Teil 8: Im Kampf an der Arbeitsfront

Burnout und was daran falsch läuft!

Petra[1] ist seit vielen Jahren mit vollem Einsatz dabei. Sie ist Mitarbeiterin einer Einrichtung im Sozialwesen. Nach der Matura hat sie die Fachhochschule für Soziale Arbeit besucht, ihren Bachelor gemacht, bald danach zu Arbeiten begonnen. Nach einigen Jahren Berufsleben hat sie sich entschlossen, neben der Arbeit ein Master Studium zu beginnen. Alle bescheinigten ihr, dass sie hervorragende Arbeit leistete, theoretisches Wissen mit ihrer praktischen Erfahrung verbunden hat, bestens vernetzt war. Petra hatte Freude an ihrem Beruf, war voll dabei. Wenn es einmal ein paar Stunden mehr wurden, um die Arbeit zu erledigen, wurden die von ihr nicht auf die Waagschale gelegt, sie machte das gerne.

In der Organisation vollzog sich seit Jahren schon ein Wechsel der Prioritäten. Unter dem Aspekt der Effizienz und der Qualitätssicherung waren nach und nach sogenannte Tools eingeführt worden, die die Organisation schlagkräftiger, effektiver und kostenbewusster machen sollten. Indikatoren und Parameter, Kreisläufe der Wirkungsorientierung und Bench Markings waren somit keine Fremdwörter mehr, sondern Arbeitsalltag. Nachweisbarkeit des Erfolgs der Organisation und diesen zu messen, wurde somit zur Priorität erhoben. Niemand hatte etwas dagegen, dass man nicht nur effektiv (was getan wird) sondern auch effizient (wie es getan wird) zu arbeiten hatte.

Von Jahr zu Jahr wurde deutlicher, dass an allen Ecken und Enden gespart wird. Effizientes Verwalten hieß auch einsparen. Die öffentlichen Fördergelder wurden weniger, die Anforderungen – sprich Kennzahlen, sprich KlientInnenzahlen, sprich Dauer der Beratung usw. – höher; gleichzeitig aber die Regelungen und Einschränkungen immer rigider, die Kontrolle immer genauer, die Bürokratie stieg. Und so begann die Organisation Mittel zu kürzen, wo es eben ging: Ressourcen, die früher selbstverständlich waren, standen nicht mehr zur Verfügung. Supervision wurde begrenzt. Weiterbildung konnte man nicht mehr so einfach in Anspruch nehmen. Personal wurde abgebaut bzw. durch junge Teilzeitkräfte ersetzt, vermehrt PraktikantInnen eingesetzt.

Das Denken wurde von der Ökonomie beherrscht – Budgets und Kostenstellen, Einsparungspotenziale und Fragen nach der Anspruchsberechtigung wurden laut. Die Angst ineffizient zu arbeiten oder gar Missbrauch zu zulassen, begann sich wie ein Virus in der Organisation zu verbreiten. Da passte das Innenleben der Organisation mit den allgemeinen Trends, draußen in der Welt zusammen. Da die Organisation unter anderem öffentliche Gelder erhielt, wurde der Effizienz- und Austeritätskurs der öffentlichen Hand (Stadt, Land und Bund) überall spürbar.

Petra machte unbeirrt weiter. Sie spürte, dass es anders wurde. Dass das Wohl der KlientInnen nicht mehr im Mittelpunkt stand. Es stieg der Aufwand der Dokumentation, ihr Anteil an Kontrolltätigkeiten wurde immer mehr. Sie musste sich für Ausgaben rechtfertigen, denn ihre Arbeitsaufgaben richteten sich nach den Aufträgen, die die Organisation für die öffentliche Hand übernahm. Sie wurde dort eingesetzt, wo man sie brauchte. Ob das ihr gefiel oder nicht, war dabei ohne Belang. Auch ihre Mehrleistungen wurden weder honoriert, noch geschätzt.

Als eine Leitungsstelle in der Organisation neu zu besetzen war, machte sie sich große Hoffnungen, diese zu bekommen, nicht umsonst hatte sie ja schließlich ein Studium absolviert. Doch daraus wurde nichts, ein Kollege, der vor drei Jahren kam, erhielt die Stelle. Das kränkte sie.

Hinweise, dass mit Petra etwas nicht mehr in Ordnung war, gab es in letzter Zeit einige. Sie wurden aber weder von ihr, noch von der Leitung ernst genommen. Sie banalisierte, wenn man sie darauf ansprach und spielte ihre Frustration herunter, ignorierte die Zeichen. Im Falle von Petra fruchteten schließlich rationale und beruhigende Anweisungen nicht mehr. Ihr Rad, in dem sie drinnen steckte, lief immer schneller, wurde von ihr selbst angetrieben, durch sie selbst in Schwung gehalten und durch die Außendynamik befeuert. Sie tat immer mehr vom selben. Das war zu viel. Wollten Vorgesetzte sie von der Arbeit befreien, sie entlasten und in den Urlaub schicken – für eine Atempause – empfand sie das als Affront und Kritik an ihrer Arbeit. Bis nichts mehr ging. Bis das „System Petra“ körperlich und geistig zusammenbrach.

Tiefpunkt

Was bei einem solchen Zusammenbruch passiert, ist für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. Aber er stellt den Endpunkt eines langen Prozesses des „Ausbrennens“ dar, in dem die Kräfte schwinden, keine Perspektiven mehr gesehen werden, die Möglichkeiten aus dem Kreislauf auszusteigen, scheinbar immer kleiner werden. Viele der Gefährdeten ziehen sich zurück, machen immer mehr vom selben und ziehen sich so selbst immer tiefer in den Strudel, können auch nicht mehr abschalten. Frühzeitige Hilfen, die von außen angeboten werden – Supervision, Stundenreduzierung, Auszeiten/Karenz u.ä. – können von den Personen selbst häufig nicht mehr angenommen werden. „Man sei ja nicht krank“ oder „man schaffe das schon, ist nur eine vorübergehende Schwäche“ sind dabei oft zu hören. Die Überforderung betrifft Körper und Geist.

Schließlich geht es – wenn der Zusammenbruch da ist – ohne multidisziplinäre Hilfe nicht mehr. Der Tiefpunkt stellt oft den Beginn einer langsamen und langwierigen Rückkehr in ein einigermaßen normales Leben dar und das ist keineswegs gesichert. Arbeitsfähigkeit kann oftmals nie mehr erreicht werden.

Diagnose Burnout[2].  Ein psychischer und physischer Ausnahmezustand, ein Zusammenbruch des Systems. Das ist nicht „überarbeitet, gestresst oder urlaubsreif“. Burnout ist ein bedrohlicher – ja lebensbedrohlicher – Ausnahmezustand, der mit allen zuvor erlebtem wenig zu tun hat.

Gegensätze

Die öffentlichen Debatten sind voll der Warnungen von Stressbelastungen und den Dynamiken in der Arbeitswelt, die für Menschen überfordernd sind. Erhöhets Arbeitstempo, permanente Lernbereitschaft, Notwendigkeit der Weiterbildung (update Gesellschaft), Konkurrenzdruck, Entsolidarisierung unter den MitarbeiterInnen und immer höhere Anforderungen an die Produktivität sind das eine, der immer größer werdende Druck auf Arbeitsverträge und die Flexibilisierung der Arbeitswelt sind das andere. Immer mehr Menschen leben – trotz guter Ausbildung und hohem Status – im permanenten Prekariat, bzw. stehen unter Druck, aus ihren Jobs hinauskomplementiert zu werden.

Die strukturellen Entwicklungen, die Daumenschrauben, die hier durch die äußeren Bedingungen angezogen werden, sind hinlänglich bekannt. Laut eines „AK Arbeitsklima Index“[3] ist jede/r Dritte im Job Burnout gefährdet. Burnout kann fast schon als Volkskrankheit bezeichnet werden. Das wiederum birgt auch seine Gefahren in sich. Es wird mit dem Hinweis, dass so etwas heutzutage eh fast jeder einmal in seinem Leben habe, gerne trivialisiert. Die ausufernde Verwendung – nicht alles was stresst und an die Belastungsgrenze führt, ist gleich Burnout – macht den Begriff inflationär. Und das bedrohliche Szenario eines Burnouts wird zu einer Auszeichnung, im „aufopferungsvollen Kampf an der Arbeitsfront“, das jede/r, der/die beweisen will, wie einsatzfreudig er/sie ist, vorzuweisen haben sollte? Das kann es ja wohl nicht sein!

In der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion finden wir eine schier grenzenlose Anzahl von Angeboten zur Burnout Behandlung und Prävention. „Kraft tanken, regenerieren, aus dem Hamsterrad aussteigen für einige Tage, Strategien entwickeln, wie man den Stress besser bewältigen kann und im Leben eindämmen kann.“

Sätze wie diese sind sonderzahl zu finden und machen einerseits darauf aufmerksam, dass man doch frühzeitig beginnen sollte, etwas für sich zu tun, um nicht in den Burnout Kreislauf zu gelangen. Also deutlich dem Trend folgend, dass man doch auch selbstverantwortlich sei. Andererseits beschleicht einem bei der Durchsicht der Angebote das Gefühl, dass es sich auch zum Teil um eine PR Masche handelt, die unter einem Label Produkte verkauft, um so an der „Wellness Welle“ teil zu haben.

 

Dass es für Burnout PatientInnen dringend Hilfe und Rehabilitation braucht, ist unbestritten und dass es für Menschen notwendig ist, früh genug – also präventiv – Maßnahmen zu setzen, damit es nicht zu Burnout kommt, ist auch evident.

Auffallend dass jedoch fest an der Schraube der „Belastungen“, die zum zunehmenden Stress und der Dynamik in der Arbeitswelt führen, im öffentlichen politischen Leben ständig gedreht wird. Organisationen, die in ihren Werbekampagnen und PR Materialien – groß aufgemacht  – Burnout Prophelaxe anbieten, stehen oft gleichzeitig unter dem Einfluss von Parteien und parteinahmen Systemen, die ständig Forderungen erheben, die den Stress, den Druck in der Arbeitswelt weiter erhöhen, die Schutz von ArbeitnehmerInnen und den „Schutz durch den Sozialstaat“ als Sozialismus brandmarken, die Prekariat und unsichere Arbeitsverhältnissen das Wort reden, die Start Ups und die damit häufige verbundene Selbstausbeutung als neue Innovation in der Arbeitswelt huldigen, die – kurz und bündig – dem neoliberalen Zeitgeist inhaliert haben und wesentlich dazu beitragen, dass die grundsätzlich schon schwierigen Verhältnisse in einer globalisierten, weltumspannenden, IT gesteuerten und von Wachstum dominierten Wirtschaft sich noch weiter dynamisieren; zu Lasten der Beschäftigten.

Dieser umfassende und massive Angriff durch Deregulierung und Flexibilisierung, die mit dem Zurückdrängen des Staates einher gehen, der als Gesetzgeber immer seltener in der Lage ist, Schutzwälle aufzubauen und Regeln zu veranlassen und diese auch durchzusetzen, hat mittlerweile auf breite Teile der arbeitenden Schichten – ob beschäftigt oder selbstständig spielt dabei wenig Rolle – massive Auswirkungen. Die Folgen am Einzelnen zu reparieren, sind erheblich und die damit verbundenen Kosten, die wir als Gesellschaft einsetzen müssen, sind dabei immens.

Zahlreiche Studien[4] belegen, dass „Burnout“ vor allem auch jene besonders trifft, die in subalternen, administrativ eintönigen, weitgehend fremdbestimmten Positionen arbeiten. Der einfache Beamte, der nach Vorschrift Akten bearbeitet und Befehle von Vorgesetzten entgegen zu nehmen hat; die Lehrerin, die mit zu großen, heterogenen Klassen arbeiten muss, ohne dass ihr Mittel dafür zur Verfügung stünden oder die Pflegekraft, die immer weniger Minuten pro PatientIn als Vorgabe vorgesetzt bekommt. Burnout ist keine Managerkrankheit und Luxusproblem der Einflussreichen, wie es gerne verkauft wird, sondern tief in der Masse der arbeitenden Bevölkerung verankert.

Bei Durchsicht der Vielzahl an Angeboten zur Burnout Prophelaxe fällt auf, dass es in den meisten Fällen um die eigene Selbstoptimierung geht – mit dem Stress noch besser umgehen zu lernen. Nach dem Motto: „Sie haben ihre Ressourcen noch nicht optimal ausgeschöpft, um dem Stress begegnen zu können.“

Dabei würde, wollte man Burnout ernsthaft entgegen treten, es dringend geboten sein, die Maßnahmen von der individuellen „Wiederrichtung“ auf den Fokus zur strukturellen Ebenen zu lenken. Dort, wo der Arbeitsdruck immer stärker, der Schutz für Beschäftigte immer geringer und die ökonomische Durchdringung aller Lebensbereiche immer penetranter wird. Selbst dort, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat und zu verheerenden gesellschaftlichen Verwüstungen führt, wie Clemens Sedmak[5] dies ausführte, hat sie mittlerweile Einzug gehalten.

Der Kern Sedmaks Aussagen: „Es passiert etwas mit dem System, wenn Sie es rein nach Marktgesetzen ablaufen lassen und zweitens, es lassen sich nicht alle Gesetze des Marktes auf sämtliche Lebenssphären der Menschen übertragen, ohne dass etwas passiert, was nachteilig für Gerechtigkeitsüberlegungen sein kann.“

In diesem Sinne, sei wieder einmal der strukturelle Blick und die entsprechenden politischen Augenmerke darauf gelenkt!

[1] Name geändert.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Burn-out#Burnout_als_Diagnose

[3] http://derstandard.at/2000058071914/Ueberlastung-im-Job-Jeder-Dritte-fuehlt-sich-Burnout-gefaehrdet?ref=rec

[4] U.a. jene Metastudienanalyse von Richard Wilkinson, zum Thema Ungleichheit und Gesundheit, siehe „Kranke Gesellschaften“ (2001) und „The Spirit Level“ (2010) gemeinsam mit Kate Pickett.

[5] Sedmak, Clemens: „Gesundheit für Alle – Ethik im Spannungsfeld. Eröffnungsrede zum 15. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin 2009.

Wir, zu viert, eingerollt in der Fahne

Protokoll, Sturm Echo #349: Die gigantische Überziehfahne aus der Gruabn!

Die Geschichte der Gruabn ist auch eine Geschichte der Fans, die in der unbeschreiblichen Atmospähre der damaligen Heimstatt des SK Sturms groß wurden.

Und in den 1980ern machten sich ein paar junge Fans einfach daran, eine riesige Überfahne zu nähen, zu Hause in der Garage, die Mutter half.

Die Fahne, die über die ganze Längsseite der Stehplatztribühne ging, wurde zwei Saison zum Renner, sogar die Spieler zogen Ihre Siegesrunden damit.

Dann war Schluß, wegen der Brandschutzbestimmungen, es wurde zu gefährlich.

Sturm Echo interviewte einen der Protagonisten, der sich gerne erinnerte.

Überbrückung der Kluft

Im Bifeb Aktuell 2-2017 erschien unter dem Titel „Überbrückung der Kluft“ (1) ein Artikel von mir, der sich mit den Herausforderungen und Widersprüchen beschäftigt, die sich in Organisationen der Erwachsenenbildung mit der zunehmenden Heterogenität durch die Migrationsgesellschaft auftun. Sprachkurse allein sind nicht die Antwort darauf, es bedarf auch einer strategisch-politisch-organisatorischen Planung in der jeweiligen Organisation.

Hier gehts zum Artikel (Seite 5).

(1) Überbrückung der Kluft ist der Titel eines Workhsops gewesen, der im Rahmen der Reihe „ Erwachse

nenbildung in der Migrationsgesellschaft“ (März 2017) am bifeb stattfand. Traude Kogoj und Kenan Güngör waren die ReferentInnen.

Zeit ist Leben

Zur Dauer von Asylverfahren.

In der Ausgabe #76 der Grazer Wandzeitung Ausreißer wurde ein Beitrag von mir veröffentlicht, der sich mit der wiederkehrenden Debatte beschäftigt, dass doch die Asylverfahren zu lange dauern. Jede/r Innenminister hat es sich zur „heiligen Plficht“ gemacht, daran was zu ändern. Getan hat sich bis heute wenig.

Hier ist der ganze Text zu lesen: Zum Ausreißer#76

Sivy

In der aktuellen Schreibkraft #30 mit dem Übertitel Wälzen findet sich eine Erzählung von Wolfgang Gulis

Sivy

Sivy wagt sich langsam vor. Ausatmen. Schritt. Einatmen. Schritt. Ausatmen. Schritt. Sie tastet sich vor. Ihre Zehen mit den dunkelrot bemalten Nägeln sind die Kundschafter. Der Untergrund rauh und stachelig. Ihre nackten, kleinen Füße folgen, erkunden die Baudielen. Ein erster zaghafter Schritt, dann folgt Belastung des Fußes. Ihr Herz pocht laut, drängt hinter ihren Ohren an die Oberfläche. Die Bretter liegen lose nebeneinander, bewegen sich, als sie drauf tritt. Sie wirft einen Blick in die Tiefe.

Sie befiehlt sich: Einatmen. Ihr schwindelt, sie wendet den Blick nach oben. Ihre Hände zittern. Ausatmen. Das Konstrukt besteht aus einem dünnen Winkelstahlrahmen und den Baudielen. Das Haus, an dem die Plattform an der fensterlosen Mauer befestigt ist, steht am Rande eines Felsabbruches, der seit Jahren in die Mitte der Stadt wandert; weil sie wie ein Krake immer weiter wächst und sich in alle Richtungen ausdehnt. Die kleine Plattform ragt über dem Abgrund. Irgendwelche findigen Handwerker haben sie an der Mauer des Hauses befestigt, alles provisorisch. In der Sohle des Grabens schlängelt sich eine breite Durchzugsstrasse vorbei. Ausatmen. Habe ich auf ein Einatmen vergessen? Egal. Das funktioniert auch ohne denken. Kein Arbeitsinspektorat würde das abnehmen. Aber sie ist in Betrieb, weil es auch kein Arbeitsinspektorat gibt, das hier vorbei kommt. Die Plattform und die Bretter an den Häusern entlang, dienen den Arbeitern unter Tags, um an der Außenmauer zu arbeiten und sich zwischen den renovierungsbedürftigen Häusern hin und her zu bewegen.

Sie klammert sich an das Geländer – beruhigt sich selbst. Rücken entspannen, nicht weiter verkrampfen, Kopf nach oben. Einatmen. Sie versucht sich abzulenken. Das Viertel ist jahrzehntelang ein sogenannter benachteiligter Stadtteil – war, ja war. Aus der Gegend kommen, hieß ein Stigma haben. Tagelöhner, Huren, Kleinkriminelle, Drogendealer, aber auch alteingesessene Pensionisten, Zuzügler aus den armen Gegenden des Landes. Migranten aus den nahen und fernen Elends- und Kriegsgebieten dieser Welt. Man kennt das aus jeder größeren Stadt. Jeder versuchte hier irgendwo, ein Platzerl zu finden und den meisten gelang das auch. Aufschauen befiehlt sie sich; in die Ferne blicken, sich beruhigen. Häuserblock um Häuserblock wird jetzt modernisiert, revitalisiert, aufgeräumt, alles chic gemacht. Die Mieten steigen, die Alteingesessenen werden im Stillen vertrieben. Vor nicht allzu langer Zeit kamen die Künstler und -Innen … und ich bin eine von denen. Leben im Prekariat, zeitweilig, zwischendurch, in der Umbauphase, im Leerstand.  Es folgten die Jungen, die Start-Ups, die Kreativen. Die ersten Touristen streunen auch schon ´rum. Ich weiß, wie das weiter geht und es ist nicht aufzuhalten.

Überall Stadt, murmelt sie vor sich hin. Hochhäuser, Glaspaläste, Brücken, breite Boulevards, Moscheen und Kirchen, große Repräsentationsbauten. Es funkelt und blitzt. Die dunklen Flecken dazwischen, das ist das Meer… die Möwen sind schon schlafen gegangen, aber die Krähen und Raben fliegen noch … wird durch die beleuchteten Brücken unterbrochen und von tutenden Fährschiffen und Container Schiffen durchpflügt. Die haben sich einfach an die helle Stadt gewöhnt und bleiben auf. Faszinierende Viecher. Dahinter Häuser, an Häuser, kein Fleckchen bliebt frei, aneinander gedrängt, auf jeden Hügel, dicht an dicht … wie Menschen in der U-Bahn in der Rush Hour … müde, verschwitzt, abgekämpft, derangiert; Schweiß, alte Socken, Zwiebel- und Knoblaugeruch, dazwischen eine Bierfahne und ein Furz. In der Nacht; das Schnarchen aus den Fenstern, Geschirrklappern aus der Küche, Geplärre, wenn die Kidner wieder mal nicht schlafen gehen wollen und später das rhytmische Knarzen der alten Betten und ein leidenschaftsloser Seufzer von ihr, wenn er sich von ihr runter rollt.

An der Plattform rüttelt ein lebhafter Nachtwind. Sie hätte sie nicht betreten dürfen, wie ein Metallschild ihr unmißverständlich befiehlt … schlecht montiert klappert es im Wind. Die Konstruktion bewegt sich. Sivy glaubt einen Bruchteil von Sekunde, dass sie nach vor in die Tiefe kippt. Kurzer Herzsprung, Pulskontrolle. Ausatmen. Aber die Plattform hält, bewegt sich wieder zurück. Ich steh´ das durch. Sagt sie sich vor. Schließlich turnen unter Tags hier Arbeiter herum, tragen Bretter, Ziegel, schleppen Betonkübel, stehen drauf und hämmern und bohren. Also so zerbrechlich kann das alles ja nicht sein. Das hält schon was aus. Ich muss den Rücken strecken, die Position ändern, ich verkrampf´ sonst. Sie ändert ihren Stand, versichert sich, dass die andere Diele hält, auf der sie zu stehen kommen will. Mit dem ersten Fuß tapst sie darauf, stellt ihn hin, belastet. Es hält. Sucht sich dann für den zweiten die nächste. Einatmen. Langsam lässt sie die Hand von dem Geländer los, greift in die Tasche ihres alten, viel zu kurzen Frottebademantels … Mama hätte geschimpft, „du holst dir den Tod“ …und ich? …. hole eine Zigarette raus, ist vielleicht auch ein Stück näher zum Tod. Muss die zweite Hand vom Geländer nehmen, steht unsicher, steckt sie an und bläst den ersten Zug demonstrativ nach oben. Obwohl es Frühsommer ist, fröstelt es sie. Der Wind macht die Nacht kalt.

Ich will das aushalten. Ich will das durchstehen. Ich will wissen, wie es ist. Schließlich sehe ich ja die Arbeiter am Tage da rumturnen. Die Plattform? Passt doch… zum aktuellen Zustand: Schwanken, sich dem Wind anpassen, aber nicht zuviel und mit der Gefahr vor Augen, aus dem Leben kippen, doch nicht ganz … bissl platt und pathetisch, oder nicht? Wurscht, ich will mir das jetzt beweisen. Der genomme Zug aus der Zigarette ist so richtig gut gelungen. Verarbeiten kann ich das später.

Drei Strahler tauchen im Dunkeln hinter ihr auf. Sie bewegen sich auf sie zu. Es gibt keinen Ton, dann dreht jemand den Tonregler auf. Ein Flugzeug im Landeanflug. Der Lärm der Stadt wird übertönt. Die Lichter werden heller und größer. Dann zischt der Riesenvogel über ihren Kopf hinweg, mit ohrenbetäubendem Lärm. Luft anhalten. Boaah, mein Herz hat schon wieder einen Aussetzer fabriziert, für eine Makrosekunde dachte ich, der zieht mich von der Plattform. Ist auch schon weg. Das Herz schlägt noch und reagiert. Na, das ist die gute Nachricht dabei. Sie sieht ihm nach, wie er immer tiefer geht und in der Ferne in die Lichter der Stadt eintaucht. Ausatmen.

Sivys Aufmerksamkeit nimmt ein Feuerschein in Anspruch. Weit draussen, inmitten der schier endlosen Lichter der Stadt, sieht sie kurz auftauchende Blitze. Töne folgen. Ein Schwall von kleinen Explosionen. Blaulichter sieht und Sirenen hört sie. In der größten Stadt des Landes geht es rund. Es wird gesäubert, eingesperrt, entlassen, suspendiert. Ohne Einschränkungen, ohne dumme Vorschriften, Regeln, Gesetze. Keine_r mehr da, der oder die sich getraut, ein Wort dagegen zu erheben. Ein Teil der Stadt wird mundtod gemacht, der andere gröllt umso lauter. Ist was dran an den Gerüchten und Verschwörungstheorien, die es seit längerem gibt. Auch im Bekanntenkreis waren da Leute, die klandestine Theorien verbreiteten und wußten, was demnächst passieren wird. Als wäre die Gegenwart und das Reale … das scheinbar Reale … nicht beängstigend genug! Das meiste, so hab´ ich gedacht, sei Wichtigmacherei, machomäßige Aufschneiderei, revo-sentimentale Übertreibung und Propaganda. Aber mittlerweile – muss ich zugeben – habe ich Gewissensbisse. Ich hätte die Zeichen erkennen können, ja müssen. Schon vor drei Jahren, als die junge Szene gegen die Staatsmacht auf die Straße gegangen war, braute sich was zusammen.

Da machten wir uns noch über die Machthaber lustig, sangen Spottlieder über den Präsidenten, seine schlechten Hemden und Sakkos und seine reaktionäre Mischpoche. Damals waren die Straßen voll mit Leuten, die glaubten, die Zukunft mitschreiben zu können. Wir waren optmistisch, ließen uns anstecken von der Euphorie. Glaubten Korruption, krumme Geschäfte und Nepotismus, beenden, Macht kontrollieren zu können. Hunderttausende junge Menschen, die weder mit den Phrasen des alten Establishments noch mit den Floskeln der neuen religiös-konservativen was zu tun haben wollten … gegen das Tränengas gab es Taucherbrillen und die Bevölkerung, gab uns Wasser und nasse Tücher für die tränenden Augen. Wir waren so viele, dass es nichts ausmachte, wenn die Polizei den einen oder die andere mit Schlagstöcken malträtierte. Die Solidarität heilte die blauen Flecken schnell. Es war eine solidarische Zeit, eine freie Zeit, eine offene Zeit, eine Zeit voller kollektiver …. Ja was? … Liebe? … kommt dem wohl am nächsten. Seufz. Sivy ließ sich in ihren Gedanken treiben, an das Gewackle hatte sie sich ein wenig gewöhnt. Aber es war trügerisch. Die Antworten folgten und die Auswirkungen waren schmerzhaft, viel schmerzhafter als nur blaue Flecken. Nach und nach drehte der Wind. Jede Maßnahme – für sich genommen – nichts Großes.

Nur, jetzt weiß ich es, sie fügten sich allesamt in einen größeren Plan. Das wollte ich nicht sehen. Ich hab´ das Gerede vom schleichenden Putsch nicht ernst genommen und abgewunken. Jetzt weiß ich es besser. Richter werden suspendiert, Zeitungsredaktionen besetzt und gleich geschalten. Da werden Informationskanäle unterbrochen, dort fallen bekannte Oppositionelle in Ungnade und werden durch Parteigänger ersetzt. Persönlichkeiten, die gegen das Regime auftreten, finden sich plötzlich wegen Steuerhinterziehung vor Gericht und andere im Gefängnis. … habe ich eigentlich die Eingangstür verriegelt? Ich will keine unliebsamen Besucher haben … Gestern waren es die Militärs, heute sind´s die Wissenschaftler_, morgen die Lehrer_; und nicht zu vergessen, die Journalist_, Blogger_ und Künstler_innen. Wennst den Fernseher aufdrehst, hast den Präsidenten am Bildschirm, der gerade wieder hetzt und Aufrufe startet. Der Pöbel randaliert auf der Straße. Die Verräter dingfest machen, die Verschwörer ausheben, die Netzwerke zerstören … die ganze verlogene Propaganda. In Wahrheit geht es einfach gegen alle, die nicht seiner Meinung sind.

Viele sind schon verschwunden, es wird immer ruhiger um mich herum. Gespenstisch. Einatmen, inhalieren. Einige im Gefängnis, andere haben sich ins Ausland zu Verwandten und Freund_innen abgesetzt. Ausatmen. Andere wieder ziehen sich volkommen zurück, verschanzen sich in der Familie, antworten nicht mehr auf Mails, rufen nicht zurück und reagieren nicht auf Whatsapp. Ein anderer – kleinerer Teil – schlägt einen ganz anderen Weg ein und der ist fast genauso beunruhigend. Ernster, fanatischer, unerbittlicher sind sie geworden. Sie beschreiten einen Weg, der … ja, bald auch keine Grenzen mehr kennt. Jede Aktion der Machthaber wird zur Bestätigung, dass sie zu radikaleren Mittel greifen müssen. Jede Gewaltmaßnahme führt zu Wut, Hass und Gegengewalt. Aus den Demos sind Aktionen, aus den Aktionen sind Anschläge geworden – zuerst gegen Einrichtungen des Staates, dann gegen Menschen, als Repräsentanten des Staates. Das geht so weiter. Der Kreislauf nimmt Fahrt auf. Sie wurden verhaftet, geschlagen, festgehalten, ohne Recht und Verfahren. Wenn sie herauskommen, sind sie bestätigt … und wütender. Sie werden zu Helden und Märtyrern gemacht, die Szene jubelt ihnen zu. Mir ist dabei immer unbehaglich, wenn sie Phrasen dreschen, Parolen schreien und sich gegenseitig aufstacheln. … Ich darf nicht vergessen, morgen unbedingt einzukaufen, ich hab´nichts mehr im Kühlschrank … Ich seh´s als wär´s heute gewesen, als das erste Mal Waffen bei den Meetings aufgetaucht sind. Da war bei mir der Ofen aus. Hallo? Bei unseren Meetings, bei denen wir unsere Kunstaktionen diskutieren und planen? Das geht gar nicht.

Und die andere Seite – naja – die ist immer schon problematisch gewesen, aber jetzt – ohne Kontrolle – wird sie immer finsterer! Paramilitärische Kräfte, faschistische Rollkommandos und fanatische Religiöse, Geheimdienstaktionen und eingeschleuste Provokateure, die keine besondere Order mehr brauchen, um mit exzessiver Gewalt vorzugehen und vor Erschießungen, Folter und Vergewaltigungen nicht zurückschrecken. In dieser Spirale ist von Frieden keine Rede mehr, sondern nur mehr von Vernichtung der Anderen, von der eigenen großer Nation und einer Einheit, die mir immer unheimlicher wird. Was soll das? Einheit! Und was soll das, „mein Land?“ Alles bullshit. „Mein! Land gibt es nicht!“ Von Einheit kann doch keine Rede sein – sind doch immer nur Gräben zwischen den Gruppen und Schichten.

Im grellen Licht des nächsten Flugzeugs sieht Sivy intrusive Bilder der letzten Ereignisse. Leichen und Blut auf den Strassen, ausgebrannte Autos und Panzer, die über Brücken rollen und eine aufgebrachte Menge, die Selbstjustiz verübt, wahllos Menschen auf der Strasse totprügelt, zerbombte Straßenzüge in abgeriegelten Gebieten, in denen keine kontrollierende Instanz der Barbarei Einhalt gebietet. Während der Vogel über sie drüber zieht, erscheint ihr der Kopf des Präsidenten, der im Machttaumel zum Diktator wird und immer weiter geht; wie er erregt und mit rotem Kopf am Rednerpult steht, ins Mikro spuckt, vor Aufregung schreit und die Gewalt mit Worten anheizt. Aufgeregt und fanatisch im Fernsehen Schuldige präsentiert, ohne Fakten, ohne Beweise – immer weiter geht – und aus einer schlechten Demokratie einen totalitären Staat macht – immer weiter geht. Niemand hält ihn auf, kann ihn aufhalten. Immer weiter geht…. Austamen, ruhig Sivy ruhig. Du musst dich einkriegen. Ich stehe hier, schwankend auf dünnen Brettern und im Wind. Ha, was ist mit mir los? Krieg mich kaum noch ein. Die letzten Tage hatten Beschleunigung an sich … Bissl Pathetisch das alles? Mag sein!

Ich muss mich aus dem Strudel raus reissen. Komm´, denk an was anderes. … ich darf auch nicht vergessen, morgen der Frau im Parterre Anweisungen zu geben, falls Leute kommen und nach mir fragen … Die versteht das sicher, die ist nett. Endzeitstimmung krabbelt an ihrer Haut hoch, lässt ihren blonden Flaum an den Armen hochstehen. Passend zum Tag, zur Lage im Land und zur schwankenden Plattform … muss aus der Lähmung raus … mit TASRAA … den derzeitigen Zustand des Landes problematisieren. Das sind wir allein unserem Image schon schuldig. Nur wie? Ihre Zigarette ist auf den Filter hin abgeraucht. Sie wirft sie in den Abbruch hinunter, einer Streifen in der Stadt, der hier von oben fast dunkel ist, erst bei der großen Strasse wieder erhellt wird. Sie verfolgt den Flug der Glut. Die verstreut, auf dem Weg in die Tiefe, einige kleine Funken, verliert sich alsbald und ward nicht mehr gesehen.

Ich bin müde, müde von der Situation, müde vom dauernden Nachdenken, wie es weitergeht. Sollten wir wieder was Spektakuläres machen, so wie bei unserer ersten Aktion? Das war übrigens eine ganz ähnliche Situation, mit schwindelerregender Plattform und in die Tiefe segeln. Da hat Flo einen spektakulären Flugstunt hingelegt, bis ins Meer hinunter, untermalt mit schwerem,  ohrenbetäubendem Metal. „Lärm“ haben viele Medien geschrieben. Auf der Plattform akklamierten vier Autorinnen politische Manifeste und in den Medien schrieben sie über TASRAA: „Das Künstlerkollektiv, das die Revolution zu ihrem Programm macht und in ihren Aktionen ausruft.“ Was für ein Blödsinn. Künstlerkollektiv okay, aber Revolution? Wir haben doch mehr Fragen als sonstwas, den Wahnsinn in unserer heutigen Gesellschaft ansprechen, ja das.  Aber das geht bei denen nicht rein. Seitdem haben wir das als Markenzeichen – eh wurscht, dagegen kannst eh nix tun. „Spontan, gewagt, gefährlich, mit Mitteln des Klamauks, Politaktionismus, Lärms und mit Tanzperformances geht TASRAA vor“ schrieben sie. Naja.

Unsere Aktionen und Konzerte sind ja nur deswegen „spontan“, weil sie sonst gar nicht stattfinden würden. An ganz „unmöglichen Orten finden ihre Provokationen statt“;  ja nur deswegen, weil wir improvisieren müssen. Was stimmt, dass wir Dinge, die im öffentlichen Raum noch nie passiert sind, tun wollen. Wir waren uns ja sicher, dass die Staatssicherheit uns bei unserer ersten Aktion schon hopps nehmen würden. Sie marschierten auch auf, wollten einschreiten und das Spektakel beenden, aber es waren zuviele Leute da. Das hätte Wirbel gegeben und den wollten sie vermeiden. Also ließ man uns vorläufig in Ruh`.

Mein Gott, jetzt stehe ich da auf der Plattform, frier´ mir den Arsch ab, zittere vor Angst und schwelge in der Vergangenheit. Wir kriegen Mails von Leut´aus aller Welt, die wissen wollen, wann wir wieder aktiv sind, denn zufälligerweise wäre man in der Stadt und es wäre so toll, wenn man uns einmal live sehen könnte. Wir waren auf der Aufregungsskala ganz oben … Lieblinge der kunstaffinen Kreise. International wurde man aufmerksam auf uns. Damit wuchs die Fanbase. Jetzt sind wir Teil des Kunstbetriebes … Aushängeschild der Avantgarde … herum gereicht. Hmm.. Aber geht das noch zusammen, was ist das überhaupt? Avantgarde, in einer global vernetzten Welt, in der schon alles gemacht und gedacht und geäußert wurde? Es folgte, was so oft folgt … wurden zur Touristenattraktion. Vielleicht ist es einfach der Mut, es zu tun, ohne sich um die anderen zu scheissen. Ja … das hatten wir – Mut. Und jetzt? Jetzt zittere ich vor Angst, trauen uns allesamt nicht mehr raus. Aber ich will das niemanden vorwerfen, nur mir selbst. Viele kommen dann drauf, dass sie was anderes wollen. Dem einen sind wir zu subversiv, der anderen zu herkömmlich, den dritten zu gefährlich usw… Je nachdem, aus welchen Szenen sie kommen. Und … das mit dem Kollektiv, das verdauen auch einige nicht. Was das wirklich heisst … die gehen dann aber eh schneller, als man schauen kann. Vielle sind ja auch total jung. Politisch engagiert, subversiv und entziehen sich – mal mehr mal weniger – dem System, verstehen sich als Künstler_, aber auch oft als politische Aktivist_innen und leben im – manchmal buchstäblichen – Untergrund.

Meine Güte, wieviele sind da schon durch uns durchgegangen und wie alt bin ich im Vergleich geworden, die meisten sind ja keine 25. Immerhin … die Kerntruppe ist stabil und ich hätte mir nicht gedacht, dass ich davon leben kann. Wieder eine Windböe, die Plattform bewegt sich wieder vor, steiles – schauriges – Gefühl. Sivy kann es schon ein wenig geniessen. Mit den großen Protesten gegen die Regierung, an denen wir teilgenommen haben, endet die Zurückhaltung. Langsam und unmerklich, aber bestimmt … ich hab´s nicht gemerkt. Im Visier des Systems. Zuerst gab´s nur kleine Übergriffe, die ersten Anzeigen. Reine Routine – wie man versicherte – schließlich müsse man das tun, was das Gesetz verlangt, „wenn eine Anzeige eingeht und illegale Veranstaltungen durchgeführt würden. Schließlich leben wir TASRAA ja davon, oder nicht?“ Die scheinheilige Frage. Dann gings ans Geld. Kunstförderungen werden verschleppt, bis sie obsolet sind oder mit fadenscheinigen Ausreden nicht bewilligt. Schließlich wurde es härter …erste Verhaftungen, die noch Anhaltungen heißen. Allesamt mit fadenscheinigen Begründungen. Darunter sind ganz zufällig immer die Hauptdarsteller und –stellerinnen … und sitzen in entscheidenden Momenten in Haft, wenn auch nur für einige Tage. Wir erhalten Drohungen von religiösen Fanatikern und Spinnern. Im Netz verbreiten sich wüste Beschimpfungen, Anschuldigungen und Gerüchte …ekelhaftestes Zeug.

Zuerst glaubten wir, wir könnten das für uns nutzen. Aber nach und nach wendete sich das Blatt. Auch das Publikumsinteresse nahm ab, es traut sich keiner mehr zu kommen… jeder in seinem Bunker. Wir können nicht mehr unbehelligt arbeiten. Mein Gott, ich hab´s so satt, die Volksmeinung; die dauernd kursiert und immer gehässiger wird; uns als „dekatente Provokateure, verdreckte Bande und Kommunisten“ beschimpfen. Sie schaut auf und versucht die Aussicht zu genießen, trotz der widrigen inneren und äußeren Umstände. Ein Rütteln geht durch die Plattform. Genauso wie bei uns, je stärker das Rütteln außerhalb, desto schwieriger wird es auch innerhalb der Gruppe. Es tun sich Brüche auf. Wir geraten immer mehr aneinander. Die einen, die nicht nur mehr Politik machen, sich nicht dauernd über Politik definieren, wollen und die anderen, die „Kunst nicht als weltfremde, in sich gekehrte abgehobene, individuelle Kreativarbeit“ sondern als „Manifest gegen die gesellschaftlichen Zustände und als kollektiven – gesellschaftlich  eingebetteten – Prozess“ sehen und interpretieren. Welten prallen aufeinander.

Was ist meine Rolle darin? Na was schon, ich versuch mit Müh´ und Not den Scheiss-Laden irgendwie zusammen zu halten und hab die Arschkarte gezogen. Komm kaum noch zum arbeiten, tu nur mehr vermitteln und Streit schlichten und argumentieren und organisieren und reden, reden, reden. Ich will, dass TASRAA beides ist. Ich kann nur immer weiter den Respekt und die Toleranz gegenüber der jeweils anderen Position einfordern. Ich will nicht, dass wir im Inneren das abbilden, was sich außen auch abspielt. Entsolidarisieren, gegeneinander ausspielen, individualisieren, unerbittlicher gegen Andersdenkende werden … um des Erfolges willen … kämpfen um das Geld oder die wahre Kunst? Sind die eh meist nicht so weit auseinander, wenn es ums konkrete geht. In dem Moment steigt eine hohe Flamme aus dem Dunkeln hoch. Sekunden später wird der Ton in Form einer Explosion nach geliefert.

Sie kramt in der Tasche ihres Bademantels, um noch eine Zigarette zu rauchen, aber sie weiß gleichzeitig, dass sie nur eine mit raus genommen hat. Und in den kleinen Bademanteltaschen hat sich in der Zwischenzeit keine Zigarettenpackung materialisiert, da kann sie noch so oft greifen und suchen. Nur das Bic-Feuerzeug ist immer noch da. Weil es uns noch gibt, geben wir da draussen manchen Hoffnung, damit sie weiter machen und nicht verzweifeln … Ich bin nicht blöd, ich weiß das selbst auch, da brauch ich Flo nicht, der mir das dauernd um die Ohren haut. Nur, wir können selbst nicht mehr lange so weiter machen. Uns gehen die Leute aus, uns gehen die Gelder aus, uns geht der Zusammenhalt… Sivy schaut dem nächsten Flieger nach, der gerade über sie hinweg donnert und mit seinem Lärn ihre Gedanken unterbrochen hat. Sind wir gerade dabei, zu zerfallen und hinweggefegt zu… Sivy blickt hinunter in den Graben. Es ist auffällig, wie ruhig die Stadt ist, kaum Verkehr, keine Musik, keine Gespräche als Fetzen von den Strassen. Der Ausnahmezustand verfehlt seine Wirkung nicht.

Eine Entscheidung steht an.

Ich muss auf die Zigarette verzichten oder hineingehen und welche holen und bei der Gelegenheit kann ich mich auch gleich wärmer anziehen. Der Wind dringt ihr bis auf die Knochen, ihre Zehen sind schon blau. Ich hab schon die ganze Zeit Gänsehaut. Aber wird es jetzt wirklich anders, also ganz anders, richtig gefährlich? Oder ist ein Teil davon doch nur Theaterdonner? Werden sie morgen an den Türen pochen und uns verhaften? Ich will es überhaupt nicht so genau wissen? Nachdem ich seit Jahren ohne festen Wohnsitz und meine Wohnorte dauernd wechsle und vorsichtig mit den modernen Kommunikationsmitteln bin, glaube ich nicht, dass sie wissen, wo ich sitze. Aber? … wer weiß – so schwankend wie es mir geht … Sivy entscheidet sich gegen die Kälte. Die Sucht ist ihr abhanden gekommen. Langsam verlässt sie die Plattform. Übersteigt die Sperre, die die Arbeiter dilletantisch – mit einem Brett versperrt und einem rot-weißen Absperrband – errichtet haben. Hantelt sich an beiden Geländern haltend auf die Dachterrasse zurück.

Sivy sucht Socken, in ihrer derzeitigen Behausung, einem leer stehenden Loft – im Nebenhaus der Plattform – das sie illegal in Besitz genommen hat und in dem sie sich seit vier Monaten – auch weil es interessanterweise noch immer Strom und Wasser gibt – so etwas wie ein zu Hause geschaffen hat. „Das beste seit Jahren, mit einem unglaublichen Komfort und Ausblick auf die Stadt“, wie sie ihren Freund_innen begeistert erzählt. Dann schlüpft sie in ihre alte graue, weite Trainingshose und fläzt sich mit einer Decke und einem Tee, den sie immer in der Thermoskanne bereit hat, in ihrem Liegestuhlsackpolster. Sie ist zu müde und ausgekühlt, um noch mal raus zu gehen und sie merkt auch, dass ihr das unsichere Terrain den letzten Rest Standfestigkeit geraubt hat. Seltsam, wie äußere und innere Zustände zueinander in Beziehung stehen. Die Scheiben – auch ein Luxus im Gegensatz zu den vorherigen Unterschlupfen – sind ziemlich dreckig. Sie spiegeln mehr den Raum, als dass sie die Sicht auf das Draussen freigeben würden. Sie betrachtet sich selbst.

Sivy trinkt einen Schluck. Der Tag hatte an ihren Kräften gezerrt. Vor allem die Probe von TASRAA – abgesagt. Nach und nach kamen die Absagen, Entschuldigungen, Ausflüche. Die getrauten sich nicht zu kommen. Haben Angst. Die anderen gehen nicht mehr auf die Straße, weil da „wütet der fanatisierte Pöbel, vor allem Abends“ wie Sü im SMS geschrieben hat. Wir können nicht mehr auftreten! Aber ich ergebe mich nicht. Fixiert ihr Spiegelbild.

Ich muss das alles notieren, aufschreiben, was mir da durch den Kopf geht. Obwohl es im Moment banal und wirr klingt. Aber das muss es ja nicht bleiben. Sie kämpft sich aus dem Sackpolster raus, mit eisernem Willen, sucht in ihrer Unordnung nach ihrem Tablet. Sie schaltet die Sprechfunktion ein, gibt Texte, Stichworte und Wortfetzen ein. Dann lässt sie sich in den Liegestuhlsackpolster zurück plumpsen und weiß sofort, dass sie da nicht mehr herauskommt … ohne Zähne putzen, hier einschlafen. Ich will nicht, dass Menschen verletzt werden, dass sie ins Gefängnis kommen oder gar umkommen, wegen dieser größenwahnsinnigen Politik. Ihr Spiegelbild, gibt ihr Recht. Eine Minute später schnarcht Sivy mit leicht geöffnetem Mund.

Annas Tränen

Schreibkraft  Heft 21, Frühjahr 2011:
Selbstgemacht

Annas Tränen

Der lange Weg zum Bleiberecht.

Anna ist einer jener Menschen, denen in Österreich soviel Hass entgegenschlägt und die mit aller Härte „amtsbehandelt“ werden…

…Die Gruppe existiert mittlerweile seit mehreren Jahren. Die Mitglieder wechseln häufig.

Sturm Echo #347

Rekordstart, leidenschaftliche Spiele, Herbstmeister-Titel: Das neue SturmEcho rückt den Erfolgslauf des SK Sturm in den Fokus.

 Der Herbst 2016 ist einer für die Geschichtsbücher des SK Sturm. Nach einer in vielen Belangen durchschnittlichen Saison 2015/16, reduzierten Erwartungen und einem Totalumbau der Mannschaft überraschten die Schwarz-Weißen in den letzten Monaten auf allen Ebenen.

Einem Raketenstart in die neue Spielzeit folgten die überlegene Tabellenführung, ein epochaler Auswärtssieg in Hütteldorf und schließlich sogar der inoffizielle „Herbstmeister-Titel“. Die neue Ausgabe des SturmEchos nimmt den Erfolgslauf der Grazer genau unter die Lupe und erklärt, wie es dazu kam.

Ottawa Charta:

Das Papier voll wert, auf dem es geschrieben ward

Die Ottawa Charta feiert still und abseits der Öffentlichkeit Geburtstag.
Wir schreiben das Jahr 1986, die Tage bis zum 21. November. Kapazunder aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich aus der ganzen Welt sitzen zusammen, disputieren und brüten einen Text aus. Es herrscht eine intensive, ausgelassene und konstruktive Stimmung, es rauchen die Köpfe.  Am Ende, es war besagter 21. November, wird ein Text akklamiert, der als zukunftsweisend anzusehen ist.  Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung gebar die „Ottawa Charta“[1]

30 Jahre später ist die Anzahl der Erklärungen[2] und Chartas nicht weniger geworden. Sie alle bestätigen und ergänzen die Ottawa Charta. Der Inhalt und der Ansatz der Charta blieben so aktuell wie damals. Vieles wurde vorweggenommen, auf Probleme, die es heute zu bewältigen gilt, eine plausible Antwort gegeben. In zahlreichen Bereichen (Gesundheitsförderung) sowie für eine Unzahl von Organisationen (etwa WHO) ist sie Richtschnur für das konkrete Handeln.

Doch alles in allem? Die Welt hat sich nicht zu dem entwickelt, was in der Ottawa Charta skizziert wurde. Damals rief man zum aktiven Handeln für das Ziel „Gesundheit für alle“ bis zum Jahr 2000 auf. Davon ist die Welt weiter entfernt, als je zuvor. Also gibt es anläßlich des 30 Jährigen Jubiläums weniger zu feiern, sondern vielmehr die Ottawa Charta wieder ins Gedächtnis zu rufen, weil sie im Furor der neoliberalen Offensiven und des expandierenden, gewinnorientierten Gesundheitssektors die adäquate Korrektur und Antwort bieten könnte!

Worum geht’s in der Charta?

Zum einen prägte die Ottawa Charta einen – für damalige Verhältnisse – durchaus frischen und neuen Blick auf das Thema Gesundheit. Dieser ist – kurz zusammengefasst – von politischen, sozioökonomischen und individuell-persönlichen Entwicklungen geprägt und positiv formuliert. Die Abwesenheit von Krankheit wird als nicht ausreichend gesehen. Dem Thema Gesundheit wird ein anderer Dreh verliehen, als den bis dahin üblichen; vom biomedizinischen Modell[3] geprägten. Äußere Umstände wie „Frieden, angemessene Wohnbedingungen, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Ökosystem, eine sorgfältige Verwendung vorhandener Naturresourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit“ sind grundlegende Bedingungen für Gesundheit.

Zum zweiten, dafür ist nicht ausschließlich das Individuum selbst verantwortlich, sondern insbesondere die Politik und darin alle Politikbereiche, die zu dieser positiven Veränderung beitragen können. „In diesem Sinn ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als ein vorrangiges Lebensziel“. Dieses Zusammenspiel von Entwicklung und Fähigmachen des Individuums, seine eigene Verantwortung bei Gesundheit wahrnehmen zu können und das Herstellen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Gesundheit fördern, zeichnet das Dokument bis heute aus.

Beide Aspekte sind mittlerweile in der Fachwelt unbestrittene Grundlagen für die Gesundheitsförderung. Nicht umsonst gibt es im Bereich der öffentlichen Gesundheit (public Health) immer wieder und zahlreich Forderungen nach einer „health in all policies“ bzw. nach „Gesundheit für alle (GFA)“. Es wäre auch nicht so, dass keine Erfolge erzielt worden sind. So hat die WHO das Programm  „Gesundheit für alle“ bereits 1991 auf der Basis der Ottawa Charta[4] weiter entwickelt. Aus dieser ist das WHO Rahmenkonzept „Gesundheit 21“, als Vision für das 21. Jahrhundert formuliert worden. „Bis zum Jahr 2010 sollten in allen Mitgliedsstaaten … GFA Konzepte formuliert und umgesetzt werden.“ (WHO 1999, 201)

Die „Health in all policies“ Strategie könnte als dritte Komponente der Ottawa Gedankenwelt bezeichnet werden. Das Verständnis von strukturell vernetzten Systemen, die miteinander korrespondieren und sich gegenseitig beeinflussen, wird in dieser Strategie betont. Gesellschaftliche Gesundheitsentwicklung betrifft also nicht ausschließlich den Gesundheitsbereich sondern vielmehr und oft Bereiche, die auf den ersten Blick mit Gesundheitspolitik wenig bis gar nichts zu tun haben. Pointiert brachte das Manuel Carballo, Direktor des internationalen Zentrums für Migration und Gesundheit (ICMH) anläßlich einer Konferenz des Netzwerkes über Gesundheit in der Stadt (ICUH) zum Ausdruck, der meinte, die besten Public Health Träger könnten die ArchitektInnen und StädteplanerInnen sein, weil sie infrastrukturelle Gegebenheiten vor Ort festlegen und umsetzen, die wesentlichen Einfluß auf die Gesundheit der Menschen haben.  Aber das gilt bis heute eben auch für andere Entscheidungsträger_innen, die in Bürokratie und Verwaltung infrastrukturelle Bedingungen schaffen und Ressourcen verteilen.  is erhebliche Auswirkungen zeitigen. Man denke nur an städtebauliche Maßnahmen, die noch immer dem Prinzip des Vorrangs des Individualverkehrs folgen und dem – insbesondere – sozialen Wohnbau, der zumeist unter Billigstbieter  – also strikt ökonomischen Bedingungen – gebaut wird.

Bestimmende Faktoren

Das Zauberwort in der Gesundheitsdebatte sind die sogenannten Gesundheitsdeterminaten, also bestimmende Faktoren für Gesundheit. Diese bestehen aus Persönlichkeitsmerkmalen[5], Faktoren individueller Lebensweisen[6], soziale und kommunale Netzwerke[7], Lebens- und Arbeitsbedingungen[8], ökologische und kulturelle physische Faktoren[9].  Auf sie sollte Gesundheitspolitik und -förderung eingreifen und einwirken, so die stringente Analyse, aus der Ottawa Charta heraus.

Immerhin sind zwei Länder bei der Aufrechterhaltung der Ottawa Ideen explizit und positiv hervorzuheben, Kanada und Schweden. Beide haben diese Konzepte und Vorhaben in eine eigene nationale Gesundheitsstrategie  integriert und ihre gesundheitspolitischen Ziele und Handlungen danach ausgerichtet. In beiden Ländern geht die Entwicklung seit mehr als 20 Jahre voran, endet also nicht in Zielen und Grundsatzerklärungen sondern die Strategie richtet sich auf strukturell implementierte Vorhaben, die den Zielen dienen. Der Paradigmenwechsel ist also nicht nur inhaltlich, sondern in weiterer Folge auch strukturell und finanziell gesichert worden. In Schweden gibt es ein eigenes Institut – das Swedish National Institute of public health (SNIPH)[10].

[11]

Und Österreich?

In Österreich werden die Ottawa Ideen – also die Strategien auf Gesundheistdeterminanten zu richten und eine „health in all policies“ Strategie zu verfolgen – vorrangig von Fond Gesundes Österreich (FGÖ) und dem Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) sowie dem Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG) getragen. Auf der konzeptuellen Ebene haben sich die Ottawa Leitideen in den Fachstellen der Länder und in den Expert_innenzirkeln durchaus festgesetzt. Der gesamtgesellschaftliche Output und die Umsetzung der Strategien blieben in Österreich jedoch eher in den Kinderschuhen stecken.

Hier fällt auf, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem Leitlinien und Zielen und der konkreten Umsetzung große Lücken klaffen. Verschafft man sich einen Überblick über die  verschiedenen Programme und Fördermaßnahmen, so kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, das überwiegend klassische Formen der Präventionsarbeit, die unter dem Titel Gesundheitsförderung firmieren, hauptsächlich individuelle Förderung und Befähigung des/der Einzelnen darstellen und auf den Lebensstil eingreifen. Übergeordnete Strategien und infratsrukturelle Veränderungsprogramme sind selten zu finden; das beginnt bei der unzureichenden Koordination und Vernetzung,  geht zu den fehlenden Rahmenbedingungen und strukturellen Bedingungen und endet bei der konkreten Ausführung von Gesundheitsprogrammen.  Dabei schleicht sich das Gefühl ein, dass der neoliberale Individualisierungsdiskurs dominiert und der Einfluß von mächtigen AkteurInnen (Ärzteschaft, Pharmaindustrie, Wellnesseinrichtungen) konservativ- stabilisierend wirkt. Ökonomische Hintergründe spielen eine große Rolle.

Dies ist keine wesentlich neue Erkenntnis – gerade der Gesundheitsmarkt in all seiner Breite – ist ein Zukunftsmarkt, mit hohen Steigerungsraten und Profiten. Die Individualisierungstendenz in unserer Gesellschaft, die gepaart mit einer Politik der Privatisierung einhergeht, widerspricht der „Public Health“ und der „Gesundheit für Alle“ Idee. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viel Geld im System steckt, aber kaum für öffentliche, gemeinwesenorientierte Steuerung. Berechnungen haben ergeben, dass grundsätzlich strukturelle und langfristige Veränderungen und politische Steuerungen auf die Gesundheit der Bevölkerung  wesentlich mehr und besseren Einfluß hat, als etwa Gesundheitsförderungsprogramme, die meist erst dann eingreifen, wenn die Auswirkungen der Gefährdung  durch soziale und politische Strukturen schon virulent wurden. Wie dies etwa bei Burnoutprogrammen deutlich wird. Der bessere Schutz der Arbeitnehmer_innen, rechtliche Regelungen gegen Prekarisierun g und Billigjobs, Erhöhung der Mindestlöhne u.v.m., wären Teil der Gegenstrategien, die effizienter wären, als Personen, die von Burn Out betroffen sind, zu „kurieren“.

Beseitigung von Ungleichheit – beste Gesundheitspolitik

Diesem in der Ottawa Charta angelegten Gedankengang eindrucksvoll untermauert, hat wohl der englische Wirtschaftswissenschafter und Epidemologe Richard Wilkinson gemeinsam mit Kate Pickett[12]. Wilkinson/Pickett konnten mittels Metaanalyse von Studien aus verschiedenen Staaten beweisen, dass die Beseitigung von Ungleicheit die weitaus größten Gesundheitsverbesserungen erzielen würde. Nämlich nicht nur für die arme Bevölkerung sondern auch für alle anderen Schichten. Und dass dies sich nicht nur an den harten, offensichtlichen Fakten ablesen lässt – Morde, Drogentote u.ä.  – sondern auch an allgemeinen Gesundheitsparametern, wie etwa bei Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfällen und Krebsdiagnosen. Klar wird aus den Wilkinson Erkenntnissen aber auch, dass die alleinige durchschnittliche Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstandes nicht ausreicht. Übrigens eine These, die sich lange aufrecht halten ließ. Man müsse nur die Arbeiter am Wohlstand teilhaben lassen, dann würde es ihnen besser gehen und sie gesünder sein.

Die Daten von Wilkinson/Pickett zeigen, dass es nicht ausreicht, Wohlstand zu erzeugen, es bedarf auch des Ausbaus eines Sozial-/ Wohlfahrtsstaates, der die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft zu minimieren imstande ist. Krasse Beispiele sind etwa die USA oder auch Großbritannien (GB), die als reiche Staaten bezeichnet werden können, aber in nahezu allen Detailkategorien (etwa im Wohlergehen der Kinder oder gesundheitlichen Problemen) eher an einen failed State – einem unterentwickelten, von Korruption und Armut zerfressenen Staat – erinnern, bei dem die Sozial- und Gesundheitssysteme kaum oder nicht mehr funktionieren, als an reiche und entwickelte westliche Industrienationen.  Das liegt nicht am Wohlstand sondern an der Ungleichheit in den genannten Ländern.

Es bedarf aber auch eines Ausbau von Demokratie, die nicht nur als repräsentatives Staatslenkungssystem und Ausgleichinstrument für gesellschaftliche Widersprüche verstanden werden darf, sondern als Basisinitiative, als Grundströmung in einer Gesellschaft implementiert werden muss, welche auf Freundschaft, Solidarität, Nachbarschaftshilfe und Zusammenhalt basiert. Hierarchische Organisationen (Verwaltung, Firmen, Institutionen) hingegen erzeugen Ohnmacht, erzeugen Subordination, Fremdbestimmung, das Gegenteil von Demokratie. Wilkinson Daten und Zahlen belegen das eindrucksvoll. Leute, die subaltern arbeiten, strengen Hierarchien untergeordnet sind, wenig Selbstbestimmung in ihrem Leben erfahren, die sich selbst nicht als politische Subjekte sondern als Objekte wahrnehmen „denen geschieht“, sind anfälliger für Krankheiten, sind vulnerabler und haben eine geringere Lebenserwartung.

Fazit:

Die 30 Jahre, die seit der Verabschiedung der Ottawa Charta vergangen sind, haben eine sprunghafte Bestätigung der damals postulierten Thesen und den damit verbundenen Schlüssen und Vorhaben gebracht. Die Daten, die gesammelt und ausgewertet wurden, haben eindrucksvoll bewiesen, dass nicht die Individualisierung, der Neoliberalismus und der Abbau von Leistungen des Staates uns Menschen gesünder macht und uns länger leben lässt, sondern ausschließlich Formen des solidarischen Miteinander, des Ausgleichs von Ungleichheit, der Erhöhung von Chancengerechtigkeit  und Partizipation (Demokratie in allen Bereichen). Alles in allem ein Pädoyer für den sozialen Wohlfahrstaat. Insoferne sind aber die letzten 30 Jahre aber auch vergebens gewesen. Der Wohlfahrtsstaat wurde desavouiert. Höchste Zeit die nächsten 30 Jahre anzugehen, um das wieder rückgängig zu machen.

Fußnoten:

[1] Ottawa Charta im Wortlaut. http://www.fgoe.org/hidden/downloads/Ottawa_Charta.pdf

[2] Etwa die Jakarta Erklärung 1997. http://www.who.int/healthpromotion/conferences/previous/jakarta/en/hpr_jakarta_declaration_german.pdf

[3] Das biomedizinische System wird von einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Herangehensweise geprägt, fokussiert auf die Krankheit und sucht nach Faktoren auf deren Verhinderung. Arzt/Ärztin sind darin die AkteurInnen, PatientInnen werden in eine passive Rolle (Objekt) gedrängt.

[4] Zu erwähnen sei hier, dass es auch vor der Ottawa Charta bereits zahlreiche Vorarbeiten gab (etwa Alma Ata Deklaration, 1978, u.a.)

[5] Alter, Geschlecht, Vererbung, körperliche und psychische Besonderheiten

[6] Essen, Rauchen, Trinken, Bewegung, Schlaf…

[7] Nachbarschaft, Freundschafen, kommunale Einrichtungen, Partnerschaft…

[8] Arbeitsbedingungen, Beschäftigung bzw. Arbeitslosigkeit, Wohnort und –verhältnisse, Zugang zu Qualität von Gesundheitsdiensten, Theater, Kunst, Sport….

[9] Umwelt, Funktionieren staatlicher Einrichtungen, Rechtsstaat, Stabile Verhältnisse,  Einkommen,

[10] Näheres zum Thema: Soffried, Jürgen Peter: Die Entwicklung nationaler Gesundheitsziele in Kanada und Schweden. Masterarbeit an der Medizinischen Universität Graz, Graz 2006.

[11] Abb. : Fonds Gesundes Österreich, nach Dahlgren, G., Whitehead M. (1991) Policies and strategies to promote social equity in health. Stockholm: Institute for future studies.

[12] Wilkinson/Pickett: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Deutsche Ausgabe, HaffmansTolkemitt, Berlin, 2010. Eine komprimierte Zusammenfassung der Erkenntnisse von Wilkinson/Pickett finden Sie hier: Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Forum 1, 8. Armutskonferenz, 2010.

Mit Verve und Dringlichkeit

In der aktuellen Grazer Wandzeitung Ausreisser #71/16 erschienen, der Artikel „Mit Verve und Dringlichkeit“ Plädoyer für eine neue Bewegung – europaweit.

Hier gehts zum ganzen Artikel.

Auszug:

…Ein Merkmal der aktuellen Lage besteht darin, Ursachen nicht in den Fokus zu nehmen. Strukturelle Zusammenhänge werden selten offen gelegt und Fragen nicht gestellt. Das bleibt elitären Zirkeln und kritischen Wissenschaftler_innen vorbehalten. Ursache und Wirkung werden in öffentlichen Debatten vertauscht oder zumindest verschleiert. Leicht hingegen fällt es, auf aktuelle Phänomene zu reagieren und individuelle Antworten zu geben, also zu personalisieren. Hierin sind große Teile der Gesellschaft völlig konform. Aktion-Reaktion, in diesen Schemata kann die Lösung von Problemen oder eine alternative Sicht auf Ursachen nur in den engen Grenzen des Denk-Erlaubten erfolgen.

Sturm Echo #346

Sturm Protokollant: Wolfgang Gulis
Foto: GEPA Pictures
Gesprächspartner: Franco Foda
Thema: Die Zeit als Aktiver im Sturm-Dress

 Graz, im Mai 2016

Sommer 1997,  ich war mit meiner Familie gerade auf Urlaub in Griechenland. Da läutet das Telefon. Ein gewisser Kartnig ist dran, vom SK Sturm aus Graz. Er suche einen Libero, sie wollen unbedingt Meister werden, der Schupp hat  mich empfohlen. Ob ich nicht kommen will, was mit aufbauen. Nun ja, ich hab nicht nein gesagt, also redeten wir weiter. Ich hatte eine Option mit Basel, war mir da aber nicht ganz sicher. Also hab´ ich Markus Schupp gefragt, wie das so aussieht in Graz: Aufbruch im Verein, Trainer ist der Osim, dazu ein ehrgeiziger Präsident, ein neues Stadion, das gerade im fertig werden war, nette Stadt. Das klang alles ganz spannend und sympathisch und dann hab´ ich mich entschieden.

Es war gut, dass ich vom neuen Stadion schon wußte, denn die Trainingsanlagen und die Gruabn waren zuerst eher abschreckend.  Aber dann das erste Spiel im neuen Stadion gleich gegen den GAK. Ich kannte ja große Stadien, etwa in Stuttgart. Da waren Woche für Woche 60.000 Leute da, aber das Liebenauer Stadion hatte etwas enges, kompaktes und die 15.000 Leut´ machten ordentlich Stimmung. Wer dabei war, vergisst das Match nicht. Ein 4:0 gegen den Stadtrivalen, das muss man sich vorstellen. Die Stimmung war unbeschreiblich. Das Stadion hat getobt. Natürlich standen die Kreativspieler im Mittelpunkt, aber es ist halt auch eine alte Fußballerweisheit, dass die Verteidigung den Grundstein legt. In dem Jahr haben wir nur 28 Gegentore erhalten. Gegen den GAK haben wir  mit einer Dreier Kette gespielt: Milanic und Popovic und ich in der Mitte, als Libero. Mir ist das Spiel auch noch schmerzhaft in Erinnerung, ich hab´ nach einem Zusammenstoß mit dem (Herfried, Anm. d. R.) Sabitzer mit einem Nasenbeinbruch zu Ende gespielt.

Markus (Schupp) und ich waren ja die älteren. Als wir zur Truppe gestoßen sind, war ich im 31. Lebensjahr.  Zu Osim hatte ich ein normales Trainer-Spieler Verhältnis. Er behandelte uns Routiniers mit Respekt, ließ uns Freiheiten am Platz. Aber er verlangte auch mehr von uns, wenn es um das Umsetzen von Anweisungen oder um die Verantwortung für die Mannschaft ging. Das erste Meisterschaftsjahr war schon eine der unglaublichsten Saisonen, die ich miterleben durfte. Wir waren ja schon zu Ostern Meister, dann das lezte Match gegen die Admira. Dann der Auto-Korso in die Innenstadt. Die Stadt stand kopf. Ich hatte ja den Vergleich zu den Cup Triumphen und Siegesfeiern in Kaiserslautern, Leverkusen und Stuttgart. Aber der erste Meistertitel in Graz? Das war nochmal was anderes. Wenn ich an die Herrengasse denke, die voll mit glücklichen Menschen war – das erlebt man nur ein Mal.

Was mir noch in Erinnerung geblieben ist: Mein einziges Meisterschaft-Tor für Sturm. Es war gegen die Austria Wien. Wir haben 3:0 gewonnen. Es war eine Kontersituation, ich bin nach vor gesprintet und habe den Angriff mit dem Fuß abgeschlossen, das 3:0. Übrigens, damals stand der Kreissl im Tor der Austria, unser neuer Geschäftsführer Sport. Ein wirklich wichtiges Tor hab´ich im Cup gemacht. Es war das Finale 1999 gegen den LASK. Ich hab im Elferschiessen den entscheidenden Penalty verwandelt.

Meine Karriere ging dann 2000/2001 zu Ende.  Ich war im 35. Lebensjahr, es war klar, dass ich mit Ende der Saison aufhören würde. Ich war auch verletzt, der Kader veränderte sich, ich bin nur mehr selten zum Einsatz gekommen. Ausgerechnet im letzten Einsatz im Herbst gegen SW Bregenz bin ich dann ausgeschlossen worden. Das einzige Mal im Sturm Dress. Leid hat mir getan, dass  ich beim letzten Match nicht mehr kurz eingetauscht worden bin, um mich von den Fans verabschieden zu können. Ein altes Sprichwort sagt, wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören – und das hab ich getan. Wir waren 2001 ja in der 2. Runde der Champions League, 2x Meister und 3x Cupsieger. Was will man mehr?

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In den schwarz-weißen Protokollen erinnern sich Protagonisten und Statisten der Geschichte des Sportklubs Sturm an herausragenden Leistungen und legendäre Momente.