Serie: Allen was gemeinsam; Teil 1: Indische Verhältnisse

In unregelmäßigen Abständen erscheinen in der Serie „Allen was gemeinsam“ Episoden, Beiträge, Kommentare aus dem Alltagsleben. Wie der Titel schon sagt, haben sie etwas gemeinsam. Doch, wenn SAie es nicht gleich erraten, macht das nichts, es geht ja von Episode und Episode weiter! Also urteilen sie nicht zu schnell und voreilig. Viel Spass beim Lesen und Denken und die Auflösung gibt es so nach und nach.

Teil 1: Indische Verhältnisse?

Letztens in Graz, ich radle vom Bahnhof kommend die Keplerstraße hinunter zum Lendplatz. Dort wird mein Ritt durch die Ampel gestoppt. Ich stelle mich nahe der weißen Linien, die die Grenze zwischen Radfahrenden und Fußgehenden markiert, auf. Ich bin der Erste.

Während die Rotphase andauert, wird es um mich herum dicht. Links reihen sich vier Radfahrer auf. Dahinter entwickelt sich eine zweite Reihe, die sich zusammendrängen müssen, weil sie sonst die querenden Radfahrenden von Norden nach Süden blockieren würden.

Rechts von mir sammeln sich die Fußgänger – überwiegend SchülerInnen, Mütter mit Kinderwägen und kleinen Kindern an der Hand. Auf der anderen Seite der Kreuzung erblicke ich die gleiche Entwicklung. Dort ist der Platz knapper, als auf meiner Seite, da die Kreuzungsecke durch ein Haus räumlich beschränkt ist. Auch dort kreuzen die Fußgehenden und Radfahrenden Richtung Norden und Süden hinter den Wartenden. Ein dickes Knäuel steht uns gegenüber. Ich fühle mich an archaische Kriegsaufstellungen erinnert. Nur schlagen wir nicht auf die Schilde oder lassen die Motoren heulen.

Auf Grün geschaltet

Als die Ampel auf Grün schaltet, bewegen sich die beiden Pulks rasch aufeinander zu. Einige treten kräftig in die Pedale, um uns zu überholen. Doch das funktioniert nicht. Die Idee haben andere auch, sowohl neben ihnen, als auch von der anderen Seite kommend. Auch dort gibt es welche, die das Problem mit Tempo und Kraft lösen wollen. Und so rasen und hasten wir alle auf einander zu. Es entstehen brenzlige Situationen.

Gehsteigkanten werden bedrohlich knapp umfahren, der junge Pedalritter, was für ein treffender Ausdruck, der auf mich zukommt, weicht zweimal gleich aus, wie ich. Sie kennen das. Man weicht nach rechts aus, der tut einem gleich, man weicht nach links aus, er reagiert gleich. Man bremst, überlegt, ein neues Ausweichmanöver, macht dieses wieder rückgängig, bis er endgültig auf den Zebrastreifen ausweicht. Dort löst er eine Fußgeherreaktion aus. Ein anderer versucht dem Chaos zu entgehen, in dem er Richtung Fahrbahn ausschert. Doch das ist auch nicht ganz ungefährlich, denn da kommen ihm die Autos in die Quere.

Eine Entmutigte steigt ab und schiebt das Rad über die Kreuzung. Sie steigt erst wieder auf, als der Ansturm vorbei ist. Dann gibt es noch einige, die sich Zeit lassen. Nach dem Motto: Ich bin nicht langsamer, wenn ich hinten nach fahre. Die werden eines Besseren belehrt. Erstens stoßen von hinten ständig neue RadfahrerInnen nach, die die Grün-Phase auch noch mitnehmen wollen. Die fahren mit deutlich erhöhtem Tempo auf die sich drängenden auf. Und so lange dauert die Grünphase eben auch nicht. Schon beginnt es zu blinken. Also Zeit lassen und warten ist auch keine Lösung. Welche Strategie man auch immer anwendet, es geht sich hinten und vorne nur aus, wenn man Egoismus und eine gewisse Rücksichtslosigkeit an den Tag legt.

Als ich später von Rad absteige und absperre, hab ich die Bilder noch im Kopf und ich ertappe mich, dass ich mich ärgere. Über den rücksichtlosen Radfahrer, der das Problem mit Kraft und Schnelligkeit lösen wollte, über die ignoranten SchülerInnen, die Smartphone schauend und blödelnd am Zebrastreifen herumalbern und über die Frau die vor mir vom Rad abstieg und es rüber schob. Nicht nur, dass sie damit mich behinderte, sie brauchte mehr Platz als andere und gerade diesen hatten wir in der Situation am wenigsten.