{"id":111,"date":"2012-01-19T09:58:39","date_gmt":"2012-01-19T09:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gulis.at\/schreiben\/?p=111"},"modified":"2021-02-09T10:05:24","modified_gmt":"2021-02-09T10:05:24","slug":"das-kreuz-mit-der-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gulis.at\/schreiben\/das-kreuz-mit-der-kultur\/","title":{"rendered":"Das Kreuz mit der Kultur"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Der Beitrag &#8222;Kreuz mit der Kultur&#8220; wurde am 15. September 2011 auf der online &#8211; Plattform diversitywiki.net ver\u00f6ffentlicht, der aber mittlerweile nicht mehr verf\u00fcgbar ist.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Langsam l\u00e4sst die Aufregung um Thilo Sarrazins krude Aussagen nach und auch Samuel Huntingtons \u201eKampf der Kulturen\u201c verschwindet aus den Schlagzeilen der weltweiten \u00d6ffentlichkeit. Doch was bleibt, ist ein mulmiges Gef\u00fchl; die Geschichte mit den \u201eKulturen\u201c ist nicht ausgestanden. Abseits der aktuellen Debatte lohnt es sich, ein paar Gedanken zu den Hintergr\u00fcnden zu verschwenden.<\/strong><\/p>\n<p>Angela Merkel verk\u00fcndete im September 2010, dass \u201eMutikulti gescheitert sei\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> , dies ist bemerkenswert. Die Debatte war weg von Sarrazin zu einer deutschen \u201eIntegrationsdebatte\u201c geworden. Bayern Ministerpr\u00e4sident Horst Seehofer<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> sprach ebenso wie Friedrich Merz (FDP) wie selbstverst\u00e4ndlich von einer \u201edeutscher Leitkultur\u201c. Interessant daran ist die Frage, auf welcher Basis wird denn hier von SpitzenpolitikerInnen diskutiert. Was soll den das eigentlich hei\u00dfen, \u201edeutsche Leitkultur\u201c? Und welcher Kulturbegriff steht denn hier Pate?<\/p>\n<h5>Wo ist denn das Multikulti?<\/h5>\n<p>Merkel verwendet \u201eMultikulti\u201c in dieser Debatte im Sinne einer sehr pauschalen Be- wenn nicht Abwertung. Betrachtet man die Aussagen zu dem Thema ausf\u00fchrlicher, wird klar, sie meint nicht eine Beschreibung der Menschen, die in Deutschland leben, sondern ein System, ein Konzept, eine politischen Programmatik und dann m\u00fcsste man sich eigentlich die Frage stellen, was und wo ist denn das \u201eMultikulti\u201c, welche gesellschaftliche Beschreibungen, welche Zust\u00e4nde meint sie denn damit? Wer sind denn die Organe, die Multikulti umsetzen und wo ist denn Multikulti verankert, gesetzlich festgeschrieben, politisch angesiedelt? Und wenn man diese Fragen kl\u00e4ren k\u00f6nnte \u2013 woran ich zweifle, dass es m\u00f6glich w\u00e4re \u2013woran erkennt man dann im Gegenzug, das Multikulti tot ist? Gibt es einen Beschlu\u00df, wurde das Gesetz aufgehoben, hat sich die Kammer f\u00fcr multikulturelle Aufgaben aufgel\u00f6st?<\/p>\n<p>Vielleicht \u00fcbertreibe ich, mag sein, aber so wie dieser Begriff in vielen \u00f6ffentlichen Statements verwendet wird, hat es den Anschein, als w\u00e4re es zu einer Staatsdoktrin erkoren worden und seit dem \u201eFall der Mauer\u201c in Umsetzung. Multikulti ist ein Phantasma, ein Gespinst, das \u2013 zumindest in Deutschland definitiv nie existierte. Wohl gemerkt, wir und die Bundeskanzlerin reden nicht vom demografischen Zustand der Gesellschaft, sondern von einem politischen-ideologischen Konzept. Das ist die Gesellschaften multikultureller \u2013 sprich vielf\u00e4ltiger geworden sind, kann man als Faktum nehmen.<\/p>\n<p>Wer solche pauschalen, inhaltsleeren Containerbegriffe verwendet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, entweder bewusst in die populistische Trickkiste zu greifen, oder v\u00f6llig ahnungslos angesichts der politischen und sozialen Zust\u00e4nde zu sein. Und wir reden hier immerhin von der deutschen Bundeskanzlerin, die oft genug \u2013 in anderen Zusammenh\u00e4ngen \u2013 davon spricht, dass Politik jenes Gesch\u00e4ft ist, das etwas ver\u00e4ndern m\u00f6chte, das Gesellschaft (Res Publica) steuern, zu regieren und zu f\u00fchren hat.<\/p>\n<p>Die Kreation des negativen \u201eMultikulti\u201c Synonym entstammt den deutsch-nationalen, rechtsextremen Ecken<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> ; wurde dort zu dem negativen \u2013 f\u00fcr diese Geisteshaltung typischen \u2013 alles erkl\u00e4renden Schreckensbild von einer sich ver\u00e4ndernden Gesellschaft entwickelt. Ein Begriff, der das \u00dcbel verk\u00f6rpert, gegen den man auf alle F\u00e4lle sein muss. Diese Diskursschleifen, die hier immer wieder Verwendung finden, gehen von Pseudofakten aus und verwenden einen mittlerweile unhaltbaren Kulturbegriff. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass sich die Argumente auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft nicht abgeschliffen und verw\u00e4ssert h\u00e4tten und es hei\u00dft schon gar nicht, dass Merkel rechtsextrem sei; aber anhand dieser kleinen, fast beil\u00e4ufigen Aussage der Kanzlerin, wird deutlich, wie leicht fragw\u00fcrdige, politisch gef\u00e4hrliche und wissenschaftlich mehr als unseri\u00f6se Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden.<\/p>\n<p>Zu den Fakten: Weder \u00d6sterreich noch Deutschland haben jemals in ihrer Nachkriegsgeschichte ein multikulturelles Zuwanderungs- oder Einwanderungsprogramm verfolgt, geschweige denn jemals formuliert. Insoferne hat Merkel nat\u00fcrlich recht \u201eMultikulti ist tot, weil es in Deutschland (und auch in \u00d6sterreich) gar nie gelebt hat.\u201c<\/p>\n<h5>Partikularismus und Multikulturell<\/h5>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es \u201eMultikulturalismus\u201c, als ein Konzept, das davon ausgeht, dass jeder Mensch ganz gleich, wo er wohnt und lebt \u2013 ein Bed\u00fcrfnis danach hat, sich in \u201eseiner Kultur und Ethnie (Gruppe)\u201c wieder zu finden und dort repr\u00e4sentiert zu werden. Der kanadische Philosoph Charles Taylor (1997) formulierte ein kommunitaristisches-multikulturelles Konzept\u00a0 f\u00fcr Kanada<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>, ankn\u00fcpfend an Kallans<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> These aus den 1920ern von einem \u201eCommonwealth of national cultures\u201c. Daraus ergibt sich, dass der Staat f\u00fcr\u00a0 Freiheit und Pluralit\u00e4t zu sorgen hat und ein friedliches Koexistieren der verschiedenen Ethnien (sprachlich, religi\u00f6s, kulturell) zu sichern habe. Dieses \u201eMulti-Kulti\u201c Staatskonzept ist in klassischen Einwanderungsl\u00e4nder mal mehr, mal weniger konsistenter Teil der Staatsideologie\/-doktrin geworden, pr\u00e4gt aber deren Identit\u00e4t und Politik (Kanada, USA, Gro\u00dfbritannien&#8230;). Diese multikulturelle Idee wird in Europa gerne als positives Beispiel und\/oder Konzept f\u00fcr eine \u201emoderne Einwanderungsgesellschaft\u201c herangezogen; muss jedoch einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Die Praxis ist weit weniger bunt und fr\u00f6hlich, wie man es dem multikulturellen Flair gerne unterstellt; birgt es doch Fallstricke und hat erhebliche Schattenseiten.<\/p>\n<p>Insbesondere die sogenannten UniversalistInnen gehen mit diesem Konzept scharf ins Gericht. Kritisiert wird daran vor allem, dass es sich lediglich um ein \u201eKonstrukt von Kultur\u201c handle, das eben ethnisch, religi\u00f6s, sprachlich oder nach Reisepass konstituiert wird und sich auf spekulative und daher bedenkliche Annahmen (was gemeinsam ist und was nicht) beruft.<\/p>\n<p>Das Arrangement, das auf der t\u00e4glichen, politischen Ebene getroffen wird, hei\u00dft Toleranz gegen\u00fcber verschiedensten Erscheinungsformen in all den verschiedenen Facetten und die ist ja bekanntlich eine Haltung, die auch schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Eine Konsequenz des Multikulturalismus ist, dass automatisch das Leben unter seinesgleichen, seiner Ethnie, seiner Religion angenommen wird und diese den Einzelnen auch aufnimmt. Auch wenn man dies nicht wollte, muss man sich zu einer Nation, zu einer Ethnie, zu einer Sprache bekennen, um in den Genuss von Repr\u00e4sentation und Anerkennung, nicht selten sogar F\u00f6rderungen zu kommen.<\/p>\n<p>Das hat nicht nur eindeutige positive Aspekte bei der \u201eIntegration in die neue Heimat\u201c, es f\u00f6rdert auch den Gruppendruck und kann (muss nicht)\u00a0 zu den viel gescholtenen Parallelgesellschaften f\u00fchren. Das f\u00fchrt auch dazu, dass die Gemeinsamkeiten der in einem Staat lebenden Gruppen recht schmal werden k\u00f6nnen und dann bleibt nur eine d\u00fcnne Schicht von Koexistenz und Toleranz des Nebeneinander Lebens. Wenn etwa die Trennung von Kirche und Staat, universelle Grund- und Menschenrechte aufgrund von (pseudo-) \u201ekulturellen Rechten\u201c \u2013 die oft mit Tradition argumentiert werden \u2013 in Frage gestellt werden oder das demokratische System unter dem g\u00f6ttlichen Recht angesiedelt wird. Konsequenterweise hat Gro\u00dfbritannien in einigen Teilbereichen ihrer Rechtsprechung (Familien- und Scheidungsrechte) Teile der islamischen Shariarechtssprechung zugelassen; das k\u00f6nnte man als konsequenten Partikularismus bzw. gelebte multikulturelle Doktrin verstehen.<\/p>\n<p>Die Praxis des Multikulturalismus (Als Staatsidentit\u00e4t mit verbrieften Gesetzen und Beschl\u00fcssen) und die Betonung der (\u201ekulturellen\u201c) Differenz f\u00fchrt mitunter zu einem neorassistischen Biologismus, in dem nur der Begriff Rasse nicht verwendet wird, sondern durch Kultur und\/oder Ethnie (Gruppe) oder Nationalit\u00e4t ersetzt wird.<\/p>\n<p>\u201eSie werden zwar zu britischen Staatsb\u00fcrgerInnen, bleiben aber dennoch immer nur Pakistanis\u201c. Was im urspr\u00fcnglichen Sinne vermieden werden sollte; Aus- und Abgrenzung, Schutz vor religi\u00f6sem Fundamentalismus, Rassismus und Nationalismus \u2013 ohne dass dies zumindest von den VerfechterInnen des Multikulturalismus jemals gewollt wurde \u2013 f\u00fchrt zu einer Verfestigung der Gegens\u00e4tze und Unterschiede.<\/p>\n<h5>Universalismus und Transkulturalit\u00e4t<\/h5>\n<p>Die UniversalistInnen oder wie die Autoren Kordes\/Demorgon<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0 in einem Artikel sie auch als \u201eTranskulturalistInnen\u201c bezeichneten, betonen hingegen das Individuum und nicht die Gruppe\/Gemeinschaft. Sie erheben den Anspruch auf universelle und allgemein g\u00fcltige Regeln und Verfahren, die \u00fcberall und f\u00fcr jede\/r Mann\/Frau \u00fcberall auf der Welt gelten sollten. Sie stellen das Individuum als Teil der gesamten Menschheit (Weltgesellschaft\/-system) ins Zentrum ihrer \u00dcberlegungen. In einer stufen\u00e4hnlichen Entwicklung von der \u201eToleranz \u00fcber die Relativierung bis zur Solidarit\u00e4t\u201c wie Demorgon und Kordes das skizzieren, gelangen die Staaten, die Menschheit zu einem \u201ezivilisierten\u201c Status. Die Staatsb\u00fcrgerschaft und die Teilhabe am Staatsganzen sind die wichtigsten und ersten Schritte (z.b. Frankreich). Am ehesten laizistische und an das transkulturelle Gedankengeb\u00e4ude angelehnte Staaten k\u00f6nnte man Frankreich, Mexiko und die T\u00fcrkei ausmachen, jedoch ist die Aufz\u00e4hlung mit Vorsicht und Abstrichen zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch ebenso wie die multikulturelle Praxis zu kulturellem Neorassismus f\u00fchrt, ist auch die Praxis der UniversalistInnen nicht frei von praktischen Widerspr\u00fcchen und Problemfeldern. Die Gefahr ist n\u00e4mlich, das ganz in der Hegelschen und Kantschen Tradition der europ\u00e4ischen Philosophie und Aufkl\u00e4rung denkend, dass an ein Weltensystem geglaubt wird und damit die Idee des Fortschritts der Menschheit, die den Aufstieg zur Zivilisation und die Befreiung von der Unwissenheit und der Barbarei in sich tr\u00e4gt und bef\u00fcrwortet.<\/p>\n<p>Ein von der Aufkl\u00e4rung getragenes Weltkonzept kann sich \u2013 konsequent gedacht und durchgef\u00fchrt \u2013 in eine hegemoniale Macht (in Form von Missionierung, Imperialismus, Kolonialismus und Rassismus) verwandeln. Die Ergebnisse sind, im Ursprung ebenso wenig gewollt: Ausgrenzung, Rassismus und eine kulturalistische Diskussion, die das Fremde (das Mindere), das Andere (das zu zivilisierende) und Feindliche konstruieren und abgrenzt (\u201edie Unzivilisierte, die nicht auf gleicher Stufe mit uns sind\u201c), ob mit oder ohne Reisepass ausgestattet, ist im Ergebnis f\u00fcr den politischen Diskurs dann nebens\u00e4chlich<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>.<\/p>\n<h5>Das chemische Element: Kultur.<\/h5>\n<p>Wir werden also nicht umhin kommen, dass auch im \u00f6ffentlichen und politischen Mainstream \u00fcber den Begriff \u201eKultur\u201c eine differenziertere \u2013 eine interkulturelle und kritisch-reflexive \u2013 Auseinandersetzung gef\u00fchrt wird. Wir brauchen eine gro\u00dfe Revision der \u00f6ffentlich-politischen Annahmen \u00fcber die Grundlagen, wie Politik und Medien den Begriff verwenden. Denn es schwingt ein fragw\u00fcrdiger, mit den Stand der Wissenschaft und den Erkenntnissen aus Soziologie, Sozialanthropologie und Psychologie, nicht mehr vereinbarer Kulturbegriff mit. Solange das m\u00e4chtig bleibt, hilft es nichts, wenn in Fachkreisen der Kopf dar\u00fcber gesch\u00fcttelt wird \u2013 \u201ewie Kultur hier missbraucht wird\u201c.<\/p>\n<p>\u201eKultur sei etwas absolutes, homogenes, starres, dass unver\u00e4nderlich ein Mensch gleichsam einem Rucksack mit sich trage\u201c. In Wahrheit wissen wir, dass dieses Bild falsch ist, dass es nicht so ist und selbst dort, wo wir glauben, dass dies etwas typisches sei, wissen wir, dass es konstruiert, archiviert, verkaufbar gemacht wurde und wird. Wer h\u00f6rt in \u00d6sterreich schon die ganze Zeit Walzer und geht dauernd in die Operette; wer isst schon st\u00e4ndig Wiener Schnitzel und Mehlspeisen? Wir erfahren es selbst, dass all diese simplen Klischees und das Starre auf uns selbst nicht zutreffen, wenn wir etwa bei einem Auslandsaufenthalt \u00a0mit \u201eSound of Music\u201c, Mozart Kugeln und Arnold Schwarzenegger assoziiert werden.<\/p>\n<p>Weil Kultur immer aus vielen verschiedenen (Sub-)Kulturen bestanden hat und selbst diese \u201eSubkulturen\u201c st\u00e4ndigen Wandel und Beeinflussungen ausgesetzt waren, wissen wir auch, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das durch den Kontakt mit anderen lernt und dem was es erstmals als fremd ansieht, reserviert bis feindlich gegen\u00fcbersteht bis es dem Neuen, dem Fremden eine Bedeutung, einen Sinn<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a> geben kann. In Wirklichkeit hat es Kultur nie gegeben sondern immer nur dessen Konstruktion und Vorstellung\/Sinngebung. Diese Konstruktion m\u00fcssen wir, das bleibt uns nicht erspart, wollen wir uns nicht in sinnlose und zerst\u00f6rerische Konflikte hineinsteigern, dekonstruieren und nach alternativen Gemeinsamkeiten suchen.<\/p>\n<p>Was geschah, der Begriff wurde in eine Ordnung gebracht. Man hat ihn kategorisiert. Diese aufkl\u00e4rerische Wissenschaftstradition \u2013 so gro\u00dfartig, mit unumst\u00f6\u00dflichen Verdiensten ausgestattet sie auch sein mag \u2013 hat auch ihre dunklen Seiten und f\u00fchrt auch \u2013 wenn auch verschlungen \u2013 in die F\u00e4nge von Dominanz, von \u00dcberlegenheit und Unterordnung, Missionierung im Namen des Fortschritts, in Kolonialismus und Imperialismus.<\/p>\n<p>Um diesen Fallstricken in der Praxis zu entkommen, bedarf es eines multipolaren und vielschichten \u201eKulturenbegriffs\u201c der nicht in Anspruch nimmt, die Definitionshoheit \u00fcber den Begriff zu haben, sondern immer nur vorl\u00e4ufige und kurzzeitige Aussagen \u00fcber Erscheinungen, Ausdrucksformen und Entwicklungen geben kann und damit auch in Frage gestellt wird, ob eine \u201eKultur\u201c die richtigere und bessere\/h\u00f6here gegen\u00fcber einer anderen. Das hybride Konstrukt Kultur ist wie ein instabiles chemisches Element, das von einer Reihe von innerer und \u00e4u\u00dferer Faktoren abh\u00e4ngt, eine Zeitlang besteht, zerf\u00e4llt und an anderer Ecke wieder neue entsteht, neue Formen annimmt.<\/p>\n<p>Je schneller man PolitikerInnen und Medien auf die imagin\u00e4ren Finger klopft, wenn sie glauben, mit einem Kulturbegriff Politik machen zu k\u00f6nnen, desto besser und desto eher wird die Auseinandersetzung daraufhin gerichtet sein, was es in Zukunft hei\u00dfen kann und muss, wenn das Verschmelzen von Vielfalt in einem universellen Rahmen gelingen soll. Dieses \u201epolitisch sich einmischen\u201c bleibt weder Fachleuten, PraktikerInnen noch WissenschaftlerInnen erspart.<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p align=\"left\"><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> siehe dazu die mediale Wiedergabe der Merkel Aussagen: z.b.: http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,723532,00.html<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p align=\"left\"><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Horst Seehofer, 1949 geboren, ist CSU Spitzenpolitiker, war mehrmals in der Bundesregierung als Minister t\u00e4tig (1992 \u2013 1998 BM f\u00fcr Gesundheit und 2002 \u2013 2005 BM f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz), seit 2008 ist er bayrischer Ministerpr\u00e4sident.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p align=\"left\"><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> exemplarisch f\u00fcr dieses Szene und deren ideologische Ausrichtung sei die AFP \u2013 Aktionsgemeinschaft f\u00fcr demokratische Politik\u00a0 genannt, die Herausgeber der \u201eKommentare zum Zeitgeschehen\u201c sind.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Unter Kommunitarismus (von lat. communitas, Gemeinschaft) versteht man eine Weltanschauung, die die Verantwortung des Individuums gegen\u00fcber seiner Umgebung und die soziale Rolle der Familie betont.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Horace Kallan, deutsch-j\u00fcdischer Einwanderer in den USA, der sich gegen die Akkulturationswelle der 1920er wehrte und einem kulturellen Pluralismus einforderte und f\u00fcr deren Koexistenz pl\u00e4dierte.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Jacques Demorgon, Hagen Kordes, \u201eInterkulturelle denken und handeln\u201c, Kapitel I: Begriffskl\u00e4rungen. 1. Multikultur, Transkultur, Leitkultur, Interkultur, Seite 27 bis 36<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Die Behandlung von Konzepten und Ideen, die sich jenseits dieser beiden Pole (Multi-vs. Transkultur) etabliert haben und denen ein differenzierteren Kulturbegriff zugrunde liegt, w\u00fcrden den Rahmen des Artikels sprengen und wird in einem weiteren Beitrag zu beleuchten sein.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Im Sinne von Ulf Hannerz, geb. 1942 schwedischer Kulturanthropologe, der als f\u00fchrender Theoretiker der neueren Kulturanthropologie die Bedeutungs- und Sinngebung als zentrales Merkmal von Kulturalisierung beschreibt. Sein Hauptwerk: \u201eCultural Conmplexity\u201c (1992) und \u201eTransnational Connections\u201c (1996).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beitrag &#8222;Kreuz mit der Kultur&#8220; wurde am 15. 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