Der heilige Gral?

Wissenschaft in Zeiten der Corona Pandemie

Das Problem besteht schon seit längerem. Nur bisher hat es kaum jemanden interessiert. Die Corona Pandemie jedoch rückte es ins Zentrum der Aufmerksamkeit, dadurch wurde es deutlicher.

Die Rede ist vom problematischen Umgang der Medien und Öffentlichkeit mit Wissenschaft und dem damit vermittelten Bild, was Wissenschaft sei. Einige Widersprüche dabei seien im folgenden Beitrag kurz zusammengefasst.

Wissenschaft wird in Medien fast synonym mit naturwissenschaftlicher Forschung gleichgesetzt. Es wird gemessen, quantitativ erhoben und in Labors untersucht. Dazu gibt es die dazugehörigen Bilder; Menschen in weißen Kitteln, mit Masken, Handschuhen sind über Mikroskope gebeugt und hantieren mit Proben. Dass es andere Forschungsdisziplinen auch gibt, die mit Menschen und deren Verhalten zu tun haben, wird nicht verhandelt und kommt auch niemanden in den Sinn.

War die Ausrichtung des Beraterstabes des österreichischen Gesundheitsministers Anschober (Grüne) erstmal auf epidemiologische, virologische und medizinische Expertise ausgerichtet und grundrichtig, so fällt mit zunehmender Dauer auf, dass andere Wissenschaftszweige in der Beurteilung und Bewertung der weiteren Vorgangsweise weitgehend fehlen oder anderswo bearbeitet werden (bei der Wirtschaftsministerin, beim Kanzler,…). Sozial-, Gesellschafts-, Politik-, Kultur- oder bildungswissenschaftliche und noch weitere dringend benötigte Themenexpertise kommt kaum vor.

Es ist aber nicht so, dass Medizinische Forschung gleich Medizinische Forschung wäre. Darin gibt es erhebliche Unterschiede und damit auch Spannungsfelder. Wenn also Christian Drosten[1], Virologe an der Charitè Berlin darauf hinweist, dass das Expert*innentum mittlerweile soweit ausgereift ist, dass Virolog*in nicht gleich Virolog*in ist und er vor allem deswegen öffentlich ins Blickfeld geraten sei, weil er sich mit neuauftretenden (insbesondere Corona) Viren im speziellen seit Jahren beschäftige, so zeigt das nur, wie weit verzweigt und speziell die Wissensgebiete mittlerweile geworden sind.

Epidemiologische Entscheidungen (etwa Kontaktsperre) haben nicht nur auf das einzelne Individuum Auswirkungen, sondern auf uns als Gesellschaft insgesamt. Virologisch implizierte Entscheidungen (wie etwa die 1 Meter Abstand Regel) haben eine Vielzahl von Folgewirkungen; etwa auf die Psyche des Menschen, ökonomische, sozio-kulturelle, arbeitsmarkt-, wohnungspolitische und viele weitere. Diese Folgeketten lassen sich nicht alle von Beginn weg bedenken und planen. Viele davon zeigen sich oft erst nach Wochen, Monaten. Aber je früher unterschiedliche Ergebnisse erkannt, durch Expert*innen eingebracht und bedacht werden können, desto eher sind sie auch politisch organisierbar und können abgemildert oder vermieden werden. Und nicht alle Themen sind durch Wissenschaftler*innen beantwortbar, sondern es braucht auch Expert*innen aus der Praxis, etwa aus psychosozialen, arbeitsmarktpolitischen Feldern, aus der Jugendarbeit u.v.m. 

In ein Raster pressen: Schwarz – Weiß!

Wissenschaft wird gerade in der Covid-Pandemie mit einem Absolutheitsanspruch präsentiert. Dass, was Wissenschaftler*innen verkünden, sei gültig, ja endgültig. Das entspringt auch dem Bedürfnis von Politik und Medien alles in ein Raster zu pressen, als richtig und falsch darzustellen, die „Sache simpel zu halten“.

Typisch dafür die Aussage von Fußballer Marc Janko, ehemaliger Nationalspieler und Weltenbummler: „Jede Woche kam ein angesehener Epidemiologe und präsentierte eine Studie, dann kam ein paar Tage später der Nächste und sagte etwas anderes. Ich dachte, dass Wissenschaft immer schwarz oder weiß ist. Da lag ich wohl falsch.“ Gerade in der Corona Pandemie, die als Ausnahmesituation anerkannt werden muss, wird von Medien, Öffentlichkeit und Politik Absolutheit in den Daten, Fakten beansprucht.[2]

Doch genau diese Sicherheit gibt es nicht. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass divergierende Meinungen, unterschiedliche Einschätzungen, Diskussionen und verschiedene Blickwinkel, aus der jeweiligen wissenschaftlichen Profession heraus getätigt, in der Öffentlichkeit schnell zu Streit, zu Hader, zur Unterdrückung von Meinung uminterpretiert wird.[3]

Unterschiedliche Zugänge und Meinungen, verschiedene Interpretationen und Hypothesen, Grundelemente der wissenschaftlichen Auseinandersetzung hält die Öffentlichkeit schwer aus und kann damit auch nicht umgehen, in Zeiten von digitalen Medienlattformen und deren ausuferndem Missbrauchs, umso weniger[4].

„Heiliger Gral“

Wissenschaft wird nicht als ein Prozess dargestellt, in dem Menschen mit ihrem Wissen und ihrer Neugierde, sich daran beteiligen, Unbekanntes zu erforschen und neue Erkenntnisse, neues Wissen über Vorgänge in der Welt erlangen wollen, sondern als „quasi heiliger Gral“ der Wahrheit, als das Produkt sowie Endergebnis der Forschung und als Hüterin dieser Wahrheit.

Umso verstörender wirkt es für viele Rezipient*innen dann, wenn deutlich wird, dass Wissenschaft weder alles erklären kann, noch sich darin einig ist, wie dies – was wir gerade erlebten und erleben und damit auch in Erfahrung bringen – zu verstehen ist, und im Falle einer Virus Erkrankung, zu bekämpfen ist.

Wissenschaft – so eine der Erklärungen für sie – wäre als ein Handeln und Haltung gegenüber den Rätseln und Vorgängen in der Welt zu verstehen, das sich auf die Suche nach mehr und mehr gesichertem Wissen begibt und nach Erklärungen sucht. Da ist der Unterschied dann erheblich, etwa auf der Basis von nachvollziehbaren Daten und Fakten zu Erkenntnissen und Verständnis zu gelangen, gegenüber Vermutungen, Glauben und unbestätigten Theorien. Und wie Florian Aigner, Physiker, Buchautor und Wissenschaftserklärer[5] erläutert, ist Wissenschaft genau das Gegenteil von dem was in der Öffentlichkeit so gerne präsentiert wird; als Einzelkämpfer*innentum, ganz im Sinne des „genialen Wissenschaftlers“, der im Kämmerlein die allumfassende Formel (und damit Erklärung) findet.

Der Wissenschaftsalltag ist ein Gemeinschaftsprozess. Es baut auf Kooperation, auf bereits vorhandenen Erkenntnissen, auf Austausch auf, benötigt Kritik, Diskussion und Feedback. Das Gedankengebäude der Wissenschaft sei so groß und komplex, so Aigner, dass niemals ein/e Einzelne/r eine Chance hätte, das für sich allein zu errichten. Umso absurder ist es natürlich, dass die globale Wissenschaftswelt von extremer Konkurrenz, Individualisierung, Rankings, Previews und Listungen geprägt wird. Aber das ist wohl mehr eine Systemfrage, die der neoliberale, patriarchale Kapitalismus hervorgebracht hat und der sich in der Organisation und den Spielregeln von globaler Wissenschaftsproduktion wiederspiegeln,  als eine Frage, die der Wissenschaft an sich anzulasten ist.  

Wissenschaft sollte das Suchen nach Erkenntnis sein, sollte von der Neugierde getrieben sein, das Unbekannte zu entdecken und zu entschlüsseln. Wissenschaft heißt auch, sobald etwas gewusst, etwas bestätigt und daraus eine Regel geboren wurde, bereits diese Gewissheit wieder in Frage zu stellen. Wissenschaft sollte das Streben nach dem Nicht-Wissen beinhalten, wie es schon Sokrates[6] formuliert hatte (Ich weiß, dass ich nichts weiß) und damit die Elemente der Weisheit zu beschreiben begann. Wenn manche Politiker*innen, viele Medien und die Akteur*innen auf den digitalen Plattformen das Bild von Wissenschaft bestimmen, dann erscheint das sokratische Prinzip nahezu unerreichbar, und gerade deshalb ist es so wichtig, darauf hinzuweisen.


[1] Bekannt geworden durch seine NDR Podcasts – Corona Virus update.

[2] https://www.derstandard.at/story/2000117687291/janko-die-vorbildwirkung-ist-desastroes

[3] https://www.falter.at/zeitung/20200512/was-passiert-wenn-es-eng-wird

[4] https://www.brodnig.org/buch-luegen-im-netz/

[5] https://oe1.orf.at/artikel/661284/Florian-Aigner-Wissenschaft-und-Bloedsinn

[6] https://www.planet-wissen.de/geschichte/antike/das_klassische_athen/pwiesokrates100.html


Wissenschaft in Zeiten…

… der Corona Pandemie

Zeiten der Krise(n) offenbaren schonungslos Mängel; seien es struktureller, politischer, wirtschaftlicher oder soziokultureller Art (1). Die katastrophale Lage – und das nicht nur im Hinblick auf ihre finanzielle Ausstattung – unserer Schulen (2), wäre eine herausragende Bestätigung dafür. In der Corona Pandemie rückt Wissenschaft in Form von „Expert*innen“ schlagartig ins Zentrum der täglichen Berichterstattung. Expert*innen werden „händeringend am Markt gesucht“, herumgereicht und sind heißbegehrt wie die Masken.

Dabei offenbart sich ein bedenklicher aber auch symptomatischer Umgang. Wissenschaftler*innen werden als Verkünder (selten *innen) der (absoluten?) Wahrheit benötigt. Gerade in der Corona Pandemie entpuppt sich dies als fatale Beziehung zwischen Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft und Nutzer*innen. Die Lösung dieses Knotens ist um einiges schwieriger, weil es sich um ein Geflecht von Interessenslagen handelt, einige davon seien hier kurz thematisiert.

Erstens, die Politik braucht Wissenschaftler*innen als Legitimation für ihre Entscheidungen. Dies drückt sich etwa durch Beraterstäbe und Expert*innen aus, die durch ihre Autorität, begründet durch Fachwissen oder manchmal durch ihre Funktion (z.B. höchster Beamter der Gesundheitsbehörde), die Entscheidungen der Politik datenbasiert erscheinen lassen. Sie dienen der Rückversicherung. Es wird suggeriert, die Expert*- oder Beratergremien seien die Hüter*innen der Wahrheit, des absoluten Wissens, der höchste Wesensform der Wissenschaft.

Zweitens, die Medien, alle – ob öffentlich oder privat, digital oder analog, alternativ oder Mainstream, mit oder ohne dahinter liegender politischer Agenda – setzen oder wollen auf die Wissenschaft, auf den/die Expertin setzen. Entweder versuchen die Machthaber ihre Entscheidungen zu legitimieren oder – seitenverkehrt – versuchen Oppositionelle deren Politik zu delegitimieren. Eine/n Expert*in finden sie immer; dafür oder dagegen.

Dabei verschwimmen die Grenzen zu Expertentum. Nicht jede/r Arzt/Ärztin ist auch Experte/in für epidemiologische, virale oder öffentliche Gesundheitsfragen. Was dabei gefragt ist, ist  vielmehr die Bedeutung des „weißen Kittels“ (des Titels). Bei der Prominenz wird es diffuser. Oft schwer nachzuvollziehen, warum eine Schauspielerin oder ein Musiker zum Thema Covid besondere Kompetenz aufweisen sollte. In vielen Fällen sind es Interviewformen, in denen Wissenschaftler*innen zu bestimmten Sachinhalten befragt werden. Dabei geht es oft um Prognosen und Einschätzungen, oder sollte man um „Kaffeesudleserei“ dazu sagen, denn mit der Erhellung der Sachlage hat das mitunter wenig zu tun. Das eigentliche Wissen bleibt auf der Strecke.

Drittens, die Expert*innen selbst. Welche Branche braucht das Licht der Öffentlichkeit nicht! Kann man mit seiner Kompetenz und seinem Wissen strahlen, dann wirkt sich das durchaus positiv aus, entweder in Form von persönlicher Karriereentwicklung oder einem dahinter in Szene zu setzendes wirtschaftliches Unternehmen (Institut, Labor, Privatklinik, Beratungsfirma udgl.) Nicht jede*r die/der vor die Kamera und Mikrofon geholt wird, sind solche Beweggründe zu unterstellen, aber der Verkaufsaspekt und das in den Vordergrund rücken, um sich einen Konkurrenzvorteil zu verschaffen, sollte zumindest mit bedacht werden.

Manche „Expert*innen“ besitzen einfach bessere Kontakte, sind telegener, können besser erklären, geschliffener formulieren oder sind einfacher im Umgang, schnell und reibungslos verfügbar. Dies führt zu einem „Ausleseprozess“, so dass sich gerade in Österreich, in dem die Szenen insgesamt klein sind, im Laufe der Zeit „Monopolexpert*innen“ entwickelt haben. Eine Expertin für Missbrauchsfälle, ein Experte für straffällig gewordene, für Gesundheitsfragen, für Jugendliche usw.

Aber es gilt auch den „bewussten Oppositionellen“ zu bedenken. Wissenschaftler*innen, die gegen den Mainstream schwimmen, die aus der herrschenden Meinung ausscheren, die den Zeitpunkt zu nutzen wissen, um sich als den/die „andere/n Expert*in“ zu etablieren (3). Nicht selten, nicht ohne Hintergedanken, denn auch das verschafft Öffentlichkeit/Aufmerksamkeit.

Und schließlich viertens müssen wir den Blick auf uns selbst richten, auf die Nutzer- und Konsument*innen. Denn wir selbst sind es, die diese Erwartungshaltungen abrufen. Wir glauben den „weißen Kitteln“, den Universitätsprofessor*innen, den Expert*innen einfach mehr. Das gilt auch und gerade für die sogenannten „alternativen Fakten“-szene. Nicht umsonst wird in esoterischen, rechtsextremen und verschwörungsanfälligen Kanälen und Medienunternehmen mit der gleichen Systematik operiert: Ein Experte/eine seriös wirkende Wissenschaftlerin stellt sich vor die Kamera und verbreitet die Wahrheiten.

An allen vier kurz beschriebenen Seiten wäre es hoch an der Zeit, Änderungen vorzunehmen und das Problem zu erkennen. Aber das dauert wohl noch, denn kritische Medienkompetenz ist nicht unbedingt, das was im Übermaß vorhanden ist. Fortsetzung folgt.

[1]Siehe auch: Josef Christian Aigner;  Wie Corona Missstände und Verlogenheit aufdeckt. https://www.derstandard.at/story/2000117562426/wie-corona-missstaende-und-verlogenheit-aufdeckt?fbclid=IwAR1hqP2IeSz_OKghhwcOJmdOcbB2PXDqvseedsqjHb0TGmcQRbsQ9k0HRc0

[2] Siehe auch: Muttersprachenlehrerin: „Für unsere Schüler ist das alles nicht repräsentativ“ https://www.derstandard.at/story/2000116568501/muttersprachenlehrerin-fuer-unserer-schueler-ist-das-alles-nicht-repraesentativ?fbclid=IwAR2bYjnk8GyuE0BuvzZLycaSjJjnxXbV1Omt4WlzADAehuHAfkzoBkVJ-ew

[3] Experte Sprenger hat genug von der Corona Taskforce. https://www.derstandard.at/story/2000116710462/experte-spenger-hat-genug-von-der-corona-taskforce

Verschwundene Orte Teil 4

Marienplatz, Babenbergerstraße 34-36

Tante Anna war eigentlich gar keine richtige Tante sondern die angeheiratete Frau vom Großonkel Rudi. Sie war von ihrer Physiognomie ganz anderes als die Abkömmlinge des Gulis Clans. Groß, hager, resolut, laut. Sie erscheint mir, wenn ich an sie denke, immer rauchend, mit einem Staubmantel angetan, die große knollige Nase hervortretend. Sie trägt ein Kopftuch und an ihrem Unterarm baumelt lässig ein Schirm. Für all die Jahre, die ich Tante Anna kannte, konnte das natürlich nicht stimmen, denn ich sah sie ja nicht nur im Regen, im Herbst oder im Frühling, sondern wir waren auch gemeinsam auf Ausflügen, fuhren gemeinsam zum Baden oder waren auf der Alm unterwegs.

„Marienplatz“

Die Gegend in der der Marienplatz lag, war mir wenig vertraut. Sie war auch nicht sehr einladend. Das langgestreckte Bürogebäude der Arbeitsmarktverwaltung (AMV), wie das Arbeitsmarktservice damals noch hieß,  gab es schon. Gegenüber der AMV standen einige alte Häuser, die nach den Kriegsschäden, da diese rund um den Bahnhof besonders schlimm ausgefallen, wieder renoviert worden waren. Es folgte ein Bretterzaun. Gleich zu Beginn dieser Zaunreihe gab es ein windschiefes, knarzendes und knarrendes Holztor. Durchschritt man es, tat sich eine, für das ansonsten dicht besiedelte Viertel, ungewöhnlich weiträumig abfallende Wiese auf, die in der Senke in den Fußballplatz auslief. Am nördlichen Rand standen einige hohe Bäume. Ein gemauerter Weg mit Stufen führte hinunter. Rechts dann die Fußballumkleidekabinen, die Abstellräumlichkeiten für die Maschinen für den Platzwart und die kleine Kantine. Der Weg endete im südlicheren Teil des Platzes, etwa auf der Höhe des 16ers – des Strafraums. Im Hintergrund ragten die Türme der Kloster- und Marienkirche auf. Inmitten der rauschenden Stadt ein kleine Idylle.

Der Platz war sogar für Meisterschaften der unteren Klassen kommissioniert, hatte also einen Platzwart, Tore mit Netzen, war mit Linien versehen und mit Eckfahnen. Groß genug nach den FIFA-Regeln war er auch, um Meisterschaftsspiele zu spielen. Zumindest der FC-Wickenburg – den Verein gibt es schon lange nicht mehr – tat dies dort. Den Rest der Zeit wurde er von Jugendmannschaften und diversen Hobbytruppen genutzt. Solche Plätzen gab es früher einige in Graz; etwa der Körner Platz in der Schönaugasse, dann das Heimstadion des Grazer Sportklubs in der Conrad von Hötzendorfstrasse und in Mariatrost, einige hundert Meter hinter der Kegelbahn Gruber. Außer dem Mariatroster Sportplatz, der jetzt allerdings wo anders liegt, gibt es von all den Plätzen keinen mehr. Genauso wenig wie es viele Grazer Teams noch gibt, die mit der Zeit so ganz nebenbei, still und heimlich verschwanden.

Mein Großonkel Rudi, der von vielen Freunden gar nicht Rudi gerufen wurde, sondern Peter, war ein typischer  Vertreter der Gulis Gattung. Klein, rundlich, stattliche Geheimratsecken. Dick aber nicht fett, von der Sorte klein und kompakt. Die beiden – Anna und Rudi – passten also rein optisch gar nicht zusammen. Sie war um einiges größer als er. Bis zu Tante Annas Tod, einige Jahre bevor Rudi in Pension ging, waren sie trotz aller Unterschiede, die nicht nur ihr Äußeres betrafen, ein Ehepaar. Gemeinsame Kinder hatten sie nie. Übrigens, ein Merkmal der sich durch den Gulis Zweig zieht. Wir vermehren uns nicht so gerne, deswegen wird die Familie auch immer kleiner und stirbt demnächst aus. Die einzige Nachkommin, die Tochter meiner Schwester trägt zwar einen Teil der Gene aber nicht den Namen weiter.

Warum der Onkel Rudi Peter gerufen wurde, hat sich mir nie erschlossen. Ich habe auch versucht nachzufragen, aber es kam dabei nie etwas raus. Komisch ist es aber schon, denn Peter wäre ja nicht so ein viel anderer Name als Rudi, weder ausgefallen oder irgendwie auf einen Spitznamen hin deutend. Vielleicht hatte er zwei Identitäten? Gar nicht abwegig der Gedanke. Es blieb und bleibt für immer ein Rätsel, wenn auch ein kleines, unbedeutendes. In der Fußballerrunde riefen ihn jedenfalls alle Peter.

Was mich mit Tante Anna und Onkel Rudi verband, waren Treffen an so manchen Wochenenden zum Fußballspielen und -schauen. Wenn Sie sich das genauer vorstellen wollen, dann kommt es am ehesten hin, wenn man Happening dazu sagen würde. Die Angehörigen – Freundinnen, Ehefrauen, sonstige Verwandte und Bekannte,  die dazu gehörenden Kinder, sie alle saßen auf den Holzbänken auf der Seite der Plätze, wo auch immer die Mannschaft gerade spielte; manchmal auch im Gastgarten der Kantine – wenn es eine gab – unter einem Schirm und wohnten dem Match bei. Wobei die Redewendung nicht sehr treffend ist, weil ich kann von den meisten nicht wirklich behaupten, dass sie „dem Spiel beiwohnten“. Vielmehr ging es darum, sich zu treffen. Während sich die Männer über den Rasen mühten, saßen die Angehörigen zusammen, tratschten, aßen, wenn es was gab, tranken und schleckten Eis. Die Kinder rauschten ab, tollten auf der angrenzenden Wiesen umher; waren in der Nähe, standen aus den Augenwinkeln unter Beobachtung, störten aber nicht und wurden nicht gestört; es sei denn, es gab Zoff. Wenn das Wetter schön war, war es wie ein Familienausflug. Der Wind rauschte durch die Bäume. Gegen späteren Nachmittag läuteten die Glocken der Marienkirche. Alles perfekt. Fast. Nicht ganz?

Tanta Anna

Nicht einmal kam es vor, dass es an so einem idyllischen Samstag, Aufruhr gab. Irgendetwas war auf dem Spielfeld passiert. Es gab eine Rudelbildung. So fing das an. Das sonst übliche Geschrei auf dem Platz hatte sich verändert. Die unaufmerksame Tante Anna – sie interessierte sich nicht wirklich für Fußball – war plötzlich hellwach, sah auf das Feld, sondierte blitzschnell die Lage, zögerte daraufhin keine Sekunde mehr, sprang auf, schlüpfte unter dem Geländer zum Spielfeld durch und lief auf das Spielfeld dem Rudel entgegen. Den Schirm hatte sie von einem Accessoire zu einer Waffe umgewandelt, mit der sie schwingend auf die streitenden, schupfenden und manchmal auch schlagenden Kicker zulief.

Sie müssen sich das jetzt wie aus einem Asterix Comix vorstellen, wenn Obelix auf die Römer-Phalanx trifft und diese auseinander sprengt. Tante Anne machte keine Gefangenen. Sie hieb und stach auf die Raufenden ein. Regelmäßig war das Tohuwabohu schnell zu Ende. Die einen waren froh, dass Tante Anna dazwischen gegangen war, die anderen – meist die generischen Mannschaftsmitglieder – waren so überrascht über den fremden – noch dazu weiblichen – Wüterich, das alle rasch voneinander abließen. Die am Boden Liegenden rafften sich auf, die Spieler beruhigten sich gegenseitig. Rasch herrschte wieder Spielbereitschaft.

Tante Anna schrie noch mit einigen, straffte schließlich ihre Schultern, wandelte ihre „effektive Waffe“ wieder in ein Accessoire um und stolzierte vom Platz. Ganz einer Lady gleich, die ihren Einkauf abgeschlossen hatte, setzte sie sich auf die Bank, rauchte sich eine an und nahm das Gespräch wieder auf. Sie rauchte im Übrigen immer Falk.

Manchmal kam es vor, dass irgendwo in der Nähe der Sitzbänke ein Foul gegen einen unserer Spieler begangen wurde. Auch da verwandelte sich Tante Anna in eine Furie. Sie sprang auf, klammerte sich an die Eisenrohre, die als Geländer fungierten an und schrie in kreischender, rauchiger, sich überschlagender, aber sehr lauter Stimme, Unflätiges hinein. Vieles davon kann man einfach nicht wiedergeben, aber „heast Deppata! I hau das Kreiz o“ war vergleichsweise milde, was aus ihrem Mund zu hören war. Drohungen, was mit ihm passiere, wenn sich das wiederholte, waren obligatorisch. Das Gemächt – und was sie damit machen würde – des Übeltäters spielte dabei nicht selten eine Rolle. Die große Mehrzahl der Spieler ließen das über sich ergehen, sie legten sich mit Tante Anna nicht an. Sie war eine Respektsperson, gefürchtet und bekannt.

Tante Anna hatte drei Schwestern. Zwei davon waren ausgewandert, eine nach Übersee in die Staaten, die andere nach England. Annas Schwester in den USA kannten wir nur von Fotos und spärlichen Erzählungen. Die Erinnerung und das Wissen über sie blieb bruchstückhaft.

Die zweite ausgewanderte Schwester kannten wir etwas besser. Sie hieß Rose oder Rosa und sie lebte in London. Sie war das etwas kleinere Abbild ihrer Grazer Schwestern, mittelgroß, hager, resolut, laut. Mit einem englischen Einschlag dazu; etwas schriller, weniger rauchig, etwas kitschiger, etwas farbiger, mehr toupiertes, schillernd bläulich schimmerndes Haar. Mit einem lustigen steirischen Dialekt, geprägt von einer britisch-englischen Intonation. Wie bei vielen Auswanderinnen war der Wortschatz nicht mehr so präsent. Nach manchem Wort musste Rosa schon suchen oder sie ersetzte es einfach kurzerhand durch den englischen Begriff. Das war für uns Kinder lustig.

Fast ebenso exotisch-lustig war ihr Lebensgefährte, der bei den Besuchen meist mit kam. Der war, als wir ihn kennenlernten, Arbeiter in einem Kühllager in London, später dann am Flughafen in der Gepäcksortierung beschäftigt. Er hieß Tunde und er war dunkelhäutig. Na, Sie können sich wohl vorstellen was das in den 1970 für eine Überraschung war. Tunde sprach wenig Deutsch, aber verstand sehr viel, sogar Dialektwörter; nicht nur die schlüpfrigen. Rosa behauptete, dass er ein Prinz sei, ein Abkömmling eines Stammeskönigs und aus Nigeria stamme. Mit der Geschichte spielte er auch gern und bediente nahezu jedes Klischee, das einem so dazu einfiel. Tunde konnte mit seiner unkomplizierten und lustigen Art schnell die sprachlichen, sozialen und sonstigen (?) Barrieren abbauen und wurde in die Familie aufgenommen. Was nicht so schwer war, da es sich ja immer nur um einige Treffen und wenige Tage handelte, die sie in Graz verbrachten.

Tunde war das Gegenteil zu Rosa. Sprach sie ununterbrochen, hüpfte auf und ab und konnte keine Minute still sitzen und aß kaum was; so war er der Typ: gemütlicher, phlegmatischer Biertrinker, der alles aß, was man ihm vorsetzte. Stellen sie sich das Bild vor! Tunde, mittelgroß, rundlich und sehr dunkelhäutig saß in einem typischen 1970er Jahre Wohnzimmer auf der Couch, beobachtete das Treiben, aß und trank vor sich hin, während Rosa sich „die Haare machen“ ließ. Die Frauen gingen in die Küche und ins Bad und führten ihre eigenen Gespräche, während die Farbe aufgetragen oder die Wickler eingedreht wurden. Wenn Rosa unter der Trockenhaube saß, war sie noch lauter, als sonst.

Dann saßen die Männer im Wohnzimmer, tranken Bier und hatten Teller mit Snacks und zwischendurch Imbissen vor sich stehen. Die Männer sprachen generell weniger, kommentierten eher das Geschrei aus der Küche und da gab Tunde von Zeit zu Zeit irgendeinen kurzen Kommentar ab. Manchmal auf Deutsch, meist auf Englisch. Die waren meist witzig, manchmal auch schlüpfrig und sexistisch angehaucht, ohne dass es böse gemeint war. Wie das im globalen Patriachat halt so ist. Sofern man ihn verstand. Da ich ein bisschen mehr Englisch konnte als meine Eltern, kapierte ich eher, was er sagte.

Das mit der Abstammung könnte durchaus gestimmt haben. Man weiß ja nie. Auf jeden Fall lebte er schon viele Jahre in England, bevor er Rosa kennenlernte. Rosa kam des Öfteren nach Österreich, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Das fing bei den Zähnen an und ging bis zu aufwändigeren medizinischen Behandlungen und Eingriffen. Wenn Rosa über das englische „Health Care System“ erzählte, wurde uns damals schon bewusst, wie gut wir es in Österreich eigentlich hatten und wie gut unser System war und das betonten alle Erwachsenen ständig. Es machte deutlich, dass das National Health System damals schon kaputt gespart wurde und von neoliberalem Gedankengut zerfressen wurde.

Beide Schwestern hatten eine nicht so robuste Gesundheit, ganz im Gegensatz zu ihrer nach außen gestellten Robustheit. Tante Anna hatte schon einmal einen diagnostizierten Brustkrebs, den sie im ersten Anlauf besiegte, wenn auch zum Preis einer totalen Brustabnahme. Aber der Tumor hatte nur Pause gemacht – wenngleich eine längere. Dafür kam er umso heftiger zurück und führte schließlich auch zu ihrem raschen Tod. Rosa laborierte auch an vielen anderen Krankheiten und sie starb einige Zeit nach Tante Anna, auch weil sie nicht mehr nach Österreich fahren konnte und die Behandlung in London für sie zu teuer kam. Bald nach dem Tod von Rosa verlief sich die Spur zu Tunde. Das letzte, was wir hörten, war, dass er als Nachtwächter arbeitete. Obwohl er eine Pension hatte, reichte diese für den Lebensabend nicht aus. Mit dem Tod von Onkel Rudi riss auch der letzte Faden zu diesem entfernten Teil der Familie.

Onkel Rudi

Die Gulis Fama lautet, der Onkel Rudi sei ein Hallodri gewesen und wäre sicher auf der schiefen Bahn gelandet, wenn nicht die Tante Anna die Zügel in der Hand genommen und gehalten hätte. Evident ist, dass er gerne Karten spielte, nicht „Schwarzer Peter“, wenn Sie wissen, was ich meine, sondern er eine Menge Geld in diversen Hinterzimmern von diversen Kaschemmen im Gries und Lend[1] liegen gelassen hatte. Auch belegt ist, dass er das eine oder andere Mal von Tante Anna aus einem Puff „abgeholt“ – oder ausgelöst – werden musste. Gerüchten zufolge war er gerne im damals noch existierenden und für mich als Kind reichlich abstoßend klingenden „Kleinen Pelz“ zu Gange. 

Sie erzählte das mit großer Offenheit und ohne Scheu, allerdings nur, wenn die Frauen unter sich waren. Ich hörte das immer mit Freuden, weil ich auf der anderen Seite auch bei den Männerrunden schon dabei saß und so auch die andere Seite der Geschichte hörte. Der Vorteil war, dass man als männliches Kind noch nicht als Mann angesehen wurde und ich daher oft daneben saß und alles hörte, was es über die Ehemänner zu berichten gab. Da  war dann der Wettbewerb eröffnet, wer den schlimmeren, schlechteren, dümmeren Mann hatte. So schien es mir damals schon. Aber ich hielt immer dicht. Ich erzählte den Männern, wenn ich bei ihnen saß, nie, was die Frauen über sie sprachen und dachten.

Nach Annas Tod war Onkel Rudi noch einige Jahre mit einer wesentlich jüngeren, dunkelhäutigen Frau aus der Dominikanischen Republik zusammen, die wie er selbst sagte, aus einem Etablissement „heraus geholte hatte“. Allzu lange war ihm das neue Glück jedoch nicht vergönnt. Kaum ein Jahr, nachdem er mit 60 Jahren in Pension gegangen war, verstarb er. Sie – leider weiß ich den Namen nicht mehr – hatte einen Sohn in der Dominikanischen Republik und nachdem sie ein bisserl ein Geld von ihm vermacht bekommen hatte, kehrte sie zurück nach Hause. Auch diese Spur verliert sich damit; nicht ohne, dass sie in der Erzählung der Familie Gulis als Phantom mit schlechtem Leumund zurück blieb. Sie habe es doch nur auf das Geld von Rudi (Peter) abgesehen gehabt und als er starb, hatte sie ihr Ziel erreicht und sei abgehauen. Sonstige Gerüchte? Aber sicher.

„Ich will ja nichts sagen, aber ganz okay war das alles nicht, mit seinem Tod. Er sah doch noch gut aus und fühlte sich fit.“ 

„Was willst du damit sagen, etwa dass …“

„…ach Gott, nein, dafür gibt es ja keinerlei Hinweise. Ich sag´ ja nur, was man so hört.“

In unserer Familie wurde gerne der Halbwahrheiten und Gerüchten gefrönt, Aufklärung und evidenzbasierte Fakten waren keine Handlungsmaxime in der Familie. Heute würde man dazu Fake News sagen.

Tante Anna und Onkel Rudi wohnten in der Kapellenstraße. Ich war einige Male dort zu Besuch. Eine kleine, nette, recht helle Wohnung. Vorraum mit Bad und WC, eine geräumige Küche mit Tisch, Sesseln und Eckbank, in der sich das gesellschaftliche Leben abspielte und ein Schlafzimmer. Das Haus war das vorletzte in einem 2 Stock Häuser Ensemble, direkt an der Kapellenstraße. Das Haus der beiden lag an der Ecke zur Siebenundvierzigerstraße. Ein Haus weiter, brach das Reihenhausensemble abrupt ab. Es fing eine Wiese an und weiter hinten standen recht schäbige Häuser, ja eigentlich Baracken. Alle Erwachsenen, insbesondere Onkel Rudi, warnten mich immer wieder davor, dort ja nie hinzugehen, weil da dunkle Gesellen leben würden, arbeitsscheues Gesindel, Kriminelle und vor allem Zigeuner.

Ich kam nie auf die Idee, bei Besuchen bei Onkel Rudi das Haus zu verlassen, um herumzustreunen. Aber die Aussagen der Erwachsenen und insbesondere von Onkel Rudi, der es ja schließlich wissen musste, blieben tief eingebrannt. Auf die damals brüchige soziale Hierarchie, die zwischen Onkel Rudi und dem angeblich arbeitsscheuen Gesindel auf der Wiese jenseits der Kapellenstraße, wurde ich erst später aufmerksam und war verblüfft, wie abfällig Onkel Rudi über die Leute zu sprechen in der Lage war. Er, der selbst, „das Arbeiten nicht erfunden“ hatte, wie sein älterer Bruder – also mein Opa – einmal nebenbei fallen ließ. In seinen jungen Jahren war er viele Jahre lang mehr arbeitslos, als dass er arbeitete, bis er bei der Arbeiterkammer in Graz seinen Lebensjob fand.

Als ich – dann schon etwas älter – mehr über die familiären und sozialen Zusammenhänge mit kriegte, war Onkel Rudi Betriebsratskassenprüfer der steirischen Arbeiterkammer und – wie sagt man so schön – stabil. Das blieb er auch bis zu seiner Pensionierung.

„Ein Häferl“

Onkel Rudi war seit seiner Jugend Fußballspieler. Er verdingte sich in diversen unterklassigen Ligen, bei Klubs wie Hausmannstätten oder Steirerbus Liebenau. An sich war er ein ganz passabler Stürmer, für Kopfballtore etwas zu klein geraten, aber er hatte einen guten Schluss. Er war wendig und schnell. Sein großes Defizit war, dass er ein sogenanntes „Häferl“ war. Abfällige Bemerkungen, Schimpf oder vermeintlich hartes Einsteigen gegen ihn vertrug er ganz schlecht. Da war er schnell in Rage; cholerisch bis zum Anschlag.

Dann fing er Wortgefechte mit seinen Gegenspielern an. Bei Zweikämpfen und Attacken packte er alle „dreckigen“ Tricks aus, die im Amateurfußball – aber nicht nur dort – gang und gäbe waren: Bei einem Sprungduell auf die Zehen treten, bei einem Getümmel im Strafraum in „die Eier zwicken“ oder mit dem Knie in den Oberschenkel ausschlagen, Nachtreten und vieles mehr, was es da noch so alles gab. Kurzum, er provozierte. Die anderen, die ihn kannten, wussten schon: Oje, das geht nicht lange gut. Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange sich der Gegner das gefallen ließ.

Wenn der selbst Maßnahmen zu setzen begann, dann war der nächste Schritt der Eskalation eingeleitet. Rudi bekam regelmäßig einen roten Kopf, die Bewegungen von ihm wurden ruckartig und kantig. Beim nächsten Mal hinblicken lag der Spieler der gegnerischen Mannschaft schon am Boden, hielt sich das Gesicht. Peter oder Onkel Rudi hatte zugeschlagen. Wenn es in den Mannschaften nicht besonnene Mitspieler gab, die die Heißsporne bändigten, konnte das rasch eskalieren. Denn natürlich entstand ein Rudel, die gegnerischen Spieler wollten ihren Sportskameraden rächen. Und Tante Anna war auch nicht immer zugegen. Dann konnte daraus rasch eine Massenschlägerei werden. Mein Vater war ein besonnener, der konnte Onkel Rudi manchmal beruhigen und weg drängen vom Gewühl.

Das war das eine, aber er war nicht nur mit sich selbst beschäftigt, sondern er schwang sich in der Mannschaft auch als Rächer auf. Wenn andere böse gefoult oder unfair behandelt wurden, dann war es genauso um Rudi geschehen. In einer Saison wurde er vier Mal wegen Raufhandel ausgeschlossen. In dieser Saison spielte er nicht oft. Später, als er nicht mehr Vereinsfußball spielte, sondern nur mehr bei der Hobbytruppe „Schramke Santner& Cie“ und schon in seinen 40er war, spielte er Verteidiger, machte den damals sehr modernen und beliebten Libero, frei nach Franz Beckenbauer. Aber auch da endeten nicht wenige „Freundschaftsspiele“ – was für ein Euphemismus – im Raufhandel und Abbruch. Onkel Rudi musste vom Platz oder das Spiel war überhaupt zu Ende, weil die gegnerische Mannschaft abtrat.

Ich sehe heute noch eine Szene vor mir. Es war am besagten Marienplatz. Onkel Rudi stand am eigenen Tor am 16er und plauderte mit dem Tormann „Zepferl“ – ein weitschichtig Verwandter von ihm. Der Schwerpunkt des Spiels lag in der anderen Hälfte des Spielfeldes. Irgendwas war passiert. Es wurde laut, Hannes – unser zweiter „Problembär“ in der Mannschaft – auch ein Häferl und Auszucker, lang am Boden und schrie. Es bildete sich sogleich ein Rudel, es wurde geschupft, geschrien und wild gestikuliert. Aus dem rechten Augenwinkel sah ich Onkel Rudi als kleinen, roten Blitz nach vorne schießen. Er war auf kurze Distanzen noch wieselflink. Angekommen bei der Gruppe konnte niemand so schnell reagieren, um ihn davon abzuhalten, den vermeintlichen Missetäter mit einem Kinnhaken niederzustrecken. Dann ging´s richtig los. Das Spiel konnte man vergessen.

Ob die beiden – Anna und Rudi – den sprintschnellen, raschen Überraschungsangriff in ihrer Freizeit übten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es einfach nur eine gegenseitige Adaption einer erfolgreichen Angriffssituation. Sie lehrten mich, mit deftigen, derben und gewaltvollen Umgangsformen umzugehen.

Hannes – das zweite Häferl im Verein – der selten ein Spiel absolvierte, das er nicht mit Wort- und Körpergefechten absolvierte, war „privat“ – also wenn er nicht auf dem Platz stand – ein friedlicher und witziger, wenn auch einfach gestrickter Zeitgenosse. Am Platz verwandelte er sich in eine tickende Zeitbombe. Das Problem an Hannes war, dass er sein Verhalten auf dem Platz auch noch für richtig hielt. Er nahm mich nicht einmal auf die Seite und vertraute mir sein Geheimnis an. Er meinte, man müsse weder groß noch stark sein, man müsse nur schnell und der Erste in einer drohenden körperlichen Auseinandersetzung sein. Das war sein Motto. Die Überraschung ausnutzen und gleich zuschlagen.

So könne man auch weitaus stärkere und größere Gegner niederstrecken und siegen. Und so handelte er auch. Wenn er „in Saft ging“, dann flog gleich einmal eine „Watschen“ oder ein Kinnhaken. Übergangslos. Wenn das, den zum Feind gewordenen Gegenspieler, nicht wirklich beeindruckte, weil er etwa schlecht traf oder der andere einfach robuster war, dann war Hannes einer der schnellsten, beim Antritt der Flucht. Darüber konnte er später im Gasthaus stundenlang erzählen und Witze darüber reißen: Ich hab den eine „betoniert“ und der hat sich nur geschüttelt.  Da war mir klar, „ jetzt aber nix wie weg“.

Ich war ein Vertreter der dritten Generation aus dem Gulis-Clan, die bei „Schramke Santner& Cie-Santnter“ spielte. Entstanden war die Hobbytruppe, weil unser Nachbar bei der Firma arbeitete und  auf die Idee kam, dass man eine Hobbytruppe gründen könnte; eine „Wirtshausmannschaft“ – in unserem Fall war es eine „Kracherlzustellfirma-Mannschaft“ für Gasthäuser, Cafés und Bars. Geführt wurde Schramke Santner& Cie damals von zwei Frauen und die waren von der Idee angetan. Sie sponserten die Dressen. Weiße Hosen, grüne Trikots, mit weißen, runden Kragen und mit rundem Logo.

„Spü´ her, schick eam, Schiass, stö di frei“

Die Firma gibt es nicht mehr. Ihren Sitz hatte sie in der Leonhardstraße –zwischen Beethovenstraße und Merangasse, auf der rechten Seite stadtauswärts. Es war eine ziemlich enge Einfahrt, in der die LKWs rein und raus manövrieren mussten. Rudi oder Peter, mein Großonkel, war von Anfang an dabei, die erste Generation.  Ebenso dabei waren mein Vater und Onkel Andi, die zweite Generation. Mein Cousin und ich stiegen später ein, wir waren die dritte. Als wir groß genug waren, um körperlich mitzuhalten, durften wir dann auch. Aber ich war als Bub immer schon dabei, auch wenn ich nicht mitspielen durfte; oft auch meine Mutter. Denn wie schon gesagt, es war eine Freizeitbeschäftigung für die Familie. Nach dem Kick gingen viele noch gemeinsam in ein Lokal.

Damals gab es viele solcher Hobbytruppen, die in Freundschaftsspielen aufeinander trafen. Auch eine rege Turnierszene existierte in der Steiermark, sowohl am Feld als auch in der Halle. Man konnte als Hobbytruppe nahezu jedes Wochenende spielen, im Winter in der Halle. Es war zwar Hobby, aber der Fußball, der da zeitweise gespielt wurde, wenn gespielt wurde, war gar nicht so schlecht. Bei „Schramke Santner& Cie & Santner“ spielten auch einige Kickern, die bei Vereinen in höheren Ligen aktiv waren. Das ging über die Landesliga bis zu Nachwuchsspielern des ESK (Eggenberger Sportklub, damals Landesliga) und bis zu Sturm und GAK. Ich kann behaupten, dass ich mit dem Bundesligaspieler Mario Zuenelli vom GAK zusammen in einer Mannschaft gespielt habe. Damals war er allerdings erst 18 Jahre und in der GAK Reserve engagiert.

Das Team von „Schramke Santner& Cie“ bestand in seinem Grundgerüst aus Gulis Abkömmlingen. Onkel Rudi als Libero. Mein Vater im zentralen Mittelfeld (6er Position), mein Onkel Andi etwas weiter nach vorne geschoben (8er), ich auf der rechten Flügelseite und Manfred, der ein Linksfuß war, auf der Linksaußenposition. So spielten wir nicht sehr oft, denn es war für uns –  Angehörige der 3. Generation – alles andere als erbaulich und wir gaben bald auf. Alle älteren Gulisse fühlten sich bemüßigt uns Tipps und Ratschläge zu geben, brüllten am Spielfeld auf uns ein, was wir gerade, jetzt, im Moment zu tun hätten: „Spü´ her, schick eam, Schiass, stö di frei…“ usw.

Es wurde generell in der Mannschaft gerne geraunzt und gemeckert. Bei den Söhnen, Neffen und Cousins glaubten sie aber noch viel mehr, dass das angebracht war und man die „Jungen eben führen“ müsse. Und all die anderen Freunde in der Mannschaft, die wir natürlich auch von klein auf kannten und mit am Platz standen, hielten sich auch nicht zurück. Wenn man den Ball gestoppt hatte und führte, dann brüllte das halbe Team auf einen ein. Vom Gegner, der auf einen zustürzte, um einem den Ball zu entreißen, rede ich noch gar nicht.

Wehe, wenn wir zurückredeten oder selbst kritisierten. Na dann, aber hallo. Dann ging die Keiferei erst richtig los. Niemand von den Alten vertrug es, wenn uns was gelang und wir vielleicht sogar so gut oder gar besser als die Alten waren. Dann war der Rest des Tages dahin. Neid und Eifersucht – demonstrative Ignoranz; schlichtweg niedere Instinkte und Gefühle regierten bis zum dritten Bier im Gasthaus die Stimmung.

Also, in Wahrheit machte das Kicken bei „Schramke Santner& Cie“ überhaupt keinen Spaß. 90 Minuten Ungemach, generationale, familiäre und fußballerische Ausnahmesituation, diese Samstage. Mein Cousin und ich waren generell Fremdköper in der Truppe von Vätern und Freunden von Vätern, die meisten schon in den Vierzigern. Nachwuchs gab es nicht so viele, denn entweder interessierten sich die Kinder nicht für Fußball, was für einige der Väter eine tiefe Kränkung war. Andere, etwa Hannes und Ewald, hatten nur Töchter. Die waren zwar mit dabei, spielten aber viel lieber auf der Wiese nebenan – und ganz anderes. Mit jedem Jahr, in dem ich älter wurde, wurde mir die Truppe unheimlicher, fremder. Ich ging auch immer seltener mit, um am Wochenende zu spielen. Ich hatte besseres zu tun. Zumal wir es kaum mehr schafften, ein Spiel wirklich einmal ohne Raufhandel oder Abbruch zu Ende zu spielen. Ich ging vom Platz und war frustriert, weil Fußball zur Nebensache geriet.

Wie im Kleinen, so im Großen“

Auch auf der größeren Bühne – den Bundesligaspielen – ging es nicht viel besser zu. Auf dem Platz hielten sich alle einigermaßen ans Regelwerk und die Autorität der Schiedsrichter reichte, um das Spiel in geordnete Bahnen abzuwickeln. Aber auf den Stehplätzen in der Gruabn ging es oft zur Sache. Einmal, ich war ziemlich jung – vielleicht 7-8 Jahre – fingen, mitten im Spiel zwei Zuseher einige Reihen hinter mir, zu raufen an. Der Stehplatz war schütter besetzt. Die anderen Zuseher machten Platz und so konnten die zwei sich austoben. Nicht nur, dass das Bier im hohen Bogen samt Becher durch die Luft flog, sie ließen auch die Fäuste sprechen. Ich höre heute noch die Geräusche, wenn eine Faust auf den Schädel auftrifft. Sie stolperten im Schwitzkasten über die Stufen, krachten gemeinsam gegen die Stehplatzhalterungen, schlugen sich, keuchten und schrien atemlos.

Das Geschehen am Platz selbst war unwichtig geworden. Alle schauten nur auf die Raufenden. Nicht einer versuchte die beiden Streithähne zu trennen, man ließ sie einfach kämpfen. Irgendwann hatte der eine den andere auf einer der Halterung festgenagelt, verdrehte seinen ganzen Körper um die dicken Eisenstangen und würgte ihn damit. Der war bereits ganz rot im Gesicht, und das nicht nur vom Blut. Dann riefen einige Zuseher, dass die Polizei anrücke und sie aufhören sollten, was auch zum Glück geschah, denn lange hätte der Unterlegene nicht mehr durchgehalten. Die Lücken schlossen sich wieder. Alle taten so, als wäre nichts geschehen. Als die zwei Polizisten zur Stelle kamen, war nahezu nichts mehr zu sehen vom Kampf. Der rotgesichtige, Blut verschmierte, unterlegene Kämpfer, hatte sich in der Menge verdrückt.  Der andere holte sich ein neues Bier.

Und ein weiteres Erlebnis ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Es war ein Fan, ausnahmsweise nicht in der Gruabn, sondern im Liebenauer Stadion. Der SK Sturm spielte zwischen 1974 und 1982 dort. Ich war mit Stiftingtaler Freunden am Platz. Wir standen ganz vorne am Zaun, ich war schon älter als 12. Etwas von mir entfernt stand ein ganz normal dreinblickender und unauffälliger Mann, im mittleren Alter. Er sang die Gesänge mit, manchmal schrie er was rein; nix auffälliges, „Schieber“ oder Foul“ oder sowas.

Aber jedes Mal, wenn sich das Spielgeschehen in unserer Nähe befand, dann rastete er vollkommen aus. Sein Bier, das er in der Hand hielt, spritzte rum. Höhepunkt war, als ein gegnerischer Spieler gefoult wurde und der ganz in unserer Nähe beim Spielfeldrand lag. Er begann zu brüllen: „Steh auf du Sau“. „Markierer“ kam es von den Rängen. Dann verfiel er in einen Sermon, der so abstoßend, wie faszinierend war: „Trogts eam ausse de Leich, der stinkt jo scho.“ Das wiederholte er immer wieder. Der Spieler wurde auf dem Spielfeldrand behandelt und schließlich davon getragen. Danach war der Mann wieder ganz normal, unauffällig, unterhielt sich mit den umstehenden. Bis die nächste Spielszene in unserer Nähe vorbei kam.

Der Marienplatz, an dem wir so viel Zeit in der Kindheit verbrachten, verschwand schon bald. Bald nachdem ich mich von der Truppe Schramke Santner&Cie mehr oder weniger verabschiedete hatte. Die Wiese und der Platz wurden verkauft. Es entstand eine neue Häuserzeile an der Babenbergerstraße und ein Studentenheim von Wist. Dass ich heute in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Marienplatz wohne, ist ein kleiner seltsamer Zufall, den es im Leben öfters gibt. 


[1] Früher schlecht beleumundete Bezirke, in denen es viele Nachtklubs mit Prostitution und Hinterzimmer-Caféhäuser gab, in denen das illegale Glücksspiel florierte.

Alles Einzelfälle!

Schreibkraft #34: Geht´s noch?

2.1.2019:

Mir geht’s nicht gut, von wegen ein paar Ferientage; ausspannen und so. Das Gegenteil ist der Fall. Bin erledigt und hab´ Fieber, um 17 Uhr waren es 38,5° – was ist das jetzt wieder, hört das nie auf?

„Wir würden gerne einige Umplanungen vornehmen, geht das?“ Die Wohnungsmaklerin bleibt entzückend nett.

„Ja da wäre es doch am besten, gleich mit dem zuständigen Ingenieur zu sprechen.“

Fünf Sekunden später hatte ich ihr brandneues Smartphone, das nach ihrem Parfüm roch, an meinem Ohr.

„Herr Ingenieur, wir würden gerne die Treppen um 90° Grad drehen.“

„Das geht net.“

„Ja und warum nicht?“

„Na des geht net, des is schon alles geplant.“

„Na, aber wir würden die Räume unten gerne vergrößern und dazu muss die Treppen gedreht werden.

„Na das geht…“

„…hmm, wenn das net geht, dann wird des aber nix mit dem Kauf.“

Die Wohnungsmaklerin wird zappelig neben mir.

„Schaun’s, des ist ja schon alles geplant und durchdacht.“

„Ja, aber es is´ noch nicht ´baut, also kann man das umplanen.“

„Planen müssen S‘ schon uns lassen.“

„Ja, aber wohnen tun schon wir drinnen.“

Ausatmen – Einatmen.

„Also warum geht’s nicht?“

„…äh, dann kommen S‘ oben anders raus.“

„Ja genau, …und?“

„Äh, dann … kommen´s dort raus, wo äh der Tisch und die Stühle sind.“

Ich bin so überrascht, dass ich mir den Plan nochmal her nehme und tatsächlich sehe ich, im oberen Stockwerk sind schematisch die Möbel eingezeichnet.

„Ja und…, die sind ja nur eingezeichnet, oder werden die Tische und Stühle dort oben gleich mit betoniert…?“

Herr Ingenieur atmet tief ein. Pause.

„Also wie …

„Aber des müssen S‘ zahlen.“

„Davon bin ich ausgegangen.“

Ich schrecke auf. Schon wieder so ein Realtraum, aus der Vergangenheit. Der Schweiß brennt auf den Pusteln. Ich muss lachen, die Situation hab ich schon vergessen, aber mein Gehirn – der Spezi – hat es ausgegraben. Ich liege auf der Couch im Arbeitszimmer, es ist 2 Uhr früh. Seit drei Tagen habe ich Schafblattern (Windpocken). Wie es so was gibt? Ja, das frag ich mich auch! Aber es ist so, von irgendwem habe ich mir die eingefangen. Obwohl meine Schwester sie hatte, habe ich sie als Kind nie bekommen.

20.08.2019:

Ich schrecke schon wieder aus einem Traum auf, diesmal habe ich geträumt, dass ein Demonstrant, der verhaftet wurde und am Boden liegend arretiert wird, von einem Polizeiauto fast überfahren wurde. Das von einem Passanten gedrehte Video erweckt nicht den Eindruck, dass das ohne Vorsatz erfolgt wäre. Kann man das als Scheinhinrichtung bezeichnen? Ja, sag´ ich und schwitze am ganzen Körper. Mein Gehirn sagt, ich übertreibe und interpretiere falsch. Aber gut, es ist auch eine heiße Nacht.

6. 12. 2018:

Oje, Ich werde krank, ich spür´ es schon. Unwohlsein, Knödel im Hals, Husten, heiße Stirn, Schlappsein. Eine Bronchitis oder so was Ähnliches kündigt sich an.

Die Türkis-Blaue Regierung ist jetzt 1 Jahr im Amt! Das schleichende Gift des Hasses, der Diffamierung, der Ausgrenzung, des rechtsextremen und antidemokratischen Denkens setzt sich wie eine Trut auf mich drauf. Wahrscheinlich hat die der Goldgruber geschickt. Genau der! Der einen eigenen Geheimdienst aufbauen wollte; am BVT vorbei, eine blau geführte geheime Staatspolizei?! Grindling hat das auch bestätigt im BVT U-Ausschuss. Er habe erst davon erfahren, als sie – Major F. und Goldgruber – Personalzuteilungen verlangt haben.

Sie bedienen die Wünsche der Industrie und Oligarchen, sie lassen sich zahlen, für Geschenke, die ihnen nutzen. Sie sickern in wichtige Institutionen ein, übernehmen die Macht, bringen sie unter ihre Kontrolle. Ich sehe es auch, ja danke. Die Parallelen sind augenscheinlich. Das Virus dringt in mich ein, schwächt mich und macht mich handlungsunfähig, individualisiert und privatisiert mich.

9.12. 2018:

Das Nachrichtenmagazin „profil“ veröffentlicht in seiner, Montag erscheinenden Ausgabe exklusiv das Sicherheitskonzept für das „Flüchtlingsquartier“ in Drasenhofen. Darin werden explizit die „Wünsche des Herrn Landesrat“ angeführt. Waldhäusl verlangte unter anderem die Bewachung durch einen Hund, eine Kamera beim Eingang und einen Zaun aus Stacheldraht, „damit nicht überklettert werden kann“. Das Konzept sah strenge „Ausgangsbeschränkungen“ vor.

Seit Tagen gehe ich nur aus dem Haus, wenn es unbedingt sein muss. Ich bin individualisiert, ich falle der Privatisierung zum Opfer, bin ausgangsbeschränkt, auf meine Bettstatt konzentriert.

13. 12. 2018:

Ich quäle mich durch die Woche. Bin freischaffend – was für ein Wort –, Termine einfach so absagen, geht nicht. Hab´ ich sie also über die Bühne gebracht, ohne zu wissen, was ich jeweils gemacht habe, was besprochen, vereinbart ich habe. Dann krieche auf die Couch und schlafe.

Laut einer APA/OGM Umfrage sprechen 60% der Befragten der Regierung ihr Vertrauen aus. Kanzler Kurz führt den Vertrauensindex mit 25 Punkten an.

Ich schleppe mich zu den Theaterproben. Wir können nichts ausfallen lassen, Anfang Februar ist Premiere. Ich robbe zu den Konzertproben, irgendwas werd´ ich schon gespielt und gesungen haben. War ich überhaupt dort?  Hat das alles stattgefunden oder träume ich schon wieder – einen von diesen Realträumen. Ich starre mit heißer Stirn auf den Bildschirm. Der Kalender sagt, ich war da überall dabei. Mehr nicht! Hätte Freude machen sollen. Davon konnte keine Rede sein.

15.12.2018:

Ich muss raus, trotz der Kälte, habe noch einen Pflichttermin, mit dem Fußball. Bis zum Ankick, ging es mir heute etwas besser. Das Match ist genauso miserabel wie die Regierung. Ab der 66. Minute habe ich Schüttelfrost. Ich habe jede Hoffnung auf ein schöneres Spiel verloren. Trostlosigkeit umfängt mich, das ist kein gutes Zeichen.

17.12. 2018:

Das nächste Malheur. Ich lieg´ jetzt mit einer Darmentzündung im Bett. Von einer Malaise in die andere, alles Einzelfälle. Das muss man jetzt nicht dramatisieren. Jeder einzelne Fall wird für sich betrachtet, behandelt und gelöst.

Jetzt muss ich doch einen Auftritt im Rahmen eines transnationalen europäischen Projektes absagen. Ich schick´ meine Powerpointfolien, damit sie wenigstens ungefähr wissen, wovon ich reden und worüber ich mit ihnen diskutieren wollte. Scheint aber eher wurscht zu sein, sie „konnten die Zeit eh für anderes, organisatorisches brauchen“, schreibt die Koordinatorin. So viel zur eigenen Wichtigkeit.

Das Höchstgericht gibt einem Wiener Recht, dem aufgrund der dubiosen Doppelstaatsbürgerschaftsliste, die von der FPÖ den Behörden übergeben worden ist, die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt worden ist und dagegen geklagt hatte. Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) ist auch in dem Urteil der Meinung, dass der Datensatz nicht authentisch sei und er daher nicht als Beweismittel herangezogen werden könne.

19.12. 2018:

Meine Ferse schmerzt. Es ist eine kleine, unscheinbare Stelle am Fersenbein, wo die Achillessehne am Knochen ansetzt. Es beginnt mit einem Ziehen im äußeren Knöchel und steigenden Schmerzen, die so arg werden, dass ich kaum gehen kann und mich nur humpelnd fortbewege. Bin ich ein Sinnbild für die humpelnde und stolpernde Opposition? Die Schmerzstelle ist kleiner als der Fingernagel des kleinen Fingers. Das ist meine Achillesferse (haha).

Wahrscheinlich habe ich insgeheim den Auftrag bekommen, meinen Körper für eine SPÖ – Politikfähigkeitsaufstellung zur Verfügung zu stellen! Humple durch die eigene Wohnung, mehr geht bei der SPÖ auch nicht mehr. Ich schwöre, ich wusste nichts davon. Wahrscheinlich hat das der Kickl angeordnet und freut sich diebisch. Zwei Fliegen auf einen Streich. Kurz kann es nicht gewesen, der weiß ja von nichts.

Laut einer aktuellen Umfrage am 6. Juni 2019 baut die ÖVP ihren Vorsprung auf 37% aus, würde jetzt am Sonntag gewählt werden. Allerdings verliert der Wahlkämpfer Kurz an Strahlkraft. Bleibt aber weit vor den Anderen.

21.12.2018:

Ich bin etwas fitter, die Ferse ist besser, aber weit weg von Unauffälligkeit. Wir sollten da aber keine Schlüsse auf die Opposition ziehen. Einzig die Neos sind auf der Höhe, machen einen guten Job, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Daran halte ich mich. Es liegt an mir, ich muss mich einfach optimieren und freier werden, mich von den Fesseln befreien. Dann geht noch was.

Am Nachmittag sind wird bei einer syrischen Familie zum Essen eingeladen, mit denen meine Frau seit längerer Zeit Kontakt hat. Ein ausgezeichnetes Essen. Die Kinder sind lustig, für zwei Stunden kann ich mit Kindern ja sehr gut blödeln und spielen. Dann reicht es auch wieder. Der mittlere ist müde und schläft auf der Couch ein.

24.04.2019:

In einem Monat wird es diese Regierung nicht mehr geben. Ich träume vor mich hin, als ich am Flughafen Wien ankomme und die Schlagzeilen der Kronen Zeitung lesen muss. Kann es nicht so sein, dass diese korrupten Faschisten – die weibliche Form lasse ich jetzt einfach weg. Obwohl, wenn man an die Berlakovich und die Kitzmüller denkt, es schon wert wäre, auch hier zu „gendern“, soviel Auseinandersetzung muss sein – einfach verschwinden, sich einfach auflösen? Schwupps, wie ein schlechter Traum! Könnte es nicht einen besonderen Einzelfall geben? Wohl nicht. Die werden das Land weiter umbauen, still und heimlich und vorne auf der Bühne Trara mit den Flüchtlingen machen. Und wir alle hüpfen wieder mit und empören uns und das Ganze geht vor die Hunde.

24.12. 2018:

Attacke mit antisemitischem Stereotyp zu Weihnachten. Im Zusammenhang mit Flüchtlingen wirft FPÖ-Klubchef Johann Gudenus dem Caritas-Präsidenten Michael Landau „Profitgier“ vor. Aus dem FPÖ-Lager wird darauf verwiesen, dass Landaus Vater jüdisch war. Der Begriff „Profitgier“ fällt unter „alt bekannte Antisemitismen“. Trotz all dem, mir geht es etwas besser, Bronchitis, Darmentzündung hinter mich gelassen. Achillesferse in Arbeit. Mühsam.

26.12. 2018:

Es ist ruhig. Mein Körper – abgesehen von der Ferse – wird etwas kräftiger. Aber wirklich fit fühle ich mich nicht, leichter Schnupfen und Schlappheit umkreisen mich. Ein Zeichen? Erholt sich die SPÖ? Geht es den Grünen besser? Abwarten. Solche einfachen Analogien sind gefährlich.

31.12. 2018

Silvester. Erwartung für das neue Jahr, gute Vorsätze? Früher habe ich mich auf Silvester immer gefreut: kein christliches Fest, Anlass zum Rückblick und Freude aufs Neue. Gutes Essen, ausgelassene Feste, Riesenfeuerwerk. Aber heute, unschlüssig, alles schon durchgemacht, nichts so wirklich mehr cool. Nichts tun ist genauso wenig sexy. Rumsitzen, auf Mitternacht warten und dann schlafen gehen, das wäre ja auch wohl die endgültige Kapitulation.

Das Neujahrsbaby vom Vorjahr wurde wüst beschimpft, weil die Mutter ein Kopftuch trug. Eine der Beschimpferinnen wurde verurteilt. Einsicht gleich Null bei ihr. 2018 auf 2019 war die Frau ohne Kopftuch, aber sie schaut auch fremdländisch aus, also…? Sicher wieder Dreck im Netz. Aber es war nicht so extrem wie 2018. Aber da seht ihr, wie man schon im Hirn verklebt ist, von dem rassistischen Müll. Es kommt einem selbst auch gleich in den Sinn. Wie kommen wir da wohl wieder raus. Das dauert länger.

Pummerin aus dem TV. Walzertanzen, einziger Anlass bei dem ich regelmäßig tanze. Außer im betrunkenen Zustand in Griechenland, ist aber auch schon lange her. Nach 2 Minuten ist eh Schluss, weil schwindlig. Feuerwerk schauen geht trotzdem.

6.1.2019:

Mit dem Ausbruch der Pusteln ist an längeren Schlaf nicht zu denken, die Haut ist papieren, schmerzempfindlich, es juckt, brennt, zieht. So bin ich auf die Couch ausgezogen und wandere in der Wohnung umher. Mein Gehirn hat sich 2019 augenscheinlich selbständig gemacht, ob in Träumen oder im Wachzustand. Na servas. Liberalisierung des Gehirnmarktes.

Mein Gehirn ist jetzt Einzelunternehmer geworden und nennt sich nur mehr EGU (Ein Gehirn Unternehmer). Es überlegt, ob es nicht den „Der Standard“ kaufen soll, um Zugriff auf das Online Portal und die größte Netzcommunity zu erlangen. Regierung macht mich echt fertig. Mein Gehirn lobbyiert für den 12 Stunden Tag? Ich frag, mich, was sonst noch alles geht!

7.1.2019:

Der Höhepunkt der Schafblattern, das Fieber ist weg – ich schau aus wie einer, der gerade Zombie wird, nur der grüne Geifer aus dem Maul fehlt. Die Nächte sind schlaflos. Ich stehe unter Quarantäne. Mit meinem Arzt kommuniziere ich nur mittels Fotos und SMS. Meine Ferse ist ein bisschen in den Hintergrund getreten, aber ich spüre sie noch.

Mein Gehirn will die Steuerreform durchziehen, weil die „kalte Progression“ ihm Angst macht und ihm immer zu wenig getan wird, für die Niedrigverdiener. Gleichzeitig sagt es, es will „da eh raus“ und bald in die höhere Steuerklasse aufsteigen. Also was jetzt?

10.04.2019:

Mir reichts, jetzt lass´ ich mir eine Spritze reinhauen. Das ganze sanfte Zeug, hat letztlich nix geholfen. Die Entzündung geht damit nicht weg. Die Ferse bleibt labil, die Schmerzen kommen immer wieder. Also Spritze rein, schließlich muss das ganze ja wieder irgendwann besser werden und ausheilen. Jetzt dauert mein Humpeln schon seit Ende Dezember. Die Grünen sind auf dem Weg der Heilung und die Widerstandsbewegung hält heroisch durch. Die Greta Thunberg Bewegung wächst, Anzeichen für das Ende der bleiernen Zeit? Langsam mit den Pferden.

11.1.2019:

Kanzler Kurz faselt was von Frühaufstehern und Leistung und Mindestsicherungsbeziehern und Wien. Positioniert ein bösartiges Narrativ. Viele machen sich zwar lustig darüber, vor allem Wiener*innen, aber damit unterstützen sie nur ein tief sitzendes Klischee und verbreiten es selbst weiter. Fieser geht’s echt nicht mehr.

Ich weiß jetzt, woher ich die Schafblattern habe! Ein Besuch meiner Frau bei der syrischen Familie hat das Rätsel gelöst. Dort regieren jetzt die Pusteln. Also hab ich mich bei der Einladung zum Essen damals angesteckt. Der Mittlere war schon ansteckend gewesen, die Krankheit aber noch nicht ausgebrochen. Teuflisch. Das hat man davon…, denkt mein Gehirn. Hallo?

Langsam sollte meine Quarantäne aufgehoben werden. Meine Kolleg*innen haben alle Angst vor Ansteckung. Das Böse ist immer und überall und liegt in der Luft. Im Schutzanzug proben, mit Mundmaske ist auch nicht das Wahre, für die Bühnenperformance wäre es aber überlegenswert.

Mein Gehirn sagt so en passant – als ich mal Pause mache und auf dem Balkon stehe und in die Gegend schiele – ich solle doch kürzere Texte bei den Liedern schreiben. Damit sich die Leute das leichter merken und nicht so verklausuliert „daher singen, das versteht ja keiner“. Schließlich will mein Gehirn jetzt endlich Geld verdienen. Woher hat es das plötzlich, diese Gier nach Geld?

23.1. 2019:

Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) stellt die Europäische Menschenrechtskonvention und das rechtsstaatliche Prinzip infrage. Im Interview im ORF-„Report“ am Dienstagabend erklärte er: „Ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.“ Tatsächlich ist im Bundes-Verfassungsgesetz festgehalten: „Die gesamte staatliche Verwaltung darf nur auf Grundlage der Gesetze ausgeübt werden.“ Bin erstaunt, was alles geht.

Ich frage mich, ob in meinem Gehirn sich irgendwo ein Kickl eingenistet hat und jetzt herum galoppiert. Anzeichen dafür gibt es immer wieder.

3.2. 2019:

Der Falter berichtet, dass in Oberösterreich deutsch-völkische Burschenschaften mit viel Geld gefördert werden. Die Burschenschaften tragen Namen wie „Ostmark“ & „Donauhort“. Der „Waffenspruch“ der Burschenschaft „Donauhort“ lautet: „Was gibt es hier? Deutsche Hiebe!“. Förderung wurde in vergangenen Jahren sogar erhöht!

6.2.2019:

Jetzt bin ich in Therapie wegen der Ferse. Es wurde ja nicht wirklich besser, das höchste war, wieder gehen können. Das kann es doch nicht sein. Hoffe, es wirkt.

Weil es nicht anders geht, tu ich jetzt radeln. Aber das ist nicht ganz meins, vor allem in der Früh ziellos herumfahren. Komisch. Mein Gehirn findet, die Umbenennung in „Ausreisezentrum“ von Kickl ganz okay.  Ist das noch mein Gehirn? Es meint, ich könne ja gehen, wenn es mir nicht passt.

6.4. 2019:

Zweimal ist es gut gegangen, dann war es wieder so weit. Meine Ferse schmerzt schlimmer, denn je. Nächste Woche gibt es die Spritze. Jetzt wirklich. Schluss.

14.04.2019:

Ich geh´ in Urlaub. Meine Ferse schmerzt nicht mehr, ich kann wieder normal gehen. Ich fliege fort. Da meldet sich natürlich sofort mein Gehirn und meint, man müsse da jetzt echt schlechtes Gewissen haben. Ich muss gesunden, weil sonst kriegen wir die Regierung nie weg, wenn ich weiter so anfällig bin. Und mein Gehirn muss sich jetzt auch bald mal entscheiden. Beim Merkur Markt will es doch immer nur Wurst kaufen.

21.05. 2019:

Ich fühle mich ohnmächtig, diese Regierung zerstört alles. Wir drehen uns im Hamsterrad, das diese Spin Doktoren aufgestellt haben. Wir laufen in deren Bahnen. Wir empören uns über die rechtsextremen Einzelfälle. Aber geht’s nicht darum, dass sie die Hegemonie erlangt haben? Stück für Stück und das ist nicht nur ein antidemokratischer sondern auch ein neoliberaler Diskurs. Ich komme mir vor, als sei ich umgeben von lauter geifernden Bulldogen, die sich um den Knochen raufen, der ihnen zugeworfen wird.

05.06.2019:

Die SPÖ wird nicht mehr gesund. Die anderen sagen, über was sie diskutieren sollen und sie tun´s. Die sind längst keine Partei mehr, kein einheitlicher Körper, der an einem Strang zieht. Wenn die so weiter tun, können sie um die Invalidenpension ansuchen. Arbeitsfähig sind die schon lange nicht mehr.

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich bin voll gesund, mir geht’s gut. Ich halte mich da eher an die Grünen, die derzeit auferstehen – siehe EU Wahl und Deutschland – und die jetzt kräftig sind. So do I. Tomorrow belongs to me.

14. 06. 2019:

Ich steh´ auf der Bühne, irgendwo in Wien. Ich bin gut in Form, das merke. Ich will irgendwas sagen, zur Veränderbarkeit und Gestaltbarkeit von Geschichte und dass der Herbst völlig offen ist und wir zuversichtlich sein sollen. Ich will Optimismus verbreiten.

Ich schau´ an mir runter und hoffe, ich seh´ nicht so aus, wie der Strache in Ibiza. Eingezwängt in einem zu engen T-Shirt, rotgesichtig und verschwitzt, weil in Euphorie. Anton startet mit der Einspielung und seinem mächtigen Bass. Ich schließe die Augen und warte auf meinen Einsatz. Dass mit dem Strache muss ich verschieben auf nachher.

22. 9. 2019:

Heute hätten Wahlen sein können. Die kommen erst. Ich wahrsage und lache. Seit ich weiß, dass Lachen gesund macht – selbst wenn das Lachen nur „gefakt“ ist, wie mir Vera Birkenbihl in einem Video erzählt, reicht das aus, um unser Immunsystem wieder auf Vordermann/-frau zu bringen und das innerhalb von 60 Sekunden – bin  ich positiv gestimmt. „Freudehormone fressen Kampfhormone“ wie sie sagt.

Seitdem sitze ich da und lache in den PC und es wirkt. Also da geht was, da bin ich jetzt „überzeugt von“. Und wenn mir jemand im Jänner 2019 gesagt hätte, Ende Mai wird es Kurz, Strache, Kickl, usw. nicht mehr als Regierungsmitglieder geben und eine Frau wäre Bundeskanzlerin, die alle im Land lebenden Menschen begrüßt, dann hätte ich darüber nur gelacht. Das Lachen wäre aber auf jeden Fall gut gewesen. Und mein Gehirn? Das hätte sich eine Erschütterung zugelegt vor lauter ungläubigem Staunen.

Zur Almruh – Ein Theaterfragment

Gastspiel Gruppe Dagmar mit „zur Almruh“

im Dachbodentheater 2.0 in Bruck

Ein abgelegener Berggasthof, „Zur Almruh´“ irgendwo in der Welt. Dort sind Asylwerber untergebracht – oder Asylanten – oder Flüchtlinge, oder wie die auch heissen. Die sind vom Ministerium da rauf geschickt worden und die Wirtsleut´ versorgen sie. Das Land beaufsichtigt das alles, damit nichts sein kann … und Hilfsorganisationen mischen da auch mit. Und grad dann wenn die alle zusammen kommen, schneit es gar arg und sie können nicht mehr weg. Wie es so ist, nimmt das seinen Lauf.

Aufführungen:

Donnerstag, 14. November 2019 um 15:00 und 20:00 Uhr
Freitag, 15. November 2019 um 15:00 und 20:00 Uhr

Preise:

Vorverkauf € 12,– Abendkasse € 14,–, Schülergruppen und Jugendliche € 10,–

Kartenreservierung unter:

http://www.dachbodentheater.at/kartenreservierung/
Gruppe Dagmar:
Regie: Jürgen Gerger
Text und Musik: Wolfgang Gulis
Schauspieler*innen:
Jürgen Gerger
Eva Hofer
Omid Salek

 

Sturm Echo Nr. 357

Kunstschuss

Wenn das kein Kopfballungeheuer ist!

„Papa, der Mann hat einen Fußball als Kopf. Wie isst´n der?“
„Der isst nicht, der schießt Tore, das reicht.“

Einen Horst Hrubesch, für den der Begriff erfunden wurde, hatten wir nie, aber einige gute Kopfballstürmer; den Robert Kaiser, den Harry Krämer, den Roman Kienast. Der Klemen Lavric erzielte das Goldtor im Cup Finale in Klagenfurt (2010) mit dem Kopf und der Mario Haas das 1:0 in der 3. Minute gegen Real Madrid in der Champions League-Gruppenphase. Er lief nach dem Tor zu den Fans, jubelte und klopfte sich mehrmals auf die Stirn. Die ganze Aktion mit dem Tor machen, hätte er lieber bleiben lassen sollen: Er hat das Real-Monster erst geweckt. 1:5 stand es am Ende.

Das eine ist das, was wir in unserem Hirnkastl abspeichern. Das andere ist das, worauf wir starren können: Es ist scharf, es ist das „leine itung“ und das „Puntig“ zu lesen, die angespannten Muskeln an der linken Hand von Bekim Balaj, die verkrampfte Haltung der Finger zu sehen. Meister seien sie genannt, die im richtigen Moment auf den Auslöser drücken, ihre Linse richtig postieren und die besten Szene „einfangen“: Fotografen und Fotografinnen, zuständig für echte Kunstschüsse.

Text: Wolfgang Gulis
Autor und Musiker
Foto: GEPA pictures
WAC-Sturm, 04.08.2019

Verschwundene Orte 3

Stiftingtalstrasse 6

Der Ball schien endlos lange in der Luft. Als wäre er der Mond selbst, der seine wundervoll geplante Bahn über den Himmel zieht. Er flog und flog, nahezu über das ganze Spielfeld und landete schließlich auf der Querlatte des Tores. Alle dachten, die Zeit würde still stehen. In Filmen könnte die Szene mittels Superzeitlupe und verzögerter Zeitlinien, durch Schnitte zu parallelen Situationen erzeugt, viel besser umgesetzt werden. Die Zuseher*innen, die Spieler, alle verfolgten den Weg des Balles. Mit weit geöffneten Augen und angestrengten Gesichtsausdruck wanderten sie mit ihren Augen und den Köpfen der Flugbahn des Balles hinter her, der ohne viel Spin in einem weiten Bogen dahin flog.

Mit einem schmatzenden, donnernden und rüttelnden Geräusch, als würde das Tor gleich aus den Erdboden rausgerissen werden und nach hinten stürzen, ganz so, als wäre es tödlich getroffen worden, endete die Flugszene und die gedachte Superzeitlupe. Ganz so, wie wir es aus klassischen Western kennen; langsam aber sicher, erstaunt über das gerade erlittene, mit großen Augen steht der Duellant da, in die Kamera blickend. Der Revolver schwenkt am Abzugfinger nach unten, dann kippt er langsam nach hinten und stirbt. Musik auf, eine Fliege umschwirrt den Todesschützen, von dem man nur die Augen sieht. Schnitt. Der Todesschütze wirbelte seinen Colt ebenso um den Finger und steckt ihn in den Halfter. Kamera amerikanisch. Musik wird lauter.

Aber das Tor fiel nicht. Es wackelte, es knirschte im Boden und pendelte sich wieder ein. Ungeziefer stob von der Oberseite der Querlatte auf und flog hektisch umher, ohne zu wissen, welch wichtigen Sekunden sie beigewohnt hatten. Mein Vater wirbelte auch keinen Colt umher, sondern – wie alle anderen auch – verfolgte er gespannt seinen getretenen Ball und drehte sich einmal um die Achse, als klar war, dass er nur das Aluminium getroffen hatte. In den früheren Zeiten, sagte man dazu Holz. Aber das Fußballtore noch aus Holz und quadratisch waren, diese Zeiten waren sogar schon damals längst vorbei. Der Ball sprang zurück ins Feld und mein Vater stampfte einmal auf und rief etwas Unflätiges. Schließlich fand er sich in sein Schicksal und das in einer Sekunde und trabte schon wieder los, um an das Spielgerät zu gelangen.

Ebenso erwachten alle anderen Beteiligten aus ihrer Erstarrung. Was akustisch folgte, war ein kollektives Ausatmen, das wie ein langgezogener Zischlaut – ähnlich einer quietschenden Zugsgarnitur über den Platz schallte. Schreie folgten. „Ohhs und Ahhs“ entwichen den Kehlen und sie begannen mit ihren Nebenleuten Kontakt aufzunehmen, sich nonverbal auszutauschen, durch Gesten und Mimiken, um ihrer Bewunderung und Verzauberung Ausdruck zu verleihen.

Während dessen flog das derart malträtierte Spielgerät in hohem Bogen wieder zurück ins Spielfeld, sprang weit außerhalb des 16ers zum ersten Mal wieder auf dem Boden auf. Niemand von den Spielern war in der Nähe und konnte sich rasch genug aus der kollektiven Zeitlupe und Überraschung herauslösen. Niemand konnte von der Situation Nutzen ziehen. Niemand konnte den Ball unter seine Kontrolle bringen und niemand konnte sich einen Aufmerksamkeitsvorsprung erarbeiten; weder die Stürmer, die mit der Verwertung des Abprallers überraschen hätte können, noch die staunenden Verteidiger, noch der perplex dreinschauende Torhüter Ralph, der sich um seine eigene Achse drehende Torhüter bei den Söhnen. Und so päppelte der gerade so im Fokus stehende Ball einige Male auf und rollte dann im Mittelfeld aus. Fast unbeachtet, fast ungeliebt, fast vernachlässigt, streunte er auf dem Platz umher. Vielleicht genoss er aber auch die kurze Phase der Ruhe, des Alleingelassen seins. Sie dauerte nur wenige Sekunden, bis einer kam und ihn wieder trat. Einige am Rande stehenden Zuseher*innen, hauptsächlich Verwandte, Mütter und Geschwister applaudierten spontan und transformierten so ihre innere Anspannung in Bewegungsenergie.

Väter gegen Söhne

Es war ein Samstagnachmittag, an dem sich eine kleine Karawane aus dem Stiftingtal, rund um die Siedlung am Großgraben- und Viktor Geramb Weg und den anliegenden Häusern bis zur Ortnerstrasse, Richtung Stadt bewegte, um Akteur* und Zeug*innen eines Fußballereignisses am Platz in Leonhard zu werden. Die lokal und zeitlich begrenzte Völkchenwanderung, die da an dem besagten Samstag losbrach, war dem Match Väter gegen Söhne geschuldet. Eine Premiere und dementsprechend aufmerksam registriert, von vielen. Auch wenn sie nicht fußballinteressiert waren.

Der Platz – das Stadion – lag in der ersten Kurve der damaligen Stiftingtalstrasse, der Eingang dazu auf einer kleinen Kuppe, keine hundert Meter von der Endstation Leonhard stadtauswärts entfernt. Die Karawane kam jedoch von der anderen Seite – aus den Tiefen des Stiftingtals. Von dort – wo ich (wir) wohnte/n – waren es etwa 2 Kilometer zum Platz oder 5-6 Stationen mit dem Bus. Die meisten von uns fuhren mit dem Rad, der Rest saß hinten drauf, am Gepäcksträger. Treffpunkt war die Ecke Stiftingtalstrasse-Großgrabenweg. Die Kicker radelten im Konvoi zum Platz.

Wir kamen an den alten Holzzaun mit Tor, das windschief in seinen Angeln hing und schwer auf zu kriegen war, so als würde es uns nur sehr ungern rein lassen, weil sicher was kaputt werden würde. Etwas tiefer unten gelegen, stand das erste Tor, ohne Netz in der Nachmittagssonne, kahl und leer. Kurz gemäht war er und sogar Linien gab es heute. Das war ja nicht immer so. Linien gab es eigentlich nie und gemäht war er oft auch nicht, sodass das Spiel unter der unebenen Wiese und dem zu hohen Gras litt. Vor den Toren hingegen gab es zwei kahle Stellen, ja fast Senken könnte man sie bezeichnen, die bei leichtem Regen matschig, sich bei heftigerem sogar mit Wasser füllten. Bei Trockenheit jedoch staubig und steinhart waren; Schürfwunden waren vorprogrammiert.

Der als Fußballplatz ausgewiesene Bereich hatte nicht die erforderlichen Längen- und Breitenmaße für einen richtigen Fußballplatz – nach FIFA Richtlinien – und demnach war der 16er kein echter 16er. Aber es war „unser Stadion“.

Stiftingtaler Rundfahrt

Ich kann nicht mehr beschwören, wer es organisiert hatte. Ich glaube, es war der Nikolaus und der Ralph. Der Nikolaus – der älteste Leitner Bub – der damals noch Klaus hieß, organisierte schon immer gerne. Als wir noch kleiner waren, gab es im Garten der Leitners im Sommer des Öfteren einen Circus. Einige von uns studierten Kunststücke ein und präsentierten diese, sangen, tanzten und spielten kleine Szenen. Die Vorstellungen wurden dann in der ganzen Siedlung publik gemacht, mit kunstvoll bemalten und beschrifteten selbsthergestellten Zetteln, die der Klaus entwarf und die an Laternenmasten und Zäunen aufgehängt wurden. Die anderen Kinder und manchmal auch ein paar Erwachsene zahlten Eintritt und sahen den „Artisten“ zu.

Ein andermal – das war Jahre später – der Nikolaus war schon in der Oberstufe des Gymnasiums, organisierte er eine Stiftingtaler Radrundfahrt. Es gab 10 Etappen, alles dabei, was zu einer Radrundfahrt gehörte; Zeitfahren, Sprint- und Bergwertungen. Nikolaus hatte sie nicht gewonnen, das weiß ich, weil er sich sehr darüber ärgerte. Der Sieger kam nicht direkt aus dem Stiftingtal, war ein Legionär quasi. Ich weiß den Nachnamen noch, er hieß Brett. Er wohnte in der Billrothgasse. Der war schon zu Beginn, der heiße Kandidat auf den Gesamtsieg. Der hatte ein Rennrad, aber hallo… Da fielen uns die Augen raus.

Ich habe noch eine Szene vor meinem geistigen Auge, als der einen steilen Teil der Stiftingtalstrasse nahm, weit draußen schon, nach dem Stadtschild – bei der Abzweigung – wo es einerseits ins Schafthal und andererseits nach Mariatrost ging, durch den Wald der Ries-Ankunft entgegen flog. Da konnte keiner mit. Wir staunten. Das konnte doch nicht ganz allein nur das Rennrad sein. Da waren wir uns danach sicher. Aber vielleicht wurde damals auch schon beim Stiftinger Radkriterium gedopt? Wer weiß! Es gab sogar einen Pokal für den Brett. Hieß er Christian? Möglich! Die Siegesfeier fand im Garten der Leitners statt, mit  anschließender Pool Party. Haha, wie das klingt, aber es war so, weil die Leitners hatten einen gemauerten, rechteckigen Swimming Pool im Garten.

Nikolaus oder Klaus und wir mit ihm, organisierten und führten viele Turniere und Wettbewerbe durch. Tischtennis, Fußballtennis, Fußball, Federball, Waldcross – mit den Rädern durch den Wald, alles wurde einzeln gewertet, als Team und als Gesamtwertung bewertet und in Listen geführt, mit Koeffizienten versehen und Tabellen geführt, mit Turniersiegen gekrönt oder am Ende der Saison mit dem Meistertitel belohnt.

So gab es etwa im Pool das Spiel „Matratzen entern“. Einer saß in der Mitte des Pools auf einer dreiteiligen Luftmatratze und die anderen versuchten auf die Matratze zu hüpfen, um den Sitzenden von der Matratze zu bringen. Eigentlich ein sehr lustiges Spiel. Papa Leitner mochte es nicht so, weil so viel Wasser aus dem Pool spritzte und schwappte.

Und das ganze fand natürlich im Winter auch statt. Da gab es mehrere Abfahrten in der Gegend; außerdem einen Slalomhang, eine Rodelpiste, im Hohlweg durch den Wald, zwei Sprungchancen und zwei Teiche, die oft genug zugefroren waren, so dass wir dort Eishockey spielen konnten.

Das ewige Derby

Der spielerische Alltag im Stiftingtal war geprägt von regelmäßigen 2 gegen 2 Kicks im Garten der Leitners. Es gab zwei reguläre Fußballmannschaften. Den SAK (Stiftinger Athletic Klub) und den SK Stifting. Der SAK waren der Nikolaus und ich, der SKS waren der Gerhard und der Gernot. Im Laufe der Jahre kam eine dritte Mannschaft hinzu. Das waren die jüngeren, bestehend aus dem Thomas (Tömpi) und dem Andreas (Änder). Als wir älter wurden, kamen mehr Freunde auf Besuch. So entstanden Legionärsmannschaften oder Mixed Teams.

Heli, ein Schulfreund von Thomas wechselte oft über den Berg aus Mariatrost zu uns herüber. Der Kurti aus Wr. Neustadt spielte öfter mit, wenn er zu Besuch war. Den hatte Gernot kennengelernt, als er auf die Wiener Filmakademie ging; und diese Freundschaft blieb bis zu Kurtis plötzlichen Tod im Jahr 2014. Der Kurti brachte auch einmal an einem Wochenende einen anderen Freund mit, den man ohne zu übertreiben, als Prominenten bezeichnen konnte. Wir staunten nicht schlecht, als Fredl Tatar, der damals noch eine eigene richtige Fußballprofikarriere im Blick hatte, bei uns im Garten, bloßfüßig mit kickte. Mit der richtig großen Kicker Karriere wurde es bei ihm nix – obwohl er sogar dem Mario Kempes in Erinnerung geblieben ist und sie gute Freunde wurden – immerhin spielte er bei der Vienna, die damals noch erstklassig waren. Später wurde er Trainer, kam ein wenig in der Welt (Russland) herum und heute ist er Co-Kommentator von irgendeinem Sender. Aber prominent wurde Nikolaus dann später ja auch.

Ach ja und einen Legionär gab es auch, der teuerste weil einzige Legionär, den das Stiftingtal jemals hatte. Und nicht wie sie vielleicht glauben, der Kurti oder der Fredl, nein. Wie immer wollten wir Fußballspielen, jeden Tag, jede Stunde, immer. Aber es fehlte der Gerhard und so fragten wir den Martin, den drittältesten der Leitners, der sich prinzipiell für Fußball überhaupt nicht interessierte und eigentlich auch nicht spielen konnte. Also redeten wir auf ihn ein und wollten ihn überzeugen, dass er mit seinem Bruder Gernot gegen den SAK (also uns) spielen sollte. Das zog sich, zwischendurch glaubten wir schon, wir hätten ihn endlich soweit, aber dann kam wieder der Schwenk und etwas dazwischen und er bockte wieder. Das ging so dahin, den ganzen Nachmittag lang, bis es schon bald Abends wurde. Da kamen wir auf die Idee, ihn dafür zu bezahlen, dass er mit kickte. Das wirkte zwar auch erst nach einiger Zeit, aber er bekam Geld, das er spielte.

Ich weiß den Preis nicht mehr, auf den wir uns einigten, aber er war für unsere Verhältnisse  beträchtlich. Vielleicht so 20 oder 30 Schilling. Das Geld war nicht gut investiert, weil das Match machte wenig Spaß. Martin war und blieb ein miserabler Kicker und war auch entsprechend lustlos bei der Sache. Man möchte fast sagen, wie Legionäre halt so sind, Diven und mit Starallüren ausgestattet. Aber das wäre gemein und pauschal. Wir gewannen das Match, zahlten das Geld aus und waren um eine Lektion reicher. Das wiederholte sich nicht mehr. Daraus erfanden wir eben andere Spiele, die man auch zu zweit oder zu dritt spielen konnte; wie etwa das Spiel, das wir auf die schmälere Wand des Swimming Pools von außen schossen. Ein zweiter stand als Tormann im Pool. Ging natürlich nur, wenn es nicht eingelassen war. Man durfte die erhöhte Mauer des Pools von außen nicht berühren. Zu dritt war es noch lustiger, weil man sich dann über den Pool hinweg zu passen und etwa mit dem Kopf einnetzen oder den Ball aus der Luft volley übernehmen konnte und auf die schmale Mauer hinunter in den Pool schießen konnte.

Richtig viele Kinder

Die Siedlung zeichnete sich durch eine große Zahl an Kindern aus; richtig viele Kinder. Dementsprechend groß war das Gedränge, bei dem Match der Matches mit zu spielen. Die Raths hatten sechs Kinder, davon zwei, der Hannes (Hampi) und Bernd, die im engeren Kader standen. Die Candussis waren auch sechs. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass der Klaus oder der Hermann dabei gewesen wären, wahrscheinlich schon, aber sie hatten es mit dem Kicken nicht so. Die Kemps waren fünf, davon stand der einzige Sohn Mike im Kader. Die Leitners waren vier Buben, die beiden älteren, Nikolaus und Gernot waren Fixstarter. Der Martin, wie schon erwähnt, der teuerste Legionär des Stiftingtals nicht. Thomas der jüngste war noch zu klein.

Die Leitls waren zwei, spielten aber nicht mit. Die Familie Neger waren auch fünf, da spielte aber keiner mit. Die Horners waren drei Kinder, aber alles Mädels. Die Muralters waren vier Mädchen. Damals undenkbar, dass da eine mitgespielt hätte. Jurtschitsch hatte einen Sohn, der noch zu klein war. Mauthner hatten zwei Töchter, aber der Vater spielte mit. Wir waren zwei Kinder, ich spielte mit, mein Vater auch. Der Gerhard war allein, spielte mit. Sein Vater nicht. Hollomay waren dabei, Sohn Ralph und der Vater Werner. So standen also die Leitner Jungs ihrem Erzeuger ebenso gegenüber, wie die Raths ihrem Vater und ich meinem. Das lustige war, dass beide Hollomays die Tore hüteten. Werner bei den Vätern, Ralph bei uns.

Bei den Vätern sah es mit dem Kader nicht so rosig aus. Einige davon waren Fußballer, teilweise ehemalige Ligakicker, zumindest regelmäßige Hobbykicker, wie mein Vater und der Ewald. Andere wiederum standen bis dahin wohl noch keine 3x auf einem Fußballfeld.

Es ging ja um die Gaude

Das sagten zuerst alle. Wiewohl das schnell umschlug, als das Spiel angepfiffen wurde. Wir hatten für das Spiel sogar einen Schiedsrichter. Von seinem Sohn wollte sich kein Vater eine Niederlage zufügen lassen und daher wurde es rasch ernst. Zweikämpfe wurden nicht zugunsten der schmäleren Söhne verloren gegeben. Mein Vater stach als Vereins- und regelmäßiger Hobbykicker eher hervor. Dass er den Ball aus dem eigenen Feld, etwa 10 Meter vor der Mittellinie auf die Querlatte schoss, unterstrich das. Wenn die Rede in sentimentalen Momenten auf das Match kommt, fällt vielen der Schuss meines Vaters ein.

Nur meiner Mutter nicht, die glaubt fest, dass er so ehrgeizig dabei war, dass er mich einmal umgerannt hatte. Das kann ich aber nicht bestätigen, denn ich weiß nicht mal, ob ich längere Zeit mitgespielt habe. Sicher ist, dass ich Ersatz war, denn bei den Söhnen gab es viele Ältere, die körperlich schon robuster waren, um gegen die „ausgewachsenen Mannsbilder“ zu bestehen. Nikolaus, Gernot, Gerhard, Hampi, Ralph, Mike, Klaus, Hermann. Ich war mindestens zwei Jahre hinter den anderen und körperlich zart. Das Problem, das ich mittlerweile habe, ist, dass ich nicht mehr weiß, wie es ausgegangen ist und ob ich nicht doch noch einige Minuten gespielt habe. Es konnte ja dauernd getauscht werden.

Soweit ich mich erinnere, war das wohl das einzige Mal, das die Familien aus diesem Teil des  Stiftingtals gemeinsam bei einem Ereignis beisammen waren. Man kannte sich. Durch die Kinder gab es immer wieder Kontakt, manchmal auch deswegen, weil wir was angestellt hatten, oder sie zusammen kommen mussten, weil die „Buam“ irgendwas ausgeheckt oder zerstört hatten. Wirklich ernsthaft und nachhaltig gab es aber keinen Ärger. Näher befreundet waren nur die unmittelbaren Nachbarn. Die Leitners waren schon mal bei den Kemps im Garten eingeladen und meine Eltern hatten engen Kontakt mit der Mauthner Familie und mit Jurtschitsch.

Ladenschluß

Alle kannten meinen Vater, weil er Filialleiter des Konsums war. Für viele aus der Umgebung war das nicht nur eine nützliche sondern auch wichtige Bekanntschaft. Weil zufälligerweise wohnten wir über dem Konsum Geschäft und so geschah es nicht einmal, dass nach Ladenschluss ein Steinchen an die Balkontür klopfte und unter dem Balkon auf der Stiftingtalstrasse jemand aus der Nachbarschaft stand, der um Einlass in den Laden bat, weil was vergessen worden war. Vor allem Samstagmittag passierte das öfters, dass etwa einer der Leitner Buben Steine warf, um noch drei Liter Milch zu ergattern, weil sie die Zeit übersehen hatten und beide Läden im Stiftingtal schon geschlossen waren. Die Ladenschlusszeiten waren wesentlich strenger, als heute. Es gab Mittagsschließzeiten, einen Nachmittag, an dem die Läden geschlossen hielten und am Samstag um 12 Uhr war Schicht im Schacht.

Auf jeden Fall war es kein Nachteil, wenn man sich mit dem „Herrn Gulis gut stellte“, weil dann konnte man die Ladenschlusszeiten auch mal umgehen. Die Leitners waren dabei notorisch, aber auch andere kamen regelmäßig, so etwa die Frau Rath. Und das ging ja nur beim Konsum, weil wir darüber wohnten. Beim zweiten Geschäft im Tal, das es damals noch gab, den Gröhenig, war das nicht möglich, denn da wohnte keiner im Haus. Beide Geschäfte gibt es seit Jahrzehnten schon nicht mehr. Wie überhaupt es im Stiftingtal nahezu nichts mehr gibt, was es früher einmal gab.

Wochenende war „Grotte Zeit“

Die „Disco-Dancing Grotte“ war eine Zeit lang in den 60er und 70er eine beliebte Wochenendbeschäftigung der Jugend. Freitag, Samstag standen vor der Grotte viele Autos und es dröhnte hinter den verdunkelten Scheiben. Die Disco Zeit hatte auch das Stiftingtal erreicht. Die Grotte sah innen tatsächlich wie eine Grotte aus. Da stürzten Felswände auf einen ein und schmale Gänge führten zu den Tischen, schwere Stein ragte über den Köpfen herab. Bei Tageslicht oder normaler Beleuchtung durfte man sich das Interieur der Grotte nicht ansehen. Es war gar schauderhaft, wie schlecht und billig das war. Aber das hatte ja eh niemand vor und der Zauber im schummrigen Disco Licht funktionierte. Irgendwann begann der Lack zu blättern und die Grotte kam aus der Mode, wohl so ab den mittleren 1980er Jahren.

Wir waren für die Glanzzeiten der Grotte zu jung. Als wir alt genug für die Grotte waren, da war sie schon out und bei uns „die Stadt“ in. Wir gingen oder fuhren einfach nur vorbei. Spätabends aus der Stadt kommend,  zu Fuß oder mit den Rädern hörten wir schlechte Schlager und gedämpfte Tanzmusik aus dem Inneren, ein paar Autos standen davor. Alles verströmte den Geruch einer „alten Generation“ und einer Zeit, die nicht unsere war. Wenn die Tür aufging, wurde die Musik lauter. Bei den Autos standen oft Gruppen, die rauchten und sich laut unterhielten. Eine Zeitlang nahmen wir uns immer vor, doch „endlich in die Grotte zu gehen“ und hatten es doch nie getan.

Einmal waren wir drinnen, unter Tags, weil wir einen Raum für ein Kabarettprogramm suchten und uns das anschauen wollten und wissen wollten, was es kosten würde, die Grotte zu mieten. Aber abgesehen davon, dass es viel zu teuer war, war das Interieur abschreckend. Als wir durch die Tür eintraten, kam uns ein muffig-schimmliger Geruch entgegen, der untermalt und hinterlegt wurde mit abgestandenen Zigaretten-, Bier- und Pissgestank. Das brachte man auch mit nichts mehr raus. Das hatte sich in die Pappmache Wände eingefressen. Irgendwann schloss sie, wurde verkauft, abgerissen und ein Kindergarten wurde dort später errichtet.

Aber ich schweife ab, das Match war also zu Ende, alle fuhren wieder nach Hause. Es hatte sich niemand ernsthaft verletzt und wenn mich nicht alles täuschte, hatten die Väter gewonnen, 6:4 oder so. Damit war das Wochenende gerettet. Zu einer Revanche kam es nicht mehr, obwohl gleich nach dem Match alle Beteiligten schworen, dass man das wiederholen wolle. Die Stiftingtaler Arena war noch eine Zeit lang, einer unserer beliebten Plätze. Als dann immer mehr mit ihrer Schule fertig waren und weg zogen, arbeiteten und studierten, fielen die Kicks in der Leonhard Arena immer öfter aus. Die Prioritäten verlagerten sich. Viele fanden andere Klubs oder Hobbytruppen, die zu ihrem neuen Leben besser passten.

Den Platz gab es noch einige Zeit, aber es gab keine nachfolgende Generation, die ihn ähnlich intensiv nützte, wie wir. Er lag eine Weile brach, um dann gänzlich zu verschwinden. Der Platz wurde verbaut – war ja ein wertvoller Baugrund – der größere Teil davon zuerst von einer Tiefgarage für die LKH Besucher*innen. Der restliche Teil verschwand wegen des Neubaus der Med-Uni. Dort, wo die Straße vorbei führte und das schiefe Holztor knarrte, rumpelt jetzt die Straßenbahn und ein überdachter Radweg führt daran vorbei.

Sturm Echo: Nr. 356

Von Graz nach Amsterdam

2016 lud Ajax Sturm Jugendtainer Daniel Zenkovic, zu einem Probetraining nach Amsterdam ein. Er überzeugte und ist seitdem Teil des Jugendtrainerstabes beim holländischen Traditionsklub. Über Parallelen und Unterschieden der Ausbildungsarbeit von Ajax und Sturm.

Mit knapp 19 Jahren hing Daniel Zenkovic im Jahr 2007 seine Fußballschuhe, die er damals für den USK Anif II schnürte, an den berühmten Nagel. „Ich hab´ gesehen, dass es für den Profibereich nicht reicht“, erklärt der bosnisch-österreichische Doppelstaatsbürger. Er startete deshalb eine Karriere als Nachwuchstrainer., die ihn über die Fußballakademie Tirol, den FC Salzburg und Sturm Graz  schließlich zum aktuellen Champion League Halbfinalisten führte.  „Sturm und Ajax sindrichtig geile Vereine mit großen Traditionen und treuen Fans. Ich bin sehr froh, beide näher kennengelernt zu haben“.

Die Ajax Philosophie

Bei Ajax sei im Jugendbereich viel mehr Geld im Spiel. „Die Bedingungen sind bestens, aber allein die Anzahl der Rasenplätze und der Betreuer ist nicht entscheidend. Im Kern geht es bei unserem Job immer um Menschen und Beziehungen, das ist bei Ajax nicht so anders als bei Sturm“.

Zwar gab es bei Ajax vor einigen Jahren eine Abkehr 4-3-3 System, das sich zuvorjahrzehntelang von der Jugend bis zur Kampfmannschaft durchzog. Dennoch betont Zenkovic die durchgehende Ausbildungsphilosophie der Niederländer, die schon bei den Kindern beginnt und sich in der Jugend, in der schon früh die Toptalente gesichtet werden, fortsetzt. „Spieler werden heute nicht mehr allein auf bestimmte Abläufe trainiert, sondern mehr auf Gedanken- und Reaktionsschnelligkeit, um in verschiedenen Spielsituationen selbständig reagieren und spontan die beste Lösung finden zu können“, so Zenkovic.

Um zu verhindern, dass junge Talente von anderen kLubs weggeschnappt werden, versucht man, den jungen Spielern sportliche Perspektiven zu bieten: „Für die 14 bis 15- Jährigen werden Karrierepläne entwickelt, die dann durchgezogen werden. Hochtalentierte Jungendspielter wissen bei uns, dass sie mit 17 oder 18 Jahren in die Kampfmannschaft einsteigen werden. Für Ajax reicht es nicht, Trophäen zu holen, die Kampfmannschaft muss auch von jungen eigenbauspielern durchsetzt sein. Das ist für die Bewertung einer Saison ebenso wichtig wie ein Meistertitel.“

Strategie macht sich bezahlt

Auf den Einsatz in der Kampfmannschaft arbeitet der ganze Stab hin. „Wir beschränken uns dabei nicht auf das fußballerische oder das physische, sondern legen auch großen Wert auf Dinge wie die Ernährung oder das Auftreten am und außerhalb des Platzes. Dazu werden unsere Spieler auch im mentalen Bereich durchgehend unterstützt“, erklärt Zenkovic. Sind die jungen Spieler dann Teil des Profikaders, wird ihnen auch ein Zeitraum, um Spiele zu bestreiten, gegeben. „In dieser Phase können sich die Spieler anpassen und entwickeln“, was den Druck nehme, in vielleicht nur einem Spiel vollends überzeugen zu müssen. So schaffe man es, regelmäßig Eigenbauspieler in die Kampfmannschaft hochzuziehen, die sich dort dann auch behaupten können und dem Verein in Falle eines Transfers als fertig ausgebildete Spieler nicht selten hohe Transfereinnahmen bringen. So musste der FC Barcelona für die Verpflichtung des 21-jährigen Frenkie de Jong eine Ablöse von 75 Millionen auf das Konto von Ajax überweisen. Sportlich will der niederländische Double-Gewinner den Abgang mit einem Spieler aus dem eigenen Nachwuchs kompensieren.

Arztbrief: Patientin Demokratie (Geburtsjahr 1955)

Erschienen im bifeb 2/2019: Veränderung.

Symptome:

Die Patientin leidet unter Schwächegefühlen, fühlt sich ausgelaugt, motivationslos; ist aber gleichzeitig

unruhig und hat Schlafstörungen. Sie berichtet von Leere, Einsamkeit und Isolation. Gleichzeitig hat sie Angstzustände und fürchtet sich vor Ausländern. Ablehnung von Fakten und Wahrheiten sowie gesicherten Ergebnissen bestimmen den Alltag. Konzentrationsfähigkeit ist eingeschränkt, Hinwendung zu Verschwörungstheorien, Anfälligkeit für Propaganda und Falschmeldungen sind ausgeprägt.

Diagnose:

Der psychiatrische Befund zeigt deutliche Anzeichen von Angstneurosen und Panikattacken. Über ihre eigene Zukunft kann sie keine konkreten Aussagen treffen, außer allgemeiner Floskeln und sentimentaler Rückbesinnung auf die Vergangenheit. Darauf näher angesprochen, verfällt die Patientin in dystopisch-depressive Zukunftsszenarien.

Im Verlauf des Gespräches wird deutlich, dass sie seit längerem Neoliberalismus zu sich nimmt, dadurch unter Individualismus, übertriebene Erwartungen an sich selbst und unterernährtem, dysfunktionalem Staat leidet.

Das Blutbild ergibt eine anämische Schwächung des Immunsystems. Der Bazillus der Saturiertheit konnte nachgewiesen werden, hervorgerufen durch schwach ausgebildeten demokratischen Stoffwechsel, dem sogenannten „Pseudomiddleclasssyndrom“. Ein erhöhter Spiegel an allgemeinem und politischem Bildungsdefizit wurde nachgewiesen. Die Infiltration durch nicht erkanntes antidemokratisches und staatsablehnendes Gedankengut hat sich zu einer manifesten „Insuffizienz“ entwickelt, der durch den opportunistischen Virus „in extremus de dextris vulgaris“ (gemeiner Rechtsextremismus) verstärkt wurde.

Therapie:

Aufgrund der multiplen Schädigungen der Patientin wird eine integrative Breitband -Therapie vorgeschlagen.

  1. Sofortiges Absetzen der Einnahme von Neoliberalismus, um den Abbau des Sozialstaates und der eigenen demokratischen Lebensgrundlagen zu stoppen.
  2. Gruppenangebote und -aktivitäten, um soziales Leben, lokale Gemeinschaftserlebnisse und Solidarität zu erfahren und gegen das Isolationsgefühl vorzugehen.
  3. Überweisung an Gesprächsgruppe zur Erarbeitung von eigenen Narrativen und Zielen, insbesondere durch „agenda setting“ und „framing“ Übungen. Eine positive, auf eigene Stärken beruhende und selbst gestaltbare Zukunft ist das Ziel.
  4. Reduzierung weiterer schädigender Einflüsse (skandalisierende Einzelfallerzählungen, Falschmeldungen und Propaganda), die den Extremus de dextris vulgaris fördern; Einschränkung der öffentlichen Förderung und Werbung bzw. wirksame gesetzliche Regelungen gegen multinationale IT-Medienkonzerne.
  5. Zuführung von Qualitätsstandards und Förderung von investigativem, ethisch motiviertem, kontextbezogenem und konstruktivem Journalismus und öffentlicher Kommunikation. (Hochdosierung vor allem zu Beginn wird empfohlen)
  6. Stärkung des Immunsystems durch eine langzeittherapeutische Breitband Behandlung mit Bildungsextrakten, auf grund- und menschrechtlicher Basis, die zur Stärkung der Medienkompetenz und politischer Bildung führen.
  7. Bewegung (Wanderungen) und der Aufenthalt in der Natur (Demonstrationen) für positive Ziele sind anzuraten.
  8. Die Patientin wird an ein Beschäftigungsprogramms verwiesen, mit dem Ziel die Wirtschafts-, Landwirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der EU rasch zu verändern.

Weitere Konsultationen der geschätzten Fachkräfte sind in absehbarer Zeit (nächstes Quartal) anzustrengen.

Mit kollegialer Hochachtung.

https://www.bifeb.at/fileadmin/user_upload/bifeb_aktuell/b_aktuell_2019_02_END.pdf

Verschwundene Orte 2

Riesstrasse 141

Am ersten Tag begleitete mich meine Mutter. Ausgestattet mit einer rechteckigen, roten Schultasche aus Leder am Rücken, spazierte ich an ihrer Hand den Berg hinauf. Das hatte nichts von einem kurzen, gemütlichen Spaziergang, sondern war eine richtige Wanderung. Wir hatten beim ersten Mal sicher an die 30 Minuten für eine Strecke gebraucht. Wir zwei waren ja nicht die schnellsten. Ich, noch klein, sie schon schwerfällig, hochschwanger, mit dickem Bauch. Es war alles neu. Fortan lebte ich am Stadtrand, um mich herum grüne Wiesen, kleine Wäldchen, ein Bach.

So trotteten wir die Stiftingtalstraße stadtauswärts, bogen nach rechts in den Stiftingbachweg ab. Es ging hinunter zum Bach, über die kleine Brücke, immer bergan an Vorstadthäuser vorbei. Etwa ab der Hälfte des Weges wurde es beschwerlich. Nach der steilen Passage gab es eine S-Kurve. Viel später fuhren wir das mit dem Rad, denn meine Freunde hatten einen „Tour de Stifting“ in zehn Etappen organisiert. Und bei der erwähnten S-Kurve gab es eine Bergwertung.

Am Ende der Kurvenkombination, bogen wir in einen Fußweg – eine Abkürzung, durch ein kleines Wäldchen – ein. Wir überquerten wieder die Straße, die in einem weiten Bogen herumführte, mussten durch ein zweites Wäldchen bis zu einem schmalen Weg, der von zwei Zäunen begrenzt wurde, alles aufwärts. Diesem Weg folgten wir, die letzten Meter mit Stufen nehmend, um dann schnaufend auf der Ries zu stehen. Jetzt fehlte noch ein Gehweg, stadtauswärts ca. 300 Meter, bis man die Schule erreichte. Gleich neben der Schule war eine Schneise, die steil runter zur Stiftingtalstraße führte. Von dort oben sah man weit unten unser Haus. Später, etwas älter schon, setzten wir uns im Winter auf die Schultaschen und rodelten die abgeholzte Schneise hinunter. Noch etwas später war das eines der steilsten Stücke in einer längeren Ski-Abfahrt, die spektakulär begann. Am Ende des Steilhanges musste man über die Straße springen. Da stand immer ein „Ordner“, der aufpasste, dass uns kein Auto erwischte. Der Hang war echte Mutprobe.

Jenseits der Riesstraße begann der noblere Teil des Bezirkes. Villen, Bungalows, stattliche Neubauten standen dort. Dort wohnte unter anderem auch Alexander Götz, der spätere Bürgermeister der Stadt Graz. Ein mehr als weit rechtstehender Recke der FPÖ. Sie erinnern sich noch? Das war der, der eine sagenhafte Pension der Stadt Graz erhielt und diese später, als sie gekürzt werden sollte, eingeklagt und Recht bekommen hat. Bis 2008 stieg die monatliche Pension auf € 14.800,00 monatlich an. Nachdem er im Jahre 2018 verstarb, dürfte das Salär bis dahin erheblich höher gewesen ein. Von seinen anderen Einkünften als Technova Chef (bis 1997) und Messe Chef wollen wir hier schweigen, weil wir darüber nichts wissen. Er hatte auch noch Aufsichtsratsposten bei der Steiermärkischen Sparkasse und beim Bankhaus Krentschker inne.

Sein Sohn – auch Alexander getauft – ging mit mir in die gleiche Klasse. Unsere Wege trennten sich erst in der dritten Klasse des Gymnasiums. Bis dahin waren wir eigentlich so etwas wie Freunde. Es konnte schließlich nicht gut gehen, denn er war im Gymnasium genauso schlecht wie ich, aber er kam immer durch. Irgendwie ergatterte er noch einen Vierer oder bei den alles entscheidenden Schularbeiten bekam er – im Gegensatz zu mir – doch ein Gut. Es reichte halt nicht. So war es immer, am Ende rutschte er durch und ich nicht. Und so nahm seine „Karriere“ seinen Lauf. 1997 folgte er zufällig seinem Vater bei Technova und später als Messechef. Aber gut, wenn man das Karriere nennen mag?

Damals am ersten Tag wusste ich von all dem nichts. Ich mochte Alexander, er war kein Angeber, eher ruhig. An den ersten Tag hab ich keine Erinnerung. Ängstlich war ich sicher, unsicher auch, vielleicht gespannt und neugierig? Denn ich kannte ja niemanden. Es war kein Karli da, kein Peter und die Karin auch nicht. Die blieben alle zurück in Liebenau. Ich war erst am Wochenende vor Schulbeginn zu meinen Eltern ins Stiftingtal endgültig und dauerhaft umgesiedelt.

Eine erste Erinnerung habe ich erst an einem der folgenden Tage. Der begann schlecht. Meine Mutter musste wegen einsetzender Wehen ins Spital und konnte mich nicht begleiten. Wie ich in die Schule kam, weiß ich nicht. Möglich, aber eher unwahrscheinlich, dass mich Vater hin brachte oder auch, dass er mich einfach ein paar Buben mit gab, die auf mich aufpassen sollten. Opa sollte mich nach der Schule holen und nach Liebenau mit nehmen. Mama war ja im Spital, ein Notfall sozusagen. Daher hatte ich den Auftrag vor der Schule im – mit Steinen und einem Zaun ausgelegten und umzäunten – Vorhof zu warten. Einige Erstklassler*innen wurden bereits an der Tür empfangen und geherzt, die anderen im Vorhof. Aber nicht ich. Opa war nicht da. Nach einigen Minuten war der Vorhof leer. Ich stand alleine da. Wo sollte ich hin? Liebenau war endlos weit weg, keine Chance dort jemals hinzukommen, wo wenigstens Oma gewesen wäre. Ins Stiftingtal – auch aussichtslos, ich wusste ja noch nicht mal den Weg zurück.

Kaum drinnen, war ich schon fertig mit ihr

Ich wurde immer verzweifelter, meine Hoffnung sank. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als zehn Minuten – höchstens. Opa hatte einfach den Verkehr unterschätzt, oder er war zu spät aus der Firma weg gekommen. Schließlich arbeitete er ja und musste sich extra dafür frei nehmen. Ungeachtet all der rationalen Einwände, für mich war es die Katastrophe. Als er kam, mich umarmte und ins Auto setzte, blieb ich stumm. Die Tränen waren schon getrocknet. Ich sagte mir aber, dass ich mit der Schule fertig war, sie mich nicht mehr interessierte und ich dort sicher nicht mehr hingehen würde. Am nächsten Tag bemerkte ich aber, dass es nicht nach meinem Willen ging. Ich hatte da nichts zu bestellen. Ich saß wieder am gleichen Platz.

Die nächsten Tage verbrachte ich wieder bei den Großeltern in Liebenau, bis Mutter mit meiner kleinen Schwester aus dem Spital nach Hause kommen würde. Aber es war nichts mehr so, wie es vorher war und das ging mir gewaltig auf die Nerven. Den Schulweg musste ich mit meinen neuen – schon wieder 2 Jahre älteren – Kumpanen bestreiten. Und nach ein paar Wochen waren wir mehrere Volksschüler*innen, die den gleichen Weg gingen. Zu Hause hatte keiner mehr Zeit für mich, alles drehte sich um das kleine rosa Balk, das ununterbrochen schrie. Die Geburt war nicht ganz komplikationslos; irgendwas mit Rhesus Faktor und zu lange gewartet und daher selbst vergiftet oder so ähnlich. Aber fragen Sie mich nicht genauer. Mutter hatte es mir mal erzählt, aber ich habe es schon wieder vergessen. Auf jeden Fall hatte die kleine Brigitte ständig Kolliken und war ein richtiges Schreikind, das durch nichts zu beruhigen war. Eh klar, sie hatte ja auch wirklich Schmerzen. Das dauerte Wochen.

Ich entdeckte den Schulweg als Abenteuerspielplatz, als Experimentierfeld, als Platz, wo niemand schrie. Dabei waren vor allem die Nachhausewege bald der Inbegriff von Trödeleien und Umwegen. Die neuen Freundschaften begleiteten sich gegenseitig nach Hause, bogen in den Wald ab, suchten sich neue Wege oder bauten am Stiftingbach Dämme, um Fische zu fangen, was aber nie gelang; und vieles mehr, was 6-10jährigen Jungen so einfiel. Ja damals gab es noch Forellen im Bach. Bis ein Bauer Gülle oder Jauch´n – wie wir sagten —  in den Bach ablud und die Wasserqualität im Eimer war. Manchmal landete ich sogar in der Ragnitz, weil wir irgendein verwegenes Spiel spielten.

Auf der anderen Seite der Riesstraße ging es ebenso steil hinunter, wie auf „unserer“ Seite. Über den Ledermoarweg – ja der heißt wirklich so – der weiter unten in die Rauchleitenstraße mündete. Vorbei an der Frankensteingasse – auch das ist wahr, sie können es ja selbst eingeben und suchen, wenn sie mir nicht glauben – bis man auf die Ragnitzstraße stieß, einige hundert Meter vor dem legendären Ragnitzbad. Da verlagerte sich aber erst später unser Freizeitmittelpunkt. Einstweilen war das Stiftingtal noch unser Revier; Ragnitz die Ausnahme.

Die Volksschule Ries hatte drei Einzugsgebiete, woher die Schüler*innen kamen. Erstens, die Stiftingtaler, aus jungen Familien stammend, Arbeiter und kleine Angestellte, die sich auf dem Weg in die Mittelschicht befanden, ihren klassischen Traum, von Familie und Haus träumten und ihn sich gerade verwirklicht hatten. Dementsprechend von Schulden geplagt waren und schufteten und wenig Zeit hatten. Zweitens, die Ragnitzer, aus dem schon erwähnten besser situierten Großbürgertum, Villenbesitzer*innen, Kinder aus besserem Haus. Sowie drittens die Rieser. Kinder, die  meistens von Bauernfamilien stammten, die es stadtauswärts noch einige gab. Eine lustige Mischung, die es sonst wohl heutzutage nirgends mehr gibt. Die Unterscheidungslinien zogen sich aber stärker entlang des Geschlechtes, also Mädchen gegen Buben. Mit dem Ende der Volksschule war die Vermischung zu Ende. Die Ragnitzer und die meisten Stiftingtaler gingen ins Gymnasium, die Rieskinder kamen in die Hauptschule.

Einmal erinnere ich mich, dass wir eine Gruppe von Stiftingtaler*innen in der Früh auf dem Weg zur Schule waren. Es ging laut her, wir schupften, hänselten uns und nahmen uns Dinge weg. Buben gegen Mädchen, aber natürlich gab es auch interne Fraktionen, die Erst- gegen die Drittklassler*innen usw.  Ich stieß eine Klassenkollegin so stark, dass sie hinfiel. Sie schürfte sich das Knie auf, blutete und die weiße Strumpfhose ging kaputt. Sie weinte, lief laut plärrend nach Hause. Es tat mir leid, so fest wollte ich das nicht. Aber es war schon zu spät. Wir riefen ihr zwar nach, sie möge doch da bleiben, aber es half nichts mehr. Mir war mulmig, aber es ließ sich nicht mehr ändern und so gingen wir übrig gebliebenen weiter zur Schule.

Ich hatte den Vorfall schon vergessen. Doch irgendwann in der zweiten Schulstunde ging die Tür auf und ein Schüler aus der 4. Klasse holte mich auf Geheiß der Direktorin. Die Mutter der Schülerin stand, böse und finster drein schauend, neben der Direktorin. Ich erhielt eine Abreibung und Ermahnung, musste mich entschuldigen, was mir gleich nach dem Vorfall nicht schwer gefallen wäre, aber jetzt unter dem Druck der Anklagebank, mir kaum von den Lippen kam. Dann wurde ich, gedemütigt und verbal geprügelt, zurück in die Klasse geschickt. Ich fand, das hätten wir uns doch unter uns ausmachen können. Da hätte es doch die Mutter nicht gebraucht!

Abteilung Taschenfeitl

In der dritten Klasse war ich dann Teil eines größeren angehenden Verbrechersyndikats. Meine Position war die eines – heute würde man im Drogenmilieu – Streetrunners. Wenige Meter neben der Schule lag der Lachmann, ein typischer Greissler der damaligen Zeit. Heute gibt es so etwas in der Form nicht mehr. Ein Laden für Jausen, Süßigkeiten und Schulbedarf. Einer von den Großen – aus der 4. Klasse – kam drauf, dass man beim Lachmann vermeintlich leicht was mitgehen lassen konnte. Nach den ersten geglückten Versuchen, wollte er gleich einen ordentlichen Handel aufziehen, also „klotzen nicht kleckern“. Es gab Kompagnons, die stahlen, es gab Kinder, die das „Diebsgut vercheckten“.

Ich war in der Abteilung „Taschenfeitl“ beschäftigt. Alle paar Tage sollten aufklappbare Taschenmesser, mit Holzgriff gestohlen werden und die sollte ich dann an Mitschüler*innen „verticken oder verchecken“, um in der coolen Junggangstersprache zu bleiben. Das ganze ging nicht lange gut. Wie zu erwarten. Die Lachmann Besitzer rochen den Braten relativ schnell und ließen die Bande auffliegen. Na, was soll ich sagen; große Aufregung! Aufmarsch in der Direktorion, in Reih und Glied stehen. Androhung des Ausschlusses, Rufe nach der Polizei wurden laut. Die Eltern wurden informiert. Entsetzen, rundum. Die eine oder andere „Watschen“ wurde zu Hause sicher ausgeteilt. Es fand ein Tribunal im Direktionszimmer statt, bei dem die Eltern teilweise anwesend waren. Wir kamen glimpflich davon, mussten Widergutmachung leisten. Mein Glück war, dass praktisch alle Taschenfeitl wieder retourniert werden konnten. Einen hatte ich selber, einen hatte ich verkauft. Der Schüler gab ihn anstandslos zurück. Einer war gerade eingetroffen, war aber noch nicht verkauft worden. Der wurde mir auch abgenommen. Die Verbrecherkarriere war also abrupt gestoppt worden, sie flackerte nur später nochmal kurz auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Lehrerin in der 1. und 2. Klasse mochte ich sehr. Sie war freundlich, umgänglich und ging mit allen aufmerksam und liebevoll um. Ich meine, wir waren ja noch kleine Stoppeln, kaum den Windeln entstiegen. Sie war die richtige für uns. Sie schaute drauf, dass es uns gut ging und dass wir durcheinander gemischt wurden und das niemand zurück blieb. Irgendwann in der ersten Klasse kam ich neben der Dani zum Sitzen. Jene Daniela, die später noch einmal in der Geschichte vorkommen wird. Ich war einer der ersten Buben, die neben einem Mädchen saß. Zuerst war es furchtbar, was für eine Erniedrigung, neben einem Mädchen sitzen zu müssen. Aber insgesamt und heimlich fand ich es super. Die Mädchen waren so anders, so freundlich und sanft. Sie rochen auch ganz anders und die Dani war immer sehr nett zu mir, half mir, ordnete meine Sachen. Ich glaub´, ich war ein bisschen verliebt in sie. Aber das durfte nicht raus kommen.

Singen hasste ich allerdings, was sie und auch die Lehrerin sehr gerne taten. Nicht grundsätzlich, das muss ich betonen, aber das Singen im Klassenchor, das war mir zuwider. Vor allem wenn wir „Summ-Summ-Summ Bienchen summ herum“ sangen. Da forderte die Lehrerin uns alle auf mit den Händen die Flügel nach zu machen und uns um unsere eigene Achse zu drehen. Die Mädchen sangen bei dem Lied immer besonders enthusiastisch. Ich fand das Lied und die Darbietung immer affig und verweigerte die Mitarbeit.

Die Frau J. – unsere Lehrerin – war ein dunkler Typ, italienisch, griechisch, slawisch oder so. Halt so einfach mal eingeteilt. Sie hatte dichtes schwarzes, welliges, halblanges Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war. Das Alter von Volksschullehrerinnen einzuschätzen, fällt schwer. Für uns war sie uralt. Aber ich denke mir, sie war so mittelalterlich, vielleicht 40. Nicht so alt wie die Frau Gasparic, die später für sie einsprang und mich an eine KZ-Wärterin erinnerte, aber eben auch nicht so jung wie Frau Herbst, die wunderhübsch war und mit ihrem roten VW-Käfer anbrauste, ausstieg und frischen Wind in ihren wallenden Haaren mit brachte und alle verzückte. Kollektive Verliebtheit für einige Monate, dann ging sie aber gleich wieder, weil sie wurde schwanger.

Frau J. hatte auch einen Damenbart, ihr Flaum auf der Oberlippe war deutlich sichtbar und beim Turnen, wenn sie einen Art Badeanzug trug, sahen wir auch ihre beharrten Beine. Sie war Alles in Allem betrachtet, aber ein Goldgriff. das hätte was Gutes werden können. Mit der Zeit fielen uns jedoch ein paar Seltsamkeiten auf. Wenn wir eine Aufgabe hatten und still in unseren Heften schrieben, lasen oder malten, saß sie vorne am Pult und verschwand von Zeit zu Zeit unter dem Pult. Wir hatten keine Ahnung, was sie da unten tat. Manchmal wirkte sie dann etwas desorientiert und dann sprach sie langsamer und schwankte, wusste manchmal unsere Namen nicht. War sie krank? Jeder konnte mal einen schlechten Tag haben und sie war ja auch schon alt, aus unserer Sicht. In der zweiten Klasse,  ich glaube mich zu erinnern, dass es im ersten Semester war, kam die Frau Direktor herein und sagte, dass wir eine Zeitlang eine andere Lehrerin bekommen würden, weil Frau J. auf Kur gehe.

Dieser zweite Abschnitt der zweiten Klasse geriet zum Martyrium für mich. Die erwähnte Frau Gasparic zog bei uns ein und alles wurde anders. Der Ton war rau, wenn es nicht gleich so passte, wie sie wollte, schrie sie mit uns. Wir wurden bestraft, wenn wir was falsch machten. Mein Schulstarttrauma feierte wieder fröhliche Urstände. Meine Leistungen wurden schlechter. Im Halbjahreszeugnis hatte ich im Schönschreiben ein Genügend. Okay, meine Klaue war nicht sehr elegant, aber musste man das als so wichtig bewerten. Einige Monate lang wurden Schule zum Alptraum und meine Ängste begründet.

Als Frau J. wieder zurückkam, sah sie gut aus und wirkte frisch. Meine Noten wurden wieder besser. Aber die Angst, dass Frau Gasparic zurück kommen würde, blieb.  Als die zweite Klasse zu Ende war, bekamen wir eine neue Klassenlehrerin, die war auch nett, die Frau Oitzinger. Aber sie war nicht mehr so sanft und mütterlich und das ganze wurde schon mehr zur Schule, wie wir es seit 200 Jahre kennen. Mit Frontalunterricht, mit Diktat, mit Diziplin, mit einer Stunde nach der Anderen und mit Hausaufgaben. Ich erinnere mich, dass sie oft ein hellbraunes Kostüm trug und insgesamt lieb und nett aber auch strenger war, als Frau J.  Damit wechselten wir auch in den ersten Stock, womit wir bereits die Großen waren. Das war natürlich ein Riesenaufstieg in der sozialen Hierarchie der Schule. Die VS-Ries hatte ja nur jeweils eine Klasse in jeder Schulstufe. Die 3. und die 4. Klassen waren im ersten Stock beheimatet.

Viele Jahre später – als ich schon selbst mit diversen Substanzen in Berührung gekommen war – wurde mir klar, was das Problem der Frau J. war. Sie war Alkoholikerin. Ich traf sie in einem Grazer Schwimmbad. Sie war sehr nett, konnte sich sogar noch an mich erinnern und wir plauderten ein wenig. Aber es war sehr deutlich, dass sie am frühen Nachmittag schon ziemlich abgefüllt war und trotz der typischen Düfte, die in einem Schwimmbad umher waberten – Chlor, Frittieröl und Sonnencreme – war ihr Alkoholgeruch deutlich zu riechen. Die Kur hatte offensichtlich nichts geholfen.

Immer unter den Kleinsten

Die Turnstunde wurde bei schönem Wetter in einem quadratischen Hof, gleich neben der Schule abgehalten. Der Hof, der prinzipiell einen Grasboden hatte, der aber sehr in Mitleidenschaft gezogen war, war von einer Steinmauer, eine Gehweg aus Steinplatten und einem Zaun sowie Büschen umgrenzt, damit wir nicht auf die stark befahrene Riesstraße laufen konnten. Beim chaotischen und extensiven Fußball spielen – sie kennen das ja wenn ein Rudel Kinder dem Ball nach jagt und auf alles tritt, was sich bewegt – flog schon mal ein Ball über den Zaun auf die Straße.

Auf dem Platz, verbrachten wir auch unsere Pausen. Später, als ich einmal die Schule besuchte, da gab es sie noch als Schule, war ich überrascht wie klein das alles war. Wenn da 4. Klassen Pause hatten und 100 und mehr Kinder alle ihren Bewegungsdrang auslebten, musste es da ordentlich umgegangen sein. Im Winter oder wenn das Wetter schlecht war, wurde der Turnunterricht in die Räumlichkeiten der ersten Klasse verlegt. Der wurde zu einem Turnsaal umfunktioniert. Der war auch der größte Raum in der Schule und wenn ich mich nicht täusche, waren auch Sprossenwände an der Rückseite. Auf jeden Fall war ein roter rutschfester Plastikboden verlegt, wir sagte alle Linoleum dazu, ohne zu wissen, was das meinte.

Da die räumlichen Umstände ziemlich prekär waren, wurde einige Jahr später, ein Zubau vorgenommen, in der dann eine eigene Klasse untergebracht war, damit die ehemalige 1. Klasse zu einem richtigen Turnsaal umgebaut werden konnte. Als meine Schwester, sechs Jahre später in die gleiche Schule kam, stand der Zubau schon.

Turnen war immer auch die Größenmessung. Aus welchem Grund auch immer, musste sich die Klasse der Größe nach aufstellen. Ich war immer im letzten Viertel anzutreffen, nie der kleinste, aber auch entfernt, ins Mittelfeld aufzusteigen. Natürlich wäre ich gerne größer gewesen. Aber es wurde nicht besser, auch später nicht. 23-26 von 30 war so meine Position.

Erster, Stärkster.

Für einige Tage war ich der Stärkste der Schule, ja sie lesen richtig: In der Schule, nicht der Klasse. Das kam so. Es gab einen kleinen Platz in der Nähe der Schule, am Rande des Wäldchens, dort wo die Stufen zur Riesstraße hinauf ging, von der Stiftingtaler Seite her. Dort war damals ein Schotterhaufen aufgeschichtet. Nach der Schule trafen immer viele Schüler zusammen. Schülerinnen, auch, aber die waren nur Staffage, Publikum, die durften zusehen. Ja so war das damals, heute ist das natürlich ganz anders!

Auf jeden Fall wurden dort immer Kämpfe ausgetragen, bei dem nach einem ausgeklügelten System und genauen Regeln der stärkste Schüler ausgefochten worden ist. Es war im wesentlich etwas Ähnliches wie Ringen. Zuschlagen war verboten, mit der Faust gar, war verpönt. Man musste seinen Gegner auf jeden Fall auf die Wiese oder auf den Schotterhaufen bringen.

Eines Tages zog ich das Los gegen – ich glaube, ich war in der Dritten und natürlich viel zu klein und schmächtig, um gewinnen zu können – den regierenden Champion aus der Vierten. Er nahm den Kampf nicht ernst, ich war ja einen Kopf kleiner als er. Er stolzierte umher, plusterte sich gegenüber den Zuschauer*innen auf, hänselte mich und platsch lag er im Dreck und hatte verloren.

Kids bei der Essensausgabe zu Mittag

Maximal 2-3 Tage war ich der Hero und wurde in der ganzen Schule gefeiert. Typisches david gegen Goliath Syndrom. So denke ich mir das halt, im Rückblick. Ich war stolz und ich zeigte, man musste nicht der größte sein, um etwas zu erreichen. Dann kam der Zeitpunkt, an dem ich wieder kämpfen musste. Ich konnte ja nicht einfach so für immer Champion bleiben und nie mehr kämpfen; sondern ich musste meinen Titel verteidigen. So waren die Regeln. Es kam, wie es kommen musste, der Herausforderer, der machte den Fehler seines Vorgängers nicht mehr und unterschätzte mich. Klarerweise legte er mich aufs Kreuz. Aus, vorbei. Der Titel war weg.

Mir ginge es da wie dem Thomas Muster, der auch nur sechs Wochen Nummer 1 im Tenniszirkus war. Aber meine Fertigkeiten im Infight und mein Selbstbewußtsein waren gestärkt worden und brachten mir oft Vorteile gegenüber Größeren, was vor allem im Gymnasium wertvoll war.Mit der Oberstufe endeten aber meine Auseinandersetzungen auf körperlicher Ebene. Ich war dann später nie mehr in einen Raufhandel oder eine Prügelei verwickelt.

Samstag, Mittag – Religion

In der Schule kam ich bald drauf, dass ich anders war, als die anderen. Ich hatte nämlich einen eigenen Religionsunterricht. Ich war evangelisch getauft worden; wohl auch, weil eine der beiden Großmütter aus Vorpommern stammte. Vielleicht auch weil mein anderer Großvater im Clinch mit irgendeinem katholischen Pfarrer lag und daher die Kirche wechselte. Später hat er sich der katholischen Kirche wieder eine Zeit lang angenähert, bis er schließlich zum esoterischen Guru wurde, was er im Alter forcierte und sehr genoss. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Auf jeden Fall war ich evangelisch. Für „die Evangelischen“ gab es eine eigene Religionsstunde, die am Samstag nach der vierten Stunde, angehängt an den normalen Unterricht, stattfand. Wir wurden aus allen Klassen gemeinsam unterrichtet. Die Lehrerin war die Großmutter einer Klassenkollegin, der vorher erwähnten Dani, deren Eltern früh gestorben waren und die beiden Töchter bei der Oma aufwuchsen. Alles sehr tragisch, aber als Religionslehrerin war sie eine Katastrophe. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern. Aber ich weiß, dass mir das alles – was da erzählt wurde – völlig absurd erschienen war und ich immer Zeichnungen anfertigen musste, die irgendeine biblische Szene zeigen sollten. Zeichnen war sowieso nicht meine Stärke und zu den Geschichten fand ich keinen Zugang, sie berührten mich nicht.

Was aber das schlimmste war, mit ein paar Hanseln und Greteln in einer menschenleeren, gespenstisch stillen  Schule sitzen zu müssen, wo doch die anderen Schulkamerad* und Freund*innen bereits auf dem Heimweg waren und ihren Spaß hatten. Das traf mich und ärgerte mich maßlos, machte mich depressiv. Warum musste ich da am Samstag von 12 bis 13 Uhr Religion machen und alle anderen dürften spielen? Ich empfand das als Bestrafung; und wer weiß, vielleicht war es als solche auch gedacht. Wenn die Glocke zwei Sekunden geläutet hatte, war ich schon aus dem Klassenzimmer draußen, rannte aus dem kalten, leeren und traurigen Schulgebäude und suchte nach den letzten versprengten Schulkamerad*innen, die ich hoffte noch zu treffen. Aber meistens waren alle schon zu Hause.

Der Samstagnachmittag hatte begonnen. So trottete ich einsam und traurig nach Hause. Religion war seitdem bei mir unten durch. Evangelischen Gottesdienst am Sonntag gab es auch in der Schule. Einige wenige Mal musste ich mit meiner Mutter mitgehen. Das war noch trostloser. Am Sonntag in einer Schule zu sein, war für mich das traurigste, was es damals für mich gab. Die Pastorin spielte auf einem mit gebrachten kleinen elektrischen Klavier, Lieder. Das erinnere ich mich noch und ir saßen in der 2. Klasse. es waren vielleicht 10 Leute da. Gut, ich hatte ja noch nicht so viel Trauriges erlebt damals. Glücklicherweise erlahmte das religiöse Feuer bei meiner Mutter auch bald wieder. Sonntag in der Schule, gruselig.

Damals in den frühen 1970er waren die Geschäfte viel eingeschränkter offen und die Schule dauerte bis Samstag zu Mittag. Das erzeugte eine Situation in der Stadt, in der es bis Samstagmittag ein geschäftiges Leben gab, welches ab 12 Uhr – spätestens 13 Uhr – in einen Ruhemodus abbrach. Die Schulen leerten sich, die Geschäfte schlossen, alle fuhren nach Hause und es war somit Wochenende. Es entstand mit einem Male eine ruhige, entschleunigte, ja gelangweilte Stimmung auf den Straßen, auch weil sie oft menschenleer waren. Da konnte man auf der Stiftingtalstrasse und den Parkbuchten Radgeschicklich-keitsspiele spielen, ohne das minutenlang ein Auto vorbei kam. Man hörte die Vögel, irgendwo lief ein Radio, ganz entfernt. Es war auch kein Lärm von Kindern zu hören. Die verhielten sich auch ruhig. Meine Oma in Liebenau saß zu der Zeit immer am Küchentisch, trank ihren Kaffee und löste Rätsel. Manchmal kommt diese Stimmung heute noch auf, wenn Sommer in Graz ist und die Stadt leerer als sonst und niemand gerade etwas vorhat. Aber das ist selten.

Einmal noch bin ich zur Volksschule gegangen, mit meiner Frau, der ich das alles zeigte und ich weiß noch, dass ich dachte, wie klein das alles ist, wo sie mir doch damals als richtig große Schule vor kam. Und noch einmal einige Jahre später hatten wir ein Volksschul-Klassentreffen, das sehr nett war, weil man Menschen traf, die man danach im Leben nie mehr traf und wieder sah. Einige davon erkannte ich sofort wieder, andere wusste ich nicht mal mehr, dass ich mit denen in die Schule gegangen war. Aber da trafen wir uns in einem Lokal und nicht in der Schule. Wiederum einige Jahr später wurde die Riesschule aufgelassen, wegen zu geringer Kinderanzahl. Trotz verschiedener Protestmaßnahmen einer Bürgerinitiative, die die Schule erhalten wollte, war der Zug der Zeit abgefahren. Sie wurde 2006 geschlossen. Das Gebäude selbst stand dann einige Jahre leer und wurde dem Verfall preisgegeben, bis es irgendwann mal in ein Wohnhaus umgebaut worden ist. Von dem Schulcharakter ist nicht mehr viel vorhanden. Schüler*innen lärmen auf jeden Fall nie mehr wieder in und vor dem Haus.