt und scheint in immer weitere Ferne zu r\u00fccken. Eher ist eine Nivellierung nach unten feststellbar. Selbst L\u00e4nder, die bereits bessere Versorgungssysteme vorzuweisen hatten, orientieren sich mittlerweile an schlechtere Systeme.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den L\u00e4ndern \u2013 zumal asylgesetzliche Regelungen von den Nationalstaaten selbst bestimmt werden \u2013 insbesondere in Beh\u00f6rdenstruktur, Spruchpraxis, Rechtssicherheit, Aufnahme und Unterbringungssituation von Asylwerber*innen. Und sowohl seit 2004 und 2007 \u2013 den Beitrittsdaten einiger Staaten des ehemaligen \u201eOstblocks\u201c, die bis dahin \u00fcberhaupt kein staatliches Asylsystem besassen und daher erst im Aufbau begriffen waren \u2013 als auch in den s\u00fcdlichen Staaten, die durch die Finanzkrise<a href=\"#_ftn3\">[15]<\/a> schwer gebeutelt wurden und dort rudiment\u00e4r vorhandene staatliche Systeme zusammengebrochen sind, wie etwa in Griechenland; sind die Voraussetzungen, die Pate bei der \u00dcbereinkunft f\u00fcr Dublin gestanden, nie gegeben gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dublin System entwickelte sich \u00fcber die letzten Jahrzehnte zu einem eigenst\u00e4ndigen Verfahren, das in den meisten L\u00e4ndern dem eigentlichen Asylverfahren vorgelagert wurde; sprich zuerst wurde gepr\u00fcft, ob \u00d6sterreich \u00fcberhaupt f\u00fcr die Verfahren zust\u00e4ndig ist, oder die Antragstellenden in ein anderes Land zur\u00fcck gebracht werden m\u00fcssen, um das Verfahren dort abzuwickeln. Mit Dublin sollte das h\u00e4ufig angef\u00fchrte Argument \u2013 der doppelten Asylantragstellungen in der EU und der Antr\u00e4ge von verschiedenen Familienmitgliedern in verschiedenen L\u00e4ndern \u2013 gestoppt werden und damit auch unn\u00f6tige H\u00e4rten vermieden werden.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die mittlerweile jahrelange Praxis der verschiedenen Dublin Verordnungen zeigt, dass genaue das Gegenteil der Fall ist und es zu \u00e4u\u00dferst langwierigen und z\u00e4hen b\u00fcrokratischen Verfahren gekommen ist, in dem, ohne dass inhaltlich substantiell \u00fcber das Asylbegehren entschieden wurde, monatelange Wartezeiten anfielen, da die Staaten \u00fcber jeden einzelnen Fall zu konferieren haben, sich manche Staaten auch gegen die Zur\u00fcckschiebungen wehrten und langwierige Fristen und Wartezeiten anfielen. Dublin sieht auch vor, dass die Staaten freiwillig in das Asylverfahren einsteigen k\u00f6nnten; sprich \u00d6sterreich k\u00f6nnte jederzeit in den jeweiligen Fall eintreten, ihn \u00fcbernehmen und selbst in der Sache entscheiden, ohne auf eine Antwort des beteiligten Staates (z.B. Griechenland, Kroatien, Ungarn, Slowakei oder Italien) warten zu m\u00fcssen (siehe auch Langthaler 2015, S. 14 ff) . Leider hat sich \u00d6sterreich immer f\u00fcr den umst\u00e4ndlicheren, teureren und langwierigeren Weg entschieden und die Dublin Verfahren durchjudiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Dublin System f\u00fchrte in EU-Europa zu einer \u00fcberbordenden logistischen Anstrengung und bei n\u00e4herer Betrachtung k\u00f6nnte man sarkastischerweise von einer Subventionierung von Reiseunternehmen (Bus- und Fluglinien) reden (siehe auch Ghelli, 2015). Denn es ist ja nicht so, dass diese nur in eine Richtung geht, sondern ein heftiges \u201eHin und Hergeschicke\u201c quer durch die L\u00e4nder zu verzeichnen ist. \u00d6sterreich sendet zwar mehr Antragstellende zur\u00fcck, erhielt aber, etwa in einem Verh\u00e4ltnis von 2 zu 3, Personen, die ihr Verfahren in \u00d6sterreich abzuwickeln hatten (insb. etwa aus Deutschland), zur\u00fcck<a href=\"#_ftn4\">[16]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/lexika\/das-europalexikon\/177310\/trevi<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Wirtschaftsgemeinschaft<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schengener_Abkommen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> https:\/\/www.europarl.europa.eu\/factsheets\/de\/section\/185\/die-geschichte-des-europaischen-aufbauwerks<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Festung_Europa<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref1\">[6]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Assistenzeinsatz_Grenzraum%C3%BCberwachung<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref1\">[7]<\/a> Richtlinie 2005\/85\/EG des Rates vom 1. Dezember 2005 \u00fcber Mindestnor\u00admen f\u00fcr Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Zuerkennung und Aberken\u00adnung der Fl\u00fcchtlingseigenschaft<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref2\">[8]<\/a> Richtlinie 2013\/32\/EU des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zu gemeinsamen Verfahren f\u00fcr die Zuerkennung und Aberken\u00adnung des internationalen Schutzes. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref3\">[9]<\/a> Richtlinie 2003\/9\/EG des Rates vom 27. Januar 2003 zur Festlegung von Min\u00addestnormen f\u00fcr die Aufnahme von Asylbewerbern in den Mitgliedstaaten. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref2\">[10]<\/a> Richtlinie 2013\/33\/EU des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen f\u00fcr die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref2\">[11]<\/a> https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/ausland\/europa\/nur-1-von-10-fluechtlinge-umverteilt-eu-stellt-ultimatum\/story\/12220499<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref1\">[12]<\/a> https:\/\/www.dsb.gv.at\/europa-internationales\/eurodac.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[13]<\/a> https:\/\/www.unhcr.org\/dach\/de\/was-wir-tun\/asyl-in-europa\/dublin-verfahren<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[14]<\/a> https:\/\/www.proasyl.de\/news\/neues-vom-new-pact-kaum-aber-fakten-werden-trotzdem-geschaffen\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[15]<\/a> https:\/\/www.bpb.de\/nachschlagen\/zahlen-und-fakten\/globalisierung\/52584\/finanz-und-wirtschaftskrise<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[16]<\/a> https:\/\/www.asyl.at\/files\/92\/01-koordinaten-2016-dubliniii-op.pdf<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p>Schon vor 2015 wuchs die Kritik am Dublin System, wurde jedoch von den Verfechter*innen eines harten Asylregimes abgeschmettert. Die Einzelfallentscheidungen und Berichte \u00fcber die Verfehlungen in den L\u00e4ndern, in denen zur\u00fcck geschoben worden ist, h\u00e4uften sich. Immer wieder wurden F\u00e4lle bekannt, in denen von Dublin widrigen Unterbringungen und Behandlungen die Rede war, wie etwa den Fall der Afghanin Laila P., die nach Bulgarien zur\u00fcckgeschoben werden h\u00e4tte sollen, da sie dort fr\u00fcher schon in einem Lager untergebracht war. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprach gegen\u00fcber der Wochenzeitung \u201eprofil\u201c von einem Gef\u00e4ngnis, mit Ausgangsbeschr\u00e4nkung, Kontrolle und miserablen Zust\u00e4nden<a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftn5\">[17]<\/a>. Laila P. \u00b4s Abschiebung nach Bulgarien wurde gerichtlich gestoppt, wie insgesamt die Dublin Praxis in vielen L\u00e4ndern durch h\u00f6chstrichterliche Entscheide einhalt geboten wurde. So sind etwa auch Zur\u00fcckschiebungen nach Griechenland eingestellt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Sommer 2015 und den folgenden Monaten wurde das Dublin Abkommen zwischenzeitlich in den meisten L\u00e4ndern der EU ausgesetzt. Denn sogar den \u00e4rgsten Hardlinern (u.a. der damaligen Innenministerin Mikl-Leitner<a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftn6\">[18]<\/a>) war es nicht mehr m\u00f6glich, Asylwerbende nach Griechenland, Italien, Bulgarien zur\u00fcck zu f\u00fchren; angesichts der Hundertausenden, die sich Richtung Mitteleuropa bewegten. Anstatt jedoch ein praktikableres System, bessere Rechtssysteme und einen solidarischeren Ausgleich in der Asylfrage zu schaffen, dr\u00e4ngten die meisten europ\u00e4ischen Staaten so rasch als m\u00f6glich darauf, das Dublin System wieder einzuf\u00fchren (siehe Ehrich 2016).<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Frontex<\/h4>\n\n\n\n<p>Ein weiteres wichtiges Puzzlest\u00fcck der GEAS Asylstruktur ist die Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr Grenzschutz und K\u00fcstenwache &#8211; Frontex<a href=\"#_ftn1\">[19]<\/a>, abgeleitet von \u201e<strong>front<\/strong>ieres <strong>ex<\/strong>terieur\u201c, die im Jahre 2005 eingerichtet wurde. Grenzschutz ist einer der zentralen Agendas der GEAS und steht bei nahezu jeder Debatte \u00fcber Asyl und Migration in der EU an erster Stelle. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Hauptaufgaben von Frontex sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>die Koordinierung der operativen Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten beim Grenzschutz, etwa<\/li><li>durch Zurverf\u00fcgungstellung von Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nden, technischen Ger\u00e4tschaften, Schiffen, Fahrzeugen u.\u00e4.<\/li><li>die Erstellung von nachrichtendienstlich orientieren Risikoanalysen,<\/li><li>die Entwicklung von einheitlichen Standards der Ausbildung sowie die Ausbildung von Grenzschutzeinheiten selbst,<\/li><li>die Unterst\u00fctzung von Mitgliedsstaaten bei der Organisation von R\u00fcckf\u00fchrungsaktionen, d.h. Abschiebungen von Personen aus Drittstaaten.<a href=\"#_ftn2\">[20]<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der Sitz der Agentur ist in Warschau. Sie besitzt weiters noch ein Risiko Analyse Zentrum (RAC) in Helsinki. Sie ist jedoch keine Grenzschutzpolizeieinheit. Das Besondere an der Agentur ist auch ihre rechtliche Konstruktion. Sie ist eine Gemeinschaftsagentur mit eigener Rechtspers\u00f6nlichkeit, die eine sekund\u00e4rrechtliche Verwaltungseinrichtung und abgestuft unabh\u00e4ngig ist. Sie agiert durch einen Generalrat und einen Exekutivdirektor. Einer der Hauptkritikpunkte an dieser Konstruktion ist, das  eine parlamentarische Kontrolle entf\u00e4llt. Frontex hat lediglich den Auftrag einen j\u00e4hrlichen Bericht abzuliefern<a href=\"#_ftn3\">[21]<\/a>. Dem Europ\u00e4ische Parlament, das den Haushaltsplan absegnen muss, f\u00e4llt eine gewisse budget\u00e4re Kontrolle zu (Siehe Tohidipur, S. 17). \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Bestehen der Frontex Agentur k\u00f6nnte man sagen, dass das Geld f\u00fcr die Agentur abgeschafft wurde. Die j\u00e4hrlichen Steigerungsraten sind betr\u00e4chtlich. Gab es im Anfangsjahr 2005 noch \u20ac 6 Mio. Euro Budget und waren 44 Personen bei Frontex angestellt, so stieg das Budget 2016 auf 254 Mio. und wurde 2021 auf \u20ac 543 Mio. aufgestockt. Die Mitarbeitendenzahl stieg mittlerweile auf 1.500, auf die Frontex zugreifen kann<a href=\"#_ftn4\">[22]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"743\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/statistic_id1172183_budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex-bis-2021.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1592\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/statistic_id1172183_budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex-bis-2021.png 1000w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/statistic_id1172183_budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex-bis-2021-300x223.png 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/statistic_id1172183_budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex-bis-2021-768x571.png 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/statistic_id1172183_budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex-bis-2021-750x557.png 750w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Teil des Budgets geht aber auch in die Anschaffung von modernstem Ger\u00e4t zur Fl\u00fcchtlingsabwehr. Das umfasst modernste Technik wie etwa Nachtsichtger\u00e4te, CO2 Me\u00dfger\u00e4te, Drohnen und Radareinheiten geht \u00fcber Schiffe und gepanzerte Fahrzeuge bis zu Hubschraubern und Flugzeuge. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch diesbez\u00fcglich wurde Frontex stattlich aufger\u00fcstet. 2007 waren es bereits 115 Schiffe, 27 Hubschrauber, 21 Flugzeuge, 3 mobile Radareinheiten\u00a0 und 23 Fahrzeuge. Mittlerweile expandierte Frontex weiter.  Am 5. Februar 2021 ver\u00f6ffentlichte ein Recherche-Team aus sechs Forscher*innen, in Zusammenarbeit mit dem ZDF Magazin Royale, die sogenannten Frontex Files<a href=\"#_ftn5\"><strong>[23]<\/strong><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen wird von einem Budget von \u00fcber 11 Milliarden bis zum Jahr 2027 f\u00fcr Frontex gesprochen. Insbesondere wird in den Files der Nachweis erbracht, dass sich ranghohe Agentur Mitarbeiter*innen mit Vertreter*innen der R\u00fcstungsindustrie regelm\u00e4\u00dfig getroffen haben, was Frontex bisher verneinte. Es wird davon ausgegangen, dass die Grensch\u00fctzer bis 2027 eine \u201estehende Reserve von 10.000 Mann\u201c (sic!) zur Verf\u00fcgung haben werden, die auch bewaffnet sind, was regelm\u00e4\u00dfig zu heftigen Diskussionen f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich Frontex in ihren Jahresberichten nicht m\u00fcde wird, von den Erfolgen des europ\u00e4ischen Grenzschutzes zu sprechen und ihre Leistungen hervorhebt, bleibt auf der anderen Seite ein schaler Beigeschmack im Zusammenhang mit dem EU Grenzschutz, der nach wie vor wesentlich von den nationalstaatlichen Entscheidungen der L\u00e4nder gepr\u00e4gt wird; sei es in der Vergangenheit die Operationen vor den Kanarischen Inseln, zwischen Libyen, Tunesien und Italien, Malta, vor Griechenland und j\u00fcngstens an der Grenze zu Polen, um nur einige zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Operationen erhalten klingende Namen wie Poseidon, Hera oder Nautilus. In all den Operationen geht es jedoch nicht um die Sicherheit, die Rettung von Menschen oder um die Sicherstellung der Rechte der Gefl\u00fcchteten, sondern haupts\u00e4chlich um die Abwehr von illegaler Migration, mit der auch flucht mit gemeint wird, sowie weiteren kriminellen Handlungen, die im Zusammenhang damit stehen (Drogenschmuggel, Menschen-, Kinderhandel)<a href=\"#_ftn6\">[24]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Insoferne ist die Bilanz der Grenzschutzaktionen seit Bestehen von Frontex erschreckend, wenngleich man dies nicht alleine der Agentur zuschieben darf, da haben die jeweilig beteiligten L\u00e4nder ebenso einen gro\u00dfen Anteil. Der Internetblog \u201eFortress Europe\u201c<a href=\"#_ftn7\">[25]<\/a> wertete Presseberichte aus und ist zum Schlu\u00df gekommen, dass in der Zeit von 1988 bis 2013 19.144 Personen im Mittelmeer und im Atlantik bei dem Versuch nach Europa zu kommen, starben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Dunkelziffer dazu ist bei weitem h\u00f6her, finden doch viele gekenterte kleine Schifferboote keinen Eingang in offizielle Meldungen. Eine offizielle Statistik zu den Toten, die bei ihrer Reise den Tod finden, gibt es nicht. Auch gibt es keinerlei Zahlen, wie viele sich \u00fcberhaupt aufmachen, um in die EU zu kommen. Frontex bietet lediglich ihre spezifische Sicht auf ihre Erfolgsbilanz \u2013 und diese ist von Kriminalit\u00e4tsparametern gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"460\" height=\"565\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/frontex-JB-s-23.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1593\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/frontex-JB-s-23.png 460w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/frontex-JB-s-23-244x300.png 244w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><figcaption>Aus Frontex Jahresbericht 2020, Seite 23.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Trotz anhaltender und sich versch\u00e4rfender Kritik an Frontex und deren Beteiligung an meschenrechtswidrigen Vorg\u00e4ngen an den Grenzen, h\u00e4lt die Europ\u00e4ische Union an dem System fest. Bereits 2007 kam ein von Anmesty International (AI), der Stiftung pro Asyl und dem Forum Menschenrechte in Auftrag gegebenes Gutachten des Europ\u00e4ischen Center for Constituitional and Human Rights (ECCHR) zum Schlu\u00df, dass die von der EU und Frontex konzipierte und umgesetzte Fl\u00fcchtlingsabwehr die menschen- und fl\u00fcchtlingsrechtlichen Verpflichtungen der EU-Staaten mi\u00dfachtet (siehe auch Fischer-Lescano, L\u00f6hr 2007).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMitten auf dem Meer aufgegriffene Fl\u00fcchtlinge haben \u2013 ebenso wie jene, die es bis in K\u00fcstenn\u00e4he schaffen \u2013 nach geltendem V\u00f6lkerrecht das Recht, einen Asylantrag zu stellen. Sie d\u00fcrfen auch nicht abgeschoben werden, wenn ihnen m\u00f6glicherweise Verfolgung oder Misshandlung droht. Ein faires Asylverfahren, das rechtsstaatlichen Anforderungen gerecht wird, kann allerdings nicht ad hoc auf den Einsatzschiffen erfolgen&#8220; \u2013 wie dies etwa Amnesty International<a href=\"#_ftn8\">[26]<\/a> kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem hat sich daran nichts verbessert; im Gegenteil, in weiten Teilen des Grenzschutzes werden menschenrechtswidrige Vorgehensweisen weiter und fast standardm\u00e4ssig praktiziert. Insbesondere illegale sogenannte Push Backs sind mittlerweile auf dem Landweg Gang und G\u00e4be. Als Pushbacks bezeichnet man (englisch f\u00fcr zur\u00fcckschieben, Anm. d. Autors) Vorgehensweisen der Grenzschutzbeh\u00f6rden (Frontex Mitarbeitende, nationale Grenzschutzeinheiten, Milit\u00e4r), um die Fl\u00fcchtenden zu hindern, das jeweilige EU-Land (z.b. \u00d6sterreich<a href=\"#_ftn9\">[27]<\/a>, Polen<a href=\"#_ftn10\">[28]<\/a>) zu betreten und Asylantrag stellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst ein kritischer Sonderbericht des europ\u00e4ischen Rechnungshofes aus dem Jahre 2021, der bei genauerem Studium desastr\u00f6s f\u00fcr Frontex ausf\u00e4llt, hat bisher an dem Festhalten der EU und den Mitgliedsstaaten, an der GEAS Architektur und dem Herzst\u00fcck Frontex bisher nichts ge\u00e4ndert. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Hof (Europ\u00e4ischer Rechnungshof, Anm. d. Autors) \u00a0gelangte zu dem Schluss, dass Frontex die Mitgliedstaaten\/assoziierten Schengen-L\u00e4nder nicht wirksam genug bei der Bek\u00e4mpfung der illegalen Einwanderung und der grenz\u00fcberschreitenden Kriminalit\u00e4t unterst\u00fctzt. Zudem befand der Hof, dass Frontex sein Mandat von 2016 nicht vollst\u00e4ndig erf\u00fcllt hat. Es werden mehrere Risiken im Zusammenhang mit dem Frontex-Mandat von 2019 aufgezeigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref5\">[17]<\/a> https:\/\/www.profil.at\/oesterreich\/fall-laila-p-fluechtlingsschicksal-5754314<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-admin\/post.php?post=1591&amp;action=edit#_ftnref6\">[18]<\/a> https:\/\/www.parlament.gv.at\/WWER\/PAD_08214\/index.shtml<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[19]<\/a> https:\/\/frontex.europa.eu\/de\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[20]<\/a> https:\/\/frontex.europa.eu\/de\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[21]<\/a> https:\/\/frontex.europa.eu\/publications\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[22]<\/a> https:\/\/frontex.europa.eu\/de\/was-wir-machen\/gemeinsame-aktionen\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[23]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frontex_Files<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[24]<\/a> Siehe auch Seite 4 und 5 des Jahresberichtes von Frontex 2020. https:\/\/frontex.europa.eu\/assets\/Publications\/General\/In_Brief_2020\/Frontex_Inbrief_2020_DE_F2.pdf<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[25]<\/a> http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/2006\/02\/immigranten-die-europischen-grenzen_15.html<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[26]<\/a> https:\/\/www.amnesty.ch\/de\/ueber-amnesty\/publikationen\/magazin-amnesty\/2009-4\/frontex-abwehr<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[27]<\/a> https:\/\/steiermark.orf.at\/stories\/3111446\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\">[28]<\/a> https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/europa\/polen-belarus-pushbacks-101.html<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1601\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-683x1024.jpg 683w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-200x300.jpg 200w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-768x1152.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-750x1125.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/P1040030-1-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a><span class=\"has-inline-color has-black-color\">Das \u00f6sterreichische Versorgungssystem<\/span><\/a><\/h4>\n\n\n\n<p>Kehren wir nach dem Ausflug auf die Europ\u00e4ische Ebene zur\u00fcck nach \u00d6sterreich. Das Versorgungs-, Betreuungssystem f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge enstand \u2013 wie\u00a0 schon zuvor erw\u00e4hnt \u2013 aus der improvisierten Fl\u00fcchtlingsunterbringung (Traiskirchen \u2013 Pensionen) ab 1956. Bis zum Jahr 1991 war dieses \u201eSystem\u201c rechtlich nicht abgesichert, sondern eher dem Gewohnheitsrecht unterworfen und wurde mit Privatvertr\u00e4gen zwischen Bundesministerium f. Inneres (BMI) und den einzelnen Pensionsinhaber*innen geregelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Jahre 1992 trat das Bundesbetreuungsgesetz in Kraft, das im wesentlichen den Zustand, der bereits viele Jahrzehnte bestand, legitimierte und einige restriktiven Begriffsbestimmungen (was ein &#8222;hilfsbed\u00fcrftiger Fremder&#8220; ist) und Regelungen (Zugang zur Versorgung, Mitwirkungspflicht, u\u00e4.) hinzuf\u00fcgte. Traiskirchen und das angeschlossene \u201eGasthof- und Pensionswesen\u201c waren damit gesetzlich etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich konnten private Tr\u00e4ger (Hilfsorganisationen) die Berechtigung zur Unterbringung von Asylwerbenden erwerben. Gro\u00dfe kirchlich-caritative Einrichtungen, wie die Caritas und die evangelische Diakonie stiegen dabei ebenso ein, wie etwa die Volkshilfe. Dieses Gesetz wurde in den 1990er eng ausgelegt und durch einzelne Detailbestimmungen\/Restriktionen wurden viele Asylwerber*innen nicht in die Bundesbetreuung aufgenommen bzw. aus dieser entlassen; etwa weil sie eine \u00dcbertretung<a href=\"#_ftn1\">[29]<\/a> begangen hatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit gab es die absurde Situation, dass Asylwerber*innen regul\u00e4r im Asylverfahren standen und auf den Ausgang des Verfahrens warteten, jedoch obdachlos waren. Weil sie etwa als nicht &#8222;hilfsbed\u00fcrftig&#8220; angesehen wurden. Diese prek\u00e4re Situation wurde zwar durch Hilfsorganisationen entsch\u00e4rft, die Notquartiere aufsperrten und die Asylwerber*innen unterbrachten. F\u00fcr ein System, das genuin staatlich sein sollte, war dies jedoch eine Bankrotterkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche Initiativen entstanden, wie etwa die von Ute Bock<a href=\"#_ftn2\">[30]<\/a>, die in Wien H\u00e4user anmietete und Asylwerber*innen, die keine Unterkunft hatten unterbrachte. Ihr Engagement ging soweit, dass sie sich privat verschudelte. Sie erhielt jedoch auch zahlreiche Sponsoren<a href=\"#_ftn3\">[31]<\/a> und Unterst\u00fctzer*innen, die Spendenaktionen f\u00fcr das Projekt auf die Beine stellten<a href=\"#_ftn4\">[32]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Situation in Traiskirchen war f\u00fcr einem modernen Sozialstaat unzumutbar, nicht nur, dass die alte Kaserne st\u00e4ndig drei- bis vierfach \u00fcberbelegt war, auch campierende obdachlose Fl\u00fcchtlinge waren vor der Kaserne und in der Stadt Traiskirchen  die Regel (siehe auch Asylkoordination, 2010). <\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Grundversorgungsverordnung\/GVV (2002, 2005)<a href=\"#_ftn5\">[33]<\/a> wurde das System reformiert. So sollten etwa die Asylwerber*innen auf alle Bundesl\u00e4nder gleichm\u00e4ssiger aufgeteilt werden. Jedes Bundesland, im Sinne des f\u00f6deralen Prinzips, wurde verpflichtet, gem\u00e4\u00df seiner Gr\u00f6\u00dfe eine bestimmte Anzahl von Asylwerber*innen unterzubringen. Dadurch sollte der Druck von Traiskirchen genommen werden und die Last der \u00f6stlichen Bundesl\u00e4nder verringert werden. Denn es gab ja innerhalb der Bundesl\u00e4nder \u2013 und gibt es zum Teil immer noch &#8211; \u00a0ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen den Bezirken (siehe auch Land Steiermark, 2014). So hat anteilsm\u00e4ssig der fl\u00e4chengr\u00f6\u00dfte Bezirk Liezen in der Steiermark, viel weniger Asylwerbenden untergebracht als etwa die Region Hartberg oder M\u00fcrzzuschlag.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Versuch Quoten einzuf\u00fchren und eine Lastenverteilung nach dem Schl\u00fcssel herzustellen, ist nach wie vor im Gange. Immer wieder stellt es sich als schwierig dar, dass die Quoten der L\u00e4nder erf\u00fcllt werden<a href=\"#_ftn6\">[34]<\/a>. Resultat der Bundes-GVV ist weiters, dass es nun neun GVVs gibt, die h\u00f6chst unterschiedliche Standards aufweisen; also etwa die Aufnahme oder die Sachleistungen erheblich differieren. Nach wie vor haben die westlichen Bundesl\u00e4nder erhebliche Schwierigkeiten, die Quoten zu erf\u00fcllen. Das hat auch damit zu tun, dass die Kosten f\u00fcr die Unterbringung im Ost-Westgef\u00e4lle unterschiedlich bewertet werden und sich unterschiedlich rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt ist die Fl\u00fcchtlingsversorgung durch das Lager Traiskirchen und die angeschlossenen Fl\u00fcchtlingspensionen eine Quelle von zahlreichen strukturell bedingten Problemstellungen, die \u00f6ffentliche Diskussionen und Konflikte nach sich gezogen haben und das zumeist negative Bild von Fl\u00fcchtlingen wesentlich beeinflusst bzw. gef\u00f6rdert hat. Die Regionen, in denen Asylwerber*innen untergebracht wurden, waren in der Regel strukturschwache Gebiete, die touristisch nicht ausreichend Fu\u00df fassen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Fl\u00fcchtlingsunterbringung in den anderen Regionen jedoch, war f\u00fcr nicht wenige Pensionen und Gasth\u00f6fe (etwa in der Nordoststeiermark) eine Frage des wirtschaftlichen \u00dcberlebens. In den touristisch besser gestellten Regionen (Salzburg, Tirol, Vorarlberg) stellte die Erf\u00fcllung der Quote mehr Problem dar, sollte doch der Tourismus durch Asylwerber*innen nicht gest\u00f6rt werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt stellen die Gelder<a href=\"#_ftn7\">[35]<\/a>, die f\u00fcr die Versorgung zur Verf\u00fcgung gestellt werden, im Westen kaum einen gro\u00dfen Anreiz dar, Asylwerber*innen aufzunehmen, in den \u00f6stlichen Regionen sehr wohl (siehe K\u00f6nig, Rosenberger, 2010). All diese Faktoren bestehen seit mittlerweile Jahrzehnten, sind in ihrer Substanz noch immer g\u00fcltig und werden sichtbar, wenn etwa die Zahlen der Unterzubringenden wieder steigen; so wie Ende 2021 in Steinhaus am Semmering.<a href=\"#_ftn8\">[36]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>War die \u201eGewinnspanne\u201c nicht allzu hoch, so sicherte der Vertrag mit dem Land Steiermark doch eine ausreichende \u201eBelegung\u201c mit fixen und gesicherten Eink\u00fcnften. Die \u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde und die seltsam anmutende Finanzierung von Wirtschaftsbetrieben durch staatliche F\u00f6rdermittel f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsversorgung, wurden bisher kaum thematisiert, spielen jedoch eine wesentliche Rolle f\u00fcr die Strukturierung der Probleme, die bestehen, wie dies etwa Nina Horaczek im Falter analysierte (siehe Horaczek 2017, S. 38-39).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tags\u00e4tze, die viele Jahre lang nicht valorisiert wurden, f\u00fchren dazu, dass ein permanenter Mangel in den H\u00e4user herrscht. Nicht selten leiden die Insassen an den kleinen Essensportionen, m\u00fcssen um Hygieneartikel betteln oder Reparaturen am Haus (kaputte Fenster, Duschen, WC`s) werden nicht durchgef\u00fchrt, weil jeder Zusatzaufwand den Gewinn der Betreiber*innen schm\u00e4lert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erw\u00e4hnte Haus in Semmering war schon seit den 1950er f\u00fcr die Unterbringung von Fl\u00fcchtlingen verwendet worden, mal mehr mal weniger. Nach 2015 war es zwischenzeitlich geschlossen, im Jahr 2021 wurde es wieder reaktiviert; ein typisches Quartier der Grundversorgung des Bundes. Aufgrund der im Jahr 2021 wieder steigenden Zahlen von Asylantr\u00e4gen wurden \u00fcberwiegend unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge (UMF) nach Steinhaus geschickt.<a href=\"#_ftn9\">[37]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Zwar gibt es die Richtlinie \u201e\u00dcber die Aufnahmebedingungen\u201c 2005 der EU, die auch f\u00fcr \u00d6sterreich verpflichtend w\u00e4re. Aber wie in vielen anderen L\u00e4ndern ist diese lediglich eine Richtlinie und hat zumeist mit der Praxis wenig zu tun. Die Zust\u00e4nde in vielen H\u00e4usern unterschreiten die Mindestnormen der Richtlinie. <\/p>\n\n\n\n<p>Es mangelt nicht an Empfehlungen und Vorschl\u00e4gen, die Um- und Zust\u00e4nde zu verbessern (siehe auch SCEP 2006). In der Praxis hat sich jedoch wenig ver\u00e4ndert und die wissenschaftliche Arbeit und Analyse von K\u00f6nig und Rosenberger aus dem Jahre 2010 oder der Artikel von Horaczek aus dem Jahre 2017 haben \u00fcberwiegend heute noch G\u00fcltigkeit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[29]<\/a> Etwa nicht anwesend beim Morgenappel<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[30]<\/a> https:\/\/www.geschichtewiki.wien.gv.at\/Ute_Bock<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[31]<\/a> Etwa der Industrielle Hans Peter Haselsteiner<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[32]<\/a> Etwa http:\/\/www.bockaufkultur.at\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[33]<\/a> https:\/\/www.bmi.gv.at\/303\/start.aspx<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[34]<\/a> Siehe etwa Beitrag aus dem Jahr 2015: http:\/\/www.nachrichten.at\/nachrichten\/politik\/innenpolitik\/Laender-erfuellen-ihre-Asyl-Quoten-nicht;art385,1930127<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[35]<\/a> Jedes Bundesland hat ein eigenes Grundversorgungsgesetz, mit eigenen Kostens\u00e4tzen und unterschiedlichen Bestimmungen, wie etwa die Steiermark: https:\/\/www.soziales.steiermark.at\/cms\/ziel\/112908349\/DE\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[36]<\/a> https:\/\/www.krone.at\/2512506<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[37]<\/a> https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000132087034\/rund-700-unbegleitete-minderjaehrige-in-fuer-sie-ungeeigneten-asylquartieren<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><a><strong><span class=\"has-inline-color has-black-color\">2015 und die Folgen<\/span><\/strong><\/a><\/h4>\n\n\n\n<p>Ab dem Fr\u00fchjahr 2015 stieg die Zahl der Fl\u00fcchtlinge kontinuierlich an. Vor allem der seit mittlerweile acht Jahre dauernde B\u00fcrgerkrieg in Syrien lieferte seinen tragischen Beitrag zum Anstieg der Antragszahlen in Europa. Neben dem Krieg war vor allem auch die mangelnde Versorgung der Fl\u00fcchtlinge in den Lagern vor Ort (Libanon, Jordanien, T\u00fcrkei, Irak) ausschlaggebend f\u00fcr die gro\u00dfe Fl\u00fcchtlingsbewegung im Jahre 2015. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund von K\u00fcrzungen und fehlender Auszahlung der internationalen Hilfsgelder wurde die Situation der Fl\u00fcchtlinge in den Lagern versch\u00e4rft (siehe FAZ 2015). Dies f\u00fchrte zur Verringerung der t\u00e4glichen Essensrationen auf die H\u00e4lfte und zu katastrophale Zust\u00e4nden in vielen Lagern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese waren ja nur als Notaufnahmelager konzipiert. Der weiter eskalierende Krieg, der jede R\u00fcckkehroption zunichte machte, f\u00fchrte dazu, dass sich hunderttausende Fl\u00fcchtlinge \u00fcber die T\u00fcrkei und die sogenannte \u201eBalkanroute\u201c nach Mitteleuropa aufmachten. Die bestehenden Versorgungskapazit\u00e4ten waren am Limit, die Situation in Traiskirchen eskalierte im Fr\u00fchsommer 2015. Viele Asylwerber*innen mussten im Freien campieren und sie wurden in Notzelten rund um die Geb\u00e4ude der Kaserne<a href=\"#_ftn1\">[38]<\/a> untergebracht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Expert*innen wiesen bereits 2011 daraufhin, dass das BMI Vorsorge und Vorbereitungen zu treffen habe, f\u00fcr eine steigende Fl\u00fcchtlingsbewegung, die auf uns aus Syrien zukommen werde<a href=\"#_ftn2\">[39]<\/a>. Das BMI reagiert aber darauf nicht und lie\u00df eine Notsituation entstehen, die bei Umsetzung der Vorschl\u00e4ge und vorausschauender politischer Ma\u00dfnahmen vermieden werden h\u00e4tte k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die steigenden Zahlen der Fl\u00fcchtenden aus dem Kriegsgebiet lie\u00df das Grenzmanagement auf den griechischen Inseln zwischenzeitlich zusammenbrechen. Mit dem Tod von 71 Fl\u00fcchtlingen, darunter auch Kinder, in einem Klein-LKW, der in einer Pannenbucht bei Neusiedl im August 2015 abgestellt worden war<a href=\"#_ftn3\">[40]<\/a>, \u00e4nderte sich die Stimmung im Land und es entstand eine &#8212; f\u00fcr viele \u00fcberraschende &#8212; Unterst\u00fctzungsbewegung, die in weiterer Folge dazu f\u00fchrte, dass hunderttausende Fl\u00fcchtlinge \u00fcber \u00d6sterreich \u2013 in freiem Geleit \u2013 nach Deutschland gebracht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00f6sterreichische Bundesregierung wurde von dieser Welle der Hilfsbereitschaft \u00fcberrascht und musste sich der Stimmung, aber vor allem der gro\u00dfen Hilfsbereitschaft anschliessen. Die gro\u00dfen Hilfsorganisationen, die \u00d6BB, sowie Milit\u00e4r und Polizei begannen Schritt f\u00fcr Schritt sich in den vorerst spontanen und zivilgesellschaftlichen Verlauf einzuklinken und diesen zu organisieren. Wochenlang waren jedoch spontan entstandene Initiativen die Tr\u00e4ger der Hilfe und Unterst\u00fctzung (refugee welcome, train of hope, Westbahnhof\u2026).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>89.098 Asylwerber*innen stellten 2015 in \u00d6sterreich Asylantrag, der weitaus gr\u00f6\u00dfere Teil der Fluchtbewegung ging nach Deutschland und Schweden weiter (siehe dazu BMI 2017). Nach dem Abschotten durch Grenzz\u00e4une und milit\u00e4risch-polizeiliche Eins\u00e4tze gegen Fl\u00fcchtlinge in Ungarn, verlagerte sich der Fl\u00fcchtlingsstrom nach Kroatien, Slowenien und die Steiermark. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach \u00fcbernahmen staatliche Stellen die Aufnahme und den Transport der Fl\u00fcchtlinge. Im Herbst \u2013 nach Abebben der spontanen Hilfen \u2013 ver\u00e4nderte sich schrittweise die Haltung der Politik und die \u00f6ffentliche Meinung. In den Medien wurden immer \u00f6fter \u00c4ngste gesch\u00fcrt und von Politiker*innen ausgebreitet, die von Ausnahmezust\u00e4nden und \u00dcbergriffen udgl. berichteten oder diese prognostizierten<a href=\"#_ftn4\">[41]<\/a>.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischenzeitlich wurde 2015 Schengen (Grenzkontrollen an den Au\u00dfengrenzen) au\u00dfer Kraft gesetzt, sowie Dublin III. Aufgrund der anhaltenden Fl\u00fcchtlingsbewegungen aus Syrien und eines immer st\u00e4rker sp\u00fcrbaren Umschwunges der Meinung in der \u00d6ffentlichkeit, wurden die zuerst offenen Grenzen und die Willkommenskultur Schritt f\u00fcr Schritt zur\u00fcckgenommen und in weiterer Folge diskreditiert. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter anderem auch deswegen, da klar wurde, dass auf europ\u00e4ischer Ebene keine gemeinsame Politik zustande kommen werde und das Versagen der europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4t deutlich wurde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[38]<\/a> https:\/\/diepresse.com\/home\/politik\/innenpolitik\/4745725\/Asyl_Innenministerium-errichtet-Zeltlager-in-Traiskirchen<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[39]<\/a> Zu den Hintergr\u00fcnden der Syrien Krise, in der bereits 2009 darauf hingewiesen wurde, siehe <a href=\"http:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/blog-2015\/news\/detail\/Blog\/climate-change-is-set-to-become-the-biggest-driver-of-future-migration.html\">http:\/\/www.transform-network.net\/de\/blog\/blog-2015\/news\/detail\/Blog\/climate-change-is-set-to-become-the-biggest-driver-of-future-migration.html<\/a> [20.01.2022]<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[40]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fl%C3%BCchtlingstrag%C3%B6die_bei_Parndorf<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[41]<\/a> Ein Beispiel unter vielen: http:\/\/derstandard.at\/2000024657336\/Polizei-dementiert-Facebook-Geruechte-ueber-Vergewaltigungen<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Literatur:<\/h4>\n\n\n\n<p>Asylkoordination: Leben im Fl\u00fcchtlingsquartier. Standards in der Versorgung. Wien, 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>Europ\u00e4ischer Rechnungshof: Sonderbericht: Von Frontex geleistete Unterst\u00fctzung bei der Verwaltung der Au\u00dfengrenzen: Bislang nicht wirksam genug. 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nig, Alexandra; Rosenberger, Sieglinde: Desintegration, Dezentralisierung, Disziplinierung. Grundversorgung im Bundesl\u00e4ndervergleich. In: Rosenberger, Sieglinde: Asylpolitik in \u00d6sterreich. Unterbringung im Fokus, S. 272-295. Wien 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>Minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge e.V. (Hg.): Statement of Good Practice. Standards f\u00fcr den Umgang mit unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen, Loeper Verlag, Karlsruhe 2006.<\/p>\n\n\n\n<p>SCEP, Separated Children in Europe Programme\/Bundesdachverband Unbegleiteter Minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge e.V. (Hg.): Statement of Good Practice. Standards f\u00fcr den Umgang mit unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen, Loeper Verlag, Karlsruhe 2006.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Quellen:<\/h4>\n\n\n\n<p>BMI &#8211; Bundesministerium f\u00fcr Inneres: Asylwesen, Statistik 2017.<\/p>\n\n\n\n<p>Ehrich, Issio: R\u00fcckkehr zu einer unzeitgem\u00e4\u00dfen Ordnung. In: NTV 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>FAZ \u2013 Frankfurter Allgemeine: Wie der Hunger die Syrer in die Flucht trieb. [<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/fluechtlingskrise\/wie-der-fluechtlingsandrang-aus-syrien-ausgeloest-wurde-13900101-p2.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/fluechtlingskrise\/wie-der-fluechtlingsandrang-aus-syrien-ausgeloest-wurde-13900101-p2.html<\/a>], 2015. (Zugriff am 20.01.2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Fischer-Lescano, Andreas; L\u00f6hr Tillman: Menschen- und fl\u00fcchtlingsrechtliche Anforderungen an Ma\u00dfnahmen der Grenzkontrolle auf See. Rechtsgutachten des ECCHR \u2013 European Center for Constitutional and Human Rights, Berlin 2007<\/p>\n\n\n\n<p>GEAS \u2013 Gemeinsames Europ\u00e4isches Asylsystem. Europ\u00e4ische Union 2014.<\/p>\n\n\n\n<p>Langthaler, Herbert: \u201eAls ob nichts geschehen w\u00e4re.\u201c In: Asylkoordination 2\/2015, S. 14 ff, Wien.<\/p>\n\n\n\n<p>Horaczek, Nina: Die Arbeit f\u00fcr die B\u00fcrger, der Gewinn f\u00fcr Private. In: \u00d6konomie. Eine kritische Handreichung, Falter 3a\/2017, Wien 2017.<\/p>\n\n\n\n<p>Land Steiermark: Unterbringung von Asylwerber*innen im Rahmen der Grundversorgung, Graz, 2014.<\/p>\n\n\n\n<p>Ghelli, Fabio: Experten erkl\u00e4ren Dublin System f\u00fcr gescheitert. In: Mediendienst Integration. Berlin 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Tohidipur, Timo: Frontex \u2013 W\u00e4chter der Festung Europa. In: Zebratl 3\/2009, S. 16-18, Graz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1602\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-768x1024.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-225x300.jpg 225w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-750x1000.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_20200205_0811011-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z\u00e4sur \u2013 Beitritt zur EU Im vorigen Kapitel 4 der Serie wurde der Beitritt zur EU\/EG bereits kurz angeschnitten und als einer der herausragendesten Momente nach 1955 identifiziert. 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