{"id":133,"date":"2012-03-20T17:58:38","date_gmt":"2012-03-20T17:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=133"},"modified":"2024-06-21T08:45:11","modified_gmt":"2024-06-21T08:45:11","slug":"zwischen-diskriminierung-und-anerkennung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/zwischen-diskriminierung-und-anerkennung\/","title":{"rendered":"Zwischen Diskriminierung und Anerkennung"},"content":{"rendered":"<h5>Diese Buchrezension von Wolfgang Gulis erschien in aktuellen Zebratl 1\/12, Seite 16.<\/h5>\n<h4>\u201eZwischen Diskriminierung und Anerkennung\u201c<\/h4>\n<p><strong>Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>Annette Sprung, au\u00dferordentliche Universit\u00e4tsprofessorin am Institut f\u00fcr Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Grazer Karl Franzens Universit\u00e4t hat mit ihrer Habilitationsschrift, die nunmehr als Buch vorliegt, einen Meilenstein der kritischen Weiterbildungsforschung vorgelegt. <\/strong><\/p>\n<p>Sprung stellt die Partizipationschancen und Handlungsm\u00f6glichkeiten von Menschen mit Migrationsgeschichte in \u00d6sterreich in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen und lotet die M\u00f6glichkeiten und Bedingungen aus, die am Arbeitsmarkt bzw. in bestimmten, arbeitsmarktnahen Weiterbildungssegmenten bestehen. Anhand einer empirischen Studie beleuchtet Sprung die Situation und Bedingungen von MigrantInnen, die h\u00f6her qualifiziert sind und \u201edas Gl\u00fcck hatten\u201c, in einem innovativen Kursprojekt in Wien, das explizit f\u00fcr Migrantinnen konzipiert worden war, aufgenommen zu werden. Trotz der relativ g\u00fcnstigen Bedingungen, zeigt die Untersuchung deutlich, dass es eine Reihe von formellen-institutionellen aber auch informellen-strukturellen Bedingungen und H\u00fcrden gibt, die MigrantInnen zu Ausgeschlossenen machen.<\/p>\n<p>Sprung schreckt auch nicht davor zur\u00fcck, struktureller Rassismus und gesetzliche Diskriminierung als das zu benennen, was es ist; in \u00d6sterreich wird das ja gerne etwas versch\u00e4mt mit Fremdenfeindlichkeit umschrieben. Dies dr\u00fcckt sich etwa in einem rassistisch-kulturalisierenden Diskurs \u00fcber die \u201eAnderen\u201c aus, f\u00fchrt aber auch zu einem stereotyp wiederholenden Mantra der Kernbegriffe \u201eIntegration\u201c und \u201eDeutschlernen\u201c, die als Bringschuld der MigrantInnen verstanden wird. Damit geht einher, dass Migration defizit\u00e4r, \u00a0als Problem betrachtet und zu einem ausschlie\u00dflichen Sicherheitsthema stilisiert worden ist. Trotz des neu errichteten Staatssekretariats f\u00fcr Integration ist dieser Blickwinkel auf das Thema Migrationsgesellschaften Ausdruck der Dominanz- und Machtverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p><strong>Karotte vor der Nase<\/strong><\/p>\n<p>Die Integrationsleistung wird von der Mehrheit bestimmt und bewertet und eine Integration bleibt unerreichbar. Hinzu kommt ein Individualisierungsdiskurs, so \u00a0als w\u00fcrde es ausschlie\u00dflich darauf ankommen, \u201ees mit Fleiss und Leistungsbereitschaft zu schaffen\u201c. Einzelne Rolemodels best\u00e4tigen dies dann auch. Das Bild des Esels dr\u00e4ngt sich auf, dem die Karotten vorgehalten wird und sobald er los traben beginnt, sie nie erreicht.<\/p>\n<p>Zahlreiche Barrieren und Hindernisse sind in \u00d6sterreich nicht nur in den verschiedenen Gesetzeswerken verankert (Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigungsgesetz, Staatsb\u00fcrgerschaftsgesetz, Nostrifikationen\/Berufsanerkennungen, u.a.), sondern auch in den Institutionen zu finden, die es MigrantInnen ungleich schwerer machen, gleichen Chancen und Bedingungen vorzufinden. Dabei spielen Weiter- und Erwachsenenbildungseinrichtung eine wichtige Rolle, ebenso wie Einrichtungen, die an der Schnittstelle zwischen Fortbildung und Arbeitsmarkt stehen, wie etwa das Arbeitsmarktservice (AMS).<\/p>\n<p>Sprung w\u00e4re jedoch weithin nicht so bekannt und anerkannt, wenn sie in diesem Kontext zwischen den Bedingungen auf Mikro- und Makroebenen nicht sehr differenziert und detailliert auf die Mechanismen fokussieren w\u00fcrde. Ihr kritischer Blick und breit abgesicherte Analyse, der sich in diesem Buch vor allem auf den Begriff der Anerkennung konzentriert, breitet ein fein gewebtes Daten- und Argumentationsnetz aus, das durch umfangreiches Fachwissen, zahlreichen Bez\u00fcgen zu anderen wissenschaftlichen Ergebnissen und Studien analysiert und aufgegliedert wird. Sie beforscht die Bedingungen, die in der Erwachsenenbildung vorgefunden werden, und stellt sich die Frage nach der Erweiterung der individuellen Handlungsm\u00f6glichkeiten und Gleichstellungschancen, die durch (formelle und informelle) Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung erweitern werden k\u00f6nnte, ja m\u00fcsste. Sie analysiert aber auch das Konzept\/Prinzip des\u00a0 Lebenslangen Lernens (LLL), das als Bildungsdogma \u2013grunds\u00e4tzlich klug und weitsichtig konzipiert \u2013 in der praktischen Ausformung oft einem \u201eneoliberalen\u201c Trend der Individualisierung das Wort redet und jeden zu \u201eseines Gl\u00fcckes Schmied macht\u201c. Nicht zuletzt ist die \u00d6konomisierung des Bildungsmarktes, um auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben, f\u00fcr bestimmte, strukturell benachteiligte Gruppen \u2013 und dies sind Migrantinnen \u2013 eine M\u00e4r. Nur der ideologisierte, vereinfachende Blick auf eine Seite \u2013 das Individuum \u2013 verstellt die Sicht auf die politische Makroebene; umgekehrt gitl dies ebenso. Sprung fordert die Verantwortung des\/der Einzelnen ein, f\u00fcr die Bedingungen und konkreten Ausformungen ein, in denen Bildungsverantwortliche, ArbeitsmarktberaterInnen und andere Fachkr\u00e4fte Handlungsm\u00f6glichkeiten ausloten k\u00f6nnen und mehr oder weniger Anerkennungskultur einf\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Feld der schier un\u00fcberblickbaren heterogenen Landschaft der Erwachsenenbildungseinrichtungen k\u00f6nnte \u2013 so Sprung \u2013 durch ein Curriculum der Anerkennung viel zur migrationssensiblen und rassismuskritischen Auseinandersetzung beitragen. Aber eben nicht alles und auch das ist Sprung wichtig, zu verdeutlichen. Das was die Politik, die Gesetze, der informelle ideologische Konsens verhindern, kann durch Weiterbildung nicht alleine kompensiert werden. Da bedarf es auch politischer Initiativen.<\/p>\n<p><strong>Kein Bedarf <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In einer Befragung gaben eine erhebliche Anzahl (30%) von Erwachsenenbildungseinrichtungen keinen Bedarf an Hinwendung zur Zielgruppe der MigrantInnen an. In den Angeboten w\u00fcrden sie nicht auftauchen und sie seien auch keine \u201ezahlungskr\u00e4ftige Kundengruppen\u201c. Annette Sprung beweist mit ihrer Forschungsarbeit, das genaue Gegenteil und st\u00fctzt den Auftrag, eine migrationssensible und rassismuskritische Weiterbildungsarbeit zu etablieren, um den konsequenten Ausschlu\u00df von gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung nicht weiter und l\u00e4nger fortzusetzen. Als Lekt\u00fcre f\u00fcr den aktuellen Stand der Inklusions- und Bildungsdebatte kann man es getrost als das aktuellste und umfassendste Werk in \u00d6setrreich benennen. Kategorie: Pflichtlekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Sprung Annette: \u201eZwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft.\u201c Verlag Waxmann, M\u00fcnster, M\u00fcnchen, K\u00f6ln, New York. Graz 2011.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Buchrezension von Wolfgang Gulis erschien in aktuellen Zebratl 1\/12, Seite 16. \u201eZwischen Diskriminierung und Anerkennung\u201c Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft Annette Sprung, au\u00dferordentliche Universit\u00e4tsprofessorin am Institut f\u00fcr Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Grazer Karl Franzens Universit\u00e4t hat mit ihrer Habilitationsschrift, die nunmehr als Buch vorliegt, einen Meilenstein der kritischen Weiterbildungsforschung vorgelegt. Sprung stellt die Partizipationschancen und &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/zwischen-diskriminierung-und-anerkennung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[403,363,372],"tags":[26,74,215,237,291],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rassismus-diskriminierung","category-veroeffentlichungen","category-zebratl","tag-anerkennung","tag-diskriminierung","tag-migrationsgesellschaft","tag-partizipationschancen","tag-strukturellen-rassismus","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1094,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/1094"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}