Verschwundene Orte 1

Liebenauer Hauptstraße 44

Oma war klein, vielleicht 150 cm, als sie älter wurde und schrumpfte, ging sie eher auf 140 cm zu. Sie trug Tag für Tag eine geblümte Kittelschürze – so wie Omas in den 1950-80er das eben trugen. Seit ich mich an sie erinnern kann, hatte sie grau-blau meliertes Haar. Als ich bei den Großeltern lebte, waren beide noch gar nicht so alt. Mitte – Ende ihrer 40er Jahre. Jünger auf jeden Fall, als ich es jetzt bin.  Trotzdem schienen sie für mich uralt und sie sahen — bei Betrachtung alter Fotos — auch so aus; Oma und Opa mäßig eben.

Oma hatte so etwas wie einen Tick. Wenn sie arbeitete und das tat sie bis auf die „Siesta Zeit“ immer. Da saß sie dann am Küchentisch, löste Kreuzworträtsel und trank einen Kaffee. Wobei das eher Milch mit ein wenig Kaffee drinnen war und nicht selten war der Kaffee von gestern und längst abgestanden, aber das machte ihr nichts.  Sie blies immer aus dem Mundwinkel heraus eine tatsächliche oder imaginäre Haarsträhne aus der Stirn. Das war so typisch und ich habe das eigentlich von niemanden anders gesehen, bis auf Franco Foda, der Fußballtrainer – früher bei Sturm Graz, dann ÖFB Teamtrainer – der tat das auch.

Oma war Hausmeisterin in dem Mehrparteienhaus.

Sie wohnte in der ersten Wohnung des Hauses im Parterre, die einen Holzerker besaß. Später – Opa war bereits gestorben – siedelte sie in die zweite Wohnung im Parterre, gleich daneben.

Auf die Straße vorne raus, Richtung Osten war das Haus unscheinbar, einfach strukturiert. Die Fenster in jedem Stockwerk symmetrisch angeordnet. Nur ein Giebel in der Mitte unterbrach die Ordnung. Wollte man zu den Wohnungen, musste man um das Haus herumgehen. Auf der Rückseite, im Innenhof gelangte man zu einem Torbogen und ins Stiegenhaus. Da lagen dicke, breite, abgetretene Bohlen, die fasrig und brüchig waren. Für das beliebte Barfuß laufen im Sommer schlecht geeignet. Wir zogen uns immer Speile ein. Wenn man auf die Bretter stieg, knarzten die meisten. Anschleichen und die Freunde hinter einer Ecke überraschen und schrecken, ging schlecht, die Bohlen verrieten einen.

Oma mühte sich mit dem alten Wänden und Stiegen ab. Sie mussten einmal in der Woche geputzt werden. Bei normalen Wochen fiel der Unterschied nicht wirklich auf. Es sah immer abgewohnt und alt aus, auch die Wände. Manche Schlieren, Kratzer und Kerben waren nicht wegzuwaschen. Im Winter bei Schnee und Matsch war das Reinigen des Stiegenhauses eine richtige Schufterei. Denn dann war Oma jeden Tag beschäftigt. Obwohl sie unten im Parterre Vorsorge traf und für die schneematschigen Schuhe Abstreifmöglichkeiten auflegte, waren die Stufen an solchen Tagen reif für einen Putz. Den Parteien war das egal, denn die sahen ja nur die dreckigen Stiegen und regten sich auf, wenn es „aussah“; wie die Kritik verklausuliert angebracht wurde. Dann musste sich Oma rechtfertigen, dass sie eh erst heute Morgen geputzt habe. Half aber nichts, es musste wieder sauber gemacht werden.

Das Haus gehörte der Konsumgenossenschaft. Rechts im Parterre, wenn man von der Straße aus davor stand, gab es eine Konsumfiliale, mit zwei großen Auslagenscheiben und einem Eingang. Wissen Sie noch, was der Konsum war? Die größte Einzelhandelskette Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Entstanden und entwickelt aus der sozialdemokratischen Genossenschaftsbewegung! Deren Ziel war es, die Nahversorgung der österreichischen Bevölkerung sicher zu stellen. Nach einer Reihe von Expansionsschritten und Fusionen sowie fatalen Fehlentscheidungen kollabierte der „rote Riese“, wie er oft genannt wurde, 1995.

Insgesamt waren 15.000 Mitarbeiter*innen davon betroffen. Dass das einmal passieren könnte, konnte sich niemand vorstellen, war doch der Konsum mit der Bawag – der „Arbeiterbank“ – die institutionelle Stütze der Sozialdemokratie. Konsumjobs galten als so sicher wie Beamtenjobs: Denkste! Mein Vater war einer davon, der in diesem Glauben aufwuchs. Sein gesamtes Arbeitsleben war er stolz, Konsumangestellter zu sein. Bis auf die Lehrjahre, die er bei einem kleinen Greissler in der Triester Siedlung absolvierte, war er immer beim Konsum, mehr als 30 Jahre, bis zum Ende. Als er dann nach dem Konkurs zum Arbeitsamt gehen musste, wie es damals noch hieß; dort, wo er gleich ums Eck einmal eine Konsumfiliale geleitet hatte und alle vom Arbeitsamt kannte, die zu ihm „Jausen kaufen“ kamen, brach eine Welt für ihn zusammen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Auf der Rückseite des Geschäftes waren nach und nach eine Warenhalle, ein Aufenthaltsraum für die Bediensteten, ein Kühlraum und die LKW-Zufahrt, für die Lieferung der Waren, angebaut worden. Von oben betrachtet war das ganze L-förmig. In dem rechtwinkeligen Dreieck, das ein L fabriziert, lag der Hof. Ein abgezäunter Bereich, zuerst nur geschottert und mit ein wenig Gras ausgestattet, später betoniert; zuerst ein Holz-, später eine Betonmäuerchen mit Maschendrahtzaun und Tor. Das musste Oma abends zusperren.

Ich steckte sie mir in den Mund.

Über den Tag hinweg kamen die Lieferwagen, brachten die Waren für den Verkauf. Frühmorgens der weiße Milchwagen. Meist war ich da noch im Bett. Aber riechen konnte ich ihn schon, den unangenehmen typisch säuerlichen Milchgeruch, der dann durchs Haus zog.  Später folgte der kleine, braune Kastenwagen, der das Gepäck brachte. Auch den roch man sofort. Der ganze Wagen schien den Geruch von frisch gebackenem Brot zu verströmen. Manchmal stand er mit offenen Türen im Hof, der Fahrer erledigte den Papierkram und plauderte mit dem Filialleiter, dem Walland Karli, der im Haus im ersten Stock wohnte. Das war der Moment, an dem ich mich an den Wagen ran schlich und Brotkrümel und runter gefallenen Krusten von Semmeln aufsammelte, die auf der Ladefläche gelandet waren. Ich steckte sie mir in den Mund. Ein Genuss.

Als das Oma einmal sah, schimpfte sie mit mir. Schließlich sei das ein dreckiger Boden und was ich mir da alles holen könnte. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass die Brotkrumen dreckig waren. Nur wenn ich ein altes, schon länger liegendes, versehentlich aufnahm, kamen in mir leichte Bedenken auf. Aber ich bekam ein gutes Gespür, für die frischen, gerade erst abgefallenen Krusten.

Im Laufe des Vormittags fuhr der große LKW des Konsums vor. Er brachte Paletten voll Lebensmittel und war mit sonstigem Zeug, was so ein Konsumladen alles verkaufte, beladen. Manchmal, wenn wir im Hof spielten, bekamen wir einen kleinen Bensdorp Riegel vom Fahrer zugeworfen. Leider viel zu selten. Eine meiner Lieblingskatzen dürfte den Gerüchen der Lieferwagen auch erlegen sein und verschwand mit einem von ihnen. Das war zumindest Opas „offizielle“ Erklärung. Möge sie gestimmt haben. Denn dann hätte sie überlebt. Viele andere Katzen, die wir und die Nachbarn im Haus hatten, erlagen dem Autounfalltod, auf der damals schon stark befahrenen Liebenauer Hauptstraße.

Linker Hand des Hauses war ein kleiner Park, geschätzte 10 mal 10 Meter, mit einer wadenhohen Steinmauer eingefasst. Auf einer Seite war er abgerundet. Da führte die Einfahrt zum Hof vorbei. Hinter dem Park, auf der gegenüber liegenden Seite der Zufahrt begann das Firmengelände der Fa. Prochaska. Die hatten Getreidespeicher, einen Mais Silo und Lagerhallen auf dem Gelände. Autos, Traktoren und LKWs kamen und fuhren. Das Gebäude – anfangs noch ein alter Fabrik-Ziegelbau, der dann sukzessive  renoviert und ausgebaut wurde – stand von der Straße und dem 44er Haus aus gesehen, vertikal in 90 Grad und reichte weit nach hinten, Richtung Westen; von der Straße weg. Ein Bürotrakt und einige Wohnungen gehörten dazu. Richtung Norden, für uns Kinder war das eigentlich die Vorderseite, gab es Unterstände für Maschinen und landwirtschaftliche Geräte. Da standen Mähmaschinen, mit Messern vorne dran, Mähdrescher und -wender, Anhänger mit runden kaminartigen Aufsätzen und einem kleinen Förderband darunter. Vermutlich um das Geschnittene auf den daneben fahrenden Traktoranhänger zu werfen. Die ließen allerlei Gruselszenarien in Bezug auf Verletzungen bei uns hochkommen; abgeschnittene Füße, in die Scheren eingeklemmte Hände, Messer, die wir uns durch den Bauch rammten, und vieles mehr, was einem so einfallen konnte. Alle Familienmitglieder warnten praktisch täglich davor, dass wir dort zwischen den Maschinen nicht spielen sollten. Was uns natürlich nicht davon abhielt, genau das zu tun. Soweit ich mich erinnere, ist aber bei den Maschinen nie etwas Schlimmeres passiert; blessuren, blaue Flecken, Aufschürfungen waren normal.

Eine halbrunde Fußballarena.

Stand man vor dem Torbogen des 44er Haus, im Hof und in der Zufahrt zum Konsum, erstreckte sich dahinter ein staubig-erdiger Platz, der rechts (nördlich) und an der Rückseite (westlich) von Einfamilienhäuschen mit kleinen Gärten davor, gesäumt wurden. Links (südlich) stand das Prochaska Haus bzw. die überdachten offenen Unterstände, unterbrochen von Gebäudeteilen. Durch das Ensemble entstand so etwas wie eine längliche halbrunde Arena – unser Spiel- und Fußballplatz. Der ganze staubige Sandplatz war unser Spielplatz, der gehörte uns, für alles was wir tun wollten: Abfangen, verstecken, Fußball, Cowboy und Indianer, Radrennen, Hindernislaufen, „Voda leich ma d´ Scher´“.

In westliche Richtung dehnten wir mit zunehmenden Alter unser Revier aus und stießen bis an den Bahndamm, der das Gelände begrenzte. Da donnerte der Zug Richtung Südosten vorbei, Richtung Feldbach – Fehring. Als wir schon größer waren und ich nur mehr sporadisch bei Oma war, war das beliebte „Spiel“, die Grenze zu überschreiten, durch den Zaun hindurch und auf den Bahndamm zu klettern. Dann legten wir uns hin und warteten auf einen Zug. Die Trasse machte dort eine langgezogene Kurve, sodass die Zugführer uns eigentlich kaum sehen konnten. Wenn sie aus dem Norden vom Ostbahnhof kamen, sah man sie schon auf der Geraden, die am Liebenauer Stadion und der Eishalle vorbei führte. Die Züge kamen nicht mit Höchstgeschwindigkeit vorbei, weil es ging ja Stadtgebiet war.

Aber wenn ein Zug mit 80 Km/h vorbei braust, dann bleibt einem ein bisserl der Atem stehen. Im Laufe der Zeit wurde wir immer kühner und standen auf und pirschten uns so nahe wie nur möglich an. Bis uns ein Lokführer einmal sah und das Horn blies, was uns dermaßen erschreckte, dass wir rücklings runter sprangen und unter dem Zaun hindurch und uns im hohen Gras versteckten, mit pochendem Herzen und angstvollem Blick. Dem gefährlichen Treiben wurde ein Ende gesetzt, als uns eines Tages die Mutter vom Karli gesucht hatte und von anderen Kindern, den kleineren, auf die Spur gesetzt wurde, dass wir uns da am Bahndamm rumtrieben. Das Donnerwetter habe ich verdrängt, muss aber gewaltig gewesen sein.

Kinder gab es genug, sowohl im 44er Haus als auch in den umliegenden Häusern, die sich regelmäßig auf der Arena einfanden. Auch aus den Prochaska Wohnungen lief immer eine Schar in die Arena ein. Wenn wir Buben unter uns waren, wurde eigentlich immer Fußball gespielt. Waren die Mädchen dabei, dann ließen wir uns „halt meinetwegen“ zu irgendeinem anderen Spiel erweichen, um sie nicht vollends zu vergraulen. „Cowboy und Indianer“ war beliebt, bei allen. Wir Buben konnten dann um „die Squaws kämpfen“, sie entführen und an den Marterpfahl fesseln. Die Strommasten boten sich idealerweise an. Das fanden die Erziehungsbeauftragten nicht so toll, denn dann hatten die Mädchen Teerflecken und Holzspäne an den Blusen, Leiberln und Jacken und manchmal auch in der Haut. Aber was eine richtige Squaw sein wollte, musste auch den Marterpfahl überstehen.

Ich hatte alles, um einen richtig cooler Sheriff abzugeben  – Hut, Sheriffstern, Colt und -halfter, sogar Plastiksporen gab´s. Und trotzdem war ich immer lieber Indianer. Es gibt eine Fotografie, auf der ich im Hof vor dem Konsum in einem Indianer Dress posiere. Es bestand aus Hose und Jacke, einem braunen Wildlederimitat mit Franzen an den Armen und einen Häuptlingsschmuck am Kopf. In den Händen hielt ich ein „Gewehr“. Der große Waschküchenlöffel, den Oma benutzte, um die Kochwäsche im Steinbecken umzurühren, war umfunktioniert worden.

Der Arena Boden war hart und steinig.

In der Arena lernte ich gehen, laufen, Fußballspielen, Roller, Rad- und Auto fahren. Am Schoss vom Opa habe ich zum ersten Mal meine Runden gedreht. Ich musste lernen, mit meiner Eifersucht umzugehen, wenn die anderen ohne mich spielten, ich nicht der Mittelpunkt der Welt war und mit meinem Ehrgeiz immer der beste zu sein; was ich definitiv nicht war, auch wenn ich es mir glauben machte. Ich wurde sozial verträglich, auch wenn ich ein „Zornbinkerl“ war, wie Oma immer sagte, und mich schnell beleidigt zurück zog. Diese Charaktereigenschaften hatte ich mir wohl von Opas Familienzweig geholt.

Ich wurde seelisch und körperlich abgehärtet. Der Arena Boden war hart, steinig und staubig. Dort hinzufallen führte zu Blessuren, Schürfungen und blutenden Wunden. Wie oft das am Tag passierte, kann ich gar nicht zählen. Kaum ein Tag, wo ich nicht mit einer Abschürfung  in die Wohnung kam. Ich lernte, mich ans Dunkle zu gewöhnen, darin zu sehen und davor keine Angst zu haben, weil wir spielten solange bis uns die Erziehungsberechtigten in die Wohnungen riefen.  Manchmal war es dann schon finstere Nacht.

Die Erwachsenen ließen uns meistens in Ruhe. Nur der Harald, etwas jünger, aber groß gewachsen, aus einem Haus, am westlichen Ende der Arena,  der wurde öfter barsch nach Hause zitiert. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir jemals im Haus der „Resch“ waren. Hm, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war der ziemlich arm. Er wirkte immer geknickt, eingeschüchtert und ängstlich. Er war ein unbeholfenes Kind, konnte schlecht Fußballspielen und war auch sonst langsam und tollpatschig in allem, was wir taten. Und er durfte oft nicht raus in die Arena, obwohl wir sahen, dass er zu Hause war und hinter den Fenstervorhängen herauslugte. Er hatte aber auch etwas hinterhältiges, unterschwellig Aggressives. Meistens konnte er es kontrollieren, manchmal schoss es jedoch eruptiv aus ihm heraus. Dann stellte er einem Gegenspieler beim Vorbeilaufen einfach ein Bein oder schlug unvermutet wirklich zu, wenn er beim Cowboy und Indianer Spielen nur Schläge andeuten sollte.

Zu den Erwachsenen; manchmal schrie einer aus dem Haus, dass wir nicht so laut sein oder den Ball nicht dauernd gegen die Wand knallen oder die Autos in Ruhe lassen sollten. Nur einmal erinnere ich mich, dass mein Opa wutentbrannt, mit hochrotem Kopf in die Arena stürmte und einen Jungen – der nicht direkt aus den Arena Häusern stammte, sondern aus dem Nachbarsgarten und etwas älter als wir waren – rüde von mir wegriss und laut schreiend nach Hause schickte. Ich weiß nicht, ob mich meine Erinnerung täuscht, aber es konnte sogar sein, dass er dem Jungen eine runter gehaut hatte. Wir waren ineinander verkeilt und rauften; wie halt Buben das oft taten. Vielleicht war ich im Schwitzkasten und brüllte oder was weiß ich, was los war. Mir war der cholerische Anfall und die rüde Intervention Opas etwas peinlich.

Aber so waren die Männer in meiner Familie insgesamt, lange Zeit ziemlich herzensgute und umgängliche Genossen, ein wenig proletarisch, ein wenig derb und ungehobelt, aber die meiste Zeit friedlich. Aber wenn sie in Rage gerieten, dann ging die Post ab, dann konnte man sie mit einem Stier vergleichen. Dann war kein Halten mehr. Besonders Onkel Rudi – eigentlich war er der kleine Bruder von Opa, also mein Großonkel, war ein Heißsporn, speziell auf dem Fußballplatz. Der war nicht einmal in Raufhändel verwickelt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Ein Koloss von Zugmaschine.

Die Fa. Prochaska hatte bei ihren Lagerhallen eine Rampe in Kinderschulterhöhe, um die Materialien leichter ein- und ausladen zu können. Davor, parallel dazu, waren im Boden Gleise eingelassen. Etwa einmal im Monat kam ein riesiger LKW, der einen langen, flachen Schlepper zog, auf dem ein gedeckter Waggon verankert war. Die Anlieferung des Waggons erzeugte Aufruhr. Der Spezial-LKW, der den Güterwaggon brachte, war selbst ein Koloss von Zugmaschine. Man hörte sein schweres, tiefes Dieselaggregat schon von weitem die Liebenauer Hauptstraße entlang kommen. Ein Zugbegleiter hüpfte vom LKW runter, winkte mit einer roten Fahne, um den entgegen kommenden Verkehr anzuhalten, damit der LKW ausscheren und einbiegen konnte.

Dann fuhr der LKW mit dem Waggon auf das Prochaska Gelände und brachte den Waggon am Beginn der Schienen an der Rampe zum Stehen. Das Kunststück war, den Waggon in die verlegten Schienen im Boden hinein gleiten zu lassen. Der Güterwaggon wurde losgezurrt und langsam runter gelassen. Der LKW hatte ein großes Zugseil an der Rückseite der Kabine, mit dem konnten sie ihn langsam über die Rampe hinunter in die eingelassenen Geleise lassen. Mittels Zugseil und Bremsklötzen rückten die Arbeiter ihn dann an die richtige Stelle.

Der Waggon stand zwei-drei Tage zum be- und entladen. Neben Maschinen wurden auch große Säcke geliefert. Vermutlich Getreide, aber es waren auch Baumaterialien dabei. Zementsäcke, Ziegel, Holz. Schließlich wurde er wieder abgeholt, das Prozedere verlief umgekehrt. Der LKW mit dem Waggon Huckepack drauf, scherte in die für ein paar Minuten gesperrte Liebenauer Hauptstraße ein und verschwand Richtung Bahnhof.

Die erste Wohnung bestand genau genommen aus zwei Zimmern, war rechteckig angelegt, ohne WC und ohne Badezimmer. Nur ein Spiegel und ein kleines Waschbecken in der „Küche“, für die kleine Wäsche, das Zähneputzen und das Rasieren von Opa. Es war ein unbequemer, nicht selten bitterkalter Gang mit dem großen WC Schlüssel über den Hof (20 Meter?) Man musste eine alte verwitterte Holztüre öffnen, dahinter zwei Stufen hochsteigen, den Schlüssel in ein altes Schloss stecken. In einem hohen, schmalen, kahlen und kalten Raum stand die Toilette. Die eisige Klobrille, die auf den Oberschenkeln anzufrieren schien, bleibt mir immer in Erinnerung. Das Geschäft so schnell wie möglich erledigen, die Kette ziehen und nichts wie raus und zurück ins Warme.

Auf die Liebenauer Hauptstraße mit zwei Fenstern ausgestattet, Richtung Osten war der eine Raum. Richtung Westen, mit einem Fenster und einem Erker, zu dem ein paar Stufen hinaufführten, der andere. Der Erker war Opas kleine Werkstatt. Links von der Tür stand ein Kastl, mit zwei Schubladen und darunter Stauraum fürs Werkzeug. Sägen, Schraubenzieher, Rohrklemmen, Franzosen, Zangen aller Art und es gab einen Schraubstock, auf dem Opa arbeitete und reparierte. Eine Holzbank, die auch gleichzeitig die Kohlen beherbergte, stand unter dem Fenster, auf der man sitzen und ich als ich noch klein war, stehen konnte, um aus dem Fenster und auf den Hof und die Arena zu schauen, um jederzeit zu wissen, was läuft.

Das vordere Zimmer, jenes Richtung Westen, war von den Großeltern unterteilt worden, in einen Wohnzimmerbereich im östlichen Teil und einer Küche im westlichen Teil. Für mich schien das normal, dass das gefühlte zwei Zimmer waren. In Wahrheit war der Raum nur durch einen Vorhang getrennt, der in etwa 2 Meter Höhe endete. Die Halterung übrigens, hat mein Opa selbst gebastelt, aus Wasserinstallationsrohren, die er an den Wänden und im Boden verankert hatte.

Es funktionierte. In meinen Kopf und wohl auch in denen der ganzen Familie waren das immer zwei Zimmer. Die waren auch dementsprechend unterschiedlich eingerichtet. Hinten stand der Fernseher, eine Couch, ein kleiner Tisch und zwei bequeme Wohnzimmersessel. Im Eck verbreitete ein Kohleofen nicht nur Gestank, sondern auch Wärme.

Der vordere Teil war die Küche mit einem Ofen/Herd, einem Küchenschrank, einem ausziehbaren Tisch, zwei Sesseln, einer Holzbank und einem Waschbecken, sowie einer Abwasch. Da wurden die Familienessen abgehalten, saß die Familie zu Weihnachten zusammen, bis drinnen im Schlafzimmer die Glocke läutete und das Christkind kam.

Farb TV für Arme.

Opa hatte schon früh auf einen „Fernseher gespitzt“ und sobald er das Geld zusammen hatte, stand ein solcher im „Wohnzimmer“. Doch bald kam die Farbe in die Bildschirme. Aber die Geräte waren noch ein bisserl zu teuer für den Opa. Also beschloss er, sich eine färbige Glasplatte zu kaufen, die vor dem Bildschirm verankert wurde. Die gab´s damals zu kaufen, als TV Zubehör. Die Glasplatte barg Farben in sich; von Blau (oben)  über rot-orange-braun Töne in der Mitte bis grün unten. Das war Farb-TV für Arme. Es sollte Farb-TV imitieren, sah aber eher komisch aus, denn nur in den seltensten Fällen passte die Farbabstufung auf der Glasplatte mit dem tatsächlichen Geschehen am Bildschirm zusammen.  Wenn einer Person etwa am unteren Bildrand im Bett lag, so war das Gesicht grün.

Das Haus hatte einen recht tief gelegenen Keller. Der Abgang – mit einer Doppeltüre ausgestattet – war neben dem breiten Torbogen und es ging steil hinunter, geschätzte 30 Stufen.  Es war ein nicht verputzter Ziegelabgang mit Bögen. Unten angekommen kamen rechts die jeweiligen Abteile der Hausparteien, die dort meist ihre Kohlen und das Holz gelagert hatten. Solange sie in dem Haus wohnte, hatte Oma immer nur Holz-Kohleöfen. Das Material dafür schleppte sie bis zum Schluss vom Keller herauf. Oft halfen ihr die Söhne, einen Vorrat rauf zu transportieren, sodass sie nicht mehr so oft gehen musste, bis wieder einer sie besuchen kam. Wobei Onkel Andi wesentlich konstanter war, der hatte einen fixen Nachmittag, an dem er sie besuchte.

Am Ende des Ganges war die Waschküche. Eine dunkle und kalte Angelegenheit – auch aufgrund des groben Beton- und Terrazzobodens und der dunklen Fliesen. Das besondere war ein großer Waschtrog, im Raum einbetoniert, der für die Wäsche diente, aber auch für das Kinderbaden geeignet war. Als ich klein war, wurde ich in einem Blechschaffel gebadet, das im Sommer auch draußen im Hof stand, in dem ich planschen konnte. Die Wäsche in dem Trog zu waschen, war ein schwerer Job. Für uns Kinder war das zwar aufregend und interessant, aber Oma schöpfte den ganzen Tag und war am Abend erledigt, es tat ihr alles weh. Dann kam auch mein „Indianer Gewehr“ zu seinem eigentlichen Einsatz und verwandelte sich in einem großen Waschlöffel, mit dem heiße Wäsche im Trog umgerührt wurde.

Dass ich bei den Großeltern meine ersten sechs Jahre verbrachte, erschien mir so normal, dass ich keinerlei Gedanken verschwendete, dass es anders sein könnte. Dienstagnachmittag verpackte mich der Opa und brachte mich zur Mama. Er holte sie vom Frisiersalon in der Innenstadt ab und brachte uns beide ins Stiftingtal. Mama hatte nämlich am Mittwoch ihren freien Tag; nicht wie man annehmen möchte den Montag, an denen der Legende nach alle Frisiersalons geschlossen hielten. Bei meinen Eltern blieb ich bis Mittwochabend, dann holte mich Opa wieder. Dasselbe spielte sich Samstagmittag ab. 

An ein Ereignis kann ich mich erinnern, wenn es nicht überhaupt eine meiner frühesten Erinnerungen ist. Mama sollte mit Opa im Auto kommen und ich wartete, hatte meinen Posten im Erker auf der Bank bezogen. Ich war schon ungeduldig. Da bog ein Auto ein, hatte eine ähnliche Farbe wie Opas Auto und ich war überzeugt, dass sie das wären sie. Das Auto blieb im Hof stehen. Eine Frau stieg aus; ich los, runter von der Bank, die Tür aufgerissen, die paar Stiegen hinunter und auf die Frau los und ihr in die Arme. Und da erst bemerkte ich, dass es weder Opa mit seinem Auto noch Mutter war, die ich inniglich umarmt hatte. Die Scham brachte mich zum Weinen, sie sagte irgendetwas Nettes zu mir, aber da war schon alles passiert. Ich lief zurück in die Wohnung und versteckte mich im Bett.

Du, der Karli hat jetzt seine Karin geheiratet.

Ich hatte zwei Freunde im Haus, die etwa 2 Jahre älter waren, als ich. Den Peter und den Karli. Im Nachhinein betrachtet, waren die beiden eigentlich sehr nett, denn  sie waren sozusagen moralisch verpflichtet worden, mit mir zu spielen – der guten Nachbarschaft der Erwachsenen willen – und auf mich aufzupassen, obwohl 2 Jahre in dem Alter wirklich viel sind. Aber sie bemühten sich sehr und wir wurden auch wirklich Freunde.

Das war auch der Impuls für mich, ihnen möglichst bald und schnell ebenbürtig zu sein und ihnen nicht zur Last zu fallen. Ich konnte bald Roller fahren, Radfahren, spielte Fußball mit und war einer von den aufgeweckten, den Wilden; wohl um zu kompensieren, dass ich schmal und klein und 2 Jahre jünger war. Als ich dann aus der Schule draußen war und die Besuche bei der Oma immer seltener und sporadischer wurden, verlief sich die Freundschaft mit den Beiden auch. Klar, sie heirateten, gründeten eigene Familien, zogen weg. Oma war immer die Überbringerin der neuesten Nachrichten – „…Ja mei, du der Karli hat jetzt seine Karin geheiratet…“ – und der lieben Grüße, die man sich gegenseitig schickte.

Am Vorabend des 26. Oktobers musste Onkel Andi kommen, der Bruder meines Vaters, um mit Oma auf den Dachboden zu gehen und die große Rot-Weiß-Rote Fahne auszupacken und sie an einer langen runden Holzstange zu befestigen und durch einen Ausguck an der Vorderseite des Hauses rauszuhängen. Damit das Haus ordentlich beflaggt war, für den Nationalfeiertag. Das war immer der Tag, an dem ich auf den Dachboden kam und mit Staunen den Staub, den Duft, die schmalen Lichtstreifen durch die Ziegel und die Sachen, die da oben rum lagen, zu bestaunen.

Opa war einer von der Sorte „richtig zum lieb haben und knuddeln Opa“. Er spielte mit mir, war lustig, immer zu einem Streich aufgelegt, ließ mit sich ganz viel anstellen und brachte oft etwas mit, wenn er heimkam; entweder ein Stück von der Arbeit oder was zum Naschen oder spielen. Opa schenkte mir meinen ersten Teddy, da war ich 1 Jahr alt, er fast gleich groß, wie ich. Als ich ins Spital wegen eines Leistenbruches musste, bekam ich eine Ritterburg, als ich das überstanden hatte und brav war. Der Teddy sitzt heute noch bei mir im Schlafzimmer. Dass Ritter, Cowboys, Autorennfahrer und Indianer wild durcheinander um die Vorherrschaft auf der Burg kämpften und dass dies historisch und geografisch nicht ganz zusammen passte, wurde mir erst später klar. Hinderte mich aber nicht daran, einfach so weiter zu machen und es schön zu finden.

Opa war Installateur bei der Fa. Brandl und die verschiedenen Rohre, mit denen er zu tun hatte, faszinierten mich, vor allem die Verbindungsstücke, mit denen die Rohre zusammengesteckt wurden, das Fett, mit denen er die Gewinde einschmierte und der Hanf, der um das Gewinde gewickelt wurde. Es war daher nicht verwunderlich, dass ich bald mehr mit dem Schraubstock, der im Erker stand, spielte und „arbeitete“ als er. Ich spannte Rohre ein, sägte und schliff, fettete ein und steckte zusammen. Mein liebstes Spiel war, dass die Oma bei der Fa. Brandl anrufenmusste, weil in der Wohnung was kaputt war. Es musste dringend ein Installateur kommen. Ich kam und reparierte den Schaden. Dass ich in die Fußstapfen von Opa treten und Installateur werden würde, war damals für die Familie völlig klar. Doch mit Schulbeginn ließ das Interesse nach. Es kam dann ganz anders.

Und so waren meine ersten Jahre sehr okay. Dass ich die meiste Zeit bei Oma und Opa lebte, war für mich ganz normal, dass wir nicht reich waren und die Eltern und Großeltern beide hart arbeiteten, hinterfragte ich nicht. Die ganze Gegend rund um mich herum, war nicht reich.

Oma sprach ein wenig anders.

… und das fiel mir als kleiner Bub natürlich überhaupt nicht auf. Erst später, als ich in die Schule ging. Sie schrieb in Kurrent, die alte Schreibschrift im deutschen Sprachraum. Das war ja damals in den 1960er bei den älteren Menschen durchaus nicht unüblich. Als Kind und Halbwüchsiger konnte ich Kurrent lesen, nicht rasend schnell aber doch, so dass ich Briefe, die sie an ihre Schwester in Freiburg schrieb oder Postkarten, die sie von dort bekam, entziffern konnte. Oma konnte auch die lateinische Schrift, aber man merkte ihr an, dass sie die erst später, als Erwachsene erlernt hatte. So flüssig ging ihr das nicht von der Hand. Aber Oma hatte auch spezielle Begriffe und Satzkonstellationen, die ich nur bei ihr hörte. Es war eindeutig Deutsch, aber in Graz eben unüblich. Zum Beispiel sagte sie, wenn sich ein Unwetter zusammenbraute, „wird a Wetter kemman“.

Später als ich größer wurde, löste sich das Rätsel auf. Ich erfuhr, dass Oma aus Ostpreußen-Vorpommern, aus dem Gebiet um Stettin, kam. Damals in den 1930er Jahren gehörte das zum deutschen Staatsgebiet, heute liegt das in Polen. Wie es sie hier nach Graz verschlagen hatte, war gar nicht so leicht rauszukriegen und es war keine lustige Geschichte. Alles begann Ende 1940 – Anfang 1941, mitten im Krieg. Opa war freigestellt, wegen wirtschaftlicher Interessen der Firma. Er war auf Montage nach Norden geschickt worden und da er kein Kind von Traurigkeit war, wie ich später nach und nach heraus fand, hat er meine spätere Oma, die ein junges, hübsches Mädel war, im Zug einfach angequatscht oder angebraten, wie wir heute sagen würden.

Offensichtlich hat er ihr auch gefallen. Auf jeden Fall haben sie sich wieder getroffen. Naja und wie es so ist, haben sie ein „Pantscherl“ angefangen und prompt hat es – salopp gesagt – eingeschlagen. Mein Vater reifte in Omas Bauch. Oma arbeitete auf einem großen Gut in der Nähe von Stettin in einem Nest namens Barminslow, als Arbeiterin, Haushaltshilfe oder Magd – so etwas in der Art. Ostpreußen und Vorpommern wurde später von den Russen eingenommen und die deutsche Bevölkerung musste nach Ende des Krieges verschwinden.  Im Zuge des Zusammenbruches des deutschen Reiches zerriss es auch die Familie. Ihre Schwester und deren Mann flüchteten nach Schleßwig-Holstein. Ein Bruder von ihr war nach Wittenberge gezogen. Dass war ja dann bald DDR. Zwei sind – meiner Erinnerung nach – im Krieg gefallen. Eine Schwester landete in Freiburg im Breisgau. Mit der hatte sie zeitweise Kontakt, die habe ich sogar kennengelernt.

Als die Montage-Zeit zu Ende ging, brachte er das schwangere Mädel mit nach Graz. Die war aber todunglücklich, kannte keine Menschenseele hier und war häufig allein. Den Zwischentönen zu entnehmen, war mein Opa auch nicht unbedingt ein Familienmensch und war häufig lieber unterwegs, als zu Hause bei einer Schwangeren zu sitzen. Mein Vater wurde in Graz geboren. Aber deswegen wurde es nicht besser. Oma litt an Heimweg, packte schließlich ihre Sachen und das Kind und fuhr zurück nach Barminslow, zu ihrer Mutter. Dass kam meinem Opa nicht ganz ungelegen. Das mit Familie und Kind war nicht seins. Da machte ihm aber seine Mutter – meine Urgroßoma – einen Strich durch die Rechnung und las ihm die Leviten. Es gab Rabatz. Sie machte ihm die Hölle heiß und drängte ihn, zu seinem Kind zu stehen und die beiden nach Graz zu holen.

Er fuhr ihr wohl oder übel nach und holte sie wieder nach Graz. So, jetzt saß die Oma, mit dem kleinen Joachim in Graz in dem 44er Haus und war noch immer einsam und todunglücklich. Die Uroma war zwar bemüht, aber die wohnte nicht dort und musste selbst arbeiten und schließlich war Krieg und 1942 wurde es immer prekärer.

Zusammen im Luftschutzbunker.

Die einzigen, mit denen sie Kontakt hatte, waren die Nachbarn. 1943 kam ein zweites Kind, der Onkel Andi. Danach musste Opa einrücken. Er wurde nach Jugoslawien beordert. Nachdem der Krieg in eine neue Phase eingetreten war und paranoide Durchhalteparolen den anfängliche Siegesrausch ablösten, wurde das alltägliche Leben immer anstrengender. Der erste Bombenangriff auf Graz fand bereits 1941 statt. Richtig los ging es aber ab 1944. Graz war eines der meist bombardierten Ziele Österreichs. Also fand sich Oma mit ihren zwei kleinen Buben, häufig mit den anderen Frauen zusammen im Luftschutzbunker. Sie standen gemeinsam Ängste aus und halfen sich gegenseitig. Das war zwar furchtbar, aber es schweißte die Frauengemeinschaft zusammen. Das Haus wurde glücklicherweise nie direkt getroffen. Nach dem Krieg zerrte Oma von dieser Gemeinschaft und bekam später, nachdem sie zuvor in der Brauerei Puntigam als Arbeiterin tätig war, den Hausmeisterposten im 44er Haus.

Opa kam mit dem Rückzug und dem Zusammenbruch der Südfront der Heimat immer näher. Die offizielle Version lautete, dass er in Celje in Slowenien von der Truppe desertiert sei, mit einigen Kameraden gemeinsam und sie sich zu Fuß nach Graz durchschlugen. Opa war die letzten Tage vor der Kapitulation bereits in Graz und wurde als U-Boot versteckt. Man erwartete sehnsüchtig das Ende des Krieges.

Eines Tages Anfang Mai 1945 verdichteten sich die Gerüchte, dass die Front bereits ganz nah war. Es war ein Wettrennen zwischen den Russen, aus dem Osten, den Tito-Partisanen aus dem Süden und den Engländern aus dem Westen. Plötzlich – eines Tages – standen russische Kampftruppen im Hof. Oma sagt immer, dass sie so gehofft hatten, dass die Engländer als erstes kommen würden. Aber es war die Russen. Grimmig dreinschauende und ihre Waffen im Anschlag haltende, verdreckte und erschöpfte ehemals junge Gesichter, schauten sie misstrauisch an. Das war kämpfende Truppe, die schon alles hinter sich hatten und zu allem bereit waren.

Die ersten Stunden waren sehr angespannt, die Frauen kamen aus den Luftschutzbunkern mit den Kindern und rotteten sich zusammen. Die Russen durchkämmten jedes Haus, jede Wohnung und die Keller. Opa fanden sie nicht. Man hatte von den Russen schreckliches gehört, was die alles tun würden, wenn sie als erstes kommen und schlimme Rache nehmen würden. Aber zumindest in dem Hof des 44er Hauses geschah nichts, abgesehen von ein paar Unfreundlichkeiten und Handgreiflichkeiten. Nach ein paar Tagen kamen Nachschubtruppen, das war keine kämpfenden mehr, das war für die Verwaltungsaufgaben ausgebildetes Personal. Es begann sich zu normalisieren, Opa tauchte irgendwann auf, wurde kontrolliert und überprüft und durfte sich dann frei bewegen. Nach ein paar Wochen rückten die Engländer in Graz ein und übernahmen die Verwaltung. Der Wahnsinn hatte ein Ende. Was blieb, war die materielle und soziale Not, von der ethischen und moralischen mal abgesehen.

Meine Eltern waren sehr jung, als ich unterwegs war.

Das war Anfang der 1960er. Ich war der Grund, warum sie heirateten. Ein Foto von der Trauung in der Kirche zeigte meine Mutter Ende Jänner und man sah kaum einen Bauch. Ich kam Anfang Mai bereits auf die Welt. Der Liaison gingen einige Dramen voraus. Als die Eltern meiner Mutter von der Beziehung erfuhren, wurde sie von meinem anderen Opa windelweich geprügelt. Als er erfuhr, dass sie schwanger war, warf er sie aus der Wohnung. Sie stand buchstäblich auf der Straße. Sie zogen in die Liebenauer Hauptstraße. Mama erzählte, wie sie aus der Innenstadt – die anderen Großeltern wohnten in der Kaiserfeldgasse – mit dem Leiterwagen nach Liebenau schlichen. Da in der Wohnung zu wenig Platz war, schließlich wohnte auch Andi – der  jüngere Bruder – noch zu Hause, bezogen sie notbehelfsmäßig eine Souterrainkammer, die eigentlich ein Heizungsraum war, in dem die Heizungsrohre verliefen.

Papa war gerade erst von seinem Militärdienst abgerüstet und bekam glücklicherweise bald danach eine Anstellung beim Konsum. Mama war Friseurin und begann bald nach meiner Geburt beim Frisiersalon Dietmar zu arbeiten. Das war auch dringend notwendig, denn die junge Familie konnte nicht länger dort bleiben. Es musste eine Wohnung her. Das Glück fügte sich, mein Vater wurde als Konsummitarbeiter in die Stiftingtalstraße geschickt. Dort gab es eine kleine Filiale. Glücklicherweise gab es im gleichen Haus darüber auch eine Wohnung. Und so kamen meine Eltern ins Stiftingtal. Und ich blieb in Liebenau, bis ich in die Schule kam.

Als Opa relativ früh starb, Ende der 1970er – er wurde nur knapp 60 Jahre – war Oma wieder alleine. Sie machte die Hausmeisterei weiter, zog irgendwann einmal in die Nebenwohnung, im Parterre des Hauses, die nur unwesentlich anders war. Zwei relativ große Zimmer, eine Küche, ein Wohn-Schlafzimmer. Der Vorteil war nur, dass ein Klo und Bad in der Wohnung waren. Sie hausmeisterte solange, bis sie das auch nicht mehr schaffte. Die Besitzer des Hauses wechselten auch. Es gehörte nunmehr der Fa. Prochaska. Und die waren so nett und boten der Oma eine neue, kleinere Wohnung in einem der neuen Häuser am südlich-westlichen Rand der Arena an.

Als sie aus dem 44er Haus auszog, war ihr ums Herz schwer, sie hatte ihren großen Teil des Lebens darin verbracht, ihre Söhne und Enkeln aufgezogen, gute wie schlechte Zeiten erlebt und doch war es – schweren Herzens und erst nach einiger Zeit – ihre Heimat geworden. In der neuen Wohnung bliebt sie, bis sie am Ende ihres Lebens glaubte, in einem Altersheim glücklicher zu werden und nicht so alleine zu sein, was sich als fataler Fehler erwies. Als sie diesen einsah, war es zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Nach etwas mehr als einem Jahr starb sie. Sie war im 86. Jahr.

Die Fa. Prochaska zog sich vom Standort zurück, verkaufte nach und nach die Gebäude und Liegenschaften an eine Automobilverkaufsfirma. Anfangs war die ehemals alte Konsumfiliale noch der Schauraum für die neusten Automodelle. Dann wurde der Schauraum auf der ganzen Front des Hauses ausgebaut und schließlich wurde das 44er Haus einfach dem Erdboden gleich gemacht. Das musste Oma aber glücklicherweise nicht mehr erleben. Heute erinnert nichts mehr daran. Weder das Haus, noch der Park noch das Prochaska Haus, noch die Arena gibt es noch. Das alles sind Autoverkaufsplätze und Schauräume. Ich wüsste heute nicht mal mehr, wo die Wohnung von Oma gewesen hätte sein können.

„Zur Almruh´“ – Das Stückfragment

Zum Stück:

„Zur Almruh´“ ist ein performatives Theaterfragment, das auf der Basis der gleichnamigen Vorlage, geschrieben von Wolfgang Gulis, von der Theatergruppe Dagmar unter der Regie von Jürgen Gerger Anfang Februar 2019 im Jugendzentrum Echo zur Aufführung gelangte.

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Zum Inhalt:

Das Stück spielt in einem imaginären Ort in Österreich, in einer entlegenen Pension, in der Asylwerber untergebracht sind. Ein Flüchtlingshelfer Herr Reiter kommt seinen Klienten besuchen. Burkay Seraffettin lebt dort als Flüchtling. Er kommt aus den kurdischen Gebieten der Türkei. Er ist bereits vor einigen Jahren nach Österreich gekommen.

Der Flüchtlingshelfer, der als Psychotherapeut bei einer NGO engagiert ist, bemüht sich, Herrn Burkay im Asylverfahren zu unterstützen und gleichzeitig ihn zu unterstützen, die grausamen Verfolgungen und Folterungen, die er erlebt hat, zu bewältigen. Herr Burkay hält das Warten auf den Bescheid kaum mehr aus.

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Just an dem Tag gibt es auch eine Kontrolle durch die verantwortliche Abteilung des Landes. Frau König, eine resolute Beamtin, die unter den Flüchtlingen gefürchtet ist und auch mit Hilfsorganisationen und Helfern oft im Streit liegt, kommt den Gasthof besuchen. Herr Reiter und Frau König kennen sich aus vielen Zusammenhängen und treffen immer wieder aufeinander – durchaus nicht konfliktfrei.

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Weiters spielen noch die „Wirtsleute“ eine wichtige Rolle; Herr Verderber, der Besitzer des Gasthofes und seine Frau, die ursprünglich aus NRW/Deutschland stammt; beide sind für die Versorgung der Asylwerber*innen verantwortlich. Allerdings leitet Frau Verderber den Betrieb. Herr Verderber ist für die bäuerlichen Aktivitäten und Reparaturen zuständig. Mehr geht bei ihm auch nicht, da er alkoholkrank ist. Der Gasthof liegt sehr entlegen, in über 1.000 Meter Seehöhe und war früher Ausflugsziel für Sommerfrischler und Wanderer. Dieses Geschäft läuft aber schon lange nicht mehr. Die Existenz der Beiden hängt von der Beherbergung der Asylwerber*innen ab. Ausgerechnet an diesem Tag schneit es heftig und bald wird den Beteiligten klar, dass die beiden Gäste nicht mehr zurück in die (Landes) Hauptstadt fahren können. Die Straßen sind blockiert. Die „Gäste“ müssen im Gasthof bleiben.

Schauspieler*in:

Jürgen Gerger – Herr Reiter, Herr Verderber

Eva Hofer – Frau Verderber, Frau König

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Omid Salek – Burkay Seraffettin

Regie: Jürgen Gerger

Text: Wolfgang Gulis

Musik: Wolfgang Gulis

Dank an das Team des Jugendzentrums ECHO und JUKUS, sowie dem Theater im Bahnhof und Anton Hüttmayr für Sounds und Geräusche.

Textauszug:

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Herr Reiter: „Grüß Gott!“

Frau Verderber:„Tür zu!“,

Verderber: „Der Herr Reiter! Was wollen Sie schon wieder hier?“

Reiter setzt sich an die Bar. Sie widmet sich den Gläsern.

Reiter: „Bei so einer netten Begrüßung, Frau Verderber, möchte man gleich zum Essen bleiben.“

Verderber: „Was soll das heißen?“

Jürgen: Reiter: „Nichts, nichts, wieso…“

Verderber: „Naja, weil, woher wissen Sie, dass …“

Reiter: „… war nur Spaß“, …

Verderber: „Sie waren ja erst letzte Woche da?“

Reiter:„… Na, na Sie sind ja ein richtiger Wachhund.“

Verderber: „… Naja, man muss schon…“

Reiter: „… im Gefängnis ist er ja nicht, oder?“

Verderber: „Nein, … aber es kann auch nicht jeder einfach so …

Reiter: „Ein jeder …“

Verderber: „…kommen.“

Reiter: …kommt ja auch nicht, sondern ich.“

Frau Verderber: „Paah. Eben alles muss man sein: Aufpasserin, Köchin, Putzfrau, Sozialbetreuerin… da soll man noch den Kopf behalten. Und dann  gibt’s dauernd Kontrollen, mir wird das langsam schon zu viel, das sag ich Ihnen. Und dann kommen sie auch noch…“

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Visionen eines Gastwirts. Es tritt auf Herr Verderber:

Es war einmal ein Jäger, der ging zu Wald in eine öde Wildnis, dort zu jagen. Da kam er einem Tiere auf die Fährte, als er dieses aber endlich entdeckte, wünschte er es nimmermehr gesehen zu haben, denn es war ein mächtiges Einhorn, welches sich gegen ihn stellte. Eilig wandte er sich zur Flucht, und stets verfolgte ihn das Einhorn, bis er auf eine steile Felswand kam, deren schroffen Abhang tief unten die Wellen eines dunklen Sees bespülten.

In dem See schwamm ein ungeheurer Drache, der den Rachen gähnend aufriss, und plötzlich glitt der Jäger aus, und wäre gerade hinab in den See und in des Drachen Schlund gestürzt, wenn er nicht an einem – einer Felsritze entsprossten – Strauch sich festgehalten hätte. Da war nun des Jägers Lage eine todängstliche. Droben stand, wie ein Wächter das schreckliche Einhorn, drunten lauerte auf seinen Hinabsturz der greuliche Seedrache. In dieser Not ward seine Angst und Qual aber noch vermehrt, denn mit einem Male erblickte er zwei Mäuse, eine weiße Maus und eine schwarze Maus; die begannen an den Wurzeln der Staude zu nagen, und der Jäger vermochte nicht, sie hinweg zu scheuchen, weil er sich mit beiden Händen anhalten musste.

So musste er jeden Augenblick gewärtig sein, dass die Wurzeln des Strauchs diesen nicht mehr halten würden. Über ihm stand ein Baum, von dem träufelte süßer Honig nieder, und gar zu gern hätte der Jäger diesen Baum erlangt, denn damit meinte er aller Qual erledigt zu sein, und über den Baum vergaß er aller ihm drohenden Gefahr. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen, aus seiner dreifachen Qual erlöst zu werden, oder ob die Mäuse des Strauches Wurzeln ganz abgenagt haben?

Radioapparat:
In unserem schönen Land gibt es heute überall – zum Teil heftige – Schneefälle. Die Temperaturen liegen bei – Minus 4 Grad bei etwa 800 Meter und -1 Grad in tiefen Lagen. Besonders heftig wird der Schneefall heute bis gegen Abend, vor allem im Norden, sowie dem Nordosten. Da können es bis in die Abendstunden bis zu 70-80 cm werden. Aus der Landeswarndienstzentrale wurde uns mitgeteilt, dass die Schneeräumgeräte bereits im Einsatz sind, dennoch kann es in entlegeneren Gebieten zu zwischenzeitlichen Straßensperren kommen.“

Reiter: „Na bravo. Dann sollte ich dazu schauen, dass ich bald weg komme, damit ich nicht…

….

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Burkay, Tagebuchauszug:

„Ich schreibe seit ich klein bin. Ich schreibe über meine Flucht. Ich schreibe seit ich klein bin über meine Flucht die mir nicht gelingt. Aus dieser Welt sage ich immer. Aus dieser Welt. Der aus einem Dorf kommt in dem die hohen Berge Üppigkeit nicht zulassen die wilde Winde schicken die Schneestürme bis ins Tal begleiten die keine Wiesen aufkommen lassen. Der der aus einem Dorf kommt das in der Kargheit nicht auszuhalten ist weil nur Stein und Geröll über den Häusern liegt und nichts wächst außer Schafe und Ziegen die sich von dem Nichts ernähren können. Die sterben wenn es Feste zu feiern gibt dann wird man wissen was man mit all den Teilen machen kann mit den Teilen aus dem das Ganze besteht. Dann wird man im Dorf Bescheid wissen aus welchen Teilen  das Schaf besteht und was davon sie ernähren kann – wie ein Puzzle zusammengesetzt. Und was ist denn schon der Mensch anderes  als ein Puzzle aus vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Nur anders. Ich schrei

be weil ich da in der Einöde nichts anderes kann.“

Nun Papa, ich halte inne. Denke darüber nach, was dich interessieren hätte können, wenn wir uns so nah gewesen wären, dass ich dir einen Brief hätte schreiben können. Und dann, was ich Dir erzählen hätte wollen, nachdem wir uns so nah waren, wie ich es mir nicht gewünscht hatte.

Als wir nebeneinander, verprügelt und gedemütigt, mit unseren Schmerzen und stinkend, in unserem eigenen Kot, Blut und Urin lagen und in der gleichen Lage waren. Da hatte ich Mitleid mit dir, mehr als mit mir selbst und ich schämte mich dafür, dass ich für meinen Vater Mitleid empfand. Da war ich nicht mal 19. Und dass mein Vater zur gleichen Zeit das gleiche erlitt, wie ich, dass wir auf Augenhöhe waren, das machte aus mir etwas. Weißt du Vater, man sieht es uns an. Auf meiner Reise begegnen mir viele, denen man es ansieht, dass sie auch dort gelegen sind und etwas in sich tragen, was mehr als nur der Schmerz ist, denn sie zu ertragen hatten. Aber Papa, dir sieht man nichts mehr an, gar nichts.

König: Auf jeden Fall lassen wir uns das von euch nicht mehr länger gefallen, dass ihr uns die ganze Zeit so hin stellst, als würden wir die Flüchtlinge schlecht behandeln und willkürlich agieren.

Reiter: „Aber gut behandelt tut ihr sie auch nicht, oder?“

König: „Na was denn. Sie sehen doch, wie wir uns bemühen. So gut, wie es halt geht. “

Reiter: „Ging aber schnell?“

König: „Was? … Wir haben … haben uns das schon viel zu lange gefallen…

Reiter: „Ich meine, die Inspektion…“

König: „Was? … Inspektion?“

Reiter: „Ich meine, die ging aber schnell die Inspektion!“

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König: „Ah so, der Rundgang. Ja, warum, waren eh überall unterwegs? Haben uns eh alles angeschaut. Auch den Sanitärbereich, der ist tipp-topp.“

Reiter: „Weil er heute ordentlich geputzt worden ist!“

König: „Das ist sauber und basta. Sie haben ihn nicht gesehen. Also seien sie still. Und wenn alles gut ist, brauch ma da jetzt net lang….

Reiter: „Wollen sie sagen, dass hier alles in Ordnung wäre?“

Frau König: „Na was brütet ihr da aus? Können´s auch nicht schlafen?

reiter: „Na net so richtig.“

König: „Was läuft?“

Reiter: „Der Herr Burkay hat seinen Text vorgelesen.“

König: „Wos?“

Reiter: „Ja dem Burkay seinen Text.“

König: „Der schreibt?“

Reiter: „Er schreibt.“

König: „Wos und sie können türkisch?“

Reiter: „Nein eben nicht, er schreibt es auf Deutsch.“

König: „Des gibt’s jo net.“

Reiter: „Doch, das gibt’s. Ich hab´s nur verbessert.“

König: „Und wos schreibt er?“

Setzt sich dazu.

Reiter: „Na, er schreibt sein Leben auf.“

König: „Wie ist er darauf kommen?“

Reiter: „Na er schreibt immer schon gerne, hat er mir erzählt und ich hab´s ihm vorgeschlagen, aus therapeutischer Sicht…“

König: „Aha und das…“

Reiter: „Ja das kann er, und wie!“

König: „Kaum zu glauben.“

Reiter: „Ist aber so. Wollen Sie was hören?“

König: „Naja hab eh nichts besseres zu tun.“

Reiter: „ Wären sie einverstanden, wenn die Frau König es auch hört?“

Burkay nickt : „ … Der Schmerz an meinem Ohr reißt  mich aus meinen Tagträumen. Meine Mutter holt mich von meinem Lauschposten weg, denn ich habe einen Job zu erledigen und …

König: „Was für ein Lauschposten? Wenn ich fragen darf.“

Reiter: „Also er ist ein Bub und sitzt vor dem Zimmer, in dem der Opa mit den anderen Dorfältesten zusammen sitzt und beratschlagt.“

König: „Ah alles, klar, danke. Jetzt kenn ich mich aus.“

Burkay: … ah also… den Job zu erledigen, den … ja …habe ich noch nicht erledigt. Und deswegen habe ich Schmerzen am rechten Ohr. Ich muss die Ziegen holen und füttern. Na so was aber auch, dass es meine Mutter wagt, mich an den Ohren fortzuziehen. Noch ist mein älterer Bruder etwas zu jung, für das Dorfschützersystem, aber in zwei Jahren, ist es soweit. Und dann muss er Dorfschützer werden, wenn es Opa nicht gelingt, das Schicksal abzuwenden vom Dorf. Ich werde sicher kein Dorfschützer. Ich mag die Peschmergas viel lieber, die sind geheimnisvoll. Auch wenn ich im Moment, an den Ohren gezogen zu einer niedrigen Arbeit von Mutter getrieben, nicht so heroisch da stehe. Nicht so, wie man das von einem zukünftigen Peschmerga erwartet….

Frau König: „Was sind die Dorfschützer und was ist ein Peschmerga?“

Reiter (seufzt): „Also das Dorfschützersystem … wie erklär ich das.“ Überlegt. „Die türkische Regierung hat das eingeführt. Alle jungen Männer – so ab 15, glaub ich – werden militärisch trainiert, erhalten Waffen und werden in Einheiten zusammen gezogen, um das Dorf gegen die kurdischen Freischärler – die Peschmergas – zu verteidigen.

Burkay: „Man muss sich entscheiden. Entweder für Regierung oder für Peschmerga.“

Frau König: „Ah so, danke.“

Burkay: „…Wenn sie in der Nacht auftauchen und plötzlich da sind und flüstern und rauchen und bei Opa im Wohnzimmer sitzen, nur die Chefs natürlich, da darf nicht ein jeder rein. Und dann mit vollen Säcken wieder gehen, so leise und unauffällig, wie sie gekommen sind. Das ist schon aufregend.“

Frau König: „Einen Moment bitte, ich muss mir was zum Trinken holen.“

Reiter: „Na dann warten wir halt auf das auch noch.“

Omid: Burkay: „Hat das Sinn?“

Reiter: „Ja, ja,… vielleicht bekommt sie dann mehr Verständnis für ihre Lage.“

Burkay nickt.

König: „So da la, perfekt. Jetzt könn ma weiter machen.“

Zur Almruh´

Gruppe Dagmar:
Regie: Jürgen Gerger
Text und Musik: Wolfgang Gulis
Schauspieler*innen:
Jürgen Gerger
Eva Hofer
Omid Salek

Ein abgelegener Berggasthof, „Zur Almruh´“ irgendwo in der Welt, gar nicht sooo weit weg, aber doch ganz schön weit. Dort sind Asylwerber untergebracht – oder Asylanten – oder Flüchtlinge, was auch immer, ist ja wurscht. Die sind vom Ministerium da rauf geschickt worden und die Wirtsleut´ versorgen und beherbergen die. Das Land beaufsichtigt das alles, damit nichts sein kann.  „Ja mei, die brauchen halt auch das Geld und wo sollen wir denn die alle unterbringen?“  So …so Hilfsorganisationen sind da auch immer wieder da, die tun einzelne Insassen betreuen, psychologisch und rechtlich. Tun so, als wären die alle traumatisiert.

Und just wo die alle zusammen kommen, schneit es gar arg und sie können nicht mehr weg. Wie es so ist, nimmt das seinen Lauf.

Alles in allem, eine ziemlich unglaubwürdige Geschichte, die so schon längst nicht mehr so stattfinden kann, wie sie beschrieben wird. Gell, glauben Sie auch nicht! Sonst wäre das ja eine richtige Farce und täte von Inkompetenz und fehlenden Konzept nur so strotzen! Wir schreiben das Jahr 1992, nein 2003 oder war es 1998 oder 2011, egal, sagen wir einfach es ist 2019!

Mehr gibt es darüber nicht zu sagen

Schreibkraft #33: Anlegen

Ein nie gedrehter Film

Manifeste Irritation

 

Ich werde einen Traum gehabt haben, der sich in meinem Gehirn wie ein Film abgespult haben wird. Szene für Szene, realistisch, wie es immer heißt – keine surrealen Verzerrungen, keine endlosen Wiederholungen, kein Kippeffekt ins Alptraumhafte – wird dieser Traum – oder Film? – abgespult werden. Zu Beginn wird die feine Gesellschaft gesehen worden sein, die sich, ihre Koffer, ihre Gepäckstücke und ihre Abendgarderobe unter Plastikhüllen geschützt, vom Personal an Bord getragen haben lassen wird. Alle werden sie angetan gewesen sein, mit dem feinsten Tuch und prächtigsten Stoffen, das ihnen mit ihren – durchaus nicht ganz kleinen — Gehältern bezahlbar erschienen war. Prächtige Gestalten werden sich da in der Szenerie bewegen, aufgeregt über den Aufbruch zur großen Kreuzfahrt, die sie an fremde Gestade gebracht haben wird, zu der sie sonst nie gekommen wären. Bis eine Stimme mich erinnert, dass sich in der Anlage das gewünschte Dokument befindet. Ich schrecke auf und wusste, dass die Basis eine Szene aus meiner Vergangenheit war …

Wie vorhergesagt

Der „Präsident“ rief und „wachelte“ mit seinen Armen. Er stand neben dem Tor im 16er und rief uns zusammen: „Genug aufgewärmt – Kommt her!“ Unser Aufwärmprogramm – so auch heute – bestand darin, den Torhüter „warm zu schießen“, was immer das heißen mochte. Torhüter! Klingt hochtrabend, die Wahrheit war, wir hatten keinen fixen. Es ging irgendwer ins Tor. Einer, der sich breitschlagen ließ und nur mit dem Versprechen, dass er nach einiger Zeit „ganz sicher“ abgelöst werde. Undankbarer Job.

Ich muss mich korrigieren, eine Zeit lang war bei unserer Truppe auch ein richtiger Goalie – wie wir die Torhüter zu nennen gepflegt hatten – dabei. Der kam tatsächlich, um im Tor zu stehen, hatte Tormannhandschuhe mit, entsprechende – an den Hüften wattierte – Torhüterhosen und war mental gerüstet dafür, sich auch mal in den „Gatsch“, direkt vor dem Tor, zu werfen. Man konnte sehen, dass der das gelernt hatte, sich nach dem Ball zu „schmeißen“. Aber das war nur eine Phase, die ging vorbei, wie alles.

Wir hatten keinen Präsidenten. Das war nur sein Spitzname. Wir waren in unseren besten Zeiten nicht mal ein Verein. Wir waren einfach eine lose, ungeordnete und anarchische Truppe von jungen und nicht mehr ganz so jungen Leuten, die gerne in der Freizeit kickten.

Der Haufen war undiszipliniert und unberechenbar. Wenn du zum Platz kamst, wusstest du nie, was dich erwartete: Gähnende Leere oder wildes Gewusel. Manchmal standen wir zu zweit da, das andere Mal hätten wir 11 gegen 11 spielen können; was aber für den Platz eh zu viel gewesen wäre. So groß war der nicht. Wer kam, kam. Je schlechter das Wetter wurde, desto kleiner wurden die Tore und das Feld. Dann ging es oft nur mehr 3 gegen 3.

Heute war es anders. Wir spielten gegen eine andere Mannschaft, was bei uns selten vorkam. Meistens ging´s ja einfach gegeneinander, in zwei Teams aufgeteilt. Zwei wählten die Leute aus, mittels „Heu – Stroh“. Irgendwer blieb dabei über, als Letzter geholt. Ich war glücklicherweise nie darunter, war gut genug, dass ich bald einmal gewählt wurde. Aber den Moment, an dem man als Letzter da stand und gnadenhalber genommen werden musste, den möchte keiner haben, darauf konnte ich gerne verzichten.

„Also – Leute – wie legen wir es denn heute an?“

„Na, flach spielen, hoch gewinnen“. Kurzes Gelächter. Einer schimpfte:

„Phrasenschwein“.

„Okay, lustig ja, aber wenn wir bestehen wollen, und ihr wisst die sind gut, wir haben schon einmal verloren gegen sie…“ eine dramaturgische Pause, verstärkte die Information,

„…dann müssen wir taktisch klug spielen und eine Ordnung hineinbringen.“

Er blickte Charles an, der ihm gegenüber stand.

„Du gehst bitte wieder ins Tor.“ Charles war wie immer alles andere als erfreut, empörte Körperbewegungen machten das deutlich. Obwohl er sich mittlerweile schon Tormannhandschuhe gekauft hatte.

Er schaute in die Runde, erblickte die beiden.

„Gernot, Gerd, ihr im Mittelfeld?“ Mit einer fragenden Satzmelodie. Ein leichtes Nicken – eher ein zu-Boden Blicken war die Folge. Wie immer man das zu interpretieren hatte.

„Aber bitte mit noch hint´n a gehen und defensiv arbeiten!“ Dann wanderte sein Blick:

„Peter! Mitte – rechts vorne und Alfi, du links vorne. Kurt, ich und Paul, wir machen hinten dicht.“ Kurze Pause, Rundumblick.

„Leo, Heinz und Güllit, ihr kommt rein, wenn die ersten müde werden.“ Er ließ die Info sacken.

„Wir spielen zuerst einmal abwartend. Schau ma, dass ma gut stehen, nix zulassen und dann schnell nach vor. Aber net zuvü hohe Bälle, ihr wisst da Peta hat´s mit dem Stoppen net so.“ (Gelächter). Peter lacht mit.

„Die sind jünger und schneller. Wir haben die Erfahrung, also spielen wir sie aus. Keine unnötigen Dribblings, lasst´s den Ball laufen. Füße schonen und bitte alle drauf gehen, wenn sie den Ball haben…Okay?“

„OKAY?!“ Einige ließen sich zu einem müden Okay verleiten. Andere schauten skeptisch.

„Gut, dann gemmas an.“ Alle klatschen in die Hände und es ging zum Mittelkreis.

Als wir auseinander gingen, wussten viele, dass die Ordnung nicht lange halten wird. Nach ein paar Minuten taten wieder alle, was sie immer taten, nämlich dass, was sie wollten oder glaubten, am besten zu können. Dementsprechend rannten die einen – überall und immer – dem Ball nach. Die anderen wollten immer und jederzeit angespielt werden, tricksten dann, bis sie den Ball verloren hatten und wieder andere blieben stehen und warteten, bis sie angespielt wurden, weil sie ja die große Chance auf ein Tor haben würden. Und von wegen „größere Erfahrung“. Wir spielten aus Spaß, jeder für sich, die Idee des Mannschaftssportes nicht verstehend. Es war so wie immer. Man lernt den anderen am besten am Fußballplatz kennen. Das ist gut, tut aber auch weh. Von der taktischen Überlegung war das Ganze in der Theorie nicht schlecht. Aber es kam so, wie vorhergesagt. Es hielt sich niemand dran. Wir verloren 3:5.

Nie gedreht

Doch in all der geschäftigen Vorfreude und dem hektischen Gewusel der aufgeregten Passagiere wird sich ein Riss eingeschlichen haben, der anfangs gar nicht bemerkt werden, sich aber ständig verbreitert haben wird. Anfangs wird er nur durch eine leise musikalische Andeutung gekennzeichnet worden sein und sich schließlich zu einer manifesten Irritation ausgewachsen haben. Es wird Bezug auf das Ende der Reise genommen und deutlich gemacht werden, dass diese Kreuzfahrt so nicht enden wird, wie es der Anfang versprochen und wie es der Autor angelegt gehabt haben wird.

Es wird ein Film (oder Traum?) gewesen sein, der nie gewesen, der nie gedreht worden ist, weil die Mittel dafür fehlten und das Geld für den Spielfilm nicht aufgebracht werden konnten. Es wird ein Film gewesen sein, der äußerst spannend begonnen haben wird, jedoch ab der Mitte nicht konsequent zu Ende geführt werden wird. Das dringlichste Problem, das der Film gehabt haben wird, so die einhellige Meinung des Fachpublikums, wird sein unklarer Schluss gewesen sein. Denn so spannend der Aspekt gewesen wäre, dass das Schiff in keinem Hafen in der Nähe anlegen wird können, weil über das Kreuzfahrtschiff die Quarantäne ausgerufen worden sein wird. So wenig werden die Hintergründe beleuchtet geworden sein. Der Drehbuchautor hätte zum Beispiel auf gruppendynamische Prozesse eingehen können, die es in der kritischen Situation auf engem Raum mit vielen Menschen, die sich fremd gewesen sein werden, entspinnen hätte können. Als Zuseher wäre man ziemlich im Dunkeln gelassen worden. Zur Orientierung wenigstens in der Anlage, die Skizze des Schiffes und die Liste der zu spielenden Personen.

Nach vor, kein Zurück

Am späten Vormittag sahen wir die Silhouette von Mombasa. Erleichterung machte sich breit und der Gedanke machte sich breit, wir hätten das ärgste überstanden. Tags zuvor, am Nachmittag waren wir, ich, Michael und Heidi – im Hafen von Sanzibar auf die Dau gestiegen. Nicht weil es so geplant, sondern das der schon dringlichen Situation geschuldet war. Bis dahin saßen wir auf der Insel fest und wir ja mussten zu unserem Flieger nach Mombasa, wofür wir Tickets hatten, zurück nach Europa.

Es war der Endpunkt einer fünf Wochen langen Tour durch Ostafrika, angefangen in Nairobi, über Arusha. Von dort aus organisierten wir drei Safaris in den Nationalparks von Lake Manyara, dem Ngorongoro Krater und der Serengeti. Am zweiten Tag am Zeltplatz wurden wir fast das Abendessen eines Rudels Löwinnen. Wirklich, kein Scherz, ich hab etwa ein Meter vom Zelt entfernt die frischen Löwentatzen gesehen. Die Fahrer der Jeeps waren geistesgegenwärtig genug und verjagten sie.

Dann wollten wir unbedingt auf den Kilimandscharo. Aufgrund des schlechten Wetters musste die Mission auf 6.100 Meter abgebrochen werden. Ich war da gar nicht mehr mit, mich hatte die Höhenkrankheit nieder gestreckt und ich konnte um 1 Uhr früh nicht aufbrechen und im eisigem Schneesturm zum Gipfel aufsteigen. Das war zu viel. Wir waren auch nicht richtig ausgestattet und vorbereitet auf die Mission. Aber auch professionelle Bergsteigergruppen hatten an diesem Tag einfach Pech, es ging nicht. Minus 15 Grad und 150 Kilometer Windspitzen.

Als Belohnung der Strapazen hatten wir uns einen Bungalow direkt am Meer gegönnt und wollten uns dort erholen und die Seele baumeln lassen. Aufgrund der Einnahme von Malaria Prophylaxe Mitteln hatte ich jedoch nicht viel davon. Inmitten der schönsten Sommerurlaubsidylle – paradiesisches weiße Strände, türkis-blaues Meer – hatte ich Depressionen, melancholische Anfälle und Einsamkeitsschübe. Michael und Heidi ging es besser, die tollten am Strand und im seichten Wasser umher, spielten exzessiv Karten, Streitpatience, salopp „Schikanieren“ genannt und tranken sich am Abend die Welt schön.

Irgendwann – so nach einer Woche – wurde uns bewusst, dass wir unsere Rückreise nach Mombasa/Kenia noch nicht organisiert hatten. Daher machten wir uns nach Sanzibar Town auf, um das zu erledigen. Wir dachten, wir könnten von Dar es Salaam aus mit Bussen, die Küste entlang nach Mombasa, kommen. Doch das war ein kolossaler Irrtum; das war kompliziert und dauerte viel zu lange – da hätten wir gestern schon los fahren müssen. Bis wir das heraus hatten, war ein Vormittag weg. Also Variante 2 – der Schiffsweg nach Mombasa! Nahm wieder viel Zeit in Anspruch. Die Passagierschiffe fuhren zwar regelmäßig, aber Tickets zu bekommen, war nicht leicht. Nach stundenlangem Herumstehen, anstellen, warten, verhandeln, das eine und andere Schmiergeld verwenden, darüber möchte ich mich aber nicht weiter auslassen, hielten wir schließlich nach weiteren vier Stunden, Tickets für eine Schiffpassage in der Hand.

Zurück ins Hotel, gemütlichen letzten Abend verbringen, an der Bar, die unten am Eck Alkohol ausschenkte und zwei provisorische Tischchen im Freien stehen hatten. Praktischerweise stand am nächsten Eck gleich ein Hendl-Griller. Der Abend wurde lang, richtig lang, weil Matrosen ebenfalls ihren letzten Abend feierten und uns okkupierten. Das war eine Zeitlang ziemlich lustig und schräg. Die meisten waren aus Pakistan und ließen es nochmal richtig krachen. Ab einem gewissen Alkoholpegel wurde es aber mühsam. Die hatten nämlich vor, alles zu ficken, was irgendwie verfügbar war und das waren mitunter auch wir. Bis wir uns aus ihren Avancen, Umarmungen befreit und ihre Schnapsrunden abgewehrt hatten, war es 3 Uhr. Wir kamen halbwegs heil aus dem Schlamassel und fanden uns rechtzeitig und am richtigen Tag am richtigen Pier im Hafen ein.

Wir warteten am Hafen. Es war drückend heiß, der Kopf waberte, der Kreislauf rotierte. Schweißgebadet standen und saßen wir herum. Kein Schiff in Sicht, niemand wusste was. Angeblich habe es Verspätung. Stunden vergingen. Was tun? Es waren viele Leute, die warteten. Nervosität breitete sich aus. Wir würden den Flieger versäumen, wir würden den Flieger versäumen! Irgendwann kam ein Hafenbeamter und erklärte, das Schiff könne nicht fahren, weil es eine Havarie habe. Morgen zu Mittag würde ein Frachtschiff fahren, da könnten wir dann mit. Havarie, Frachtschiff – klang alles nicht sehr vertrauenserweckend.

Also stolperten wir zurück in die Stadt. Verzweifelt waren wir, hatten einen Hangover. Aber wir mussten darauf vertrauen, dass das stimmte, was der Kollege in Uniform uns sagte. Der stammte übrigens aus einem alten Kolonialfilm – „der Saustall“ mit Philippe Noiret. Wir quartieren uns in einem sehr billigen Zimmer ein, auf einem Matratzenlager zu Dritt am Boden liegend.

Tatsächlich fuhr das Frachtschiff am nächsten Tag. Es war eine große alte Schaluppe, eine Dau, wie in der Gegend gebräuchlich. Es war völlig überladen, nicht nur mit Fracht, sondern auch mit Passagieren. Alle jene, die gestern nicht weggekommen waren, tummelten sich heute auf der Dau. Es war ein wüstes Gedränge, Gerenne und Geschiebe. Alle versuchten einen halbwegs guten Platz zu ergattern, um die Überfahrt zu überstehen. Kabinen gab es keine, alle an Deck. Überall lagen Ballen, standen Benzinfässer, große Kiste herum. Dazwischen lagerten die Passagiere. Irgendwann – es schien endlos – waren dann alle an Bord, hatten einen Platz und es konnte losgehen.

Daus sind Segelschiffe. Dieses hatte einen kleinen Manövriermotor, um aus dem Hafen raus zu kommen. In der Mitte war es flach und breit. Dickbäuchig könnte man sie nennen und spitz und hoch an den beiden Enden. Das WC – eine kleine Hütte, die nach hinten offen war – stand am äußersten Ende hoch oben. Wie beschrieb das Michael so schön, wenn ein Schiff dahinter fahren würde, hätte es hoch oben die nackten Ärsche jener sehen können, die sich gerade erleichterten.

Die Dämmerung begann, endlich ging es los. Aus dem Hafen draußen, blähte der Wind die Segel und die Dau nahm Fahrt auf. Allerdings wurde der Seegang auch rauer. Die Fahrt durch die Nacht wurde zu einem wüsten Ritt durch den Indischen Ozean, die Küste entlang Richtung Norden, gen Mombasa. Kaum jemand an Bord, der nicht seekrank war. Ich lag durch eine Palette etwas erhöht am Boden – was gut war, denn das Wasser sollte ein Problem werden – neben Dieselfässern und Ballen, die irgendetwas weiches beinhalteten, man konnte sich als ganz gut drauf bequem machen. Überall lag irgendwer, Kinder, die weinten oder kotzten, oft beides oder hing über der Reeling und machte das vertraute Geräusch.

Das schwere und ungelenke Schiff taumelte durch die riesigen Wellenkämme und -täler. Unten am Boden liegend, sah man die nächste Welle sich vor einem auftürmen und auf einen zu rasen, oben am Kamm blickte man – einer Achterbahn gleich – in die Tiefe. Bis zum Morgengrauen war alles nass und verdreckt. „Und jetzt stellen Sie sich vor, dass sie da aufs Klo gehen müssen; in die Hütte hoch hinauf, auf das letzte rausragende Brett und versuchen dort ihr Geschäft zu machen!“ Auf dem Weg dorthin warf es einem irgendwo hin, auf einen anderen Menschen, gegen ein Fass oder einen Ballen. Wenn das Schiff nach vorne taumelte, kam einem das Wasser entgegen geschossen. Die Höhe – war man endlich angelangt – war beängstigend, da musste man gar keine Höhenangst haben. Der Blick allerdings hinaus aufs Meer, hoch oben, der war atemberaubend. Wenn man ihn genießen hätte konnte.

Als der Morgen graute, wurde es nicht besser, weil man mit dem heller werdenden Tag das Ausmaß des Seegangs zu sehen bekam. Irgendwann am Vormittag kam Land in Sicht. Die See wurde ruhiger. Der Motor wurde eingeschalten und wir tuckerten auf Mombasa zu. Das war kein normaler Hafen, wie wir uns das so als Europäer*innen vorgestellt hatten: Keine richtigen Anlegestellen, keine betonierten Ladestationen, nichts von all dem. Und als das Schiff neben zwei anderen Schiffen zum Stehen kam und am nächsten festgezurrt wurde, da wurde mir bewusst, dass wir jetzt über zwei Schiffe hinweg, mit unserem Gepäck aussteigen mussten. Ich glaubte es anfangs nicht. Aber die anderen Passagiere begannen bereits ihre Hab und Gut, ihre Bündel, Taschen, Säcke und Koffer, aufzusammeln und es zur Backbord Seite zu tragen.

Sobald das Schiff verzurrt war, begannen sie ihre Sachen über die hölzerne Schiffswand zu wuchten und auf sie zu steigen, holten die Kinder hoch und reichten sie rüber, aufs andere Schiff. Dann sprangen sie selbst rüber. Das blüht uns auch, dachte ich mir und verfluchte den Tag, an dem wir auf dieses Boot stiegen. Die Schiffswand war etwa 30 Zentimeter breit, auf dem man stehen  konnte; wie ein – sich in alle Richtungen bewegender – Schwebebalken. Der Spalt zwischen den Schiffen war oft bis zu einem Meter breit. Alles war ständig in Bewegung und nicht immer synchron. Wir bereiteten uns vor. Michael, der Größte von uns machte, machte den Anfang. Er kletterte rauf, wir hielten ihn. Er wartete einen günstigen Moment ab und sprang auf die Bordwand des anderen Schiffes.

Das alles mit einem 25 Kilo Rucksack am Rücken. Er fand das Gleichgewicht, sprang ins Innere des Bootes. Dann folgte Heidi, ihren Rucksack warfen wir rüber. Sie schwankte da oben, stand mit schlotternden Knien und hatte fast den Moment verpasst, an dem die Schiffe einigermaßen synchron waren. Aber sie schaffte es auch. Ich als letzter, das gleiche Prozedere. Ich blickte zwischen den beiden Booten in die Tiefe und mir stockte kurz der Atem. Was passierte, wenn ich auf dem nassen Holz ausrutschte oder den Halt verlöre, was wenn ich da in die Brühe hinunter stürzte? Würde ich zerquetscht werden, oder mit dem Kopf an einen der Wände aufschlagen und das Bewusstsein verlieren und ersaufen? Aber so durfte ich nicht weiter denken. Augen voraus, Konzentration auf die Aufgabe. Den richtigen Zeitpunkt abwarten und…

Wir schafften es, alle drei. Wir überquerten auch noch das zweite Schiff, machten die gleiche Prozedur nochmal mit, bis wir endlich an Land waren. Nur eine Thermoskanne lockerte sich aus dem Rucksack und fiel in die Tiefe. Das war verschmerzbar. So eine Form von anlegen, hatte ich nie wieder und werde es wohl auch nie mehr wieder haben.

Dramaturgische Konstellationen

So unklar wird sich das ganze Dilemma in einer kuriosen und bizarren Schlussszene aufgelöst haben, ohne weitere Informationen für die Zusehenden oder Zuhörenden, was eigentlich der Grund für die Quarantäne tatsächlich gewesen sein wird. Aber alle, die den Film nicht gesehen haben werden, weil er nie gedreht werden konnte, jedoch ihn erzählt bekommen haben werden, werden von der Grundkonstellation angetan gewesen sein. Insbesondere die klaustrophobische Situation auf dem Schiff und die zunehmende Aufhebung der Hierarchien und gesellschaftlichen Normen, sowie die Rationierungen der Essensversorgung und die Einschränkung des Wassers hätten interessante dramaturgische Konstellationen hervorrufen können. Doch, wie gesagt, es wird alles nur ein Hirngespinst und ein Traum gewesen sein. Daher wird es auch kein weiteres Attachment geben. Der Text wird verschollen bleiben. Nur zwei Szenen werden übrig geblieben sein und die werden vordergründig nichts mit dem Film gemein gehabt haben, aber dennoch der Link gewesen sein, worin sich der Film angelegt haben wird. Mehr gibt es darüber nicht mehr zu sagen.

„Der Polizist hat mir den Scheibenwischer gezeigt“

Sturm Protokolle:

Gesprächspartner:  
Ludwig „Luki“ Krentl,
Stadionsprecher-Legende
 Thema:  
22 Jahre Stadionsprecher, „die Stimme Sturms“
 Protokollant:
Wolfgang Gulis
 Foto:
GEPA Pictures
 Ort, Zeit:
Graz, im September 2018

Als der Hannes Kartnig gesagt hat, ob ich das bei Sturm nicht auch machen möchte, ist ein Bubentraum in Erfüllung gegangen. 30 Jahre bin ich damals schon Sturm Fan gewesen, bin immer in der Gruabn gestanden und war fasziniert, auch vom Schrey (Günter Schrey, der damalige Stadionsprecher Anm. d. Red.), der eine Legende war. Ich war schon seit einigen Jahre bei der Eishockey Mannschaft EC Graz  Stadionsprecher und der Kartnig damals Doppelpräsident bei EC Graz und Sturm.

Also debütierte ich im Juli 1996 zum ersten Mal als Stadionsprecher in der Gruabn, es war ein 0:0 gegen Austria Salzburg. Ein Jahr später, im Juli 1997 war dann die Eröffnung  des neuen Stadions in Liebenau.  Da war alles anders, alles neu. Nur leider das Eröffnungsspiel hab´ ich nicht ansagen dürfen, weil der GAK ja Veranstalter war. Dafür habe ich das seltene Vergnügen gehabt, eine GAK Partie moderieren zu dürfen – oder besser gesagt: müssen. Ich hab nämlich eine Wette verloren gegen den Oliver Kölli, den Stadionsprecher vom GAK, laufen gehabt. Und ausgerechnet da haben wir 0:5 verloren. Bei einem der nächsten Heimspiele vom GAK bin ich mit einem T-Shirt auf dem Platz, an dem vorne groß 0:5 aufgedruckt war. Und obendrein musste ich mit „Begeisterung“ die Aufstellung des GAK ansagen. Ich hab das

so gut gemacht, dass ich Szenenapplaus von den GAK Fans erhalten habe.

In so einer langen Laufbahn machst du natürlich auch eine Reihe von Fehlern, gar keine Frage. Einmal hatte ich eine Werbung vom TV-Sender Steiermark 1 anzusagen. Ich sag´ den vorgegeben Text und dann zum Abschluss noch: „Also liebe Stadionbesucher beim nächsten Mal Radio aufdrehen“ oder so. Ich dachte wirklich, dass sei ein Radiosender. An einen zweiten Versprecher erinnere ich mich auch noch gut. Nach Ende des Matches habe ich immer mein Sprücherl aufgesagt: „Wenn sie motorisiert sind, fahren sie vorsichtig und kommen sie gut nach Hause“. Aus irgendeinem Grund – wir haben vorher was anders geredet – war ich unkonzentriert und hab´gesagt: „Wenn sie alkoholisiert sind,…“  Na bitte, mehr brauchst nicht. Der Polizist, der neben mir gestanden ist, hat mir den Scheibenwischer gezeigt.

Großartige Erlebnisse waren auch die internationalen Begegnungen. Wenn du Manchester

United, Valencia, Marseille  und wie sie alle heißen zu Gast hast, das ist schon besonders. Für die Úpjest Budapest Fans habe ich sogar ein paar ungarische Begrüßungsworte gelernt. Die Genfer (Anm. Servette Genf) habe ich auf Französisch begrüßt. Anspruchsvoll waren Matches gegen Mannschaften mit schwierigen Namen. Da waren die griechischen oder auch die türkischen Teams immer eine Herausforderung. Das war schwer für mich. Glücklicherweise gab´s die Dolmetscher, die mir halfen.  Entsetzlich war das Spiel gegen den AC Parma, niemand konnte es glauben, als der Schiri schlussendlich auf den Mittelkreis zeigt und das Tor[1] gibt, das allen Sturm-Fans noch als das „Schicklgruber Tor“ in zweifelhafter Erinnerung  ist. Und ich musste dann das Tor ansagen. Aber so ist der Job auch manchmal. Generell bin ich bei den Gegentoren immer um ein paar Oktaven runter gegangen und hab´ die Worte eher gequält runtergespult.

Es war eine wunderschöne Zeit und ich bin froh, dass ich sie erleben durfte. Beim letzten Spiel gegen Rapid ist mir das noch mal richtig bewusst geworden.  Da waren die Emotionen schon sehr hoch. Es war wirklich schön.

In den Sturm- Protokollen erinnern sich Protagonisten und Statisten der Geschichte des Sportklubs

Sturm an legendäre Momente und herausragenden Leistungen.

Serie: Wir müssen die illegale Migration bekämpfen! Müssen wir?

Die von rechtsextremen, -populistischen Politiker*innen gesetzten Themen halten uns als Gesellschaft auf Trab,  in die falsche Richtung, das ist gewiss. Details aus dem Asylmaschinenraum.

Seit Anfang der 1990er Jahre inszenieren sich die jeweils an der Macht befindlichen Herrschenden, als jene, die dem „Schlepperwesen“ oder der „Schleppermafia“ das Handwerk legen wollen.  „Illegale Migration“ bekämpfen, kommt im Boulevard und dem Mainstream gut an; beschäftigt die Medienleute, gibt Politiker*innen Redezeit in Talkshows, lässt die imme gleichen Expert*innen auftreten, die ihren Senf für und wider dazu geben können und bietet diversen Scharfmacher*innen die entsprechende Welle, auf der sie dahin reiten können. Vor allem aber befördert es ein bestimmtes öffentliches Narrativ, worüber wir also eigentlich – nach Meinung der Rechtsextremen diskutieren sollen. Dabei geht unter und wir merken es nicht, wogegen wir eigentlich etwas unternehmen sollten.

Schließlich fragen die wenigsten (Medien und Wähler*innen) ein zweites Mal nach, wie es eigentlich bisher funktioniert hat – denn Flüchtlingsbewegungen gibt es ja nicht erst seit 2015 – und was die Ergebnisse sein sollten?

Symptome – völlig uninteressant?

Gut, die letzte Frage scheint noch am einfachsten zu beantworten zu sein: Flüchtlingsbewegungen unterbinden, insbesondere jene, die illegal sind, also ohne ausreichende Dokumente und Berechtigungen erfolgen. Wollen wir doch alle! Niemand will Flüchtling sein, fast niemand kann wollen, dass Menschen von zu Hause vertrieben werden und Angst um ihr Leben haben müssen. Aber warum, die Frage sei erlaubt, werden dann nicht die Ursachen bekämpft, sondern die Menschen, die Opfer der Umstände, des Systems (autoritäre Regime, alle Arten von Kriegen und Bürgerkriegen, devastierte Ökonomien, grassierende Korruption) geworden sind und das seit mehr als 30 Jahren[1]. Und noch seltener wird gefragt: Wie es bisher funktioniert hat? Welche Mittel wurden bisher eingesetzt, was hat man in der Vergangenheit unternommen und was ist dabei raus gekommen? Tut niemand, denn das Ergebnis wäre erschreckend.

Schon die UNO-Vollversammlung hat bei der Ratifizierung der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK)[2] betont, dass Flucht fast immer und überwiegend illegal sein wird, ja sich dies zwingend aus der Logik der Verfolgung durch den Staat ergibt. Daher sagt die GFK auch, die illegalen Aktivitäten (Grenzübertritt, gefälschte Pässe …) auf einer Flucht sind nicht strafbar. Schlepper[3] hängen ursächlich mit Fluchtbewegungen zusammen, das ist so alt, wie das Thema selbst. War 2015 – am Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung auf der Balkanroute aus der Türkei und Griechenland nach Westeuropa – die Fluchthilfe sogar staatlich organisiert und auf breiter Basis von privaten Initiativen[4] unterstützt, so hat sich mittlerweile das Abschottungsregime und die Militarisierung  der Grenzkontrolle wieder durchgesetzt[5]. Die Debatte entlang der verschiedenen Formen von Schlepperei kann hier nicht weiter ausgeführt werden, denn unbestritten ist, sobald der Staat seine Strategie änderte und Abschottungspolitik betrieb, waren die klandestinen und profitorientierten „Firmen“ im Schlepperwesen auch wieder da. Und dass es diese gibt, steht außer Streit. Und dass diese Systeme brutalste Ausbeutungsverhältnisse erzeugen, ist ebenso evident.

 Schlepperei gestiegen

Fakt ist, trotz all der massiven sicherheitspolitischen und militärischen Gegenmaßnahmen[6], die Schlepperkriminalität[7] ist in den letzten 30 Jahren nicht gesunken. Sie hat sich professionalisiert, ausgeweitet und mit anderen kriminellen Handlungsfeldern (Drogenschmuggel, Waffen- und Menschenhandel) verknüpft. Wir finden in allen Krisengebieten und auf  allen wichtigen Hauptrouten, an denen Formen der Migration und Flucht stattfindet, ein ausgeklügeltes Anwerbe-, Fahrten- und Unterbringungsnetzwerk. Neben diesen firmenartigen professionellen Großstrukturen, gibt es auch kleine private, nicht vernetzte, nicht profitorientierte Helfer*innen vor Ort, die Flüchtenden helfen, aus Mitgefühl, aus Empathie, aus Wut, das Flüchtende gezwungen, diese Gefahren auf sich zu nehmen.

Kosten explodieren

Die Mittel, die gegen Schlepperei eingesetzt worden sind, stiegen konjunkturell (je nach Flüchtlingsbewegung) an, ohne irgendeinen sichtbaren Nutzen erzielt zu haben[8]. Dazu, ein kleines Beispiel. Das Frontex[9] Budget, also jener Grenzschutzagentur, die so oft als Problemlöser gegen die illegale Migration angeführt wird, hatte 2014 ein Budget von 97 Millionen Euro. 2017 lag das Frontex Budget schon bei 302 Millionen Euro. Tendenz weiter steigend. Geht es nach dem neuen Migrationsplan der EU, soll Frontex ja auf 10.000 Mann (sic?) aufgestockt werden. Geld ist dabei kein Problem. Wenn sie es brauchen, dann kriegen sie es. Und dabei ist Frontex[10] nur die supranationale Agentur für Grenzschutz. Die einzelnen Staaten haben ihre eigenen Budgets für den Grenzschutz. Also, wirklich viel Kohle, die da fließt, für die Agenda[11] Grenzschutz.

Das Sterben hält an

Das Sterben auf den diversen Routen ist deswegen nicht kleiner geworden, im Gegenteil: Obwohl es keine wirklichen genauen Zahlen gibt, weil man ja nicht weiß, wie viele den gefährlichen, illegalen Weg der Flucht über die diversen Routen, etwa über das Mittelmeer auf sich nehmen, wie viele es schaffen, kann man anhand der zumindest offiziellen vermissten und toten Personen  ermessen, welches Leid sich Tag für Tag abspielt und wie groß die Not ist[12]. Fast 40.000 Tote seit 1993, das ist ein horrible Zahl des Versagens.

Jede sicherheits-, militärpolitische Abwehrmaßnahme löst das Problem nicht, sondern verschärft es, verlagert es höchstens. Jüngst sterben immer mehr Menschen, weil die europäischen Regierungen auf den  italienischen Weg der Hafensperren und der Rettungsverhinderung eingeschwenkt sind. Diese Art von Sterben – im Angesichts einer möglichen einfachen Rettung – wird noch häufiger werden, trotz des massiven Mitteleinsatzes und der immer hochtechnisierteren Gerätschaften, die die Grenzregime zur Verfügung  haben.

Hohe Margen möglich

Je „enger Grenzen abgeriegelt werden, je intensiver nach Schleppern gefahndet wird“, desto teurer wird die illegale Flucht, hat das Journalistenkollektiv Migrants files[13] wieder einmal jüngst bestätigt. Aber auch desto höher sind die Gewinnmöglichkeiten. Die Preise von Schleppungen sind variabel und ändern sich nicht selten auch während des Fluchtprozesses, der von wenigen Wochen bis Jahren dauern kann. Je mehr Geld zur Verfügung steht, desto komfortabler und sicherer. Je weniger, desto unbequemer, ausgelieferter und gefährlicher. Das ist die Grundlage für den geschützten Markt der dauernde Abhängigkeit, sklavenähnliche Zustände und Zwang zur Prostitution kreiert. Wenn der Preis der Fahrt während der Fahrt sich verdoppelt, wenn der „Kredit“, den Flüchtende per Handschlag erhalten haben, um die Reise zu finanzieren, nicht kleiner wird, sondern noch anwächst und diese Schuld nur durch die eigene Arbeitskraft zurückgezahlt werden kann, dann kann man von sklavenartigen Abhängigkeitsverhältnissen sprechen, die nicht selten vorkommen und noch Jahrelang nach der Flucht anhalten.

Jede Grenzabriegelung, jede neue Mauer, jeder Militäreinsatz erhöht den Preis, macht die Schlepperei teurer, führt jedoch nicht dazu, dass deswegen weniger Schleppungen passieren, die Umstände werden nur prekärer und oftmals tödlicher.

Der Weg, welche die EU und die europäischen Staaten seit Mitte der 1980er eingeschlagen haben, ist von Grenzschutz- und Sicherheitsdenken geprägt und folgt militärischen Routinen. Dazu gehört auch, dass der Industriezweig, der dazu gehört, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist und nebenbei auch hohe Innovation besitzt. Das neueste Gerät, aktuelle Technologien können im Grenzschutzmanagement erprobt werden. Ein guter Teil des Geldes der Frontex Anschaffungen und die der nationalen Grenzschutzeinheiten geht in hochtechnische, militärische Gerätschäften[14].

Zusammengefasst: Das System ist teuer, ineffektiv (was für ein furchtbarer Begriff in diesem Zusammenhang) und menschen- und grundrechtlich eine Katastrophe. Es nützt bestimmten Zweigen der Politik (Rechtsextremen, -populistisch-nationalistischen Strömungen) und Wirtschaft (Militär-industrieller Komplex).

Keine legalen Fluchtmöglichkeiten

Ähnlich wie in anderen Politikfeldern, etwa bei den „Feldzügen gegen Drogen“, sind diese militärisch-sicherheitspolitischen Kampagnen „Brandbeschleuniger“ im Feld, welches eigentlich „bekämpft“ werden soll, so auch bei der illegalen Migration. Nicht nur, aber auch, weil es nur sichtbare Symptome mit militärischen und juristischen Mittel bekämpft und nicht die Ursachen.

Zum Abschluss sei noch auf einen Umstand hingewiesen. Es gibt keine legalen Fluchtwege und -möglichkeiten. Als Flüchtender kann man sich nur in die Illegalität begeben. Das sogenannte Botschaftsasyl, das schon einmal bestanden hat – man konnte über die jeweiligen Botschaften vor Ort, um Asyl ansuchen – und damit bei positiver Prognose legal nach Österreich zu kommen, wurde 2001 wieder abgeschafft. Das wäre nur einer von vielen Vorschlägen, der allerdings einen Kurswechsel der Politik nach sich ziehen müsste. Am Geld scheiterte es nicht, davon ist – wie man sieht – genug vorhanden. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Wenn man die neuere europäische Flüchtlingszeitrechnung mit dem Zusammenbruch des Kalten Krieges starten lässt.

[2] Ratifiziert am 28. Juli 1951 durch die Mitglieder der damaligen UNO Generalversammlung (Österreich war da damals noch nicht dabei)

[3] …oder Schmuggler, oder Fluchthelfer, oder Schleusser oder Menschenschmuggler. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den Begriffen finden Sie u.a. bei https://www.vice.com/de_at/article/5g4qz8/schlepper-oder-fluchthelfer-124

[4] http://bordermonitoring.eu/analyse/2015/10/die-nationalstaaten-werden-zu-den-besseren-schleusern/

[5] Verschiedene Formen des Widerstandes dagegen gab es zahlreiche, eine davon sei hier als pars pro toto erwähnt: https://www.heise.de/tp/features/Fluchthelfer-Schlepper-und-Schleuser-3376193.html?seite=all

[6] Grenzzäune, Sicherheitskräfte an die Grenzen, Hochrüstung der Grenzsicherung…

[7] Damit ist nun wirklich die professionelle, organisierte Schlepperei gemeint, die profitorientiert ist

[8] Abgesehen davon, dass die Flüchtlingsschicksale nicht mehr vor unseren Augen stattfinden.

[9] Dazu das sehr informative Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung Deutschland zu Frontex: https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/179679/frontex-fragen-und-antworten?p=all

[10] Nebenbei mit keiner demokratische Legitimation ausgestattet und vom Europäischen Parlament auch nicht kontrollierbar, da es sich um eine privatrechtliche Agentur handelt. Siehe auch Hofmann, Robin: Flucht, Migration und die neue europäische Sicherheitsarchitektur, Springer Verlag, 2017

[11] https://derstandard.at/2000017367872/Festung-Europa-Kosten-Wege-und-Strukturen

[12] Fatal Policies listet jede/n einzelne/n nachweisbaren Tote/n in einer 56 seitigen Liste auf und kommt dabei auf 34,361 Tote Menschen, die auf der Flucht seit 1993 gestorben sind. http://unitedagainstrefugeedeaths.eu/about-the-campaign/

[13] https://derstandard.at/2000021691506/Das-Geschaeft-mit-der-Flucht

[14] Darunter sind nicht nur gepanzerte Fahrzeuge und Schiffe, sondern auch Infrarotkameras, CO² und andere Messgeräte,  Drohnen-Technologie u.v.m.

Der Jubel war riesig

Gesprächspartner:
Tomislav Kocijan, Sturm Spieler von 1997 bis 2001
Thema:
Die Champions League – Qualifikation 2000
Protokollant:
Wolfgang Gulis
Foto:
GEPA pictures
Ort, Zeit:
Graz, im Juni 2018

So, jetzt hab ich Zeit. Bitte. Die Champions League Quali 2000, ja Moment Mal … Hapoel Tel Aviv und Feyenoord, stimmt! Also ja, die Israelis waren bärenstark. Die haben in Graz wirklich gut gespielt. Kein Wunder, ich glaub´ drei Viertel der Mannschaft waren Nationalspieler. Das war ein knappes Match, da hatten wir auch bissl Glück. Aber der Schickl (Schicklgruber, Anm. d. Red.) hat sensationell gehalten. Ich bin für den Yuran eingewechselt worden, so irgendwann nach der 60. Minute. Da haben wir 1:0 geführt. Kurz darauf gab´s einen Ausschluss gegen einen Israeli, das hat auch geholfen. Und der Güntschi (Neukirchner, Anm. d. Red.) hat ganz spät noch das 3:0 geschossen.

Aber das Rückspiel war fast ebenso schwer. Ein sehr lautes Publikum, das Hapoel richtig angetrieben hat. Es war auch hitzig. Ich weiß noch, dass der Ferdl (Feldhofer, Anm. d. Red.) ausgeschlossen wurde. Alles spielte sich danach in der 2. Halbzeit ab. Ach ja und die Verletzung vom Ivo (Vastic, Anm.d. Red.), kurz vor der Pause. Das hat uns ganz schön geschüttelt. Aber in der Pause haben wir eine „jetzt erst Recht“ Stimmung  aufgebaut. György (Korsos, Anm. d. Red.) hat das 1:0 gemacht, ich glaub´ so um die 70. Dann haben die Israelis ausgeglichen. Aber wir haben Contra gegeben. Und durch eine schöne Aktion waren wir dann durch;  ich hab den Ball im Mittelfeld bekommen, lauf auf den 16er zu, spiel ins Loch auf Hannes (Reinmayr), der stand im Abseits, ließ den Ball aber durch, ich, einfach weiter, hab meinen eigenen Pass erlaufen und hab eingeschossen.

Gegen Rotterdam waren wir Außenseiter. Aber wir waren als Mannschaft ein super Truppe. Wir haben an uns geglaubt und bei uns lief der Schmäh. Wir haben uns einfach gut verstanden.  Zu Hause gegen Feyenoord fing es ganz schlecht an, die gingen schon nach zehn Minuten in Führung. Dann hatten wir einen Elfer, Yuran wurde im  Strafraum gefoult. Schoppi haut ihn rein. Der zweite, glaube ich, war kurz vor Schluss. Szabics ist gefoult worden. Schopp tritt an und macht das 2:1. Die Chance lebte.

Beim Rückspiel hatte ich Probleme. Kreuzschmerzen. Ich konnte zehn Tage nicht trainieren, erst als wir in Holland waren, habe ich 2 Trainings mit gemacht.  Dort – im De Kuip – auf zu laufen war schon was besonders, die Stimmung war einzigartig. Wir gingen 0:1 in Führung, ein Schuss vom Reinmayr abgefälscht, es war in der 2. Halbzeit, 60. Minute herum. Ich habe bei einem Freistoß leider nur die Latte getroffen. Klar haben die Holländer dann gedrückt auf den Ausgleich. Aber wir haben uns gut geschlagen.

Und den Ball immer wieder gut halten können, auf Zeit gespielt. Das hat den Zuschauern sicher nicht geschmeckt (lacht). Da war die Stimmung im Stadion schon sehr laut, aber das war uns wurscht, wir waren abgebrüht. 86. Minute Freistoß von rechts an der 16 er Linie, ein Holländer köpft den Gili (Prilasnig, Anm. d. Red.) an der Schulter an, der Ball geht ins Tor. Dann wurde es noch mal richtig heiß. Aber wir haben es drüber gebracht. Der Jubel war riesig.

Wir waren europaweit  eine Überraschung. Nicht viele hatten uns da auf dem Zettel, das wir die Champions League nochmals erreichen würden. Ich habe auch an die drauffolgenden Spiele in der Gruppenphase gute Erinnerungen, gegen Zagreb hab ich auch ein Tor gemacht. Es waren eine einmalige Zeit.

Serie: Wovon nicht gesprochen wird!

Die europäische Staatengemeinde taumelt im gleichen Kreislauf der falschen Fragen mit den falschen Antworten wie ein angeschlagener Boxer im Ring. Unfähig gemeinschaftliche, politische Lösungen zu finden. Im Folgenden soll es darum gehen, was im Mainstream Diskurs „Asyl“ nicht thematisiert wird.

Guy Verhofstadt, belgischer Liberaler und bekannt für seine pointierten und scharfen Reden[1]  im europäischen Parlament, hat es auf zwei Punkte reduziert. Erstens, es ist keine Flüchtlingskrise sondern eine Politikkrise, die wir (EU-Europäer*innen) haben und der auf dem Rücken der Flüchtlinge und Migrant*innen ausgetragen wird und zweitens es ist keine europäische Politik sondern schlicht Nationalismus und staatlicher kleingeistiger Egoismus – sprich Populismus, der als billiger NIMB – not in my backyard – Gestus daher kommt.

Die Politiker*innenkrise wurde schon Anfang der 1990er Jahre diagnostiziert. Damals, als die Migrationsfrage durch den Zusammenbruch des „Ostblocks“ und durch das Ende der Nachkriegsordnung (1945 – 1989) neue Formen annahm, begannen die Nationalstaaten und die EU-Institutionen sich damit zu beschäftigen. Das Thema wurde jedoch nicht von den Bildungs-, Sozial- oder etwa Arbeitsmarktpolitiker*innen aufgegriffen, sondern es waren die Innen-, Justizminister*innen und Militärs, die sich des Themas annahmen. Grund- und Menschenrechte, insbesondere die Genfer Flüchtlingskonvention, standen dabei nicht auf der Prioritätenliste der Akteur*innen.

Festung Europa

Dementsprechend richtete sich das Augenmerk auf Grenzsicherung, Abwehrstrategien gegen Flüchtlinge/Migrant*innen, auf Ab-, Zurückschiebungen und Verhinderung des Eintrittes von Flüchtlingen in das EU-Territorium. Maßgeblich beteiligt daran war auf europäischer Ebene die Trevi Gruppe[2], bereits in den 1970er gegründet, deren Vorarbeiten und Expertisen in das Schengen Vertragswerk und die weiteren Verträge von Amsterdam und Lissabon eingeflossen sind. Zur Erinnerung: Der Schengen Vertrag sieht ja einen vollkommenen Abbau der innerstaatlichen Grenzen in EU – Europa vor, zum Preis des erhöhten Schutzes der Außengrenzen. Dahinter steckt die Idee der Festung Europa.

Diesem bipolaren Konzept – nach innen freizügig, nach außen abgeschottet – das im Vertrag von Amsterdam gefestigt wurde, unterliegt die widersprüchliche und sich selbst lähmende EU-Politik. Auf dieser Grundlage fußen alle weiteren Schritte/Normen, die in den Jahrzehnten folgen sollten: Dublin Regelungen, Eurodac, Eurosur,  Aufbau von Frontex usw.

Doch je stärker man versuchte den Schutzes der Außengrenzen zu verwirklichen, desto rigider, verbissener und einfältiger wurden die Maßnahmen: Militär an die Grenzen, Mauerbau, Stacheldraht, Aufrüstung der Grenzschutztruppen mit Personal und modernsten Gerätschaften. Und das ist nicht einmal verwunderlich. Denn lässt man Militärs und Innen- und Polizeiminister*innen  freie Hand, dann entsteht so was. Der Beruf prägt das Denken.

Wären andere Politikfelder mit anderen Sichtweisen für das Thema verantwortlich gewesen, würde das Ergebnis – die Debatten, die wir heute führen und Entscheidungen, die wir heute treffen – mit großer Wahrscheinlichkeit andere gewesen. Die Fragen, nach der Umsetzung der Menschenrechte[3], nach Lösungen für sicheres Geleit von Flüchtlingen, nach menschenwürdiger Erstversorgung in den Erstaufnahmeländern, nach fairen und raschen Asylverfahren, der bestmöglichen Aufnahme und Unterbringung und vieles mehr; all das stand dabei nie auf der Agenda, waren nur rhetorische Wendungen, die man zu sagen hatte.

Die Verursacher bleiben außen vor

Ursachen und Gründe der Fluchtbewegungen, die wir in den letzten 30 Jahren immer wieder erleben mussten (Rumänische Revolution, Kriege in Jugoslawien,  Somalia, Afghanistan, Irak, Syrien usw.), bleiben außen vor, werden in der Debatte kaum erwähnt. Die geostrategischen Ränkespiele tun ein Übriges. Etwa im Syrien Krieg bei dem Regional- (Iran, Türkei, Saudi Arabien) und Weltmächte (USA, Russland), mit den nationalistischen und oft religiös aufgeladenen und ethnischen Konfliktlinien spielen, um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Diese bauen auf historische Kolonialpolitik – etwa dem Sykes Picot Abkommen aus 1916[4]. Nicht zuletzt  sind es wirtschaftliche – wie etwa die der europäischen Waffenschmieden, die sich in all den Konflikten immer eine goldene Nase verdienen und dabei ein gewichtiges Wort mitreden wollen.[5]

Ebenso bleiben die verdeckteren Formen der Migrationsursachen außen vor; die aussichtslosen Zustände von afrikanischen Staaten, die in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu „failed States“ – zu zusammenbrechenden Staatsgefügen – geworden sind. Tschad, Mali, Südsudan, Eritrea, Lybien, Nigeria; die Liste könnte man lange fortzuführen. Eine Mischung aus postkolonialen Strukturen der europäischen Länder (Frankreich, Großbritannien u.a.), die in Eintracht mit und Stabilisierung von korrupten, brutalen und gierige Eliten unter dem Deckmantel von Entwicklungshilfe – genau jede Form der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in den Ländern unterbinden. Gepaart mit aktuellen ökonomischen Interessen und einer brutalen „Teile und Herrsche“ Politik wirken die westlichen Länder, sowie die EU kräftig mit, dass der Migrationsdruck steigt.

Neo-Kolonisatoren

Dort, wo es wirklich um was geht, insbesondere bei Agrarsubventionen der EU oder Freihandelsverträge[6] mit afrikanischen Staaten, entpuppen sich die EU und die einzelnen wichtigen Länder (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) als Neo-Kolonisatoren, die ihre kurzsichtigen Interessen durchzusetzen wissen. Da wird den Schwächeren diktiert, was zum Nutzen der EU und der in der EU sitzenden multinationalen Unternehmen ist. Jene Bauern oder Fischer, die früher einmal recht und schlecht von ihrer Ernte leben konnten, wurden durch die Übermacht der EU Wirtschaft[7] in die Knie gezwungen und enden entweder als somalische Piraten im Golf von Aden oder als illegale Arbeitsmigrant*innen in Italien, Spanien. Wenn sie es schafften, sonst blieben sie als Arbeitssklaven in Lybien hängen oder endeten als Tote im Mittelmeer.

Jene Strukturen, Gesetze, bi- und multilaterale Verträge, die die Übermacht der EU gegenüber den afrikanischen Staaten verdeutlicht, werde kaum zum Thema gemacht, warum auch, es liegt in keinem europäischen Interesse, die schäbigen Deals, die Erpressungen und  das fortgesetzte Ausbeutungsverhältnis zum Thema zu machen, denn dann wären nicht die „illegalen Migrant*innen“ Thema sondern die illegalen und unethischen und brutalen Praktiken der europäischen Politik und der Unternehmen im Fokus des Polit-Streits – die wider jeden europäischen Geistes sind!

Insoferne könnte man zynisch anmerken, dass die EU einfach nur erntet, was sie gesät hat. Mithilfe hoher Agrarsubventionen exportieren EU – Agrarmultis immer mehr Lebensmittel zu Billigpreisen nach Afrika. Mit diesen Preisen können die Kleinbauern vor Ort nicht mithalten. Diese EU-Importe zerstören die bäuerlichen Existenzen vor Ort. Die Folge ist, dass die Landflucht sich verschärft und sie in die Städte abwandert, dort das Heer der Taglöhner*innen vergrößern und in weiterer Folge als Auswanderungswillige sich auf dem Weg nach Europa machen und die kleinteiligen bäuerlichen Strukturen nachhaltig zerstört werden.[8]

Solange dieses System nicht verändert wird und fortdauert, wird das Sterben am Mittelmeer weiter gehen, wird der Migrationstross weiter anschwellen und die Kosten für den EU-Außenschutz explodieren. Es wäre doch an der Zeit die Einbahnstraße zu verlassen und radikaler an den Wurzeln des Problems anzusetzen, oder?

[1] Unlängst bei Kanzler Kurz´s Rede im Europäischen Parlament: https://www.facebook.com/ALDEgroup/videos/10156111748715020/UzpfSTEzODEzMDc0Mzg6MTAyMTIzNTMyOTA3MzIzMTc/

[2] TREVI – Terrorisme, Radicalisme, Extrémisme et Violence Internationale, bestand aus den Innenministern der damaligen EG, Agenden der

[3] Insbesondere der konkreten Ausgestaltung der GFK im Hinblick auf die neuen Flüchtlingssituationen.

[4] Francois Georges Picot und Mark Sykes waren zwei Diplomaten, die für Frankreich und Großbritannien die Aufteilung der Region verhandelten, Großbritannien erhielt Jordanien, den Irak, die Region um Haifa. Das französische Protektorat umfasste die Südosttürkei, Nordirak, Syrien und Libanon. https://de.wikipedia.org/wiki/Sykes-Picot-Abkommen

[5] ww.spiegel.de/politik/ausland/sipri-studie-waffenverkaeufe-nehmen-weltweit-wieder-zu-a-1182649.html

[6] https://monde-diplomatique.de/artikel/!5458244

[7] https://www.zeit.de/kultur/2016-07/westafrika-freihandelsabkommen-eu-fluechtlinge-hafsat-abiola

[8] Mathilde Auvillain und Stefano Liberti haben den Kreislauf in einer wunderbaren Reportage festgehalten und analysiert: „Tomatensoße für Ghana“ https://monde-diplomatique.de/artikel/!313481

Selbst – Behauptung

Schreibkraft # 32 „Durchlesen“

 Ein Suchttagebuch.

Prolog:

Donauland!

Die Buchgemeinschaft Donauland ist schuld oder verantwortlich, je nach Sichtweise. Da bin ich mir ganz sicher. Anders kann ich mir es nicht erklären, dass Bücher in die Regale des Wohnzimmerverbaus meiner Eltern gekommen sind. Durch Besuch einer Buchhandlung sicher nicht! Mein Vater hat nie eine Buchhandlung von innen gesehen.

Manche fragen sich vielleicht, what the hell is Donauland? Das ist eine sogenannte Buchgemeinschaft. Man wurde Mitglied und konnte zu günstigen Konditionen Bücher kaufen. Dafür gab es eine persönliche Betreuung. Die uns zugeteilte Betreuerin kam einmal im Quartal, erhielt einen Kaffee, blätterte mit meiner Mutter den Katalog durch, dann wurde bestellt. Beim nächsten Besuch brachte sie die Bücher mit.

Märchen- und Sagenbücher waren die einzigen, die meine Mutter nachweislich las, die hatte sie mir als Kind vorgelesen. Aber das ist wirklich schon lange her.

Foucaultsches Pendel – Kefalonia, 1992

Es ist heiß. Der alte Bus, mit dem wir durch Griechenland rumpeln, hat keine Klimaanlage. „Das einzige was hilft, ist draußen schlafen“, sagt Thomas. Andrea will das nicht, wegen der Viecher und so. Mitten in der Wildnis hat sie nicht ganz unrecht. Ich beschließe, den beiden den Fond zu überlassen und begebe mich mit der Luftmatratze auf das Dach. Es riecht wunderbar, nach Zypressen, Pinien – Süden; eine leichte Prise kühlt die Haut. Ich schalte die Taschenlampe ein, lese weiter: „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco.

Wir landen am Strand von Xi. Bizarr ist der rechte Ausdruck dafür. Der Sand der Bucht ist dunkelrotbraun. Dahinter erhebt sich eine weiß-graue Wand. Aus der kann man mit den Händen, Lehmstücke raus reißen. Davor liegt ein türkises Meer. Es sind noch 40 Seiten, die ich absolvieren muss. Da ist ein Sog, dagegen ankämpfen ist sinnlos. Es muss weiter gehen, immer weiter.

Ich bin süchtig, glaube ich. Obwohl ich weiß, dass das Buch zu Ende sein wird, wenn ich jetzt weiter lese. Ich habe es mir vorgenommen, ich wollte einteilen. Aber es gelingt nicht. Ich sehe das Ende. Gestern, in der Nacht, da dachte ich: 100 Seiten, jetzt hör ich auf! Dann waren es 60. Aber nein, es ging weiter, noch 40. Irgendwann bin ich doch eingeschlafen. Und jetzt das gleiche wieder. Weiter: Tempo, Ekstase, Orgasmus. Bis es aus ist und jetzt ist es aus, vorbei. Ich schaue auf, bemerke Xi, sitze nutzlos herum. Warte auf den Sonnenuntergang. Und danach? Es ist vorbei! Und eine große Leere. Die Postlesedepression.

Die besagten Sagen und Märchen, waren ein Einstieg. Denn Mutter schlief während des Lesens oft ein und ich konnte sie bald auswendig und dann – mit dem Schuleinstieg – las ich sie ihr vor, damit sie zu Mittag ein Nickerchen halten konnte.

Dann entdeckte ich Karl May. Ein Klassiker für damals. Kennt den heute noch ein Jugendlicher? Und da kommt wieder Donauland ins Spiel. Die hatten nämlich die Bücher von Eric Malpass im Sortiment und solange es die „Gaylord Romane“ gab, konnte Mutter auch ohne Betreuerin bestellen. Die Fortsetzungsromane hielten einige Zeit. Biedere Jugendliteratur: brave Mittelstandsfamilie mit zwei Kindern, Haus mit Garten, in einer englischen Grafschaft. „Aufregende Abenteuer“ passierten – der Hamster ging stiften und alle suchten ihn. So was in der Art, aber für ein Kind von damals, reichte es.

Mit den Jahren füllte sich das Wohnzimmerregal bei den Eltern, was leicht war, weil nicht sonderlich viel zu füllen war. Bücher von Harold Robbins und Johannes Mario Simmel und ähnliches. Ersterer hatte pro Roman so alle 60-70 Seiten mal Sex zu bieten, was sie für mich, eine pubertäre Zeit lang, interessant machten. Zum Titel „Sex“ gab es auch noch „Lady Chatterly“ und „Fanny Hill“, zwei gekrönte Erotikbestseller der Zeit. Stimmt, die hat mein Vater wahrscheinlich gelesen. Ein Must Have würde man heute sagen. Später füllten fette Wälzer, Lexika und Enzyklopädien das Regal auf; mehr zur Fassade, als für den Lesegenuss. Mit denen konnte man ordentlich Meter machen.

Als mir dieser Zustand zum ersten Mal passierte, dachte ich zuerst, dass würde jetzt immer so sein. Also machte ich mich auf, den speziellen Buchheroin-Kick zu finden. Damals in Kefalonia war ich schon im fortgeschrittenen Stadium, haltlos dem ausgeliefert. Alles andere war nur Methadon Programm.

Sprung vorwärts

Der Sprung, der dann folgte, war weit. Ich stolperte direkt in die Literatur der 1970-80er. Borchert bekam ich in die Hand gedrückt; von einem Freund, der mir zuraunte, das müsse ich unbedingt lesen. Fast so, als wäre es illegal. Gut, dann halt Borchert. Das war dann doch ordentlich was Neues; was anderes, gänzlich anderes. Dann Böll: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – Wahnsinn. Frischmuth, Frisch, Dürrenmatt, Brecht, Handke folgten. Wow. Ab diesen Zeitpunkt war debattieren in unserem Kreis in, politisch aktiv werden Pflicht. Neben Literatur, wurden ab sofort auch politische Schriften gelesen. Das Entdecken kannte keine Grenzen.

Episode 1: Keine Entführung

 Wir sind seit mehr als drei Wochen in den Bergen versteckt, als Geiseln. Es gab große Aufregung um uns, wurde uns gesagt. Sie zeigten uns eine Zeitung, wir auf dem Titelblatt. Ein Minister wurde interviewt, der Botschafter aus Österreich auch. Internationale Aufregung, wie die Zeitung schrieb. Wir wurden zur Weltmeldung.

Wir saßen im Bus. Als die Straße vom Meer wegführte und das flache Land zerschnitt, hielten wir nach etwa einer Stunde an. Zwei Soldaten kamen rein. Zumindest dachten wir, dass es Soldaten waren. Sehen alle gleich aus. Zusammengestückelte Uniformen – wer kennt sie schon auseinander? Alle raus aus dem Bus. Gepäck kontrollieren. Die Gewehre machten nervös. Es tauchten noch mehr auf. Im Bus war es angenehm kühl, doch am Straßenrand herrscht brütende, schwere, staubige Hitze. Wir standen angespannt daneben, während die in unserer Wäsche wühlten. Dokumentenkontrolle. Gespräche, laut, abgehackt, aggressiv. Stimmen lauter, die Stimmung änderte sich. Man spürte die Anspannung. Das war keine normale Straßenkontrolle mehr. Woher wir kommen, wohin wir wollen, wer wir sind! Heimliches Reden, Getuschel. Telefonate. Wieder Fragen, wir sagen die Wahrheit. Dass wir Touristen sind und nach Medellin wollen. Gepäck von uns bleibt im Staub liegen. Der Bus fährt weiter. Blicke hinter den Scheiben. Ich schrecke auf, orientiere mich. Nur ein Traum, der Bus steht noch immer im Stau.

Auch wenn es echt schwer war, es ging mit mir durch. Meine Lesekurve raste nach oben, wie der Dow Jones Index bei einer Rallye. Aber in all der steigenden Sucht und der fortwährenden Gier nach Bücher, zum „durch-lesen“, waren da Werke, die nicht rein passten ins Schema. Es gab eine zweite, eine andere Art. Ich war dem auf der Spur. Nicht die Verschling-Bücher, nicht der Lese-Heroin-Kick, sondern jene, bei denen es langsam ging, die spröde, zäh und unnahbar waren, begannen mich zu faszinieren. Bücher, die etwas Unbekanntes in sich trugen, erobert werden mussten. Das dauerte, manchmal 60 Seiten, bis es gelang. Irgendwann kippte ich in den Stil, das Tempo und die Realität des Autors, der Autorin hinein und war drinnen. Der Trip war ein gänzlich anderer, ein Trip blieb es.

 

Ulysses – Kolumbien, 2005

 

Ich führe nur den Ulysses von James Joyce mit. Auf Reisen, bei denen man viel unterwegs ist und neues kennen lernt, komme ich wenig zum Lesen. Solche Reisen fordern, nicht nur körperlich, weil man dauernd auf Achse ist, kaum Zeit zum Ausrasten hat, auch geistig, mental. Man ist mit fremdartigen Situationen konfrontiert, lernt wieder staunen und muss sich in einer fremdkulturellen Umgebung behaupten. Am Abend bin ich meist so müde, dass ich nur wenige Seiten schaffe, zäh, mühsam. Dementsprechend ambitioniert ist ein tägliches Kontingent von 40 Seiten. Flugzeiten und 2 Tage Fieber helfen mir, den Rückstand etwas aufzuholen. Aber der Joyce ist mein Wegbegleiter. Hängt schwer in meiner Tasche und ich schleppe ihn durch Bogota, Medellin, Cali und Cartagena.

In der Kaffeezone lese ich ihn im Schaukelstuhl am Balkon der Finca. Ich kann endlich wieder einmal das Tageskontingent erfüllen. Wird – wie sollte es anders sein – mit einem vergossenen Kaffee bräunlich eingefärbt und liegt einen Tag im Fenster zum Trocknen. Wellt sich aufgrund der Feuchtigkeit am Amazonas um ein Drittel auf und nimmt 100 Seiten später in Bogota wieder Normalformen an. Wenn ich ihn jetzt so ansehe, dann sieht man ihm die Reise an.

Schluss ist mit dem Joyce dann im Zug zurück, nach Graz. Bis Wiener Neustadt stehen wir, draußen ein tief verschneites Österreich. Der Kampf um die letzten Seiten beginnt. Zwischen Mürzzuschlag und Kapfenberg erfülle ich das Plansoll, endlich. Ich kann eh nicht mehr. Was sich gut trifft, denn die Reise ist ja auch zu Ende.

Ich wusste, an solche Bücher musste ich anders ran. Ich begann einzuteilen, eine Kontingentierung vorzunehmen. Pro Tag 20, 60 oder 100 Seiten, je nachdem. Bei Ulysses waren es 40; bei Pynchons Enden der Parabel und bei Danielewski´s Haus 30. Anstrengend genug. Dazwischen führte ich Evaluationen durch. Die Zielkontingente werden dann je nach Nicht- oder Erreichung angepasst. Klingt bürokratisch, klingt nach Fünfjahresplan, sagen sie? Ja, Sie haben Recht! Aber es geht nicht darum, den Kick zu kriegen, den Flash, sondern sich eine beständige, konstante Dosis zu zuführen, mit der man in einen Flow hinein gerät, in einen Sog. Spiegeltrinker statt Koma Saufen!

 Der Zauberberg – Portugal, 2006

Im Oktober 2006 waren wir in Portugal unterwegs. Gestartet sind wir in Lissabon, durchstreiften bald das Barrios, besuchten ein Spiel von Benfica, das sie 4:1 gewannen, gegen Deportivo Aves. Gingen in der österreichischen Botschaft wählen. Das „Zauberberg Ambiente“ von Thomas Mann, der morbide Charme der schweizerischen Kuranstalt, der antiquierte Erzählstil und die philosophischen Diskussionen, würden nicht zum maritimen Flair Portugals passen, dachte ich.

Wir liehen uns ein Auto, fuhren Richtung Norden, streiften Ericeria. Standen am westlichen Zipfel des Festlandes in Peniche, wohnten direkt an einer Steilklippe mit Blick auf eine große Bucht – großartig zum Lesen – und tauchten wenig später in das mittelalterliche Flair von Coimbra ein. Da hatte ich schon ein gutes Stück zurückgelegt und war ab Ericeria im Flow. Als wir in Porto landeten und uns dort am Vinho Verde erfreuten, hatte ich schon über 2/3 geschafft.

Reiseeindrücke und Buchseiten gerieten in Einklang. Nach ein paar dutzend Seiten war ich eines Besseren belehrt, das passte. Hans Castorp und seine Kumpanen, allen voran der Herr Settembrini waren mit uns unterwegs. Als die Geschichte zu Ende erzählt, war nicht nur das Buch aus, sondern auch die Reise. Es kam also wieder einmal alles zusammen.

Episode 2: Eingefrorene Masse

Das Schiff kommt mit einem letzten Knirschen und Zucken endgültig zum Stillstand. Eine kurze gebieterische Bewegung des Uniformierten reicht aus, um die eingefrorene Masse aufzutauen. Die Menschen hasten vom Schiff, zwischen den, sich bereits in Bewegung befindlichen, Autos und Motorrädern, stürzen auf das Häuschen der Zollkontrolle zu, schleifen ihre Koffer und Taschen und Kinder hinter sich her.

Sein Abgang kommt in Bewegung. Die Familie vor ihm, beginnt sich zu bewegen. Er steigt hinterher, bemüht sich, das Tempo zu halten, das vorgegeben wird. Er geht über die Laderampe. Hinter sich hört er die Hafenarbeiter mit den Autofahrern schreien, die sich mühsam und angsterfüllt aus dem dicken Bauch des Schiffes herausbewegen. Stinkend, heulend, lärmend. Vor Aufregung gerötete Mitteleuropäer, die mit den Anweisungen des Schiffpersonals und den verlangten Fahrkünsten hoffnungslos überfordert sind. Dicke Rauchschwaden steigen hoch. Diese Schlange dampft.

Die Strudlhofstiege liegt in Bischkek, 2009

Monika war ein Jahr in Kirgisien, Auslandsaufenthalt für ihre Ausbildung, unterrichtete Deutsch an der Universität in Bischkek. Ein fremdes und unübersichtliches Land, trägt schwer am sowjetischen Erbe. Eine riesige Lenin Statue stand in Bischkek herum. Wir halfen ihr ein wenig dabei, es zu ertragen und besuchten sie. An einem Wochenende machten wir „Urlaub auf dem Bauernhof“, einige Kilometer von Bischkek entfernt. Eine kleine, rotbäckige und sehr freundliche Frau mit asiatischen Gesichtszügen bewirtete uns u.a. mit rohen Karotten-Leber Salat. Frisch zubereitet ging das gerade noch. Aber am dritten Tag stand der gleiche Salat noch immer da. Ich wurde grün im Gesicht, passte mich den Leberstückchen an.

Es war Pflicht, das man als Gäste ritt. Das Gelächter war schon mal laut, als die Familie und die Kinder – mehrere von 4 bis 10 standen  mit Zahnlücken, alten Hosen und zerrissenen Schlapfen vor uns – erfuhren, dass wir nicht reiten konnten. In Kirgisien kann jedes Kind ab 3 Jahre reiten. Also setzten sie uns kopfschüttelnd und lachend eines dieser Kinder mit aufs Pferd und die pilotierten die Gäule für uns. Für die Jungs war das ein Riesenspaß, uns durch die hügelige Gegend zu manövrieren. Sie machten das sehr gut.

Wir fuhren zum Songkul, ein Gebirgssee auf über 3.000 Meter. Die Halbnomaden verbringen den Sommer mit ihren Tieren dort oben. Nebenbei bewirten sie ein paar Touristen, kein schlechtes Konzept. Wir schlafen in Jurten. Es war eine Hochebene, die einer Wok Pfanne nachempfunden war, oder eher umgekehrt? Der See inmitten. Nur ohne Deckel. Als ich morgens zum Plumpsklo stapfte, dass einige hundert Meter von den Jurten entfernt stand, lag Raureif auf der Wiese und etwa 50 Meter höher hatte es geschneit, man konnte die Grenze genau sehen. Es war Anfang Juli.

So toll es am großen Issyk Kul-See war, dort konnte ich lesen und am See liegen, so unmöglich war es in den Jurten am Songkul „die Strudlhofstiege“ weiter zu erklimmen. Das Nichtlesen können, machte mich kribbelig, typische Symptome eines Süchtigen, mit beginnendem Entzug; oder war es doch die beginnende Höhenkrankheit? Auf jeden Fall war meine Tagesquote in Gefahr. Aber es half nichts, der Amtsrat Melzer musste warten, bis es mir wieder besser ging.

In der Nachbarsjurte hatte sich eine Bischkeker Partygesellschaft eingenistet. Junge Burschen, die eigentlich ganz nett waren, nur etwas exaltiert und mit zunehmendem Wodka Genuss immer lauter wurden und Party feiern wollten. Wir waren eingeladen. Da sie meinen Namen nicht aussprechen konnten, wurde ich kurzerhand zu Volkswagen umgetauft. Wir zogen uns trotzdem bald zurück. Kurz bevor es wirklich – auch bei ihnen drüben ruhig wurde – hörte ich noch: Good Night Volkswagen.

Und erst als wir wieder in Bischkek waren und uns auf die Reise nach Usbekistan vorbereiteten, wurde der Unfall, bei dem der Mary K. eines ihrer sehr schönen Beine von der Straßenbahn abgefahren wurde, verhandelt. Das war aber schon weit drinnen – mitten irgendwo im Buch.

Obwohl so ziemlich alles schief lief, was schief laufen konnte; eigentlich von Anfang an, vom ersten Tag in der Volksschule weg. Ich wollt kein zweites Mal hingehen, wurde ich trotzdem zum Leser. Kompliment. Am dritten Tag lag meine Mutter im Kreissaal und gebar unter Komplikationen am vierten Tag meine Schwester. Sie konnte mich nicht mehr abholen. Mein Opa übernahm das. Der musste extra von der Firma weg und durch die Stadt auf die Ries fahren, wo meine Schule lag und natürlich verspätete er sich.

Ich stand da und wartete. Alle anderen Kinder waren schon abgeholt, waren in die Autos der Papas eingestiegen oder wurden von ihren Mamas an der Hand nach Hause gebracht. Nur ich stand allein vor der Schule. Die Autos brausten an mir vorbei. Opa´s war nicht darunter. Ich war verzweifelt, hätte nicht einmal gewusst, wo ich hin hätte gehen sollen, denn ich wohnte erst seit ein paar Tagen bei Mama und Papa. Irgendwann kam er doch, nach Tagen, Wochen, Monaten. Das Malheur war passiert. Er packte mich heulendes Elend ein, tröstete mich. Aber für mich stand fest, dort wollte ich nicht mehr hin. Am nächsten Morgen führte mich Opa wieder hin, ohne mich zu fragen. Ich war schwer enttäuscht.

„Europe Central“ – Polen, 2014

Wir reisen in Polen. Vergleichsweise nahe zum aktuellen Krieg in der Ukraine. Den Rucksack beschwert William T. Vollmanns „Europe Central“. Zuckeln mit dem Auto durch Tschechien und Südpolen, stecken bei Łódź in einem Stau und lassen unseren ersten Tag gemütlich in Toruń bei Bier und Gegrilltem ausklingen. In der Nacht flattert eine Fledermaus durchs Zimmer. Die Geschichte spielt im 2. Weltkrieg und erzählt 37 Episoden u.a. von Dimitria Schostakowitsch, von General Wlassow, von Käthe Kollwitz.

Angesichts der aktuellen Weltlage fühlen wir uns nicht gut – so generell. Was soll aus all dem noch werden! Wir fühlten uns ohnmächtig. Bilder aus Lugansk schwirrten durch unsere Köpfe und wir hofften, wir würden das im Urlaub ein wenig bei Seite schieben können.

General Wlassow war ein hochrangiger russischer General der roten Armee. Nach der Gefangennahme durch die Deutschen wechselte er die Seiten. Er wollte gegen Stalin kämpfen und bewaffnet werden. Hitler war anfangs dagegen, Himmler überredete ihn jedoch und so stellte Wlassow eine „russische Befreiungsarmee“ (ROA) auf. Wie wir wissen, scheiterte das Unternehmen. 1946 wurde er von den Russen zum Tode verurteilt und 2 Tage später hingerichtet. Diese Geschichte kannte ich nicht, Sie?

Episode 3: Verängstigtes Tier

Seh´ die Bilder aus Luhansk,

zerschossene Häuser, ein Schuh am Straßenrand.

Kinder mit Kanistern suchen Schutz,

hinter der Bretterwand.

 Auf der Suche nach dem Geräusch,

finde ich ein verängstigtes Tier.

Verängstigtes Tier.

Bin schon sechs Tage da.

Und es ist immer noch schön.

Bin schon sechs Tage da.

Und es ist immer noch schön.

 Wir strandeten in Elbląg, trieben uns auf dem schmalen Küstenstreifen herum, gondelten nach Frauenburg. Ich hatte Fußschmerzen, humpelte durch Danzig, war überrascht über die Schönheit der Stadt. Vollmann schreibt eine große, exaltierte und chaotische Liebesgeschichte zwischen Dimitri Schostakowitsch und Elena Konstantinowskaja in den Roman ein. In echt, hatten sie eine Affäre, das ist gesichert, aber ob es tatsächlich die große Liebe war, wie Vollmann suggeriert, weiß man nicht. Ist auch nicht wichtig, es ist schön und wahr.

Wir waren schon über Danzig hinaus in Łeba am Meer. Fanden uns sozusagen im Bibione der Polen wieder. Kamen in einem alten, ziemlich renovierungsbedürftigen Palais unter, inmitten eines großen Parks und nahe am Meer. Ich war bei der Belagerung von Leningrad angelangt. Schostakowitsch erlebte als Flakhelfer die Belagerung mit. Seine 7. Sinfonie zeugt davon. Was ich nicht gewusst habe, die Leningrader Belagerung, durch die Deutschen, dauerte 2 ½ Jahre. Mehr als 1 Million Menschen verhungerten in Leningrad.

Schostakowitsch war ein Künstler, der am Rande des Wahnsinns im Wahnsinn der Umstände versuchte, zu überleben, nicht nur als Individuum, sondern auch als Künstler. Zwischen revolutionärem Eifer und opportunistischer Ernüchterung über die Entwicklung der Bolschewiki, machte er sich keine Illusionen darüber, dass er der nächste sein könnte, der abgeholt würde.

Als wir in der Region Stettin landeten, arbeite ich mich am Ende von „Europe Central“ ab. Wir suchen das Dorf meiner Großmutter, wo sie aufwuchs und meinen Großvater, der auf Montage in Vorpommern war, kennen lernte. Damit schließt sich der Kreis. Das Buch ist fertig, die Reise geht zu Ende und ich bin dort angelangt, wo ich immer mit meiner Großmutter hin wollte, als sie noch lebte. Aber sie verweigerte sich, dürfte wohl zu schmerzhaft gewesen sein.

Epilog: 

Seit 2003 trage ich jedes Buch, das ich lese, in eine Excel Tabelle ein. Damit weiß ich, was ich und wieviel ich pro Jahr lese. Fragen Sie mich was? Das wissen, die wenigsten, müssen sich auf Schätzungen verlassen, die – wie wir wissen – falsch sein können. Ich kann lesen und verstehe das allermeiste davon, was gemeint ist. Und das ist nicht wenig, behaupte ich einmal.

„SturmEcho! SturmEcho!“

Gesprächspartner:
Herbert Troger, SturmEcho-Chefredakteur seit 1970
Thema:
Der Redaktionsalltag früher SturmEcho – Jahre
Sturm Protokollant:
Wolfgang Gulis
Illustration:
Marion Kamper
Ort, Zeit:
Graz, im März 2018
Thema: 50 Jahre Sturm – Echo

Angefangen hat das bei mir noch vor der Matura als Mittelschüler. Ich war von Anfang an dabei, da hat der Manfred Ebner noch das Sturm Echo rausgebracht. Der war vom Fach, der hat die Handelskammer Zeitung auch gemacht. Ich hab anfangs nur kleine Arbeiten übernommen, Statistiken und kurze Beiträge für das Echo geschrieben. 1970 hat er mich dann gefragt, ob ich ihm in der Redaktion helfen könne. Hat mich natürlich gefreut. Aber das Mithelfen war nur kurz, weil der Ebner sich vor dem legendären Heimspiel gegen Arsenal zurückgezogen hat und mir die Sache vollständig übergeben hat. Bin ins kalte Wasser gestoßen worden. Die 28. Ausgabe „Steiermark grüßt London – Fußballfest in Graz“ im Oktober 1970 war die erste Nummer in meiner Verantwortung.

Heute kann man sich das ja gar nicht mehr vorstellen, wie damals gearbeitet wurde. Kein E-Mail, kein Internet, kein PC oder Laptop – nichts. Die Texte wurden auf einer „Koffer Schreibmaschine“ geschrieben. Die wurden dann per Post „eingeschrieben und Express“ an die Koralpendruckerei nach Deutschlandsberg geschickt, um dort dann in Bleilettern gegossen zu werden. Nach dem Abschicken der Texte ging ich zu Friedrich Fischer, um die Bilder auszuwählen. Mit diesen ging ich dann zur Klischeeanstalt, die aus den Fotoabzügen druckfähige Klischees anfertigten.

Dann gab es den sogenannte „Umbruchtag“ – meist ein Mittwoch oder Donnerstag vor einem Heimspiel. Ich fuhr mit meinem VW Käfer raus und verbrachte den ganzen Tag mit den Setzern, um die Druckplatten herzustellen. Dort sind wir da gestanden, haben die Titel formuliert, die Fotos und die Inserate händisch eingebaut, es wurde auch nochmal korrekturgelesen und Fehler ausgebessert.

Am Samstag, dem Matchtag, bin ich vormittags noch einmal wieder zur Druckerei gefahren und habe die fertig produzierten Exemplare geholt. Die wurden vorm Match von der Sturm Jugend verkauft.  „SturmEcho! SturmEcho!“ haben sie vor dem Stadion und auf den Rängen gerufen. Das Echo hat 2 Schilling gekostet. Ich hab beim Arsenal-Spiel  auch selbst ein paar Echos verkauft. Beim Torjubel nach Heinz Zamuts 1:0 sind mir dann die Schillingmünzen aus dem Mantel gesprungen. War nicht lustig, sie im späten Oktober von den nasskalten, dreckigen Stufen zusammenzukratzen.

1982 kam dann der Wechsel zum Offsetdruck. Anfangs noch mit Klebeumbruch, später dann schon mit Bildschirmumbruch. Ich hab aber noch immer die Texte auf der Schreibmaschine getippt, bin zum Druckhaus gefahren – mittlerweile das Druckhaus Thalerhof – und dort wurden sie in einen Textcomputer eingegeben. Später bin ich mit Textdateien auf Disketten herumgelaufen. Das war schon ein Riesenfortschritt. Das war auch die Phase, mit der wir beim Echo eine neue Qualität erreichten. Es gab „Informationen aus dem Klub“, „Statistik“, Kommentare und Glossen, Pressestimmen, Interviews, Porträts, Nachwuchs-Doppelseite und vieles mehr. Die digitale Technik machte vieles einfacher und erlaubte es uns, Zeit in die Redaktion zu stecken. Wir waren ein super Team, der Eberl Erwin, der Hans Zellbauer, mein Vater, der ebenfalls  immer mit werkte, und Inseratenverkäufer Franz Deutsch. Nur so brachten wir das zustande. Und jetzt mach ich das schon seit 48 Jahren. Kann ich eigentlich selbst kaum glauben.