{"id":1386,"date":"2021-02-09T14:19:38","date_gmt":"2021-02-09T14:19:38","guid":{"rendered":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/?p=1386"},"modified":"2021-03-18T15:02:38","modified_gmt":"2021-03-18T15:02:38","slug":"residenz_kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/residenz_kolumbien\/","title":{"rendered":"Verschwundene Orte 5: \u00d6sterreichische Residenz, Bogota, Kolumbien"},"content":{"rendered":"\n<p>Die geografische Widerherstellung eines kurzen Eindrucks im Gehirn nimmt Zeit in Anspruch. Denn wir waren nur kurz im Zimmer, abladen, Toilettengang, H\u00e4nde waschen. Dann wieder runter, in die K\u00fcche, sind am Tisch gesessen, haben einen Snack zu Abend gegessen, getrunken und mit meinem Schwager geplaudert. Doch jetzt plagt mich schon der Jetlag, es ist 3 Uhr morgens. Ich stehe neben dem Bett, ein St\u00fcck noch, dann m\u00fcsste die Bank beginnen: Autsch, das war sie, kniehoch. Ein fahler Schein dringt unter die T\u00fcr durch. Langsam gew\u00f6hnen sich meine Augen an die fremde Dunkelheit. Schemenhaft sehe ich die Bank am Fu\u00dfende des Bettes. Ich quere den schmalen Gang zur T\u00fcr, \u00f6ffne sie leise. Da ist ein Vorraum, rechts geht es zur Toilette. Das Notlicht aus dem Stiegenaufgang reicht. Die T\u00fcr quietscht. Jetzt brauche ich aber ein Licht. Ich suche an den \u00fcblichen Stellen nach dem Lichtschalter. Es blendet. Die Fliesen am Boden sind kalt. Das Wasser flie\u00dft lange und laut ab. Schaue mir in den gro\u00dfen Spiegel ins Gesicht. Ich finde nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Der Bauch w\u00f6lbt sich wie immer. Stelle mir meinen Darm vor, der sich kilometerlang dahin schl\u00e4ngelt, der schlaff pulsiert und kaum arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis-1024x691.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1391\" width=\"298\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis-1024x691.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis-300x202.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis-768x518.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis-750x506.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/08Bogota-mit-Taxis.jpg 1171w\" sizes=\"(max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><figcaption>Bogota, Kolumbien<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Sie schl\u00e4ft, sie hat einen tiefen, vertrauensvollen und durch nichts zu ersch\u00fctternden Schlaf. Ich biege nach links ab, auf ihre Seite, zum Fenster, ziehe an den schweren Vorh\u00e4ngen, stelle mich in den Spalt der beiden Vorh\u00e4nge ans Fenster. Mein Vorderteil wird vom schwachen, orangen Licht der Scheinwerfer beschienen. Die Haut erh\u00e4lt einen sonderbaren, schwer zu beschreibenden Farbton. Langsam kriecht die K\u00e4lte an mir hoch. Ich schaue mir beim Atmen zu. Vogellaute dringen zu mir vor, die ich noch nie geh\u00f6rt habe. Dass ist schon mal was Neues. Vor dem Fenster, eine 3 Meter hohe Mauer, die um das Geb\u00e4ude gezogen ist. Darauf der Stacheldraht und die Strahler, die das seltsame Licht erzeugen. Ich schau aus der H\u00f6he des Stacheldrahtes darauf. Muss ich hier so viel Angst haben, dass an der T\u00fcr Security steht, dass die Mauern beleuchtet werden m\u00fcssen, dass Stacheldraht notwendig ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gef\u00fchl krabbelt an meinem R\u00fccken hoch. Mein Gehirn suggeriert mir, wie ich mich im Stacheldraht verfange, festh\u00e4nge. Das Gef\u00fchl ganz nah, mir stellen sich die Nackenhaare auf. Das Ganze kommt aus der Vergangenheit, aus einer schon lange nicht mehr ge\u00f6ffneten Schublade. Ich hantiere mit Handschuhen, versuche das spr\u00f6de Geflecht der Rollen auseinander zu ziehen, in Reihe zu bringen. Irgendwo schreit wer Befehle. Durch die Bewegung, die Versuche sich daraus zu befreien, ger\u00e4t man immer mehr hinein; Kleider zerfetzen, die Haut darunter auch. Die ergreifende Art des Stacheldrahtes wird dadurch erst aktiviert. Da ist er in seinem Element, mit seinen trapezartigen Klingen, der die alten klassischen Stacheln, die man in alten Filmen sieht, l\u00e4ngst abgel\u00f6st hat. Bravo, tolles Produkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir pressten Stirnen und Nasen an die Plexiglasscheiben. Wir wollten vom neuen Kontinent Blicke erhaschen. Wir waren erleichtert. Elf Stunden waren gleich ausgestanden, Anflug auf Bogota. Die Stadt liegt auf einer Hochebene in den Anden \u2013 2.600 Meter hoch. Das Klima in Bogota ist mild f\u00fcr die Region. Lebenswert, nicht aufregend. Es gibt keinen Fr\u00fchling, keinen Sommer, keinen Herbst, keinen Winter. Es gibt, so ganz grob gesagt, zwei Jahreszeiten. Eine in der es mehr regnet und eine mit weniger Regen. In Bogota klettert die Temperatur fast nie auf mehr als 20 Grad und hat selten weniger als 10\u00b0. Die einzige Schwierigkeit ist, wenn man die d\u00fcnne Luft schlecht aush\u00e4lt, die hier in der H\u00f6he herrscht, die noch dazu durch Stadtverkehr und Heizungen schwer in Mitleidenschaft gezogen ist, dann w\u00fcrde man sich auch wieder verkriechen m\u00fcssen und absteigen, nicht in den Schatten, sondern in eine w\u00e4rmere, aber daf\u00fcr atembarer H\u00f6he; Medellin vielleicht. Das liegt tiefer. Bei der H\u00f6he geht es mir noch ganz gut, \u00fcber 3.500 Meter wird\u2019s dann schwieriger. Hab ich schon erlebt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&nbsp;<\/h4>\n\n\n\n<p>Langweilig sagen sie? Kann schon sein. Aber wer das feucht-hei\u00dfe Klima in Leticia am Amazonas oder die brennend trockene Hitze in Santa Fe de Antiquocha erlebt hat, versteht, warum man den Eroberer Gonzalo Jimenez de Quesada \u2013 Gr\u00fcnder von Bogota \u2013 als etwas weitsichtiger bezeichnen muss, als Jorge Robledo, der Santa Fe de Antioquia in einer immer gleichen, brennhei\u00dfen Tiefebene auf 500 Meter \u00fcber dem Meeresspiegel gr\u00fcndete. Der im \u00dcbrigen glaubte, er sei in unmittelbarer N\u00e4he zum Meer, so zumindest die M\u00e4r. Betrachtet man die Landkarte, dann muss man wohl \u00fcber die grandiose Fehleinsch\u00e4tzung l\u00e4cheln. Der Weg zum Pazifik erweist sich als ziemlich weit und was noch schwerer wiegt; als ziemlich unwegsam, wenn nicht sogar unm\u00f6glich. Auch heute gibt es noch keine Stra\u00dfe direkt von Santa Fe durch den Choc\u00f3 zum Pazifik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir flogen die Stadt von S\u00fcden an. In der Kurve, die der Flieger nahm, sahen wir kurz die Stadt und einen hohen Berg, an dem sich die Stadt anschmiegte. Aber dann war schon wieder alles aus dem Blickfeld. Der weitere Anflug war wenig spektakul\u00e4r. Der Flughafen \u201eEl Dorado\u201c ist f\u00fcr eine 8 Millionen und mehr Bewohner*innen Stadt klein; Marke unbedeutender Regionalflughafen, nichts Auff\u00e4lliges, nichts Glitzerndes, nichts Prunkvolles, nichts Gewagtes. Einfach nur zweckm\u00e4\u00dfige, unansehnliche Betongeb\u00e4ude stehen herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gehe zur\u00fcck ins Bett. Es ist mir zu kalt geworden. Vielleicht war nicht nur der Stacheldrahtzaun Grund f\u00fcr das Kribbeln am R\u00fccken? Die K\u00e4lte ist absurd. Erinnert mich an die leere Wohnung meines Schwagers in Wien, die wir vor dem Abflug als Zwischenbasis benutzten. Sind wir nicht in ein Land geflogen, das am \u00c4quator liegt, eine Karibik K\u00fcste und immergr\u00fcnen Regenwald besitzt? Da muss es doch hei\u00df sein? Gl\u00fccklicherweise hat mein Schwager uns vorgewarnt, dementsprechend haben wir eingepackt. Langsam werden die Zehen wieder warm unter der Decke.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles lief wie ein Film an mir vor\u00fcber. Der Impuls \u2013 als der Wecker um 4:20 Uhr l\u00e4utete \u2013 die Augen nicht zu \u00f6ffnen, einfach liegen zu bleiben, die Decke \u00fcber den Kopf, weiterschlafen, das Leben und das was auf uns wartete, weiterziehen zu lassen, war \u00fcberw\u00e4ltigend und kurz. Die Erstarrung, das Scheitern, das \u00c4ngstliche \u00fcberm\u00e4chtig werden lassen und in Wien bleiben, unerkannt, inkognito in einer vertrauten Umgebung und doch nicht zu Hause, flackerte auf. Wo ginge das wohl besser als in Wien? So wie in meiner Jugend, als wir einmal \u2013 f\u00fcnf sp\u00e4tpubertierende Jungs \u2013 nach Italien gefahren und einen ganzen Tag zu fr\u00fch am Busbahnhof gestanden sind. Darauf waren wir nicht eingestellt. Wir hatten nichts Besseres zu tun, als uns bei Sam in der Wohnung einzuquartieren und einen Tag in Graz Party zu feiern. Wobei so viel Party war da gar nicht; ja trinken schon, aber es war eher herumlungern, irgendwas einkaufen zum Essen, am Balkon im 10. Stock stehen, rauchen und Graz beobachten. Runter schauen auf ein Puff, das in bewegter Leuchtschrift eine Frau zeigte, die sa\u00df und dann lag, die sa\u00df und dann wieder lag. Selten erwischten wir einen Passanten, der auch rein ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Nachdenkzentrale wurde wenige Momente sp\u00e4ter ausgeklickt, die Routinen eingeschaltet, um voranzukommen, um den Gang der Operationen nicht zu st\u00f6ren. Aufstehen, aufs WC wanken, unter die Dusche kriechen, anziehen, die Koffer zusammenpacken, kontrollieren, ob wir alles mithatten, was wir die n\u00e4chsten sechs Wochen brauchten. Nur wer konnte das wissen, was uns erwartete? Egal, weiter! Es funktioniert, dass man funktioniert, aber es funktioniert nicht, dass man die ganze Tragweite des Funktionierens ins Bewusstsein kriegt und somit auch das Bewusstsein so funktioniert, dass man es glaubt. Man l\u00e4sst es einfach, man st\u00f6rt sich selbst nicht. Man steht vor der T\u00fcre und wartet auf das Taxi zum Flughafen. Es war eine bitterkalte Winternacht. Minus 8\u00b0 Grad. Das Taxi kam, drinnen war es warm, letzte Nachrichten im Radio: Ein Bauger\u00fcst in Meidling war eingest\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verkehr ist drau\u00dfen lauter geworden, zwar weit entfernt aber doch deutlich. Die Streifen Licht unter der T\u00fcr und durch den Spalt bei den Vorh\u00e4ngen, sind heller als zuvor. Konturen im Zimmer sind ausmachbar. Nebenan wird englisch gesprochen. Falsche Sprache, hier. Aber es ist eindeutig, wenn ich mich konzentriere, verstehe ich sie sogar. Ged\u00e4chtnis trainieren, dar\u00fcber bin ich eingeschlafen. Sie schl\u00e4ft nicht, dreht sich und atmet unregelm\u00e4\u00dfig. Sollen wir reden? Die Magie des ersten Morgens w\u00e4re damit wohl zu Ende! Wir halten uns an der Hand. Ich konzentriere mich auf das n\u00e4chste Kapitel meiner Reisedokumentation. Gehirnt\u00e4tigkeit trainieren, weiter in der Chronologie. Nicht rasten und verschieben. Die Abfolge f\u00fcr die Nachwelt im Ged\u00e4chtnis behalten; f\u00fcr welche Nachwelt? Die ersten drei Stunden. Flughafen, warten, boarden \u2013 wie es so sch\u00f6n hei\u00dft: Flug nach Paris.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bilder verschwimmen schon ein wenig, da helfen Fotos. Heutzutage brauche ich keine staubigen Alben herausholen, die eingeklebten Fotos, die nach all der Zeit bereits schlecht halten und vom Albumpapier abstehen, neu einsortieren. Ich suche mir den Ordner am PC. Ich habe \u2013 im Unterschied zu vielen \u2013 ein Ordnungssystem, in dem ich auch das finde, was ich will. Ordner \u00f6ffnen, durchklicken und schon nach wenigen Fotos spulen sich die Erinnerungen wie von selbst ab. Manche galoppieren davon, dorthin wo man im Moment nicht hinwollte, aber andere rufen Erinnerungen, zum Erz\u00e4hlstrang passend, ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die furchtbare Busfahrt aus der Kaffeezone, steigt von meinem geistigen Auge hoch. Wir werden nach Pereira gebracht, verabschieden uns herzlich von unserer Begleiterin, die uns in den letzten Tagen ans Herz gewachsen war. Wir waren mit ihr in Salento, von dort ging es in das Cocora Tal, einem Naturschutzgebiet in einer H\u00f6he von 1.800 bis 2.400 Meter, ein tropisch gr\u00fcner Talkessel, in dem es neben Kolibris auch alleinstehende Palmen gibt, was angesichts der H\u00f6he eine Besonderheit ist. Sie schleuste uns, als sie erfuhr, dass zuf\u00e4llig heute die kitschige Show \u201e10 Jahre Kaffee Park National\u201c mit feierlichem Festakt und vielen Ehreng\u00e4sten anstand, hinein. \u00a0Mit dem Argument, dass wir wichtige G\u00e4ste aus \u00d6sterreich und Verwandte des Botschafters seien. Es klappte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-1024x704.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1392\" width=\"348\" height=\"239\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-1024x704.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-300x206.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-768x528.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-1536x1056.jpg 1536w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne-750x516.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21bus-in-der-sonne.jpg 1757w\" sizes=\"(max-width: 348px) 100vw, 348px\" \/><figcaption>Regionalbus, Cartagena<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Kaffees wurde erz\u00e4hlt, farbenpr\u00e4chtig, l\u00e4chelnde Gesichter, tolle Gew\u00e4nder und elegante Ballettbewegungen, von der Pflanzung bis zur Verschiffung nach Europa: Cafe do Colombia. \u201eEin Markenprodukt\u201c, wie der ortsans\u00e4ssige Vorsitzende der Cafeteros betont, \u201edenn nicht so wie die brasilianischen Marken, die einfach alles reinhauen, sortieren wir hier in Kolumbien aus und das machte das besondere Aroma unseres Kaffees aus\u201c. Klar, die Konkurrenz muss schlecht geredet werden, ber sonst ein freundlicher Mann. Die Cafeteros sind eine m\u00e4chtige Gruppe in Kolumbien. Der Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Landwirtschaft ist bei der Feier anbei. Gro\u00dfes Gedr\u00e4nge um ihn. W\u00e4hrend der Tanzeinlage interessiert sich fast niemand f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten auf der B\u00fchne. Selbst bei der Hymne, die stehend deklamiert wird, ist das neueste Ger\u00fccht des Nachbarn oder das eigene Handy interessanter. Der gl\u00fchende Patriotismus und die Ehre Cafetero zu sein, wie in den Reden \u00fcberall beschworen wird, reicht nicht soweit, dass man das Handy f\u00fcr ein paar Minuten weglegen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt zur Finca, in der wir inmitten von Kaffee und Bananenpflanzen einige Tage wohnten, sehen wir viele m\u00fcde, zerlumpte und barf\u00fc\u00dfige Campesinos die Stra\u00dfen entlang gehen; alle auf dem Weg nach Hause, nach der Arbeit. Solche, die in der Tanzvorstellung als l\u00e4chelnde und t\u00e4nzelnde gl\u00fcckliche Menschen vorkamen. Es d\u00e4mmert bereits. Wir hingegen sind hier wirklich gl\u00fccklich: Kaffee um uns, dazwischen Bananen Stauden, mildes Klima, gr\u00fcne Oasen, h\u00fcgelig und relaxte Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der zweite Abschied, der schwer f\u00e4llt, zuerst von der Karibik, jetzt aus der Kaffee Zone. Die gef\u00e4hrlichsten Situationen auf der ganzen Reise waren immer die Busfahrten. Das war schon von Cartagena nach Medellin so und setzte sich fort, egal wohin wir fuhren. Die Buschauffeure rasten ausnahmslos alle wie Berserker, als w\u00e4ren sie auf der Flucht. Im Bus spielte laute Musik, abwechselnd zu hyperbrutalen Videos auf den Bildschirmen. Dass diese Gemetzel auch kleine Kinder sahen, schien niemanden zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde auf der Fahrt schlecht, das war nicht den Filmen, sondern meinem empfindlichen Magen geschuldet, der bei kurvigen Stra\u00dfen schnell mal rebellierte. Gl\u00fccklicherweise f\u00fchrte der Bus ein WC im hinteren Teil mit. Bei einer Raststation in einem engen, nasskalten Tal \u2013 h\u00e4tte ein Teil der Weiz-Klamm sein k\u00f6nnen \u2013 erleichterte ich mich ein zweites Mal. Danach war ich ersch\u00f6pft und apathisch. Die Busfahrer kennen nur eine Stellung des Gaspedals, durchgedr\u00fcckt und nur wenn es absolut nicht mehr geht, bremsen; hupen, ganz nahe ans zu \u00fcberholende Auto ranfahren, einfach ausscheren, zum \u00dcberholen ansetzen, obwohl sie absolut nix sehen konnten. Einige Male schafften sie es gerade noch, den Bus wieder nach rechts, hinter das zu \u00fcberholende Auto, zu rei\u00dfen. Links geht es 400 Meter den Berg hinunter. Dar\u00fcber regt sich aber au\u00dfer uns sonst niemand auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wohnen in der Residenz der \u00f6sterreichischen Botschaft, bei meinem Schwager, der \u00f6sterreichischer Botschafter in Kolumbien ist. Das ist nicht das B\u00fcro der Botschaft, sondern das Domizil des Botschafters und geeignet f\u00fcr offizielle Empf\u00e4nge und Essen, etwa f\u00fcr die Treffen der Exil\u00f6sterreicher*innen in Kolumbien, f\u00fcr Kulturaustausch und \u00e4hnlichem. Es ist ein einst\u00f6ckig quadratischer Ziegelbau, mit der Wohnung des Botschafters und mehreren G\u00e4stezimmern, wenn offizieller Besuch aus \u00d6sterreich in Kolumbien verweilt. Zwei Haush\u00e4lterinnen halten das Haus in Schuss, kochen, putzen, waschen, b\u00fcgeln, gehen einkaufen und alles was so anf\u00e4llt und bereiten im \u00dcbrigen wunderbare exotische S\u00e4fte zu; aus vorher noch nie gesehenen und geh\u00f6rten Fr\u00fcchten, die uns bei unserem ersten Fr\u00fchst\u00fcck \u00fcberw\u00e4ltigten. Ein Chauffeur steht f\u00fcr die Botschaft zur Verf\u00fcgung, der sich neben den Fahrten f\u00fcr den Botschafter und den Angestellten auch um Besorgungen aller Art, Reparaturen am Auto und Haus k\u00fcmmert und immer wei\u00df, wo es gerade was besonders Gutes oder G\u00fcnstiges gibt. Wir kamen in den Genuss mit Diego fahren zu d\u00fcrfen, der wie ein Kapit\u00e4n sein Boot durch die raue See f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann-1024x678.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1389\" width=\"365\" height=\"241\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann-1024x678.jpg 1024w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann-300x199.jpg 300w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann-768x508.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann-750x497.jpg 750w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/07residenz-mit-Mann.jpg 1160w\" sizes=\"(max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><figcaption>Residenzia, Bogota<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Eine marmorne Treppe f\u00fchrt in den Vorraum hinunter, auf der wir, nachdem wir aufgestanden waren, unsicher und staunend umherblickend, hinunter gehen, ja schreiten. Im Parterre angekommen, stehen wir vor einem gro\u00dfen Salon, mit mehreren Sofas, Bilder mit Goldrahmen an den W\u00e4nden, vielen Teppichen und einen Kamin. Ich stelle mir diplomatische Gespr\u00e4che nach dem Festessen bei Kognak und Zigarre, in gem\u00fctlicher Atmosph\u00e4re vor. Vom Salon f\u00fchrt eine breite Glast\u00fcr in eine \u00fcberdachte Terrasse und einige Stufen abw\u00e4rts in einen Garten, der \u00fcberwiegend aus einer Wiese besteht, am Rande einige B\u00e4ume. Das ganze Areal ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben, auf der \u2013 wie schon erw\u00e4hnt \u2013 der Stacheldraht sitzt. In der Nacht ist alles mit Strahlern in orangem Licht geh\u00fcllt. Am Eingang zur Residenz gibt es ein Wachh\u00e4uschen, in dem immer ein Sicherheitswachmann sitzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sitzen beim Fr\u00fchst\u00fcck, hinten im \u201enormalen\u201c Arbeits- und Wohnbereich, dort wo die beiden Haush\u00e4lterinnen ihr Regiment f\u00fchren. Beim Abschied machen wir ein Foto vor der Residenz und den beiden Frauen. Da f\u00e4llt uns erst der Gr\u00f6\u00dfenunterschied auf. Wir beide und auch mein Schwager sind gegen die beiden wahre \u201ewei\u00dfe\u201c Ries*innen. Eine in Kolumbien gemachte neue Erfahrung f\u00fcr mich, der ich f\u00fcr einen Mann eher klein geraten bin. Aber als ich im ber\u00fchmten Transmilenio von Bogota stehe \u2013 einem \u00f6ffentlichen Bussystem, das die Stadt \u00fcberzieht \u2013 der Bus ist ziemlich voll, kommt mir etwas \u201espanisch\u201c vor. Ich sah \u00fcber einen Gro\u00dfteil der Leute hinweg, was mir in \u00d6sterreich nie passiert. So geht es also gro\u00dfen Menschen, dachte ich mir. Auch nicht schlecht, vor allem f\u00fcr Konzerte. Konnte den grauen Haaransatz der gef\u00e4rbten Haare der Frauen begutachten. Darauf bin ich konditioniert, als Sohn einer Friseurin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Transmilenio ist ein interessantes Verkehrskonzept f\u00fcr Gro\u00dfst\u00e4dte. Es besteht aus Gelenksbussen, die auf eigenen Spuren durch die Stadt gelotst werden. Die Stationen sind \u00e4hnlich den U-Bahnstationen konzipiert, erh\u00f6ht, man gelangt also ohne Stufen in den Bus. Sie befinden sich in der Mitte der Stra\u00dfen, mit \u00dcberf\u00fchrungen, so dass man vom Autoverkehr unbehelligt ist. Sie k\u00f6nnen damit den st\u00e4ndigen Staus auf den Stra\u00dfen Bogotas entkommen und fassen bis 270 Personen pro Bus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Residenz lag in einem besseren Viertel, n\u00f6rdlich vom Zentrum, gleich neben dem British Council; aha, daher also die englische Sprache. Im \u00dcbrigen ebenso streng bewacht. Es war eine Ausgehzone, viele Hotels in der Gegend, Bars, Restaurants. Aber die Residencia war damals schon eine kleine Oase inmitten des hektischen Trubels der Gro\u00dfstadt. Ringsum standen Hochh\u00e4user, viele B\u00fcros und Gesch\u00e4fte. Die wenigen alten Geb\u00e4ude, die es noch gab, sahen eher nieder gekommen aus und warteten auf die Abrissbirne. Ein Viertel, wie geschaffen f\u00fcr Gentrifizierung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem war es keine Gegend, an dem man abends einfach so rumspazieren sollte. Alle, die wir trafen, warnten uns davor. Das sei einfach zu gef\u00e4hrlich. Man m\u00fcsse auch bei den Taxis aufpassen, vor allem abends. Wir sollten uns nur an Offizielle mit Taxameter halten und uns auf keine Spielchen einlassen. Trotzdem sind wir mit meinem Schwager eines Abends von einem Lokal, das nicht ganz nahe zur Residenz lag, nach dem Essen gem\u00fctlich heimmarschiert und haben die Avancen der Taxis alle abgeschlagen. Der Spaziergang war auch notwendig geworden, denn die kolumbianische Version einer Schlachtenplatte war fast ebenso \u00fcppig, wie unsere. Doch je l\u00e4nger es dauerte, desto mulmiger wurde uns, denn die Gegend war menschenleer. Selten zogen dunkle Gestalten mit Pferdefuhrwerken vor\u00fcber und eben Taxis oder Sportwagen, die die leeren Stra\u00dfen f\u00fcr Rennen nutzten. Der mehr als 30min\u00fctige n\u00e4chtliche Spaziergang h\u00e4tte f\u00fcr uns Gringos auch anders ausgehen k\u00f6nnen. Einige Tage nachdem wir aus Kolumbien abgeflogen waren, vermeldete mein Schwager, dass eine Botschaftsangeh\u00f6rige in ihrer Wohnung \u00fcberfallen worden ist. Ein traumatisches Ereignis, f\u00fcr alle in ihrem Umkreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Kolumbien war damals kein Land, in dem man so ohne weiters eine Reise machte. Wenn mein Schwager nicht dort Botschafter gewesen w\u00e4re, w\u00e4ren wir wohl nicht auf die Idee gekommen, nach Kolumbien zu fliegen. Es herrschte Krieg gegen die Drogen, der vor allem von den USA ausgerufen worden ist und die verschiedenen Guerillabewegungen waren aktiv. Insbesondere die gr\u00f6\u00dfte Guerilla Organisation FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia<em>) <\/em>trieb ihr Unwesen. Sie waren milit\u00e4risch hochger\u00fcstet, tief in den Drogenhandel und das Entf\u00fchrungs- sowie Erpressungsgesch\u00e4ft verstrickt. Manche Regionen Kolumbiens waren damals nicht befahrbar, weil die FARC die Gebiete kontrollierte. Im Norden an der karibischen K\u00fcste, Richtung Venezuela hielt die zweite gr\u00f6\u00dfere Gruppe ELN (Ej\u00e9rcito de Liberaci\u00f3n Nacional) zum Zeitpunkt unserer Reise Gebiete unter ihrer Kontrolle. Und dann mussten wir uns noch vor den AUC (Autodefensa Unidas de Colombia) f\u00fcrchten. Rechte Paramilit\u00e4rs, die von Gro\u00dfgrundbesitzer, konservativ-reaktion\u00e4ren und rechtsextremen Parteien sowie von den Milit\u00e4rs gesponsert und unterst\u00fctzt wurden, die sich als Besch\u00fctzer der Heimat aufspielten und alles umbrachten, meuchelten, vergewaltigten und entf\u00fchrten, was im Verdacht stand oder geriet, links, regierungskritisch oder Sympathisant der Guerilla zu sein. Das schloss alle mit ein, die sich f\u00fcr ein Ende der Gewaltspirale und f\u00fcr ein Ende des Krieges gegen Drogen einsetzten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es fuhr immer ein mulmiges Gef\u00fchl mit, wenn wir im Land unterwegs waren. Ist Kolumbien doch ein unbeschreiblich sch\u00f6nes, abwechslungsreiches, intensives Land. Wir kamen bei unserer Reise aus dem Staunen nicht raus. Und w\u00e4re da nicht der m\u00f6rderische B\u00fcrgerkrieg gewesen, w\u00e4re Kolumbien wohl damals schon eine vielbereiste Tourismusdestination gewesen. So waren wir eher Exoten. Neben uns gab es wenige, meist Individualtouristen, die einem speziellen Hobby fr\u00f6nten: Wandern\/Bergsteigen, Radtouren, Sportarten, die mit dem Meer zu tun hatte, Dschungelexpeditionen und vieles mehr. An der n\u00f6rdlichen Karibik K\u00fcste rund um Cartagena gab es so etwas wie Tourismus. Dort legten \u2013 wenn auch nur vereinzelt \u2013 gro\u00dfe Kreuzfahrschiffe an. Denn Cartagena, insbesondere die karibisch gepr\u00e4gte, koloniale Altstadt zu sehen, war allein schon eine Reise wert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere zweite gr\u00f6\u00dfere Station war Medellin \u2013 die Stadt mit einem ganz schlechten Image. Stand sie doch f\u00fcr all das schlechte, was Kolumbien zu bieten hatte. Drogenkartelle, Korruption, Morde, Entf\u00fchrungen, Banden, die ganze Viertel beherrschten oder terrorisierten, je nach Standpunkt. Medellin liegt auf 1.500 Meter H\u00f6he im Aburra Tal im mittleren Bergzug der Anden. Die rund 1000 Meter tiefer als Bogota, merkte man sogleich. Nicht nur war die Luft etwas leichter zu atmen, auch die Temperaturen waren wesentlich h\u00f6her als in Bogota. Die Stadt des ewigen Fr\u00fchlings wird sie genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum damaligen Zeitpunkt unserer Reise musste man von Norden kommend zahlreiche Berge \u00fcberqueren, um in die Stadt zu kommen. Waghalsige Verkehrsman\u00f6ver einerseits, daraus resultierten st\u00e4ndig Unf\u00e4lle und endlos verkeilte Staus. Mitten in der Nacht, an irgendeiner Bergkuppe und Kreuzung stehen wir rum, hupende und blinkende Autos \u00fcberall, wo wir hinsehen. Wir schauen zwar raus aus den beschlagenen Scheiben des Busses, aber wissen \u00fcberhaupt nicht, was da eigentlich los ist. Von Aussteigen und nachsehen hat man uns dringend gebeten, Abstand zu nehmen. Wir kommen 8 Stunden sp\u00e4ter an, als der Fahrplan es uns sagte. Mittlerweile wird der damals gebaute Tunnel, er uns stolz gezeigt wurde, wohl fertig und Medellin daher leichter zu erreichen sein. Vermutlich staut es sicher aber trotzdem bereits wieder an allen Zufahrtstrassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Residenz hatte etwas burgen\u00e4hnliches, in den Tagen, in der wir in ihr lebten und langsam heimisch wurden, war es unser R\u00fcckzugsort, unser Heim, unsere Festung. Besch\u00fctzt, umschlossen, umsorgt. Das Land war selbst f\u00fcr uns Touristen anstrengend. Es wirkte immer alles so \u201enormal\u201c und doch war es das nicht. Wir durchstreiften Bogota, soweit das ging. Immer \u00fcbermittelte uns der Schwager die aktuellsten Infos, wo wir bedenkenlos hin konnten, welche Busse, Taxis wir benutzen durften, und wo wir auf keinen Fall hin sollten. Und der Unterschied offenbarte sich oft zwischen wenigen Stra\u00dfenz\u00fcgen. Da waren wir gerade noch in einer belebten Innenstadtzone, bogen zweimal ab, gingen in die falsche Richtung und waren unvermittelt in einem Armenviertel, in dem kaum Wei\u00dfe unterwegs waren und die Zahl der Bettler exorbitant anstieg. Gruppen von jungen M\u00e4nnern lungerten an der Ecke und be\u00e4ugten uns auff\u00e4llig. Wir suchten rasch das Weite und hofften, uns nicht nochmal zu verirren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war die R\u00fcckkehr in die Residencia immer eine Heimkehr, in den sicheren Hafen. Die beiden Frauen bemutterten uns mit gutem Essen und S\u00e4ften, wuschen unsere W\u00e4sche und nahmen uns zum Blumenmarkt mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Rundreise endete vorerst einmal in Popayan, s\u00fcdlich von Cali, Richtung Ecuador, die Panamericana weiter. Eine Provinz \u2013 Kleinstadt, die ber\u00fchmt f\u00fcr ihre ausufernden, \u00fcppigen und bombastischen Weihnachts- und Osterfeiern ist. Eigentlich wollten wir weiter nach S\u00fcden, nach Pasto, aber da ereilte uns der Ruf aus Bogota. Der Schwager riet davon ab, wir sollten zur\u00fcckkommen. Es gebe Unruhen und die Strecke Popayan \u2013 Pasto sei nicht sicher. Kein Risiko, Flieger gecheckt und mit einer kleinen Inlandfluglinie ging es zur\u00fcck nach Bogota. Nach einem Tag Ausruhzeit, in der ich in der Residencia umsorgt worden bin, weil ich ein wenig Fieber hatte, hatten wir schon einen neuen Plan. Wieder in den Flieger in das Amazonas Gebiet. Was n\u00e4mlich die wenigsten wissen, Kolumbien nennt einen schmalen Keil an Land, der durch den Urwald direkt zum Amazonas f\u00fchrt und an Brasilien und Peru grenzt, sein Eigen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Leticia angekommen, erschl\u00e4gt uns die hei\u00dfe, nasse Luft. Wir gehen durch die Stra\u00dfen, deren Schlagl\u00f6cher mit rot-braunem Wasser gef\u00fcllt, weil sie nicht asphaltiert sind. Alles tropft und ist nass. Es wirkt wie ein grauer nebliger regenverh\u00e4ngender November Tag, doch hat es 30 Grad. Am Morgen regnet es, nein, es sch\u00fcttet. \u00dcberall sitzen riesige schwarze Vogel, die vom Regen zerrupft aussehen, am Stra\u00dfenrand und trocknen mit gespreizten Federn und ausgebreiteten Fl\u00fcgeln ihr Gefieder. In einem gro\u00dfen alten Baum, unweit des Zentrums von Leticia sitzen abertausende kleine, bunte V\u00f6gel, die einen ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm veranstalten und richtig Betrieb machen in der Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach zehn Minuten Aufenthalt im Freien ist dein Hemd oder T-Shirt sowohl von innen aus auch von au\u00dfen nass. Der Schwei\u00df und das Wasser rinnen dir von der Stirn \u00fcbers Gesicht. Im tr\u00fcbel Nebelwetter gehen wir in den Swimming Pool, um Abk\u00fchlung zu erfahren, doch das ist eine Illusion. Es dauert nur drei Minuten, dann ist der Effekt aufgesogen. Die Haut an meinen Fingern ist st\u00e4ndig runzlig, ob der N\u00e4sse.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/92Boot-im-Amazonas-700x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1393\" width=\"248\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/92Boot-im-Amazonas-700x1024.jpg 700w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/92Boot-im-Amazonas-205x300.jpg 205w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/92Boot-im-Amazonas-768x1123.jpg 768w, https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/92Boot-im-Amazonas.jpg 1197w\" sizes=\"(max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><figcaption>Leticia, Amazonas, Kolumbien\/Peru\/Brasilien<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag machen wir einen Ausflug mit dem Boot, tuckern am Amazonas entlang; machen halt in Brasilien und Peru und fahren flussaufw\u00e4rts, besuchen Familien, die noch Kautschuk aus den B\u00e4umen gewinnen und am Amazonas direkt in Pfahlbauten leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir unsere Heimreise antreten m\u00fcssen und die Residencia verlassen, begleitet uns ein wehm\u00fctiges Gef\u00fchl. Wir hatten uns an das alles gerade gew\u00f6hnt und es liebgewonnen. So als h\u00e4tten wir es geahnt, dass wir die Residencia nie wiedersehen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre nach unserem Urlaub verlie\u00df auch mein Schwager Kolumbien und trat seinen neuen Posten in Brasilien an. Schon damals gab es das Ger\u00fccht, dass die Residencia in Bogota aufgelassen und verkauft werden w\u00fcrde, was mittlerweile auch geschehen ist. Das Geb\u00e4ude gibt es heute nicht mehr, es ist der Gentrifizierung des Viertels und den Verlockungen des gro\u00dfen Geldes der Investoren zum Opfer gefallen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die geografische Widerherstellung eines kurzen Eindrucks im Gehirn nimmt Zeit in Anspruch. Denn wir waren nur kurz im Zimmer, abladen, Toilettengang, H\u00e4nde waschen. Dann wieder runter, in die K\u00fcche, sind am Tisch gesessen, haben einen Snack zu Abend gegessen, getrunken und mit meinem Schwager geplaudert. Doch jetzt plagt mich schon der Jetlag, es ist 3 &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/residenz_kolumbien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[379,360,359,368,380,370],"tags":[420,414,415,413,419,416,421,418,412,422,417],"class_list":["post-1386","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erinnerungen","category-essays-kurzgeschichten","category-literarisches","category-serien","category-themen","category-verschwundene-orte","tag-amazonas","tag-bogota","tag-cartagena","tag-kolumbien","tag-leticia","tag-medellin","tag-oesterreichiche-botschaft","tag-popayan","tag-reise","tag-residenz","tag-villa-de-leyva","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1386"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1400,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1386\/revisions\/1400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}