Wissenschaft in Zeiten…

… der Corona Pandemie

Zeiten der Krise(n) offenbaren schonungslos Mängel; seien es struktureller, politischer, wirtschaftlicher oder soziokultureller Art (1). Die katastrophale Lage – und das nicht nur im Hinblick auf ihre finanzielle Ausstattung – unserer Schulen (2), wäre eine herausragende Bestätigung dafür. In der Corona Pandemie rückt Wissenschaft in Form von „Expert*innen“ schlagartig ins Zentrum der täglichen Berichterstattung. Expert*innen werden „händeringend am Markt gesucht“, herumgereicht und sind heißbegehrt wie die Masken.

Dabei offenbart sich ein bedenklicher aber auch symptomatischer Umgang. Wissenschaftler*innen werden als Verkünder (selten *innen) der (absoluten?) Wahrheit benötigt. Gerade in der Corona Pandemie entpuppt sich dies als fatale Beziehung zwischen Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft und Nutzer*innen. Die Lösung dieses Knotens ist um einiges schwieriger, weil es sich um ein Geflecht von Interessenslagen handelt, einige davon seien hier kurz thematisiert.

Erstens, die Politik braucht Wissenschaftler*innen als Legitimation für ihre Entscheidungen. Dies drückt sich etwa durch Beraterstäbe und Expert*innen aus, die durch ihre Autorität, begründet durch Fachwissen oder manchmal durch ihre Funktion (z.B. höchster Beamter der Gesundheitsbehörde), die Entscheidungen der Politik datenbasiert erscheinen lassen. Sie dienen der Rückversicherung. Es wird suggeriert, die Expert*- oder Beratergremien seien die Hüter*innen der Wahrheit, des absoluten Wissens, der höchste Wesensform der Wissenschaft.

Zweitens, die Medien, alle – ob öffentlich oder privat, digital oder analog, alternativ oder Mainstream, mit oder ohne dahinter liegender politischer Agenda – setzen oder wollen auf die Wissenschaft, auf den/die Expertin setzen. Entweder versuchen die Machthaber ihre Entscheidungen zu legitimieren oder – seitenverkehrt – versuchen Oppositionelle deren Politik zu delegitimieren. Eine/n Expert*in finden sie immer; dafür oder dagegen.

Dabei verschwimmen die Grenzen zu Expertentum. Nicht jede/r Arzt/Ärztin ist auch Experte/in für epidemiologische, virale oder öffentliche Gesundheitsfragen. Was dabei gefragt ist, ist  vielmehr die Bedeutung des „weißen Kittels“ (des Titels). Bei der Prominenz wird es diffuser. Oft schwer nachzuvollziehen, warum eine Schauspielerin oder ein Musiker zum Thema Covid besondere Kompetenz aufweisen sollte. In vielen Fällen sind es Interviewformen, in denen Wissenschaftler*innen zu bestimmten Sachinhalten befragt werden. Dabei geht es oft um Prognosen und Einschätzungen, oder sollte man um „Kaffeesudleserei“ dazu sagen, denn mit der Erhellung der Sachlage hat das mitunter wenig zu tun. Das eigentliche Wissen bleibt auf der Strecke.

Drittens, die Expert*innen selbst. Welche Branche braucht das Licht der Öffentlichkeit nicht! Kann man mit seiner Kompetenz und seinem Wissen strahlen, dann wirkt sich das durchaus positiv aus, entweder in Form von persönlicher Karriereentwicklung oder einem dahinter in Szene zu setzendes wirtschaftliches Unternehmen (Institut, Labor, Privatklinik, Beratungsfirma udgl.) Nicht jede*r die/der vor die Kamera und Mikrofon geholt wird, sind solche Beweggründe zu unterstellen, aber der Verkaufsaspekt und das in den Vordergrund rücken, um sich einen Konkurrenzvorteil zu verschaffen, sollte zumindest mit bedacht werden.

Manche „Expert*innen“ besitzen einfach bessere Kontakte, sind telegener, können besser erklären, geschliffener formulieren oder sind einfacher im Umgang, schnell und reibungslos verfügbar. Dies führt zu einem „Ausleseprozess“, so dass sich gerade in Österreich, in dem die Szenen insgesamt klein sind, im Laufe der Zeit „Monopolexpert*innen“ entwickelt haben. Eine Expertin für Missbrauchsfälle, ein Experte für straffällig gewordene, für Gesundheitsfragen, für Jugendliche usw.

Aber es gilt auch den „bewussten Oppositionellen“ zu bedenken. Wissenschaftler*innen, die gegen den Mainstream schwimmen, die aus der herrschenden Meinung ausscheren, die den Zeitpunkt zu nutzen wissen, um sich als den/die „andere/n Expert*in“ zu etablieren (3). Nicht selten, nicht ohne Hintergedanken, denn auch das verschafft Öffentlichkeit/Aufmerksamkeit.

Und schließlich viertens müssen wir den Blick auf uns selbst richten, auf die Nutzer- und Konsument*innen. Denn wir selbst sind es, die diese Erwartungshaltungen abrufen. Wir glauben den „weißen Kitteln“, den Universitätsprofessor*innen, den Expert*innen einfach mehr. Das gilt auch und gerade für die sogenannten „alternativen Fakten“-szene. Nicht umsonst wird in esoterischen, rechtsextremen und verschwörungsanfälligen Kanälen und Medienunternehmen mit der gleichen Systematik operiert: Ein Experte/eine seriös wirkende Wissenschaftlerin stellt sich vor die Kamera und verbreitet die Wahrheiten.

An allen vier kurz beschriebenen Seiten wäre es hoch an der Zeit, Änderungen vorzunehmen und das Problem zu erkennen. Aber das dauert wohl noch, denn kritische Medienkompetenz ist nicht unbedingt, das was im Übermaß vorhanden ist. Fortsetzung folgt.

[1]Siehe auch: Josef Christian Aigner;  Wie Corona Missstände und Verlogenheit aufdeckt. https://www.derstandard.at/story/2000117562426/wie-corona-missstaende-und-verlogenheit-aufdeckt?fbclid=IwAR1hqP2IeSz_OKghhwcOJmdOcbB2PXDqvseedsqjHb0TGmcQRbsQ9k0HRc0

[2] Siehe auch: Muttersprachenlehrerin: „Für unsere Schüler ist das alles nicht repräsentativ“ https://www.derstandard.at/story/2000116568501/muttersprachenlehrerin-fuer-unserer-schueler-ist-das-alles-nicht-repraesentativ?fbclid=IwAR2bYjnk8GyuE0BuvzZLycaSjJjnxXbV1Omt4WlzADAehuHAfkzoBkVJ-ew

[3] Experte Sprenger hat genug von der Corona Taskforce. https://www.derstandard.at/story/2000116710462/experte-spenger-hat-genug-von-der-corona-taskforce

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