Alles Einzelfälle!

Schreibkraft #34: Geht´s noch?

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2.1.2019:
Mir geht’s nicht gut, von wegen ein paar Ferientage; ausspannen und so. Das Gegenteil ist der Fall. Bin erledigt und hab´ Fieber, um 17 Uhr waren es 38,5° – was ist das jetzt wieder, hört das nie auf?
 „Wir würden gerne einige Umplanungen vornehmen, geht das?“ Die Wohnungsmaklerin bleibt entzückend nett.
„Ja da wäre es doch am besten, gleich mit dem zuständigen Ingenieur zu sprechen.“
Fünf Sekunden später hatte ich ihr brandneues Smartphone, das nach ihrem Parfüm roch, an meinem Ohr.
„Herr Ingenieur, wir würden gerne die Treppen um 90° Grad drehen.“
„Das geht net.“
„Ja und warum nicht?“
 „Na des geht net, des is schon alles geplant.“P1000749
„Na, aber wir würden die Räume unten gerne vergrößern und dazu muss die Treppen gedreht werden.
„Na das geht…“
„…hmm, wenn das net geht, dann wird des aber nix mit dem Kauf.“
Die Wohnungsmaklerin wird zappelig neben mir.
„Schaun’s, des ist ja schon alles geplant und durchdacht.“
„Ja, aber es is´ noch nicht ´baut, also kann man das umplanen.“
„Planen müssen S‘ schon uns lassen.“
„Ja, aber wohnen tun schon wir drinnen.“
Ausatmen – Einatmen.
„Also warum geht’s nicht?“
„…äh, dann kommen S‘ oben anders raus.“
„Ja genau, …und?“
„Äh, dann … kommen´s dort raus, wo äh der Tisch und die Stühle sind.“
Ich bin so überrascht, dass ich mir den Plan nochmal her nehme und tatsächlich sehe ich, im oberen Stockwerk sind schematisch die Möbel eingezeichnet.
„Ja und…, die sind ja nur eingezeichnet, oder werden die Tische und Stühle dort oben gleich mit betoniert…?“
Herr Ingenieur atmet tief ein. Pause.
„Also wie …
„Aber des müssen S‘ zahlen.“
„Davon bin ich ausgegangen.“
 Ich schrecke auf. Schon wieder so ein Realtraum, aus der Vergangenheit. Der Schweiß brennt auf den Pusteln. Ich muss lachen, die Situation hab ich schon vergessen, aber mein Gehirn – der Spezi – hat es ausgegraben. Ich liege auf der Couch im Arbeitszimmer, es ist 2 Uhr früh. Seit drei Tagen habe ich Schafblattern (Windpocken). Wie es so was gibt? Ja, das frag ich mich auch! Aber es ist so, von irgendwem habe ich mir die eingefangen. Obwohl meine Schwester sie hatte, habe ich sie als Kind nie bekommen.
 20.08.2019:
Ich schrecke schon wieder aus einem Traum auf, diesmal habe ich geträumt, dass ein Demonstrant, der verhaftet wurde und am Boden liegend arretiert wird, von einem Polizeiauto fast überfahren wurde. Das von einem Passanten gedrehte Video erweckt nicht den Eindruck, dass das ohne Vorsatz erfolgt wäre. Kann man das als Scheinhinrichtung bezeichnen? Ja, sag´ ich und schwitze am ganzen Körper. Mein Gehirn sagt, ich übertreibe und interpretiere falsch. Aber gut, es ist auch eine heiße Nacht.
 6. 12. 2018:
Oje, Ich werde krank, ich spür´ es schon. Unwohlsein, Knödel im Hals, Husten, heiße Stirn, Schlappsein. Eine Bronchitis oder so was Ähnliches kündigt sich an.
Die Türkis-Blaue Regierung ist jetzt 1 Jahr im Amt! Das schleichende Gift des Hasses, der Diffamierung, der Ausgrenzung, des rechtsextremen und antidemokratischen Denkens setzt sich wie eine Trut auf mich drauf. Wahrscheinlich hat die der Goldgruber geschickt. Genau der! Der einen eigenen Geheimdienst aufbauen wollte; am BVT vorbei, eine blau geführte geheime Staatspolizei?! Grindling hat das auch bestätigt im BVT U-Ausschuss. Er habe erst davon erfahren, als sie – Major F. und Goldgruber – Personalzuteilungen verlangt haben.
28alte MännerSie bedienen die Wünsche der Industrie und Oligarchen, sie lassen sich zahlen, für Geschenke, die ihnen nutzen. Sie sickern in wichtige Institutionen ein, übernehmen die Macht, bringen sie unter ihre Kontrolle. Ich sehe es auch, ja danke. Die Parallelen sind augenscheinlich. Das Virus dringt in mich ein, schwächt mich und macht mich handlungsunfähig, individualisiert und privatisiert mich.
 9.12. 2018:
Das Nachrichtenmagazin „profil“ veröffentlicht in seiner, Montag erscheinenden Ausgabe exklusiv das Sicherheitskonzept für das „Flüchtlingsquartier“ in Drasenhofen. Darin werden explizit die „Wünsche des Herrn Landesrat“ angeführt. Waldhäusl verlangte unter anderem die Bewachung durch einen Hund, eine Kamera beim Eingang und einen Zaun aus Stacheldraht, „damit nicht überklettert werden kann“. Das Konzept sah strenge „Ausgangsbeschränkungen“ vor.
 Seit Tagen gehe ich nur aus dem Haus, wenn es unbedingt sein muss. Ich bin individualisiert, ich falle der Privatisierung zum Opfer, bin ausgangsbeschränkt, auf meine Bettstatt konzentriert.
 13. 12. 2018:
Ich quäle mich durch die Woche. Bin freischaffend – was für ein Wort –, Termine einfach so absagen, geht nicht. Hab´ ich sie also über die Bühne gebracht, ohne zu wissen, was ich jeweils gemacht habe, was besprochen, vereinbart ich habe. Dann krieche auf die Couch und schlafe.
 Laut einer APA/OGM Umfrage sprechen 60% der Befragten der Regierung ihr Vertrauen aus. Kanzler Kurz führt den Vertrauensindex mit 25 Punkten an.
 Ich schleppe mich zu den Theaterproben. Wir können nichts ausfallen lassen, Anfang Februar ist Premiere. Ich robbe zu den Konzertproben, irgendwas werd´ ich schon gespielt und gesungen haben. War ich überhaupt dort?  Hat das alles stattgefunden oder träume ich schon wieder – einen von diesen Realträumen. Ich starre mit heißer Stirn auf den Bildschirm. Der Kalender sagt, ich war da überall dabei. Mehr nicht! Hätte Freude machen sollen. Davon konnte keine Rede sein.
15.12.2018:
Ich muss raus, trotz der Kälte, habe noch einen Pflichttermin, mit dem Fußball. Bis zum Ankick, ging es mir heute etwas besser. Das Match ist genauso miserabel wie die Regierung. Ab der 66. Minute habe ich Schüttelfrost. Ich habe jede Hoffnung auf ein schöneres Spiel verloren. Trostlosigkeit umfängt mich, das ist kein gutes Zeichen.
17.12. 2018:
Das nächste Malheur. Ich lieg´ jetzt mit einer Darmentzündung im Bett. Von einer Malaise in die andere, alles Einzelfälle. Das muss man jetzt nicht dramatisieren. Jeder einzelne Fall wird für sich betrachtet, behandelt und gelöst.
 Jetzt muss ich doch einen Auftritt im Rahmen eines transnationalen europäischen Projektes absagen. Ich schick´ meine Powerpointfolien, damit sie wenigstens ungefähr wissen, wovon ich reden und worüber ich mit ihnen diskutieren wollte. Scheint aber eher wurscht zu sein, sie „konnten die Zeit eh für anderes, organisatorisches brauchen“, schreibt die Koordinatorin. So viel zur eigenen Wichtigkeit.
 Das Höchstgericht gibt einem Wiener Recht, dem aufgrund der dubiosen Doppelstaatsbürgerschaftsliste, die von der FPÖ den Behörden übergeben worden ist, die österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt worden ist und dagegen geklagt hatte. Der Verfassungsgerichtshof (VfGH) ist auch in dem Urteil der Meinung, dass der Datensatz nicht authentisch sei und er daher nicht als Beweismittel herangezogen werden könne.
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 19.12. 2018:
Meine Ferse schmerzt. Es ist eine kleine, unscheinbare Stelle am Fersenbein, wo die Achillessehne am Knochen ansetzt. Es beginnt mit einem Ziehen im äußeren Knöchel und steigenden Schmerzen, die so arg werden, dass ich kaum gehen kann und mich nur humpelnd fortbewege. Bin ich ein Sinnbild für die humpelnde und stolpernde Opposition? Die Schmerzstelle ist kleiner als der Fingernagel des kleinen Fingers. Das ist meine Achillesferse (haha).
 Wahrscheinlich habe ich insgeheim den Auftrag bekommen, meinen Körper für eine SPÖ – Politikfähigkeitsaufstellung zur Verfügung zu stellen! Humple durch die eigene Wohnung, mehr geht bei der SPÖ auch nicht mehr. Ich schwöre, ich wusste nichts davon. Wahrscheinlich hat das der Kickl angeordnet und freut sich diebisch. Zwei Fliegen auf einen Streich. Kurz kann es nicht gewesen, der weiß ja von nichts.
 Laut einer aktuellen Umfrage am 6. Juni 2019 baut die ÖVP ihren Vorsprung auf 37% aus, würde jetzt am Sonntag gewählt werden. Allerdings verliert der Wahlkämpfer Kurz an Strahlkraft. Bleibt aber weit vor den Anderen.
21.12.2018:
Ich bin etwas fitter, die Ferse ist besser, aber weit weg von Unauffälligkeit. Wir sollten da aber keine Schlüsse auf die Opposition ziehen. Einzig die Neos sind auf der Höhe, machen einen guten Job, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Daran halte ich mich. Es liegt an mir, ich muss mich einfach optimieren und freier werden, mich von den Fesseln befreien. Dann geht noch was.
 Am Nachmittag sind wird bei einer syrischen Familie zum Essen eingeladen, mit denen meine Frau seit längerer Zeit Kontakt hat. Ein ausgezeichnetes Essen. Die Kinder sind lustig, für zwei Stunden kann ich mit Kindern ja sehr gut blödeln und spielen. Dann reicht es auch wieder. Der mittlere ist müde und schläft auf der Couch ein.
24.04.2019:
In einem Monat wird es diese Regierung nicht mehr geben. Ich träume vor mich hin, als ich am Flughafen Wien ankomme und die Schlagzeilen der Kronen Zeitung lesen muss. Kann es nicht so sein, dass diese korrupten Faschisten – die weibliche Form lasse ich jetzt einfach weg. Obwohl, wenn man an die Berlakovich und die Kitzmüller denkt, es schon wert wäre, auch hier zu „gendern“, soviel Auseinandersetzung muss sein – einfach verschwinden, sich einfach auflösen? Schwupps, wie ein schlechter Traum! Könnte es nicht einen besonderen Einzelfall geben? Wohl nicht. Die werden das Land weiter umbauen, still und heimlich und vorne auf der Bühne Trara mit den Flüchtlingen machen. Und wir alle hüpfen wieder mit und empören uns und das Ganze geht vor die Hunde.
24.12. 2018:
Attacke mit antisemitischem Stereotyp zu Weihnachten. Im Zusammenhang mit Flüchtlingen wirft FPÖ-Klubchef Johann Gudenus dem Caritas-Präsidenten Michael Landau „Profitgier“ vor. Aus dem FPÖ-Lager wird darauf verwiesen, dass Landaus Vater jüdisch war. Der Begriff „Profitgier“ fällt unter „alt bekannte Antisemitismen“. Trotz all dem, mir geht es etwas besser, Bronchitis, Darmentzündung hinter mich gelassen. Achillesferse in Arbeit. Mühsam.
26.12. 2018:
Es ist ruhig. Mein Körper – abgesehen von der Ferse – wird etwas kräftiger. Aber wirklich fit fühle ich mich nicht, leichter Schnupfen und Schlappheit umkreisen mich. Ein Zeichen? Erholt sich die SPÖ? Geht es den Grünen besser? Abwarten. Solche einfachen Analogien sind gefährlich.
31.12. 2018
Silvester. Erwartung für das neue Jahr, gute Vorsätze? Früher habe ich mich auf Silvester immer gefreut: kein christliches Fest, Anlass zum Rückblick und Freude aufs Neue. Gutes Essen, ausgelassene Feste, Riesenfeuerwerk. Aber heute, unschlüssig, alles schon durchgemacht, nichts so wirklich mehr cool. Nichts tun ist genauso wenig sexy. Rumsitzen, auf Mitternacht warten und dann schlafen gehen, das wäre ja auch wohl die endgültige Kapitulation.
Das Neujahrsbaby vom Vorjahr wurde wüst beschimpft, weil die Mutter ein Kopftuch trug. Eine der Beschimpferinnen wurde verurteilt. Einsicht gleich Null bei ihr. 2018 auf 2019 war die Frau ohne Kopftuch, aber sie schaut auch fremdländisch aus, also…? Sicher wieder Dreck im Netz. Aber es war nicht so extrem wie 2018. Aber da seht ihr, wie man schon im Hirn verklebt ist, von dem rassistischen Müll. Es kommt einem selbst auch gleich in den Sinn. Wie kommen wir da wohl wieder raus. Das dauert länger.
IMG_20150803_115031Pummerin aus dem TV. Walzertanzen, einziger Anlass bei dem ich regelmäßig tanze. Außer im betrunkenen Zustand in Griechenland, ist aber auch schon lange her. Nach 2 Minuten ist eh Schluss, weil schwindlig. Feuerwerk schauen geht trotzdem.
6.1.2019:
Mit dem Ausbruch der Pusteln ist an längeren Schlaf nicht zu denken, die Haut ist papieren, schmerzempfindlich, es juckt, brennt, zieht. So bin ich auf die Couch ausgezogen und wandere in der Wohnung umher. Mein Gehirn hat sich 2019 augenscheinlich selbständig gemacht, ob in Träumen oder im Wachzustand. Na servas. Liberalisierung des Gehirnmarktes.
 Mein Gehirn ist jetzt Einzelunternehmer geworden und nennt sich nur mehr EGU (Ein Gehirn Unternehmer). Es überlegt, ob es nicht den „Der Standard“ kaufen soll, um Zugriff auf das Online Portal und die größte Netzcommunity zu erlangen. Regierung macht mich echt fertig. Mein Gehirn lobbyiert für den 12 Stunden Tag? Ich frag, mich, was sonst noch alles geht!
7.1.2019:
Der Höhepunkt der Schafblattern, das Fieber ist weg – ich schau aus wie einer, der gerade Zombie wird, nur der grüne Geifer aus dem Maul fehlt. Die Nächte sind schlaflos. Ich stehe unter Quarantäne. Mit meinem Arzt kommuniziere ich nur mittels Fotos und SMS. Meine Ferse ist ein bisschen in den Hintergrund getreten, aber ich spüre sie noch.
Mein Gehirn will die Steuerreform durchziehen, weil die „kalte Progression“ ihm Angst macht und ihm immer zu wenig getan wird, für die Niedrigverdiener. Gleichzeitig sagt es, es will „da eh raus“ und bald in die höhere Steuerklasse aufsteigen. Also was jetzt?
10.04.2019:
Mir reichts, jetzt lass´ ich mir eine Spritze reinhauen. Das ganze sanfte Zeug, hat letztlich nix geholfen. Die Entzündung geht damit nicht weg. Die Ferse bleibt labil, die Schmerzen kommen immer wieder. Also Spritze rein, schließlich muss das ganze ja wieder irgendwann besser werden und ausheilen. Jetzt dauert mein Humpeln schon seit Ende Dezember. Die Grünen sind auf dem Weg der Heilung und die Widerstandsbewegung hält heroisch durch. Die Greta Thunberg Bewegung wächst, Anzeichen für das Ende der bleiernen Zeit? Langsam mit den Pferden.
11.1.2019:
Kanzler Kurz faselt was von Frühaufstehern und Leistung und Mindestsicherungsbeziehern und Wien. Positioniert ein bösartiges Narrativ. Viele machen sich zwar lustig darüber, vor allem Wiener*innen, aber damit unterstützen sie nur ein tief sitzendes Klischee und verbreiten es selbst weiter. Fieser geht’s echt nicht mehr.
Ich weiß jetzt, woher ich die Schafblattern habe! Ein Besuch meiner Frau bei der syrischen Familie hat das Rätsel gelöst. Dort regieren jetzt die Pusteln. Also hab ich mich bei der Einladung zum Essen damals angesteckt. Der Mittlere war schon ansteckend gewesen, die Krankheit aber noch nicht ausgebrochen. Teuflisch. Das hat man davon…, denkt mein Gehirn. Hallo?
Langsam sollte meine Quarantäne aufgehoben werden. Meine Kolleg*innen haben alle Angst vor Ansteckung. Das Böse ist immer und überall und liegt in der Luft. Im Schutzanzug proben, mit Mundmaske ist auch nicht das Wahre, für die Bühnenperformance wäre es aber überlegenswert.
Mein Gehirn sagt so en passant – als ich mal Pause mache und auf dem Balkon stehe und in die Gegend schiele – ich solle doch kürzere Texte bei den Liedern schreiben. Damit sich die Leute das leichter merken und nicht so verklausuliert „daher singen, das versteht ja keiner“. Schließlich will mein Gehirn jetzt endlich Geld verdienen. Woher hat es das plötzlich, diese Gier nach Geld?
23.1. 2019:
Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) stellt die Europäische Menschenrechtskonvention und das rechtsstaatliche Prinzip infrage. Im Interview im ORF-„Report“ am Dienstagabend erklärte er: „Ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht.“ Tatsächlich ist im Bundes-Verfassungsgesetz festgehalten: „Die gesamte staatliche Verwaltung darf nur auf Grundlage der Gesetze ausgeübt werden.“ Bin erstaunt, was alles geht.
Ich frage mich, ob in meinem Gehirn sich irgendwo ein Kickl eingenistet hat und jetzt herum galoppiert. Anzeichen dafür gibt es immer wieder.
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3.2. 2019:
Der Falter berichtet, dass in Oberösterreich deutsch-völkische Burschenschaften mit viel Geld gefördert werden. Die Burschenschaften tragen Namen wie „Ostmark“ & „Donauhort“. Der „Waffenspruch“ der Burschenschaft „Donauhort“ lautet: „Was gibt es hier? Deutsche Hiebe!“. Förderung wurde in vergangenen Jahren sogar erhöht!
6.2.2019:
Jetzt bin ich in Therapie wegen der Ferse. Es wurde ja nicht wirklich besser, das höchste war, wieder gehen können. Das kann es doch nicht sein. Hoffe, es wirkt.
Weil es nicht anders geht, tu ich jetzt radeln. Aber das ist nicht ganz meins, vor allem in der Früh ziellos herumfahren. Komisch. Mein Gehirn findet, die Umbenennung in „Ausreisezentrum“ von Kickl ganz okay.  Ist das noch mein Gehirn? Es meint, ich könne ja gehen, wenn es mir nicht passt.
6.4. 2019:
Zweimal ist es gut gegangen, dann war es wieder so weit. Meine Ferse schmerzt schlimmer, denn je. Nächste Woche gibt es die Spritze. Jetzt wirklich. Schluss.
14.04.2019:
Ich geh´ in Urlaub. Meine Ferse schmerzt nicht mehr, ich kann wieder normal gehen. Ich fliege fort. Da meldet sich natürlich sofort mein Gehirn und meint, man müsse da jetzt echt schlechtes Gewissen haben. Ich muss gesunden, weil sonst kriegen wir die Regierung nie weg, wenn ich weiter so anfällig bin. Und mein Gehirn muss sich jetzt auch bald mal entscheiden. Beim Merkur Markt will es doch immer nur Wurst kaufen.

 

21.05. 2019:
Ich fühle mich ohnmächtig, diese Regierung zerstört alles. Wir drehen uns im Hamsterrad, das diese Spin Doktoren aufgestellt haben. Wir laufen in deren Bahnen. Wir empören uns über die rechtsextremen Einzelfälle. Aber geht’s nicht darum, dass sie die Hegemonie erlangt haben? Stück für Stück und das ist nicht nur ein antidemokratischer sondern auch ein neoliberaler Diskurs. Ich komme mir vor, als sei ich umgeben von lauter geifernden Bulldogen, die sich um den Knochen raufen, der ihnen zugeworfen wird.
05.06.2019:
Die SPÖ wird nicht mehr gesund. Die anderen sagen, über was sie diskutieren sollen und sie tun´s. Die sind längst keine Partei mehr, kein einheitlicher Körper, der an einem Strang zieht. Wenn die so weiter tun, können sie um die Invalidenpension ansuchen. Arbeitsfähig sind die schon lange nicht mehr.
Ganz im Gegensatz zu mir. Ich bin voll gesund, mir geht’s gut. Ich halte mich da eher an die Grünen, die derzeit auferstehen – siehe EU Wahl und Deutschland – und die jetzt kräftig sind. So do I. Tomorrow belongs to me.
14. 06. 2019:

 

Ich steh´ auf der Bühne, irgendwo in Wien. Ich bin gut in Form, das merke. Ich will irgendwas sagen, zur Veränderbarkeit und Gestaltbarkeit von Geschichte und dass der Herbst völlig offen ist und wir zuversichtlich sein sollen. Ich will Optimismus verbreiten.
Ich schau´ an mir runter und hoffe, ich seh´ nicht so aus, wie der Strache in Ibiza. Eingezwängt in einem zu engen T-Shirt, rotgesichtig und verschwitzt, weil in Euphorie. Anton startet mit der Einspielung und seinem mächtigen Bass. Ich schließe die Augen und warte auf meinen Einsatz. Dass mit dem Strache muss ich verschieben auf nachher.
 22. 9. 2019:
Heute hätten Wahlen sein können. Die kommen erst. Ich wahrsage und lache. Seit ich weiß, dass Lachen gesund macht – selbst wenn das Lachen nur „gefakt“ ist, wie mir Vera Birkenbihl in einem Video erzählt, reicht das aus, um unser Immunsystem wieder auf Vordermann/-frau zu bringen und das innerhalb von 60 Sekunden – bin  ich positiv gestimmt. „Freudehormone fressen Kampfhormone“ wie sie sagt.
Seitdem sitze ich da und lache in den PC und es wirkt. Also da geht was, da bin ich jetzt „überzeugt von“. Und wenn mir jemand im Jänner 2019 gesagt hätte, Ende Mai wird es Kurz, Strache, Kickl, usw. nicht mehr als Regierungsmitglieder geben und eine Frau wäre Bundeskanzlerin, die alle im Land lebenden Menschen begrüßt, dann hätte ich darüber nur gelacht. Das Lachen wäre aber auf jeden Fall gut gewesen. Und mein Gehirn? Das hätte sich eine Erschütterung zugelegt vor lauter ungläubigem Staunen.

Zur Almruh – Ein Theaterfragment

Gastspiel Gruppe Dagmar mit „zur Almruh“

im Dachbodentheater 2.0 in Bruck

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Ein abgelegener Berggasthof, „Zur Almruh´“ irgendwo in der Welt. Dort sind Asylwerber untergebracht – oder Asylanten – oder Flüchtlinge, oder wie die auch heissen. Die sind vom Ministerium da rauf geschickt worden und die Wirtsleut´ versorgen sie. Das Land beaufsichtigt das alles, damit nichts sein kann … und Hilfsorganisationen mischen da auch mit. Und grad dann wenn die alle zusammen kommen, schneit es gar arg und sie können nicht mehr weg. Wie es so ist, nimmt das seinen Lauf.

Aufführungen:

Donnerstag, 14. November 2019 um 15:00 und 20:00 Uhr
Freitag, 15. November 2019 um 15:00 und 20:00 Uhr

Zur Almruh Flyer neu hinten

Preise:

Vorverkauf € 12,– Abendkasse € 14,–, Schülergruppen und Jugendliche € 10,–

Kartenreservierung unter:

http://www.dachbodentheater.at/kartenreservierung/

Gruppe Dagmar:

Regie: Jürgen Gerger

Text und Musik: Wolfgang Gulis

Schauspieler*innen:
Jürgen Gerger
Eva Hofer
Omid Salek

 

Sturm Echo Nr. 357

Kunstschuss

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Wenn das kein Kopfballungeheuer ist!

 

„Papa, der Mann hat einen Fußball als Kopf. Wie isst´n der?“
„Der isst nicht, der schießt Tore, das reicht.“
Einen Horst Hrubesch, für den der Begriff erfunden wurde, hatten wir nie, aber einige gute Kopfballstürmer; den Robert Kaiser, den Harry Krämer, den Roman Kienast. Der Klemen Lavric erzielte das Goldtor im Cup Finale in Klagenfurt (2010) mit dem Kopf und der Mario Haas das 1:0 in der 3. Minute gegen Real Madrid in der Champions League-Gruppenphase. Er lief nach dem Tor zu den Fans, jubelte und klopfte sich mehrmals auf die Stirn. Die ganze Aktion mit dem Tor machen, hätte er lieber bleiben lassen sollen: Er hat das Real-Monster erst geweckt. 1:5 stand es am Ende.
Das eine ist das, was wir in unserem Hirnkastl abspeichern. Das andere ist das, worauf wir starren können: Es ist scharf, es ist das „leine itung“ und das „Puntig“ zu lesen, die angespannten Muskeln an der linken Hand von Bekim Balaj, die verkrampfte Haltung der Finger zu sehen. Meister seien sie genannt, die im richtigen Moment auf den Auslöser drücken, ihre Linse richtig postieren und die besten Szene „einfangen“: Fotografen und Fotografinnen, zuständig für echte Kunstschüsse.
Text: Wolfgang Gulis
Autor und Musiker
Foto: GEPA pictures
WAC-Sturm, 04.08.2019

Verschwundene Orte 3

barcaStiftingtalstrasse 6

 

Der Ball schien endlos lange in der Luft. Als wäre er der Mond selbst, der seine wundervoll geplante Bahn über den Himmel zieht. Er flog und flog, nahezu über das ganze Spielfeld und landete schließlich auf der Querlatte des Tores. Alle dachten, die Zeit würde still stehen. In Filmen könnte die Szene mittels Superzeitlupe und verzögerter Zeitlinien, durch Schnitte zu parallelen Situationen erzeugt, viel besser umgesetzt werden. Die Zuseher*innen, die Spieler, alle verfolgten den Weg des Balles. Mit weit geöffneten Augen und angestrengten Gesichtsausdruck wanderten sie mit ihren Augen und den Köpfen der Flugbahn des Balles hinter her, der ohne viel Spin in einem weiten Bogen dahin flog.
Mit einem schmatzenden, donnernden und rüttelnden Geräusch, als würde das Tor gleich aus den Erdboden rausgerissen werden und nach hinten stürzen, ganz so, als wäre es tödlich getroffen worden, endete die Flugszene und die gedachte Superzeitlupe. Ganz so, wie wir es aus klassischen Western kennen; langsam aber sicher, erstaunt über das gerade erlittene, mit großen Augen steht der Duellant da, in die Kamera blickend. Der Revolver schwenkt am Abzugfinger nach unten, dann kippt er langsam nach hinten und stirbt. Musik auf, eine Fliege umschwirrt den Todesschützen, von dem man nur die Augen sieht. Schnitt. Der Todesschütze wirbelte seinen Colt ebenso um den Finger und steckt ihn in den Halfter. Kamera amerikanisch. Musik wird lauter.
Aber das Tor fiel nicht. Es wackelte, es knirschte im Boden und pendelte sich wieder ein. Ungeziefer stob von der Oberseite der Querlatte auf und flog hektisch umher, ohne zu wissen, welch wichtigen Sekunden sie beigewohnt hatten. Mein Vater wirbelte auch keinen Colt umher, sondern – wie alle anderen auch – verfolgte er gespannt seinen getretenen Ball und drehte sich einmal um die Achse, als klar war, dass er nur das Aluminium getroffen hatte. In den früheren Zeiten, sagte man dazu Holz. Aber das Fußballtore noch aus Holz und quadratisch waren, diese Zeiten waren sogar schon damals längst vorbei. Der Ball sprang zurück ins Feld und mein Vater stampfte einmal auf und rief etwas Unflätiges. Schließlich fand er sich in sein Schicksal und das in einer Sekunde und trabte schon wieder los, um an das Spielgerät zu gelangen.
Ebenso erwachten alle anderen Beteiligten aus ihrer Erstarrung. Was akustisch folgte, war ein kollektives Ausatmen, das wie ein langgezogener Zischlaut – ähnlich einer quietschenden Zugsgarnitur über den Platz schallte. Schreie folgten. „Ohhs und Ahhs“ entwichen den Kehlen und sie begannen mit ihren Nebenleuten Kontakt aufzunehmen, sich nonverbal auszutauschen, durch Gesten und Mimiken, um ihrer Bewunderung und Verzauberung Ausdruck zu verleihen.
Während dessen flog das derart malträtierte Spielgerät in hohem Bogen wieder zurück ins Spielfeld, sprang weit außerhalb des 16ers zum ersten Mal wieder auf dem Boden auf. Niemand von den Spielern war in der Nähe und konnte sich rasch genug aus der kollektiven Zeitlupe und Überraschung herauslösen. Niemand konnte von der Situation Nutzen ziehen. Niemand konnte den Ball unter seine Kontrolle bringen und niemand konnte sich einen Aufmerksamkeitsvorsprung erarbeiten; weder die Stürmer, die mit der Verwertung des Abprallers überraschen hätte können, noch die staunenden Verteidiger, noch der perplex dreinschauende Torhüter Ralph, der sich um seine eigene Achse drehende Torhüter bei den Söhnen. Und so päppelte der gerade so im Fokus stehende Ball einige Male auf und rollte dann im Mittelfeld aus. Fast unbeachtet, fast ungeliebt, fast vernachlässigt, streunte er auf dem Platz umher. Vielleicht genoss er aber auch die kurze Phase der Ruhe, des Alleingelassen seins. Sie dauerte nur wenige Sekunden, bis einer kam und ihn wieder trat. Einige am Rande stehenden Zuseher*innen, hauptsächlich Verwandte, Mütter und Geschwister applaudierten spontan und transformierten so ihre innere Anspannung in Bewegungsenergie.

Väter gegen Söhne

Es war ein Samstagnachmittag, an dem sich eine kleine Karawane aus dem Stiftingtal, rund um die Siedlung am Großgraben- und Viktor Geramb Weg und den anliegenden Häusern bis zur Ortnerstrasse, Richtung Stadt bewegte, um Akteur* und Zeug*innen eines Fußballereignisses am Platz in Leonhard zu werden. Die lokal und zeitlich begrenzte Völkchenwanderung, die da an dem besagten Samstag losbrach, war dem Match Väter gegen Söhne geschuldet. Eine Premiere und dementsprechend aufmerksam registriert, von vielen. Auch wenn sie nicht fußballinteressiert waren.
Der Platz – das Stadion – lag in der ersten Kurve der damaligen Stiftingtalstrasse, der Eingang dazu auf einer kleinen Kuppe, keine hundert Meter von der Endstation Leonhard stadtauswärts entfernt. Die Karawane kam jedoch von der anderen Seite – aus den Tiefen des Stiftingtals. Von dort – wo ich (wir) wohnte/n – waren es etwa 2 Kilometer zum Platz oder 5-6 Stationen mit dem Bus. Die meisten von uns fuhren mit dem Rad, der Rest saß hinten drauf, am Gepäcksträger. Treffpunkt war die Ecke Stiftingtalstrasse-Großgrabenweg. Die Kicker radelten im Konvoi zum Platz.
gran canariaWir kamen an den alten Holzzaun mit Tor, das windschief in seinen Angeln hing und schwer auf zu kriegen war, so als würde es uns nur sehr ungern rein lassen, weil sicher was kaputt werden würde. Etwas tiefer unten gelegen, stand das erste Tor, ohne Netz in der Nachmittagssonne, kahl und leer. Kurz gemäht war er und sogar Linien gab es heute. Das war ja nicht immer so. Linien gab es eigentlich nie und gemäht war er oft auch nicht, sodass das Spiel unter der unebenen Wiese und dem zu hohen Gras litt. Vor den Toren hingegen gab es zwei kahle Stellen, ja fast Senken könnte man sie bezeichnen, die bei leichtem Regen matschig, sich bei heftigerem sogar mit Wasser füllten. Bei Trockenheit jedoch staubig und steinhart waren; Schürfwunden waren vorprogrammiert.
Der als Fußballplatz ausgewiesene Bereich hatte nicht die erforderlichen Längen- und Breitenmaße für einen richtigen Fußballplatz – nach FIFA Richtlinien – und demnach war der 16er kein echter 16er. Aber es war „unser Stadion“.

Stiftingtaler Rundfahrt

Ich kann nicht mehr beschwören, wer es organisiert hatte. Ich glaube, es war der Nikolaus und der Ralph. Der Nikolaus – der älteste Leitner Bub – der damals noch Klaus hieß, organisierte schon immer gerne. Als wir noch kleiner waren, gab es im Garten der Leitners im Sommer des Öfteren einen Circus. Einige von uns studierten Kunststücke ein und präsentierten diese, sangen, tanzten und spielten kleine Szenen. Die Vorstellungen wurden dann in der ganzen Siedlung publik gemacht, mit kunstvoll bemalten und beschrifteten selbsthergestellten Zetteln, die der Klaus entwarf und die an Laternenmasten und Zäunen aufgehängt wurden. Die anderen Kinder und manchmal auch ein paar Erwachsene zahlten Eintritt und sahen den „Artisten“ zu.
Ein andermal – das war Jahre später – der Nikolaus war schon in der Oberstufe des Gymnasiums, organisierte er eine Stiftingtaler Radrundfahrt. Es gab 10 Etappen, alles dabei, was zu einer Radrundfahrt gehörte; Zeitfahren, Sprint- und Bergwertungen. Nikolaus hatte sie nicht gewonnen, das weiß ich, weil er sich sehr darüber ärgerte. Der Sieger kam nicht direkt aus dem Stiftingtal, war ein Legionär quasi. Ich weiß den Nachnamen noch, er hieß Brett. Er wohnte in der Billrothgasse. Der war schon zu Beginn, der heiße Kandidat auf den Gesamtsieg. Der hatte ein Rennrad, aber hallo… Da fielen uns die Augen raus.
Ich habe noch eine Szene vor meinem geistigen Auge, als der einen steilen Teil der Stiftingtalstrasse nahm, weit draußen schon, nach dem Stadtschild – bei der Abzweigung – wo es einerseits ins Schafthal und andererseits nach Mariatrost ging, durch den Wald der Ries-Ankunft entgegen flog. Da konnte keiner mit. Wir staunten. Das konnte doch nicht ganz allein nur das Rennrad sein. Da waren wir uns danach sicher. Aber vielleicht wurde damals auch schon beim Stiftinger Radkriterium gedopt? Wer weiß! Es gab sogar einen Pokal für den Brett. Hieß er Christian? Möglich! Die Siegesfeier fand im Garten der Leitners statt, mit  anschließender Pool Party. Haha, wie das klingt, aber es war so, weil die Leitners hatten einen gemauerten, rechteckigen Swimming Pool im Garten.danzig
Nikolaus oder Klaus und wir mit ihm, organisierten und führten viele Turniere und Wettbewerbe durch. Tischtennis, Fußballtennis, Fußball, Federball, Waldcross – mit den Rädern durch den Wald, alles wurde einzeln gewertet, als Team und als Gesamtwertung bewertet und in Listen geführt, mit Koeffizienten versehen und Tabellen geführt, mit Turniersiegen gekrönt oder am Ende der Saison mit dem Meistertitel belohnt.
So gab es etwa im Pool das Spiel „Matratzen entern“. Einer saß in der Mitte des Pools auf einer dreiteiligen Luftmatratze und die anderen versuchten auf die Matratze zu hüpfen, um den Sitzenden von der Matratze zu bringen. Eigentlich ein sehr lustiges Spiel. Papa Leitner mochte es nicht so, weil so viel Wasser aus dem Pool spritzte und schwappte.
Und das ganze fand natürlich im Winter auch statt. Da gab es mehrere Abfahrten in der Gegend; außerdem einen Slalomhang, eine Rodelpiste, im Hohlweg durch den Wald, zwei Sprungchancen und zwei Teiche, die oft genug zugefroren waren, so dass wir dort Eishockey spielen konnten.

Das ewige Derby

Der spielerische Alltag im Stiftingtal war geprägt von regelmäßigen 2 gegen 2 Kicks im Garten der Leitners. Es gab zwei reguläre Fußballmannschaften. Den SAK (Stiftinger Athletic Klub) und den SK Stifting. Der SAK waren der Nikolaus und ich, der SKS waren der Gerhard und der Gernot. Im Laufe der Jahre kam eine dritte Mannschaft hinzu. Das waren die jüngeren, bestehend aus dem Thomas (Tömpi) und dem Andreas (Änder). Als wir älter wurden, kamen mehr Freunde auf Besuch. So entstanden Legionärsmannschaften oder Mixed Teams.
Heli, ein Schulfreund von Thomas wechselte oft über den Berg aus Mariatrost zu uns herüber. Der Kurti aus Wr. Neustadt spielte öfter mit, wenn er zu Besuch war. Den hatte Gernot kennengelernt, als er auf die Wiener Filmakademie ging; und diese Freundschaft blieb bis zu Kurtis plötzlichen Tod im Jahr 2014. Der Kurti brachte auch einmal an einem Wochenende einen anderen Freund mit, den man ohne zu übertreiben, als Prominenten bezeichnen konnte. Wir staunten nicht schlecht, als Fredl Tatar, der damals noch eine eigene richtige Fußballprofikarriere im Blick hatte, bei uns im Garten, bloßfüßig mit kickte. Mit der richtig großen Kicker Karriere wurde es bei ihm nix – obwohl er sogar dem Mario Kempes in Erinnerung geblieben ist und sie gute Freunde wurden – immerhin spielte er bei der Vienna, die damals noch erstklassig waren. Später wurde er Trainer, kam ein wenig in der Welt (Russland) herum und heute ist er Co-Kommentator von irgendeinem Sender. Aber prominent wurde Nikolaus dann später ja auch.
Ach ja und einen Legionär gab es auch, der teuerste weil einzige Legionär, den das Stiftingtal jemals hatte. Und nicht wie sie vielleicht glauben, der Kurti oder der Fredl, nein. Wie immer wollten wir Fußballspielen, jeden Tag, jede Stunde, immer. Aber es fehlte der Gerhard und so fragten wir den Martin, den drittältesten der Leitners, der sich prinzipiell für Fußball überhaupt nicht interessierte und eigentlich auch nicht spielen konnte. Also redeten wir auf ihn ein und wollten ihn überzeugen, dass er mit seinem Bruder Gernot gegen den SAK (also uns) spielen sollte. Das zog sich, zwischendurch glaubten wir schon, wir hätten ihn endlich soweit, aber dann kam wieder der Schwenk und etwas dazwischen und er bockte wieder. Das ging so dahin, den ganzen Nachmittag lang, bis es schon bald Abends wurde. Da kamen wir auf die Idee, ihn dafür zu bezahlen, dass er mit kickte. Das wirkte zwar auch erst nach einiger Zeit, aber er bekam Geld, das er spielte.
Ich weiß den Preis nicht mehr, auf den wir uns einigten, aber er war für unsere Verhältnisse  beträchtlich. sturm cupsiegVielleicht so 20 oder 30 Schilling. Das Geld war nicht gut investiert, weil das Match machte wenig Spaß. Martin war und blieb ein miserabler Kicker und war auch entsprechend lustlos bei der Sache. Man möchte fast sagen, wie Legionäre halt so sind, Diven und mit Starallüren ausgestattet. Aber das wäre gemein und pauschal. Wir gewannen das Match, zahlten das Geld aus und waren um eine Lektion reicher. Das wiederholte sich nicht mehr. Daraus erfanden wir eben andere Spiele, die man auch zu zweit oder zu dritt spielen konnte; wie etwa das Spiel, das wir auf die schmälere Wand des Swimming Pools von außen schossen. Ein zweiter stand als Tormann im Pool. Ging natürlich nur, wenn es nicht eingelassen war. Man durfte die erhöhte Mauer des Pools von außen nicht berühren. Zu dritt war es noch lustiger, weil man sich dann über den Pool hinweg zu passen und etwa mit dem Kopf einnetzen oder den Ball aus der Luft volley übernehmen konnte und auf die schmale Mauer hinunter in den Pool schießen konnte.

Richtig viele Kinder

Die Siedlung zeichnete sich durch eine große Zahl an Kindern aus; richtig viele Kinder. Dementsprechend groß war das Gedränge, bei dem Match der Matches mit zu spielen. Die Raths hatten sechs Kinder, davon zwei, der Hannes (Hampi) und Bernd, die im engeren Kader standen. Die Candussis waren auch sechs. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass der Klaus oder der Hermann dabei gewesen wären, wahrscheinlich schon, aber sie hatten es mit dem Kicken nicht so. Die Kemps waren fünf, davon stand der einzige Sohn Mike im Kader. Die Leitners waren vier Buben, die beiden älteren, Nikolaus und Gernot waren Fixstarter. Der Martin, wie schon erwähnt, der teuerste Legionär des Stiftingtals nicht. Thomas der jüngste war noch zu klein.
Die Leitls waren zwei, spielten aber nicht mit. Die Familie Neger waren auch fünf, da spielte aber keiner mit. Die Horners waren drei Kinder, aber alles Mädels. Die Muralters waren vier Mädchen. Damals undenkbar, dass da eine mitgespielt hätte. Jurtschitsch hatte einen Sohn, der noch zu klein war. Mauthner hatten zwei Töchter, aber der Vater spielte mit. Wir waren zwei Kinder, ich spielte mit, mein Vater auch. Der Gerhard war allein, spielte mit. Sein Vater nicht. Hollomay waren dabei, Sohn Ralph und der Vater Werner. So standen also die Leitner Jungs ihrem Erzeuger ebenso gegenüber, wie die Raths ihrem Vater und ich meinem. Das lustige war, dass beide Hollomays die Tore hüteten. Werner bei den Vätern, Ralph bei uns.
BochumBei den Vätern sah es mit dem Kader nicht so rosig aus. Einige davon waren Fußballer, teilweise ehemalige Ligakicker, zumindest regelmäßige Hobbykicker, wie mein Vater und der Ewald. Andere wiederum standen bis dahin wohl noch keine 3x auf einem Fußballfeld.

Es ging ja um die Gaude

Das sagten zuerst alle. Wiewohl das schnell umschlug, als das Spiel angepfiffen wurde. Wir hatten für das Spiel sogar einen Schiedsrichter. Von seinem Sohn wollte sich kein Vater eine Niederlage zufügen lassen und daher wurde es rasch ernst. Zweikämpfe wurden nicht zugunsten der schmäleren Söhne verloren gegeben. Mein Vater stach als Vereins- und regelmäßiger Hobbykicker eher hervor. Dass er den Ball aus dem eigenen Feld, etwa 10 Meter vor der Mittellinie auf die Querlatte schoss, unterstrich das. Wenn die Rede in sentimentalen Momenten auf das Match kommt, fällt vielen der Schuss meines Vaters ein.
Nur meiner Mutter nicht, die glaubt fest, dass er so ehrgeizig dabei war, dass er mich einmal umgerannt hatte. Das kann ich aber nicht bestätigen, denn ich weiß nicht mal, ob ich längere Zeit mitgespielt habe. Sicher ist, dass ich Ersatz war, denn bei den Söhnen gab es viele Ältere, die körperlich schon robuster waren, um gegen die „ausgewachsenen Mannsbilder“ zu bestehen. Nikolaus, Gernot, Gerhard, Hampi, Ralph, Mike, Klaus, Hermann. Ich war mindestens zwei Jahre hinter den anderen und körperlich zart. Das Problem, das ich mittlerweile habe, ist, dass ich nicht mehr weiß, wie es ausgegangen ist und ob ich nicht doch noch einige Minuten gespielt habe. Es konnte ja dauernd getauscht werden.
Soweit ich mich erinnere, war das wohl das einzige Mal, das die Familien aus diesem Teil des  Stiftingtals gemeinsam bei einem Ereignis beisammen waren. Man kannte sich. Durch die Kinder gab es immer wieder Kontakt, manchmal auch deswegen, weil wir was angestellt hatten, oder sie zusammen kommen mussten, weil die „Buam“ irgendwas ausgeheckt oder zerstört hatten. Wirklich ernsthaft und nachhaltig gab es aber keinen Ärger. Näher befreundet waren nur die unmittelbaren Nachbarn. Die Leitners waren schon mal bei den Kemps im Garten eingeladen und meine Eltern hatten engen Kontakt mit der Mauthner Familie und mit Jurtschitsch.

Ladenschluß

Alle kannten meinen Vater, weil er Filialleiter des Konsums war. Für viele aus der Umgebung war das nicht nur eine nützliche sondern auch wichtige Bekanntschaft. Weil zufälligerweise wohnten wir über dem Konsum Geschäft und so geschah es nicht einmal, dass nach Ladenschluss ein Steinchen an die Balkontür klopfte und unter dem Balkon auf der Stiftingtalstrasse jemand aus der Nachbarschaft stand, der um Einlass in den Laden bat, weil was vergessen worden war. Vor allem Samstagmittag passierte das öfters, dass etwa einer der Leitner Buben Steine warf, um noch drei Liter Milch zu ergattern, weil sie die Zeit übersehen hatten und beide Läden im Stiftingtal schon geschlossen waren. Die Ladenschlusszeiten waren wesentlich strenger, als heute. Es gab Mittagsschließzeiten, einen Nachmittag, an dem die Läden geschlossen hielten und am Samstag um 12 Uhr war Schicht im Schacht.köln
Auf jeden Fall war es kein Nachteil, wenn man sich mit dem „Herrn Gulis gut stellte“, weil dann konnte man die Ladenschlusszeiten auch mal umgehen. Die Leitners waren dabei notorisch, aber auch andere kamen regelmäßig, so etwa die Frau Rath. Und das ging ja nur beim Konsum, weil wir darüber wohnten. Beim zweiten Geschäft im Tal, das es damals noch gab, den Gröhenig, war das nicht möglich, denn da wohnte keiner im Haus. Beide Geschäfte gibt es seit Jahrzehnten schon nicht mehr. Wie überhaupt es im Stiftingtal nahezu nichts mehr gibt, was es früher einmal gab.

Wochenende war „Grotte Zeit“

Die „Disco-Dancing Grotte“ war eine Zeit lang in den 60er und 70er eine beliebte Wochenendbeschäftigung der Jugend. Freitag, Samstag standen vor der Grotte viele Autos und es dröhnte hinter den verdunkelten Scheiben. Die Disco Zeit hatte auch das Stiftingtal erreicht. Die Grotte sah innen tatsächlich wie eine Grotte aus. Da stürzten Felswände auf einen ein und schmale Gänge führten zu den Tischen, schwere Stein ragte über den Köpfen herab. Bei Tageslicht oder normaler Beleuchtung durfte man sich das Interieur der Grotte nicht ansehen. Es war gar schauderhaft, wie schlecht und billig das war. Aber das hatte ja eh niemand vor und der Zauber im schummrigen Disco Licht funktionierte. Irgendwann begann der Lack zu blättern und die Grotte kam aus der Mode, wohl so ab den mittleren 1980er Jahren.
Wir waren für die Glanzzeiten der Grotte zu jung. Als wir alt genug für die Grotte waren, da war sie schon out und bei uns „die Stadt“ in. Wir gingen oder fuhren einfach nur vorbei. Spätabends aus der Stadt kommend,  zu Fuß oder mit den Rädern hörten wir schlechte Schlager und gedämpfte Tanzmusik aus dem Inneren, ein paar Autos standen davor. Alles verströmte den Geruch einer „alten Generation“ und einer Zeit, die nicht unsere war. Wenn die Tür aufging, wurde die Musik lauter. Bei den Autos standen oft Gruppen, die rauchten und sich laut unterhielten. Eine Zeitlang nahmen wir uns immer vor, doch „endlich in die Grotte zu gehen“ und hatten es doch nie getan.
tirolEinmal waren wir drinnen, unter Tags, weil wir einen Raum für ein Kabarettprogramm suchten und uns das anschauen wollten und wissen wollten, was es kosten würde, die Grotte zu mieten. Aber abgesehen davon, dass es viel zu teuer war, war das Interieur abschreckend. Als wir durch die Tür eintraten, kam uns ein muffig-schimmliger Geruch entgegen, der untermalt und hinterlegt wurde mit abgestandenen Zigaretten-, Bier- und Pissgestank. Das brachte man auch mit nichts mehr raus. Das hatte sich in die Pappmache Wände eingefressen. Irgendwann schloss sie, wurde verkauft, abgerissen und ein Kindergarten wurde dort später errichtet.
Aber ich schweife ab, das Match war also zu Ende, alle fuhren wieder nach Hause. Es hatte sich niemand ernsthaft verletzt und wenn mich nicht alles täuschte, hatten die Väter gewonnen, 6:4 oder so. Damit war das Wochenende gerettet. Zu einer Revanche kam es nicht mehr, obwohl gleich nach dem Match alle Beteiligten schworen, dass man das wiederholen wolle. Die Stiftingtaler Arena war noch eine Zeit lang, einer unserer beliebten Plätze. Als dann immer mehr mit ihrer Schule fertig waren und weg zogen, arbeiteten und studierten, fielen die Kicks in der Leonhard Arena immer öfter aus. Die Prioritäten verlagerten sich. Viele fanden andere Klubs oder Hobbytruppen, die zu ihrem neuen Leben besser passten.
Den Platz gab es noch einige Zeit, aber es gab keine nachfolgende Generation, die ihn ähnlich intensiv nützte, wie wir. Er lag eine Weile brach, um dann gänzlich zu verschwinden. Der Platz wurde verbaut – war ja ein wertvoller Baugrund – der größere Teil davon zuerst von einer Tiefgarage für die LKH Besucher*innen. Der restliche Teil verschwand wegen des Neubaus der Med-Uni. Dort, wo die Straße vorbei führte und das schiefe Holztor knarrte, rumpelt jetzt die Straßenbahn und ein überdachter Radweg führt daran vorbei.

Sturm Echo: Nr. 356

Von Graz nach Amsterdam

2016 lud Ajax Sturm Jugendtainer Daniel Zenkovic, zu einem Probetraining nach IMG_20190802_082100Amsterdam ein. Er überzeugte und ist seitdem Teil des Jugendtrainerstabes beim holländischen Traditionsklub. Über Parallelen und Unterschieden der Ausbildungsarbeit von Ajax und Sturm.

Mit knapp 19 Jahren hing Daniel Zenkovic im Jahr 2007 seine Fußballschuhe, die er damals für den USK Anif II schnürte, an den berühmten Nagel. „Ich hab´ gesehen, dass es für den Profibereich nicht reicht“, erklärt der bosnisch-österreichische Doppelstaatsbürger. Er startete deshalb eine Karriere als Nachwuchstrainer., die ihn über die Fußballakademie Tirol, den FC Salzburg und Sturm Graz  schließlich zum aktuellen Champion League Halbfinalisten führte.  „Sturm und Ajax sindrichtig geile Vereine mit großen Traditionen und treuen Fans. Ich bin sehr froh, beide näher kennengelernt zu haben“.

Die Ajax Philosophie

Bei Ajax sei im Jugendbereich viel mehr Geld im Spiel. „Die Bedingungen sind bestens, aber allein die Anzahl der Rasenplätze und der Betreuer ist nicht entscheidend. Im Kern geht es bei unserem Job immer um Menschen und Beziehungen, das ist bei Ajax nicht so anders als bei Sturm“.
Zwar gab es bei Ajax vor einigen Jahren eine Abkehr 4-3-3 System, das sich zuvorjahrzehntelang von der Jugend bis zur Kampfmannschaft durchzog. Dennoch betont Zenkovic die durchgehende Ausbildungsphilosophie der Niederländer, die schon bei den Kindern beginnt und sich in der Jugend, in der schon früh die Toptalente gesichtet werden, fortsetzt. „Spieler werden heute nicht mehr allein auf bestimmte Abläufe trainiert, sondern mehr auf Gedanken- und Reaktionsschnelligkeit, um in verschiedenen Spielsituationen selbständig reagieren und spontan die beste Lösung finden zu können“, so Zenkovic.
IMG_20190802_082122Um zu verhindern, dass junge Talente von anderen kLubs weggeschnappt werden, versucht man, den jungen Spielern sportliche Perspektiven zu bieten: „Für die 14 bis 15- Jährigen werden Karrierepläne entwickelt, die dann durchgezogen werden. Hochtalentierte Jungendspielter wissen bei uns, dass sie mit 17 oder 18 Jahren in die Kampfmannschaft einsteigen werden. Für Ajax reicht es nicht, Trophäen zu holen, die Kampfmannschaft muss auch von jungen eigenbauspielern durchsetzt sein. Das ist für die Bewertung einer Saison ebenso wichtig wie ein Meistertitel.“

Strategie macht sich bezahlt

Auf den Einsatz in der Kampfmannschaft arbeitet der ganze Stab hin. „Wir beschränken uns dabei nicht auf das fußballerische oder das physische, sondern legen auch großen Wert auf Dinge wie die Ernährung oder das Auftreten am und außerhalb des Platzes. Dazu werden unsere Spieler auch im mentalen Bereich durchgehend unterstützt“, erklärt Zenkovic. Sind die jungen Spieler dann Teil des Profikaders, wird ihnen auch ein Zeitraum, um Spiele zu bestreiten, gegeben. „In dieser Phase können sich die Spieler anpassen und entwickeln“, was den Druck nehme, in vielleicht nur einem Spiel vollends überzeugen zu müssen. So schaffe man es, regelmäßig Eigenbauspieler in die Kampfmannschaft hochzuziehen, die sich dort dann auch behaupten können und dem Verein in Falle eines Transfers als fertig ausgebildete Spieler nicht selten hohe Transfereinnahmen bringen. So musste der FC Barcelona für die Verpflichtung des 21-jährigen Frenkie de Jong eine Ablöse von 75 Millionen auf das Konto von Ajax überweisen. Sportlich will der niederländische Double-Gewinner den Abgang mit einem Spieler aus dem eigenen Nachwuchs kompensieren.

 

 

Arztbrief: Patientin Demokratie (Geburtsjahr 1955)

Erschienen im bifeb 2/2019: Veränderung.

Symptome:

Die Patientin leidet unter Schwächegefühlen, fühlt sich ausgelaugt, motivationslos; ist aber gleichzeitig

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bifeb 2/2019: Veränderung

unruhig und hat Schlafstörungen. Sie berichtet von Leere, Einsamkeit und Isolation. Gleichzeitig hat sie Angstzustände und fürchtet sich vor Ausländern. Ablehnung von Fakten und Wahrheiten sowie gesicherten Ergebnissen bestimmen den Alltag. Konzentrationsfähigkeit ist eingeschränkt, Hinwendung zu Verschwörungstheorien, Anfälligkeit für Propaganda und Falschmeldungen sind ausgeprägt.

Diagnose:

Der psychiatrische Befund zeigt deutliche Anzeichen von Angstneurosen und Panikattacken. Über ihre eigene Zukunft kann sie keine konkreten Aussagen treffen, außer allgemeiner Floskeln und sentimentaler Rückbesinnung auf die Vergangenheit. Darauf näher angesprochen, verfällt die Patientin in dystopisch-depressive Zukunftsszenarien.

Im Verlauf des Gespräches wird deutlich, dass sie seit längerem Neoliberalismus zu sich nimmt, dadurch unter Individualismus, übertriebene Erwartungen an sich selbst und unterernährtem, dysfunktionalem Staat leidet.

Das Blutbild ergibt eine anämische Schwächung des Immunsystems. Der Bazillus der Saturiertheit konnte nachgewiesen werden, hervorgerufen durch schwach ausgebildeten demokratischen Stoffwechsel, dem sogenannten „Pseudomiddleclasssyndrom“. Ein erhöhter Spiegel an allgemeinem und politischem Bildungsdefizit wurde nachgewiesen. Die Infiltration durch nicht erkanntes antidemokratisches und staatsablehnendes Gedankengut hat sich zu einer manifesten „Insuffizienz“ entwickelt, der durch den opportunistischen Virus „in extremus de dextris vulgaris“ (gemeiner Rechtsextremismus) verstärkt wurde.

bio foto

Schwimmender Autor. Wolfgang Gulis

Therapie:

Aufgrund der multiplen Schädigungen der Patientin wird eine integrative Breitband -Therapie vorgeschlagen.

  1. Sofortiges Absetzen der Einnahme von Neoliberalismus, um den Abbau des Sozialstaates und der eigenen demokratischen Lebensgrundlagen zu stoppen.

  2. Gruppenangebote und -aktivitäten, um soziales Leben, lokale Gemeinschaftserlebnisse und Solidarität zu erfahren und gegen das Isolationsgefühl vorzugehen.

  3. Überweisung an Gesprächsgruppe zur Erarbeitung von eigenen Narrativen und Zielen, insbesondere durch „agenda setting“ und „framing“ Übungen. Eine positive, auf eigene Stärken beruhende und selbst gestaltbare Zukunft ist das Ziel.

  4. Reduzierung weiterer schädigender Einflüsse (skandalisierende Einzelfallerzählungen, Falschmeldungen und Propaganda), die den Extremus de dextris vulgaris fördern; Einschränkung der öffentlichen Förderung und Werbung bzw. wirksame gesetzliche Regelungen gegen multinationale IT-Medienkonzerne.

  5. Zuführung von Qualitätsstandards und Förderung von investigativem, ethisch motiviertem, kontextbezogenem und konstruktivem Journalismus und öffentlicher Kommunikation. (Hochdosierung vor allem zu Beginn wird empfohlen)

  6. Stärkung des Immunsystems durch eine langzeittherapeutische Breitband Behandlung mit Bildungsextrakten, auf grund- und menschrechtlicher Basis, die zur Stärkung der Medienkompetenz und politischer Bildung führen.

  7. Bewegung (Wanderungen) und der Aufenthalt in der Natur (Demonstrationen) für positive Ziele sind anzuraten.

  8. Die Patientin wird an ein Beschäftigungsprogramms verwiesen, mit dem Ziel die Wirtschafts-, Landwirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der EU rasch zu verändern.

Weitere Konsultationen der geschätzten Fachkräfte sind in absehbarer Zeit (nächstes Quartal) anzustrengen.

Mit kollegialer Hochachtung.

 

 

https://www.bifeb.at/fileadmin/user_upload/bifeb_aktuell/b_aktuell_2019_02_END.pdf

Verschwundene Orte 2

Riesstrasse 141

Am ersten Tag begleitete mich meine Mutter. Ausgestattet mit einer rechteckigen, roten Schultasche aus Leder am Rücken, spazierte ich an ihrer Hand den Berg hinauf. Das hatte nichts von einem kurzen, gemütlichen Spaziergang, sondern war eine richtige Wanderung. Wir hatten beim ersten Mal sicher an die 30 Minuten für eine Strecke gebraucht. Wir zwei waren ja nicht die schnellsten. Ich, noch klein, sie schon schwerfällig, hochschwanger, mit dickem Bauch. Es war alles neu. Fortan lebte ich am Stadtrand, um mich herum grüne Wiesen, kleine Wäldchen, ein Bach.

So trotteten wir die Stiftingtalstraße stadtauswärts, bogen nach rechts in den Stiftingbachweg ab. Es ging hinunter zum Bach, über die kleine Brücke, immer bergan an Vorstadthäuser vorbei. Etwa ab der Hälfte des Weges wurde es beschwerlich. Nach der steilen Passage gab es eine S-Kurve. Viel später fuhren wir das mit dem Rad, denn meine Freunde hatten einen „Tour de Stifting“ in zehn Etappen organisiert. Und bei der erwähnten S-Kurve gab es eine Bergwertung.

Am Ende der Kurvenkombination, bogen wir in einen Fußweg – eine Abkürzung, durch ein kleines Wäldchen – ein. Wir überquerten wieder die Straße, die in einem weiten Bogen herumführte, mussten durch ein zweites Wäldchen bis zu einem schmalen Weg, der von zwei Zäunen begrenzt wurde, alles aufwärts. Diesem Weg folgten wir, die letzten Meter mit Stufen nehmend, um dann schnaufend auf der Ries zu stehen. Jetzt fehlte noch ein Gehweg, stadtauswärts ca. 300 Meter, bis man die Schule erreichte. Gleich neben der Schule war eine Schneise, die steil runter zur Stiftingtalstraße führte. Von dort oben sah man weit unten unser Haus. Später, etwas älter schon, setzten wir uns im Winter auf die Schultaschen und rodelten die abgeholzte Schneise hinunter. Noch etwas später war das eines der steilsten Stücke in einer längeren Ski-Abfahrt, die spektakulär begann. Am Ende des Steilhanges musste man über die Straße springen. Da stand immer ein „Ordner“, der aufpasste, dass uns kein Auto erwischte. Der Hang war echte Mutprobe.IMG_2894

Jenseits der Riesstraße begann der noblere Teil des Bezirkes. Villen, Bungalows, stattliche Neubauten standen dort. Dort wohnte unter anderem auch Alexander Götz, der spätere Bürgermeister der Stadt Graz. Ein mehr als weit rechtstehender Recke der FPÖ. Sie erinnern sich noch? Das war der, der eine sagenhafte Pension der Stadt Graz erhielt und diese später, als sie gekürzt werden sollte, eingeklagt und Recht bekommen hat. Bis 2008 stieg die monatliche Pension auf € 14.800,00 monatlich an. Nachdem er im Jahre 2018 verstarb, dürfte das Salär bis dahin erheblich höher gewesen ein. Von seinen anderen Einkünften als Technova Chef (bis 1997) und Messe Chef wollen wir hier schweigen, weil wir darüber nichts wissen. Er hatte auch noch Aufsichtsratsposten bei der Steiermärkischen Sparkasse und beim Bankhaus Krentschker inne.

Sein Sohn – auch Alexander getauft – ging mit mir in die gleiche Klasse. Unsere Wege trennten sich erst in der dritten Klasse des Gymnasiums. Bis dahin waren wir eigentlich so etwas wie Freunde. Es konnte schließlich nicht gut gehen, denn er war im Gymnasium genauso schlecht wie ich, aber er kam immer durch. Irgendwie ergatterte er noch einen Vierer oder bei den alles entscheidenden Schularbeiten bekam er – im Gegensatz zu mir – doch ein Gut. Es reichte halt nicht. So war es immer, am Ende rutschte er durch und ich nicht. Und so nahm seine „Karriere“ seinen Lauf. 1997 folgte er zufällig seinem Vater bei Technova und später als Messechef. Aber gut, wenn man das Karriere nennen mag?

Damals am ersten Tag wusste ich von all dem nichts. Ich mochte Alexander, er war kein Angeber, eher ruhig. An den ersten Tag hab ich keine Erinnerung. Ängstlich war ich sicher, unsicher auch, vielleicht gespannt und neugierig? Denn ich kannte ja niemanden. Es war kein Karli da, kein Peter und die Karin auch nicht. Die blieben alle zurück in Liebenau. Ich war erst am Wochenende vor Schulbeginn zu meinen Eltern ins Stiftingtal endgültig und dauerhaft umgesiedelt.

Eine erste Erinnerung habe ich erst an einem der folgenden Tage. Der begann schlecht. Meine Mutter musste wegen einsetzender Wehen ins Spital und konnte mich nicht begleiten. Wie ich in die Schule kam, weiß ich nicht. Möglich, aber eher unwahrscheinlich, dass mich Vater hin brachte oder auch, dass er mich einfach ein paar Buben mit gab, die auf mich aufpassen sollten. Opa sollte mich nach der Schule holen und nach Liebenau mit nehmen. Mama war ja im Spital, ein Notfall sozusagen. Daher hatte ich den Auftrag vor der Schule im – mit Steinen und einem Zaun ausgelegten und umzäunten – Vorhof zu warten. Einige Erstklassler*innen wurden bereits an der Tür empfangen und geherzt, die anderen im Vorhof. Aber nicht ich. Opa war nicht da. Nach einigen Minuten war der Vorhof leer. Ich stand alleine da. Wo sollte ich hin? Liebenau war endlos weit weg, keine Chance dort jemals hinzukommen, wo wenigstens Oma gewesen wäre. Ins Stiftingtal – auch aussichtslos, ich wusste ja noch nicht mal den Weg zurück.

Kaum drinnen, war ich schon fertig mit ihr

Ich wurde immer verzweifelter, meine Hoffnung sank. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als zehn Minuten – höchstens. Opa hatte einfach den Verkehr unterschätzt, oder er war zu spät aus der Firma weg gekommen. Schließlich arbeitete er ja und musste sich extra dafür frei nehmen. Ungeachtet all der rationalen Einwände, für mich war es die Katastrophe. Als er kam, mich umarmte und ins Auto setzte, blieb ich stumm. Die Tränen waren schon getrocknet. Ich sagte mir aber, dass ich mit der Schule fertig war, sie mich nicht mehr interessierte und ich dort sicher nicht mehr hingehen würde. Am nächsten Tag bemerkte ich aber, dass es nicht nach meinem Willen ging. Ich hatte da nichts zu bestellen. Ich saß wieder am gleichen Platz.

Die nächsten Tage verbrachte ich wieder bei den Großeltern in Liebenau, bis Mutter mit meiner kleinen Schwester aus dem Spital nach Hause kommen würde. Aber es war nichts mehr so, wie es vorher war und das ging mir gewaltig auf die Nerven. Den Schulweg musste ich mit meinen neuen – schon wieder 2 Jahre älteren – Kumpanen bestreiten. Und nach ein paar Wochen waren wir mehrere Volksschüler*innen, die den gleichen Weg gingen. Zu Hause hatte keiner mehr Zeit für mich, alles drehte sich um das kleine rosa Balk, das ununterbrochen schrie. Die Geburt war nicht ganz komplikationslos; irgendwas mit Rhesus Faktor und zu lange gewartet und daher selbst vergiftet oder so ähnlich. Aber fragen Sie mich nicht genauer. Mutter hatte es mir mal erzählt, aber ich habe es schon wieder vergessen. Auf jeden Fall hatte die kleine Brigitte ständig Kolliken und war ein richtiges Schreikind, das durch nichts zu beruhigen war. Eh klar, sie hatte ja auch wirklich Schmerzen. Das dauerte Wochen.

Ich entdeckte den Schulweg als Abenteuerspielplatz, als Experimentierfeld, als Platz, wo niemand schrie. Dabei waren vor allem die Nachhausewege bald der Inbegriff von Trödeleien und Umwegen. Die neuen Freundschaften begleiteten sich gegenseitig nach Hause, bogen in den Wald ab, suchten sich neue Wege oder bauten am Stiftingbach Dämme, um Fische zu fangen, was aber nie gelang; und vieles mehr, was 6-10jährigen Jungen so einfiel. Ja damals gab es noch Forellen im Bach. Bis ein Bauer Gülle oder Jauch´n – wie wir sagten —  in den Bach ablud und die Wasserqualität im Eimer war. Manchmal landete ich sogar in der Ragnitz, weil wir irgendein verwegenes Spiel spielten.IMG_2822

Auf der anderen Seite der Riesstraße ging es ebenso steil hinunter, wie auf „unserer“ Seite. Über den Ledermoarweg – ja der heißt wirklich so – der weiter unten in die Rauchleitenstraße mündete. Vorbei an der Frankensteingasse – auch das ist wahr, sie können es ja selbst eingeben und suchen, wenn sie mir nicht glauben – bis man auf die Ragnitzstraße stieß, einige hundert Meter vor dem legendären Ragnitzbad. Da verlagerte sich aber erst später unser Freizeitmittelpunkt. Einstweilen war das Stiftingtal noch unser Revier; Ragnitz die Ausnahme.

Die Volksschule Ries hatte drei Einzugsgebiete, woher die Schüler*innen kamen. Erstens, die Stiftingtaler, aus jungen Familien stammend, Arbeiter und kleine Angestellte, die sich auf dem Weg in die Mittelschicht befanden, ihren klassischen Traum, von Familie und Haus träumten und ihn sich gerade verwirklicht hatten. Dementsprechend von Schulden geplagt waren und schufteten und wenig Zeit hatten. Zweitens, die Ragnitzer, aus dem schon erwähnten besser situierten Großbürgertum, Villenbesitzer*innen, Kinder aus besserem Haus. Sowie drittens die Rieser. Kinder, die  meistens von Bauernfamilien stammten, die es stadtauswärts noch einige gab. Eine lustige Mischung, die es sonst wohl heutzutage nirgends mehr gibt. Die Unterscheidungslinien zogen sich aber stärker entlang des Geschlechtes, also Mädchen gegen Buben. Mit dem Ende der Volksschule war die Vermischung zu Ende. Die Ragnitzer und die meisten Stiftingtaler gingen ins Gymnasium, die Rieskinder kamen in die Hauptschule.

Einmal erinnere ich mich, dass wir eine Gruppe von Stiftingtaler*innen in der Früh auf dem Weg zur Schule waren. Es ging laut her, wir schupften, hänselten uns und nahmen uns Dinge weg. Buben gegen Mädchen, aber natürlich gab es auch interne Fraktionen, die Erst- gegen die Drittklassler*innen usw.  Ich stieß eine Klassenkollegin so stark, dass sie hinfiel. Sie schürfte sich das Knie auf, blutete und die weiße Strumpfhose ging kaputt. Sie weinte, lief laut plärrend nach Hause. Es tat mir leid, so fest wollte ich das nicht. Aber es war schon zu spät. Wir riefen ihr zwar nach, sie möge doch da bleiben, aber es half nichts mehr. Mir war mulmig, aber es ließ sich nicht mehr ändern und so gingen wir übrig gebliebenen weiter zur Schule.

Ich hatte den Vorfall schon vergessen. Doch irgendwann in der zweiten Schulstunde ging die Tür auf und ein Schüler aus der 4. Klasse holte mich auf Geheiß der Direktorin. Die Mutter der Schülerin stand, böse und finster drein schauend, neben der Direktorin. Ich erhielt eine Abreibung und Ermahnung, musste mich entschuldigen, was mir gleich nach dem Vorfall nicht schwer gefallen wäre, aber jetzt unter dem Druck der Anklagebank, mir kaum von den Lippen kam. Dann wurde ich, gedemütigt und verbal geprügelt, zurück in die Klasse geschickt. Ich fand, das hätten wir uns doch unter uns ausmachen können. Da hätte es doch die Mutter nicht gebraucht!

Abteilung Taschenfeitl

In der dritten Klasse war ich dann Teil eines größeren angehenden Verbrechersyndikats. Meine Position war die eines – heute würde man im Drogenmilieu – Streetrunners. Wenige Meter neben der Schule lag der Lachmann, ein typischer Greissler der damaligen Zeit. Heute gibt es so etwas in der Form nicht mehr. Ein Laden für Jausen, Süßigkeiten und Schulbedarf. Einer von den Großen – aus der 4. Klasse – kam drauf, dass man beim Lachmann vermeintlich leicht was mitgehen lassen konnte. Nach den ersten geglückten Versuchen, wollte er gleich einen ordentlichen Handel aufziehen, also „klotzen nicht kleckern“. Es gab Kompagnons, die stahlen, es gab Kinder, die das „Diebsgut vercheckten“.

Ich war in der Abteilung „Taschenfeitl“ beschäftigt. Alle paar Tage sollten aufklappbare Taschenmesser, mit Holzgriff gestohlen werden und die sollte ich dann an Mitschüler*innen „verticken oder verchecken“, um in der coolen Junggangstersprache zu bleiben. Das ganze ging nicht lange gut. Wie zu erwarten. Die Lachmann Besitzer rochen den Braten relativ schnell und ließen die Bande auffliegen. Na, was soll ich sagen; große Aufregung! Aufmarsch in der Direktorion, in Reih und Glied stehen. Androhung des Ausschlusses, Rufe nach der Polizei wurden laut. Die Eltern wurden informiert. Entsetzen, rundum. Die eine oder andere „Watschen“ wurde zu Hause sicher ausgeteilt. Es fand ein Tribunal im Direktionszimmer statt, bei dem die Eltern teilweise anwesend waren. Wir kamen glimpflich davon, mussten Widergutmachung leisten. Mein Glück war, dass praktisch alle Taschenfeitl wieder retourniert werden konnten. Einen hatte ich selber, einen hatte ich verkauft. Der Schüler gab ihn anstandslos zurück. Einer war gerade eingetroffen, war aber noch nicht verkauft worden. Der wurde mir auch abgenommen. Die Verbrecherkarriere war also abrupt gestoppt worden, sie flackerte nur später nochmal kurz auf. Aber das ist eine andere Geschichte.IMG_3131

Meine Lehrerin in der 1. und 2. Klasse mochte ich sehr. Sie war freundlich, umgänglich und ging mit allen aufmerksam und liebevoll um. Ich meine, wir waren ja noch kleine Stoppeln, kaum den Windeln entstiegen. Sie war die richtige für uns. Sie schaute drauf, dass es uns gut ging und dass wir durcheinander gemischt wurden und das niemand zurück blieb. Irgendwann in der ersten Klasse kam ich neben der Dani zum Sitzen. Jene Daniela, die später noch einmal in der Geschichte vorkommen wird. Ich war einer der ersten Buben, die neben einem Mädchen saß. Zuerst war es furchtbar, was für eine Erniedrigung, neben einem Mädchen sitzen zu müssen. Aber insgesamt und heimlich fand ich es super. Die Mädchen waren so anders, so freundlich und sanft. Sie rochen auch ganz anders und die Dani war immer sehr nett zu mir, half mir, ordnete meine Sachen. Ich glaub´, ich war ein bisschen verliebt in sie. Aber das durfte nicht raus kommen.

Singen hasste ich allerdings, was sie und auch die Lehrerin sehr gerne taten. Nicht grundsätzlich, das muss ich betonen, aber das Singen im Klassenchor, das war mir zuwider. Vor allem wenn wir „Summ-Summ-Summ Bienchen summ herum“ sangen. Da forderte die Lehrerin uns alle auf mit den Händen die Flügel nach zu machen und uns um unsere eigene Achse zu drehen. Die Mädchen sangen bei dem Lied immer besonders enthusiastisch. Ich fand das Lied und die Darbietung immer affig und verweigerte die Mitarbeit.

Die Frau J. – unsere Lehrerin – war ein dunkler Typ, italienisch, griechisch, slawisch oder so. Halt so einfach mal eingeteilt. Sie hatte dichtes schwarzes, welliges, halblanges Haar, das mit grauen Strähnen durchzogen war. Das Alter von Volksschullehrerinnen einzuschätzen, fällt schwer. Für uns war sie uralt. Aber ich denke mir, sie war so mittelalterlich, vielleicht 40. Nicht so alt wie die Frau Gasparic, die später für sie einsprang und mich an eine KZ-Wärterin erinnerte, aber eben auch nicht so jung wie Frau Herbst, die wunderhübsch war und mit ihrem roten VW-Käfer anbrauste, ausstieg und frischen Wind in ihren wallenden Haaren mit brachte und alle verzückte. Kollektive Verliebtheit für einige Monate, dann ging sie aber gleich wieder, weil sie wurde schwanger.

Frau J. hatte auch einen Damenbart, ihr Flaum auf der Oberlippe war deutlich sichtbar und beim Turnen, wenn sie einen Art Badeanzug trug, sahen wir auch ihre beharrten Beine. Sie war Alles in Allem betrachtet, aber ein Goldgriff. das hätte was Gutes werden können. Mit der Zeit fielen uns jedoch ein paar Seltsamkeiten auf. Wenn wir eine Aufgabe hatten und still in unseren Heften schrieben, lasen oder malten, saß sie vorne am Pult und verschwand von Zeit zu Zeit unter dem Pult. Wir hatten keine Ahnung, was sie da unten tat. Manchmal wirkte sie dann etwas desorientiert und dann sprach sie langsamer und schwankte, wusste manchmal unsere Namen nicht. War sie krank? Jeder konnte mal einen schlechten Tag haben und sie war ja auch schon alt, aus unserer Sicht. In der zweiten Klasse,  ich glaube mich zu erinnern, dass es im ersten Semester war, kam die Frau Direktor herein und sagte, dass wir eine Zeitlang eine andere Lehrerin bekommen würden, weil Frau J. auf Kur gehe.

Dieser zweite Abschnitt der zweiten Klasse geriet zum Martyrium für mich. Die erwähnte Frau Gasparic zog bei uns ein und alles wurde anders. Der Ton war rau, wenn es nicht gleich so passte, wie sie wollte, schrie sie mit uns. Wir wurden bestraft, wenn wir was falsch machten. Mein Schulstarttrauma feierte wieder fröhliche Urstände. Meine Leistungen wurden schlechter. Im Halbjahreszeugnis hatte ich im Schönschreiben ein Genügend. Okay, meine Klaue war nicht sehr elegant, aber musste man das als so wichtig bewerten. Einige Monate lang wurden Schule zum Alptraum und meine Ängste begründet.

Als Frau J. wieder zurückkam, sah sie gut aus und wirkte frisch. Meine Noten wurden wieder besser. Aber die Angst, dass Frau Gasparic zurück kommen würde, blieb.  Als die zweite Klasse zu Ende war, bekamen wir eine neue Klassenlehrerin, die war auch nett, die Frau Oitzinger. Aber sie war nicht mehr so sanft und mütterlich und das ganze wurde schon mehr zur Schule, wie wir es seit 200 Jahre kennen. Mit Frontalunterricht, mit Diktat, mit Diziplin, mit einer Stunde nach der Anderen und mit Hausaufgaben. Ich erinnere mich, dass sie oft ein hellbraunes Kostüm trug und insgesamt lieb und nett aber auch strenger war, als Frau J.  Damit wechselten wir auch in den ersten Stock, womit wir bereits die Großen waren. Das war natürlich ein Riesenaufstieg in der sozialen Hierarchie der Schule. Die VS-Ries hatte ja nur jeweils eine Klasse in jeder Schulstufe. Die 3. und die 4. Klassen waren im ersten Stock beheimatet.

Viele Jahre später – als ich schon selbst mit diversen Substanzen in Berührung gekommen war – wurde mir klar, was das Problem der Frau J. war. Sie war Alkoholikerin. Ich traf sie in einem Grazer Schwimmbad. Sie war sehr nett, konnte sich sogar noch an mich erinnern und wir plauderten ein wenig. Aber es war sehr deutlich, dass sie am frühen Nachmittag schon ziemlich abgefüllt war und trotz der typischen Düfte, die in einem Schwimmbad umher waberten – Chlor, Frittieröl und Sonnencreme – war ihr Alkoholgeruch deutlich zu riechen. Die Kur hatte offensichtlich nichts geholfen.

Immer unter den Kleinsten

Die Turnstunde wurde bei schönem Wetter in einem quadratischen Hof, gleich neben der Schule abgehalten. Der Hof, der prinzipiell einen Grasboden hatte, der aber sehr in Mitleidenschaft gezogen war, war von einer Steinmauer, eine Gehweg aus Steinplatten und einem Zaun sowie Büschen umgrenzt, damit wir nicht auf die stark befahrene Riesstraße laufen konnten. Beim chaotischen und extensiven Fußball spielen – sie kennen das ja wenn ein Rudel Kinder dem Ball nach jagt und auf alles tritt, was sich bewegt – flog schon mal ein Ball über den Zaun auf die Straße.

Kids bei der Essensausgabe zu MittagAuf dem Platz, verbrachten wir auch unsere Pausen. Später, als ich einmal die Schule besuchte, da gab es sie noch als Schule, war ich überrascht wie klein das alles war. Wenn da 4. Klassen Pause hatten und 100 und mehr Kinder alle ihren Bewegungsdrang auslebten, musste es da ordentlich umgegangen sein. Im Winter oder wenn das Wetter schlecht war, wurde der Turnunterricht in die Räumlichkeiten der ersten Klasse verlegt. Der wurde zu einem Turnsaal umfunktioniert. Der war auch der größte Raum in der Schule und wenn ich mich nicht täusche, waren auch Sprossenwände an der Rückseite. Auf jeden Fall war ein roter rutschfester Plastikboden verlegt, wir sagte alle Linoleum dazu, ohne zu wissen, was das meinte.

Da die räumlichen Umstände ziemlich prekär waren, wurde einige Jahr später, ein Zubau vorgenommen, in der dann eine eigene Klasse untergebracht war, damit die ehemalige 1. Klasse zu einem richtigen Turnsaal umgebaut werden konnte. Als meine Schwester, sechs Jahre später in die gleiche Schule kam, stand der Zubau schon.

Turnen war immer auch die Größenmessung. Aus welchem Grund auch immer, musste sich die Klasse der Größe nach aufstellen. Ich war immer im letzten Viertel anzutreffen, nie der kleinste, aber auch entfernt, ins Mittelfeld aufzusteigen. Natürlich wäre ich gerne größer gewesen. Aber es wurde nicht besser, auch später nicht. 23-26 von 30 war so meine Position.

Erster, Stärkster.

Für einige Tage war ich der Stärkste der Schule, ja sie lesen richtig: In der Schule, nicht der Klasse. Das kam so. Es gab einen kleinen Platz in der Nähe der Schule, am Rande des Wäldchens, dort wo die Stufen zur Riesstraße hinauf ging, von der Stiftingtaler Seite her. Dort war damals ein Schotterhaufen aufgeschichtet. Nach der Schule trafen immer viele Schüler zusammen. Schülerinnen, auch, aber die waren nur Staffage, Publikum, die durften zusehen. Ja so war das damals, heute ist das natürlich ganz anders!

Auf jeden Fall wurden dort immer Kämpfe ausgetragen, bei dem nach einem ausgeklügelten System und genauen Regeln der stärkste Schüler ausgefochten worden ist. Es war im wesentlich etwas Ähnliches wie Ringen. Zuschlagen war verboten, mit der Faust gar, war verpönt. Man musste seinen Gegner auf jeden Fall auf die Wiese oder auf den Schotterhaufen bringen.

Eines Tages zog ich das Los gegen – ich glaube, ich war in der Dritten und natürlich viel zu klein und schmächtig, um gewinnen zu können – den regierenden Champion aus der Vierten. Er nahm den Kampf nicht ernst, ich war ja einen Kopf kleiner als er. Er stolzierte umher, plusterte sich gegenüber den Zuschauer*innen auf, hänselte mich und platsch lag er im Dreck und hatte verloren.kirgisien pilot

Maximal 2-3 Tage war ich der Hero und wurde in der ganzen Schule gefeiert. Typisches david gegen Goliath Syndrom. So denke ich mir das halt, im Rückblick. Ich war stolz und ich zeigte, man musste nicht der größte sein, um etwas zu erreichen. Dann kam der Zeitpunkt, an dem ich wieder kämpfen musste. Ich konnte ja nicht einfach so für immer Champion bleiben und nie mehr kämpfen; sondern ich musste meinen Titel verteidigen. So waren die Regeln. Es kam, wie es kommen musste, der Herausforderer, der machte den Fehler seines Vorgängers nicht mehr und unterschätzte mich. Klarerweise legte er mich aufs Kreuz. Aus, vorbei. Der Titel war weg.

Mir ginge es da wie dem Thomas Muster, der auch nur sechs Wochen Nummer 1 im Tenniszirkus war. Aber meine Fertigkeiten im Infight und mein Selbstbewußtsein waren gestärkt worden und brachten mir oft Vorteile gegenüber Größeren, was vor allem im Gymnasium wertvoll war.Mit der Oberstufe endeten aber meine Auseinandersetzungen auf körperlicher Ebene. Ich war dann später nie mehr in einen Raufhandel oder eine Prügelei verwickelt.

Samstag, Mittag – Religion

In der Schule kam ich bald drauf, dass ich anders war, als die anderen. Ich hatte nämlich einen eigenen Religionsunterricht. Ich war evangelisch getauft worden; wohl auch, weil eine der beiden Großmütter aus Vorpommern stammte. Vielleicht auch weil mein anderer Großvater im Clinch mit irgendeinem katholischen Pfarrer lag und daher die Kirche wechselte. Später hat er sich der katholischen Kirche wieder eine Zeit lang angenähert, bis er schließlich zum esoterischen Guru wurde, was er im Alter forcierte und sehr genoss. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Auf jeden Fall war ich evangelisch. Für „die Evangelischen“ gab es eine eigene Religionsstunde, die am Samstag nach der vierten Stunde, angehängt an den normalen Unterricht, stattfand. Wir wurden aus allen Klassen gemeinsam unterrichtet. Die Lehrerin war die Großmutter einer Klassenkollegin, der vorher erwähnten Dani, deren Eltern früh gestorben waren und die beiden Töchter bei der Oma aufwuchsen. Alles sehr tragisch, aber als Religionslehrerin war sie eine Katastrophe. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern. Aber ich weiß, dass mir das alles – was da erzählt wurde – völlig absurd erschienen war und ich immer Zeichnungen anfertigen musste, die irgendeine biblische Szene zeigen sollten. Zeichnen war sowieso nicht meine Stärke und zu den Geschichten fand ich keinen Zugang, sie berührten mich nicht.Paltsi fest

Was aber das schlimmste war, mit ein paar Hanseln und Greteln in einer menschenleeren, gespenstisch stillen  Schule sitzen zu müssen, wo doch die anderen Schulkamerad* und Freund*innen bereits auf dem Heimweg waren und ihren Spaß hatten. Das traf mich und ärgerte mich maßlos, machte mich depressiv. Warum musste ich da am Samstag von 12 bis 13 Uhr Religion machen und alle anderen dürften spielen? Ich empfand das als Bestrafung; und wer weiß, vielleicht war es als solche auch gedacht. Wenn die Glocke zwei Sekunden geläutet hatte, war ich schon aus dem Klassenzimmer draußen, rannte aus dem kalten, leeren und traurigen Schulgebäude und suchte nach den letzten versprengten Schulkamerad*innen, die ich hoffte noch zu treffen. Aber meistens waren alle schon zu Hause.

Der Samstagnachmittag hatte begonnen. So trottete ich einsam und traurig nach Hause. Religion war seitdem bei mir unten durch. Evangelischen Gottesdienst am Sonntag gab es auch in der Schule. Einige wenige Mal musste ich mit meiner Mutter mitgehen. Das war noch trostloser. Am Sonntag in einer Schule zu sein, war für mich das traurigste, was es damals für mich gab. Die Pastorin spielte auf einem mit gebrachten kleinen elektrischen Klavier, Lieder. Das erinnere ich mich noch und ir saßen in der 2. Klasse. es waren vielleicht 10 Leute da. Gut, ich hatte ja noch nicht so viel Trauriges erlebt damals. Glücklicherweise erlahmte das religiöse Feuer bei meiner Mutter auch bald wieder. Sonntag in der Schule, gruselig.

Damals in den frühen 1970er waren die Geschäfte viel eingeschränkter offen und die Schule dauerte bis Samstag zu Mittag. Das erzeugte eine Situation in der Stadt, in der es bis Samstagmittag ein geschäftiges Leben gab, welches ab 12 Uhr – spätestens 13 Uhr – in einen Ruhemodus abbrach. Die Schulen leerten sich, die Geschäfte schlossen, alle fuhren nach Hause und es war somit Wochenende. Es entstand mit einem Male eine ruhige, entschleunigte, ja gelangweilte Stimmung auf den Straßen, auch weil sie oft menschenleer waren. Da konnte man auf der Stiftingtalstrasse und den Parkbuchten Radgeschicklich-keitsspiele spielen, ohne das minutenlang ein Auto vorbei kam. Man hörte die Vögel, irgendwo lief ein Radio, ganz entfernt. Es war auch kein Lärm von Kindern zu hören. Die verhielten sich auch ruhig. Meine Oma in Liebenau saß zu der Zeit immer am Küchentisch, trank ihren Kaffee und löste Rätsel. Manchmal kommt diese Stimmung heute noch auf, wenn Sommer in Graz ist und die Stadt leerer als sonst und niemand gerade etwas vorhat. Aber das ist selten.

Einmal noch bin ich zur Volksschule gegangen, mit meiner Frau, der ich das alles zeigte und ich weiß noch, dass ich dachte, wie klein das alles ist, wo sie mir doch damals als richtig große Schule vor kam. Und noch einmal einige Jahre später hatten wir ein Volksschul-Klassentreffen, das sehr nett war, weil man Menschen traf, die man danach im Leben nie mehr traf und wieder sah. Einige davon erkannte ich sofort wieder, andere wusste ich nicht mal mehr, dass ich mit denen in die Schule gegangen war. Aber da trafen wir uns in einem Lokal und nicht in der Schule. Wiederum einige Jahr später wurde die Riesschule aufgelassen, wegen zu geringer Kinderanzahl. Trotz verschiedener Protestmaßnahmen einer Bürgerinitiative, die die Schule erhalten wollte, war der Zug der Zeit abgefahren. Sie wurde 2006 geschlossen. Das Gebäude selbst stand dann einige Jahre leer und wurde dem Verfall preisgegeben, bis es irgendwann mal in ein Wohnhaus umgebaut worden ist. Von dem Schulcharakter ist nicht mehr viel vorhanden. Schüler*innen lärmen auf jeden Fall nie mehr wieder in und vor dem Haus.

Verschwundene Orte 1

Liebenauer Hauptstraße 44

Oma war klein, vielleicht 150 cm, als sie älter wurde und schrumpfte, ging sie eher auf 140 cm zu. Sie trug Tag für Tag eine geblümte Kittelschürze – so wie Omas in den 1950-80er das eben trugen. Seit ich mich an sie erinnern kann, hatte sie grau-blau meliertes Haar. Als ich bei den Großeltern lebte, waren beide noch gar nicht so alt. Mitte – Ende ihrer 40er Jahre. Jünger auf jeden Fall, als ich es jetzt bin.  Trotzdem schienen sie für mich uralt und sie sahen — bei Betrachtung alter Fotos — auch so aus; Oma und Opa mäßig eben.

Oma hatte so etwas wie einen Tick. Wenn sie arbeitete und das tat sie bis auf die „Siesta Zeit“ immer. Da saß sie dann am Küchentisch, löste Kreuzworträtsel und trank einen Kaffee. Wobei das eher Milch mit ein wenig Kaffee drinnen war und nicht selten war der Kaffee von gestern und längst abgestanden, aber das machte ihr nichts.  Sie blies immer aus dem Mundwinkel heraus eine tatsächliche oder imaginäre Haarsträhne aus der Stirn. Das war so typisch und ich habe das eigentlich von niemanden anders gesehen, bis auf Franco Foda, der Fußballtrainer – früher bei Sturm Graz, dann ÖFB Teamtrainer – der tat das auch.

Oma war Hausmeisterin in dem Mehrparteienhaus.

Sie wohnte in der ersten Wohnung des Hauses im Parterre, die einen Holzerker besaß. Später – Opa war bereits gestorben – siedelte sie in die zweite Wohnung im Parterre, gleich daneben.

Auf die Straße vorne raus, Richtung Osten war das Haus unscheinbar, einfach strukturiert. Die Fenster in jedem Stockwerk symmetrisch angeordnet. Nur ein Giebel in der Mitte unterbrach die Ordnung. Wollte man zu den Wohnungen, musste man um das Haus herumgehen. Auf der Rückseite, im Innenhof gelangte man zu einem Torbogen und ins Stiegenhaus. Da lagen dicke, breite, abgetretene Bohlen, die fasrig und brüchig waren. Für das beliebte Barfuß laufen im Sommer schlecht geeignet. Wir zogen uns immer Speile ein. Wenn man auf die Bretter stieg, knarzten die meisten. Anschleichen und die Freunde hinter einer Ecke überraschen und schrecken, ging schlecht, die Bohlen verrieten einen.IMG_1979

Oma mühte sich mit dem alten Wänden und Stiegen ab. Sie mussten einmal in der Woche geputzt werden. Bei normalen Wochen fiel der Unterschied nicht wirklich auf. Es sah immer abgewohnt und alt aus, auch die Wände. Manche Schlieren, Kratzer und Kerben waren nicht wegzuwaschen. Im Winter bei Schnee und Matsch war das Reinigen des Stiegenhauses eine richtige Schufterei. Denn dann war Oma jeden Tag beschäftigt. Obwohl sie unten im Parterre Vorsorge traf und für die schneematschigen Schuhe Abstreifmöglichkeiten auflegte, waren die Stufen an solchen Tagen reif für einen Putz. Den Parteien war das egal, denn die sahen ja nur die dreckigen Stiegen und regten sich auf, wenn es „aussah“; wie die Kritik verklausuliert angebracht wurde. Dann musste sich Oma rechtfertigen, dass sie eh erst heute Morgen geputzt habe. Half aber nichts, es musste wieder sauber gemacht werden.

Das Haus gehörte der Konsumgenossenschaft. Rechts im Parterre, wenn man von der Straße aus davor stand, gab es eine Konsumfiliale, mit zwei großen Auslagenscheiben und einem Eingang. Wissen Sie noch, was der Konsum war? Die größte Einzelhandelskette Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg. Entstanden und entwickelt aus der sozialdemokratischen Genossenschaftsbewegung! Deren Ziel war es, die Nahversorgung der österreichischen Bevölkerung sicher zu stellen. Nach einer Reihe von Expansionsschritten und Fusionen sowie fatalen Fehlentscheidungen kollabierte der „rote Riese“, wie er oft genannt wurde, 1995.

Insgesamt waren 15.000 Mitarbeiter*innen davon betroffen. Dass das einmal passieren könnte, konnte sich niemand vorstellen, war doch der Konsum mit der Bawag – der „Arbeiterbank“ – die institutionelle Stütze der Sozialdemokratie. Konsumjobs galten als so sicher wie Beamtenjobs: Denkste! Mein Vater war einer davon, der in diesem Glauben aufwuchs. Sein gesamtes Arbeitsleben war er stolz, Konsumangestellter zu sein. Bis auf die Lehrjahre, die er bei einem kleinen Greissler in der Triester Siedlung absolvierte, war er immer beim Konsum, mehr als 30 Jahre, bis zum Ende. Als er dann nach dem Konkurs zum Arbeitsamt gehen musste, wie es damals noch hieß; dort, wo er gleich ums Eck einmal eine Konsumfiliale geleitet hatte und alle vom Arbeitsamt kannte, die zu ihm „Jausen kaufen“ kamen, brach eine Welt für ihn zusammen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Auf der Rückseite des Geschäftes waren nach und nach eine Warenhalle, ein Aufenthaltsraum für die Bediensteten, ein Kühlraum und die LKW-Zufahrt, für die Lieferung der Waren, angebaut worden. Von oben betrachtet war das ganze L-förmig. In dem rechtwinkeligen Dreieck, das ein L fabriziert, lag der Hof. Ein abgezäunter Bereich, zuerst nur geschottert und mit ein wenig Gras ausgestattet, später betoniert; zuerst ein Holz-, später eine Betonmäuerchen mit Maschendrahtzaun und Tor. Das musste Oma abends zusperren.

Ich steckte sie mir in den Mund.

Über den Tag hinweg kamen die Lieferwagen, brachten die Waren für den Verkauf. Frühmorgens der weiße Milchwagen. Meist war ich da noch im Bett. Aber riechen konnte ich ihn schon, den unangenehmen typisch säuerlichen Milchgeruch, der dann durchs Haus zog.  Später folgte der kleine, braune Kastenwagen, der das Gepäck brachte. Auch den roch man sofort. Der ganze Wagen schien den Geruch von frisch gebackenem Brot zu verströmen. Manchmal stand er mit offenen Türen im Hof, der Fahrer erledigte den Papierkram und plauderte mit dem Filialleiter, dem Walland Karli, der im Haus im ersten Stock wohnte. Das war der Moment, an dem ich mich an den Wagen ran schlich und Brotkrümel und runter gefallenen Krusten von Semmeln aufsammelte, die auf der Ladefläche gelandet waren. Ich steckte sie mir in den Mund. Ein Genuss.

Als das Oma einmal sah, schimpfte sie mit mir. Schließlich sei das ein dreckiger Boden und was ich mir da alles holen könnte. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass die Brotkrumen dreckig waren. Nur wenn ich ein altes, schon länger liegendes, versehentlich aufnahm, kamen in mir leichte Bedenken auf. Aber ich bekam ein gutes Gespür, für die frischen, gerade erst abgefallenen Krusten.

P1030554Im Laufe des Vormittags fuhr der große LKW des Konsums vor. Er brachte Paletten voll Lebensmittel und war mit sonstigem Zeug, was so ein Konsumladen alles verkaufte, beladen. Manchmal, wenn wir im Hof spielten, bekamen wir einen kleinen Bensdorp Riegel vom Fahrer zugeworfen. Leider viel zu selten. Eine meiner Lieblingskatzen dürfte den Gerüchen der Lieferwagen auch erlegen sein und verschwand mit einem von ihnen. Das war zumindest Opas „offizielle“ Erklärung. Möge sie gestimmt haben. Denn dann hätte sie überlebt. Viele andere Katzen, die wir und die Nachbarn im Haus hatten, erlagen dem Autounfalltod, auf der damals schon stark befahrenen Liebenauer Hauptstraße.

Linker Hand des Hauses war ein kleiner Park, geschätzte 10 mal 10 Meter, mit einer wadenhohen Steinmauer eingefasst. Auf einer Seite war er abgerundet. Da führte die Einfahrt zum Hof vorbei. Hinter dem Park, auf der gegenüber liegenden Seite der Zufahrt begann das Firmengelände der Fa. Prochaska. Die hatten Getreidespeicher, einen Mais Silo und Lagerhallen auf dem Gelände. Autos, Traktoren und LKWs kamen und fuhren. Das Gebäude – anfangs noch ein alter Fabrik-Ziegelbau, der dann sukzessive  renoviert und ausgebaut wurde – stand von der Straße und dem 44er Haus aus gesehen, vertikal in 90 Grad und reichte weit nach hinten, Richtung Westen; von der Straße weg. Ein Bürotrakt und einige Wohnungen gehörten dazu. Richtung Norden, für uns Kinder war das eigentlich die Vorderseite, gab es Unterstände für Maschinen und landwirtschaftliche Geräte. Da standen Mähmaschinen, mit Messern vorne dran, Mähdrescher und -wender, Anhänger mit runden kaminartigen Aufsätzen und einem kleinen Förderband darunter. Vermutlich um das Geschnittene auf den daneben fahrenden Traktoranhänger zu werfen. Die ließen allerlei Gruselszenarien in Bezug auf Verletzungen bei uns hochkommen; abgeschnittene Füße, in die Scheren eingeklemmte Hände, Messer, die wir uns durch den Bauch rammten, und vieles mehr, was einem so einfallen konnte. Alle Familienmitglieder warnten praktisch täglich davor, dass wir dort zwischen den Maschinen nicht spielen sollten. Was uns natürlich nicht davon abhielt, genau das zu tun. Soweit ich mich erinnere, ist aber bei den Maschinen nie etwas Schlimmeres passiert; blessuren, blaue Flecken, Aufschürfungen waren normal.

Eine halbrunde Fußballarena.

Stand man vor dem Torbogen des 44er Haus, im Hof und in der Zufahrt zum Konsum, erstreckte sich dahinter ein staubig-erdiger Platz, der rechts (nördlich) und an der Rückseite (westlich) von Einfamilienhäuschen mit kleinen Gärten davor, gesäumt wurden. Links (südlich) stand das Prochaska Haus bzw. die überdachten offenen Unterstände, unterbrochen von Gebäudeteilen. Durch das Ensemble entstand so etwas wie eine längliche halbrunde Arena – unser Spiel- und Fußballplatz. Der ganze staubige Sandplatz war unser Spielplatz, der gehörte uns, für alles was wir tun wollten: Abfangen, verstecken, Fußball, Cowboy und Indianer, Radrennen, Hindernislaufen, „Voda leich ma d´ Scher´“.

In westliche Richtung dehnten wir mit zunehmenden Alter unser Revier aus und stießen bis an den Bahndamm, der das Gelände begrenzte. Da donnerte der Zug Richtung Südosten vorbei, Richtung Feldbach – Fehring. Als wir schon größer waren und ich nur mehr sporadisch bei Oma war, war das beliebte „Spiel“, die Grenze zu überschreiten, durch den Zaun hindurch und auf den Bahndamm zu klettern. Dann legten wir uns hin und warteten auf einen Zug. Die Trasse machte dort eine langgezogene Kurve, sodass die Zugführer uns eigentlich kaum sehen konnten. Wenn sie aus dem Norden vom Ostbahnhof kamen, sah man sie schon auf der Geraden, die am Liebenauer Stadion und der Eishalle vorbei führte. Die Züge kamen nicht mit Höchstgeschwindigkeit vorbei, weil es ging ja Stadtgebiet war.

P1010869Aber wenn ein Zug mit 80 Km/h vorbei braust, dann bleibt einem ein bisserl der Atem stehen. Im Laufe der Zeit wurde wir immer kühner und standen auf und pirschten uns so nahe wie nur möglich an. Bis uns ein Lokführer einmal sah und das Horn blies, was uns dermaßen erschreckte, dass wir rücklings runter sprangen und unter dem Zaun hindurch und uns im hohen Gras versteckten, mit pochendem Herzen und angstvollem Blick. Dem gefährlichen Treiben wurde ein Ende gesetzt, als uns eines Tages die Mutter vom Karli gesucht hatte und von anderen Kindern, den kleineren, auf die Spur gesetzt wurde, dass wir uns da am Bahndamm rumtrieben. Das Donnerwetter habe ich verdrängt, muss aber gewaltig gewesen sein.

Kinder gab es genug, sowohl im 44er Haus als auch in den umliegenden Häusern, die sich regelmäßig auf der Arena einfanden. Auch aus den Prochaska Wohnungen lief immer eine Schar in die Arena ein. Wenn wir Buben unter uns waren, wurde eigentlich immer Fußball gespielt. Waren die Mädchen dabei, dann ließen wir uns „halt meinetwegen“ zu irgendeinem anderen Spiel erweichen, um sie nicht vollends zu vergraulen. „Cowboy und Indianer“ war beliebt, bei allen. Wir Buben konnten dann um „die Squaws kämpfen“, sie entführen und an den Marterpfahl fesseln. Die Strommasten boten sich idealerweise an. Das fanden die Erziehungsbeauftragten nicht so toll, denn dann hatten die Mädchen Teerflecken und Holzspäne an den Blusen, Leiberln und Jacken und manchmal auch in der Haut. Aber was eine richtige Squaw sein wollte, musste auch den Marterpfahl überstehen.

Ich hatte alles, um einen richtig cooler Sheriff abzugeben  – Hut, Sheriffstern, Colt und -halfter, sogar Plastiksporen gab´s. Und trotzdem war ich immer lieber Indianer. Es gibt eine Fotografie, auf der ich im Hof vor dem Konsum in einem Indianer Dress posiere. Es bestand aus Hose und Jacke, einem braunen Wildlederimitat mit Franzen an den Armen und einen Häuptlingsschmuck am Kopf. In den Händen hielt ich ein „Gewehr“. Der große Waschküchenlöffel, den Oma benutzte, um die Kochwäsche im Steinbecken umzurühren, war umfunktioniert worden.

Der Arena Boden war hart und steinig.

In der Arena lernte ich gehen, laufen, Fußballspielen, Roller, Rad- und Auto fahren. Am Schoss vom Opa habe ich zum ersten Mal meine Runden gedreht. Ich musste lernen, mit meiner Eifersucht umzugehen, wenn die anderen ohne mich spielten, ich nicht der Mittelpunkt der Welt war und mit meinem Ehrgeiz immer der beste zu sein; was ich definitiv nicht war, auch wenn ich es mir glauben machte. Ich wurde sozial verträglich, auch wenn ich ein „Zornbinkerl“ war, wie Oma immer sagte, und mich schnell beleidigt zurück zog. Diese Charaktereigenschaften hatte ich mir wohl von Opas Familienzweig geholt.

Ich wurde seelisch und körperlich abgehärtet. Der Arena Boden war hart, steinig und staubig. Dort hinzufallen führte zu Blessuren, Schürfungen und blutenden Wunden. Wie oft das am Tag passierte, kann ich gar nicht zählen. Kaum ein Tag, wo ich nicht mit einer Abschürfung  in die Wohnung kam. Ich lernte, mich ans Dunkle zu gewöhnen, darin zu sehen und davor keine Angst zu haben, weil wir spielten solange bis uns die Erziehungsberechtigten in die Wohnungen riefen.  Manchmal war es dann schon finstere Nacht.

Die Erwachsenen ließen uns meistens in Ruhe. Nur der Harald, etwas jünger, aber groß gewachsen, aus einem Haus, am westlichen Ende der Arena,  der wurde öfter barsch nach Hause zitiert. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir jemals im Haus der „Resch“ waren. Hm, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war der ziemlich arm. Er wirkte immer geknickt, eingeschüchtert und ängstlich. Er war ein unbeholfenes Kind, konnte schlecht Fußballspielen und war auch sonst langsam und tollpatschig in allem, was wir taten. Und er durfte oft nicht raus in die Arena, obwohl wir sahen, dass er zu Hause war und hinter den Fenstervorhängen herauslugte. Er hatte aber auch etwas hinterhältiges, unterschwellig Aggressives. Meistens konnte er es kontrollieren, manchmal schoss es jedoch eruptiv aus ihm heraus. Dann stellte er einem Gegenspieler beim Vorbeilaufen einfach ein Bein oder schlug unvermutet wirklich zu, wenn er beim Cowboy und Indianer Spielen nur Schläge andeuten sollte.IMG_20180103_190906

Zu den Erwachsenen; manchmal schrie einer aus dem Haus, dass wir nicht so laut sein oder den Ball nicht dauernd gegen die Wand knallen oder die Autos in Ruhe lassen sollten. Nur einmal erinnere ich mich, dass mein Opa wutentbrannt, mit hochrotem Kopf in die Arena stürmte und einen Jungen – der nicht direkt aus den Arena Häusern stammte, sondern aus dem Nachbarsgarten und etwas älter als wir waren – rüde von mir wegriss und laut schreiend nach Hause schickte. Ich weiß nicht, ob mich meine Erinnerung täuscht, aber es konnte sogar sein, dass er dem Jungen eine runter gehaut hatte. Wir waren ineinander verkeilt und rauften; wie halt Buben das oft taten. Vielleicht war ich im Schwitzkasten und brüllte oder was weiß ich, was los war. Mir war der cholerische Anfall und die rüde Intervention Opas etwas peinlich.

Aber so waren die Männer in meiner Familie insgesamt, lange Zeit ziemlich herzensgute und umgängliche Genossen, ein wenig proletarisch, ein wenig derb und ungehobelt, aber die meiste Zeit friedlich. Aber wenn sie in Rage gerieten, dann ging die Post ab, dann konnte man sie mit einem Stier vergleichen. Dann war kein Halten mehr. Besonders Onkel Rudi – eigentlich war er der kleine Bruder von Opa, also mein Großonkel, war ein Heißsporn, speziell auf dem Fußballplatz. Der war nicht einmal in Raufhändel verwickelt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Ein Koloss von Zugmaschine.

Die Fa. Prochaska hatte bei ihren Lagerhallen eine Rampe in Kinderschulterhöhe, um die Materialien leichter ein- und ausladen zu können. Davor, parallel dazu, waren im Boden Gleise eingelassen. Etwa einmal im Monat kam ein riesiger LKW, der einen langen, flachen Schlepper zog, auf dem ein gedeckter Waggon verankert war. Die Anlieferung des Waggons erzeugte Aufruhr. Der Spezial-LKW, der den Güterwaggon brachte, war selbst ein Koloss von Zugmaschine. Man hörte sein schweres, tiefes Dieselaggregat schon von weitem die Liebenauer Hauptstraße entlang kommen. Ein Zugbegleiter hüpfte vom LKW runter, winkte mit einer roten Fahne, um den entgegen kommenden Verkehr anzuhalten, damit der LKW ausscheren und einbiegen konnte.

Dann fuhr der LKW mit dem Waggon auf das Prochaska Gelände und brachte den Waggon am Beginn der Schienen an der Rampe zum Stehen. Das Kunststück war, den Waggon in die verlegten Schienen im Boden hinein gleiten zu lassen. Der Güterwaggon wurde losgezurrt und langsam runter gelassen. Der LKW hatte ein großes Zugseil an der Rückseite der Kabine, mit dem konnten sie ihn langsam über die Rampe hinunter in die eingelassenen Geleise lassen. Mittels Zugseil und Bremsklötzen rückten die Arbeiter ihn dann an die richtige Stelle.

Der Waggon stand zwei-drei Tage zum be- und entladen. Neben Maschinen wurden auch große Säcke geliefert. Vermutlich Getreide, aber es waren auch Baumaterialien dabei. Zementsäcke, Ziegel, Holz. Schließlich wurde er wieder abgeholt, das Prozedere verlief umgekehrt. Der LKW mit dem Waggon Huckepack drauf, scherte in die für ein paar Minuten gesperrte Liebenauer Hauptstraße ein und verschwand Richtung Bahnhof.

. Die erste Wohnung bestand genau genommen aus zwei Zimmern, war rechteckig angelegt, ohne WC und ohne Badezimmer. Nur ein Spiegel und ein kleines Waschbecken in der „Küche“, für die kleine Wäsche, das Zähneputzen und das Rasieren von Opa. Es war ein unbequemer, nicht selten bitterkalter Gang mit dem großen WC Schlüssel über den Hof (20 Meter?) Man musste eine alte verwitterte Holztüre öffnen, dahinter zwei Stufen hochsteigen, den Schlüssel in ein altes Schloss stecken. In einem hohen, schmalen, kahlen und kalten Raum stand die Toilette. Die eisige Klobrille, die auf den Oberschenkeln anzufrieren schien, bleibt mir immer in Erinnerung. Das Geschäft so schnell wie möglich erledigen, die Kette ziehen und nichts wie raus und zurück ins Warme.

Auf die Liebenauer Hauptstraße mit zwei Fenstern ausgestattet, Richtung Osten war der eine Raum. Richtung Westen, mit einem Fenster und einem Erker, zu dem ein paar Stufen hinaufführten, der andere. Der Erker war Opas kleine Werkstatt. Links von der Tür stand ein Kastl, mit zwei Schubladen und darunter Stauraum fürs Werkzeug. Sägen, Schraubenzieher, Rohrklemmen, Franzosen, Zangen aller Art und es gab einen Schraubstock, auf dem Opa arbeitete und reparierte. Eine Holzbank, die auch gleichzeitig die Kohlen beherbergte, stand unter dem Fenster, auf der man sitzen und ich als ich noch klein war, stehen konnte, um aus dem Fenster und auf den Hof und die Arena zu schauen, um jederzeit zu wissen, was läuft.

Das vordere Zimmer, jenes Richtung Westen, war von den Großeltern unterteilt worden, in einen Wohnzimmerbereich im östlichen Teil und einer Küche im westlichen Teil. Für mich schien das normal, dass das gefühlte zwei Zimmer waren. In Wahrheit war der Raum nur durch einen Vorhang getrennt, der in etwa 2 Meter Höhe endete. Die Halterung übrigens, hat mein Opa selbst gebastelt, aus Wasserinstallationsrohren, die er an den Wänden und im Boden verankert hatte.

Es funktionierte. In meinen Kopf und wohl auch in denen der ganzen Familie waren das immer zwei Zimmer. Die waren auch dementsprechend unterschiedlich eingerichtet. Hinten stand der Fernseher, eine Couch, ein kleiner Tisch und zwei bequeme Wohnzimmersessel. Im Eck verbreitete ein Kohleofen nicht nur Gestank, sondern auch Wärme.

Der vordere Teil war die Küche mit einem Ofen/Herd, einem Küchenschrank, einem ausziehbaren Tisch, zwei Sesseln, einer Holzbank und einem Waschbecken, sowie einer Abwasch. Da wurden die Familienessen abgehalten, saß die Familie zu Weihnachten zusammen, bis drinnen im Schlafzimmer die Glocke läutete und das Christkind kam.

P1030099Farb TV für Arme.

Opa hatte schon früh auf einen „Fernseher gespitzt“ und sobald er das Geld zusammen hatte, stand ein solcher im „Wohnzimmer“. Doch bald kam die Farbe in die Bildschirme. Aber die Geräte waren noch ein bisserl zu teuer für den Opa. Also beschloss er, sich eine färbige Glasplatte zu kaufen, die vor dem Bildschirm verankert wurde. Die gab´s damals zu kaufen, als TV Zubehör. Die Glasplatte barg Farben in sich; von Blau (oben)  über rot-orange-braun Töne in der Mitte bis grün unten. Das war Farb-TV für Arme. Es sollte Farb-TV imitieren, sah aber eher komisch aus, denn nur in den seltensten Fällen passte die Farbabstufung auf der Glasplatte mit dem tatsächlichen Geschehen am Bildschirm zusammen.  Wenn einer Person etwa am unteren Bildrand im Bett lag, so war das Gesicht grün.

Das Haus hatte einen recht tief gelegenen Keller. Der Abgang – mit einer Doppeltüre ausgestattet – war neben dem breiten Torbogen und es ging steil hinunter, geschätzte 30 Stufen.  Es war ein nicht verputzter Ziegelabgang mit Bögen. Unten angekommen kamen rechts die jeweiligen Abteile der Hausparteien, die dort meist ihre Kohlen und das Holz gelagert hatten. Solange sie in dem Haus wohnte, hatte Oma immer nur Holz-Kohleöfen. Das Material dafür schleppte sie bis zum Schluss vom Keller herauf. Oft halfen ihr die Söhne, einen Vorrat rauf zu transportieren, sodass sie nicht mehr so oft gehen musste, bis wieder einer sie besuchen kam. Wobei Onkel Andi wesentlich konstanter war, der hatte einen fixen Nachmittag, an dem er sie besuchte.

Am Ende des Ganges war die Waschküche. Eine dunkle und kalte Angelegenheit – auch aufgrund des groben Beton- und Terrazzobodens und der dunklen Fliesen. Das besondere war ein großer Waschtrog, im Raum einbetoniert, der für die Wäsche diente, aber auch für das Kinderbaden geeignet war. Als ich klein war, wurde ich in einem Blechschaffel gebadet, das im Sommer auch draußen im Hof stand, in dem ich planschen konnte. Die Wäsche in dem Trog zu waschen, war ein schwerer Job. Für uns Kinder war das zwar aufregend und interessant, aber Oma schöpfte den ganzen Tag und war am Abend erledigt, es tat ihr alles weh. Dann kam auch mein „Indianer Gewehr“ zu seinem eigentlichen Einsatz und verwandelte sich in einem großen Waschlöffel, mit dem heiße Wäsche im Trog umgerührt wurde.

Dass ich bei den Großeltern meine ersten sechs Jahre verbrachte, erschien mir so normal, dass ich keinerlei Gedanken verschwendete, dass es anders sein könnte. Dienstagnachmittag verpackte mich der Opa und brachte mich zur Mama. Er holte sie vom Frisiersalon in der Innenstadt ab und brachte uns beide ins Stiftingtal. Mama hatte nämlich am Mittwoch ihren freien Tag; nicht wie man annehmen möchte den Montag, an denen der Legende nach alle Frisiersalons geschlossen hielten. Bei meinen Eltern blieb ich bis Mittwochabend, dann holte mich Opa wieder. Dasselbe spielte sich Samstagmittag ab. P1030493

An ein Ereignis kann ich mich erinnern, wenn es nicht überhaupt eine meiner frühesten Erinnerungen ist. Mama sollte mit Opa im Auto kommen und ich wartete, hatte meinen Posten im Erker auf der Bank bezogen. Ich war schon ungeduldig. Da bog ein Auto ein, hatte eine ähnliche Farbe wie Opas Auto und ich war überzeugt, dass sie das wären sie. Das Auto blieb im Hof stehen. Eine Frau stieg aus; ich los, runter von der Bank, die Tür aufgerissen, die paar Stiegen hinunter und auf die Frau los und ihr in die Arme. Und da erst bemerkte ich, dass es weder Opa mit seinem Auto noch Mutter war, die ich inniglich umarmt hatte. Die Scham brachte mich zum Weinen, sie sagte irgendetwas Nettes zu mir, aber da war schon alles passiert. Ich lief zurück in die Wohnung und versteckte mich im Bett.

Du, der Karli hat jetzt seine Karin geheiratet.

Ich hatte zwei Freunde im Haus, die etwa 2 Jahre älter waren, als ich. Den Peter und den Karli. Im Nachhinein betrachtet, waren die beiden eigentlich sehr nett, denn  sie waren sozusagen moralisch verpflichtet worden, mit mir zu spielen – der guten Nachbarschaft der Erwachsenen willen – und auf mich aufzupassen, obwohl 2 Jahre in dem Alter wirklich viel sind. Aber sie bemühten sich sehr und wir wurden auch wirklich Freunde.

Das war auch der Impuls für mich, ihnen möglichst bald und schnell ebenbürtig zu sein und ihnen nicht zur Last zu fallen. Ich konnte bald Roller fahren, Radfahren, spielte Fußball mit und war einer von den aufgeweckten, den Wilden; wohl um zu kompensieren, dass ich schmal und klein und 2 Jahre jünger war. Als ich dann aus der Schule draußen war und die Besuche bei der Oma immer seltener und sporadischer wurden, verlief sich die Freundschaft mit den Beiden auch. Klar, sie heirateten, gründeten eigene Familien, zogen weg. Oma war immer die Überbringerin der neuesten Nachrichten – „…Ja mei, du der Karli hat jetzt seine Karin geheiratet…“ – und der lieben Grüße, die man sich gegenseitig schickte.

Am Vorabend des 26. Oktobers musste Onkel Andi kommen, der Bruder meines Vaters, um mit Oma auf den Dachboden zu gehen und die große Rot-Weiß-Rote Fahne auszupacken und sie an einer langen runden Holzstange zu befestigen und durch einen Ausguck an der Vorderseite des Hauses rauszuhängen. Damit das Haus ordentlich beflaggt war, für den Nationalfeiertag. Das war immer der Tag, an dem ich auf den Dachboden kam und mit Staunen den Staub, den Duft, die schmalen Lichtstreifen durch die Ziegel und die Sachen, die da oben rum lagen, zu bestaunen.

Opa war einer von der Sorte „richtig zum lieb haben und knuddeln Opa“. Er spielte mit mir, war lustig, immer zu einem Streich aufgelegt, ließ mit sich ganz viel anstellen und brachte oft etwas mit, wenn er heimkam; entweder ein Stück von der Arbeit oder was zum Naschen oder spielen. Opa schenkte mir meinen ersten Teddy, da war ich 1 Jahr alt, er fast gleich groß, wie ich. Als ich ins Spital wegen eines Leistenbruches musste, bekam ich eine Ritterburg, als ich das überstanden hatte und brav war. Der Teddy sitzt heute noch bei mir im Schlafzimmer. Dass Ritter, Cowboys, Autorennfahrer und Indianer wild durcheinander um die Vorherrschaft auf der Burg kämpften und dass dies historisch und geografisch nicht ganz zusammen passte, wurde mir erst später klar. Hinderte mich aber nicht daran, einfach so weiter zu machen und es schön zu finden.

Opa war Installateur bei der Fa. Brandl und die verschiedenen Rohre, mit denen er zu tun hatte, faszinierten mich, vor allem die Verbindungsstücke, mit denen die Rohre zusammengesteckt wurden, das Fett, mit denen er die Gewinde einschmierte und der Hanf, der um das Gewinde gewickelt wurde. Es war daher nicht verwunderlich, dass ich bald mehr mit dem Schraubstock, der im Erker stand, spielte und „arbeitete“ als er. Ich spannte Rohre ein, sägte und schliff, fettete ein und steckte zusammen. Mein liebstes Spiel war, dass die Oma bei der Fa. Brandl anrufenmusste, weil in der Wohnung was kaputt war. Es musste dringend ein Installateur kommen. Ich kam und reparierte den Schaden. Dass ich in die Fußstapfen von Opa treten und Installateur werden würde, war damals für die Familie völlig klar. Doch mit Schulbeginn ließ das Interesse nach. Es kam dann ganz anders.

Und so waren meine ersten Jahre sehr okay. Dass ich die meiste Zeit bei Oma und Opa lebte, war für mich ganz normal, dass wir nicht reich waren und die Eltern und Großeltern beide hart arbeiteten, hinterfragte ich nicht. Die ganze Gegend rund um mich herum, war nicht reich.

Oma sprach ein wenig anders.

… und das fiel mir als kleiner Bub natürlich überhaupt nicht auf. Erst später, als ich in die Schule ging. Sie schrieb in Kurrent, die alte Schreibschrift im deutschen Sprachraum. Das war ja damals in den 1960er bei den älteren Menschen durchaus nicht unüblich. Als Kind und Halbwüchsiger konnte ich Kurrent lesen, nicht rasend schnell aber doch, so dass ich Briefe, die sie an ihre Schwester in Freiburg schrieb oder Postkarten, die sie von dort bekam, entziffern konnte. Oma konnte auch die lateinische Schrift, aber man merkte ihr an, dass sie die erst später, als Erwachsene erlernt hatte. So flüssig ging ihr das nicht von der Hand. Aber Oma hatte auch spezielle Begriffe und Satzkonstellationen, die ich nur bei ihr hörte. Es war eindeutig Deutsch, aber in Graz eben unüblich. Zum Beispiel sagte sie, wenn sich ein Unwetter zusammenbraute, „wird a Wetter kemman“.

Später als ich größer wurde, löste sich das Rätsel auf. Ich erfuhr, dass Oma aus Ostpreußen-Vorpommern, aus dem Gebiet um Stettin, kam. Damals in den 1930er Jahren gehörte das zum deutschen Staatsgebiet, heute liegt das in Polen. Wie es sie hier nach Graz verschlagen hatte, war gar nicht so leicht rauszukriegen und es war keine lustige Geschichte. Alles begann Ende 1940 – Anfang 1941, mitten im Krieg. Opa war freigestellt, wegen wirtschaftlicher Interessen der Firma. Er war auf Montage nach Norden geschickt worden und da er kein Kind von Traurigkeit war, wie ich später nach und nach heraus fand, hat er meine spätere Oma, die ein junges, hübsches Mädel war, im Zug einfach angequatscht oder angebraten, wie wir heute sagen würden.

Offensichtlich hat er ihr auch gefallen. Auf jeden Fall haben sie sich wieder getroffen. Naja und wie es so ist, haben sie ein „Pantscherl“ angefangen und prompt hat es – salopp gesagt – eingeschlagen. Mein Vater reifte in Omas Bauch. Oma arbeitete auf einem großen Gut in der Nähe von Stettin in einem Nest namens Barminslow, als Arbeiterin, Haushaltshilfe oder Magd – so etwas in der Art. Ostpreußen und Vorpommern wurde später von den Russen eingenommen und die deutsche Bevölkerung musste nach Ende des Krieges verschwinden.  Im Zuge des Zusammenbruches des deutschen Reiches zerriss es auch die Familie. Ihre Schwester und deren Mann flüchteten nach Schleßwig-Holstein. Ein Bruder von ihr war nach Wittenberge gezogen. Dass war ja dann bald DDR. Zwei sind – meiner Erinnerung nach – im Krieg gefallen. Eine Schwester landete in Freiburg im Breisgau. Mit der hatte sie zeitweise Kontakt, die habe ich sogar kennengelernt.P1040710

Als die Montage-Zeit zu Ende ging, brachte er das schwangere Mädel mit nach Graz. Die war aber todunglücklich, kannte keine Menschenseele hier und war häufig allein. Den Zwischentönen zu entnehmen, war mein Opa auch nicht unbedingt ein Familienmensch und war häufig lieber unterwegs, als zu Hause bei einer Schwangeren zu sitzen. Mein Vater wurde in Graz geboren. Aber deswegen wurde es nicht besser. Oma litt an Heimweg, packte schließlich ihre Sachen und das Kind und fuhr zurück nach Barminslow, zu ihrer Mutter. Dass kam meinem Opa nicht ganz ungelegen. Das mit Familie und Kind war nicht seins. Da machte ihm aber seine Mutter – meine Urgroßoma – einen Strich durch die Rechnung und las ihm die Leviten. Es gab Rabatz. Sie machte ihm die Hölle heiß und drängte ihn, zu seinem Kind zu stehen und die beiden nach Graz zu holen.

Er fuhr ihr wohl oder übel nach und holte sie wieder nach Graz. So, jetzt saß die Oma, mit dem kleinen Joachim in Graz in dem 44er Haus und war noch immer einsam und todunglücklich. Die Uroma war zwar bemüht, aber die wohnte nicht dort und musste selbst arbeiten und schließlich war Krieg und 1942 wurde es immer prekärer.

Zusammen im Luftschutzbunker.

Die einzigen, mit denen sie Kontakt hatte, waren die Nachbarn. 1943 kam ein zweites Kind, der Onkel Andi. Danach musste Opa einrücken. Er wurde nach Jugoslawien beordert. Nachdem der Krieg in eine neue Phase eingetreten war und paranoide Durchhalteparolen den anfängliche Siegesrausch ablösten, wurde das alltägliche Leben immer anstrengender. Der erste Bombenangriff auf Graz fand bereits 1941 statt. Richtig los ging es aber ab 1944. Graz war eines der meist bombardierten Ziele Österreichs. Also fand sich Oma mit ihren zwei kleinen Buben, häufig mit den anderen Frauen zusammen im Luftschutzbunker. Sie standen gemeinsam Ängste aus und halfen sich gegenseitig. Das war zwar furchtbar, aber es schweißte die Frauengemeinschaft zusammen. Das Haus wurde glücklicherweise nie direkt getroffen. Nach dem Krieg zerrte Oma von dieser Gemeinschaft und bekam später, nachdem sie zuvor in der Brauerei Puntigam als Arbeiterin tätig war, den Hausmeisterposten im 44er Haus.

Opa kam mit dem Rückzug und dem Zusammenbruch der Südfront der Heimat immer näher. Die offizielle Version lautete, dass er in Celje in Slowenien von der Truppe desertiert sei, mit einigen Kameraden gemeinsam und sie sich zu Fuß nach Graz durchschlugen. Opa war die letzten Tage vor der Kapitulation bereits in Graz und wurde als U-Boot versteckt. Man erwartete sehnsüchtig das Ende des Krieges.

Eines Tages Anfang Mai 1945 verdichteten sich die Gerüchte, dass die Front bereits ganz nah war. Es war ein Wettrennen zwischen den Russen, aus dem Osten, den Tito-Partisanen aus dem Süden und den Engländern aus dem Westen. Plötzlich – eines Tages – standen russische Kampftruppen im Hof. Oma sagt immer, dass sie so gehofft hatten, dass die Engländer als erstes kommen würden. Aber es war die Russen. Grimmig dreinschauende und ihre Waffen im Anschlag haltende, verdreckte und erschöpfte ehemals junge Gesichter, schauten sie misstrauisch an. Das war kämpfende Truppe, die schon alles hinter sich hatten und zu allem bereit waren.

Die ersten Stunden waren sehr angespannt, die Frauen kamen aus den Luftschutzbunkern mit den Kindern und rotteten sich zusammen. Die Russen durchkämmten jedes Haus, jede Wohnung und die Keller. Opa fanden sie nicht. Man hatte von den Russen schreckliches gehört, was die alles tun würden, wenn sie als erstes kommen und schlimme Rache nehmen würden. Aber zumindest in dem Hof des 44er Hauses geschah nichts, abgesehen von ein paar Unfreundlichkeiten und Handgreiflichkeiten. Nach ein paar Tagen kamen Nachschubtruppen, das war keine kämpfenden mehr, das war für die Verwaltungsaufgaben ausgebildetes Personal. Es begann sich zu normalisieren, Opa tauchte irgendwann auf, wurde kontrolliert und überprüft und durfte sich dann frei bewegen. Nach ein paar Wochen rückten die Engländer in Graz ein und übernahmen die Verwaltung. Der Wahnsinn hatte ein Ende. Was blieb, war die materielle und soziale Not, von der ethischen und moralischen mal abgesehen.

Meine Eltern waren sehr jung, als ich unterwegs war.

Das war Anfang der 1960er. Ich war der Grund, warum sie heirateten. Ein Foto von der Trauung in der Kirche zeigte meine Mutter Ende Jänner und man sah kaum einen Bauch. Ich kam Anfang Mai bereits auf die Welt. Der Liaison gingen einige Dramen voraus. Als die Eltern meiner Mutter von der Beziehung erfuhren, wurde sie von meinem anderen Opa windelweich geprügelt. Als er erfuhr, dass sie schwanger war, warf er sie aus der Wohnung. Sie stand buchstäblich auf der Straße. Sie zogen in die Liebenauer Hauptstraße. Mama erzählte, wie sie aus der Innenstadt – die anderen Großeltern wohnten in der Kaiserfeldgasse – mit dem Leiterwagen nach Liebenau schlichen. Da in der Wohnung zu wenig Platz war, schließlich wohnte auch Andi – der  jüngere Bruder – noch zu Hause, bezogen sie notbehelfsmäßig eine Souterrainkammer, die eigentlich ein Heizungsraum war, in dem die Heizungsrohre verliefen.

Papa war gerade erst von seinem Militärdienst abgerüstet und bekam glücklicherweise bald danach eine Anstellung beim Konsum. Mama war Friseurin und begann bald nach meiner Geburt beim Frisiersalon Dietmar zu arbeiten. Das war auch dringend notwendig, denn die junge Familie konnte nicht länger dort bleiben. Es musste eine Wohnung her. Das Glück fügte sich, mein Vater wurde als Konsummitarbeiter in die Stiftingtalstraße geschickt. Dort gab es eine kleine Filiale. Glücklicherweise gab es im gleichen Haus darüber auch eine Wohnung. Und so kamen meine Eltern ins Stiftingtal. Und ich blieb in Liebenau, bis ich in die Schule kam.

Als Opa relativ früh starb, Ende der 1970er – er wurde nur knapp 60 Jahre – war Oma wieder alleine. Sie machte die Hausmeisterei weiter, zog irgendwann einmal in die Nebenwohnung, im Parterre des Hauses, die nur unwesentlich anders war. Zwei relativ große Zimmer, eine Küche, ein Wohn-Schlafzimmer. Der Vorteil war nur, dass ein Klo und Bad in der Wohnung waren. Sie hausmeisterte solange, bis sie das auch nicht mehr schaffte. Die Besitzer des Hauses wechselten auch. Es gehörte nunmehr der Fa. Prochaska. Und die waren so nett und boten der Oma eine neue, kleinere Wohnung in einem der neuen Häuser am südlich-westlichen Rand der Arena an.

Als sie aus dem 44er Haus auszog, war ihr ums Herz schwer, sie hatte ihren großen Teil des Lebens darin verbracht, ihre Söhne und Enkeln aufgezogen, gute wie schlechte Zeiten erlebt und doch war es – schweren Herzens und erst nach einiger Zeit – ihre Heimat geworden. In der neuen Wohnung bliebt sie, bis sie am Ende ihres Lebens glaubte, in einem Altersheim glücklicher zu werden und nicht so alleine zu sein, was sich als fataler Fehler erwies. Als sie diesen einsah, war es zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Nach etwas mehr als einem Jahr starb sie. Sie war im 86. Jahr.

Die Fa. Prochaska zog sich vom Standort zurück, verkaufte nach und nach die Gebäude und Liegenschaften an eine Automobilverkaufsfirma. Anfangs war die ehemals alte Konsumfiliale noch der Schauraum für die neusten Automodelle. Dann wurde der Schauraum auf der ganzen Front des Hauses ausgebaut und schließlich wurde das 44er Haus einfach dem Erdboden gleich gemacht. Das musste Oma aber glücklicherweise nicht mehr erleben. Heute erinnert nichts mehr daran. Weder das Haus, noch der Park noch das Prochaska Haus, noch die Arena gibt es noch. Das alles sind Autoverkaufsplätze und Schauräume. Ich wüsste heute nicht mal mehr, wo die Wohnung von Oma gewesen hätte sein können.

„Zur Almruh´“ – Das Stückfragment

Zum Stück:

„Zur Almruh´“ ist ein performatives Theaterfragment, das auf der Basis der gleichnamigen Vorlage, geschrieben von Wolfgang Gulis, von der Theatergruppe Dagmar unter der Regie von Jürgen Gerger Anfang Februar 2019 im Jugendzentrum Echo zur Aufführung gelangte.

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Frau Verderber und Herr Reiter @johnnywhatphotography

Zum Inhalt:

Das Stück spielt in einem imaginären Ort in Österreich, in einer entlegenen Pension, in der Asylwerber untergebracht sind. Ein Flüchtlingshelfer Herr Reiter kommt seinen Klienten besuchen. Burkay Seraffettin lebt dort als Flüchtling. Er kommt aus den kurdischen Gebieten der Türkei. Er ist bereits vor einigen Jahren nach Österreich gekommen.

Der Flüchtlingshelfer, der als Psychotherapeut bei einer NGO engagiert ist, bemüht sich, Herrn Burkay im Asylverfahren zu unterstützen und gleichzeitig ihn zu unterstützen, die grausamen Verfo

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Frau Verderbers Tanz mit Burkay, Herr Verderber weiß nicht wie ihm geschieht. @johnnywhatphotography

lgungen und Folterungen, die er erlebt hat, zu bewältigen. Herr Burkay hält das Warten auf den Bescheid kaum mehr aus.

Just an dem Tag gibt es auch eine Kontrolle durch die verantwortliche Abteilung des Landes. Frau König, eine resolute Beamtin, die unter den Flüchtlingen gefürchtet ist und auch mit Hilfsorganisationen und Helfern oft im Streit liegt, kommt den Gasthof besuchen. Herr Reiter und Frau König kennen sich aus vielen Zusammenhängen und treffen immer wieder aufeinander – durchaus nicht konfliktfrei.

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Burkay erzält seine Geschichte. @johnnywhatphotography

Weiters spielen noch die „Wirtsleute“ eine wichtige Rolle; Herr Verderber, der Besitzer des Gasthofes und seine Frau, die ursprünglich aus NRW/Deutschland stammt; beide sind für die Versorgung der Asylwerber*innen verantwortlich. Allerdings leitet Frau Verderber den Betrieb. Herr Verderber ist für die bäuerlichen Aktivitäten und Reparaturen zuständig. Mehr geht bei ihm auch nicht, da er alkoholkrank ist. Der Gasthof liegt sehr entlegen, in über 1.000 Meter Seehöhe und war früher Ausflugsziel für Sommerfrischler und Wanderer. Dieses Geschäft läuft aber schon lange nicht mehr. Die Existenz der Beiden hängt von der Beherbergung der Asylwerber*innen ab. Ausgerechnet an diesem Tag schneit es heftig und bald wird den Beteiligten klar, dass die beiden Gäste nicht mehr zurück in die (Landes) Hauptstadt fahren können. Die Straßen sind blockiert. Die „Gäste“ müssen im Gasthof bleiben.

 

Schauspieler*in:

Jürgen Gerger – Herr Reiter, Herr Verderber

Eva Hofer – Frau Verderber, Frau König

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Frau König streitet mit Herrn Reiter. @johnnywhatphotopgraphy

Omid Salek – Burkay Seraffettin

 

Regie: Jürgen Gerger

Text: Wolfgang Gulis

Musik: Wolfgang Gulis

Dank an das Team des Jugendzentrums ECHO und JUKUS, sowie dem Theater im Bahnhof und Anton Hüttmayr für Sounds und Geräusche.

Textauszug:

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Frau König denkt nach und kritzelt herum. @johnnywhatphotography

Herr Reiter: „Grüß Gott!“

Frau Verderber:„Tür zu!“,

Verderber: „Der Herr Reiter! Was wollen Sie schon wieder hier?“

Reiter setzt sich an die Bar. Sie widmet sich den Gläsern.

Reiter: „Bei so einer netten Begrüßung, Frau Verderber, möchte man gleich zum Essen bleiben.“

Verderber: „Was soll das heißen?“

Jürgen: Reiter: „Nichts, nichts, wieso…“

Verderber: „Naja, weil, woher wissen Sie, dass …“

Reiter: „… war nur Spaß“, …

Verderber: „Sie waren ja erst letzte Woche da?“

Reiter:„… Na, na Sie sind ja ein richtiger Wachhund.“

Verderber: „… Naja, man muss schon…“

Reiter: „… im Gefängnis ist er ja nicht, oder?“

Verderber: „Nein, … aber es kann auch nicht jeder einfach so …

Reiter: „Ein jeder …“

Verderber: „…kommen.“

Reiter: …kommt ja auch nicht, sondern ich.“

Frau Verderber: „Paah. Eben alles muss man sein: Aufpasserin, Köchin, Putzfrau, Sozialbetreuerin… da soll man noch den Kopf behalten. Und dann  gibt’s dauernd Kontrollen, mir wird das langsam schon zu viel, das sag ich Ihnen. Und dann kommen sie auch noch…“

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Frau König hört Burkays Text zu und versteht nix. @johnnywhatphotography

Visionen eines Gastwirts. Es tritt auf Herr Verderber:

Es war einmal ein Jäger, der ging zu Wald in eine öde Wildnis, dort zu jagen. Da kam er einem Tiere auf die Fährte, als er dieses aber endlich entdeckte, wünschte er es nimmermehr gesehen zu haben, denn es war ein mächtiges Einhorn, welches sich gegen ihn stellte. Eilig wandte er sich zur Flucht, und stets verfolgte ihn das Einhorn, bis er auf eine steile Felswand kam, deren schroffen Abhang tief unten die Wellen eines dunklen Sees bespülten.

In dem See schwamm ein ungeheurer Drache, der den Rachen gähnend aufriss, und plötzlich glitt der Jäger aus, und wäre gerade hinab in den See und in des Drachen Schlund gestürzt, wenn er nicht an einem – einer Felsritze entsprossten – Strauch sich festgehalten hätte. Da war nun des Jägers Lage eine todängstliche. Droben stand, wie ein Wächter das schreckliche Einhorn, drunten lauerte auf seinen Hinabsturz der greuliche Seedrache. In dieser Not ward seine Angst und Qual aber noch vermehrt, denn mit einem Male erblickte er zwei Mäuse, eine weiße Maus und eine schwarze Maus; die begannen an den Wurzeln der Staude zu nagen, und der Jäger vermochte nicht, sie hinweg zu scheuchen, weil er sich mit beiden Händen anhalten musste.

So musste er jeden Augenblick gewärtig sein, dass die Wurzeln des Strauchs diesen nicht mehr halten würden. Über ihm stand ein Baum, von dem träufelte süßer Honig nieder, und gar zu gern hätte der Jäger diesen Baum erlangt, denn damit meinte er aller Qual erledigt zu sein, und über den Baum vergaß er aller ihm drohenden Gefahr. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen, aus seiner dreifachen Qual erlöst zu werden, oder ob die Mäuse des Strauches Wurzeln ganz abgenagt haben?

Radioapparat:
In unserem schönen Land gibt es heute überall – zum Teil heftige – Schneefälle. Die Temperaturen liegen bei – Minus 4 Grad bei etwa 800 Meter und -1 Grad in tiefen Lagen. Besonders heftig wird der Schneefall heute bis gegen Abend, vor allem im Norden, sowie dem Nordosten. Da können es bis in die Abendstunden bis zu 70-80 cm werden. Aus der Landeswarndienstzentrale wurde uns mitgeteilt, dass die Schneeräumgeräte bereits im Einsatz sind, dennoch kann es in entlegeneren Gebieten zu zwischenzeitlichen Straßensperren kommen.“

Reiter: „Na bravo. Dann sollte ich dazu schauen, dass ich bald weg komme, damit ich nicht…

….

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Burkay verteibt sich die Zeit, während andere über ihn reden. @johnnywhatphotography

Burkay, Tagebuchauszug:

 „Ich schreibe seit ich klein bin. Ich schreibe über meine Flucht. Ich schreibe seit ich klein bin über meine Flucht die mir nicht gelingt. Aus dieser Welt sage ich immer. Aus dieser Welt. Der aus einem Dorf kommt in dem die hohen Berge Üppigkeit nicht zulassen die wilde Winde schicken die Schneestürme bis ins Tal begleiten die keine Wiesen aufkommen lassen. Der der aus einem Dorf kommt das in der Kargheit nicht auszuhalten ist weil nur Stein und Geröll über den Häusern liegt und nichts wächst außer Schafe und Ziegen die sich von dem Nichts ernähren können. Die sterben wenn es Feste zu feiern gibt dann wird man wissen was man mit all den Teilen machen kann mit den Teilen aus dem das Ganze besteht. Dann wird man im Dorf Bescheid wissen aus welchen Teilen  das Schaf besteht und was davon sie ernähren kann – wie ein Puzzle zusammengesetzt. Und was ist denn schon der Mensch anderes  als ein Puzzle aus vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Nur anders. Ich schrei

be weil ich da in der Einöde nichts anderes kann.“

Nun Papa, ich halte inne. Denke darüber nach, was dich interessieren hätte können, wenn wir uns so nah gewesen wären, dass ich dir einen Brief hätte schreiben können. Und dann, was ich Dir erzählen hätte wollen, nachdem wir uns so nah waren, wie ich es mir nicht gewünscht hatte.

Als wir nebeneinander, verprügelt und gedemütigt, mit unseren Schmerzen und stinkend, in unserem eigenen Kot, Blut und Urin lagen und in der gleichen Lage waren. Da hatte ich Mitleid mit dir, mehr als mit mir selbst und ich schämte mich dafür, dass ich für meinen Vater Mitleid empfand. Da war ich nicht mal 19. Und dass mein Vater zur gleichen Zeit das gleiche erlitt, wie ich, dass wir auf Augenhöhe waren, das machte aus mir etwas. Weißt du Vater, man sieht es uns an. Auf meiner Reise begegnen mir viele, denen man es ansieht, dass sie auch dort gelegen sind und etwas in sich tragen, was mehr als nur der Schmerz ist, denn sie zu ertragen hatten. Aber Papa, dir sieht man nichts mehr an, gar nichts.

 

 

König: Auf jeden Fall lassen wir uns das von euch nicht mehr länger gefallen, dass ihr uns die ganze Zeit so hin stellst, als würden wir die Flüchtlinge schlecht behandeln und willkürlich agieren.

Reiter: „Aber gut behandelt tut ihr sie auch nicht, oder?“

König: „Na was denn. Sie sehen doch, wie wir uns bemühen. So gut, wie es halt geht. “

Reiter: „Ging aber schnell?“

König: „Was? … Wir haben … haben uns das schon viel zu lange gefallen…

Reiter: „Ich meine, die Inspektion…“

König: „Was? … Inspektion?“

Reiter: „Ich meine, die ging aber schnell die Inspektion!“

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Und dann war das Malheur passiert. @johnnywhatphotography

König: „Ah so, der Rundgang. Ja, warum, waren eh überall unterwegs? Haben uns eh alles angeschaut. Auch den Sanitärbereich, der ist tipp-topp.“

Reiter: „Weil er heute ordentlich geputzt worden ist!“

König: „Das ist sauber und basta. Sie haben ihn nicht gesehen. Also seien sie still. Und wenn alles gut ist, brauch ma da jetzt net lang….

Reiter: „Wollen sie sagen, dass hier alles in Ordnung wäre?“

 

Frau König: „Na was brütet ihr da aus? Können´s auch nicht schlafen?

reiter: „Na net so richtig.“

König: „Was läuft?“

Reiter: „Der Herr Burkay hat seinen Text vorgelesen.“

König: „Wos?“

Reiter: „Ja dem Burkay seinen Text.“

König: „Der schreibt?“

Reiter: „Er schreibt.“

König: „Wos und sie können türkisch?“

Reiter: „Nein eben nicht, er schreibt es auf Deutsch.“

König: „Des gibt’s jo net.“

Reiter: „Doch, das gibt’s. Ich hab´s nur verbessert.“

König: „Und wos schreibt er?“

Setzt sich dazu.

Reiter: „Na, er schreibt sein Leben auf.“

König: „Wie ist er darauf kommen?“

Reiter: „Na er schreibt immer schon gerne, hat er mir erzählt und ich hab´s ihm vorgeschlagen, aus therapeutischer Sicht…“

König: „Aha und das…“

Reiter: „Ja das kann er, und wie!“

König: „Kaum zu glauben.“

Reiter: „Ist aber so. Wollen Sie was hören?“

König: „Naja hab eh nichts besseres zu tun.“

Reiter: „ Wären sie einverstanden, wenn die Frau König es auch hört?“

Burkay nickt : „ … Der Schmerz an meinem Ohr reißt  mich aus meinen Tagträumen. Meine Mutter holt mich von meinem Lauschposten weg, denn ich habe einen Job zu erledigen und …

König: „Was für ein Lauschposten? Wenn ich fragen darf.“

Reiter: „Also er ist ein Bub und sitzt vor dem Zimmer, in dem der Opa mit den anderen Dorfältesten zusammen sitzt und beratschlagt.“

König: „Ah alles, klar, danke. Jetzt kenn ich mich aus.“

Burkay: … ah also… den Job zu erledigen, den … ja …habe ich noch nicht erledigt. Und deswegen habe ich Schmerzen am rechten Ohr. Ich muss die Ziegen holen und füttern. Na so was aber auch, dass es meine Mutter wagt, mich an den Ohren fortzuziehen. Noch ist mein älterer Bruder etwas zu jung, für das Dorfschützersystem, aber in zwei Jahren, ist es soweit. Und dann muss er Dorfschützer werden, wenn es Opa nicht gelingt, das Schicksal abzuwenden vom Dorf. Ich werde sicher kein Dorfschützer. Ich mag die Peschmergas viel lieber, die sind geheimnisvoll. Auch wenn ich im Moment, an den Ohren gezogen zu einer niedrigen Arbeit von Mutter getrieben, nicht so heroisch da stehe. Nicht so, wie man das von einem zukünftigen Peschmerga erwartet….

Frau König: „Was sind die Dorfschützer und was ist ein Peschmerga?“

Reiter (seufzt): „Also das Dorfschützersystem … wie erklär ich das.“ Überlegt. „Die türkische Regierung hat das eingeführt. Alle jungen Männer – so ab 15, glaub ich – werden militärisch trainiert, erhalten Waffen und werden in Einheiten zusammen gezogen, um das Dorf gegen die kurdischen Freischärler – die Peschmergas – zu verteidigen.

Burkay: „Man muss sich entscheiden. Entweder für Regierung oder für Peschmerga.“

Frau König: „Ah so, danke.“

Burkay: „…Wenn sie in der Nacht auftauchen und plötzlich da sind und flüstern und rauchen und bei Opa im Wohnzimmer sitzen, nur die Chefs natürlich, da darf nicht ein jeder rein. Und dann mit vollen Säcken wieder gehen, so leise und unauffällig, wie sie gekommen sind. Das ist schon aufregend.“

Frau König: „Einen Moment bitte, ich muss mir was zum Trinken holen.“

Reiter: „Na dann warten wir halt auf das auch noch.“

Omid: Burkay: „Hat das Sinn?“

Reiter: „Ja, ja,… vielleicht bekommt sie dann mehr Verständnis für ihre Lage.“

Burkay nickt.

König: „So da la, perfekt. Jetzt könn ma weiter machen.“

 

Zur Almruh´

FBBanner mit graz

Gruppe Dagmar:

Regie: Jürgen Gerger

Text und Musik: Wolfgang Gulis

Schauspieler*innen:

Jürgen Gerger

Eva Hofer

Omid Salek

Ein abgelegener Berggasthof, „Zur Almruh´“ irgendwo in der Welt, gar nicht sooo weit weg, aber doch ganz schön weit. Dort sind Asylwerber untergebracht – oder Asylanten – oder Flüchtlinge, was auch immer, ist ja wurscht. Die sind vom Ministerium da rauf geschickt worden und die Wirtsleut´ versorgen und beherbergen die. Das Land beaufsichtigt das alles, damit nichts sein kann.  „Ja mei, die brauchen halt auch das Geld und wo sollen wir denn die alle unterbringen?“  So …so Hilfsorganisationen sind da auch immer wieder da, die tun einzelne Insassen betreuen, psychologisch und rechtlich. Tun so, als wären die alle traumatisiert.
 Und just wo die alle zusammen kommen, schneit es gar arg und sie können nicht mehr weg. Wie es so ist, nimmt das seinen Lauf.
Alles in allem, eine ziemlich unglaubwürdige Geschichte, die so schon längst nicht mehr so stattfinden kann, wie sie beschrieben wird. Gell, glauben Sie auch nicht! Sonst wäre das ja eine richtige Farce und täte von Inkompetenz und fehlenden Konzept nur so strotzen! Wir schreiben das Jahr 1992, nein 2003 oder war es 1998 oder 2011, egal, sagen wir einfach es ist 2019!

 

Kartenresevierungen: juergengerger@gmail.com