Versuch´, ihn am Leiberl zu halten

„Du darfst den Stöger nicht aus den Augen lassen.“ Mählichs Schrei hallt noch in mir nach. Schweißgebadet bin ich, die Decke klebt an mir. Mir ist heiß. Mein Herz rast. Ich setze mich auf, schwinge meine Füße aus dem Bett. Schau durch ein dreckiges Fenster auf einen bewölkten Himmel, öffne es. Kalte Luft dringt herein. Es muß Winter sein, vielleicht schon Frühling, wenn ich nur wüsste, wer ich bin.

Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf: „Ich war beim Training“. Doch nein, es ist ein anderer Tag, ich bin aus einem anderen Traum erwacht, den hatte ich vor Wochen. Heute ist Montag, oder Samstag? Irgendwoher dringt ganz leise das Morgenprogramm aus dem Radio.

Das Stadion kenn ich. Blicke auf, steh auf dem Rasen des Stadions – des Stadions! Ich höre Lärm auf den Rängen. Es ist noch recht schütter besetzt, aber es füllt sich. Leute mit Bierbecher und Brezen in der Hand begeben sich auf ihre Sitze.

Ich habe mich beruhigt, mein Herz klopft wieder normal. Die Arbeiter lärmen auf der Baustelle. Jetzt verstehe ich die Zuschauerränge, der gleiche Lärm. Ich schließe das Fenster.

„Einmal berühren“, kleines Feld, abgesteckt mit Hütchen, mit Popovic, Prilasnig, Reinmayr, wir mit den gelben Übertrikots. Als ich den Ball bekam, rutschte mir Mählich entgegen. Ich spielte ab, aber irgendwohin. Vastic bekam den Ball trotzdem unter Kontrolle, spielte zu Foda. Milanic ging drauf, der gehörte zu mir. „Zehn Minuten noch, Schusstraining!“ schrie der Ko. Ich war müde, das Aufwärmen – völlig genug für mich. Meine Kondition, die reichte gerade für den wöchentlichen Jux Kick. Drei Schüsse, einer ins Tor, zwei daneben, dann in die Kabine. Osim spricht mit uns, zur Mannschaft und zu jedem einzelnen, beim Hinausgehen. Er erwartet sich vollen Einsatz. Karge, kryptische Sätze, kaum verständlich für mich.

Ich schlurfe die Stiegen hinunter, gehe aufs Klo. Trinke im Badezimmer einen Schluck Wasser aus dem Hahn; weiter in die Küche, hantiere herum, um Kaffee zu machen.

Ich bin in der Mannschaft. Ich weiß nicht wieso, ich bin ja schon zu alt, aber ich bin in der Mannschaft. Unruhe befällt mich. Ich kann´s nicht glauben und alle tun so, als wär ich voll integriertes Mitglied der Mannschaft. Die anderen schupsen mich raus, durch den Tunnel, wie es so schön heißt, schreien sich gegenseitig aufmunternde Worte zu. Applaus brandet auf, die übliche Musik. Wir laufen ein, ich vor Mähl ich, fast so groß wie er, also ziemlich klein. Wir winken, drehen uns um und winken wieder. Ich blicke an mir hinunter und sehe deutlich den Dress mit dem Sturm-Logo und der Puntigamer Werbung.

Unser Gegner ist der LASK. Ich höre die Chöre von den Rängen undeutlich, aber ich weiß, was sie singen, „Steht auf für den SK Sturm“ und rhythmisch klatschen sie und rufen „Kasimir, Klatsch, klatsch, klatsch, Kasimir“. Mählich klopft mir noch auf den Hintern und beschwört den Einsatz und das ich auf Stöger Acht geben solle. Ja bitte, was soll ich mit dem Stöger, der ist mir doch haushoch überlegen, dem lauf ich doch nur hinterher. Ich spiele im zentralen Mittelfeld, anstelle von Schupp. Das auch noch. Reinmayr und Mählich direkt neben mir, der eine links vorne, der andere rechts hinter mir.

Das Spiel beginnt, es geht alles rasch. Wir haben gleich einmal den Ball verloren. Ich versuche, so gut es geht, zu laufen. Was ich halt kann; vor, zurück, links – rechts. Mählich spielt mich an, hinter mir höre ich einen LASK Spieler. Ich sehe Prilasnig links außen, spiele gleich weiter. Gelungener Pass. Ich laufe Richtung gegnerischen Tor. Die anderen sind schneller, schon vorne. Ich bin am gegnerischen Strafraum angelangt, umringt von zwei LASK Spieler. Aus dem Angriff wird nichts. Der letzte Paß in den Strafraum war zu steil, der Ball kollert ins Tor Out.

Ich mache kehrt, der erste LASK Angriff rollt auf uns zu. Ich bin im Mittelfeld bemüht, den jeweiligen Mann um mich herum anzugreifen oder den Raum zu zu stellen, so wie ich es halt mir denke, dass ich es tun muss. Weissenberger führt den Ball. Ich gehe auf ihn los, habe aber keine Chance. Er sprintet davon, ich ihm nach, bin zu langsam. Ich höre Schreien meiner Mitspieler. Ich hetze im Zentrum zurück zu unserem Strafraum. Der LASK ist auf die linke Seite ausgewichen, Frigaard hat den Ball. Milanic versucht ihn zu stoppen. Kauz ist ungedeckt in der Mitte, ich stelle mich zu ihm. Aber der bewegt sich die ganze Zeit. Keine Spur von Ausruhen. Ich kämpfe gegen meine Schwerkraft, ich versuche meinen Willen zu bezwingen und mich weiter zu bewegen. Der Pass von Frigaard in die Mitte kommt nicht an, der Ball ist im Out. Einwurf für uns. Ich bleibe stehen. Hoffnung auf eine Verschnaufpause, aber das Spiel geht schon wieder nach vorne weiter. Foda ist letzter Mann und nur mehr fünf Meter von mir entfernt. Und Osim sagte ja: Alle haben was fürs Spiel zu tun.

Also ich los, nach vorne. Ich laufe Richtung Mittellinie, leicht rechts, Mählich ist weiter vorne. Zum ersten Mal habe ich freieren Raum, mehr als zehn Meter um mich herum. Der Vorstoß von Schopp auf der rechten Seite endet. Er dreht ab und spielt mich an, als nächsten freien Mann. Der Ball kommt scharf, ich habe Mühe ihn zu stoppen, nicht brillant, aber es gelingt. Da kommt schon ein LASKer auf mich zu geschossen. Panik steigt auf. Ich habe den Ball, ich darf ihn nicht verlieren, sonst schäumt das Publikum gleich wieder. Außerdem stehe ich ziemlich weit hinten, wäre fatal wenn ich ihn verliere. Prilasnig wäre frei, der erwartet den Ball, aber ich stehe schlecht zum Ball und bis ich ihn zum Paß hergerichtet habe, greift mich der Gegner sicher an. Mählich ist verdeckt. Nach vorne sehe ich auch keine Anspielstation. Haas steht im Zentrum, ist aber gedeckt. Mein Herz klopft beim Hals heraus. Zu lange gewartet, der Gegner ist bei mir, zurück zu Foda. Letzte Rettung. Paß zurück. Genau so, wie ich es nie sehen möchte, wenn ich auf der Tribüne sitze.

P1030191Es kommt Sand in unser Angriffsgetriebe. Der Ball ist schnell weg, der LASK geht robust auf uns los. Riseth kommt auf mich zu, so schnell wie ich nie sein werde. Er umläuft mich, ich versuch´ ihn am Leibchen zu halten. Er weicht aus, ich trabe ihm nach, so schnell ich kann, aber mir geht die Luft aus. Ich bin dem nicht mehr gewachsen. Es rasselt in meiner Lunge, der trockene Hals schnürt sich zu und ich würge. Prilasnig braucht Hilfe auf rechts, da sind gleich drei Gegner und führen ihren Angriff. Mählich schreit und deutet. Ich hetze hinaus, aber bis ich dort bin, ist die Flanke schon geschlagen worden. Ich kann nicht mehr, bin völlig ausgepumpt.

Mein Kopf dreht sich. Wenn wir in den Angriff gehen, schwappt unsere Angriffsformation über mich hinweg, wenn der LASK angreift, überrollt mich die gegnerische Welle, ich drohe zu ertrinken. Ich wirble hin und her, als wäre ich in einer Welle erfaßt worden und hätte die Orientierung verloren, wo oben und unten ist. Osim wird sicher nicht zufrieden sein, aber was sich der dabei gedacht, mich in die Mannschaft zu nehmen. Wie kommt der überhaupt auf mich. Ich schau zur Bank, Osim hängt ihn seiner Schlaufe und deutet irgendetwas zu Vastic.

Ich muß mich ausruhen, aus dem Zentrum raus. Ich weiche nach rechts aus. Japsend, nach Luft suchend, irgendwo um mich herum, muß es doch eine geben. Es ist heiß, wie neben einem Hochofen. Wir haben uns zwar in der Hälfte festgesetzt, aber noch kein Mittel gefunden, die Abwehr zu knacken. Ich tu so, als würde ich nach hinten sichern, aber es ist eigentlich nicht notwendig, denn Milanic, Foda und Popovic stehen hinten und nur Frigaard steht an der Mittellinie. Ich möchte mich hinlegen, in das weiche grüne Gras. Ich schaue auf die Stadionuhr. Es sind erst fünf Minuten vergangen, ich kann´s nicht glauben. Da kommt eine Flanke von Prilasnig von links rein, Schopp erreicht sie nicht, Haas versucht nach zu sprinten, aber Ba rutscht in den Ball und schlägt ihn aus den Strafraum, in meine Richtung.

Das unvermeidliche! Ich muss schon wieder los, nach vorne, versuchen den Ball zu erobern. Rechts hinaus spielen, vielleicht geht Schopp hinunter zur Corner Linie. Oder flanken, aber Reinmayr bietet sich auch für den kurzen Paß in die Mitte an. Was soll ich nur tun, hinter mir ist niemand, vor mir stürmt Stöger heran. Ich fühle mich so langsam und ausgelaugt. Ich muß ihn erwischen, vor Stöger und was machen, aber was?

Ich bin am Ball, Stöger noch etwa drei Schritte entfernt, mein Blick klebt am Ball, ich bin nicht fähig aufzusehen und schicke ihn rechts hinaus, in der Hoffnung Schopp läuft dort irgendwo. Überhastet, viel zu fest. Stöger hat ihn nicht erreicht, aber von Schopp war weit und breit nichts zu sehen. Der war ja noch in der Mitte. Reinmayer schreit, Vastic hebt die Arme. Mählich plärrt hinter mir. Einige Pfiffe dringen in mein Bewußtsein. Als ich mich umdrehe, klatscht Mählich in die Hände und während das passiert, hat der LASK schon seinen Abstoß vorgenommen, Stöger auf links, sprintet davon. Mählich deutet noch, dass ich nach soll. Ich hinterher, das Stadion ist so lange, entlang der Outlinie, dem Stöger nach, viele tausend Kilometer laufe ich die Linie entlang, Richtung Norden, Gratkorn, Frohnleiten, Bruck, Mariazell, Melk, Zwettl, Tabor, bis ich in Berlin bin. Stöger hab ich nicht gefunden. Ich laufe und laufe und bestell mir ein Grillhendl, das ich dann beim Görlitzer Park in Kreuzberg esse.

Als ich aus der Dusche komme, der Kaffee duftet schon, frisch gemahlen. Ich erzähle ihr den ganzen Traum und sie meint, dass der Stöger jetzt in Köln wäre und ich außerdem versucht habe, ihr die Decke wegzunehmen. Das war sicher Riseth, der mir enteilt ist.