{"id":127,"date":"2012-03-05T09:49:04","date_gmt":"2012-03-05T09:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=127"},"modified":"2021-02-09T10:01:31","modified_gmt":"2021-02-09T10:01:31","slug":"stiftingtalstrasse-163","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/stiftingtalstrasse-163\/","title":{"rendered":"Stiftingtalstrasse 163"},"content":{"rendered":"<p>Die Schreibkraft 22 unter dem Titel : &#8222;Zahlen bitte&#8220; ist Ende Feburar 2012 erschienen, mit einem Beitrag von mir unter dem Titel &#8222;<strong>Stiftingtalstrasse 163<\/strong>&#8222;.<\/p>\n<h3><strong>Eine Zwischendurchvermessung meines Lebens<\/strong><\/h3>\n<p>Mein Mathematiklehrer \u2013 einer im wei\u00dfen Kittel \u2013 hat mein Interesse radikal abget\u00f6tet. Als ich jung war, faszinierten mich Zahlen n\u00e4mlich sehr. Genau genommen war ich ein Zahlenfetischist. Wer mich heute kennt, w\u00fcrde das nicht glauben. Aber damals, vor, in und unmittelbar nach der Pubert\u00e4t, war die Anziehungskraft der Zahlen fast magisch, m\u00f6chte ich sagen. Aber wie gesagt, der Mathematiklehrer hat es geschafft, dass sich das nicht in gute Noten umsetzen lie\u00df \u2026 aber lassen wir das.<\/p>\n<p><strong>1968<\/strong><br \/>\nIch bin am 4. 5. geboren. Ich wuchs bei meinen Gro\u00dfeltern in der Liebenauer Hauptstra\u00dfe 44 auf. Meine Eltern mussten beide arbeiten, sonst h\u00e4tte das Geld nicht gereicht. Erst als ich in die Schule kam, zog ich zu meinen Eltern, die im Stiftingtal wohnten; Nummer 163, gleich neben einer kleinen Kapelle, die heute noch einen furchtbaren Kirchenglockenklang hat. Das Stiftingtal liegt im zehnten Grazer Bezirk. In Wien hat das allerdings mehr Bedeutung, wenn man das sagt; etwa so wie Esther mir unl\u00e4ngst gestand: \u201eIch bin im Elften aufgewachsen.\u201c<\/p>\n<p>Aus meiner Wochenendelternbeziehung wurde nach sechs Jahren eine dauerhafte. Der eigentliche Grund war, dass ich eine Schwester bekam und meine Mutter in Karenz ging. Da konnte ich dann auch gleich dazukommen. Meine Schwester f\u00fchlte sich bem\u00fc\u00dfigt, just an meinem zweiten Schultag zur Welt zu kommen. Gleich nach dem ersten Tag, als wir von der Schule nach Hause kamen und ich gerade beschlossen hatte, nie mehr dorthin \u2013 also in die Schule \u2013 zu gehen, fingen die Wehen bei Mutter an. Sie wurde noch am Abend ins Krankenhaus eingeliefert.<\/p>\n<p>Damit fing der Pallawatsch an. Die n\u00e4chsten Tage mussten organisiert werden. Ich sollte ja in die Schule, was aus meiner Sicht gar nicht so dringend gewesen w\u00e4re. Aber sie wollten es unbedingt so. Also hatten sie alle zusammen ein logistisches Problem. Die Mutter bekam ein Kind, der Vater musste extra frei nehmen, um mich in der Fr\u00fch in die Schule zu bringen, und ich blieb bereits am zweiten Tag allein in der Klasse. Die anderen Kinder hatten alle ihre M\u00fctter dabei. Aber vielleicht hatte das auch was Gutes? Und schlie\u00dflich sollte mich mein Opa holen und zur Oma nach Liebenau bringen.<\/p>\n<p>Als der zweite Schultag aus war, kam ich raus und \u2026 kein Opa da. Ich, sechsj\u00e4hriger Knopf, stand also da und wartete, und als alle Kinder abgeholt waren und ich allein am Rande der Stra\u00dfe, am Zaum des Schulhofes \u00fcbrig geblieben war, konnte ich nicht anders. Ich begann leise zu weinen. Es d\u00fcrften nur zehn Minuten gewesen sein, vielleicht auch weniger. Opa hatte sich durch den starken Verkehr ein wenig versp\u00e4tet; nichts Schlimmes also. Aber die Szene blieb in Erinnerung: Schule machte einsam, war pfui, und schuld an allem \u00dcbel war eigentlich meine Schwester.<\/p>\n<p>Man schrieb das Jahr 1968, und ich gab dem \u2013 allerdings sp\u00e4ter \u2013 eine Bedeutung; sozusagen r\u00fcckbez\u00fcglich, denn als Sechsj\u00e4hriger hatte ich nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt keinen Plan davon, was ablief. Aber hinterher schon und so beschloss ich, etwa mit 13 bis 14 Jahren, dass diese Jahreszahl wichtig f\u00fcr mich werden sollte. Meine Schwester vermasselte mir den Schulstart, Paris brannte und in Berlin wurden Studenten erschossen. In San Francisco gab es Sit-Ins, und Woodstock w\u00fcrde demn\u00e4chst als H\u00f6hepunkt der Hippiebewegung in die Geschichte eingehen, und die Mondlandung, die war auch. Das sah ich als F\u00fcgung, als Zeichen, dass ausgerechnet 1968 alles zusammenlief und mit meinem Schuleintritt zusammenfiel.<\/p>\n<p>Zuerst versuchte ich, mich \u00e4lter zu machen und mich als 1968er auszugeben. Das ging schief, ich war einfach zu jung. In der Zeit fand ich Jesus Christ Superstar und den Film zum Musical Hair ganz toll; ich war sehr ber\u00fchrt. Der Hippiebewegung wurde ich schnell \u00fcberdr\u00fcssig. Sie kam mir kindisch vor, mit ihren Blumen im Haar und ihrer Drogenverherrlichung. Die waren ja \u00fcberhaupt nicht politisch und das wollte ich unbedingt sein.<\/p>\n<p>Mit den politischen 1968ern konnte ich zuerst eher was anfangen, so schwer sie auch zu verstehen waren. Doch je mehr ich von ihnen zu lesen bekam, desto mehr empfand ich sie als doktrin\u00e4r und totalit\u00e4r. Ich erinnere mich noch, als ich zum ersten Mal eine Rudi-Dutschke-Rede h\u00f6rte. Ich bekam eine G\u00e4nsehaut, nicht aus Ergriffenheit, sondern aus Furcht. Er erinnerte mich an einen Diktator und ich dachte mir: \u201eBin ich froh, dass der nicht eine Position innehat, in der er etwas zu entscheiden hat.\u201c<\/p>\n<p>Die kleine totalit\u00e4re Ausgabe hatte ich ja zu Hause sitzen, in der Form eines unnahbaren, mit der Elternschaft und der Erziehung von Kindern heillos \u00fcberforderten und \u00fcberaus cholerisch veranlagten Vaters. Also un\u00e4hnlich waren sie sich dann leider nicht, aber das ist jetzt eher psychologisierend und ein anderes Thema. Denn ich darf nicht ungerecht sein. Die 1968er gaben wichtige Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Gesellschaft und f\u00fchrten gesellschaftliche K\u00e4mpfe \u2013 mit der Elterngeneration \u2013, die zuvor in dieser Form nicht gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p><strong>14<\/strong><br \/>\n1974 tauchte eine neue Zahl an meinem kleinen Horizont auf. Ein Fu\u00dfball-Gott war f\u00fcr unsere Generation geboren. Der Holl\u00e4nder Johan Cruyff. Er trug die Nummer 14, und die holl\u00e4ndische Nationalmannschaft spielte einen anderen Fu\u00dfball, als wir ihn bisher gekannt hatten. Ab sofort wollte ich bei allen Fu\u00dfballspielen und in allen Teams nicht nur das Trikot mit der Nummer 14 tragen, sondern auch so spielen wie Johan Cruyff. Dass der auch zehn andere in der Mannschaft brauchte, um so spielen zu k\u00f6nnen, wie er es tat, war mir damals nicht bewusst.<\/p>\n<p>In der Turnstunde brachte mir dieses Nacheifern eines Idols erhebliche Schwierigkeiten ein. Turnen war ja das einzige, worin ich relativ gut war, sofern es nicht um Barren, Reck und Ringe ging, da hatte ich Teilleistungsschw\u00e4chen. Mich interessierten alle Formen des Ballspiels, auch wenn Sitzfu\u00dfball echt \u00e4tzend und erniedrigend war. Aber in meiner \u201e14er\u201c-Glanzzeit war ich sehr verspielt und im Vergleich zu den anderen technisch gut, vor allem wenn es um das Spiel mit den beiden F\u00fc\u00dfen ging. Der K\u00f6ck, mein Turnlehrer, f\u00f6rderte das und lie\u00df uns oft Fu\u00dfball spielen.<\/p>\n<p>Wir waren ja noch eine Bubenschule, also griff das \u201eM\u00e4dchen wollen nicht immer nur Fu\u00dfball spielen\u201c-Argument nicht so recht. So spielten wir eines Tages in einer Turnstunde am gro\u00dfen Feld, direkt gegen\u00fcber der Schule. An diesem Tag waren wir leider nur eine ungerade Zahl an Spielern. Also spielte der Turnlehrer so halb \u2013 als Lehrer, Schiedsrichter und Verteidiger in Personalunion \u2013 bei der anderen Mannschaft mit. Ich strengte mich, im jugendlichen \u00dcbermut, gegen ihn besonders an. Zuerst \u00fcberspielte ich ihn mehrmals, weil er ja auch nicht wirklich spielte, sondern nur halbherzig herumstand. Das ging noch. Als H\u00f6hepunkt schob ich ihm aber ein \u201eGurkerl\u201c oder einen \u201eBeinschuss\u201c, wie die bundesdeutschen SportkollegInnen n\u00fcchtern und etwas irref\u00fchrend zu sagen pflegen, \u00fcberdribbelte den Tormann und schoss ein \u2013 von meiner Mannschaft viel umjubeltes \u2013 Tor. Da war es dann aus; mit der Freude und der Bewunderung. Das Spiel war sofort beendet, ich wurde vom K\u00f6ck \u2013 sinngem\u00e4\u00df \u2013 als \u201eeigensinniger Lausbengel\u201c bezeichnet und die letzten zwei Monate war Turnen kein Honiglecken mehr, weil wir wirklich turnten: Also Ringe, Barren, Reck, Zirkeltraining, Leichtathletik und Medizinb\u00e4lle. Ich bekam auch nur einen 3er und die anderen brandmarkten mich als den Schuldigen.<\/p>\n<p>Meine Fu\u00dfballerkarriere verlief ganz anders, als ich es mir damals vorstellte, und blieb im Hobbybereich stecken. Aus den Barfu\u00df-Kicks \u201e2 gegen 2\u201c im Garten der Stiftingtaler Freunde wurden Fu\u00dfballerrunden auf dem Platz in der Grazer Sandgasse und vereinzelte Turniere, mehr nicht. Der Spitzname \u201eGullit\u201c \u2013 nach dem holl\u00e4ndischen Rechtsau\u00dfen Ruud Gullit \u2013 deutete zwar ein bestimmtes Talent an, mehr aber auch nicht. Die Nummer 14 verblasste langsam, aber sicher; andere Dinge wurden immer wichtiger.<\/p>\n<p><strong>23<\/strong><br \/>\nDie Schulferien schienen endlos lange, hei\u00df und langweilig. Das war ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl. Im Sommer liefen wir nahezu die ganze Zeit barfu\u00df umher, kickten im Garten der Freunde, sprangen in den kleinen Pool, den sie hatten, und hingen auf der Wiese einfach rum. Wir hatten auch ein Radgeschicklichkeitsspiel entwickelt, in dem wir auf einem abgegrenzten, vorher vereinbarten Feld \u2013 meist ein kleiner Vorplatz und Teile der Stra\u00dfe \u2013 gegeneinander antraten und derjenige, der absteigen musste, weil er eben nicht weiter und nicht ausweichen konnte, verlor. Ber\u00fchren war dabei verboten. Wir spielten das auf f\u00fcnf gewonnene.<\/p>\n<p>Sonst sa\u00dfen wir oft am Rand der Stra\u00dfe, z\u00e4hlten Autos, rochen das frisch gem\u00e4hte Heu von den Wiesen und steckten unsere Zehen in den hei\u00dfen Teer, der am Asphalt weich wurde; blieben bei Gewitter einfach sitzen und lie\u00dfen uns bis auf die Haut durchn\u00e4ssen, sogen den Geruch von Regen auf hei\u00dfem Asphalt ein und erz\u00e4hlten uns absurde Fantasiegeschichten. Aus irgendeinem Grund, den ich nicht mehr wei\u00df, trat die Zahl 23 in mein Leben; eine Primzahl. Vermutlich hat es mit meiner \u2013 unserer \u2013\u00a0 mystischen Phase zu tun. 23 ist die Zahl der Illuminaten, f\u00fcr all jene, denen das etwas sagt.<\/p>\n<p>In den Sommern\u00e4chten im Juli und August sa\u00dfen wir oft, meist schon in Decken geh\u00fcllt, auf der Terrasse des Hauses der Nachbarskinder und sahen uns den Sternenhimmel an. Das Stiftingtal ist ja in Wahrheit ein kaltes Tal. Es war dort immer einige Grad k\u00fchler als in der Stadt. Auch der Schnee hielt sich immer l\u00e4nger. Nicht umsonst gab es einen Teil des Stiftingtals, der von den Einheimischen Sibirien genannt wurde.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen n\u00e4chtelang drau\u00dfen, hatten einen steifen Nacken vom Himmelgucken, fantasierten und philosophierten vor uns hin. Die Unendlichkeit war ein h\u00e4ufiges Thema, ebenso wie die Frage nach dem Sinn und einem anderen Leben. Nicht nur auf der Erde, sondern auch im Universum. F\u00fcr uns war v\u00f6llig klar, dass es andere Existenzen auf anderen Planeten \u2013 irgendwo da drau\u00dfen in der unendlichen Weite \u2013 gibt.<\/p>\n<p>Wir beschlossen, uns auf die Ankunft der UFOs vorzubereiten. Es konnte ja nur mehr eine Frage der Zeit sein. Ich trug \u2013 sicher zwei Jahre lange \u2013 immer einen Zettel in der Hosentasche, den ich fallen lassen wollte, wenn es soweit war. Auf dem stand, dass der Finder des Zettels diesen bitte meinem Freund \u00fcberbringen sollte. Neben der Adresse meines Freundes stand die Zahl 23. Damit w\u00e4re f\u00fcr ihn klar gewesen, dass ich von einem UFO entf\u00fchrt worden war.<\/p>\n<p>Nachdem aber nichts passierte, obwohl wir uns allerhand einredeten, als wir da so in den Nachthimmel blickten, lie\u00df unser Elan nach und wieder wurden andere Dinge wichtiger. Irgendwann hatte ich einfach keinen Zettel mehr eingesteckt.<\/p>\n<p>23 blieb zwar noch einige Zeit erhalten, aber verblasste \u2013 obwohl ich allerlei Konnexe herzustellen versuchte. So wollte ich eine zeitlang unbedingt eine 23j\u00e4hrige Freundin finden. Ich war so beseelt von der Idee, dass ich schlie\u00dflich mit der \u00e4lteren Schwester einer Schulkollegin im Schwimmbad beim Flaschendrehen rumschmusen und ein bisserl grapschen durfte. Sie war immerhin schon 19, aber dennoch von 23 weit entfernt.<\/p>\n<p>Eines Nachts sa\u00dfen wir zusammen und berechneten, wie viel wir bisher in unserem noch kurzen Leben schon gegessen und getrunken hatten und stellten die einzelnen Bestandteile in den verschiedenen R\u00e4umen imagin\u00e4r zusammen: Also 12 Schweine standen im Schlafzimmer der Eltern. 10 K\u00fche und 140 H\u00fchner wurden ins Wohnzimmer verfrachtet, die 4.000 Liter Milch haben wir in der Abstellkammer untergebracht und mit dem Wein und dem Bier f\u00fcllten wir den Toilettenraum.<\/p>\n<p>5 vor 12<br \/>\nIch hatte ein eigenes, abgetrenntes Zimmer im Haus, in dem meine Eltern wohnten, bekommen, und ich war mittlerweile politisiert. Die aufkeimende Friedensbewegung, die \u00d6kobewegung, die Anti-AKW-Bewegung, all das ber\u00fchrte mein noch junges Leben. Gespannt sa\u00dfen wir eines Abends vor dem Radio und h\u00f6rten eine Dokumentation \u00fcber den kommunistischen Widerstandsk\u00e4mpfer Richard Zach, der in Graz lebte und einen Unfall vort\u00e4uschte, um vor der Wehrmacht zu desertieren. Er wurde sp\u00e4ter verhaftet und 1943 in Berlin hingerichtet. W\u00e4hrend seiner Zeit in Haft schrieb er Gedichte, die seine Freundin herausschmuggelte und die erhalten geblieben sind. Die Schilderung, wie er sich selbst das Schienbein brach, schockierte mich.<\/p>\n<p>Anstatt f\u00fcr Pr\u00fcfungen zu lernen, diskutierten wir Liedertexte, h\u00f6rten Platten wieder und wieder und lasen Gedichte und versuchten uns selbst daran. Wir schafften einige Lesungen in Ateliers und Jugendzentren. Wir malten uns unser Leben aus und tr\u00e4umten von der Zukunft. Dabei hatten wir zum Teil abstruse Vorstellungen. Zum Beispiel wollten wir etwas weiter drau\u00dfen im Stiftingtal einen verfallenen Bauernhof kaufen oder pachten und dort in einer Art Landkommune leben, uns selbst versorgen und aussteigen. Wir \u201everkopften Stadteier\u201c hatten ja nicht die geringste Ahnung davon, was das wirklich bedeutet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eine Idee, die ich aber endlich umsetzte, war die eines Lokals. Ich hatte das Gef\u00fchl, jetzt m\u00fcsse endlich mal was aus meinem Kopf, ins Leben hinaus und umgesetzt werden. Ich funktionierte kurzerhand mein Zimmer in ein Lokal um und nannte es 5 vor 12. Nat\u00fcrlich war es kein offizielles. K\u00fcrzlich habe ich beim Kramen in Schubladen, in denen ich altes Zeugs aufbewahre, noch eine Speisekarte gefunden, mit einem marmorierten Kartoneinband, von einem Freund sehr kunst- und liebevoll gestaltet. Neben Tee, Kaffee, Wasser, Wein und Bier gab es im 5 vor 12 auch Wurstbrote und verschiedene Arten von Toasts, mit denen ich mich im Bekanntenkreis sehr beliebt machte.<\/p>\n<p>Hauptattraktion und Publikumsmagnet war das sonnt\u00e4gliche H\u00f6ren der 5 vor 12 Hitparade, die mit Publikumsbeteiligung zustande kam. Die 5 vor 12-Besucher und mittlerweile auch einige Besucherinnen \u2013 mein Bekanntenkreis erweiterte sich langsam um weibliche Wesen \u2013 konnten f\u00fcr ihren Lieblingshit stimmen und am Sonntagnachmittag, ganz wie das echte Vorbild, nur viel besser nat\u00fcrlich, wurde dann die aktuelle Hitparade abgespielt. Ich bin mir sicher, dass ich heute noch irgendwo die Statistiken und Rankings mit Diagrammen der einzelnen Songs habe.<\/p>\n<p>Das 5 vor 12 bestand nur aus einem Zimmer, das etwa 12 Quadratmeter gro\u00df war und im Erdgeschoss lag. Aber an manchen Sonntagen waren schon an die 14-15 BesucherInnen da. Teilweise standen und sa\u00dfen sie einfach drau\u00dfen vor dem Fenster und tranken ihre Vanille-Darjeeling-Mischung vom Teehaus Heissenberger am Hauptplatz, die sehr beliebt war. Ich hatte mit dem 5 vor 12 den Puls meines Bekanntenkreises f\u00fcr eine bestimmte Zeit getroffen.<\/p>\n<p>Als dann immer mehr Aff\u00e4ren und Beziehungen das Publikum des 5 vor 12 ersch\u00fctterten, der gemeinsame Treffpunkt nicht mehr so erstrebenswert war \u2013 \u201edu, wenn der da ist, komme ich nicht vorbei\u201c \u2013\u00a0 und ich als Wirt immer mehr Dreh- und Angelpunkt all der Gespr\u00e4che wurde und vor lauter \u201eBeziehungskisten\u201c, die zu regeln, diskutieren und analysieren waren, selbst mit meinen Liebesk\u00fcmmereien auf der Strecke blieb, ging das 5 vor 12 langsam, aber sicher den Bach hinunter. Dem Niedergang in Unw\u00fcrden kam ich durch regul\u00e4re Aufl\u00f6sung und w\u00fcrdevolles Zusperren zuvor. Immerhin hatte ich mein Zimmer wieder f\u00fcr mich und schlief nicht mehr im \u201eLokal\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Nachwort: 2011<\/strong><br \/>\nHeute spielen Zahlen praktisch keine Rolle mehr in meinem Leben. Man wird ja rationaler und wei\u00df um die absurden Mystifikationen, die man selber vorantreibt, besser Bescheid. Nach 23 Jahren Arbeit mit und in einer Organisation schied ich am 30. 10. 2010 aus. Obwohl es f\u00fcr uns nur ein formeller Akt war und wir dem keine emotionale Bedeutung zuma\u00dfen, heiratete ich meine Lebensgef\u00e4hrtin zuf\u00e4llig am 8. 9. 2010 nach 21 Jahren Beziehung. H\u00e4tte nur gefehlt, dass wir um 11 Uhr den Termin bekommen h\u00e4tten, aber so hatten wir 12 Uhr gew\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schreibkraft 22 unter dem Titel : &#8222;Zahlen bitte&#8220; ist Ende Feburar 2012 erschienen, mit einem Beitrag von mir unter dem Titel &#8222;Stiftingtalstrasse 163&#8222;. 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