{"id":115,"date":"2012-01-26T11:15:31","date_gmt":"2012-01-26T11:15:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=115"},"modified":"2021-02-09T10:02:40","modified_gmt":"2021-02-09T10:02:40","slug":"fehlende-dolmetschdienste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/fehlende-dolmetschdienste\/","title":{"rendered":"Fehlende Dolmetschdienste"},"content":{"rendered":"<p><strong>Willkommen in der Migrationsgesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>In der Standard Ausgabe vom Donnerstag, den 26. J\u00e4nner 2012 beschreibt Julia Hernb\u00f6ck in ihrem Beitrag unter dem Titel \u201eDiagnose: Allgemeine Sprachverwirrung.\u201c die Zust\u00e4nde am Wiener AKH, das noch immer keinen professionellen Dolmetschdienst f\u00fchrt. Man scheint geneigt zu sagen: \u201eUnd ewig gr\u00fcsst das Murmeltier. <\/strong><\/p>\n<p>Obwohl derartige Probleme seit Jahrzehnten bereits bekannt sind, in zahlreichen Untersuchungen und Studien<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> erhoben worden ist und Antworten und L\u00f6sungen vorliegen, muss man als externer Bobachter konstatieren; es hat sich nahezu nichts ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Mit steigender Zuwanderung und immer heterogener werdender Gesellschaft ist das Gesundheitssystem seit Jahrzehnten damit konfrontiert, dass Menschen mit nicht deutscher Muttersprache und Migrationshintergrund Teil der Patientinnenschaft geworden sind. Ein wesentlicher Aspekt bei der \u00c4rztinnen<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>-Patientinnenbeziehung ist die Kommunikation, der Austausch der Beschwerden, der Diagnose, der Untersuchung und der Behandlung.<\/p>\n<p>Dabei ist hinl\u00e4nglich bekannt, dass das Verh\u00e4ltnis auf Vertrauen basiert. Die Patientin muss der \u00c4rztin vertrauen, dass sie richtig behandelt und umgekehrt muss sich die \u00c4rztin auf die Aussagen und Beschreibungen der Patientin verlassen k\u00f6nnen, diese richtig interpretieren und einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Nicht zuletzt ist es entscheidend, dass die Patientin am Heilungsprozess mitwirkt (Befolgen der Anweisungen). Dieses Verh\u00e4ltnis ist nicht immer leicht und wird in den modernen, \u00f6konomisierten Gro\u00dfsystemen standardisiert, zeitlich begrenzt und auf Symptombehandlung fokusiert. Schon f\u00fcr \u00d6sterreicherinnen, deren Muttersprache Deutsch ist, stellt sich der Gang zur \u00c4rztin nicht immer leicht dar. Zahlrreich sind die Beschwerden und Berichte \u00fcber nicht zufriedenstellende Krankenhaus- und \u00c4rztinnenbesuche, weil kaum Zeit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch bestanden hat, wenig bis gar nicht mit einem gesprochen wurde, bei Nachfragen die Ungeduld und \u00c4rger sp\u00fcrbar und in unverst\u00e4ndlichem Fachvokabular daher geredet wurde?<\/p>\n<p><strong>Migrant*innen im System diskriminiert<\/strong><\/p>\n<p>In der Gesundheitsdebatte stellt vor allem auch die Position der Patientin ein wichtiges Thema dar; denn nicht umsonst wird vieler Orts kritisiert, dass nicht mehr der Mensch als ganzes, sondern nur mehr die Diagnose oder das Organ (die Nierensteine auf Zimmer 5) im Zentrum steht. Es g\u00e4be hier also eine Reihe von Problemfeldern im Bereich der kurativen Medizin zu besprechen, die gar nicht nur oder allein die Zielgruppe Menschen mit Migrationshintergrund betrifft sondern eigentlich uns alle.<\/p>\n<p>F\u00fcr Migrantinnen ist der Gesundheitsbereich zus\u00e4tzlich sensibel und problematisch, weil er nicht nur mit strukturellen Barrieren und informellen Hindernissen gespickt, sondern auch mit Informationsmangel, Unkenntnissen und Halbwissen vollgef\u00fcllt ist. Durch Internet und zahlreiche private Anbieter ponteziert sich das Angebot und die F\u00fclle an Informationen noch weiter.<\/p>\n<p>Wer im Ausland einmal die Hilfe des jeweiligen Gesundheitssystems beanspruchte und sich nicht verst\u00e4ndigen, sich nicht auskannte und auf das Wohlwollen und die Hilfe Anderer angewiesen war, wei\u00df, wie wichtig es ist, wenn man krank ist, Schmerzen und Angst hat, dass jemand da ist, der mit einem spricht, etwas erkl\u00e4rt und den Lauf der Dinge organisiert (Wartezeiten erkl\u00e4ren, Untersuchungen, Befunde).<\/p>\n<p>Funktioniert dieses beschriebene Verh\u00e4ltnis nicht oder ungen\u00fcgend, entstehen zahlreiche Probleme, wie etwa unn\u00f6tige Konsultationen, Fehldiagnosen, Falsch- und Mehrfachbehandlungen, Behandlungsabbr\u00fcche und Vielfachmedikamentation; abgesehen vom unmittelbaren Stress, der bei Konflikten und Auseinandersetzungen entsteht und diese durch fehlende Verst\u00e4ndigung und Systemunkenntnisse noch befeuert werden: Hinzu kommt, dass diese auch gerne generalisiert und rassistisch konnotiert werden (\u201eDie Ausl\u00e4nder sind&#8230;, die T\u00fcrken k\u00f6nnen nicht&#8230;\u201c).<\/p>\n<p><strong>Systematisch System ignoriert<\/strong><\/p>\n<p>Im Wiener AKH stehen laut \u201eDer Standard\u201c Bericht lediglich zwei Dolmetscherinnen in der Gyn\u00e4kologie zur Verf\u00fcgung, um Patientinnen, die nicht ausreichend Deutsch k\u00f6nnen und eine Sprachmittlerin bei der Untersuchung und Behandlung brauchen, ad\u00e4quat zu betreuen.<\/p>\n<p>Stellt sich die dringliche Frage, wie behilft sich das restliche Haus \u2013 etwa die Ambulanzen, die generell st\u00e4rker von Migrantinnen frequentiert werden (aber das ist ein anders interessantes Thema) mit Patientinnen, mit denen man sich nicht oder nur schwer verst\u00e4ndigen kann?<\/p>\n<p>Einen Teil der Antwort liefert der Artikel. Das professionelle Team muss den Alltag mit prek\u00e4ren Hilfsinstrumentarien bew\u00e4ltigen. Das ist nicht nur am Wr. AKH \u00fcblich, sondern die Zust\u00e4nde kennen wir in fast allen gr\u00f6\u00dferen Kliniken und Spit\u00e4lern. Es werden Reinigungskr\u00e4fte, die vorwiegend aus den Hauptursprungsl\u00e4ndern der Patientinnen stammen, zur Untersuchung hinzugezogen. Es kommt auch vor, dass andere Patientinnen, Verwandte, die mit gekommen sind und sogar Kinder und Jugendliche hinzu gezogen werden. Und dann kommt es nicht selten vor, dass der halbw\u00fcchsige Jugendliche die Unterleibsbeschwerden der Mutter \u00fcbersetzen muss oder eben wie im Artikel von Herrnb\u00f6ck ein sechsj\u00e4hriger der einzige zur Verf\u00fcgung stehende \u201eSprachkundige\u201c ist.<\/p>\n<p>Wenngleich das Heranziehen von unkundigem Hilfspersonal mittlerweile in vielen Spit\u00e4lern untersagt ist, deuten die praktischen Beispiele und Hinweise quer durchs Land darauf hin, dasss sich am System nichts ge\u00e4ndert hat. Wie auch, von Seiten der Leitung und F\u00fchrung der Spitalsbetreiber wurden und werden die Probleme bisher nie wirklich systematisch und struktuiert angegangen, wie zahlreiche MitarbeiterInnen in den verschiedensten Spit\u00e4lern best\u00e4tigen. Aktiv werden sie nur dann, wenn durch dramatische Behandlungsfehler, \u00a0juristische Klagen, Geldstrafen und Verurteilungen und damit verbundene negative Presse im Raum stehen.<\/p>\n<p><strong>Die Dimension nach wie vor untersch\u00e4tzt<\/strong><\/p>\n<p>Welche gesundheitspolitischen aber auch \u00f6konomischen Dimensionen \u2013 das ja eines der mittlerweile schlagendesten Argumenteketten im Gesundheitsbereich darstellt \u2013 \u00a0zeigt sich an den Zahlen, die Eichbauer im Jahre 2004 mit steigender Tendenz erhoben hat.\u00a0 Eichbauer sprach von 40% MigrantInnenanteil im Einzugsgebiet des Hanusch Spitals und 50% Migrantinnenanteil in der gyn\u00e4kologischen Abteilung. Im Artikel des Jahres 2012 werden etwa die H\u00e4lfte der Ambulanzpatientinnen genannt, die das Thema Dolmetschen betrifft.<\/p>\n<p>Und noch eine Zahl ist bemerkenswert, die den Trend der letzten Jahre best\u00e4tigt. \u201e70% unserer Arbeit verpufft\u201c glaubt der Notfallarzt Peter, der im Standard Artikel interviewt worden ist. Das mag zwar eine subjektive Wahrnehmung sein und vielleicht auch etwas \u00fcbertrieben erscheinen, um die Dramatik der Situation zu betonen, sie deckt sich aber von der Tendenz her mit den Zahlen anderer Studien, die eine \u00e4hnliche hohe Quote der Ineffizienz (Fehldiagnosen, Verlegenheitsmedikamentation, Dreht\u00fcreffekte u.v.m.) konstatieren.<\/p>\n<p>Alles in allem weist der Artikel \u00a0jedoch recht deutlich darufhin, dass die Rufe von Wissenschaft, Fachleuten und NGOs im wesentlichen ignoriert wurden. Das \u00f6sterreichische Gesundheitssystem (und nicht nur das) hat es trotz des bereits bestehenden Wissen bisher verabs\u00e4umt, sich auf eine heterogene und vielsprachliche Gesellschaft inhaltlich, fachlich und strukturell-organisatorisch einzustellen.<\/p>\n<p>Einzelne Imagekampagnen oder Weiterbildungsaktiv\u00e4ten f\u00fcr Mitarbeiterinnen reichen dazu nicht aus. Im Gegenteil, man tut damit so, als w\u00e4re alles in Ordnung und wenn es Probleme gibt, dann sei das der mangelnden Komeptenz der Mitarbeiterinnen zu zu schreiben. Damit wird verschleiert, dass grunds\u00e4tzliche, inhaltliche, systemische Fragestellungen nicht und nicht gel\u00f6st werden. Nicht nur, dass man ideologisch stur, \u00d6sterreich wider besseres Wissen &#8211; als deutschsprechende, homgene Nation begreifen m\u00f6chte &#8211; man unterwirft das \u00f6ffentliche Gesundheitssystem einem \u00f6konomisch-betriebswirtschaftlichen Diktat, bei dem alle B\u00fcrgerinnen draufzahlen.<\/p>\n<p>Ein professionelles, funktionierendes Arbeitsumfeld f\u00fcr Mitarbeiterinnen im Spitalsalltag heisst, dass &#8211; so wie ein R\u00f6ntgenger\u00e4t und ein Labor zur Ausstattung geh\u00f6rt &#8211; \u00a0auch eine Verst\u00e4ndigungsstruktur, die es erm\u00f6glicht mit den Patienten ad\u00e4quat zu kommunizieren, ben\u00f6tigt wird. Dazu braucht man professionelle Kr\u00e4fte, die zum Dolmetschen im Gesundheitsbereich ausgebildet worden sind und die in geordneten Strukturen ihren qualitativ hochkomplexen Job verrichten k\u00f6nnen. Alles andere w\u00e4re und ist fahrl\u00e4ssig. Denn, es ist f\u00fcr gut ausgebildetes Personal ebenso unertr\u00e4glich wie f\u00fcr Patientinnen unter solchen Bedingungen arbeiten und behandelt werden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Unter anderem hat Dr. Hans Eichbauer im Jahre 2003 am Wr. Hanusch Krankenhaus eine Untersuchung unter dem Titel \u201eGelebte Integration im Krankenhaus\u201c durchgef\u00fchrt; Dr. Sonja P\u00f6llabauer an der Universit\u00e4t Graz, Inst. f\u00fcr Translationswissenschaften hat im Rahmen der Studie \u201eCommunitiy Interpreting &#8211; Kommunikationsqualit\u00e4t im Sozial- und Gesundheitswesen\u201c zur beh\u00f6rdlichen Dolmetschleistungen geforscht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Zur besseren und einfacheren Lesbarkeit habe ich die weiblichen Formen gew\u00e4hlt. M\u00e4nner sind selbstverst\u00e4ndlich mit gemeint.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willkommen in der Migrationsgesellschaft In der Standard Ausgabe vom Donnerstag, den 26. J\u00e4nner 2012 beschreibt Julia Hernb\u00f6ck in ihrem Beitrag unter dem Titel \u201eDiagnose: Allgemeine Sprachverwirrung.\u201c die Zust\u00e4nde am Wiener AKH, das noch immer keinen professionellen Dolmetschdienst f\u00fchrt. Man scheint geneigt zu sagen: \u201eUnd ewig gr\u00fcsst das Murmeltier. 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